Themen des RU Begriffserklärungen zum Thema Parapsychologie PARAPSYCHOLOGIE versteht sich als die Wissenschaft, die okkulte Phänomene (= übersinnliche Erscheinungen) zu erforschen und zu erklären versucht. Sie beschäftigt sich mit spontanen Erlebnissen (Ahnungen, Wahrträume, Visionen, Spuk), mit Telepathie (Gedankenlesen), Präkognition (Hellsehen) und Telekinese. Bisher ist es der Parapsychologie noch nicht gelungen, die Phänomene, mit denen sie sich befaßt, wissenschaftlich exakt zu beschreiben, zu erklären oder experimentell zu bestätigen. Sie ist daher als Wissenschaft äußerst umstritten. OKKULTISMUS: Unter Okkultismus versteht man die praktische Beschäftigung mit geheimen, verborgenen, nicht erklärbaren Kräften, die die gewohnten Gesetzmäßigkeiten zu durchbrechen scheinen und die als "übernatürlich" angesehen werden. Okkulte Praktiken sind Verfahren, durch die man mit dem
Übersinnlichen, dem Teufel, mit Verstorbenen
oder "Geistern" in Verbindung zu treten versucht. Man wendet solche okkulten Praktiken an, um verschwundene Personen und verborgene Dinge aufzufinden, die Zukunft zu entschleiern, Ratschläge von Wesen einer "höheren Welt" zu empfangen und um "kosmische" Kräfte zu beherrschen und für sich dienstbar zu machen, z.B. um Krankheiten zu heilen. Zu diesen Praktiken gehören z.B.: Gläserrücken; automatisches Schreiben mit dem Tisch; Pendeln über dem Alphabet oder über Gegenständen; Handlesen (Chirologie); Kartenlegen (Tarot); Kristallsehen. SPIRITISMUS: Der Spiritismus beruht auf der Annahme, daß der Mensch nach seinem physischen Tod in einer geistigen Welt weiterlebt und daß besonders begabte Menschen (sog. Medien) die Fähigkeit besitzen, mit den Geistern der Verstorbenen in Kontakt zu treten und auf diesem Wege Botschaften aus dem Jenseits zu empfangen. Es wird behauptet, daß sich die Geister durch Klopfgeräusche, durch automatisches Schreiben, durch Trancereden des Mediums oder neuerdings auch durch Tonbandeinspielungen äußern. SATANISMUS: Im Satanismus wird Satan als Gottheit verehrt. In seinen Riten mischen sich pervertierte religiöse Zeremonien, sexuelle und okkulte Praktiken, die im Namen Satans ausgeübt werden. Sie beziehen sich meist auf christlich-religiöse Bräuche, die aber verdreht, umgedeutet und in ihr Gegenteil verkehrt werden. Durch Hingabe an den Satan und durch Befolgen der satanischen Gebote will der Satanist Macht über seine Mitmenschen gewinnen, die er auf Befehl Satans schädigen und ins Unglück stürzen soll. PSI: Ein vom griechischen Buchstaben Psi (= Anfangsbuchstabe des Wortes Psyche, Seele) abgeleiteter Begriff. Man bezeichnet damit in der parapsychologischen Forschung die Gesamtheit aller Erscheinungen, die mit gewohnten Begriffen und Vorstellungen nicht zu erklären sind. PRÄKOGNITION, HELLSEHEN: bezeichnet die Fähigkeit, tatsächliche vergangene, gegenwärtige oder zukünftige Ereignisse, die dem Hellseher auf normalem Wege nicht bekannt geworden sein können, zu "sehen". Pendel, Tarotkarten, Glaskugeln sind bisweilen Hilfsmittel von Hellsehern. TELEPATHIE: (wörtlich: Fernfühlen). Menschen, die (möglicherweise) telepathisch veranlagt sind, können ohne Mithilfe der uns bekannten Sinne über weite Entfernungen hinweg gedanklichen Kontakt mit anderen Personen aufnehmen und deren Gefühle, Hoffnungen und Ängste spüren. TELEKINESE oder PSYCHOKINESE: Darunter versteht man die Fähigkeit, Gegenstände ohne Zuhilfenahme von mechanischen oder anderen Kräften allein durch geistige Einwirkung in Bewegung zu setzen. Daß es Menschen mit solchen Fähigkeiten gibt, ist manchmal behauptet, aber nie bewiesen worden. RU-Wissen und Meinung Aberglaube, Parapsychologie Satanismus (I) 1. Als Begründer des modernen Satanismus gilt der Engländer Aleister Crowley (1875-1947). Er gründete sog. "Satanslogen", Geheimbünde, in denen Satan in pervertierten religiösen Riten und Zeremonien, mit sexuellen und okkulten Praktiken als Gott verehrt wird. Crowley behauptete, im April 1904 in Kairo durch den Abgesandten einer altägyptischen Gottheit eine Offenbarung Satans empfangen zu haben. Danach sei ein neues Zeitalter angebrochen, in dem nicht mehr der christliche Gott herrsche, sondern der Mensch von Satan die Macht bekommen habe, selbst als Gott zu herrschen. Neben Crowley hat auch der Satanist S.Levy, der Gründer der "First Church of Satan" Gedanken des Satanismus verbreitet. In seiner "Satansbibel" hat er die Grundgedanken seines Satansglaubens formuliert. Unter anderem heißt es dort:
"Satan verkörpert Genuß und Befriedigung anstelle von Enthaltsamkeit. ... Satan verkörpert Rache anstelle von Liebe. ... Satan verkörpert alle Sünden, die zur Befriedigung führen. ... Gesegnet seien die Starken, denn sie sollen die Erde besitzen. Verflucht seien die Schwachen, denn sie sollen leiden." Der Haß auf alles Schwache reinigt das Denken und macht stark und frei." 2. Ritueller Mittelpunkt satanistischer Gruppen sind die Satansmessen oder Schwarze Messen, die zu Ehren Satans gefeiert werden. Beim Licht schwarzer Kerzen und auf einem "Altar", auf dem ein umgedrehtes Kreuz steht, werden geweihte Hostien geschändet und Tiere (meist Katzen) gequält und geschlachtet und ihr Blut getrunken. Schwarze Messen werden im "echten" Satanismus geheim gefeiert, niemand außer den Eingeweihten hat Zutritt. 3. In den letzten Jahren hat sich neben diesem "Geheim"-Satanismus eine neue Form des Teufelsglaubens entwickelt, der vor allem unter Jugendlichen Verbreitung gefunden hat. Bundesweit häufen sich Nachrichten über einen Satanismus-Boom der härtesten Sorte, über Grab- und Leichenschändungen und Friedhofsverwüstungen. Der Verein der Katzenzüchter hat vor einiger Zeit Besitzer schwarzer Katzen im Ruhrgebiet davor gewarnt, die Tiere frei herumlaufen zu lassen, da sie von Satansanbetern eingefangen und bei Schwarzen Messen grausam gequält und Satan "geopfert" würden. 4. Die Zeitschrift "Der Spiegel" hatte in seiner Ausgabe vom 1.8.1989 unter der Überschrift "Luzifer, Herr der Finsternis, höre uns!" über entsprechende Praktiken junger Leute berichtet. In diesem Bericht heißt es:
"In der einen Hand hält der KFZ-Mechaniker einen bluttriefenden Dolch, in der anderen den noch flatternden Rumpf eines schwarzen Huhnes, das gerade zu Tode gequält worden ist. Am Fuß eines abgestorbenen Baumes haben Werner und seine Freunde eine Art Altar aufgebaut. ... Kerzen und vom Friedhof gestohlene Grablampen erhellen die gespenstische Szene. ... "Luzifer, Herr der Finsternis", schreit der "Chefpriester" Werner in die Nacht hinaus, "höre uns! ... Gott ist tot!" Jesus Christus und Maria werden aufs übelste verhöhnt." 5. Jugendliche, die bei solchen Satansbeschwörungen und Tötungsritualen mitmachen, verstehen das als ihre "Religion", durch die sie die Macht des Bösen empfangen, die am Ende alles andere besiegen werde. "Das Gute ist schlecht und das Böse ist gut, denn es gibt "power" über sich selbst und über andere Menschen." "Wen der Teufel stark macht, der herrscht über andere". RU-Wissen und Meinung Aberglaube, Parapsychologie Satanismus (II) 1. Seit einiger Zeit treten in der Rockmusik-Szene Gruppen auf, die sich den Anstrich des Bösen, des Negativen, Gewalttätigen, Antichristlichen und Satanischen geben. Sie drücken das durch ihr Aussehen, ihre Aktionen auf der Bühne und besonders durch den Inhalt ihrer Songs aus. Zu dieser als "Black Metal" bezeichneten Szene gehören Gruppen wie BLACK SABBATH; VENOM, SLAYER, und andere. Auf einem Einladungszettel einer dieser Bands zu einem Konzert heißt es:
"Wenn ihr blutgeil seid, müßt ihr auf unser Konzert kommen. Wir zersägen Kreuze und blutige Köpfe auf der Bühne, erschießen Mönche und Jesus Christus". Weitere Kostproben aus Black-Metal-Texten: "Ich liebe es, meine Gegner abzustechen, ihnen die Kehle durchzuschneiden, den Schädel zu zerschmettern. ... Ich bin der Wahnsinn, ich bin der Antichrist. ... Ich bin ein verdammter Antichrist, glaube nur an das Böse, spucke auf die Kirche, werde selbst zum Bösen. ... Ich stelle das Kreuz auf den Kopf und lese die Satansbibel. Ich will mein eigenes Blut trinken, die Sünde ist mein Leben. ... Ich verleugne Jesus Christus und schwöre dem christlichen Glauben ab; ich verachte alle seine Werke. In dieser Welt schwöre ich, dem rechtmäßigen Herrn absolut treu zu sein und nur ihn zu verehren, unsern Herrn Satan, und keinen anderen." (Aus Texten der Gruppen "Sodom" und "Mercyful Fate"). 2. Es ist schwierig zu beurteilen, inwieweit die Zuhörer und Zuschauer bei solchen Hart-Rock-Konzerten von den brutalen, satanistischen Inhalten dieser Songs beeinflußt werden. Viele der "Kids" behaupten, daß sie nur an der Musik, nicht aber an den jeweiligen Texten interessiert seien. Es gibt jedoch Fälle, von satanistischen Praktiken bis hin zu kriminellen Handlungen und Tötungsdelikten, bei denen sich eine direkte Beeinflussung jugendlicher Zuhörer durch die Inhalte der Texte erkennen läßt. Negative Einflüsse auf die Psyche der Jugendlichen, die sich meist noch in der geistlich-seelischen Entwicklung befinden, sind nicht auszuschließen. Dazu die Aussage eines Hard-Rock-Fans:
"Friedhöfe, Särge, Leichen, Grabschänder, Totenköpfe, Galgen, Grabsteine, Gräber, Ratten und ähnliches sind nun nicht mehr abscheuliche Dinge, sondern sie werden mit zunehmendem Besuch dieser Konzerte zu etwas Alltäglichem; man verliert das Gefühl dafür, daß diese Dinge etwas Schreckliches sind." 3. Es gibt Belege dafür, daß sich satanistische Rock-Gruppen der Methode des "Backward-Masking" bedienen, um ihre Botschaften den Hörern zu übermitteln. "Backward-Masking" ist eine Technik, mit deren Hilfe Informationen auf eine Schallplatte übertragen werden; diese Informationen können nur durch das Rückwärtsabspielen der Platte bzw. des Bandes entschlüsselt werden. Auf diesem Wege sollen z. B. Aufforderungen zur Anbetung Satans und zu kriminellen Handlungen verbreitet worden sein. Die Wirksamkeit solcher versteckten Botschaften und ihre Gefährlichkeit für den Hörer muß allerdings bezweifelt werden, da nicht feststeht, ob das Unterbewußtsein diese Rückwärts-Botschaften überhaupt entschlüsseln und aufnehmen kann (wie manchmal behauptet wird). RU-Wissen und Meinung Aberglaube, Parapsychologie Spiritismus (I) 1. Der Spiritismus beruht auf der Annahme, daß der Mensch nach seinem physischen Tod in einer geistigen Welt weiterlebt und daß besonders begabte Menschen (sog. Medien) die Fähigkeit besitzen, mit den Geistern der Verstorbenen in Kontakt zu treten und auf diesem Wege Botschaften aus dem Jenseits zu empfangen. Es wird behauptet, daß sich die Geister durch Klopfgeräusche, durch automatisches Schreiben, durch Trancereden des Mediums oder neuerdings auch durch Tonbandeinspielungen äußern. 2. Spiritisten versammeln sich meist in kleinen, überschaubaren Gruppen zu ihren "Seancen" (=Sitzungen). Mit Hilfe eines "Mediums" versucht man, mit den "Geistern" verstorbener Verwandter oder Freunde, aber auch mit den Geistern berühmter Gestalten der Geschichte (Dichter, Philosophen, Politiker), Verbindung aufzunehmen. Die Mitglieder dieser "Zirkel" erwarten von diesen spiritistischen Sitzungen Botschaften und Belehrungen über den Tod oder das Jenseits, besonders aber auch Weisung und Hilfe für das Alltagsleben. 3. In den letzten Jahren (etwa seit 1986) vor allem Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren den Spiritismus als Gesellschaftsspiel entdeckt. Als Motive einer Beschäftigung mit diesen okkulten Dingen nennen die Jugendlichen im wesentlichen Neugier, Abenteuerlust oder einfach den Spaß an der Sache ("besser als Disco"), aber auch den Wunsch nach konkreten Informationen über ihre Zukunft und nach Hilfen für den schulischen Alltag. An vielen Schulen kursieren inzwischen Anweisungen zur Durchführung spiritistischer Sitzungen. Danach gelten Vollmondnächte sowie Nächte von Sonnabend auf Sonntag als bester Zeitpunkt für die Anrufung der Verstorbenen. 4. Zur Vorbereitung der Sitzung werden Buchstabenkärtchen auf einem möglichst runden Tisch angeordnet; in die Mitte kommt ein umgestülptes Wasserglas. Die Teilnehmer bilden dann eine Kette, indem die Hände mit gespreizten Fingern auf die Tischplatte gelegt werden und sich die kleinen Finger der Nebeneinandersitzenden berühren. Unter dem Tisch werden die Beine gekreuzt. Durch geistige Konzentration aller Anwesenden wird nun ein "positives Energiefeld" für den Geist geschaffen. Von den Teilnehmern einer Seance wird übrigens erwartet, daß sie gläubig sind, da kritische Gedanken oder eine negative Einstellung die Kommunikation mit den Geistern unmöglich machen. 5. Der Leiter des Kreises ruft nun den "Geist", auf den man sich vorher geeinigt hat (die verstorbene Großmutter eines Anwesenden; der tödlich verunglückte Freund eines Mädchens usw.) und gebraucht dabei etwa folgende Worte: "Wir wollen jetzt die Brücke zur jenseitigen Welt schlagen. Geist, bist du da? Melde dich!" Nach einigen Minuten soll dann ein Rucken des Tisches die Gegenwart des "Geistes" anzeigen. Es können ganz unterschiedliche Fragen gestellt werden. Die Antworten ergeben sich durch das Wandern des Glases von Buchstabe zu Buchstabe, wobei drei oder vier Teilnehmer mit ihrem linken Zeigefinger das Glas mit Druck und Gegendruck halten. 6. Da sich vorwiegend Schüler und Schülerinnen an den Sitzungen beteiligen, geht es bei den an die Geister gerichteten Fragen meist um schulische Angelegenheiten: "Wann kommt die nächste Mathe- Arbeit?", "Werde ich versetzt?" In einem anderen Themenkreis werden oft (Scherz-) Fragen aus dem persönlichen Umfeld der Beteiligten gestellt: "Wann wird Heidi heiraten?" oder "Wieviele Kinder kriegt Susanne?", "Was war das Lieblingsgetränk meiner Oma?". Um den Nervenkitzel zu erhöhen, fragt man nach Unglücks- oder Todesdaten einzelner Anwesender: "Geist, sage uns, wann ist der Todestag von Elke?", woraufhin das wandernde Glas normalerweise ein Datum in naher Zukunft angibt. RU-Wissen und Meinung Aberglaube, Parapsychologie Spiritismus (II) 1. Als Antwort auf die Frage, was bei den spiritistischen Vorgängen wirklich geschieht, werden normalerweise zwei Erklärungsmodelle angeboten. Das eine ist das spiritistische, das besagt: Wenn unerklärliche Dinge passieren, so haben sie ihren Ursprung in der jenseitigen Welt und werden über die Toten-Geister in unsere diesseitige Welt hinein vermittelt. Das ist deshalb möglich, weil das "grobstoffliche Diesseits" und das "feinstoffliche Jenseits" nur als zwei Seiten der einen Wirklichkeit zu sehen sind, mit der wir es zu tun haben; dazwischen existiert ein so dünner Schleier, daß es ein Hin und Her zwischen den zwei Welten geben kann. 2. Das andere Erkärungsmodell kann man als das "tiefenpsychologische" bezeichnen. Danach werden die Abläufe bei den Seancen dem Bereich der Halluzinationen, der Auto-Suggestion oder auch der bewußten Täuschung zugeordnet. Die ruckartigen, häufig unkontrollierten Bewegungen z. B. beim Tischerücken und Gläserschieben, aber auch die Bewegungen beim Pendeln lassen sich auf natürliche Weise als Auswirkungen psychomotorischer Kräfte erklären. 3. Im Hinblick auf die Beurteilung "spiritistischer Vorgänge" kann es keine einheitliche objektive Aussage geben. Wissenschaftlich ist nicht nachzuweisen, ob es die Welt der Geister und Toten, so wie der Spiritismus sie sich vorstellt, wirklich gibt oder nicht. Es ist reine Glaubenssache. Auch die Beantwortung der Frage, ob das sich bewegende Glas vom Geist der verstorbenen Oma oder auf irgendeine Weise von den Teilnehmern der Runde in Bewegung gesetzt wird, hängt ganz wesentlich von der individuellen Sicht des Einzelnen, seinen subjektiven Erfahrungen und seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen ab. Spiritismus-Gläubige müssen sich aber fragen lassen, warum trotz der angeblichen Jenseits-Kontakte und - offenbarungen durch die Toten soviele wichtige Menschheitsfragen z. B. nach der Existenz Gottes oder dem Leben nach dem Tod usw. noch völlig ungeklärt und offen sind. 4. Aus christlicher Sicht muß betont werden, daß sich Geisterglauben und Geisterbeschwörung nicht mit Grundsätzen des christlich-neutestamentlichen Glaubens vereinbaren lassen. Die Vorstellung einer Welt mit "lebenden Toten", zu denen man Kontakt aufnehmen kann, entspricht nicht dem christlichen Glauben. Danach ist alles, was den Tod, die Auferstehung und das Ewige Leben betrifft, allein Sache Gottes und der Verfügungsgewalt des Menschen entzogen. Es kann demnach keine Möglichkeit geben, mit Hilfe irgendwelcher Gegenstände die ganz andere Welt Gottes wie ein Telefonnetz oder einen Computer anzuzapfen, um Botschaften oder verborgene Wahrheiten aus dem "Jenseits" zu empfangen. 5. Vor einem leichtfertigen Umgang mit okkulten, spiritistischen Praktiken ist zu warnen. Das gilt z.B. besonders dann, wenn auf solchen Sitzungen Todesdaten oder Unglücksfälle von Beteiligetn vom "Geist" vorausgesagt werden. Denn nicht selten entstehen bei den Betroffenen panische, existentielle Angstgefühle, die besonders labile, nicht gefestigte Jugendliche kaum mehr kontrollieren können. Manche Jugendliche stehen nach solchen Totenbeschwörungen unter dem Eindruck, den "Geist" von der Sitzung mitgenommen zu haben oder daß sie von ihm verfolgt würden. Ganz normale alltägliche Vorgänge (eine vom Tisch fallende Tasse, eine zuschlagende Tür, der jaulende Hund) werden "Geistern" zugeschrieben. Verlust an Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung, das Auftreten von Depressionen und Psychosen mit notwendiger therapeutischer Behandlung, sind nicht selten die Folge solcher Toten- und Geisterbeschwörungen. RU-Wissen und Meinung Aberglaube, Parapsychologie Astrologie (I) 1. Die Astrologie, der Glaube an die Macht der Sterne und an Horoskope, ist uralt. Sumerer und Babylonier begannen vor etwa 5000 Jahren im Orient den Sternenhimmel zu erforschen, den Lauf der Gestirne zu beschreiben und zu berechnen. Sie gaben einzelnen, besonders hell leuchtenden Sternen Namen, ordneten sie nach auffälligen "Bildern", die sie mit Phantasienamen belegten: Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe usw. Die Babylonier entwickeln das sog. geozentrische Weltbild, bei dem sich die Erde im Mittelpunkt des Kosmos befindet und die Sonne und der Mond und die Planeten sich um die Erde drehen. 2. Für die Sternforscher der Antike (meist waren es Priester) war der Himmel aber nicht nur ein Forschungsobjekt. Die Sterne wurden vielmehr als lebende Wesen betrachtet, die wie Gottheiten verehrt wurden. Man sah im Universum ein göttliches Buch voller Hinweise auf das Schicksal und die Zukunft der Menschen und der Völker. So begann man schon sehr früh, den (angeblichen) Einfluß der Gestirne auf das menschliche Leben zu untersuchen. Als die Griechen später den Planeten ihre Namen gaben, ordnete man ihnen - völlig unwissenschaftlich und willkürlich - auch menschliche Charaktereigenschaften zu. So wurde der Mars zum "kriegerischen" Planeten, die Venus, nach der römischen Liebesgöttin benannt, zum Planeten der "Liebe". Bis heute hält die Astrologie an diesem antiken Deutungssystem fest. 3. Astrologie und christlicher Glaube waren zunächst keine Gegensätze. Die meisten Päpste beschäftigten einen eigenen Astrologen, und man versuchte, die Astrologie in den christlichen Glauben einzubeziehen. So erlebt die Astrologie im Mittelalter in Europa eine Blütezeit. Die Prophezeiungen des Nostradamus sind bis heute berühmt und wurden gerade im Jahr 1991 neu auf den Büchermarkt gebracht. 4. In der damaligen Zeit sind die Astronomen auch Astrologen, also Wissenschaftler und Sterndeuter zugleich. So auch Nikolaus Kopernikus, der das Weltbild revolutioniert, indem er entdeckt, daß die Erde nicht im Mittelpunkt des Sonnensystems steht - wie man bis dahin glaubt, - sondern daß sie, wie auch die anderen Planeten, die Sonne umkreist. Doch diese wissenschaftlichen Entdeckungen, die dem astrologischen Weltbild völlig widersprechen, bringen keineswegs das Ende der Astrologie. Im Gegenteil: Astrologische Schriften und Flugblätter werden in der Folgezeit massenhaft verbreitet (in Auflagen bis zu 1oo.ooo Exemplaren), und an fast jedem europäischen Königs- und Fürstenhof findet man die astrologischen Berater. Dadurch aufgeschreckt, ändert sich die Einstellung der Kirche zur Astrologie. Sie sieht jetzt in der Sterndeutung eine Bedrohung des christlichen Glaubens, und unter Sixtus V. wird die Astrologie 1586 kirchlich verboten. 5. Martin Luther bezeichnet alle Astrologen als "hirnverbrannt"; ihre "Kunst" nennt er einen "Dreck" - allerdings erst, als er feststellen muß, daß seine eigenen astrologischen Prophezeiungen über den Untergang des Papsttums nicht eintreffen. 6. Der Glaube an die Wahrheit der Astrologie hat sich bis heute erhalten. Eine Repräsentativ-Umfrage im Jahr 1987 unter den Bürgern der Bundesrepublik ergab:
58% lesen regelmäßig in der Zeitung ihr Horoskop. 45% halten den Einfluß der Sterne auf das Schicksal der Menschen für wahrscheinlich oder für tatsächlich gegeben. 22% glauben, daß man aus dem Stand der Sterne zukünftige Ereignisse ablesen kann. RU-Wissen und Meinung Aberglaube, Parapsychologie Astrologie: Für und Wider (I) 1. Obwohl die Astrologie keine einheitlich formulierte Lehre ist und fast jeder Astrologe eigene Vorstellungen entwickelt hat, gibt es doch einige feststehende astrologische Grundzüge und -regeln: a. Die Sterne sind keine tote Materie, sondern lebendige Kräfte, die alles Irdische bestimmen. Es gilt der Grundsatz des Hermes Trismegistos: "Wie oben am Himmel, so unten auf der Erde." In der Astrologie gilt demnach nicht das Prinzip des kausalen Zusammenhangs, das Naturgesetz von Ursache und Wirkung, sondern der Grundsatz der Analogie, der Entsprechung: Wie im Himmel, so auf der Erde; wie bei den Planeten, so beim Menschen. Alles hängt im wohlgeordneten Kosmos miteinander zusammen, das Größte mit dem Kleinsten, das Hohe mit dem Tiefen. So behauptet die Astrologie nicht (mehr), daß z.B. die Planeten mit ihren Kräften direkt auf den Menschen einwirken, sondern daß sie den Einfluß bestimmter Mächte auf den Menschen nur "symbolisieren" oder widerspiegeln. Die Sterne sind nicht die Ursache für das Lebensschicksal des Menschen, sondern geheimnisvolle, aber deutbare Hinweise auf alles, was auf der Erde geschieht: Menschenschicksale, Kriege, Epidemien, Hungersnöte, Naturkatastrophen. Alles steht miteinander in einem geheimnisvollen, vom Verstand nicht zu ergründenden Zusammenhang. b. Bei der Erstellung eines Horoskops oder eines sogenannten "Kosmogramms" arbeitet der Astrologe mit vielen wissenschaftlich klingenden Begriffen, die aber im engeren Sinne nicht wissenschaftlich sind: Neben den bekannten Tierkreiszeichen und Planeten, die bestimmte menschliche Charakterzüge symbolisieren sollen, gibt es noch "Häuser", Aspekte, Konjunktionen, Quincunx, Sextil und Trigon usw. Aufgabe des Astrologen ist es, bei der Erstellung eines Horoskops die Fülle von Einzelinformationen in einen Zusammenhang zu bringen und zu deuten. Aber je nach Gewichtung kann das Ergebnis bei verschiedenen Astrologen ganz unterschiedlich ausfallen, ja sogar völlig gegensätzlich sein. Eindeutig kann ein Horoskop nie sein, da die Methoden seiner Erstellung und seine Aussagen nicht wissenschaftlich sind und auch nicht sein wollen. Ziel und Absicht der Astrologie ist nicht die wissenschaftliche Erforschung der Sterne, sondern Hilfe für den einzelnen Menschen, sich besser zu verstehen und sich in bestimmten Lebenssituationen besser zurechtzufinden. So sehen viele Astrologen heute ihre Aufgabe nicht im Voraussagen des Lebensschicksals, sondern in der psychologischen Beratung ihrer Kunden. 2. Trotz des hohen Anteils von "Sterngläubigen" in unserer Gesellschaft ist die Astrologie heftig umstritten. Ihre Befürworter und Gegner stehen sich meist unversöhnlich gegenüber. Für Astrologie-Gläubige ist der Beweis für den Wahrheitsgehalt von Sterndeutungen längst erbracht, für den Kritiker der Astrologie ist alles schlicht "Humbug" oder ein zutreffendes Horoskop höchstens "Zufall". 3. Tatsache ist, daß kaum eine Zeitung heute auf den Abdruck von Horoskopen verzichtet. Auf Jahrmärkten und Volksfesten kann man Charakteranalysen und Weissagungen sogar aus Automaten ziehen. Dabei ist zu beachten, daß sich viele Astrologen selbst sehr kritisch über diese Art der "Vulgär-Astrologie" äußern. Mit der eigentlichen Astrologie hätten sie nichts zu tun. Und tatsächlich muß man feststellen, daß Zeitungshoroskope und auch das, was manche Astrologen sonst anbieten, meist eine Sammlung von allgemeingültigen, nichtssagenden und vieldeutigen Binsenwahrheiten ist. Sie sprechen ein vordergründiges Glücksverlangen im Menschen an, mit immer wiederkehrenden Glücks- und Unglücksprognosen über Liebe, Geld, Gesundheit usw. Der Astrologe Eysenck urteilt: "Vulgärastrologie ist Unsinn, und die Zeitungen, die sich damit abgeben, sollten sich gründlich schämen." Von Betrügern, Geschäftemachern und Scharlatanen distanziert sich die "ernsthafte" Astrologie nachdrücklich. Es ist nur die Frage, ob nicht die gesamte Astrologie, also auch die "seriöse" Unsinn ist und auf Scharlatanerie beruht. Das behaupten und glauben nicht wenige Menschen. RU-Wissen und Meinung Aberglaube, Parapsychologie Astrologie: Für und Wider (II) 1. Zweifel an der Seriosität der Astrologie und dem Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen und Methoden ergeben sich auch aus dem "gesunden" Menschenverstand. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum gerade die Stellung der Gestirne zum Zeitpunkt der Geburt entscheidend für die Gesamtprägung des Menschenlebens sein soll, wo doch, wie jeder weiß, der Mensch schon längst vor seiner Geburt durch Erbfaktoren und vorgeburtliche Entwicklung entscheidend geprägt ist. 2. Astrologen verweisen nicht selten auf erstaunliche Trefferquoten bei ihren Voraussagen und versuchen damit die Wahrheit der Astrologie zu beweisen. Tatsächlich aber steht fest, daß in den letzten Jahrzehnten alle wichtigen geschichtlichen Ereignisse von den Astrologen weltweit nicht oder falsch vorausgesagt wurden. Daß es andererseits im privaten Bereich manche richtigen Voraussagen von Astrologen gibt, kann nicht geleugnet werden. Doch können sie als Zufallstreffer gesehen werden oder sie beruhen, da es meist um den Persönlichkeitsbereich des Menschen geht, auf einem guten psychologischen Einfühlungvermögen des Astrologen. 3. Es gibt Fälle von eingetroffener Vorhersage, die psychologisch gesehen auf einem "Erfüllungzwang" beruhen. Menschen, denen ein verantwortungsloser Astrologe eine schwere Krankheit ankündigte, wurden wirklich krank, allein aus Angst vor der Erkrankung. 4. Viele Gegner der Astrologie kommen aus den Reihen der Astronomen. Reinhard Wiechoczeck von der Volkssternwarte Paderborn sagt: "Astrologie ist für mich eine eklatante Fehldeutung des Universums. In keinem Fall ist Astrologie eine Wissenschaft, sondern ein veralteter, wenn auch aus der Geschichte begründbarer Aberglaube." Im Unterschied zur Astrologie beschäftigt sich die Astronomie mit der wissenschaftlichen Erforschung der Sterne und des Kosmos. Die Astronomie erforscht die Struktur des Weltalls, fragt nach dem Aufbau der einzelnen Sterne und der Sternsysteme, nach ihrer Größe, ihrer Entstehung und ihrem Alter und nach den physikalischen Kräften, die im Kosmos wirken. Die Aufgabe der Astronomie ist also die möglichst exakte, wissenschaftliche Erforschung des Weltalls. 5. Die Astronomie wirft der Astrologie vor, daß ihr Deutungsystem von einem offenkundig falschen Weltbild ausgeht, nämlich dem alten, längst überholten geozentrischen Weltbild. Danach steht die Erde mit dem Menschen im Mittelpunkt des Kosmos. Um die Erde herum kreisen die 7 Planeten; dazu gehören neben Mars, Venus, Merkur, Jupiter und Saturn die Sonne und der Mond. Die Wissenschaft hat aber längst erkannt hat, daß das alte geozentrische Weltbild der Antike falsch ist und Sonne und Mond auch keine Planeten sind. Doch diese Erkenntnisse bleiben auch in heutiger Zeit für die Astrologie ohne Bedeutung. Die Astrologie ist nicht bereit, neue Erkenntnisse über den Kosmos aufzunehmen. Die Astrologie muß sich fragen lassen, wie sie zu richtigen, wahren Aussagen kommen kann, wenn doch die Methoden der Wahrheitsfindung auf offensichtlichen Irrtümern beruhen. 6. Trotzdem findet die Astrologie auch heute noch viele Anhänger. Der Grund dafür liegt im tief verwurzelten Wunsch vieler Menschen, in die Zukunft sehen zu können. In der heutigen modernen, hochtechnisierten Welt, die vom technisch-wissenschaftlichen Fortschritt und von Erfolgen in der Raumfahrt und Satellitentechnik geprägt ist, spielt die Sehnsucht nach einer übergeordneten Macht jenseits aller wissenschaftlichen Beweise wieder eine große Rolle. 7. Für viele Sterngläubige liegt eine Gefahr darin, daß sie die Ratschläge ihres Astrologen wie ein heiliges Evangelium aufnehmen und mehr oder weniger unfähig werden, eigene und verantwortliche Entscheidungen zu treffen. Der Glaube an die Sterne führt nicht selten zu Realitätsverlust, zu einem Mangel an selbstkritischer Einstellung und zu einer fatalistischen Einstellung. Charaktermängel des einzelnen, aber auch gesellschaftliche Mißstände, werden der Macht der Sterne zugeschrieben und schicksals gläubig hingenommen. RU-Wissen und Meinung Abtreibung Abtreibung: Vorgeburtliche Entwicklung 1. In der Diskussion um den § 218 spielt die Frage eine Rolle, von welchem Zeitpunkt an die befruchtete Eizelle als "Mensch" zu bezeichnen ist. Darauf sind unterschiedliche Antworten gegeben worden: Menschliches Leben beginne mit der Einnistung des Eis in der Gebärmutter; wenn das Gehirn anfängt zu arbeiten; sobald das zentrale Nervensystem sich auszubilden beginnt; mit der Geburt; wenn der Mensch personales Bewußtsein erreicht hat. 2. Seit die genetische Forschung in der Lage ist, das menschliche Erbgut genau zu untersuchen, steht wissenschaftlich fest: menschliches Leben beginnt mit dem Augenblick der Befruchtung. Von diesem Zeitpunkt an sind alle Anlagen der menschlichen Person vorhanden: das Geschlecht, die Farbe der Augen, der Haare, die Körpergröße, die geistigen Anlagen und Begabungen usw. Von dieser Tatsache sollten auch rechtliche und moralisch-ethische Überlegungen zum Schwangerschaftsabbruch ausgehen. 3. Unmittelbar nach der Befruchtung beginnt die Zelle sich zu teilen, wobei in jeder der neu entstandenen Zellen das gesamte Erbgut des Menschen enthalten ist. Nach vier Wochen besteht der erst wenige Millimeter große Fötus schon aus mehreren Millionen Zellen, die sich nach einem bisher nicht entschlüsselten Plan zusammensetzen und die Organe, das Knochengerüst, die Adern, das Blut, das Gehirn, die Haare usw. bilden. Nach vier Wochen sind bereits die ersten Organe und Ansätze für die Wirbelsäulenbildung zu erkennen. Das Herz beginnt zu arbeiten und pumpt Blut zur Leber und zur Hauptschlagader. 4. Sechs Wochen nach der Befruchtung ist der Embryo erst 15 mm groß, aber schon voller Leben. Sein Herz schlägt 140-150 mal in der Minute. Im Verlauf des zweiten Monats entwickeln sich langsam der Geruchs- und Geeschmackssinn. Das entstehende Gehirn verarbeitet erste Impulse. 5. Zehn Wochen nach der Befruchtung hat das Kind eine Größe von 3-4 cm erreicht. Alle Organe sind schon vorhanden, sie müssen nur noch wachsen und sich ausformen. Zum Teil haben sie ihre Funktion schon übernommen. Das Kind kann Arme und Beine bewegen, die Knie beugen und den Kopf drehen. Die Finger und Zehenglieder haben sich ausgebildet und Gesichtszüge sind schon zu erkennen. Schon in dieser Phase beginnt das Kind mit dem Daumenlutschen. Die ersten Nervenbahnen haben sich gebildet, und in jeder Minute(!) entstehen etwa 100.000 neue Nervenzellen. Bis zur Geburt sind es hunderte von Milliarden. 6. Nach 16 Wochen (4. Monat) sind die Gliedmaßen des Kindes, das Knochengerüst und die Organe (außer der Lunge) schon bis in alle Einzelheiten ausgebildet. Durch die Plazenta wird das Kind ernährt und mit Sauerstoff versorgt. Es nimmt Geräusche wahr, vor allem natürlich den Herzschlag der Mutter und ihre Stimme, die durch den Körper übertragen wird. Deutlich ist zu diesem Zeitpunkt zu erkennen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. 7. Von der 19. Woche (5. Monat) etwa an beginnt die Mutter zu fühlen, wenn sich das Kind bewegt. Es wird bereits durch Geräusche erschreckt. Es fällt in Schlaf. 8. Von der 24. Schwangerschaftswoche an ist auch die Lunge voll funktionstüchtig. In den folgenden Wochen bis zur Geburt nimmt das Kind stark an Gewicht zu: es trinkt fast einen Liter Fruchtwasser am Tag. Es lernt zu saugen, zu schlucken und fest zu greifen. 9. Außerhalb der Gebärmutter ist das Kind als Frühgeburt vom 7. Schwangerschaftsmonat an bedingt lebensfähig. RU-Wissen und Meinung Abtreibung Abtreibung: Medizinische Aspekte 1. Ein Schwangerschaftsabbruch ist wie jeder andere Eingriff in körperliche Vorgänge nicht frei von Gefahren. Der beratende und behandelnde Arzt ist verpfichtet, die Schwangere über alle möglicherweise auftretenden Komplikationen und Folgen aufzuklären. Auch bei einem in der Klinik regelgerecht ausgeführten Abbruch sind Komplikationen nicht ausgeschlossen. Je weiter fortgeschritten die Schwangerschaft ist, um so schwieriger ist der Eingriff und um so größer ist die Gefahr von Komplikationen. Es besteht die Möglichkeit von Gebärmutterverletzungen und von fieberhaften Entzündungen, die zu einem Eileiterverschluß und nachfolgender Unfruchtbarkeit führen können. Außerdem wird nach einem Schwangerschaftsabbruch das Risiko größer, daß es bei späteren Schwangerschaften zu einer Fehlgeburt, Bauchhöhlenschwangerschaft oder Frühgeburt kommt. 2. Ein völlig unkalkulierbares Risiko geht eine schwangere Frau ein, wenn sie eine Abtreibung durch einen "Kurpfuscher" oder eine "Engelmacherin" durchführen läßt. Die Durchbohrung der Gebärmutterwand, eine einsetzende Blutung oder Infektion und daraus resultierende Unfruchtbarkeit sind das häufige Ergebnis von illegalen und kriminellen Abtreibungen. In der Bundesrepublik ist die Todesrate infolge von illegalen Abtreibungen stark zurückgegangen, seitdem durch die Indikationslösung legale Abbrüche möglich geworden sind. 3. Eine ungefährliche Methode, mit der die Schwangere selbst eine Abtreibung durchführen könnte, gibt es nicht. Durch Mundpropaganda empfohlene Methoden (Vom-Küchentisch-Springen, literweise Wasser- Trinken u.a.) sind durchweg unwirksam oder bedeuten ein erhebliches Gesundheitsrisiko. 4. Eine Schwangerschaft sollte ausschließlich in einem Krankenhaus durchgeführt werden, wo immer sterile Arbeitsbedingungen sowie entsprechende Anästhesie- und Transfusionseinrichtungen zur Verfügung stehen. Es gibt im wesentlichen drei Methoden, eine Schwangerschaft abzubrechen: a. Die Kürettage. Dabei wird mit einem löffelähnlichen Instrument (Kürette) die Gebärmutter ausgeschabt. b. Durch Absaugung. Bei dieser Methode wird ein spezielles Absauginstrument durch den Gebärmutterhals in die Gebärmutter eingeführt und der Fötus abgesaugt. c. Seit 1988 ist in einigen Ländern Europas die in Frankreich entwickelte Abtreibungs-Pille "RU 486" in Gebrauch. Sie ist ein Hormonpräparat, das einige Stunden nach der Einnahme bei einer Schwangeren die Abtreibung des Fötus bewirkt. Auch bei dieser Methode ist eine ärztliche Betreuung und ein Krankenhausaufenthalt der Frau unbedingt notwendig. Sie ist aber, wie sich gezeigt hat, bei weitem weniger risikoreich als die anderen Methoden. Ein freier Verkauf der Abtreibungs-Pille auf Rezept ist in allen Ländern, in denen sie schon zugelassen ist, untersagt.
Die Abtreibungs-Pille ist nicht unumstritten, weniger in medizinischer als vielmehr in moralisch-ethischer Hinsicht. Abtreibungsgegner befürchten, daß durch die Pillen-Methode bei manchen Frauen der Entschluß zu einer Abtreibung erleichtert werden könnte.
In der Bundesrepublik ist die Abtreibungs-Pille noch nicht zugelassen, da die Herstellerfirma sich noch nicht zu einem Zulassungsantrag hat entschließen können. Ihr wurde, falls die Pille auf den Markt käme, durch organisierte Abtreibungsgegner der Boykott aller ihrer medizinischen Produkte in Deutschland angedroht. 5. Für viele Frauen bedeutet eine Abtreibung nicht nur ein körperliches Risiko, sondern auch eine große psychische Belastung. Besonders die Frauen, die eine Abtreibung nicht aus eigener, freier Entscheidung haben durchführen lassen, sondern gegen ihr eigentliches Gefühl auf Drängen von Eltern, Ehemann oder Bekannten, haben nicht selten unter Schuldgefühlen und damit verbundenen psychischen Schwierigkeiten zu leiden. RU-Wissen und Meinung Abtreibung Abtreibung: Zur Rechtslage 1. Im Juli 1992 hatte der Bundestag ein neues "Gesetz zum Schutz des werdenden Lebens, zur Förderung einer kinderfreundlicheren Gesellschaft, für Hilfen im Schwangerschaftskonflikt und zur Regelung des Schwangerschaftsabbruchs" beschlossen. Danach wäre ein Schwangerschafts-abbruch nicht rechtswidrig gewesen, wenn die Schwangere dem Arzt durch eine Bescheinigung nachgewiesen hätte, daß sie sich mindestens drei Tage vor dem Eingriff hat beraten lassen und seit der Empfängnis nicht mehr als zwölf Wochen vergangen sind. Dieses Gesetz wurde im Bundestag mit einer Mehrheit aus allen Parteien beschlossen. 2. 1993 hat das Bundesverfassungsgericht diese gesetzliche Neuordnung des § 218 in wesentlichen Teilen als nichtverfassungsgemäß abgelehnt. Damit bestätigte es das Urteil vom 25.2.75, nach dem die Fristenlösung grundsätzlich verfassungswidrig ist. Auch das ungeborene Leben steht unter dem Schutz des Staates. 3. Bis zu einer neuen Gesetzgebung gilt daher in Deutschland z.Zt. (1993) folgende Regelung: a. Abtreibung im Sinne einer Fristenlösung ist rechtswidrig. b. Abtreibung bleibt für die Schwangere und für den Arzt straffrei
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bei medizinischer Indikation: eine Schwangerschaft darf, unabhängig von ihrer Dauer, abgebrochen
werden, wenn dies nach ärztlicher Erkenntnis angezeigt ist, um eine Gefahr für das Leben der Mutter oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung ihres körperlichen oder seelischen Zustandes abzuwenden.
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bei eugenischer Indikation: eine Schwangerschaft darf bis zum Ende der 22. Woche nach der
Empfängnis abgebrochen werden, wenn der dringende Verdacht besteht, daß das Kind, wenn es zur Welt käme, wegen einer Erbkrankheit oder wegen schädlicher Einflüsse während der Schwangerschaft an einer nicht behebbaren Gesundheitsschädigung leiden würde, die so schwer wiegt, daß von der Frau die Fortsetzung ihrer Schwangerschaft nicht verlangt werden kann.
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bei ethischer Indikation: eine Schwangerschaft darf bis zum Ende der 12. Woche nach der Empfängnis
abgebrochen werden, wenn die Schwangerschaft durch Vergewaltigung, sexuelle Nötigung oder sexuellen Mißbrauch von Kindern oder Widerstandsunfähigen entstanden ist.
Die Kosten für einen Abbruch aus diesen genannten Gründen werden von den Krankenkassen übernommen. c. Rechtswidrig aber straffrei bleibt ein aus persönlichen, sozialen oder finanziellen Gründen durchgeführter Schwangerschaftsabbruch, wenn sich die Frau vor dem Eingriff einer Pflichtberatung unterzogen hat. Diese Beratung, die von autorisierter Stelle durchgeführt werden muß, soll die Weiterführung der Schwangerschaft zum Ziel haben. Die letzte Entscheidung über einen Abbruch der Schwangerschaft hat die Frau selbst.
Die Kosten eines Abbruches aus persönlichen/sozialen Gründen werden von den Krankenkassen nicht übernommen. d. Ein Schwangerschaftsabbruch, dem keine Pflichtberatung vorausgegangen ist, ist rechtswidrig und wird strafrechtlich verfolgt. 4. Kritisiert wird an diesem Urteil des BVG, daß es durch die Pflichtberatung die Frauen entmündige und für unfähig erkläre, selbst eine Entscheidung in Eigenverantwortung zu treffen. Von anderen wird dies genau umgekehrt beurteilt, da in jedem Fall die Frau die letzte Entscheidung selbst zu tragen habe.
Außerdem, so wird behauptet, entstehe bei der Abtreibung ein "Zwei-Klassen-System". In Fällen, in denen die Krankenkasse die Kosten für die Abtreibung nicht übernimmt, könnten sich Begüterte eher eine Abtreibung leisten als sozialschwache Frauen, die sich vom Sozialamt die Kosten für den Abbruch erstatten lassen müßten.
Als juristisch eigenartig wird von manchen Kritikern die Bestimmung angesehen, daß ein Abbruch aus sozialen/finanziellen Gründen zwar in jedem Fall illegal und grundgesetzwidrig ist, straffrechtlich aber nicht verfolgt wird. RU-Wissen und Meinung Abtreibung Abtreibung: Thesen und Gegenthesen (I)
In der Diskussion über die rechtliche Neuregelung des Abtreibungsparagraphen 218 spielen u. a. auch ethische Überlegungen eine Rolle. Folgende Ansichten werden geäußert: 1. Abtreibung in den ersten Wochen nach der Schwangerschaft ist ethisch nicht verwerflich. In dieser Zeit ist der Embryo noch kein richtiger Mensch, er ist nur ein Zellklumpen, der noch keine Persönlichkeit besitzt. Abtreibung ist daher nicht als Tötung anzusehen. In vielen Ländern ist die Abtreibung bis zur 12. Woche der Schwangerschaft völlig freigegeben, so daß sie sogar als Mittel zur Familienplanung angewandt wird. (Z. B. in Ländern des ehemaligen Ostblocks). 2. Demgegenüber ist einzuwenden, daß der menschliche Embryo vom ersten Augenblick an ein menschliches Wesen ist. (Was soll er denn sonst sein?) Moderne wissenschaftlich-medizinische Erkenntnisse bestätigen diese Auffassung. Jeder Schwangerschaftsabbruch ist somit Vernichtung neuen menschlichen Lebens und damit ein Akt der Tötung. Die Abtreibung eines menschlichen Embryo kann nicht nach den gleichen Maßstäben bewertet werden wie die Entfernung eines Blinddarms oder einer Geschwulst. 3. Abtreibung ist Mord. Er geschieht an unschuldigen, wehr- und hilflosen Wesen und ist daher besonders gemein und verwerflich. Die massenweise Tötung ungeborenen Lebens ist gleichzustellen mit der Vernichtung der Juden durch die Nazis. Es gibt kein einziges hinreichendes Argument für Abtreibung. Frauen, die ihre Kinder töten und alle, die dabei mitmachen, müssen ausnahmslos strafrechtlich verfolgt werden. 4. Dagegen ist einzuwenden: Abtreibung mit Mord gleichzustellen ist ein demagogisches Argument, das viele Frauen beleidigt und sie in ihrer persönlichen Notlage nicht ernst nimmt. Es übersieht, daß die meisten Frauen, die abtreiben wollen, sich in einer subjektiv ausweglosen oder verzweifelten Lage befinden, z. B. nach einer Vergewaltigung. Eine schwangere Frau wird ihr ungeborenes Kind keineswegs leichtfertig und völlig bedenkenlos abtreiben. Abtreibung gänzlich zu verbieten ist sinnlos und gefährlich. Frauen, die sich in einer verzweifelten Lage befinden und abtreiben wollen, werden unweigerlich Kurpfuschern ausgeliefert. Unzählige Frauen würden ihr Leben verlieren, wie Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen. 5. Das Recht, über eine Abtreibung zu entscheiden, hat allein die Frau ("Mein Bauch gehört mir!"). Staat, Kirche, Familie sollen sich aus dieser Entscheidung heraushalten. 6. Dagegen ist zu sagen: Das werdende Kind ist zwar auf seine Mutter angewiesen und medizinisch gesehen ein Teil von ihr. Dennoch ist es nicht persönlicher "Besitz" der Mutter; so wie Kinder nie Eigentum der Eltern sind, über das sie frei oder sogar selbstherrlich verfügen könnten. Das Kind hat von Anfang seiner Existenz an ein von seiner Mutter unabhängiges Recht auf Leben. Dieses Recht kann allerdings in tragischen Konflikt mit den Lebensrechten der Mutter geraten. Gegen den Willen der schwangeren Frau kann man das ungeborene Leben nicht wirklich schützen. RU-Wissen und Meinung Abtreibung Abtreibung: Thesen und Gegenthesen (II) 7. Keine Frau in der Bundesrepublik ist gezwungen, aus sozialer Not ein Kind abzutreiben. Jede Abtreibung aus sozialen Gründen ist eine Niederlage für Vernunft und Mitmenschlichkeit. Wir leben in einem reichen Land, in dem für jedes Kind gesorgt werden kann. Notfalls kann die Mutter ihr Kind zur Adoption freigeben. Tötung menschlichen Lebens darf niemals ein Weg zur Lösung sozialer Probleme sein. 8. Dagegen ist zu sagen: Die soziale Lage mancher schwangeren Frau ist auch in einem reichen Land wie der Bundesrepublik bedrückend. Das bezieht sich vor allem auf Frauen, die schon mehrere Kinder haben, in einer viel zu kleinen Wohnung leben, arbeitsmäßig überlastet sind und keine genügende Unterstützung durch den Vater des Kindes finden. Fehlende Kindergartenplätze und viel zu geringe Unterstützung kinderreicher Familien durch die Gesellschaft lassen für schwangere Frauen eine Abtreibung oft als einzigen Ausweg aus ihrer Notlage erscheinen. Eine Gesellschaft, die nicht bereit ist, ausreichend zu helfen, hat auch nicht das Recht, eine Frau zum Austragen der Schwangerschaft zu zwingen und die Entscheidung zur Abtreibung zu verurteilen. 9. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, daß eine strafrechtliche Verfolgung von Frauen und Ärzten die Abtreibungsquote nicht senken kann, sondern nur eine verstärkte sexuelle Aufklärung der Jugendlichen über Verhütungsmaßnahmen, größere finanzielle Hilfen für kinderreiche Familien und vor allem eine kinderfreundlichere Grundeinstellung unserer Gesellschaft. 10. Demgegenüber ist zu sagen: Unser Grundgesetz mißt dem Recht auf Leben einen hohen Stellenwert zu; das ungeborene Leben ist ausdrücklich mit einbezogen. Eine Abtreibung ist und bleibt eine Tötung und damit ein Verstoß gegen dieses Grundrecht. Es gibt keinen Grund, ausgerechnet bei der Abtreibung von einer Strafverfolgung abzusehen. Auch um eine Senkung der hohen Abtreibungsquote zu erreichen, darf auf eine strafrechtliche Verfolgung illegaler Abtreibungen nicht verzichtet werden. Dadurch wird sichergestellt, daß die Abtreibung als ein Unrecht im Bewußtsein der Bevölkerung verankert bleibt. 11. Jede Frau, die abtreiben lassen will, sollte bedenken, welche psychischen Auswirkungen eine Abtreibung für sie eventuell hat. Es besteht die Möglichkeit, daß sie ihr Gewissen stark belastet und sie lebenslang diese Entscheidung bereut und darunter seelisch zu leiden hat. 12. Es hilft wenig, einer Frau, die sich zu einer Abtreibung gezwungen sah, "sündhaftes" Verhalten vorzuwerfen oder moralische Vorhaltungen zu machen und dadurch ihre Gewissensnöte noch zu verstärken. Von kirchlicher Seite besteht die Aufgabe, eine Frau, die ihr Kind durch Abtreibung verloren hat, seelsorgerlich und liebevoll zu begleiten, gerade auch dann, wenn sie unter Schuldgefühlen zu leiden hat. RU-Wissen und Meinung Abtreibung Abtreibung: Kirchliche Stellungnahmen 1. Die Stellungnahmen innerhalb der Evangelischen Kirche zum Thema Abtreibung weisen eine große Bandbreite von Einstellungen und Ansichten auf. Sie reichen von der Forderung nach gänzlichem Verbot von Abtreibungen bis zur Zustimmung für eine Fristenlösung. Alle Stellungnahmen haben das gemeinsame Ziel, das ungeborene Leben besser zu schützen, aber auch die Persönlichkeit, die Würde und die Rechte der Frau zu wahren. 2. (Stellungnahmen zu ethischen Fragen haben in der Evangelischen Kirche keinen Lehramtscharakter, d.h. sie sind keine für alle evangelischen Christen verbindlichen Äußerungen. Sie wollen niemandem die Gewissensentscheidung im konkreten Einzelfall abnehmen, sondern vom Evangelium her Denkanstöße und Entscheidungshilfen in Lebensfragen und Lebensnöten geben.) 3. In ihrer "Denkschrift zu Fragen der Sexualität" hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zur Abtreibungsfrage u. a. folgende Feststellungen getroffen: ...
48. Das göttliche Liebesgebot gilt bereits für das beginnende Leben und vertraut es menschlicher Fürsorge an. Der Beginn des Lebens ist nach derzeitiger wissenschaftlicher Erkenntnis mit der Befruchtung, der Keimzellenverschmelzung, gegeben. Jeder Eingriff, der das beginnende Leben vernichtet, ist Tötung des werdenden Lebens. Selbst wenn Staat und Gesellschaft einen Eingriff gegen das begonnene Leben vor Beginn der Schwangerschaft oder einen Schwangerschaftsabbruch zulassen, wird dadurch Mann und Frau die eigene Verantwortung für das beginnende Leben nicht abgenommen. ...
50. Nicht vertretbar ist ein Schwangerschaftsabbruch aus rein sozialen Gründen (sog. "soziale" Indikation). Soziale Schwierigkeiten verlangen sachentsprechende Maßnahmen. Wo erhebliche Belastungen der Frau und möglicherweise ihrer Familie bestehen, ist die Gesellschaft, besonders die christliche Gemeinde, zur Hilfe verpflichtet. ...
51. Der Abbruch einer durch Vergewaltigung herbeigeführten Schwangerschaft (sog. "ethische", besser "Vergewaltigungsindikation") kann nur selten auf Grund medizinischer Indikation vorgenommen werden. Der unmittelbare Wunsch einer Frau, ein so empfangenes Kind nicht austragen und erziehen zu müssen, ist wegen ihrer verletzten Personwürde und seelischen Not vollkommen verständlich. ...
55. Eine grundsätzliche Befürwortung des Schwangerschaftsabbruchs aus genetischer oder kindlicher Indikation unter Hinweis darauf, daß ein schwerkrankes Kind ein schweres und die Gesellschaft und die Eltern belastendes Leben führen werde und daß demzufolge seine Existenz lebensunwert sei, ist unzulässig. Nach christlichem Verständnis besteht das Recht und der Wert des Lebens im Leben an sich und nicht in irgendwelchen Werten. 4. Aus der Stellungnahme der Bischofskonferenz der Vereinigten Evangelischen Lutherischen Kirchen Deutschlands" (VELKD):
... "Wo immer menschliches Leben durch Menschenhand zerstört wird, ist dies ein Hinweis darauf, daß eine tiefe und schuldhafte Störung des Menschseins vorliegt ... Die Ehrfurcht vor dem Geber des Lebens und die Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Lebens müssen gewahrt werden. Die Selbstverwirklichung des Menschen findet ihre Grenze, wo anderes menschliches Leben geschädigt, erst recht, wo es zerstört wird. Auch werdendes menschliches Leben gehört Gott. Es ist zwar Teil des Lebens der Mutter, aber es ist nicht ihr eigenes Leben. ..." RU-Wissen und Meinung Arbeit und Freizeit Das 3. Gebot 1. Das Gebot "Du sollst den Sabbattag heiligen" kommt im Alten Testament an zwei Stellen vor: im 2. Buch Mose, Kapitel 20 und im 5. Buch Mose, Kapitel 5. Der Wortlaut des Gebotes wird dort jeweils unterschiedlich überliefert. Zunächst lautet der Text gemeinsam:
"Gedenke des Sabbattages, daß Du ihn heiligst. Sechs Tage sollst Du arbeiten und alle Deine Werke tun. Aber am siebten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, (dein Rind, dein Esel, all) dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt, ..."
Danach folgt jeweils eine Begründung, in der sich die beiden Texte aber unterscheiden.
2.Mose 20: Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.
5.Mose 5: Denn du sollst daran denken daß auch du Knecht in Ägyptenland warst und der Herr, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand. Darum hat dir der Herr dein Gott, geboten, daß du den Sabbattag halten sollst. 2. Im 2. Buch Mose wird das Sabbatgebot mit dem Hinweis auf den Schöpfungsbericht begründet, der davon erzählt, wie Jahwe am letzten Tag von seinem Schöpfungswerk ausruhte und diesen Tag segnete. Der Sabbat, das Recht des Menschen auf Ruhe, so wird mit diesem Hinweis gesagt, ist Teil der weisen und guten Schöpfung Gottes. Und tatsächlich scheint der Sieben-Tage-Rhythmus der Arbeitskraft des Menschen so gut angepaßt, daß es bisher unmöglich war, ihn durch einen anderen Rhythmus zu ersetzen, etwa durch "Dekaden", wie das in unserem Jahrhundert einige Länder versucht haben. 3. Im 5. Buch Mose wird das Sabbatgebot mit der Erinnerung an die Befreiung Israels aus Ägypten verbunden. Die Rettung aus der Sklaverei, die Erfahrung geschenkter Freiheit ist der Grund der Sabbatruhe. Auf Sklaverei und Arbeitzwänge, die Israel hinter sich hat, soll keine neue Abhängigkeit folgen. Der Ruhetag ist also ein Tag der Befreiung. 4. Den Sabbat heiligen bedeutet ursprünglich nichts anderes als mit der Arbeit aufzuhören. Jahwe will, daß der Mensch ihn durch Nichtstun ehrt. Mit in das Gebot einbezogen ist der ganze Hausstand, auch das Vieh, die ganze Schöpfung also; nicht zu vergessen der Fremdling, der Gastarbeiter, dem auch das Recht auf Sabbatruhe zukommt. 5. Die Idee der siebentägigen Woche, deren siebter Tag ein Ruhetag ist, ist älter als die uns überlieferte Formulierung der 10 Gebote. Sie scheint aber, wie Bibelwissenschaftler und Kulturhistoriker meinen, tatsächlich eine eigenständige Entdeckung des Volkes Israel zu sein. In den 10 Geboten wurde diese Regelung als göttliches Gesetz zunächst für das Volk Israel festgeschrieben. Im Laufe der Kultur- und Religionsgeschichte hat es dann aber überall dort Gültigkeit erlangt, wo der jüdisch-christliche Glaube sich ausbreitete. Zu Recht hat man diese Entdeckung als "eine der größten, humansten Einrichtungen für den Menschen" und als "eine der ältesten und wichtigsten sozialen Großtaten der Menschheitsgeschichte" bezeichnet. 6. Das Sabbatgebot will den Menschen davor bewahren, sich selber und andere auszubeuten und zu überfordern. Deshalb ist es nicht als religiöser Zwang zu verstehen, dem man sich zu unterwerfen hat, sondern als hilfreicher Hinweis zur Gestaltung des Lebens und als Mahnung. Das Sabbatgebot widerspricht der Auffassung, der Mensch finde seinen Sinn im Leben ausschließlich in Arbeit, Tätigsein und Leistung; Freizeit, Ruhe und Muße hätten keinen Wert in sich, sondern dienten nur dazu, besser und härter arbeiten zu können. Im Judentum ist dieses Gebot immer so verstanden worden, daß in der Feier des Sabbat, im Zuruhekommen, der eigentliche Sinn und das Ziel des Lebens liegt. Der Sabbat ist für den Menschen geschaffen. Er bietet ihm die Chance, zu sich selbst zu finden und sich auf sich selbst zu besinnen. RU-Wissen und Meinung Arbeit und Freizeit Der Sabbat im Judentum 1. Das Gebot "Du sollst den Sabbattag heiligen" ist für das Volk Israel zu einem der wichtigsten Gebote geworden. Denn die Feier des Sabbat, der traditionsgemäß am Freitagabend mit Sonnenuntergang beginnt und am Samstagabend endet, hat zu allen Zeiten Auswirkungen auf das gesellschaftliche, politische und vor allem familiäre Leben des jüdischen Volkes gehabt. Es ist das Gebot, das die Juden über alle Zeiten und Länder hinweg miteinander verbindet. 2. Die zentrale Vorschrift für den Sabbat besagt, daß man an ihm keinerlei Arbeit verrichten soll. Einem Juden ist alles das nicht erlaubt, was in irgendeiner Weise mit körperlicher Anstrengung, mit Arbeit und Handeln zu tun hat. Erlaubt und geboten ist ihm dagegen alles, was zu seiner inneren Ruhe, zum Empfinden einer tieferen Freude, zum Frieden innerhalb der Familie und der Nachbarschaft beitragen kann. 3. Diesem Ziel dient auch die traditionelle feierliche Gestaltung des Sabbat in der jüdischen Familie. Man kauft gutes Essen, backt besonderes Brot, schmückt die Wohnung, badet und zieht sich festlich an. Der Sabbat soll wie eine Königin empfangen werden. Er beginnt am Freitagabend nach Sonnenuntergang mit der häuslichen Feier. Dabei "begrüßt" die Frau den Sabbat zunächst mit dem Entzünden der beiden Sabbatkerzen, über die sie den Segen spricht. Der Hausvater spricht den Friedensgruß und vollzieht den Kiddusch, die Segnung des Tages. Dabei erhebt er den bis zum Rand mit Wein gefüllten Becher, trinkt und reicht ihn bis zum jüngsten Kind weiter. Danach wird mit einem feierlichen Gebet die Mahlzeit eröffnet, die so schön und festlich und reichhaltig wie möglich sein soll. Das Essen selbst wird vor Beginn des Sabbats vorbereitet, da das Kochen als Arbeit gilt. Am Samstag geht der Sabbat mit dem Synagogenbesuch, einem guten Mittagessen und viel Ruhe weiter. Man liest, hört gute Musik, spricht und spielt miteinander, man bleibt aber im Hause innerhalb der Familie. (Es soll jüdische Kinder geben, die den Sabbat gar nicht mögen). Verabschiedet wird der Sabbat am Samstagabend bei Sonnenuntergang, indem der Hausvater eine Kerze entzündet, die das Sabbatlicht weiter in die Woche hineintragen soll. 4. Im Laufe der Zeit haben sich im Judentum zahlreiche und detaillierte Vorschriften herausgebildet, um alle denkbaren Möglichkeiten der Übertretung des Gebotes zu erfassen und von vornherein auszuschließen. So darf z. B. am Sabbat, wie im Alten Testament gefordert wird, kein Feuer entzünzündet werden. Es darf also auch nicht gekocht werden. Deswegen werden alle Mahlzeiten für den Sabbat vorher fertiggestellt. Im orthodoxen, strenggläubigen Judentum bezieht sich dieses Verbot des Feuermachens auch auf das Anschalten des elektrischen Lichts, eines Elektro- oder Gasherdes und den Gebrauch des Telephons. (Erlaubt ist es aber, das Licht im Haus vor Beginn des Sabbat anzuschalten und während des Sabbat brennen zu lassen). Selbstverständlich ist auch das Rauchen verboten, weil man dazu ja Feuer anzünden muß. Ein frommer Jude berührt am Sabbat kein Geld und geht auch nur so viele Schritte wie unbedingt nötig. 5. Die Sabbatgesetzgebung im Staat Israel wird weitgehend von der strengen Gesetzesauslegung der orthodoxen Juden bestimmt. Öffentliche Veranstaltungen sind am Sabbat nicht erlaubt, Gaststätten und Dikotheken usw. geschlossen und auch der Straßenverkehr ruht weitgehend. RU-Wissen und Meinung Arbeit und Freizeit Der Sonntag (I) 1. Für Juden und Christen sind die Zehn Gebote ein zentraler Bestandteil ihres Glaubens und maßgeblich für die Gestaltung des religiösen Leben. Das gilt auch für das 3. Gebot: "Du sollst den Sabbattag heiligen". Während man im Judentum den letzten Tag der Woche als Ruhetag feiert, wie es im Dekalog gefordert wird, ist man im Christentum dazu übergegangen, anstelle des Sabbat den Sonntag, den ersten Tag der Woche, zu feiern. Die ersten Christen, die zum größten Teil aus dem jüdischen Volk stammten, hielten zunächst auch am Sabbat ihren Ruhetag. Daneben kamen sie aber am Sonntag zusammen, um miteinander Gottesdienst zu feiern, entweder in der Frühe oder am Abend, außerhalb der Arbeitszeit. Am Sonntag kamen die Christen deswegen zusammen, weil an diesem Wochentag Christus auferstanden war und sie den Gottesdienst als Gedächtnisfeier der Auferstehung Jesu verstanden. Überall dort, wo der christliche Glaube sich ausbreitete, feierten die Christen am ersten Wochentag ihre Gottesdienste. Erst Kaiser Konstantin, der die Christenverfolgung beendete und das Christentum im Jahr 381 zur Staatsreligion erhob, setzte den Sonntag als gesetzlichen Ruhetag fest. Ruhetag und Gottesdiensttag waren nun für die Christen eins. Sie begannen daher - ganz verständlich - das Sabbatgebot des Dekalogs auf die Feier des christlichen Gottesdienstes zu beziehen. Martin Luther formulierte dieses Gebot 1200 Jahre später ganz folgerichtig um: Es lautete nun: Du sollst den FEIERtag heiligen. 2. Wie im Judentum die Arbeitsruhe und die Besinnung auf Gott für den Sabbat bestimmend sind, so stehen bei den Christen die Feier des Gottesdienstes und die Ruhe von der Arbeit im Mittelpunkt des Sonntags. In diesem Sinne war der Sonntag in den christlichen Ländern Europas jahrhundertelang Bestandteil der öffentlichen Ordnung. So war es früher in den Städten wie in den dörflichen Gemeinden selbstverständlich, daß man am Sonntag zur Kirche ging, meist stand auch ein beträchtlicher gesellschaftlicher und religiöser Zwang dahinter, besonders auf den Dörfern. Daneben diente er (wie alle anderen kirchlichen Feste und Feiertage) für alle Bevölkerungsteile der Erholung von der Arbeit. 3. Mit Beginn der Industrialisierung und der Umgestaltung der Arbeitswelt wandelte sich die Bedeutung des Sonntags langsam aber sicher. Für die Arbeiterklasse in der frühen Phase der Industrialisierung mit ihren brutalen Arbeitsbedingungen war der Sonntag noch ein Bollwerk gegen die totale Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft. Der Sonntag als Arbeits-Ruhetag war unantastbar. Mit der beginnenden Humanisierung der Arbeit, dem Absenken der Wochenarbeitszeit und der Erfindung der gleitenden Arbeitszeit verlor der Sonntag schließlich immer mehr seine ursprüngliche Bedeutung. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand schließlich etwas ganz Neues: die 5-Tage-Woche mit dem arbeitsfreien Samstag, dem daraus folgenden langen Wochenende und dem Problem der Freizeitgestaltung mit ihren bis zum Sinnlosen gesteigerten Wochenendbetriebsamkeiten. 4. Eine breitangelegte Freizeitindustrie vermarktet nun die Zeiten der Arbeitsruhe: Tourismusindustrie, Fernsehanstalten, Medienkonzerne, Unterhaltungsparks mit eigens angestellten Animateuren, Sportmanager und Vereine umwerben die Menschen. Der Sonntag selbst wird aus einem Tag der Freiheit, der Besinnung und Erholung zu einem besonders belasteten und belastenden Tag, unter dem der Mensch und inzwischen auch die Natur zu leiden hat. Entsprechend der Vermarktung des Sonntags durch die Unterhaltungsindustrie schreitet die Entchristlichung oder Entkirchlichung des Sonntags fort. Sein ursprünglicher Sinn wird damit gänzlich ins Gegenteil verkehrt. RU-Wissen und Meinung Arbeit und Freizeit Der Sonntag (II) 1. Der Sonntag als Ruhetag und religiöser Feiertag steht unter besonderem Schutz unseres Grundgesetzes. Artikel 140 GG nimmt die Formulierung aus der Weimarer Verfassung von 1919 auf, in der es heißt: "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt". Privates Arbeiten in der Öffentlichkeit (wie Autowaschen und Gartenarbeit) ist untersagt. Das bedeutet natürlich nicht das Verbot jeglicher Arbeit. Menschen in vielen Berufen müssen auch am Sonntag arbeiten: im Gaststätten- und Hotelgewerbe, in Krankenhäusern, bei den Verkehrsbetrieben, bei der Polizei usw. Für Pfarrer und viele andere kirchliche Mitarbeiter ist der Sonntag geradezu der schwerste Arbeitstag der Woche. In allen diesen Fällen ist Sonntagsarbeit legal. Darüber hinaus sieht die augenblickliche Regelung eine Ausnahme vom Verbot der Sonn- und Feiertagsarbeit nur bei Arbeiten vor, die "ihrer Natur nach eine Unterbrechung oder einen Aufschub nicht gestatten", wie dies z. B. bei Hochöfen der Stahlindustrie und bei bestimmten chemischen Produktionsprozessen der Fall ist. 2. Gefahr droht dem Sonntag und seiner Bedeutung für den Einzelnen, für Kirche und Gesellschaft in der letzten Zeit durch Industrie und Wirtschaft, in der es starke Bestrebungen gibt, weitgehende neue Ausnahmeregelungen beim Verbot der Sonn- und Feiertagsarbeit zu schaffen. Dabei stehen wirtschaftlich- finanzielle Interessen und Überlegungen im Vordergrund. Teure Maschinen z. B. müßten auch am Sonntag laufen, damit sie ausgelastet würden und rentabler arbeiten könnten, um dem Konkurrenzdruck aus dem Ausland zu begegnen. 3. Gewerkschaften und Kirchen haben sich gegen solche Bestrebungen gewandt. Es wird vor allem eingewendet, daß durch eine Aufweichung der bestehenden Sonntagsregelungen ganz besonders die Familien betroffen würden. Die Familien, die sowieso schon durch vielfältige Einflüsse bedroht werden, würden noch weiter an Zusammenhalt verlieren. Die Leidtragenden wären vor allem die Kinder, die dann nicht einmal mehr am Sonntag die Gemeinsamkeit von Eltern und Kindern in der ganzen Familie erfahren könnten. Das würde nicht ohne negative Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft bleiben. 4. Eine weitgehende Abschaffung des Sonntags und des Sonntagsarbeitverbotes würde die Beseitigung einer jahrtausendealten religiösen, kulturellen, dem Wohl des Menschen dienende Regelung bedeuten. Gegen die Interessen von Industrie und Wirtschaft muß betont werden, daß der Mensch nicht lebt um zu arbeiten, sondern arbeitet um zu leben. Produktion und Rentabilität machen nicht den Sinn menschlichen Lebens aus, und das Wohl des Menschen darf nicht wirtschaftlichen Interessen und Erfordernissen untergeordnet werden. Dort, wo der Sonntag zu einem normalen Arbeitstag gemacht wird, fehlt ein wichtiges Element des Schutzes des arbeitenden Menschen. Leidtragende wären aber nicht nur die Arbeitnehmer, sondern auch die Wirtschaft selbst. Denn sie ist auf Menschen angewiesen, die nicht nur funktionieren, die vielmehr auch die Muße und den notwendigen Abstand zu ihrer Tätigkeit haben, um mit neuen körperlichen und geistigen Kräften an die Arbeit zu gehen. RU-Wissen und Meinung Arbeit und Freizeit Arbeit und Beruf (I) 1. Das heutige Verständnis von Arbeit und Beruf ist wesentlich von biblischen Vorstellungen mitgeprägt. a. Nach dem biblischen Schöpfungsbericht ist der Mensch als tätiges Wesen geschaffen und dazu berufen, die Welt "sich untertan zu machen" und sie "zu bebauen und zu bewahren". Nicht zur Ausnutzung und Ausplünderung, aber zur Ausgestaltung der Welt ist der Mensch beauftragt. b. Der Mensch ist nicht als Einzelwesen von Gott geschaffen, sondern zum Zusammensein mit den Mitmenschen. So soll auch seine Arbeit nicht um egoistischer Ziele willen geschehen, sondern sie soll so angelegt sein, daß sie auch den Mitmenschen zugute kommt. c. Nach der Bibel ist der Mensch auf der einen Seite mit Arbeit von Gott beauftragt, auf der anderen Seite lastet auf der menschlichen Arbeit aber auch ein Fluch:
"Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Feld essen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis du wieder zur Erde werdest, davon du genommen bist." (1. Mose 3,17-19)
Mit diesen Worten drückt die Bibel die Erkenntnis aus, daß Arbeit im Bewußtsein des Menschen nicht nur Freude, Selbstverwirklichung und Erfüllung bedeutet, sondern auch Entfremdung, Mühe, Last und Zwang. Auch für den Menschen in der modernen Arbeitswelt ist diese Erkenntnis nachvollziehbar. 2. Das späte Griechentum hatte alle handwerkliche Arbeit der geistigen Tätigkeit gegenüber abgewertet. Körperliche Arbeit wurde als Last und Qual empfunden und war Sklavensache. Diese Tradition fand im Mittelalter eine gewisse Fortsetzung: Der Mensch ist dem Göttlichen näher, wenn er sich Gott betend und betrachtend zuwendet und sich von körperlicher und handwerklicher Arbeit und dem Zwang zum Geldverdienen freihält. 3. Gegen diese Einstellung wandten sich die Reformatoren. Luther hat die weltliche Arbeit gegenüber dem beschaulichen Klosterleben der Mönche aufgewertet. Das alltägliche Arbeitsleben hat Luther sogar als eine Form des Gottesdienstes angesehen, wenn es in Verantwortung vor Gott und den Menschen geschieht. Das Wort "Beruf" ist eine sprachliche Neuschöpfung Luthers. Im Mittelalter hatte man vor allem die mönchische Lebensform als "Berufung" verstanden. Luther spricht von Beruf oder Berufung eines jeden Menschen zu verantwortlicher Tätigkeit. 4. Noch positiver war die Einstellung des Schweizer Reformators Johann Calvin zu Arbeitstätigkeit und Leistung. Alle menschliche Arbeit geschieht seiner Meinung nach zur Ehre Gottes. Calvin betrachtete den wirtschaftlichen oder geschäftlichen Erfolg als ein Zeichen, an dem der Gläubige erkennen könnte, ob er von Gott erwählt sei. Diese Vorstellung beflügelte calvinistische (reformierte) Protestanten zu immer größeren beruflichen Anstrengungen. Das Denken der Calvisten hat in starkem Maße das Arbeitsethos nicht nur im protestantischen Bereich beeinflußt: Leistungsdenken, beruflicher Ehrgeiz, Pflichterfüllung, Fleiß, Pünktlichkeit, Korrektheit, Sparsamkeit nehmen dabei einen hohen Rang ein. RU-Wissen und Meinung Arbeit und Freizeit Arbeit und Beruf (II) 1. Mit der Erfindung der Maschinenkraft im ausgehenden 18. Jahrhundert beginnt die Industrialisierung. Es entsteht die Berufsgruppe des Lohnarbeiters, der seine Arbeitskraft gegen Lohn verkauft. Arbeitskraft und damit Gesundheit und Fähigkeiten des Menschen werden zur käuflichen Ware. Besteht nach seiner Arbeitskraft keine Nachfrage, droht dem Arbeiter die Arbeitslosigkeit. Ungerechte Entlohnung der Arbeiter, brutale Ausbeutung der Arbeitskraft von Erwachsenen und Kindern durch die Unternehmer und mangelnde soziale Absicherung der Arbeiterklasse in der Zeit des Frühkapitalismus führten zum Entstehen des Marxismus. Karl Marx und Friedrich Engels forderten die Beteiligung der Arbeiter an den Produktionsmitteln und an den Gewinnen der Unternehmen. 2. Die moderne Arbeitswelt ist gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Differenzierung und Spezialisierung. Menschen sind tätig in der Produktion, in der Industrie und im Handwerk, in der Forschung und Bildung, im Dienstleistungsbereich, in sozialen und technischen Berufen, in der Unterhaltungsbranche, als Landwirte, Soldaten, Angestellte und Beamte usw. Kennzeichnend für unsere Gesellschaft ist auch, daß meist nur Erwerbsarbeit als richtige Arbeit angesehen wird, das ist die Arbeit, die mit Lohn oder Einkommen bezahlt wird. 3. Andere Tätigkeiten werden vielfach unterbewertet, z. B. die Arbeit für die Familie: Diese Arbeit dient der Pflege und Erhaltung der kleinsten sozialen Zelle unserer Gesellschaft. Lange Zeit galt sie im Bewußtsein der Öffentlichkeit überhaupt nicht als Arbeit und war, ähnlich wie ehrenamtliche Tätigkeit, unterbewertet. Erst neuerdings beginnt man den hohen gesellschaftlichen Wert dieser Arbeit für die Familie zu begreifen. In der Tat umfaßt die "Hausarbeit" vielseitige und verantwortungsvolle Tätigkeiten: Neben die gängigen Arbeiten des Putzens, Einkaufens, Kochens, treten Aufgaben wie Organisation, Verwaltung, Kindererziehung, Krankenpflege, Nachbarschaftshilfe usw.. 4. Arbeit ist mehr als Erwerbstätigkeit. So sollte man von Arbeit auch bei den Tätigkeiten sprechen, die viele Menschen ehrenamtlich ausüben. Vor allem im sozialen Bereich arbeiten viele Menschen ohne Entgelt, indem sie sich um Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Alte, Kranke, Ausländer oder Suchtgefährdete und deren Probleme kümmern. Andere wieder arbeiten für Gerechtigkeit und Frieden, für Menschenrechte, Dritte Welt und Umwelt. Sie engagieren dabei sich in Initiativgruppen, Vereinen und Parteien und kirchlichen oder gewerkschaftlichen Gruppen. Diese Arbeit ist ein wichtiger Beitrag zur Förderung und Erhaltung des Lebens vieler Menschen, sie ist lebens- und gemeinschaftsfördernd und für unsere Gesellschaft wichtig. 5. Einen besonderen Stellenwert nimmt die künstlerisch-kulturelle Arbeit ein: die Arbeit der Dichter, Schriftsteller, Maler, Musiker. Diese Tätigkeiten können z.T. Spitzenverdienste einbringen. Künstlerische Tätigkeit im Sinne von Weltdeutung und Sinnfindung, geistiger Auseinandersetzung mit Lebensfragen und Problemen gilt weithin aber nicht als Arbeit. RU-Wissen und Meinung Arbeit und Freizeit Arbeit und Beruf (III) 1. Arbeiten und Tätigsein gehört zum Wesen des Menschen. Wie ein Mensch zu seiner Arbeit steht, darin wird ein Stück seiner Eigenart sichtbar. Ob jemand zu den "workoholics" gehört, zu den Arbeitssüchtigen, und sich (und seine Familie) kaputt arbeitet, oder ob er sich in einer "Null-bock"-Haltung gefällt und gleichgültig und resigniert die Chancen zu einem sinnvollen Leben ausläßt: das ist sicher nicht nur Charaktersache, sondern hängt auch von der Erziehung und der sozialen Umwelt des Menschen ab. 2. In der heutigen Gesellschaft wird der Beruf vielfach nur als Möglichkeit zur Befriedigung materieller Lebensbedürfnisse verstanden. Auf der anderen Seite finden aber viele Menschen in ihrer Arbeit zugleich einen Lebenssinn und ihre Selbstverwirklichung. Ihre Neigung und Begabung stimmen mit ihrer tatsächlichen Arbeitstätigkeit überein. Das ist nicht in allen Berufen so. Es gibt Tätigkeitsbereiche, in denen der Mensch nur schwer einen Bezug zu sich selbst, zu seinen schöpferischen Fähigkeiten und zu seinen Neigungen herstellen kann. Betroffen davon sind Millionen von Männern und Frauen an den Fließbändern der Fabriken. Zu dem Produkt ihrer Tätigkeit haben sie kaum ein Verhältnis, da sie es in vielen Fällen nicht einmal kennen oder zu sehen bekommen. Karl Marx hat diese Erfahrung des modernen Arbeitslebens als "Entfremdung" bezeichnet. Der Mensch wird mehr und mehr zum Objekt seiner Arbeit. Sein Tun wird in hohem Maße fremdbestimmt durch Technik, Organisation und Entscheidungen anderer. Wer gezwungen ist, auf diese Weise seine Arbeitskraft zu verkaufen, steht immer in der Gefahr, ausgebeutet zu werden, wie es in vielen Teilen der Welt noch der Fall ist. 3. Welche soziale Stellung ein Mensch einnimmt, hängt in unserer Gesellschaft wesentlich mit seinem Beruf zusammen. In den Medien erscheinen von Zeit zu Zeit Berufsranglisten, in der die Tätigkeitsbereiche nach ihrer Beliebtheit oder nach ihrem gesellschaftlichen "image" und dem Grad ihrer Anerkennung in der Bevölkerung aufgelistet werden. So gilt vielen Menschen ihre Arbeitstätigkeit vor allem als Mittel, ihren gesellschaftlichen Status zu verbessern oder zumindest zu behalten. Daraus folgen oft Streß und Versagensängste, Ellbogen- und Verdrängungsmentalität. Im Zusammenhang damit steht die Gefährdung des Menschen in der modernen Gesellschaft durch Erwartungs- und Leistungsdruck. Der "Wert" eines Menschen wird oft nur noch an seiner Leistungsfähigkeit und seiner Verwertbarkeit und Einsatzmöglichkeit in Wirtschaft und Industrie gemessen. In diesen Tendenzen entspricht das Menschenbild unseres Gesellschaftssystems nicht biblisch-christlichen Grundlagen. 4. Dies gilt auch für eine Haltung, die Arbeit und Tätigsein nur als Übel und Zumutung ansieht und meint, daß für das Wohl jedes Einzelnen vor allem die "Gesellschaft" zu sorgen habe. Selbstverständlich ist es aber Aufgabe und Auftrag aller Menschen, im Sinne von Mitmenschlichkeit und sozialer Mitverantwortung für die zu sorgen, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in der Lage sind, durch Arbeit für ihren Lebensunterhalt selbst aufzukommen. RU-Wissen und Meinung Arbeit und Freizeit Arbeitslosigkeit (I) 1. Nach Jahren der Vollbeschäftigung ist die Arbeitslosigkeit zu einem zentralen Problem unserer Gesellschaft geworden. Bis 1973 war die Arbeitslosenquote sehr niedrig, stieg aber im Jahre 1974 auf 4,7 % und erreichte 1988 die Zehn-Prozent-Marke. Durch den Einigungsprozeß und die damit verbundene wirtschaftliche Umstellung in den neuen Bundesländern stieg die Arbeitslosenzahl auf fast 3 Millionen. Da nicht alle Arbeitslosen statistisch erfaßt werden können, dürfte die Zahl noch höher sein. Außerdem ist der Anteil derer ziemlich hoch, die längerfristig arbeitslos sind und keine Chance haben, noch einmal ins Arbeitsleben zurückzukehren. Das betrifft vor allem ältere Arbeitnehmer. 2. Die Gründe für die Arbeitslosigkeit sind auf verschiedenen Ebenen zu suchen: Auf der einen Seite handelt es sich um Schwächen der wirtschaftlichen Konjunktur. Auf der anderen Seite ist Arbeitslosigkeit durch die technische Entwicklung bedingt. Die Einführung vor allem der Mikroelektronik macht viele Arbeitsplätze überflüssig. Durch Kurzarbeit, Kündigungen und Massenentlassungen sind vor allem Jugendliche, Frauen, ältere Arbeitnehmer, Ausländer, Ungelernte und Behinderte betroffen. 3. Wie die Arbeitslosigkeit bekämpft und beseitigt werden kann oder muß, darüber gehen die Meinungen der Politiker und Wirtschafts-Fachleute weit auseinander. In jedem Fall kann Arbeitslosigkeit mit ihren Folgen aber gemindert werden, wenn die Lasten der Krise auf alle gerecht verteilt und von allen solidarisch getragen werden. Diejenigen, die Arbeit haben, sollten nicht noch durch Überstunden das Angebot von Arbeitsplätzen verringern. Ein schärferes Vorgehen gegen illegale Leiharbeit und Schwarzarbeit ist dringend nötig. Die Unternehmer sind gefordert, immer zu berücksichtigen, daß von ihren wirtschaftlichen Entscheidungen sehr oft Menschenschicksale abhängen. Daher ist es notwendig, bei neuen Entwicklungen vorher und rechtzeitig die Interessen und Bedürfnisse der Betroffenen einzubeziehen. Arbeitnehmer und Gewerkschaften sollten bei Tarifverhandlungen und Lohnforderungen auf die Menschen Rücksicht nehmen, die nicht arbeiten können. Sie sollten sich fragen, welche Auswirkungen ihre Forderungen auf die Beschäftigungssituation haben. 4. Die Kirche steht in der Mitverantwortung für die moderne Arbeitswelt, weil christlich/biblische Vorstellungen die grundlegenden Einstellungen auf dem Weg zur Industriegesellschaft wesentlich mitgeprägt haben. Das protestantische Arbeitsethos hat mit seiner Forderung, durch harte und stetige Arbeit Gott zu ehren, im Guten wie im Bösen zum Entstehen der modernen, auf Leistung ausgerichteten Industriegesellschaft beigetragen. In der frühen Zeit der Industrialisierung war die Kirche lange Zeit blind gegenüber den sozialen Nöten der Arbeiter. Nur wenige einzelne Christen wie Kolping (auf katholischer Seite) und Wichern (auf evangelischer Seite) haben sich im vorigen Jahrhundert mit den sozialen Fragen der Arbeiterschaft befaßt, haben soziale Verelendung und die brutale Ausbeutung der Arbeiter angeprangert. Auch heute noch hat die Kirche vielfach Schwierigkeiten, den Zugang zur Arbeitswelt zu finden. 5. Gerade auch deswegen sollten die Kirchen und Kirchengemeinden sich um die arbeitslosen Gemeindeglieder kümmern. So gibt es in vielen Gemeinden Arbeitslosentreffs für Jugendliche und Erwachsene; Kirchengemeinden in Gebieten mit drohender Massenarbeitslosigkeit solidarisieren sich mit den von Entlassung Bedrohten und setzen sich zumindest für ihre soziale Absicherung ein. Immer sollte aber die Kirche im Gespräch bleiben mit den Gewerkschaften, den Arbeitgeberverbänden und natürlich den Arbeitern und Arbeiterinnen selbst. Aufgabe der Kirche ist es, in der Gesellschaft das Nachdenken über Sinn und Bedeutung der Arbeit, über Leistungsdenken und Karierestreben, über Solidarität und Humanität in der Arbeitswelt wachzuhalten. RU-Wissen und Meinung Arbeit und Freizeit Arbeitslosigkeit (II) 1. Arbeitslosigkeit verändert unser gesellschaftliches Leben und hat erhebliche psychische Auswirkungen auf die Betroffenen und deren Familien: 2. Arbeitslosigkeit hat für den einzelnen unterschiedliche Auswirkungen, die jeden wieder unterschiedlich stark betreffen können: Da sind die materiellen Schwierigkeiten, die auftreten können, besonders wenn nach längerer Arbeitslosigkeit nur noch Arbeitslosenunterstützung oder Sozialhilfe gezahlt wird. Arbeitslosigkeit hat zu einer "Neuen Armut" geführt. Zu den nahezu 6 Millionen Menschen in der Bundesrepublik, deren Einkommen unterhalb der Regelsätze der Sozialhilfe liegt, gehören viele Arbeitslose und deren Familien. Sie können den gewohnten Lebensstandard und das vertraute soziale Umfeld nicht mehr halten. Kinder, deren Eltern arbeitslos sind, haben darunter besonders zu leiden. 3. Nach dem Verlust der Arbeitsstelle kommt es bei den Betroffenen nicht selten zu einer Lebenskrise. Sie leiden unter Minderwertigkeitskomplexen, halten sich für untüchtig oder für Versager, ziehen sich aus dem gewohnten Freundeskreis zurück und errichten aus Scham und Verzweiflung eine Mauer um sich, die sie noch mehr in die persönliche Isolation treibt. In der Mischung aus Enttäuschung, Angst und Resignation entwickeln sich Verhaltensweisen, die von Außenstehenden meist nicht verstanden werden. Die Persönlichkeit verändert sich, es treten gehäuft psychische Störungen wie Depressionen auf, Alkoholabhängigkeit und -mißbrauch nehmen zu. Nicht selten werden dadurch Ehekrisen ausgelöst. Hinzu kommt, daß Arbeitslose verdächtigt werden, sich vor Arbeit zu drücken und auf Kosten anderer zu leben. Die Meinung, Arbeitslosigkeit sei so etwas wie ein verlängerter Urlaub mit süßem Nichtstun, ist leider immer noch verbreitet. Hier droht sozialer Konflikt. 4. Jugendliche, die keine Chance auf Ausbildung und Arbeit haben, verlieren ihre Lebensperspektive und werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Es besteht die Gefahr, daß sie sich nach rechts oder links radikalisieren und/oder kriminell werden. 5. Ein hoher Prozentsatz der Frauen ist von der Arbeitslosigkeit betroffen. Von ihnen wird erwartet, daß sie zugunsten der traditionellen Hausfrauenrolle auf Erwerbstätigkeit verzichten. Das von den Frauen bisher erreichte Maß von Gleichberechtigung könnte so wieder verloren gehen. 6. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes führt zu einer Entsolidarisierung der Arbeitnehmer untereinander. Vorurteile gegen Ausländer nehmen zu, weil man ihnen vorwirft, den Einheimischen die Arbeitsplätze wegzunehmen. 7. Behauptungen wie "die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer" und "wir sind auf dem Weg zur Zweidrittel-Gesellschaft" zeigen, daß der soziale Friede bei uns gefährdet ist. Keine Gesellschaft kann auf die Dauer gedeihen, wenn es ihr nicht gelingt, den Anteil der durch Arbeitslosikeit unzufriedenen oder verbitterten Menschen zu verringern. 8. So schlimm die persönlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Arbeitlosigkeit auch sind, so muß doch betont werden, daß die heutige Situation nicht mit den Zuständen während der wirtschaftlichen Krise in den 30er Jahren zu vergleichen ist. Damals war der Ausfall des Ernährers eine materielle Katastrophe für die Familie. Hunger und völlige Verelendung waren die Folge. Heute gibt es ein umfassenderes Netz der sozialen Sicherung. Das Schreckbild der 30er Jahre darf daher nicht als Vergleich herangezogen werden. Die heutige Situation darf aber auch nicht verharmlost werden. RU-Wissen und Meinung Arbeit und Freizeit Freizeit 1. Das Verhältnis von Arbeitszeit zu Freizeit ist in den verschiedenen Berufen und Tätigkeiten der Menschen sehr unterschiedlich. Für viele Arbeitnehmer gilt die 40- bzw. 37,5-Stunden-Woche. Das bedeutet meistens, daß Samstag und Sonntag arbeitsfrei sind und für Freizeit und Erholung zur Verfügung stehen. Bei vielen Selbstständigen, bei Managern und auch im Bereich der Landwirtschaft ist an eine solche Begrenzung und Regelung der Arbeitszeit nicht zu denken. 2. Freizeit sollte eigentlich eine Zeit sein, in der der Mensch in Freiheit und Freude sein Leben gestalten kann. Es hat sich aber gezeigt, daß den Menschen auch bei der Gestaltung seiner Freizeit die Zwänge wieder einholen. Nicht wenige Menschen haben unter ihrer freien Zeit zu leiden:
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Der Pensionär, der sein ganzes Leben gearbeitet hat, kann mit seiner Freizeit nichts anfangen. Er weiß
nicht, wie er seine Zeit gestalten soll. Es gibt den sog. Pensionstod.
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Mancher Schüler weiß mit den Ferien nicht viel anzufangen, weil ihm niemand beigebracht hat, die freie
Zeit zu gestalten.
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Viele Erwachsene und Kinder (oft schon im zartesten Alter) verbringen ihre Freizeit fast ausschließlich
vor dem Fernseher; sie leben damit ein Leben aus zweiter Hand.
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Auch in der Urlaubszeit setzt sich mancher unter einen Erlebnisdruck und kommt ausgebrannt und
entnervt aus dem Urlaub zurück, als Opfer einer ausgedehnten Freizeit- und Tourismusindustrie.
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Selbst das Spiel ist in der modernen Gesellschaft zu einer todernsten Sache geworden. Die in den
letzten Jahren gewachsene Verflechtung von Sport und Kommerz hat dazu geführt, daß Sport weithin nur noch als Ware angeboten und konsumiert wird. 3. Sinnvoll gestaltete Freizeit hat positive Auswirkungen auf das menschliche Leben. In der Freizeit kann man
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sich erholen und Kräfte für die Arbeit wiedergewinnen. Würde aber darin allein die Bedeutung der
Freizeit für den Menschen liegen, dann hieße das, daß der Mensch nur für die Arbeit da wäre und daß ausschließlich in der Arbeit der Sinn des menschlichen Lebens zu finden sei. Darum gilt: In der Freizeit sollte der Mensch haben Zeit für sich selbst und für die Familie, für andere; Zeit für Hobby, Sport, Reisen, Freundschaften, Besuche usw.
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sich bilden. Man kann lesen, sich an VHS-Kursen beteiligen, Konzerte und Theater besuchen.
Weiterbildung, Fortbildung ist nicht nur für den Beruf, sondern auch für die Entwicklung der Persönlichkeit wichtig.
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spielen. Das Spielen ist nicht eine Angelegenheit nur für Kinder, sondern ein fundamentales Bedürfnis
auch der Erwachsenen. "Wer keine Zeit zum Spielen hat, nimmt sich viel zu ernst!" Spielen schafft Vergnügen und macht Spaß; es schafft Kontakte, kann Kräfte und Phantasie freisetzen und Spannungen und Aggressionen abbauen helfen.
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sich freiwillig und ehrenamtliche betätigen in Öffentlichkeit und Gesellschaft. Durch solches freiwillige
Engagement kann jeder über seine berufliche Tätigkeit hinaus seine Fähigkeiten und Begabungen, sein Wissen und seine Phantasie in den Dienst der Allgemeinheit stellen.
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zur Besinnung kommen. Jeder Mensch braucht Zeiten, in denen er über sich selbst, über seine
Probleme, sein Verhältnis zum anderen nachdenken kann. Der Mensch braucht Muße, d.h. Zeit ohne Hetze, Stress und Lärm, um nach dem Sinn des Lebens und auch nach Gott fragen zu können. RU-Wissen und Meinung Bibel Die Bibel: Allgemeines 1. Die Bibel (vom griechischen biblos = Buch) ist ein Sammelwerk, d.h. eine Zusammenstellung von über 60 einzelnen Schriften, die sich in Bezug auf Entstehungszeit, Inhalt und Umfang sehr voneinander unterscheiden. Unzählige Menschen haben zu ihr beigetragen. Von vielen Verfassern der biblischen Bücher kennen wir die Namen, die meisten sind uns aber unbekannt. Erst nach langen Auseinandersetzungen legte die Kirche im 4. Jahrhundert n. Chr. den uns heute bekannten Umfang der Bibel (den sog. Kanon) fest, der seitdem in allen großen Kirchen Geltung besitzt. Die Anzahl der Schriften, die Bestandteil der Bibel sind, schwankt aber je nach Konfession. So hat die Katholische Kirche die sog. Apokryphen, das sind einige kleinere alttestamentliche Schriften, mit in den Kanon aufgenommen; in den evangelischen Ausgaben fehlen sie meist oder erscheinen nur im Anhang. 2. Die Bibel besteht aus dem Alten und dem Neuen Testament (AT und NT). Das AT ist in vorchristlicher Zeit entstanden (ca. 1100 - 200 v. Chr.) und in hebräischer Sprache verfaßt. Es entspricht im großen und ganzen der jüdischen Bibel. Die Schriften des NT sind in griechisch geschrieben und nach Christi Geburt (ca. 40-110 n. Chr.) entstanden. Etwa 3/4 der Bibel gehören zum AT, 1/4 zum NT. 3. Von den ursprünglichen Manuskripten der biblischen Bücher ist leider keines erhalten, doch es gibt unzählige Abschriften, die zwar manchmal nur in Teilen vorliegen, die aber sehr nahe an die Entstehungszeit der Originale heranreichen. Bis zur Erfindung des Buchdrucks (um 1450 durch Johann Gutenberg) gab es nur eine einzige Möglichkeit, Bücher zu vervielfältigen: man mußte sie mit der Hand abschreiben. Solche handschriftlichen Kopien wurden in Klosterbibliotheken, im Wüstensand oder in Höhlen gefunden. Am bekanntesten sind die Funde in den Höhlen von Qumran am Toten Meer. Dort hat man seit 1947 viele wertvolle Buchrollen des AT gefunden, die vor mehr als 2000 Jahren in Tonkrügen verborgen worden waren. 4. Die jüdischen Gelehrten, die über Jahrhunderte hinweg das AT überlieferten, und die Mönche, die im Mittelalter die ganze Bibel abschrieben, faten ihre Tätigkeit als Gottesdienst auf und arbeiteten sehr sorgfältig und genau. Trotzdem gibt es viele Abweichungen unter den einzelnen Abschriften (Schreibfehler, Wortumstellungen, Auslassungen und auch Hinzufügungen), so daß an manchen Stellen der Bibel der Wortlaut des Originals nicht eindeutig feststeht. 5. Seit es die Bibel gibt, hat man sie aus den ursprünglichen Sprachen in andere übersetzt. So liegt das Alte Testament in einer griechischen Übersetzung vor, die (angeblich 72) Wissenschaftler schon im 3. Jahrhundert v. Chr. anfertigten, eine für damalige Zeiten ungeheure wissenschaftliche Leistung. Eine bekannte und wichtige frühe Übersetzung ins Lateinische ist die sog. Vulgata. Sie wurde um das Jahr 400 n.Chr. durch den Kirchenvater Hieronymus geschaffen und ist bis ins 20. Jahrhundert hinein der maßgebliche Bibeltext der katholischen Kirche. Auch heute noch wird an vielen Bibelübersetzungen gearbeitet. Bis zum Jahr 1991 war die Bibel (oder Teile daraus) in ca. 1980 Sprachen übersetzt. Sie ist damit das am weitesten verbreitete und meistübersetzte Buch der Welt Die bekannteste deutsche Bibelübersetzung hat Martin Luther geschaffen. Andere deutsche Bibelübersetzungen sind: die Zürcher Bibel, die Einheitsübersetzung (auf katholischer Seite) und die (nicht wortwörtliche) Übersetzung von Jörg Zink. 6. Die Einteilung der Bibel in etwa gleichlange Kapitel und kleinere Versabschnitte entstand im 15./16.Jahrhundert. Sie ermöglicht ein rasches Auffinden von bestimmten Texten. Die Konfessionen haben sich weitgehend auf eine einheitliche Kapitel- und Verszählung geeinigt. RU-Wissen und Meinung Bibel Entstehung und Inhalt des Alten Testaments 1. Ehe die ersten Teile des AT aufgezeichnet wurden, hatte man ihre Inhalte schon jahrhundertelang mündlich weitergegeben. Man weiß, daß die ersten umfangreichen Niederschriften zur Zeit der Könige David und Salomo (ca. 900-1000 v. Chr.) erfolgten. Die jüngsten Bücher wurden erst im 2. Jahrhunderts v. Chr. niedergeschrieben. So sind von den ersten Anfängen mündlicher Überlieferung bis zu den letzten schriftlichen Aufzeichnungen des AT ungefähr 1000 Jahre vergangen. Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. haben jüdische Gelehrte die heiligen Schriften gesammelt und zu größeren Einheiten zusammengefaßt. 2. Dem Inhalt nach sind die Bücher des AT sehr unterschiedlicher Art. Sie gehören z.T. verschiedenen literarischen Gattungen an. Im AT finden sich:
a) Historische Berichte:
z.B. die "Bücher der Könige"; die "Chronik"
b) Erzählungen:
z.B. Genesis 12: von Abraham, Isaak, Jakob
c) Gesetzestexte:
z.B. die 10 Gebote
d) Lieder und Gebete:
z.B. die Psalmen
e) Spruchsammlungen:
z.B. die Sprüche Salomos
f) Prosadichtung:
z.B. das Buch Hiob
g) Lyrik:
z.B. das Hohelied
Für die Auslegung und für das Verständnis der biblischen Texte ist es wichtig, daß man erkennt, zu welcher Gattung der jeweilige Text gehört. 3. Die 5 Bücher Mose, von den Juden "Thora" genannt, gehören zu den wichtigsten Teilen des AT. "Bücher Mose" werden sie genannt, nicht weil Mose sie geschrieben hätte, sondern weil in ihnen Mose als Befreier und Gesetzgeber des Volkes die wichtigste Gestalt ist. Man zitiert die 5 Bücher Mose oft (und richtiger) mit den Namen: Genesis, Exodus, Numeri, Levitikus, Deuteronomium. Das 1. Buch Mose (Genesis) bringt die Urgeschichte mit Erzählungen über den Anfang der Welt und der Menschheit. Ebenfalls im 1. Mosebuch finden wir die Geschichten über die Stammväter und Stammütter Israels: Abraham, Isaak, Jakob, Sara. Mit dem 2. Mosebuch (Exodus) beginnen die Mosegeschichten, die mit dem Auszug aus Ägypten, der Wüstenwanderung des Volkes und der Gesetzgebung (10 Gebote) am Sinai die übrigen Mosebücher füllen. 4. In den Geschichtsbüchern von Josua (1000 v. Chr.) bis Nehemia und Esther (400 v. Chr.) wird die Geschichte Israels in großen Etappen dargestellt: die Einwanderung nach Kanaan (Palästina), die Blütezeit des Reiches Israel unter den Königen David und Salomo, die Teilung des Reiches in Israel und Juda (926 v. Chr.), die Eroberungen durch die Assyrer und die Babylonier, das babylonische Exil, der Wiederaufbau des Landes und der Stadt Jerusalem mit dem Tempel. Die Geschichtsbücher des AT enden ungefähr mit dem Jahr 400 v. Chr. 5. Zu den "prophetischen Büchern" gehören 16 Schriften. Man unterteilt sie nach ihrem Umfang in "große" und "kleine" Propheten. Als große Propheten gelten die Bücher Jesaja, Jeremia, Hesekiel und Daniel. Als "kleine" Propheten bezeichnet man die Reihe der 12 Propheten von Hosea bis Maleachi. Propheten sind Kritiker und Mahner ihrer Zeit. Sie decken religiöse, soziale und moralische Mißstände auf und weisen das Volk und seine Regierungen auf Gottes Willen hin. Erhalten geblieben sind ihre Worte, weil sie von ihnen selbst oder von ihren Schülern aufgeschrieben wurden. 6. Neben den historischen Berichten, den Erzählungen und den Prophetenbüchern gibt es im AT auch "poetische" Schriften", oft auch "Lehrbücher" genannt. Sie bilden eine Gruppe von Dichtungen, die am wenigsten einheitlich ist. Das Buch Hiob stellt die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts des unschuldigen Leidens - eine Frage, die auch die Menschen heute noch bewegt. Das Buch der Psalmen (der Psalter) enthält 150 längere oder kürzere Gebete und Lieder, die von den einzelnen Frommen oder von der Gemeinde gebetet oder gesungen wurden. (Die Melodien und die Musik zu diesen Liedern sind leider verloren gegangen). Die Bücher "Sprüche" und "Prediger" sind Sammlungen von Spruchweisheiten oder Lebensregeln, die unter dem Namen des weisen Königs Salomo zusammengestellt wurden. RU-Wissen und Meinung Bibel Die zehn Gebote (Der Dekalog) (I) 1. Die zehn Gebote, auch "Dekalog" (=das Zehnwort) genannt, finden sich im Alten Testament an zwei Stellen: im 2. Buch Mose (Kapitel 20) und im 5. Buch Mose (Kapitel 5). Der Wortlaut der 10 Gebote weicht in diesen beiden Texten voneinander ab. Am auffälligsten ist die unterschiedliche Begründung des 3. Gebotes ("Du sollst den Sabbattag heiligen."): Nach 2.Mose 20 ist es auf die Erschaffung des Sabbat am 7. Tag der Schöpfung zurückzuführen. Die Sabbatruhe des Menschen entspricht dem Ruhen Gottes von seinem Schöpfungswerk. Nach 5.Mose 5 soll die Sabbatruhe eingehalten werden zur Erinnerung an die Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten. 2. Wie und wann ist der Dekalog entstanden? Die biblischen Berichte erzählen, daß das Volk Israel nach seiner Flucht aus der Sklaverei in Ägypten auf der Wanderung durch die Wüste an den Berg Sinai (Horeb) gelangt und an seinem Fuße ein Lager aufschlägt. Dort offenbart sich Gott dem Mose und den Israeliten unter rauchenden Wolken, rollendem Donner, zuckenden Blitzen und erzitterndem Erdboden. Mose steigt auf den Berg und empfängt dort von Jahwe die Gebote auf zwei steinernen Tafeln, von Jahwes Hand selbst geschrieben. Nachdem Mose 40 Tage und Nächte auf dem Berg zugebracht hat, steigt er von Berg herab und übergibt dem Volk die Gesetze Jahwes. 3. Ist der Dekalog historisch so entstanden, wie die biblischen Berichte es schildern? Die 10 Gebote erscheinen im 2. Buch Mose als Teil einer umfangreichen Gesetzessammlung, die sehr unterschiedliche Rechtsordnungen enthält: Eigentumsordnungen, Strafbestimmungen, Hygienevorschriften und Speisegesetze. Dazu kommen unzählige kultische Bestimmungen über verschiedene Opfer, den Bau der Stiftshütte, Bestimmungen für Priester usw. Die historisch-kritische Erforschung durch die Bibelwissenschaft hat ergeben, daß der Dekalog zunächst wohl unabhängig von dem Zusammenhang bestand, den ihm die biblischen Erzähler zugewiesen haben. In diesen erzählerischen Zusammenhang wurden die 10 Gebote sehr spät gestellt, nämlich im 5. Jahrhundert vor Christus, als die vielen, ursprünglich selbständigen Teile der 5 Bücher Mose durch die Priester in Jerusalem zu ihrer heutigen Gestalt zusammengefügt wurden. 4. Es spricht sehr viel dafür, daß der Kern des Dekalogs tatsächlich auf Mose zurückgeht. Dann würde er aus dem 12. oder 13. Jahrhundert v. Chr. stammen, freilich noch nicht in seiner heutigen Gestalt. Fest steht, daß die 10 Gebote eine Entwicklung durchgemacht haben, wie schon die zwei unterschiedlichen Fassungen in der Bibel vermuten lassen. Einzelgebote des Dekalogs finden sich bereits lange vor der Zeit des Mose in Gesetzessammlungen der vorderorientalischen Völker. 5. Es ist auch eine historisch feststehende Tatsache, daß das Volk Israel den Dekalog, geschrieben auf zwei Steintafeln, in der sog. Bundeslade (Holzkasten) auf seiner Wüstenwanderung mit sich herumgetragen hat. Dies zeigt, daß die 10 Gebote für Israel von Anfang an eine große kultische, religiöse Bedeutung hatten. Sie waren für das Volk Zeichen und Inbegriff des Bundes, den sein unsichtbarer und unfaßbarer Gott Jahwe mit ihm geschlossen hatte, das Grundgesetz sozusagen, die Zusammenfassung der moralischen Werte, die die verschiedenen Stämme Israels einte. Der Dekalog ist bis heute das Kernstück des jüdischen Glaubens geblieben, von Jesus ausdrücklich in seiner Bedeutung bestätigt (und noch verschärft) und so auch in den christlichen Glauben übernommen. Darüber hinaus hat der Dekalog auf die religiösen, sittlichen und moralischen Werte und Vorstellungen vieler anderer Religionen und auch staatlicher Gesellschaften großen Einfluß gehabt. RU-Wissen und Meinung Bibel Die zehn Gebote (II) 1. Obwohl die 10 Gebote in ihren kurzen, knappen und deutlichen Worten unkompliziert und einprägsam sind, bedürfen sie doch der Erklärung. Sinn und Bedeutung der Gebote stehen nicht ein für allemal fest, sondern haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Manche Formulierungen (und Übersetzungen) des Dekalogs selbst sind fragwürdig geworden. Z.B. das 2. Gebot: "Du sollst Dir kein Bildnis machen...". Luther hat dieses Gebot für überholt gehalten und nicht mit in den Katechismus aufgenommen. Oder das 3. Gebot: Der ursprüngliche Wortlaut: "Du sollst den Sabbattag heilig halten" ist im christlichen Bereich geändert worden in "Du sollst den Feiertag heiligen". Oder: Die richtige Übersetzung des 5. Gebotes lautet: "Du sollst nicht morden". Die uns geläufige Übersetzung "Du sollst nicht töten" ergibt einen wesentlich anderen Sinn. Fragwürdig und unhaltbar ist für uns der Wortlaut des 10. Gebotes (nach 2. Mose 20), in dem die Frau mit dem Vieh gleichgestellt und als Eigentum des Mannes angesehen wird. Die spätere Fassung der 10 Gebote im 5. Buch Mose hat daran auch schon Anstoß genommen und die ursprüngliche Fassung korrigiert. 2. Die 10 Gebote sind somit Formulierungen, die von Menschen stammen und die dem Denken der Zeit entsprungen sind, in der sie entstanden. Der religiöse, jüdische und christliche Glaube sagt darüber hinaus, daß die Gebote, obwohl von Menschen formuliert, von Gott stammen, daß Gott die Menschen (z.B. Mose und viele andere nach ihm) auf entsprechende gute Gedanken brachte. Diese Menschen haben das Ergebnis ihrer Gedanken im Namen Gottes verkündet. "Die Gebote sind Gottes Schöpfung", diese Aussage bedeutet, daß Freiheit, Menschenwürde und Menschenrechte nicht eine "Erfindung" von bestimmten Menschen sind, sondern daß sie für alle Menschen gelten und für alle verpflichtend und bindend sind. 3. Für das Verständnis des Dekalogs ist es wichtig zu erkennen, welche Grundgedanken ihn leiten. Von elementarer Bedeutung sind dabei die einleitenden Worte (2. Mose 20, 1): Ich bin der Herr, dein Gott, der ich Dich aus Ägypten, aus der Sklaverei geführt habe." Die Gebote werden -dem biblischen Bericht zufolge- dem Volk auf der Wanderung in die neue Heimat, an der Schwelle zwischen Sklaverei und freiheitlicher Existenz gegeben. Sie werden von Israel verstanden als Grundsätze, Regeln und Leitlinien, die dazu helfen wollen, daß dem Volk ein Leben in Freiheit gelingt. Wenn Menschen ihr Leben im Rahmen dieser Gebote in Verantwortung dem anderen gegenüber gestalten, dann ist jedem einzelnen seine Freiheit garantiert, dann kann er in Würde und seiner Bestimmung gemäß leben. Unterdrückung, Ausbeutung, Entrechtung des Menschen durch Menschen wird es dann nicht mehr geben. Das 1. Gebot mit seinem Hinweis auf die Befreiung des Volkes ist darum bei allen anderen folgenden Geboten zu ergänzen oder mitzuhören: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich befreit hat und der deine Freiheit sichern möchte. 4. Auch das Verbot, keinen anderen Göttern zu dienen, ist auf die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen gerichtet. Mit diesen anderen Göttern sind zwar zunächst die Götter anderer Kulte, besonders der Fruchtbarkeitskulte Palästinas gemeint. Im einem weiteren, umfassenderen Sinne versinnbildlichen sie aber alles, was den Menschen in selbstverschuldete oder aufgezwungene Abhängigkeit hineinführt.
Falsch verstanden sind die Zehn Gebote, wenn man in ihnen religiöse Zwangsbestimmungen sieht, die dem Menschen das Leben schwermachen und ihn einengen wollen. Sie sind vielmehr eine Bestätigung dafür, daß Gott den Menschen als freiheitliches Wesen geschaffen hat. Zutreffend hat ein Theologe darum die Zehn Gebote auch die "Zehn Freiheiten" genannt. RU-Wissen und Meinung Bibel Die Schöpfungsberichte (I) 1. Entstehung a. Im Alten Testament gibt es zwei Schöpfungsberichte. Sie stehen am Anfang des Buches Genesis (1. Mose). Wer die Berichte aufmerksam liest, wird schnell feststellen, daß sie sich stark voneinander unterscheiden. So werden die Menschen im ersten Bericht am Schluß der Schöpfung, im zweiten Bericht am Anfang von Gott geschaffen. Entstanden sind sie zu unterschiedlichen Zeiten: b. Der ältere Schöpfungsbericht (1. Mose 2,4b - 25) wurde um das Jahr 1000 v. Chr. in Israel geschrieben. Sein Verfasser ist unbekannt, er hat aber in der Zeit Davids und Salomos gelebt. Man nennt ihn den "Jahwisten", da er den Gottesnamen Jahwe verwendet. Sein Schöpfungsbericht ist der Beginn eines umfangreichen Werkes, das später in die 5 Bücher Mose eingearbeitet wurde. Daß er der ältere Bericht ist, läßt sich an sprachlichen Besonderheiten festmachen aber auch an der Altertümlichkeit seiner Redeweise und seiner Vorstellungen. c. Der jüngere Schöpfungsbericht (1. Mose 1, 1 - 2, 4a) entstand um das Jahr 500 v. Chr. Er ist ausführlicher und genauer und läßt erkennen, daß -im Vergleich zum älteren Bericht- die Verfasser über mehr Wissen in Bezug auf Erde, Kosmos, Tier- und Pflanzenwelt verfügen. Im ganzen klingt dieser Bericht "moderner" als der ältere. Er ist Teil der sog. Priesterschrift, die von Priestern in der Zeit der Gefangenschaft in Babylon verfasst wurde. d. Priester waren es wohl auch, die im 6. Jahrhundert v. Chr. aus mehreren Quellen die Urgeschichten, wie sie uns in der Bibel erzählt werden, zusammenstellten, ordneten und in einen erzählerischen Zusammenhang brachten. 2. Die literarische Gattung a. Die beiden Schöpfungsberichte sind keine naturwissenschaftlichen oder historischen Berichte. Naturwissenschaft im heutigen, modernen Sinne war in der Zeit, als die Berichte entstanden, noch unbekannt. Sie geben somit keine wissenschaftliche Antwort auf die moderne Frage nach der tatsächlichen Entstehung des Kosmos, der Erde und des Lebens. Nur wenn man die Schöpfungsberichte fälschlicherweise als naturwissenschaftliche Berichte liest, wird man in ihnen unüberbrückbare Gegensätze zu modernen wissenschaftlichen Theorien der Entstehung des Kosmos und des Lebens sehen. b. Den älteren Schöpfungsbericht kann man als Erzählung bezeichnen. Der Erzähler nimmt Bilder und Gedanken aus anderen bekannten altorientalischen Schöpfungsberichten auf. c. Dagegen wirkt der jüngere Schöpfungsbericht wie ein Lied von der Schöpfung. Er ist dichterisch stark gestaltet in der Form eines mehrstrophigen Liedes mit stereotypen Wiederholungen ("...da ward aus Abend und Morgen"; "...und Gott sah, daß es gut war"; "...ein jedes nach seiner Art"). 3. Die Absicht der Schöpfungsberichte
Die Schöpfungsberichte machen aus dem Glauben an Gott heraus Aussagen über das Verhältnis des Menschen zu Gott und zu seiner Umwelt. Sie sind Zeugnisse des Nachdenkens der Menschen über sich selbst und Zeugnisse des Glaubens an Gott, den Schöpfer. Die Schöpfungsberichte erheben nicht den Anspruch, historische oder naturwissenschaftliche Berichte zu sein. Sie wollen die Freude der Menschen an der guten Schöpfungsordnung Gottes wecken und Gott als den Herrn über seine Schöpfung preisen. RU-Wissen und Meinung Bibel Die Schöpfungsberichte (II) 1. Besonderheiten des älteren Schöpfungberichtes a. Dem älteren Schöpfungsbericht zufolge wird zuerst der Mensch (Mann) geschaffen, dann der Garten Eden mit dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Gott setzt den Menschen in den Garten Eden und verbietet ihm, von der Frucht des Baumes zu essen. Danach erschafft Gott die Tiere; der Mensch gibt ihnen ihre Namen. Zuletzt erschafft Gott die Frau aus der Rippe des Mannes. Mann und Frau sollen wie eine Person sein. b. Gott erschafft den Menschen aus Lehm. Das bedeutet, daß der Mensch ein Teil der Erde ist, daß er zu ihr gehört, im Grunde auch nicht viel mehr wert ist als ein Stück Erde. Das Leben, die Seele, das menschlich Besondere bekommt der Mensch durch den "Atem" Gottes, er ist ein Stück der Seele Gottes. c. Gott setzt den Menschen als Verwalter und Pfleger seiner Schöpfung ein. Der Mensch soll die Natur (den Garten Eden) bebauen und bewahren. d. Der ältere Schöpfungsbericht sieht das Verhältnis von Mann und Frau als ein personales Miteinander. Mann und Frau sind nicht grundsätzlich verschiedene Wesen, sie sind von einem "Fleisch", wie eine Person und beide haben ihren Ursprung in Gott. Zwar wird nach diesem Bericht zuerst der Mann geschaffen und dann die Frau, nirgends wird aber die Vorrangstellung des Mannes behauptet. e. Der Bericht betont die Nähe Gottes zu den Menschen. Er erscheint als der liebevolle, ehrwürdige Vater, der mit ihnen zusammen im Garten lebt und mit ihnen spricht. 2. Besonderheiten des jüngeren Schöpfungsberichtes a. Er unterteilt den Schöpfungsakt Gottes in eine Abfolge von 7 Tagen:
1.Tag: Licht und Finsternis. 2.Tag: Feste zwischen den Wassern 3.Tag: Land und Meer; Gras und Bäume 4.Tag: Sonne, Mond und Sterne. 5.Tag: Vögel, Fische. 6.Tag: Tiere; Mann und Frau. 7.Tag: Erschaffung des Sabbat (Ruhetag). b. Mensch und Natur werden in diesem Bericht als eine Einheit gesehen. Der Mensch wird an einem Tag zusammen mit den Tieren geschaffen. Beide, Mensch und Tier, stehen unter dem Segen Gottes. Der Mensch soll sich die Natur untertan machen und über sie herrschen. Dieses Gebot ist allerdings falsch verstanden, wenn man es als Erlaubnis zu willkürlichem, ausbeuterischem Umgang mit der Natur interpretiert. Der Mensch hat vielmehr im Auftrag Gottes eine Ordnungsfunktion in der Welt wahrzunehmen. c. Der Mensch wird als Mann und Frau geschaffen. Beide sind Ebenbilder Gottes. Von einer Vorrangigkeit des Mannes gegenüber der Frau ist nicht die Rede. d. Sexualität wird im jüngeren Schöpfungsbericht als etwas Natürliches, Selbstverständliches angesehen, als etwas, das zur guten Schöpfung Gottes dazugehört. Es findet keine Verteufelung der Sexualität statt, aber auch keine Vergöttlichung (Vergötzung) wie in den altorientalischen Fruchtbarkeitskulten. e. Die Gestirne sind Schöpfungen Gottes mit bestimmten Funktionen. Sie sind nicht selbst Götter. Das bedeutet eine Absage an die Sternenkulte der damaligen Zeit, an Astrologie und Aberglauben. Die Welt, der Kosmos wird entgöttert, entdämonisiert, sachlich und nüchtern gesehen. f. Gott ist diesem Bericht zufolge der unnahbare, im Himmel thronende Gott, der Herrscher über Kosmos, Erde und Mensch. Er ist der, der alles gut und weise ordnet, der befiehlt und sofort geschieht es. Er ist der heilige Gott, den die ganze gute Schöpfung preist. RU-Wissen und Meinung Bibel Entstehung und Inhalt des Neuen Testaments 1. Bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts n.Chr. war innerhalb der schnell gewachsenen christlichen Kirche eine Fülle von Literatur entstanden, aus der z.T. in den Gottesdiensten vorgelesen wurde. Dazu gehörten zahllose Berichte über das Lebem Jesu, Berichte der Apostel, die Briefe des Apostel Paulus und vieler anderer wichtiger Glaubenszeugen der frühen Zeit. Die Kirche stand deshalb vor der Frage, welche dieser vielen Schriften für den Glauben als wichtig und verbindlich angesehen werden sollten. Die Diskussion innerhalb der Kirche zog sich bis in das 4. Jhdt n. Chr. hinein, bis man sich entschied, besonders wichtige und in den Gemeinden beliebte Schriften zu einem Buch zusammenzustellen, zum Neuen Testament. Zum NT gehören seitdem 27 Einzelschriften, die fast alle noch im ersten Jahrhundert n. Chr. verfaßt wurden. Das NT verstand man als Ergänzung und Weiterführung des jüdischen "Alten Testamentes", das seine Bedeutung weiterhin in der christlichen Kirche behielt. 2. Die frühesten Schriften des NT sind die Briefe des Apostel Paulus. Paulus hatte auf seinen Missionsreisen nach Kleinasien, Griechenland und Italien zahlreiche kleine christliche Gemeinden gegründet. Diesen Gemeinden schrieb Paulus zwischen den Jahren 50 und 60 n. Chr. (also 20-30 Jahre nach dem Tode Jesu) zahlreiche Briefe, die von diesen Gemeinden aufbewahrt wurden: an die Thessalonicher, die Korinther, die Römer, die Galater usw. In diesen Briefen an die neugegründeten Gemeinden nahm Paulus zu Glaubensfragen Stellung und erteilte Ratschläge für das Gemeindeleben. Die Briefe des Paulus sind immer durch bestimmte Situationen in den Gemeinden veranlaßt und geben so einen lebendigen Eindruck vom Leben der frühen christlichen Gemeinden wieder. Schüler oder Mitarbeiter des Paulus haben nach seinem Tode weitere Briefe unter seinem Namen herausgegeben. Zu diesen unechten Paulusbriefen gehören wahrscheinlich die Briefe an die Kolosser, Epheser, beide Briefe an Timotheus und andere. 3. Neben den Briefen des Paulus sind die Evangelien ein wichtiger Bestandteil des NT. Zunächst waren die Geschichten über Jesus, vor allem über sein Leiden, sein Sterben und seine Auferstehung, mündlich weitergegeben worden. Aber schon bald nach dem Tode Jesu entstanden erste schriftliche Aufzeichnungen. Matthäus, Markus und Lukas sammelten und bearbeiteten diese Berichte und schufen so ihre Evangelien. Das älteste von ihnen, das Markusevangelium, entstand um 70 n. Chr. Lukas und Matthäus benutzten es bei der Abfassung ihrer Evangelien in der Zeit zwischen 70 und 90 n.Chr. Da diese drei Evangelien z.T. dieselben Quellen benutzt haben, stimmen ihre Berichte in weiten Teilen fast wortwörtlich überein. 4. Auch das Johannesevangelium will ein Bericht über das Leben Jesu sein, unterscheidet sich aber im Aufbau und im Stil wesentlich von den drei anderen Evangelien. Es ist 20 Jahre nach ihnen entstanden und läßt erkennen, daß Johannes sein Evangelium für Menschen geschrieben hat, die im Griechentum der damaligen Zeit verwurzelt waren. 5. Ins NT aufgenommen wurde auch die Apostelgeschichte des Lukas. Sie schildert, wie sich die Botschaft von Jesus über Kleinasien und Griechenland ausgebreitete und schließlich Rom, die Hauptstadt des römischen Reiches, erreichte. Dazu kommen noch die Petrusbriefe, die Johannesbriefe, der Hebräer-, Jakobus- und Judasbrief. Sie stammen von unbekannten Verfassern und geben Einblick in das Glaubensverständnis der Christen zur Zeit der Jahrhundertwende. 6. Die Offenbarung (Apokalypse) des Johannes entstand gegen Ende des 1. Jahrhunderts, als die christlichen Gemeinden vom römischen Staat verfolgt wurden. Wegen seiner vielen Visionen, seiner bilderreichen Sprache und vieler geheimnisvoller Hinweise auf geschichtliche Vorgänge der damaligen Zeit, die uns heute weitgehend unbekannt sind, ist das Johannesevangelium wohl das am schwersten zu verstehende Buch der Bibel. Es hat im Laufe der Zeit viele Mißdeutungen, vor allem durch Sekten, erfahren. RU-Wissen und Meinung Bibel Die synoptischen Evangelien 1. Im Neuen Testament gibt es vier zusammenhängende, mehr oder weniger lange Berichte über das Leben Jesu. Man nennt sie seit der frühen Zeit des Christentums die "Evangelien". Als Evangelium bezeichnete man in der damaligen griechisch sprechenden Welt eine gute Botschaft oder Nachricht. Die Autoren dieser Berichte, die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, sind zwar dem Namen nach bekannt, doch weiß man im einzelnen nicht genau, wer sich wirklich dahinter verbirgt. 2. Beim Lesen und Vergleichen der drei ersten Evangelien fällt auf, daß sie im wesentlichen den gleichen Inhalt haben. Sie zeigen auffallende Parallelen: sie entsprechen sich im Aufbau, haben gemeinsame Stücke meist auch in der gleichen Reihenfolge und stimmen an vielen Stellen sogar im Wortlaut überein. Diese drei Evangelien werden daher in der theologischen Wissenschaft die "Synoptiker" genannt, abgeleitet vom griechischen Wort "synopse" = "Zusammenschau". (Das vierte Evangelium, das des Johannes, weicht inhaltlich und sprachlich weit von den Synoptikern ab.) Trotz der weitgehenden Übereinstimmungen hat jeder Evangelist auch seine Spezialitäten und charakteristischen Merkmale, eigene Berichte und Formulierungen, die bei den anderen nicht vorkommen. - Wie sind diese Parallelen und diese Unterschiede zu erklären? 3. Die literarische Erforschung der Bibel, die vor etwa 200 Jahren begann, gibt darauf folgende Antwort: Markus gilt als der erste Verfasser eines Evangeliums. Nach allgemeiner Auffassung hat er es bald nach dem Jahr 70 n. Chr. geschrieben. Nach einer kurzen Einleitung berichtet Markus gleich von der Taufe Jesu und von dessen Wirken in Galiläa (Kapitel 1-9). In Kapitel 10 zeigt er Jesus auf dem Weg von Galiläa nach Jerusalem. Den Schlußteil des Evangeliums (Kapitel 11-16) bilden die Berichte vom Aufenthalt Jesu in Jerusalem, von seiner Kreuzigung und seiner Auferstehung. 4. Dieser Gliederung folgen auch Matthäus und Lukas. Allerdings enthalten ihre Evangelien noch Stücke, die Markus nicht hat. Dazu gehören alle Geburts- und Kindheitserzählungen über Jesus, die Bergpredigt mit dem Vater-Unser und mehrere bekannte Gleichnisse Jesu. 5. Die Übereinstimmungen im Aufbau, in der Reihenfolge und im Wortlaut der Texte, aber auch die Unterschiede werden durch die sog. "Quellen-Theorie" erklärt. Danach ist das älteste das Markusevangelium. Es hat den Evangelisten Matthäus und Lukas vorgelegen, als sie ca. 10-20 Jahre später ihre Berichte über Jesus schrieben. Sie gebrauchten beide das Markusevangelium als Vorlage, vom dem sie den größten Teil wortwörtlich übernahmen. Sie erweiterten aber das Evangelium des Markus mit Berichten und Erzählungen über Jesus, die dem Markus wahrscheinlich noch nicht bekannt waren und die sie aus einer oder mehreren anderen schriftlichen Quellen übernahmen. Eine dieser Quellen, die Matthäus und Lukas gemeinsam benutzten, nennt man "Spruchquelle" oder "Logienquelle". Man kann davon ausgehen, daß diese Sammlung von Jesus-Worten ursprünglich ein selbständiges, kleines Buch gewesen ist, das aber verloren ging. Die Quellen, auf die die Evangelisten zurückgegriffen haben, sind naturgemäß wesentlich älter als die Evangelien und dürften zum großen Teil schon kurz nach dem Tode Jesu aufgezeichnet worden sein. 6. Die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas haben ihre Vorlagen aber nun nicht einfach abgeschrieben, sondern nach besonderen Gesichtspunkten bearbeitet. Sie haben alle auf unterschiedliche Weise die Berichte miteinander verknüpft, ihnen Einleitungs- und Überleitungssätze gegeben und bestimmte Worte Jesu in einen gedanklichen Rahmen hineingestellt. RU-Wissen und Meinung Bibel Zugänge zur Bibel (I)
Es gibt unterschiedliche Auffassungen über die Bedeutung und die richtige Auslegungsmethode der Bibel. 1. Die atheistische Sichtweise. Die atheistische Weltanschauung geht davon aus, daß (ein) Gott nicht existiert. Trotzdem hat die Bibel für manche Atheisten als religionsgeschichtliches Dokument eine große Bedeutung, da sie in einzigartiger Weise über die Entwicklung der jüdischen und christlichen Religion Auskunft gibt und da sie auf kultur- und geistesgeschichtlichem Gebiet eine Fülle interessanten Materials überliefert. Auch aus atheistischer Sicht sind in der Bibel viele schöne und menschlich erhabene Texte enthalten, die für alle Menschen auf der Erde eine lohnende Lektüre sein können (z. B. die Bergpredigt Jesu; die Psalmen; das Buch Hiob mit der Frage nach den Ursachen für das menschliche Leid). Die Bibel kann aber nach atheistischer Auffassung nicht "Gottes Wort" sein, da es Gott nicht gibt. 2. Die islamische Sichtweise. Die Bibel ist Vorläuferin des Koran. Durch Mose, die Propheten, durch Jesus und seine Jünger hat Gott seine Offenbarungen aufschreiben und den Menschen mitteilen lassen. Die haben aber im Laufe der Zeit wissentlich Gottes Wort verfälscht, indem sie Geschichten erfunden haben, die nicht auf Gott selbst zurückgehen. Vor allem haben sie Jesus, den Propheten Gottes, zu "Gottes Sohn" gemacht und damit Gott schwer beleidigt. Darum mußte Gott 600 Jahre später Mohammed, den größten und letzten Propheten, in die Welt senden. Durch ihn offenbarte Gott im Koran, der Wort für Wort von Gott stammt, den Menschen endgültig sein wahres Wesen und seinen Willen. Die Bibel ist damit überholt und außer Kraft gesetzt. 3. Die jüdische Sichtweise. Als Heilige Schrift gilt den Juden nur ein Teil der Bibel, nämlich das Alte Testament: die 5 Bücher Mose, die Prophetenbücher, die Psalmen usw. Das AT war auch die "Bibel" Jesu und zunächst auch der ersten christlichen Gemeinden. Die Christen fügten in den ersten drei Jahrhunderten n. Chr. die Schriften des Neuen Testamentes hinzu: die Evangelien, die Briefe der Apostel usw. In ihnen wird der Glaube an Jesus als Messias und Sohn Gottes verkündet. Von den Juden wurden und werden diese nicht als Glaubensgrundlagen anerkannt, weil sie Jesus nicht als Messias und Gottessohn ansehen.
Das Alte Testament ist aber ein wichtiges Bindeglied zwischen Juden und Christen und verweist auf die gemeinsamen Wurzeln ihres Glaubens. 4. Die Sichtweise der Zeugen Jehovas. Nach Meinung der ZJ ist die Bibel dadurch entstanden, daß Gott bestimmten auserwählten Menschen die biblischen Texte Wort für Wort diktiert hat. Alle Geheimnisse der Welt sind in der Bibel verborgen; Zukunft und Ende der Menschheit und des Kosmos können durch eifriges Bibelstudium entschlüsselt und berechnet werden. Gültiges und unverfälschtes Wort Gottes ist die Bibel aber nur in der Form, wie sie bei den ZJ in Gebrauch ist. Alle anderen Bibelübersetzungen und sogar die in hebräischer und griechischer Sprache überlieferten Urtexte sind von den Kirchen nach Ansicht der ZJ gefälscht. Zu diesen Verfälschungen gehören im besonderen die Überlieferungen über Jesu Tod und Auferstehung. Wie ein biblischer Text richtig zu verstehen ist, darüber hat nur die Leitung der Wachturm- Gesellschaft zu entscheiden. RU-Wissen und Meinung Bibel Zugänge zur Bibel (II)
Auch auf christlicher Seite gibt es unterschiedliche Auffassungen über die Bibel und die richtige Weise, die biblischen Texte auszulegen und zu verstehen: 1. Die fundamentalistische Sichtweise. Als fundamentalistisch bezeichnet man eine Glaubenshaltung, die sich in strenger Weise auf festgefügte Glaubens aussagen beruft und versucht, allein vom Glauben her alle Dinge in dieser Welt zu erklären und zu verstehen. Die Bibel ist nach dieser Auffassung Gottes unumstößliches Wort und vom ersten bis zum letzten Wort Gottes Offenbarung. Sie ist von Gottes Geist "inspiriert", (ja sogar diktiert). In der Bibel kann es keine Irrtümer und Widersprüche geben, da Gott sich nicht irren und sich selbst nicht widersprechen kann. Was in der Bibel steht, ist nicht nur vom Glauben her wahr, sondern es ist auch alles so "passiert" wie es geschrieben steht. Alles in der Bibel ist geschichtlich und naturwissenschaftlich wahr, auch wenn es anderen, modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu widersprechen scheint und die biblischen Aussagen (noch) nicht bewiesen werden konnten. 2. Die historisch-kritische Methode. So bezeichnet man eine Sichtweise und Auslegungsmethode der Bibel, die davon ausgeht, daß dem Menschen in der Bibel Gottes Wort begegnet, daß aber nicht Gott selber redet, sondern Menschen, die von ihrem Glauben an Gott und Christus Zeugnis ablegen. Dabei geht es ihnen nicht um geschichtliche und naturwissenschaftliche Wahrheiten, sondern allein darum, in den anderen Menschen den Glauben an Gott zu wecken und ihn darin zu bestärken. Um die biblischen Texte richtig zu verstehen, muß man nun versuchen herauszufinden, was der jeweilige Schreiber des Textes oder des biblischen Buches gemeint hat, in welcher Zeit er lebte und von welchen (vielleicht zeitlich bedingten) Vorstellungen er geprägt war. Erst hinter diesen menschlichen Vorstellungen, die für uns vielleicht nicht mehr von Bedeutung sind, wird Gottes Wort und sein Wille sichtbar. Da die Verfasser der biblischen Bücher zu ganz unterschiedlichen Zeiten lebten, sind auch viele ihrer Vorstellungen unterschiedlich, ja, sie widersprechen sich sogar an manchen Stellen. Diese Widersprüche in der Bibel braucht man nicht zu leugnen; sie sind erklärbar und verstehbar und können den Glauben an Gott und Christus nicht zerstören. 3. Die tiefenpsychologische Methode. Sie ist eine neue, moderne Auslegungsmethode und mit dem Namen Eugen Drewermann verbunden. Diese Methode sucht nicht nach naturwissenschaftlichen oder historischen Tatsachen in der Bibel. Sie befragt vielmehr die biblischen Texte nach ihren tieferen, hilfreichen Aussagen. Dabei muß man feststellen, daß die Bibel in vielen ihrer Erzählungen, Liedern oder Gleichnissen "Bilder" und Symbole gebraucht, die der menschlichen Seele tief eingepflanzt sind (so z. B. das Wasser, das Brot, das Schiff usw.). Diese haben nicht nur eine zeitliche Bedeutung, sondern verbinden Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten miteinander. In diesen hilfreichen, allen Menschen innewohnenden Symbolen und Bildern spricht Gott zu den Menschen, denen er damit vor allem Trost und Mut und Vertrauen zusprechen will. Bloße geschichtliche oder wissenschaftliche Tatsachen, - ob sie nun stimmen oder nicht - sind demgegenüber uninteressant und von untergeordneter Bedeutung. 4. Die feministische Sichtweise. Sie geht davon aus, daß die gesamte biblische Überlieferung von einer männlichen Sichtweise geprägt sei. Viele Texte der Bibel verfolgten das Ziel, patriarchalische Gesellschaftsstrukturen, in denen Frauen unterdrückt werden, festzuschreiben und mit göttlicher Autorität zu versehen. Dazu gehört auch die Tatsache, daß Gott nur männlich, als Vater-Gott gesehen wird. Daß die Bibel dennoch für Christinnen und Christen von hoher Bedeutung ist, liegt daran, daß sie auch von Jesus berichtet. Jesus verkündet das Reich Gottes und mit ihm die Umwertung aller Werte. Er hebt auch das tradierte männlich geprägte Menschenbild auf und verkündet eine Gemeinschaft, in der es keine Unterdrückung und folglich auch keine Diskriminierung von Frauen mehr gibt. RU-Wissen und Meinung Dritte Welt Entwicklungshilfe (I) 1. Unter Entwicklungshilfe versteht man die Unterstützung, die die reichen Länder der Erde ("Erste Welt") den armen, unterentwickelten Ländern ("Dritte Welt") zukommen lassen. Die Bezeichnungen "Erste Welt" und "Dritte Welt" sind umstritten, da sie von den Menschen in den ärmeren Ländern bisweilen als diskriminierend empfunden werden. Der Begriff "Dritte Welt" soll im folgenden dennoch verwendet werden, da er bei uns keineswegs in einem abwertenden Sinne gebraucht wird. 2. Seit mehreren Jahrzehnten haben Organisationen und Einrichtungen der Entwicklungshilfe Anstrengungen unternommen, die Armut in den Ländern der Dritten Welt zu bekämpfen. Zunächst glaubte man, durch schnelle Industrialisierung und Nachahmung der Industrienationen die Entwicklungsländer in die wirtschaftliche Unabhängigkeit führen und damit die Armutsprobleme lösen zu können. Das stellte sich aber bald als Illusion heraus; der Einsatz von westlichem Kapital und westlicher Technologie verringerte keineswegs die Kluft zwischen den armen und den reichen Ländern. Die meisten Länder der Dritten Welt sind noch bis in das nächste Jahrhundert hinein auf die Hilfe der Industrienationen angewiesen, zum Teil in steigendem Maße. 3. Die Gründe dafür, daß viele Länder der Erde von Armut und Hunger bedroht sind, sind vielfältig. Zu nennen sind im besonderen:
·
Naturkatastrophen wie jahrelange Dürre (Sahelzone) oder Überschwemmungen (Banglah-Desh).
·
Hohe Geburtenrate und Überbevölkerung
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Fehler in der Wirtschafts-Planung in der Vergangenheit: Industrialisierung anstelle von
Landwirtschaftsentwicklung. Die Förderung industrieller Großprojekte und die Vernachlässigung der Landwirtschaft führte zur Zerstörung von Versorgungsstrukturen).
·
Flüchtlingselend, verursacht durch Hungersnöte, Kriege, religiöse, politische und rassistische
Verfolgungen
·
Zerstörung der ökologischen Grundlagen; z.B. des Regenwaldes; Versteppung ursprünglich fruchtbarer
Böden
·
Zerstörung traditioneller Lebensformen und Wirtschaftsstrukturen schon in der Zeit des Kolonialismus
und durch den zivilisatorischen Einfluß Europas, Nordamerikas und Japans in der heutigen Zeit
·
Unsinnige Rüstungsausgaben, oft in Absprache und Zusammenarbeit mit den Regierungen der reichen
Länder
·
Ausbeutung der ärmeren Bevölkerungsteile durch diktatorische Regierungen
·
Staatliche Verschuldung gegenüber den reichen Ländern. Manche Entwicklungsländer müssen mehr
Geld an die Geberländer zurückzahlen als sie durch Entwicklungshilfe einnehmen.
·
Ungerechte Strukturen der Weltwirtschaft; ungerechte Preise für die Produkte der Dritten Welt: z.B.
Billig-Preise für Kaffee und Bananen in den Industrieländern bei Hungerlöhnen für die Landarbeiter in den Produktionsländern. 4. Viele Entwicklungsländer befinden sich dabei in einem Teufelskreis: die einzelnen Faktoren verursachen andere Faktoren und werden von diesen selbst wieder verursacht. Beispiel: Wenn ein Mensch arm ist und nichts zu essen hat, wird er unterernähert sein. Das wird seinen Gesundheitszustand verschlechetrn. Da er nun körperlich schwächer geworden ist, läßt seine Arbeitskraft nach, was andererseits bedeutet, daß er ärmer wird. Das wiederum heißt, daß er noch weniger zu essen hat, usw. RU-Wissen und Meinung Dritte Welt Entwicklungshilfe (II) 1. Entwicklungshilfe an die Staaten der Dritten Welt wird durch Staaten und deren Regierungen, aber auch von den Kirchen und unabhängigen humanitären Organisationen geleistet. Dabei sind die Motive, Hilfe zu leisten, unterschiedlich. 2. Staatliche Entwicklungshilfe wird im wesentlichen von wirtschaftspolitischen Überlegungen geleitet. Das Ziel staatlicher Entwicklungshilfe ist es, für die eigene Wirtschaft Absatzmärkte zu schaffen und durch Wirtschafts-und Handelsbeziehungen den politischen Einfluß zu sichern. Darüberhinaus spielt auch die Erkenntnis eine Rolle, daß in den reichen Industrieländern der eigene wirtschaftliche Standard nur gehalten werden kann, wenn es in der Welt ein Mindestmaß von wirtschaftlicher Gerechtigkeit und sozialem Frieden gibt. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich daher den Vereinten Nationen gegenüber verpflichtet, 0,7% ihres Brutto-Sozialproduktes für Entwicklungshilfe einzusetzen. (Z. Zt. zahlt sie aber nur 0,3%; sie kommt also ihren Verpflichtungen gegenüber der UNO nicht nach). 3. Entwicklungshilfe wird in unterschiedlichen Formen und auf unterschiedlichen Gebieten geleistet: a. Katastrophenhilfe. Im akuten Stadium des Hungers, vor allem bei Dürrekatastrophen, kann oft nur die schnelle Einfuhr und Verteilung von Lebensmitteln weiterhelfen. Dennoch ist die direkte Nahrungsmittelhilfe eine sehr problematische Maßnahme; sie kann die einheimische Landwirtschaft auf die Dauer ruinieren und somit langfristig den Hunger vergrößern. b. Förderung von landwirtschaftlichen Projekten. Ziel ist es, die Selbstversorgung der Entwicklungsländer durch Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge sicherzustellen. Geholfen wird durch Ausbildung der Bauern, durch Einführung neuen Saatgutes, durch Errichtung von Musterfarmen und durch Verbesserung der Absatzmöglichkeiten der landwirtschaftlichen Produkte in den Ländern selbst (Gründung von landwirtschaftlichen Genossenschaften) c. Medizinische Hilfe. Dazu gehören Bemühungen um die Sicherstellung einer medizinisch/ärztlichen Grundversorgung der Bevölkerung durch den Bau von Krankenstationen, durch bessere Ausstattung der Hospitäler, Errichtung von Krankenpflegeschulen und durch Ausbildung von Männern und Frauen auf dem Gebiet der Sozialmedizin (Familienplanung). d. Technologietransfer (=Übertragung von technischen Kenntnissen). Dabei hat es sich als sinnvoll erwiesen, nicht in erster Linie Hightec-Produkte in die Entwicklungsländer zu liefern, sondern an Ort und Stelle Produkte zu entwerfen und herzustellen, die den Bedürfnissen des Landes entsprechen (sog. angepaßte Technologie). e. Förderung von Bildungseinrichtungen. Unterstützt werden Projekte zur Erwachsenenbildung ( z.B. Alphabetisierungsprogramme), die Einrichtung von Grund- und Mittelschulen und der Bau von Internaten. Ebenso wird die Ausbildung von einheimischen Lehrern im In- und Ausland gefördert. 4. Ziel aller Entwicklungshilfe sollte sein, ein Land in die Lage zu versetzen, eigenständig für die Lebenssicherung seiner Bewohner sorgen zu können und ein gleichwertiger und gleichberechtigter Partner im Weltwirtschaftsgefüge zu werden. Deswegen gilt für viele Projekte, die durch einzelne Länder wie auch durch Organisationen der UN gefördert werden, der Grundsatz der "Hilfe zur Selbsthilfe". RU-Wissen und Meinung Dritte Welt Grundsätze kirchlicher Entwicklungshilfe 1. Kirchliche Entwicklungshilfe verfolgt keine Eigeninteressen wirtschaftlicher Art. Sie hat ausschließlich religiös und humanitär begründete Motive. Nach christlich-biblischem Verständnis ist Gottes Wille auf eine heile, friedvolle, gerechte Welt gerichtet, in der der Mensch menschenwürdig leben kann. Alle Menschen, ungeachtet ihrer Rasse, ihrer Religion und ihres Geschlechtes, sind Geschöpfe Gottes mit den gleichen Rechten. Sie sind Schwestern und Brüder, die, dem Liebesgebot Jesu entsprechend, zu Verantwortung füreinander und zu gegenseitiger Hilfe aufgerufen sind. 2. Das Heil, das Gott meint, bezieht sich auf den ganzen Menschen in seiner körperlich-geistig-seelischen Einheit. Kirchliche Entwicklungshilfe ist darum nur als ein Teil des umfassenden Auftrages der Kirche zu sehen, das Reich Gottes in dieser Welt zu verkünden. Dabei ist das Wort Jesu zu bedenken: Der Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das durch den Mund Gottes geht". 3. Kirchliche Entwicklungshilfe hat gegenüber der staatlichen den Vorteil, die Hilfe den Betroffenen meist direkt zukommen lassen zu können. Während staatliche Hilfe vor allem an Großprojekten interessiert ist, ist kirchlicher Entwicklungsdienst basisorientiert. Er wird meist in Zusammenarbeit mit den Kirchen und ihren Gemeinden vor Ort organisiert. Dabei kommen den Kirchen ihre weltweiten persönlichen und organisatorischen Beziehungen in der Dritten Welt und ihre Erfahrungen in der Missionsarbeit zugute. Da die Menschen so in ihren Lebenszusammenhängen besser erreicht werden, ist in vielen Fällen kirchliche Hilfe effektiver als staatliche. 4. Folgende Grundsätze bestimmen die entwicklungspolitischen Bemühungen der Kirchen und ihrer Organisationen: a. Sogenannte Randgruppen, wie Alte, Kranke, Behinderte, ethnische Minderheiten, Diskriminierte dürfen nicht übersehen, sondern sollen in besonderer Weise gefördert werden. b. Kirchliche Entwicklungshilfe darf nicht dazu führen, daß unsoziale und ungerechte Strukturen in den Empfängerländern massiv gestützt werden. Sie darf nicht dazu beitragen, daß privilegierte, reiche Schichten in den Entwicklungsländern von den Geldern der Entwicklungshilfe profitieren. Zwar ist es dem kirchlichen Entwicklungsdienst verwehrt, Gewaltmaßnahmen zur Beseitigung von Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu unterstützen, jedoch muß er ungerechte Herrschaftsverhältnisse beim Namen nennen und sich auf die Seite derer stellen, die unter ungerechten Verhältnissen leiden. c. Kirchliche Entwicklungshilfe bezieht sich auf den ganzen Menschen und kann nicht bei bürokratisch- materieller oder Bildungshilfe stehen bleiben. Wo den Menschen ihre Menschenrechte vorenthalten werden und Menschenrechtsverletzungen zu Verfolgung, Unterdrückung und Verelendung führen, kann materielle Hilfe allein keine Verbesserung der Lage bringen. Weltweite Solidarität und Anprangerung des Unrechts in der Weltöffentlichkeit sind dann notwendige Mittel, den betroffenen Menschen zu helfen. d. Kirchliche Entwicklungshilfe sieht ihre Aufgabe auch in der Information und Aufklärung über die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Tatsachen und Probleme der Entwicklungsländer. Bei ihrer Werbung um Unterstützung und Spenden darf es ihr nicht nur um Weckung von Mitleid und Barmherzigkeit gehen, sondern auch um Aufklärung und wahrheitsgetreue Darstellung der konkreten Lebensverhältnisse der Menschen in der Dritten Welt. e. Kirchlicher Entwicklungsdienst fragt nach den Ursachen von Not und Armut. Dabei wird auch das Verhalten der Menschen in den Ländern der Ersten Welt kritisch hinterfragt. Angesichts der immer größeren Kluft zwischen armen und reichen Ländern und den sichtbar gewordenen Grenzen des Wirtschaftswachstums müssen wir uns fragen, ob nicht die reichen Länder ihren Konsum an Nahrungsmitteln und den exzessiven Verbrauch von Rohstoffen im Interesse weltweiter sozialer Gerechtigkeit reduzieren müssen. RU-Wissen und Meinung Dritte Welt Kirchliche Entwicklungshilfe: Organisationen 1. Auf evangelischer Seite sind u.a. folgende Organisationen auf dem Gebiet der Entwicklungshilfe tätig: a. "BROT FÜR DIE WELT" (BfdW). Unter diesem Motto riefen im Jahre 1959 alle deutschen evangelischen Landeskirchen erstmals zu einer - zunächst als einmalige Sammlung gedachten - Spendenaktion zur Bekämpfung der akuten Hungerkatastrophen in der Welt auf. Das Ergebnis brachte die höchste Kollekte, die bis dahin je in den evangelischen Kirchen gesammelt worden war. Es wurde aber bald deutlich, daß die Aufgabe, die man sich gestellt hatte, nicht durch eine einmalige Sammelaktion zu lösen war. Deshalb wurde BfdW als ständige Hilfsorganisation gegründet, die nicht nur in akuten Katastrophenfällen helfen, sondern durch längerfristige Entwicklungsprojekte auch die Ursachen der Armut und Unterentwicklung bekämpfen will. BfdW fördert seitdem weltweit in allen Kontinenten Entwicklungsprojekte in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, hilft mit bei der Sicherung der medizinischen Grundversorgung, unterstützt Bildungs- und Ausbildungsprojekte und kümmert sich um die Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Alle Hilfe soll nach Auffassung von BfdW als "Hilfe zur Selbsthilfe" geleistet werden. Sie darf die Empfänger nicht in Abhängigkeit vom Geber bringen. Die Hilfsprojekte werden nur in Absprache und in Übereinstimmung und auf Antrag der Empfänger durchgeführt. Über diese Hilfe in den Entwicklungsgebieten der Erde hinaus haben die breit angelegten, intensiven Werbekampagnen von Aktion "BfdW" dazu beigetragen, daß die Probleme der Dritten Welt und die Aufgaben der Entwicklungshilfe stärker in das Bewußtsein der Menschen in unserem Lande rückten.
BfdW finanziert seine Projekte aus freiwilligen Spenden, aus Gottesdienst-Kollekten und Zuschüssen von Seiten der evangelischen Kirchen und des Staates. Die Verwaltungskosten werden aus Kirchensteuermitteln bezahlt. Das Spendenaufkommen für BfdW betrug im Jahr 1990 fast 100 Millionen DM. b. "KINDERNOTHILFE". Im Mittelpunkt dieser evangelischen Spenden- und Hilfsorganisation steht die Hilfe für notleidende Kinder in der Dritten Welt. Von der "Kindernothilfe" werden vor allem Partnerschaften zwischen Einzelpersonen oder Familien in Deutschland mit Kindern in den Entwicklungsländern vermittelt. Ziel ist es, eine persönliche Beziehung und Bekanntschaft z.B. durch Briefkontakte zwischen Gebern und Empfängern herzustellen. Unterstützt werden soll dabei die Ausbildung dieser Kinder und ihre Unterbringung und Versorgung in Internaten und Schulen. In Zusammenarbeit mit kirchlichen Gemeinschaften vor Ort wird durch die "Kindernothilfe" auch der Bau und der Unterhalt von Kindergärten gefördert. Ein Vorteil dieser Art persönlicher, partnerschaftlicher Hilfe ist die Tatsache, daß der Spender in den meisten Fällen genau sieht, wo sein Geld eingesetzt wird und für wen und in welchem Maße es Hilfe bringt. c. "DIENSTE IN ÜBERSEE" (DÜ). Diese von den Evangelischen Kirchen getragene, im Jahre 1960 gegründete Organisation hat die Aufgabe, Fachkräfte in Deutschland für den Entwicklungsdienst zu gewinnen. Diese Fachkräfte werden für eine begrenzte Zeit (meist für drei Jahre) in bestimmten Projekten in der Dritten Welt eingesetzt. Gesucht und eingestellt werden von DÜ Landwirtschaftsberater/innen, Ärzte/Ärztinnen, Krankenpflegepersonal, Lehrer und Lehrerinnen, Handwerker, Techniker usw. DÜ kümmert sich um die Vorbereitung, Betreuung und auch um die Rückgliederung dieser kirchlichen Entwicklungshelfer/innen. Seit Gründung von DÜ wurden fast 2000 Fachkräfte für den Entwicklungsdienst vermittelt. 2. Auf katholischer Seite entstand zur gleichen Zeit wie "Brot für die Welt" und mit derselben Zielsetzung das Hilfswerk "MISEREOR". Die von den deutschen katholischen Bischöfen gegründete Aktion "ADVENIAT" will vor allem die Sozial- und Entwicklungsarbeit der Kirchen in Lateinamerika unterstützen. RU-Wissen und Meinung Dritte Welt Entwicklungshilfe: Fragen - Antworten (I) 1. Haben wir nicht selbst genug Arme im eigenen Land?
Ja, auch in unserem Land gibt es soziale Not. Sozialhilfeempfänger, Langzeitarbeitslose, eine wachsende Schar von Obdachlosen, viele alte Menschen, deutsche und ausländische Jugendliche ohne Berufsaussichten, aber auch politische Flüchtlinge stehen auf der Schattenseite unserer Wohlstandsgegesellschaft. Der Staat, die Kirche und viele gesellschaftliche Gruppen versuchen für die bei uns lebenden Bedürftigen ein soziales Netz zu knüpfen.
Es ist aber nicht richtig, im Blick auf die Sorgen im eigenen Land den Ärmsten in der Welt unsere Hilfe zum verweigern. Wir wissen, daß täglich Tausende von Menschen, meist Kinder, den Hungertod sterben. Sie sind Menschen wie wir auch. Aus humanitären und religiösen Gründen dürfen wir nicht so tun, als gingen uns diese Menschen nichts an. Die finanziellen Mittel, anderen Ländern bei der Versorgung ihrer Bevölkerung zu helfen, sind in unserem Staat, der einer der reichsten der Erde ist, vorhanden. 2. Kommen die Spendengelder auch wirklich an?
Diese Frage ist berechtigt, und man kann die Geldspender gar nicht genug ermutigen, kritisch zu fragen, was mit ihrem Geld geschieht. Es hat sich in der letzten Zeit herausgestellt, daß es unter den Spendensammlern viele unseriöse Unternehmen gibt, die in betrügerischer Absicht "absahnen" und das gespendete Geld vor allem in die Verwaltung ihrer Organisation, also in die eigene Tasche fließen lassen. Ob eine Organisation seriös arbeitet, kann man daran erkennen, ob sie ihre Finanzen offenlegt und sich durch eine unabhängige Kommission kontrollieren läßt. Kirchliche Organisationen wie "Brot für die Welt" oder "Misereor" sind dazu verpflichtet. Bei ihnen kann man sicher sein, daß keine Gelder veruntreut werden, in irgendwelche dunkle Kanäle fließen oder in der "Verwaltung" landen.
Wer Geld für ein Entwicklungshilfeprojekt spendet, sollte sich aber im klaren darüber sein, daß es keine Garantie für das Gelingen eines Projektes geben kann, auch nicht beim besten Willen der Organisation und ihrer Entwicklungshelfer. Plötzliche kriegerische Auseinandersetzungen, Dürreperioden, Regierungswechsel im Entwicklungsland oder auch schlichte Planungsfehler haben schon manches hoffnungsvolle Entwicklungsprojekt mißlingen lassen. 3. Verursacht eine hohe Geburtenrate die Armut?
Die Armut in der Dritten Welt ist nicht einfach mit dem Schlagwort der Bevölkerungsexplosion zu erklären. Eine differenzierte Betrachtung ist nötig. Für manche Länder trifft es zu, daß entwicklungspolitische Bemühungen durch ein rasantes Wachstum der Bevölkerung zunichte gemacht werden. Dieses unkontrollierte Wachstum ist eine Folge von mangelnder Bildung und Aufklärung. Es hat zu tun mit der Armut der Menschen selbst, denen keine Mittel zur Familienplanung zur Verfügung stehen. Empfängnisverhütung wird oft auch aus religiösen Gründen abgelehnt. Es hat sich gezeigt, daß es für Entwicklungsorganisationen und ihre Helfer dringend geboten ist, zurückhaltend, behutsam und taktvoll an dieses Problem heranzugehen.
Meist ist die große Kinderzahl nicht die Ursache, sondern die Folge der Armut. In den Entwicklungsländern arbeiten mehr als 80% der Menschen in der Landwirtschaft. Die Kinder müssen unter oft harten Arbeitsbedingungen mithelfen, den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Erst wenn die Kinder als Arbeitskräfte nicht mehr gebraucht werden, erst wenn die Alten und Kranken sozial abgesichert sind, kann es sich eine Familie leisten, weniger Kinder zu haben.
In den letzten Jahren hat sich in Ostafrika das Problem umgekehrt. Durch die rasante Ausbreitung von AIDS ist es inzwischen in vielen Landstrichen zu einem Mangel an arbeitsfähigen Erwachsenen gekommen. Beide Elternteile unzähliger Kinder sind gestorben und haben ihre Kinder unversorgt zurückgelassen. Diesen Gebieten droht inzwischen eine Entvölkerung. RU-Wissen und Meinung Dritte Welt Entwicklungshilfe: Fragen - Antworten (II) 1. Kann Entwicklungshilfe auch schaden?
Ja, unter bestimmten Umständen. Es besteht z.B. die Gefahr, daß in Ländern mit einer Diktatur durch Wirtschaftshilfe eine Regierung sich an der Macht halten kann, die gar kein tieferes Interesse an der Überwindung von Armut und Hunger hat. Durch Unterstützung einer falschen Landwirtschaftspolitik kann die Umwelt in den Entwicklungsländern unumkehrbar zerstört werden. Entwicklungshilfe kann die Abhängigkeit der Empfänger von den Geldgebern verstärken.
Staatliche Entwicklungshilfe steht außerdem in der Gefahr, möglichst große und teure Projekte zu fördern, wie den Bau von Staudämmen, Atomkraftwerken, Stahlwerken usw. Diese Projekte dienen dann weniger der Entwicklung des Empfängerlandes als den meist europäischen Firmen, die diese Projekte bauen. Das Entwicklungshilfe-Geld, mit dem diese Großprojekte finanziert werden, fließt also wieder in das Geberland zurück. Es hat sich oft herausgestellt, daß dann diese Großprojekte den Entwicklungsländern wirtschaftlich, finanziell und ökologisch mehr Schaden als Nutzen brachten. 2. Sollten die Entwicklungsländer nicht erst einmal auf Rüstung verzichten?
Rüstung verhindert die weltweite Überwindung von Hunger und Armut. Sie bedroht das Leben. Sie verschwendet Geld, Arbeitskraft und Rohstoffe, die für Wachstum und soziale Entwicklung gebraucht würden. Rund 900 Milliarden Dollar fließen jährlich weltweit in die Rüstungsproduktion. Wer damit das Spendenaufkommen eines Jahres für "Brot für die Welt" vergleicht (100 Millionen DM; das ist weniger als ein (!) Jagdbomber der Bundeswehr kostet), der kann sich fragen, ob spenden überhaupt noch Sinn hat. Leider beteiligen sich auch die Regierungen vieler Entwicklungsländer (aus Sicherheits- und Prestigegründen) am unsinnigen Rüstungswettlauf und geben für Waffen mehr Geld aus als für Gesundheit und Bildung. Dafür kann man aber diese Länder nicht allein verantwortlich machen, sondern auch die Industriestaaten, die sich durch Waffenproduktion und -verkauf Macht und Einfluß in der Welt sichern wollen. 3. Schadet unser Lebensstandard den armen Ländern?
Viele Menschen bei uns wehren sich dagegen, hier überhaupt einen Zusammenhang festzustellen. Und doch liegt klar zu Tage, daß da eine enge Beziehung besteht zwischen dem Verbrauch bestimmter Nahrungsmittel und Rohstoffe bei uns und den großen Problemen der wirtschaftlichen Entwicklung in den Ländern der Dritten Welt. Am besten läßt sich das verdeutlichen am Handel mit Kaffee, Tee und Früchten wie Bananen und Ananas, die wir aus der Dritten Welt beziehen. Bei uns werden die Produkte zu einem Preis angeboten, der sie für alle Bevölkerungsgruppen erschwinglich macht. Supermärkte, Handelsketten, Großmärkte, die Transporteure, sie alle verdienen am Handel mit diesen Produkten. Am allerwenigsten, nämlich in der Tat Hungerlöhne, bleibt für die Menschen in den Plantagen der Dritten Welt übrig; obwohl diese Menschen hart arbeiten, haben sie einen geringen Lebensstandard und können ihre Kinder kaum ernähren oder zur Schule schicken.
Es könnte den Menschen in der Dritten Welt viel besser gehen, wenn wir bereit wären, ihnen für ihre Produkte gerechte Preise zu zahlen. Ziel vieler, vor allem kirchlicher Entwicklungsgesellschaften ist es, die Menschen in den Industriestaaten über diese Zusammenhänge aufzuklären und für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung zu werben. RU-Wissen und Meinung Dritte Welt Kolonialismus (I): Die "Entdeckung" Amerikas 1. Das Zeitalter des Kolonialismus begann vor 500 Jahren, im Jahr 1492, als Christoph Kolumbus, im Auftrag der spanischen Herrscher, versuchte, auf dem Seeweg nach Westen Indien und China zu erreichen. Ungewollt entdeckte er dabei den amerikanischen Kontinent, als er am 12. Oktober 1492 nach 10-wöchiger Atlantiküberquerung auf der Insel Hispaniola landete. Für die indianische Bevölkerung, die die unbekannten Ankömmlinge zunächst freundlich begrüßte, begann von da an ein Leidensweg, der zur Vernichtung großer Völker und ihrer Kulturen durch die Europäer führte. 2. Die Gier nach materiellen Reichtümern, vor allem nach Gold, war von Anfang an das treibende Motiv dieser aggressiven Eroberungszüge der Spanier und bald auch anderer europäischer Völker im neuentdeckten Amerika. Jahr für Jahr segelten Tausende Europäer, schwer bewaffnet, mit Pferden und Kampfhunden über den Atlantik. Die Völker Mittel- und Südamerikas, untereinander zerstritten, wurden eine leichte Beute der waffentechnisch überlegenen Europäer: 3. Im Jahr 1521 vernichtete der Spanier Hernan Cortes mit einem verhältnismäßig kleinen Heer das große und kulturell hochstehende Reich der Azteken im heutigen Mexiko. Die wunderschöne Stadt Tenochtitlan wurde erobert und vollkommen zerstört, die Bevölkerung fast ganz ausgerottet. Christliche Priester und Patres ließen alle greifbaren Kunstwerke, Götterbilder und Kunstgegenstände, den Inhalt der Bibliotheken und damit die ganze Substanz der vorgefundenen Kultur zerstören. Auf den Trümmern Tenochtitlans wurde die Hauptstadt des neuen Spanischen Vize-Königreiches, Mexiko, errichtet. 4. Zehn Jahre später entdeckte Francesco Pizarro, einer der vielen spanischen Abenteurer, auf seinen Beutezügen durch Südamerika das Inka-Reich und eroberte es fast kampflos. Den Reichtum des Landes transportierten später die "Silberflotten" nach Spanien. Allein in der Zeit zwischen 1550 und 1580 wurden 125.000 Zentner Gold und 5 Millionen Zentner Silber aus dieser Gegend Südamerikas nach Spanien gebracht. 5. Zu der schweren Arbeit in den Silberminen zwangen die Spanier die Indianer. Sie wurden so grausam behandelt, daß ganze Stämme und Völker ausstarben. Die Gier nach Reichtum und der Zivilisationshochmut der Europäer führten zu einer Katastrophe für diese Völker. Bevor die europäischen Eroberer auftauchten, lebten in Südamerika ca. 70-90 Millionen Menschen (vor allem Azteken und Inkas). 150 Jahre später waren sie auf nur 3,5 Millionen zusammengeschmolzen. Ausgerottet wurden viele Völker nicht allein durch Waffengewalt, sondern auch durch Krankheiten, die die Europäer nach Amerika einschleppten. 6. Priester und Missionare begleiteten von Anfang an die spanischen Eroberungsheere. Sie hatten den Auftrag, die Bewohner der Neuen Welt zu missionieren und zu christianisieren. Das geschah aber weniger durch Evangelisation und Predigt als durch Gewaltanwendung und Drohung, durch Zwangs- und Massentaufen. Zu den wenigen, die dagegen protestierten, gehörte der Dominikanerpater Bartolome de las Casas. Er versuchte vergebens, die Greueltaten der Spanier in ihren amerikanischen Besitzungen zu unterbinden. In einer seiner weitverbreiteten Protest-Schrift aus dem Jahr 1545, die in Europa weithin Entsetzen über die Greueltaten der Spanier auslöste, schreibet er:
"Über diese sanftmütigen Menschen kamen nun die Spanier wie grausame Wölfe, Tiger und Löwen, die man tagelang hat hungern lassen. Sie haben in diesen vierzig Jahren bis zum heutigen Tage nichts anderes getan, als zerreißen, töten, ängstigen, quälen, foltern und vernichten, auf jede nur denkbare, nie gehörte, nie erlebte Art äußerster Grausamkeit. Und das alles in solchem Maße, daß auf der Insel Haiti von drei Millionen Seelen, die zu unserer Zeit dort gelebt haben, heute keine 200 Eingeborenen mehr da sind. Die Insel Kuba ist heute fast entvölkert. Als ziemlich sicheres und wahrscheinliches Ergebnis kann man annehmen, daß in den genannten vierzig Jahren durch diese tyrannischen und teuflischen Taten mehr als zwölf Millionen Seelen, Männer, Frauen und Kinder, getötet worden sind." RU-Wissen und Meinung Dritte Welt Kolonialismus (II): Die "Entdeckung" Amerikas 1. Viele wirtschaftliche und kulturelle Probleme der Länder der Dritten Welt haben ihren Ursprung in der Zeit des Kolonialismus. Die Eroberung weiter Teile der Welt durch die Europäer begann schon im 15. Jahrhundert, als spanische und portugiesische Seefahrer den Seeweg nach Indien fanden und Christoph Kolumbus den amerikanischen Kontinent entdeckte. 2. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurden große Gebiete der außereuropäischen Welt unter den stärksten Ländern Europas aufgeteilt. Dazu gehörten an erster Stelle England und Frankreich, aber auch das Deutsche Reich, die sich große Teile Asiens und Afrikas einverleibten, die Völker militärisch beherrschten und ausbeuteten. Willkürlich wurden die Grenzen der Kolonialländer auf dem Reißbrett gezogen, ohne Rücksicht zu nehmen auf traditionelle Grenzen der Stammesgebiete und auf Gefühle der Zusammengehörigkeit. Viele Menschen wurden ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Um medizinische Versorgung und um schulische Ausbildung der Bevölkerungen kümmerten sich die staatlichen Kolonieverwaltungen nur selten; meist wurde diese Arbeit den Kirchen und Missionsgesellschaften überlassen. 3. Aufs Ganze gesehen brachte der europäische Kolonialismus für viele Völker in der Welt
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den Verlust ihrer staatlichen Unabhängigkeit auf viele Jahrzehnte. Sie wurden von den europäischen
"Mutterländern" aus meist durch Vizekönige o.ä. regiert, die ihre Macht in vielen Fällen durch brutalen Militäreinsatz sichern mußten.
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die Zerstörung ihrer eigenständigen Kultur und der gewachsenen gesellschaftlichen Strukturen, die
Auflösung der Stammes- und Familienverbände
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die Auflösung des traditionellen Rechtssystems und den Zwang unter europäisches Rechtsdenken;
verbunden war damit eine große Rechtsunsicherheit unter der einheimischen Bevölkerung.
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den Niedergang der Wirtschaft und Ausbeutung der Bodenschätze. Wälder wurden rücksichtslos
gerodet, auf den fruchtbarsten Böden wurden Plantagen zum Anbau von Exportgütern für Europa errichtet.
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die Zerstörung der Umwelt, u.a. durch rücksichtslosen Raubbau an den Wäldern und durch Anpflanzen
von Monokulturen. In vielen Gebieten wurden der einheimischen Bevölkerung die Ernährungsgrundlagen entzogen und eine Abhängigkeit von Lebensmittelimporten geschaffen. 4. Das Verhältnis der Kolonialherren zur einheimischen Bevölkerung war im wesentlichen durch Ungerechtigkeit, Demütigung, Willkür, Rassismus und weitgehend auch durch Sadismus bestimmt (Auspeitschen, Prügel, Folter, bewußter Einsatz von Alkohol). Unterwürfigkeit, Verelendung und Verwahrlosung waren vor allem bei vielen Völkern Afrikas die Folgen. 5. Wo Völker Widerstand gegen die Kolonialherren leisteten, wurden sie bekriegt und zum Teil ausgerottet. Systematisch wurde die Widerstandskraft der Einheimischen durch Alkohol gebrochen. Allein in den dünnbesiedelten deutschen Kolonialgebieten in Afrika kamen bei Eroberungsfeldzügen und Strafexpeditionen mehr als eine halbe Million Menschen um. In Deutsch-Süd-West-Afrika wurde der Volksstamm der Hereros fast ganz ausgerottet (1903-1904), indem man die Bevölkerung, vor allem die Frauen und Kinder, in die Wüste trieb, wo sie elend umkamen. 6. Das Verhältnis der europäischen Länder zu denen der Dritten Welt ist zum großen Teil auch heute noch durch die Vergangenheit bestimmt und belastet. RU-Wissen und Meinung Dritte Welt Sklaverei 1. Die Sklaverei war wesentlicher Bestandteil der wirtschaftlichen und kulturellen Ordnung der alten griechisch/römischen Gesellschaft. Auch fast überall in Afrika und in vielen asiatischen Ländern war Sklaverei seit alters her üblich und selbstverständlich. Sklave zu sein bedeutet, in seiner ganzen Person Eigentum eines anderen Menschen zu sein und dessen Verfügungsgewalt zu unterstehen. Der Sklave ist eine Sache wie dinglicher Besitz oder ein Haustier; er besitzt kein Eigentum, selbst nicht an seinen Kindern und ist weitgehend rechtlos. 2. Auch in der Bibel wird die Sklaverei als gesellschaftliche Institution vorausgesetzt und nirgends als solche zum Problem gemacht oder als ungerecht verurteilt. Auch von Jesus ist kein Wort überliefert, das die Sklaverei grundsätzlich in Frage stellt. Dasselbe gilt für Paulus, der die Sklaven aufruft:" ... seid gehorsam euren irdischen Herrn. ... Tut euren Dienst mit gutem Willen ..." (Epheserbrief, 6). Allerdings wird in den frühchristlichen Gemeinden die strikte Trennung zwischen Sklaven und Herren relativiert und aufgehoben, da Herr und Sklave in gleicher Weise Gott unterstehen und es vor ihm keinen Unterschied in der Person gibt. Sklaven wurden nicht mehr als Sache betrachtet, sondern als Menschen gewürdigt, wenn man auch an ihrer rechtlichen Unterordnung nichts änderte. 3. Mit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahre 1492 begann zunächst die Versklavung der indianischen Bevölkerung, deren Arbeitskraft brutal ausgebeutet wurde. Millionen von Menschen mußten ihr Leben lassen, so daß es bald in den spanischen Kolonien in Mittel- und Südamerika an Arbeitskräften mangelte. Um den Bedarf zu decken, machten zuerst spanische und portugiesische Kaufleute, später vor allem arabische Sklavenjäger mit bewaffneten Truppen Jagd auf die schwarze Bevölkerung an der Westküste Afrikas. Man brachte die Gefangenen unter den schlimmsten Bedingungen über den Atlantik, wobei mehr als die Hälfte unterwegs starb. Krank und halbtot kamen die Überlebenden im anderen Kontinent an. Dort verkaufte man die Gefangenen als Sklaven an die Plantagen- und Bergwerksbesitzer. Vom Beginn des 16. Jahrhunderts an bis zum Verbot des Sklavenhandels im 19. Jahrhundert wurden ca. 10 bis 15 Millionen Afrikaner nach Mittel-, Süd- und später auch nach Nordamerika gebracht. 4. Schon mit Beginn der brutalen Versklavung der indianischen Bevölkerung erhob sich auch der Protest dagegen. Unter dem Druck des einflußreichen spanischen Ordensgeistlichen Las Casas und anderer Missionare erließ der spanische Kaiser Karl V. im Jahr 1542 einige Gesetze, die unter anderem ein Verbot von Versklavung und einiger Formen von Zwangsarbeit vorsahen. Nach drei Jahren mußte er aber diese Gesetze widerrufen, weil die weißen Siedler und auch die christlichen Orden ihre Existenz in Amerika gefährdet sahen. Es half wenig, daß sich in den Jahrhunderten nach der Entdeckung Amerikas die Kirchen immer wieder einmal gegen den Sklavenhandel aussprachen. 5. Der erste wirksame Protest gegen die Sklaverei ging um 1770 von englischen Quäkern aus. 1772 verbot ein Richter die Sklaverei im englischen Mutterland, aber erst 1833 wurden alle Sklaven in den britischen Kolonien freigelassen. Frankreich folgte 1848. In den USA proklamierte Präsident Abraham Lincoln 1863 die Aufhebung der Sklaverei; Papst Gregor XVI verbot 1839 den Sklavenhandel für alle Katholiken. 6. Trotz dieser Verbote gab es Sklaverei und Sklavenhandel bis ins 20. Jahrhundert hinein. Erst 1926 wurde eine Völkerbundskonvention gegen die Sklaverei abgeschlossen. 1956 erfolgte eine entsprechende Erklärung durch die UNO. In Art. 4 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrecht von 1948 wird Sklaverei und Sklavenhandel in allen Formen verboten. RU-Wissen und Meinung Dritte Welt Frauen in der Dritten Welt: Problemanzeige
Die meisten Probleme, unter denen Menschen in der Dritten Welt zu leiden haben, stellen sich für Frauen besonders hart. Obwohl die Dritte Welt weder politisch noch wirtschaftlich oder kulturell eine Einheit ist, gelten für sie folgende Merkmale: 1. Schlechte wirtschaftliche Bedingungen. Sie sind der Grund für die hohe Arbeitslosigkeit. Da Frauen im allgemeinen einen geringeren Ausbildungsstand haben, sind sie von der Arbeitslosigkeit besonders betroffen. 2. Eine hohe Geburtenrate. Die Last, für die vielen Kinder zu sorgen, liegt meist bei den Müttern. Dort, wo durch den Kolonialismus die ursprünglichen Familien-Strukturen beseitigt wurden, sind die Frauen zu einem großen Teil alleinerziehende Mütter. In weiten Teilen der Dritten Welt kümmern sich Männer traditionsgemäß nicht um die Erziehung der Kinder oder um den Haushalt. 3. Analphabetismus. Er ist das Ergebnis sowohl der Überbevölkerung als auch der wachsenden Armut. Die Unfähigkeit zu lesen und zu schreiben schränkt den Wissens- und Verstehenshorizont ein und verhindert damit eine Mitsprache der Betroffenen in allen gesellschaftlichen und politischen Belangen. Frauen sind im besonderen vom Analphabetismus betroffen. In manchen Gegenden können mehr als 80% der Frauen nicht lesen oder schreiben. Das macht es auch oft schwierig, Frauen über Geburtenkontrolle in dem notwendigen Maße aufzuklären. 4. Gesellschaftliche Diskriminierung der Frau. In vielen Ländern der "Dritten Welt" leiden Frauen und Mädchen darunter, daß ihr wirtschaftlicher "Wert" und ihre gesellschaftliche Bedeutung traditionell geringer eingeschätzt werden als der der Jungen und Männer. (Diese Geringachtung kann in manchen Gegenden Indiens sogar bis zur Tötung von neugeborenen Mädchen gehen). Der einzige Weg zu einer respektablen Stellung in der Gesellschaft ist für Mädchen die möglichst frühe Heirat oder Mutterschaft. Dadurch wiederum werden ihnen eine gute Schul- oder Berufsausbildung und gesellschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten unmöglich gemacht. 5. Prostitution. Sie ist eine Folge wirtschaftlicher Not. Wenn Eltern arbeitslos sind und sie nicht wissen, wie sie ihre Familie ernähren sollen, werden die Mädchen, oft schon als Kinder, zur Prostitution gezwungen und an Bordelle verkauft. Diese Frauen oder Mädchen haben kaum noch eine Chance, aus diesem Milieu auszubrechen und den Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu finden. 6. Sextourismus. 80% der männlichen Thailand-Reisenden aus der Bundesrepublik sind Sextouristen. Deutsche Tourismus-Unternehmen werben in ihren Prospekten offen mit der Prostitution in Thailand und anderen ostasiatischen Ländern. Diese Sextouristen, die es meist auf die sehr jungen Mädchen in den Bordellen abgesehen haben, nehmen in Kauf, daß sie das Leben dieser Mädchen zerstören. Sie unterstützen und fördern die Ausbeutung, Unterdrückung und Rechtlosigkeit dieser jungen Menschen. Außerdem ist die ansteigende Zahl der AIDS-Infektionen in Ost-Asien wie auch in Europa zum großen Teil eine Folge dieses Sextourismus. 7. Frauenhandel. Mit dem Sex-Tourismus hängt auch der Handel mit Frauen aus der Dritten Welt zusammen. Junge Frauen aus Ost-Asien werden mit Heiratsversprechen oder den Zusagen lukrativer Arbeitsplätze nach Deutschland gelockt. Die meisten von ihnen werden dann zur Prostitution gezwungen oder müssen sich als billige Arbeitskräfte verdingen. Allein in Berlin sollen sich über 2000 thailändische Zwangsprostituierte illegal aufhalten. RU-Wissen und Meinung Drogen, Sucht Ursachen des Drogenkonsums
Über die Ursachen, die bei jungen Menschen zum Drogenkonsum führen, gibt es eine Fülle von Vermutungen. Im einzelnen können folgende Ursachen genannt werden: 1. Einer der Gründe liegt in dem Wunsch, als erwachsen zu gelten. Jugendliche schließen sich nicht selten zu Gruppen zusammen, um sich gegenseitig bei gemeinsamem Rauchen und Trinken ihr Erwachsensein zu beweisen. Das führt bei Jungen, verbunden mit einem alterstypischen "Imponiergehabe" nicht selten zu exzessivem Alkoholmißbrauch. Im Gegensatz zu den Jungen trinken Mädchen in der Öffentlichkeit weniger häufig Alkohol, weil es offenbar als "unweiblich" gilt. In der privaten Atmosphäre von gemeinsamen Unternehmungen und Feiern ist das jedoch anders. 2. Auch bloße Neugier ist bei Jugendlichen mitunter die treibende Kraft, Drogen zu nehmen. Nicht selten sind die Neugierigen Jugendliche mit einem hohen Maß an Intelligenz. Ihr Motiv ist der Wunsch, die Wirkung unterschiedlicher Rauschmittel am eigenen Leibe auszuprobieren. Obwohl sich schätzungsweise 70-80% aller ("neugierigen") Haschischraucher nach wenigen Versuchen von diesem Rauschmittel lösen, bleibt der Rest dieser Neugierigen an der Droge hängen. Die Schlußfolgerung daraus ist, daß die Neugierigen weit gefährdeter sind als die Jugendlichen, die auf jede Art des Drogenkonsums verzichten. 3. Jugendliche greifen zu Drogen, um persönliche Schwierigkeiten zu überwinden. Ursachen dieser Schwierigkeiten sind oft gestörte Familiensituationen: geschiedene oder getrennt lebende Eltern und unvollständige Familien. Man hat festgestellt, daß Kinder aus sog. Broken-Home-Situationen weitaus drogenanfälliger sind als Kinder aus intakten Familien. 4. Viele Jugendliche werden zum Drogenkonsum verleitet, weil sie mit den Idealen, Normen und Werten ihrer Eltern nichts anzufangen wissen. Der zum großen Teil an Konsum und materiellem Wohlstand orientierte Lebensstil der Erwachsenenwelt ist für viele Jugendliche nicht mehr unbedingt nachahmenswert. Sie möchten nicht Lebenserfüllung auf den Erwerb und Verbrauch von Waren reduziert sehen. Sie wenden sich bewußt von den Eltern ab und flüchten sich in einen Kreis von Gleichaltrigen, die ihre Kritik an der Lebensweise der Eltern teilen. Die Abkehr von Leistungsorientierung, materieller Sicherheit und langfristiger Lebensplanung findet im Drogenkonsum ihren sichtbaren, provozierenden Ausdruck. 5. Manche jungen Menschen greifen deshalb zur Droge, weil sie sich in der Welt, in die sie hineingeboren wurden, nicht zurechtfinden. Nach ihrem subjektiven Empfinden bietet sie ihnen nicht die Möglichkeit der Selbstverwirklichung, sondern drängt sie in bestimmte Lebensbahnen, die ihnen sinnlos erscheinen. Die wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen der letzten Jahre, die Diskussion um den technischen Fortschritt sind für viele Jugendliche schwer verständlich und befremdend. Die Berufschancen von Jugendlichen sind schlechter als früher, obwohl es noch nie so viele Lehrstellenangebote gegeben hat wie heute. Weil sie selbst keine Chance sehen, die Welt erträglicher und menschlicher zu gestalten, gibt es für sie nur einen Ausweg: die Flucht in die Droge, in eine Scheinwelt ohne Probleme, Benachteiligung und Unterdrückung. 7. Ein Ausdruck unserer Zeit scheint zu sein, daß Bedürfnisse nach Zuneigung, Verständnis, aber auch nach Anregung, nicht durch persönlichen Einsatz, mit Phantasie und Kreativität befriedigt werden, sondern durch unpersönliche Mittel. Das können Süßigkeiten, Fernsehen oder auch andere Konsummittel sein. Ob und wie stark gerade Jugendliche drogengefährdet sind, das hängt in hohem Maße davon ab, wie sie ihre Bedürfnisse, Wünsche, Ängste und Gefühle verarbeiten können. Entscheidend ist das Verhalten in alltäglichen Konfliktsituationen: Weicht der Jugendliche unter Zuhilfenahme eines unpersönlichen Ersatzmittels diesen Konflikten aus oder hat er es gelernt, sich persönlich und unmittelbar mit ihnen auseinanderzusetzen. RU-Wissen und Meinung Drogen, Sucht Folgen des Drogenkonsums 1. Eine der gefährlichsten Folgen des Drogenkonsums ist die Sucht, d. h. die Abhängigkeit von bestimmten Rauschmitteln, die für den Betroffenen zu körperlichen, geistig-seelischen und sozialen Problemen bis hin zur Zerstörung seiner Persönlichkeit führen kann. Wiederholungszwang und Kontrollverlust sind zentrale Merkmale von Drogenabhängigkeit. In erster Linie ist Sucht eine seelische Krankheit. Der (später) Abhängige leidet an sich selbst und seinen Lebensumständen. Er ist jedoch unfähig, seine Probleme direkt anzugehen und zu lösen. Er greift zu Ersatzmitteln, die Befriedigung versprechen, die Stimmung verbessern, sein Selbstwertgefühl erhöhen und die Wirklichkeit erträglicher machen. Das schafft zunächst Erleichterung - aber nur für kurze Zeit. Der Abhängige muß dann die Dosis des Rauschmittels erhöhen, um die gleiche Wirkung zu erreichen. Das Suchtmittel wird nun Dreh- und Angelpunkt aller Handlungen, Gedanken und Gefühle. Versuchte der Abhängige anfangs, mit Hilfe des Suchtmittels seine Probleme zu lösen, so braucht er es jetzt, um sein Leben überhaupt ertragen zu können. 2. Ob Sucht zu körperlichem Kranksein führt, hängt ab von der Art des Suchtmittels, der Dauer des Mißbrauch und der Konstitution des einzelnen. Die physischen Probleme äußern sich darin, daß sich der Körper nach einer gewissen Zeit an Drogen gewöhnt und immer wieder danach verlangt. Jeder Raucher weiß, wie schwer es ist, dem körperlichen Verlangen nach Nikotin zu widerstehen. Im Fall von Alkohol und harten Drogen ist der Verzicht für den Abhängigen noch schwerer. Die körperliche Abhängigkeit wird dadurch hervorgerufen, daß der Organismus das Suchtmittel in seinen Stoffwechsel einbaut und sich auf dessen regelmäßige Zufuhr einstellt. Wird es ihm entzogen, kommt es zu schmerzhaften Entzugserscheinungen wie Schüttelfrost, Gliederschmerzen, Kreislaufbeschwerden, eventuell zu Sinnestäuschungen. Manchmal dauert es Jahre, bis sich körperliche Abhängigkeit einstellt. 3. Verschärft werden die physischen und psychischen Folgen der Sucht durch soziale Schwierigkeiten. Bei seinem Arbeitgeber und Kollegen, im Freundeskreis und in der Familie spürt der Abhängige Ablehnung bis hin zu Diskriminierung. Eltern, denen die Abhängigkeit ihres Kindes manchmal über lange Zeit verborgen bleibt, reagieren nicht selten mit Hysterie und machen dem Kind Vorhaltungen, sperren es ein usw., anstatt sich sachverständig beraten zu lassen. Ein unter Drogenabhängigkeit Leidender kann seine Familie vor fast unlösbare Probleme stellen, kann sie überfordern oder sogar zerstören. 4. Suchtkranke sind in einem frühen Stadium ihrer Krankheit meist nicht bereit, ihre Sucht vor sich selbst zuzugeben und fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie versuchen, ihr Leiden solange wie möglich zu verbergen. Oft erst unter größerem äußeren Druck (z. B. Arbeitsplatzverlust, finanzielle Notlage, Trennung von der Familie) ist ein Abhängiger fähig und bereit, sich wirklich helfen zu lassen. Eine Heilung von der Sucht ist erfahrungsgemäß nur möglich, wenn der Betroffene engagiert an der Überwindung seines Leidens selbst mitarbeitet. Das Problem der Abhängigkeit ist in der Regel nicht ohne fachkundige Hilfe durch Sozialarbeiter, Psychologen und Ärzte zu lösen. Sucht ist heute als Krankheit erkannt und anerkannt. Die Krankenkassen, bzw. die Rentenversicherungen übernehmen die Entgiftungs- und Therapiekosten, wenn ein Arzt die Notwendigkeit einer Behandlung bescheinigt. 5. Drogenmißbrauch ist nicht nur ein privates oder Familien-Problem, sondern auch ein Problem der ganzen Gesellschaft. Über 1000 Drogentote im Jahr 1991, Millionen von Menschen, die an Alkoholproblemen leiden, Hunderttausende, die sich deswegen in ärtzlicher Behandlung oder in Therapieeinrichtungen sich befinden, belasten die Gesellschaft in erheblichem Maße. Drogenabhängigkeit ist oft die Ursache von Kriminalität, vom Einbruchdiebstahl bis hin zu Prostitution. Wie das Drogen- und Suchtproblem am wirkungsvollsten bekämpft werden kann, dafür gibt es keine Patentlösung; Politiker und andere in der Gesellschaft Verantwortliche begegnen diesem Problem mit großer Ratlosigkeit. RU-Wissen und Meinung Drogen, Sucht Rauchen 1. Nikotin ist (wie auch Alkohol) ein in unserer Gesellschaft allgemein akzeptiertes Genußgift. Einer Statistik aus dem Jahr 1990 zufolge rauchen rund 36% der Bundesbürger über 14 Jahre mehr als 15 Zigaretten täglich. Nimmt man die Gelegenheitsraucher hinzu, so steigt der Anteil der Raucher auf über 50%. Diese Zahlen sind seit einigen Jahren in etwa gleich geblieben. Verschoben hat sich indessen die Zusammensetzung der Raucher: immer mehr von ihnen sind Frauen und Jugendliche, während es Männern über 30 zunehmend gelingt, mit dem Rauchen aufzuhören. 2. Als Motive für das Rauchen werden vor allem genannt:
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Rauchen bringt Genuß. "Ich rauche gern".
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Rauchen entspannt, wenn man gestreßt ist.
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Rauchen regt an, wenn man müde ist.
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Nikotinabhängigkeit. "Ich schaffe es nicht, mit dem Rauchen aufzuhören". 3. Junge Menschen werden zum Rauchen meist durch Neugier, Langeweile und Nachahmungsverhalten veranlaßt. Sie wollen sich durch Zigarettenrauchen Anerkennung im Freundeskreis verschaffen. Durch das Anbieten und Annehmen von Zigaretten versucht man Kontakte zu knüpfen. Wenn Kinder unter zehn Jahren schon Raucher sind, muß das als ein Alarmzeichen für eine Krise gedeutet werden, in der das Kind steckt, weil es Schwierigkeiten mit den Eltern, den Freunden oder der Schule hat. 4. Raucher nehmen bei sich selbst, im Gegensatz zu fast allen anderen Drogenkonsumenten, keine unmittelbare negative Verhaltensänderung als Auswirkung des Rauchens wahr. Dennoch entsteht mit der Zeit eine sehr starke Abhängigkeit, die sich in Nervosität, Angst oder Aggressivität ausdrückt, wenn eine bestimmte Zeit nicht geraucht wurde. Millionen Raucher zeigen typisches Suchtverhalten: Sie können, obwohl sie es wollen, mit dem Rauchen nicht aufhören. 5. Die Langzeitfolgen des Rauchens sind erheblich gesundheitsgefährdend. Neben Nikotin, Teerstoffen und Kohlendioxid enthält der Tabakrauch noch über 1000 weitere Substanzen, die die Gesundheit des Menschen beeinträchtigen. Die Folgen von Nikotinmißbrauch sind:
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Geringere körperliche Leistungsfähigkeit. (Unter den Leistungssportlern gibt es kaum Raucher).
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Gefäßverengungen; Kreislaufschäden; sog. Raucherbeine (ca 11000 Beinamputationen jährlich in der
BRD)
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Schädigung der Atmungsorgane: Raucher-Husten, Kehlkopf-, Mundhöhlen- und Lungenkrebs. (90% aller
Lungenkrebskranken sind starke Raucher)
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Schädigung der Augennerven (Nachlassen der Sekkraft besonders nachts)
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Rauchende Mütter gebären sehr viel häufiger untergewichtige, mangelhaft ernährte Kinder als
nichtrauchende Mütter. Werdende Mütter sollten auf das Rauchen verzichten. 6. Nach neuesten Erkenntnissen ist nicht nur der einzelne Raucher selbst gesundheitlich gefährdet, sondern auch alle die, die passiv mitrauchen. In öffentlichen Gebäuden, Verkehrsmitteln, in den meisten Büros und an vielen anderen Arbeitsplätzen ist das Rauchen bereits untersagt. Da Kinder durch passives Mitrauchen besonders in ihrer Gesundheit gefährdet sind, sollten Erwachsene im Beisein von Kindern auf das Rauchen ganz verzichten. 7. Rauchen schadet nicht nur dem einzelnen, sondern auch der Allgemeinheit. Die durch das Rauchen bedingten Krankheiten und Arbeitsausfälle verursachen erhebliche volkswirtschaftliche Schäden. Nur zum Teil können sie durch die hohen Steuern, mit denen der Staat den Tabak belastet, wieder ausgeglichen werden. 8. Wegen der allgemeinen gesundheitlichen Gefährdung durch das Rauchen ist Zigarettenwerbung im Fernsehen inzwischen verboten. Auf jeder Zigarettenpackung muß ein Hinweis auf die Gesundheitsgefährdung durch Nikotin abgedruckt sein. RU-Wissen und Meinung Drogen, Sucht Alkohol 1. Der Umgang mit Alkohol ist in unserer Gesellschaft toleriert und akzeptiert. Trinkgründe werden gesucht und gefunden. Geburtstage, Betriebsfeiern, Streß und Feierabend, ein Schrecken genauso wie ein freudiges Ereignis: alles wird erstmal mit Alkohol begossen. Die Drogenwirkung des Alkohol wird dabei nicht nur in Kauf genommen, sondern ist beabsichtigt: Alkohol hebt die Stimmung, schafft eine lockere Atmosphäre, löst die Zunge, beseitigt ungewollte Hemmschwellen, tröstet über Einsamkeit und Probleme hinweg. So ist Alkohol das in unserem Kulturkreis am häufigsten gebrauchte Suchtmittel. Unsere Kultur vermittelt zwar Regeln und Alltagswissen für den Umgang mit diesem Stoff. Doch diese Regeln bestimmen eher die Gelegenheiten für Alkoholkonsum und weniger die Trinkmenge. Eine Ausnahme bildet der Promillesatz des erlaubten Alkohols beim Autofahren. In Deutschland ist er mit 0,8 Promille im Vergleich zu anderen europäischen Staaten verhältnismäßig hoch. 2. In der Bundesrepublik wird Alkohol an Erwachsene vom 18. Lebensjahr an zu jeder Zeit und in jeder gewünschten Menge verkauft. Die Preise sind verhältnismäßig niedrig. In anderen europäischen Ländern unterliegt der Alkoholverkauf Einschränkungen. So darf in Schweden Alkohol nur in bestimmten Läden und dort auch nur an Bürger über 21 Jahren verkauft werden. Die Preise sind 4 bis 5 mal so hoch wie in Deutschland. Daß der Alkoholkonsum zu einem Problem in unserer Gesellschaft geworden ist, zeigen die Mengen des konsumierten Alkohols. Die Konsumhäufigkeit bei Jugendlichen ist zwar in den letzten Jahren gesunken, jedoch trinken fast 30% der 14-17jährigen mindestens einmal in der Woche Alkohol. Schätzungsweise zwei Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland sind alkoholabhängig; Hunderttausende, zum großen Teil auch junge Menschen, befinden sich in Entziehungsanstalten, d.h. sie sind alkoholkrank. 3. Die körperlichen und seelischen Schäden, die der Alkoholmißbrauch verursacht, sind in einer Vielzahl von Untersuchungen belegt. Das Ausmaß der sozialen Lasten, die durch Alkohol entstehen (Arbeitsunfähigkeit, Unfälle, Krankheiten, Straftaten unter Alkoholeinfluß), können keineswegs durch die staatlichen Steuereinnahmen (ca. 5,5 Milliarden Mark) abgedeckt werden. Die Liste allein der körperlichen und sozialen negativen Kurz- und Langzeitfolgen von Alkoholmißbrauch ist lang:
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Nachlassendes Reaktionsvermögen; Abnahme der Kritikfähigkeit
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Verlust von Hemmungen und der Kontrolle über Sprache und Bewegung
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Gleichgewichtsstörungen und Bewußtlosigkeit
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Schwere Schädigungen der Leber und des Herzens
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Abbau der Gehirnzellen, Depressionen
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aggressives Verhalten; dauernde Schuldgefühle
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soziale Isolierung; Verlust des Arbeitsplatzes
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Interesse- und Teilnahmslosigkeit usw. 4. Es gibt keine sicheren Anhaltspunkte, nach denen vorauszusagen wäre, warum die einen, wenn sie Alkohol trinken, abhängig werden - und die anderen nicht. Die Gefahr, alkoholabhängig zu werden, ergibt sich nicht allein aus der Menge des konsumierten Alkohols, sondern vor allem aus dem seelischen Gesamtbefinden des einzelnen Menschen. Hier spielen soziale und persönliche Faktoren eine besondere Rolle, z. B. Isolationsgefühle, Enttäuschungen, subjektiv empfundene Sinn- und Wertlosigkeit, berufliche und familiäre Sorgen, Eheprobleme usw. 5. Wer in unserer Gesellschaft abstinent leben, d. h. grundsätzlich keinen Alkohol trinken will oder darf, muß mit Unverständnis mancher Mitmenschen rechnen. Das wird besonders zum Problem bei Alkoholkranken, die erfolgreich eine Entziehungskur beendet haben und nun "trocken" sind. Ihre Alkoholabhängigkeit und - krankheit ist damit noch nicht beseitigt. Die kleinste Menge Alkohol, ein Glas Bier oder ein Schnaps, kann bewirken, daß die Krankheit wieder voll ausbricht. Einen Alkoholkranken sollte man niemals zum Wein- oder Biertrinken auffordern! RU-Wissen und Meinung Drogen, Sucht Haschisch und Heroin 1. Illegale, "harte" Drogen sind Stoffe, deren Besitz oder Vertrieb nach dem Betäubungsmittelgesetz verboten ist und strafrechtlich verfolgt wird. Die Konsumenten harter Drogen sind ganz überwiegend Heranwachsende. Neben der starken Suchtwirkung dieser Stoffe geht von ihnen wegen ihrer Illegalität eine spezielle Gefahr aus: wer diese Stoffe konsumieren möchte, handelt zwangsläufig kriminell und kommt mit einem entsprechenden Milieu in Berührung. 2. HASCHISCH (oder Hasch) nennt man das reine, unveränderte Harz aus den Blütenspitzen der weiblichen Cannabispflanze (indischer Hanf). Haschisch wird zerkrümelt, mit Tabak vermischt und in Zigaretten (Joint) oder Pfeifen geraucht. Die Wirkung von Hasch ist individuell verschieden. Die erhoffte positive Wirkung besteht in gehobener Kontaktfreudigkeit und Stimmung; Farb- und Tonempfindungen werden gesteigert. Bei Verwendung höherer Dosen vermindert Hasch aber auch das Konzentrationsvermögen, führt schließlich zu Ruhelosigkeit und Antriebsverlust, zu Sinnestäuschungen, Angstzuständen und Depressionen. Häufigerer Gebrauch hat Interesselosigkeit und eine gleichgültige Lebenseinstellung zur Folge. 3. Die bisherigen Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung über die Schädlichkeit von Hasch sind teilweise widersprüchlich. Die Ungefährlichkeit von Hasch ist aber keineswegs erwiesen. Nach neueren Untersuchungen bestätigt sich zudem, daß der Gebrauch von Haschisch die natürlichen Hemmschwellen gegenüber stärkeren Rauschdrogen wie z. B. Heroin abbaut. Außerden werden da, wo man Hasch erhält, meist auch starke Rauschgifte angeboten. Der Gruppendruck in diesen Kreisen ist eine zusätzliche soziale Gefährdung.
(Auch MARIHUANA wird wie Haschisch aus der Cannabispflanze gewonnen. Seine Wirkung ist erheblich schwächer als die von Hasch.) 4. HEROIN entsteht durch eine chemische Reaktion von Morphin und Essigsäure. (Morphin ist ein Bestandteil des Opiums, das aus dem Saft der Mohnkapsel gewonnen wird). Heroin ist das stärkste, aus der Natur gewonnene Suchtmittel, das bisher entdeckt wurde. Es führt in kurzer Zeit zu seelischer und körperlicher Abhängigkeit. Heroinabhängige stellen den bei weitem größten Anteil an den über 1000 Drogentoten in der Bundesrepublik. 5. Die Wirkung des Stoffes besteht darin, Schmerz- und Angstgefühle zu blockieren und zunächst einen Zustand des Wohlbefindens herzustellen und ein gesteigertes Selbstbewußtsein hervorzurufen. Seelische und körperliche Beschwerden werden vorübergehend beseitigt.
Bei Dauerkonsum ruft Heroin allerdings verheerende Wirkungen hervor:
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Abmagerung bis zum totalen körperlichen Verfall durch das dauernd eingeschränkte Hungergefühl
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Abnahme der Intelligenz, Entstehen von Wahnideen durch Gehirnschäden
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Atemlähmung mit Todesfolge; Ersticken an Erbrochenem bei Bewußtlosigkeit 6. Hinzukommen die Gefährdungen durch Infektionen durch unsaubere Spritzen und der schon erwähnte Zwang zur Beschaffungskriminalität. Akute Gefahren liegen auch in der tödlichen Überdosierung, da der Reinheitsgrad des Stoffes nie mit Sicherheit bestimmt werden kann. 7. Ein Heroinabhängiger ist in der Regel durch sein Leben in der Drogenszene zusätzlich einer Vielzahl von Belastungen ausgesetzt. Dazu gehören die fehlende gesundheitliche Versorgung, Obdachlosigkeit und Abbruch der Kontakte zur Familie und zum ehemaligen Bekanntenkreis. Die Gefahr, an AIDS zu erkranken, ist für Heroinabhängige in der Drogenszene besonders groß. RU-Wissen und Meinung Drogen, Sucht Süchtiges Verhalten 1. Von süchtigem Verhalten spricht man, wenn ein Mensch zwanghaft immer wieder dieselbe Verhaltensweise wiederholt, weil er sich von ihr (erfolglos) Befriedigung verspricht. Das heißt, eine bestimmte Verhaltensweise wird anstelle einer Droge als Suchtmittel eingesetzt. Putzsucht und Arbeitssucht, Fernsehsucht, Eßsucht, Spielsucht, Eifersucht: süchtiges Verhalten gibt es auch ohne Abhängigkeit von Drogen. (Unter Fachleuten ist die Bezeichnung Sucht für ein derartiges Verhalten allerdings umstritten). Körperliche Abhängigkeit und schmerzhafte Entzugserscheinungen wie bei Drogenabhängigen gibt es bei suchthaften Verhaltensweisen nicht. Betrachtet man dagegen die seelische Abhängigkeit, so sind Parallelen eindeutig. Wiederholungszwang und Kontrollverlust sind Merkmale seelischer Abhängigkeit, die sowohl für Drogenabhängigkeit wie auch für Suchtverhalten typisch sind. Menschen, die an Verhaltens-Sucht leiden, leugnen und verharmlosen dies nicht anders als Drogenabhängige. Andere Interessen und Bedürfnisse werden auch von ihnen vernachlässigt und ihr soziales Leben ist nachhaltig gestört. Ohne fachkundige Hilfe und Psychotherapie oder Teilnahme an Selbsthilfegruppen gelingt es den meisten Betroffenen nicht, dieses Verhalten abzulegen. 2. SPIELSUCHT: Für junge Menschen besonders verführerisch sind die Geldspielautomaten in den Spielhallen. Dem Spieler wird das Gefühl vermittelt, er könne durch das Bedienen von Start/Stopp- und Risikotasten, d. h. durch seine Geschicklichkeit seine Gewinnchancen erhöhen. In Wirklichkeit hat ein Spieler gegenüber dem mit Elektronik gespickten Automaten keine Chance; er wird schließlich immer der Verlierer sein. Viele Spieler ruinieren sich dadurch finanziell. Der Zwang, Geld zum Spielen zu beschaffen, läßt nicht wenige kriminell werden. Der tage- und nächtelange Aufenthalt in Spielhallen und die damit verbundene optische und akustische Reizüberflutung belasten die Gesundheit und bringen für viele einen hohen Alkohol- und Nikotinkonsum mit sich. 3. Das zeigt, daß es sich beim Geld-Glückspiel nicht um ein harmloses Freizeitvergnügen handelt. Man hat die gefährliche Faszination, die von diesen Glücksspielautomaten ausgeht, erkannt und darum die Hersteller gezwungen, die Automaten so einzustellen, daß der Geldverlust für den Spieler in erträglichen Grenzen gehalten wird. Jugendlichen unter 18 Jahren ist der Zugang zu den Spielhallen gesetztlich untersagt. Trotzdem scheint ein großer Bedarf an solchen Einrichtungen zu bestehen. Die Errichtung zahlloser Spielhallen (besser: Spielhöllen) in den Innenstädten ist schon zu einem städtebaulichen Problem geworden. 4. BULIMIE (Eß-/Brechsucht) und ANOREXIE (Magersucht) sind Formen schwerer Störungen im Eßverhalten. Mehr als 90% der Betroffenen sind Frauen. 5. Bei der BULIMIE haben die Betroffenen den zwanghaften Wunsch, trotz Untergewichtes immer schlanker zu werden, ohne aber ihr übermäßiges Eßverlangen zügeln zu können. Deshalb versuchen sie ihr Ziel dadurch zu erreichen, daß sie nach dem Essen (meist "Fressen") die Nahrung wieder erbrechen. Hinzukommt, daß oft Unmengen von Schlankheitsmitteln und Medikamenten geschluckt werden. 6. Menschen, die unter ANOREXIE (Magersucht) leiden, verweigern tagelang die Nahrung und verfolgen ihr Ziel, immer schlanker zu werden, mit unerbittlicher, selbstzerstörerischer Härte. 50% dieser AnorexieKranken haben auch Anfälle von Eß-/Brechsucht. 7. Die gesundheitlichen Folgen solch gestörten Eßverhaltens sind erheblich. Es kommt zu Herzmuskel- und Nierenschäden, zu hormonellen Veränderungen (Ausbleiben der Regelblutung) und schließlich zu lebensbedrohendem Untergewicht. Psychisch negative Auswirkungen bestehen darin, daß sich das Leben der Betroffenen zwanghaft um Essen und Nicht-Essen dreht. Unbeschwertes Genießen und gesunder Appetit sind ihnen fremd. RU-Wissen und Meinung Familie Das 4. Gebot 1. Nach 5. Mose 5, 16 hat das vierte Gebot folgenden Wortlaut:
"Erweise Ehre deinem Vater und deiner Mutter, wie Jahwe, dein Gott, dir geboten hat, damit deine Jahre dir lange währen und es dir wohlergehe auf dem Erdboden, den Jahwe, dein Gott, dir geben wird."
Martin Luther hat dieses Gebot in seinem Kleinen Katechismus so übersetzt: "Du sollst deinen Vater und Deine Mutter ehren, auf daß dir's wohlgehe und du lange lebest auf Erden." 2. Dieses vierte Gebot des Dekalogs richtet sich nicht, wie man vielleicht meinen könnte, an kleine Kinder, die zum Gehorsam gegenüber ihren Eltern aufgerufen würden. Es richtet sich vielmehr an die erwachsenen Angehörigen des Volkes Israel, an Männer und Frauen, die innerhalb der Großfamilie zu besonderer Achtung gegenüber den älteren Mitgliedern des Familienverbandes aufgerufen werden. 3. Es fällt auf, daß dieses Gebot das einzige im Dekalog ist, das eine Verheißung, ein Versprechen enthält: Wer das Gebot erfüllt, dem soll es wohlgehen, und er wird lange leben in dem vom Gott geschenkten Land. Diese Zusage bezieht sich konkret auf die soziale Ordnung im Volk Israel in der damaligen Zeit. Diese gründete sich im wesentlichen auf dem Landbesitz der einzelnen Großfamilie. Grundbesitz durfte in Israel nur unter besonderen Bedingungen und Auflagen verkauft werden. Dabei stand den Eltern ( und in der Großfamilie waren das oft die Großeltern und Urgroßeltern) das letzte Wort zu. Sie sollten und konnten die überkommene Ordnung erhalten und garantieren. Aus diesem Grund gebührt ihnen Achtung und Autorität. Aufgerufen wird nicht zum "Gehorsam" gegenüber den Alten, sondern zur Anererkennung ihrer Autorität im Familienverband. 4. Auf dem Hintergrund dieser ursprünglichen Bedeutung des vierten Gebotes wird deutlich, daß es in der heutigen Zeit nicht mehr denselben Stellenwert haben kann wie im alten Israel. Form und Lebensweise der Familie haben sich gegenüber früher geändert. Die Großfamilie im alten Stil gibt es nicht mehr, zumindest nicht bei uns in Europa. Es kann heute nicht darum gehen, alte patriarchalische Strukturen zu erhalten bzw. wiederherzustellen. 5. Auch die "Erklärung" dieses Gebotes durch Martin Luther in seinem Kleinen Katechismus scheint nicht mehr die heutige Zeit zu erfassen: "Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben." 6. Es ist deutlich: In seiner kurzen und knappen Form kann das vierte Gebot keine direkten Lösungen für die vielschichtigen Probleme zwischen den Generationen in unserer modernen Gesellschaft anbieten. Seine Grundaussage aber, nach der das "Wohlergehen" der Menschen und eines Gemeinwesens vom richtigen Verhältnis der Generationen untereinander abhängt, stellt doch zumindest zwei wichtige Fragen an unsere Gesellschaft: a. Welche Bedeutung haben die alten Menschen in unserer Gesellschaft? Wie gehen wir mit ihnen um? Gibt es Tendenzen zu einer altenfeindlichen Sozial-, Familien- und Wohnungsbaupolitik? Die im 4. Gebot geforderte Achtung vor den Eltern bezieht sich nicht nur auf ihre rechtliche Stellung, sondern schließt auch Schutz und Fürsorge für die alternden, gebrechlich werdenden Alten ein. b. Welche Bedeutung haben Kinder und junge Menschen in unserer Gesellschaft? Wie nehmen Eltern heute ihre Verantwortung gegenüber ihren Kindern wahr? (Stichworte: Kindesmißhandlungen, Scheidungswaisen, Verwahrlosung) RU-Wissen und Meinung Familie Kinder in unserer Gesellschaft: Problemanzeige 1. Kinder in unserer Gesellschaft haben teil an allen Segnungen, materiellen Sicherheiten und Vorteilen, die unser Gesellschaftssystem auch den Erwachsenen bietet. Gesundheitsversorgung, Ernährung, Betreuung und Ausbildung haben für Kinder in Deutschland, verglichen mit anderen Ländern der Erde, einen hohen Standard. Das gilt auch und im besonderen für Problem-Kinder: für kranke, behinderte und lernschwache. 2. Es ist aber auch richtig, daß besonders die Kinder unter den negativen Erscheinungen und Defiziten an Menschlichkeit, die unsere "moderne" industrielle Gesellschaftsordnung hervorgebracht hat, zu leiden haben. Kinder kann man im Blick auf weite Bereiche unserer Gesellschaft als Randgruppe betrachten, die es schwer hat, ihre Bedürfnisse und Rechte zur Geltung zu bringen. Bis zu einem gewissen Grade erscheint unsere Gesellschaft als kinderfeindlich. 3. Auch vielen verheirateten Paaren gelten Kinder als lästig und als Hemmnis für die berufliche Karriere, für die Selbstverwirklichung und für ein genußorientiertes Zusammenleben. Gründe, auf Kinder zu verzichten, liegen auch in der ungewissen Zukunft, in der Bedrohung durch befürchtete Umweltkatastrophen, Kriegsgefahr usw. 4. Schätzungsweise 150.000 Kinder werden in der Bundesrepublik jährlich abgetrieben, davon in den alten Bundesländern ca. 90.000 legal aus sozialen Gründen; d. h. es wird eingestanden, daß die Frau aus wirtschaftlich-finanziellen oder anderen sozialen Gründen nicht in der Lage wäre, dieses Kind zu erziehen. Diese hohe Zahl von Abtreibungen kann nicht den Frauen angelastet werden, die sich zu einer Abtreibung entschließen, sondern deutet auf einen Mißstand hin, den die ganze Gesellschaft zu verantworten hat. 5. Ein Drittel aller Ehen in Deutschland wird nach kurzer oder längerer Zeit geschieden. Leidtragende dieser Scheidungen sind auch und im besonderen die Kinder, die meist die Geborgenheit der Familie verlieren und oft zwischen Vater und Mutter hin und hergerissen werden. 6. Erschreckend hoch ist die Zahl der von ihren Eltern schwer mißhandelten Kinder. 30 000 Fälle sind 1991 bekannt geworden, und man kann davon ausgehen, daß die Dunkelziffer mindestens um das fünffache höher liegt. Nicht wenige Kinder sterben an den Mißhandlungen. Viele Kinder, Jungen wie Mädchen, werden in der Familie sexuell mißbraucht; eine Tatsache, die bisher mit einem Tabu belegt war und über die man nicht redete. Inzwischen sind die Leidensgeschichten vieler Menschen, die in ihrer Kindheit mißbraucht wurden, ans Licht gekommen. 7. Ehepaare mit Kindern werden durch unser Steuersystem gegenüber Kinderlosen eindeutig benachteiligt, so daß vor kurzen das Bundesverfassungsgericht den Gesetzgeber verpflichtet hat, diese Benachteiligung und Diskriminierung von Familien mit Kindern zu beseitigen. 8. Kinderreiche Familien, zu denen heute schon solche mit mehr als zwei Kindern zählen, haben es erfahrungsgemäß besonders schwer. Für sie ist auf dem Wohnungsmarkt kaum geeigneter, bezahlbarer Wohnraum zu finden. Gebaut werden vor allem kleine Mietwohnungen, möglichst für Singles, da diese Wohnungen für den Vermieter höheren Gewinn bringen. 9. Unzählige Kinder wachsen in Wohnungen auf, in denen sie eingeengt und ohne Entfaltungsmöglichkeiten leben müssen, so z.T. in Wohnsilos mit zehn bis zwanzig Geschossen. Spielmöglichkeiten, die ein Kind in einem Ein- oder Zweifamilienhaus mit Garten hat, gibt es dort nicht. 10. Die Bundesrepublik steht an der Spitze der Industrienationen mit der Zahl der Kinder unter den Verkehrstoten. Straßenbauer, Städteplaner und vor allem die autofahrenden Verkehrsteilnehmer nehmen in Deutschland wenig Rücksicht auf Kinder. Das beweist auch die von der Polizei beklagte Tatsache, daß Geschwindigkeitsbeschränkungen vor Schulen von Autofahrern kaum beachtet werden. RU-Wissen und Meinung Familie Erziehung 1. Erziehung scheint heute gegenüber früheren Zeiten problematischer geworden zu sein. In Familien und Schulen gibt es viel Ratlosigkeit bei der Frage, auf welche Ziele hin und mit welchen Mitteln man Kinder und Jugendliche zu erziehen habe. Die Gründe für diese Unsicherheit liegen in der sich wandelnden Gesellschaft: a. in ihrer Tendenz zur Pluralität. Zum Teil sehr gegensätzliche politische, religiöse und weltanschauliche Meinungen existieren nebeneinander und konkurrieren miteinander. Erziehung kann heute kaum noch in einem isolierten, weltanschaulich oder religiös einheitlichen Bereich geschehen, sondern wohl nur noch in Auseinandersetzung mit der Vielfalt von Meinungen und Vorstellungen. Oft gegen die Erzieher in Schule und Familie üben die geheimen Miterzieher, im besonderen das Fernsehen, einen starken Einfluß auf Kinder und Jugendliche aus. b. im Wertewandel. Hatten früher die "bürgerlichen Tugenden" wie Gehorsam, Fleiß, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Ehrlichkeit eine große Bedeutung in der Erziehung, so haben sich heute die Erziehungsziele in Richtung sozialer Fähigkeiten verschoben: Anpassungs- und Durchsetzungsfähigkeit, Selbstbewußtsein, Selbständigkeit, Kontaktfreudigkeit sind als Erziehungsziele wichtig geworden. 2. Eine christlich ausgerichtete Kindererziehung (in der Familie) kann sich an folgenden Leitlinien orientieren: a. Eine intakte Familie ist der Bereich, in dem ein junger Mensch am besten aufwachsen kann. Sie bietet ihm die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Versorgung, nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit. Sie bietet ihm ein System von Bezugspersonen, in dem es soziales, mitmenschliches Verhalten kennenlernen und einüben kann. In der Familie kann das Kind am besten lernen, seine Grenzen zu erkennen, mit Enttäuschungen und Ängsten zu leben und fertig zu werden und erfahren, daß es von anderen begleitet und getragen und auch bei Kummer und Versagen getröstet und geliebt wird. b. Eltern sind nicht die Eigentümer ihrer Kinder. Kinder sind den Eltern anvertraut. Sie tragen Verantwortung für die geistige und charakterliche Entwicklung ihres Kindes, die Förderung all seiner Fähigkeiten und das Hineinwachsen in die gesellschaftliche Umgebung. Eltern sollten ihre Kinder ermuntern, das zu leisten, was sie können. Sie sollten ihnen aber zeigen, daß die Liebe zu ihnen nicht von ihrer Leistungsfähigkeit und - bereitschaft abhängt. c. Aus ihrer Verantwortung für die Kinder haben Eltern Autorität. Diese Autorität darf nicht dazu mißbraucht werden, die Kinder nach den Vorstellungen der Eltern umzuformen und ihnen ihren Willen aufzuzwingen. Jedoch wird auch die beste Erziehung wohl nicht ohne Drohen und Strafen auskommen. Körperstrafen und psychischer Druck (Liebesentzug) sind aber ungeeignete Erziehungsmittel, da sie meist das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern zerstören. d. Eltern sollten ihren Kinder ein festes Wertesystem vermitteln, das sich orientiert an der (gottgewollten) Freiheit des Menschen, seinem Selbstwertgefühl und seiner Verantwortung für seine Mitmenschen und seine Umwelt. Das Kind sollte lernen, seine Beziehungen zu anderen, zu Menschen und Tieren, auch zu Pflanzen und Dingen zu entwickeln, damit es so früh wie möglich zur Partnerschaft befähigt wird. Eltern sollten ihren Kindern ein Vorbild in dem sein, woraufhin sie sie erziehen wollen. RU-Wissen und Meinung Familie Religiöse Erziehung (I) 1. Im Kind Vertrauen wecken.
Zugespitzt formuliert beginnt die religiöse Erziehung des Kindes schon vor der Geburt, mit der religiösen Grundhaltung der Eltern. Ein Kind kann man nur wollen, wenn man glaubt, daß das Leben an sich lebenswert ist und wenn man hofft, daß die Kinder auch eine Zukunft haben und es ihnen gelingen wird, mit den vielschichtigen Problemen fertig zun werden. Vor allem konfessionellen, kirchlich-dogmatischen Glauben, könnte man dieses Vertrauen in das Leben als religiöse Haltung verstehen.
Religiöse Erziehung in den ersten Lebensjahren des Kindes kann bedeuten, die Kinder in dieses elterliche Vertrauen zum Leben mit hineinzunehmen. Für ein Kind, das drei oder vier Monate alt ist, gibt es auf lange Sicht noch keine belehrende, erklärende christliche Erziehung. Religiöse Erziehung an Kleinkindern bedeutet also zunächst, ihnen Geborgenheit, Vertrauen und Freude zu vermitteln. Vater und Mutter können so schon im den ersten Lebensjahren den Vertrauensgrund für den späteren Glauben des Kindes legen. Im frühen Kindesalter entscheidet es sich, ob das Kind sich später einmal unter einem liebenden Gott etwas vorstellen kann, ob es sich ihm anvertrauen und sein Lebensschicksal von ihm annehmen kann; oder ob es vor Gott Angst haben wird und sich einreden muß, es gebe Gott gar nicht. Die Vermittlung von Vertrauen und Geborgenheit ist die wichtigste Voraussetzung auch dafür, daß Eltern mit ihrem Kind über Fragen des christlichen Glaubens sprechen können, wenn es das Alter dafür hat. 2. Mit dem Kind beten.
Für die religiöse Erziehung des Kindes hat das Gebet eine große Bedeutung. Mit einem sehr kleinen Kind kann man noch nicht beten; Vater oder Mutter können aber für das Kind beten. Das Kind, das seinen Eltern vertraut und das Gebet seiner Mutter erlebt, wird seinerseits sein Vertrauen auf Gott übertragen können.
Das Gebet kann eine große Bedeutung für das Lebensgefühl und das Weltverständnis des Kindes haben. Es muß nichts Lebensfernes sein. Es sollte in den Alltag des Kindes hineinreichen. Im Gebet kann das Kind die Dinge ansprechen und aussprechen, die es bewegen, sei es das Schöne und Erfeuende oder das Bedrückende, die Angst. Kinder können durch Beten lernen, ein eigenes, persönliches Verhältnis zu Gott zu gewinnen, das unabhängig ist von intellektuellen Problemen.
Aber das Beten mit Kindern und das kindliche Beten kann auch Probleme haben:
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Kindliche Bittgebete können Zeichen für ein verweigertes Gespräch zwischen Eltern und Kind sein. Das
Kind projiziert seine Wünsche und Ängste auf die himmlische Instanz, anstatt sich den Eltern anzuvertrauen.
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Viele Kindergebete halten Kinder in dem Gefühl einer hilflosen Kleinheit und Abhängigkeit fest. ("Ich bin
klein, mein Herz mach rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein"). Religion wird hier als entmündigend erfahren.
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Kindergebete vermitteln z.T. die Fiktion einer niedlichen "heilen" Welt. Wenn sie beim Älterwerden des
Kindes zerbricht, werden meist auch die Beziehungen zum Religiösen überhaupt beschädigt. Nach dem Verlust des "Kinderglaubens" finden junge Menschen nur noch sehr schwer einen neuen Zugang zu religiösem Glauben.
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Eine Gefahr besteht auch in einer durch die Eltern anerzogenen, erzwungenen Gebetsroutine. Beten ist
Vertrauenssache und sollte Zwang ausschließen. RU-Wissen und Meinung Familie Religiöse Erziehung (II) 1. Mit dem Kind Feste feiern.
Die meisten Feste, die im Kindergarten gefeiert werden, haben eine direkte oder indirekte Verbindung zu religiösen Inhalten: Weihnachten, Ostern, Martinsfest, Erntedankfest, usw. Eine Bedeutung haben diese Feste für die Kinder nicht sosehr von ihrer Deutung (Interpretation), sondern vielmehr von ihrem Vollzug und ihrer Gestaltung her. Feste und Feiern erschließen den Kindern einen Raum von Handlungsweisen (Laternenumzug, Kerzenanzünden usw.), der zweckfrei erlebt werden kann, "weil es schön ist, weil es Spaß macht". Feste geben dem Kind Möglichkeiten, Phantasie und Kreativität einzubringen und in vielfältigen Handlungsformen (Spielen, Singen, Darstellen) auszudrücken. Wenn es keine Feste gäbe, müßten sie um der Kinder willen erfunden werden.
Die religiöse Ausrichtung vieler Feste schafft aber auch die Möglichkeit, von der jeweiligen Festlegende her religiöse Grunderfahrungen anzusprechen. Beim Weihnachtsfest z. B. kann man Kinder auf die symbolhafte Bedeutung des Kerzenlichtes hinweisen: Da, wo es unter Menschen dunkel ist, wird es hell. Oder auf die Bedeutung von Geschenk und Gabe: Weil wir uns freuen, daß Jesus geboren ist, möchten wir anderen Freude machen. 2. Dem Kind biblische Geschichten erzählen.
Seit jeher werden biblische Geschichten dazu benutzt, um Kinder in den christlichen Glauben einzuführen. Auf den ersten Blick erscheinen diese Geschichten als gut geeignet, da sie den Kindern spannend erzählt werden können und die Kinder zum Nachdenken über sich selbst anleiten können. Dennoch gibt es Bedenken und Einwände gegen ein unreflektiertes Erzählen von biblischen Geschichten im Vorschulalter. Viele dieser Geschichten können den Kindern in diesem Alter noch nicht erschlossen werden. Dazu gehören vor allem mythologisch geprägte Erzählungen, z. B. die Schöpfungsberichte. Es ist zu befürchten, daß das Erzählen dieser Geschichten zu Mißverständnissen führt, die später nur schwer aufzuarbeiten sind (z.B. Adam und Eva = die ersten Menschen; Jesus als Magier und Zauberer).
Am besten geeignet sind wohl die Geschichten der Evangelien, die davon berichten, wie Jesus sich den Menschen liebevoll zuwendet, wie er sich der Ausgestoßenen und Schuldiggewordenen und Kranken annimmt und sie zum Leben ermutigt. Gegen ihre Ängste und Einengungen können die Jesus-Geschichten den Kindern Hoffnung, Vertrauen und Mut zum Leben vermitteln. 3. Dem Kind Fragen beantworten, mit ihm nachdenken.
Einem Kind, das beginnt, sich in seiner Umwelt zurechtzufinden, ist nichts selbstverständlich. Fast alle Kinder haben von einem bestimmten Alter an deshalb Freude am Fragen. Kinder fragen bald nach Gott und der Welt.-im wortwörtlichen Sinn. Sie denken nach über Himmel und Erde, Anfang und Ende, über ihre eigene Herkunft, ihre Zukunft und über den Tod. Wichtig für die Persönlichkeitsentfaltung des Kindes ist es, wie Eltern auf das Fragen reagieren. Eltern sollten alles tun, um die Neugier der Kinder wachzuhalten. Dazu gehört, daß sie den Kinder zeigen, daß sie selbst fragende, nachdenkende Menschen sind und an allen wesentlichen Fragen selbst auch interessiert sind. Eltern sollten Kindern gegenüber ruhig zugeben, daß sie auch nicht alles wissen und selbst auch Zweifel haben. Das bezieht sich auch und gerade auf religiöse Fragen, etwa nach der Existenz oder dem "Aussehen" Gottes. Eltern sollten es vermeiden, verniedlichende oder zu sehr vermenschlichende oder gar ängstigende Bilder von Gott vor den Kindern entstehen zu lassen. Es gibt die Erfahrung, daß Kinder selbst gern in Vergleichen und Geschichten von Gott sprechen. Eltern können daran anknüpfen und Kindern von Jesus erzählen, an dessen Leben deutlich wird, wer und wie Gott ist.
Es versteht sich von selbst, daß man dem Kind nichts glauben machen soll, von dem man selbst nicht überzeugt ist. RU-Wissen und Meinung Familie Die Bedeutung der Familie 1. Das Kindesalter ist für die Entwicklung des Menschen, für sein Hineinwachsen in die Gesellschaft (Sozialisation) und für seine Einstellungen zum Mitmenschen und auch zu Gott von grundlegender Bedeutung. Darum ist die Art und Weise, wie ein Mensch in seiner Kindheit die Familie erfährt, entscheidend für sein ganzes späteres Leben mit allen persönlichen, sozialen und beruflichen Entwicklungen. Die Familie bietet dem Kind ein System von Bezugspersonen, in dem es soziales, mitmenschliches Verhalten kennenlernen und einüben kann. In der Familie kann das Kind am besten lernen, seine Grenzen zu erkennen, mit Enttäuschungen und Ängsten zu leben und fertig zu werden. Es kann erfahren, daß es von anderen begleitet und getragen und auch bei Kummer und Versagen getröstet und geliebt wird. Auch die Geschlechtsidentität wird dem Kleinkind durch das Verhalten von Mutter und Vater und deren Rollenverständnis in der Familienatmosphäre eingeprägt. 2. Allerdings besteht kein Grund, das Zusammenleben in der Familie damals und heute zu idealisieren. Die Familie war und ist nicht selten der Ort für Streit, Gewalt, Unterdrückung, Grausamkeit und Brutalität, meist auch an den schwächsten Gliedern der Familie, den Kindern. Kinder leiden unter dem Streit ihrer Eltern, besonders wenn diese sich scheiden lassen. 3. In der Vergangenheit verteilte sich die Verantwortung für die jüngere Generation auf alle im Familienverband lebenden Erwachsenen. Das Leben spielte sich meist innerhalb einer Großfamilie ab. Neben den Eltern und Großeltern waren deren unverheiratete Geschwister wichtige Partner für das Hineinwachsen der Kinder in die Gesellschaft. 4. Heute erleben wir den vielbeklagten Verfall der Familie, das schnelle Auseinanderwachsen zwischen Eltern und Kindern, die Auflösung der Ehe in eheähnliche Partnerschaft ohne Trauschein. Viele gesellschaftliche Probleme werden auf das Zerbrechen der Familien-Struktur zurückgeführt. Wären die Familien intakt, würde es nicht soviele verwahrloste, drogenabhängige und sich prostituierende Kinder und Jugendliche geben. 5. Etwa 50% aller Kinder wachsen in einer sogenannten Ein-Kind-Familie auf, haben also keine Geschwister. Einzelkinder, deren Eltern bereits Einzelkinder waren, haben weder Tanten oder Onkel noch Cousinen oder Cousins. Dieser häufiger gewordene Familientyp der Kleinfamilie ohne feste Kontakte über die eigene Familie hinaus, leidet nicht selten an ihrer Situation, an der Verarmung sozialer Kontakte. 6. In der Bundesrepublik gibt es 1,7 Millionen Kinder, die in sogenannten Ein-Eltern-Familien leben. Die Zahl der Alleinerzieher nimmt aufgrund der ständig ansteigenden Scheidungsrate nach wie vor zu. Inzwischen sind 11,4% aller deutschen Familien Ein-Eltern-Familien. Heute wächst also gut jedes zehnte Kind bei nur einem Elternteil auf. Diese Teilfamilien haben oft große Schwierigkeiten bei der Bewältigung ihrer Aufgaben. Fast alle Alleinerziehenden, besonders die Mütter, haben wirtschaftliche und finazielle Probleme. Ca. 75% aller Familien, die Sozialhilfe beziehen, sind Ein-Eltern-Familien. Aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation haben viele alleinerziehende Mütter gar keine andere Wahl, als arbeiten zu gehen. Viele Frauen haben aber keine qualifizierte Berufsausbildung. Dazu kommen Probleme bei der Unterbringung und Versorgung der Kinder. Mangelnde soziale Kontakte und daraus entstehende psychische Belastungen für Kind und Mutter sind die Folge. 7. Daß nach dem Urteil vieler Soziologen die Familie heute ihre wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben nicht mehr wahrnimmt, darf nicht den Frauen bzw. Müttern angelastet werden. Die Lösung dieses Problems kann nur in veränderten Formen des Zusammenlebens von Mann und Frau mit ihren Kindern in der Familie und ihrer sozialen Umwelt gefunden werden. Ein gesellschaftliches Umdenken ist notwendig. Die Familie muß wegen ihres Wertes und ihrer Bedeutung für Kinder und Eltern und alte Menschen in jeder Beziehung gefördert werden. RU-Wissen und Meinung Familie Ehe 1. Soziologisch
Die Ehe ist in allen Kulturen, wenn auch in unterschiedlicher Form, verbreitet. Ehe gibt es in Gestalt der Polygamie (Vielehe: ein Mann, mehrere Frauen), Polyandrie (eine Frau, mehrere Männer) oder der Monogamie (Einehe). In allen Gesellschaftsordnungen ist die Ehe in irgendeiner Weise rechtlich geschützt.
Das Verständnis von Ehe und ihre Bedeutung unterliegen dem gesellschaftlichen und kulturellen Wandel. In vielen Kulturen werden Ehen aufgrund eines Vertrages zwischen zwei Familien geschlossen. Nicht die persönlichen, gegenseitigen Empfindungen der Eheleute stehen dabei im Vordergrund, sondern die meist wirtschaftlichen Interessen der betroffenen Familien. Ehe kann auch verstanden werden als eine Liebes-, und Glücks- und Schicksalsgemeinschaft zweier Menschen allein. Diese "romantische" Auffassung von Ehe entstand im 19. Jahrhundert und fand vor allem in der westlich geprägten Kultur Verbreitung. 2. Rechtlich
Die Ehe als öffentlich-rechtliche Institution wird in Deutschland wie in vielen anderen Ländern vor dem Standesbeamten geschlossen. Die Ehe steht unter besonderem Schutz des staatlichen Gesetzes. Der Staat stützt den Erhalt der Ehe durch besondere Maßnahmen (meist finanzieller Art), und ihre Auflösung kann nur unter besonderen Bedingungen geschehen. Die Ehe gehört zu den wesentlichen Grundlagen unserer Gesellschaft, weil sie dazu beiträgt, daß die Gesellschaft lebensfähig und menschlich bleibt. 3. Biblisch/Theologisch
Die Ehe gehört nach biblisch/theologischem Verständnis zur Schöpfungsordnung Gottes. Sie ist die von Gott eingesetzte ganzheitliche Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau und damit nicht bloß eine kulturelle "Erfindung" des Menschen. Mann und Frau sind von Gott füreinander geschaffen. ("Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei"). Die Ehe wird verstanden als eine gute Gabe Gottes, die dem Menschen zur Bewältigung seines Lebens dienen soll. Mit der Ehe nehmen Mann und Frau auch teil an Gottes Schöpfung, wenn aus ihrer Verbindung neues Leben hervorgeht. Nach biblischem Verständnis ist die Ehe ihrem Wesen nach auf Lebenszeit angelegt. 4. Ehe als Chance
Die Ehe ist eine sinnvolle Ordnung. Sie bietet eine gute Voraussetzung dafür, daß Mann und Frau zu einem partnerschaftlichen, sinnerfüllten Leben finden. Zur Ehe gehören Liebe, Geschlechtlichkeit, der Wunsch nach Kindern, gegenseitige Treue, Verantwortung füreinander und die Bewältigung gemeinsamer Aufgaben. Weil die Ehe auf Dauer und Treue angelegt ist, schenkt sie den Partnern Sicherheit und Geborgenheit. In dieser Lebensform können Mann und Frau am besten ihrer Liebe und ihrer Sexualität einen Halt geben. Eine dauerhafte Ehe ist zugleich die beste Voraussetzung für eine gelingende Familie. 5. Ehe als Risiko
Es gibt keine Garantie für das Gelingen einer Ehe. Sie kann unter Umständen zu einer großen Belastung für einen oder auch für beide Partner werden. Gefahr droht einer Ehe durch egoistisches Verhalten der Partner; Vertrauensbruch und Treuebruch durch einen der Partner; übermäßige Berufsbelastungen; sich unterschiedlich entwickelnde Interessen; fehlende Kompromiß- und Vergebungsbereitschaft; Streit um Geld und Kindererziehung; Alkoholismus; Kinderlosigkeit. 6. Eheähnliche Partnerschaften
Die Ehe wird in zunehmendem Maße als Risiko angesehen und erfahren. Immer mehr Menschen ziehen eine mehr unverbindliche, eheähnliche Partnerschaft der Ehe vor. Darin kommt der Wunsch zum Ausdruck, in einer Partnerschaft zuerst Erfahrungen zu sammeln, bevor man eine feste Bindung eingeht. Bei manchen Paaren besteht auch die Befürchtung, die partnerschaftliche Liebe könne durch die Zwänge einer staatlich geregelten und geschützten Ehe eher gefährdet als gefördert werden. RU-Wissen und Meinung Familie Die Frau in Gesellschaft und Familie (I) 1. Die Vorstellungen über das "Wesen" von Mann und Frau, über ihre Eigenschaften und ihre unterschiedlichen Bestimmungen, waren immer dem geschichtlichen und kulturellen Wandel unterworfen. Die konservative, traditionelle Sicht sieht Mann und Frau als Gegenpole menschlicher Eigenschaften. Danach ist die Frau wesensmäßig "personbezogen", beziehungsorientiert, während der Mann "sachbezogen", d.h. mit technisch-ökonomischer Rationalität begabt sei. Zum Wesen der Frau gehöre das Gefühl, die Innerlichkeit, die Schönheit. Ihre Aufgabe sei das Bewahren und Pflegen, wie es ihrer biologischen Bestimmung als Mutter entspreche. Der Bereich des Mannes dagegen sei das Forschen, das schöpferische Gestalten der Welt, das Herrschen. Daraus wird die Folgerung gezogen, daß die Frau dem Manne wesensmäßig untergeordnet sei. 2. Begründet und untermauert wurde (und wird) diese Unterschiedlichkeit der Geschlechter und ihrer gesellschaftlichen Rollen auch mit religiösen Argumenten. Im christlichen Bereich wird dazu der Schöpfungsbericht herangezogen. In ihm wird erzählt, wie Gott zunächst den Mann und danach die Frau geschaffen habe. Die Vorrangstellung des Mannes gegenüber der Frau sei ein Teil der Schöpfungsordnung Gottes. Hingewiesen wird auch auf einige Texte im Neuen Testament, besonders in den Paulusbriefen, in denen die Unterordnung der Frau unter den Mann festgeschrieben ist. Es ist heute jedoch theologisch umstritten, ob die betreffenden biblischen Texte in dieser Weise ausgelegt werden dürfen und ob bzw. inwieweit sie für die gesellschaftliche und familiäre Gestaltung des Verhältnisses von Mann und Frau in der heutigen Zeit noch verbindlich sind. 3. Die meisten islamischen Gesellschaften beruhen auf einer strikten, religiös begründeten patriarchalischen Ordnung, die auf ein ausdrückliches Gebot Gottes zurückgeführt wird. Mann und Frau haben zwar den gleichen Rang vor Gott, sind mit derselben Würde geschaffen und haben die gleichen Lebensrechte. In der gesellschaftlichen Ordnung jedoch hat Gott ihnen unterschiedliche Rechte und Pflichten gegeben, die den Lebensbereich der Frauen wesentlich auf das Haus beschränken. 4. Gegen diese konservative Verteilung der Geschlechterrollen kann gesagt werden: Erkenntnisse der Tiefenpsychologie zeigen, daß vom unterschiedlichen Wesen von Mann und Frau nicht in einer absoluten Gegensätzlichkeit gesprochen werden kann. In jedem Menschen ist "Weibliches" und "Männliches" vereint, das in Harmonie miteinander gebracht werden kann und muß. Ein Mann ist zur Erziehung von Kindern und zur Arbeit im Haushalt ebenso geeignet wie die Frau, und die Frau kann im Beruf ebenso erfolgreich und durchsetzungsfähig sein wie der Mann. 5. Deshalb die feministische These: "Wir werden nicht als Mädchen geboren - wir werden dazu gemacht!" Das heißt: Kinder werden in unserer Gesellschaft (und auch in anderen) schon unmittelbar nach der Geburt in eine Geschlechterrolle gedrängt, die keineswegs biologisch vorgegeben ist. Dieser Prozeß bedeutet für beide Geschlechter eine fatale Einengung. Dabei werden die Mädchen noch stärker als die Jungen in ihren potentiellen Fähigkeiten beschränkt. 6. Eine vernünftige Gestaltung des Geschlechterverhältnisses wird davon ausgehen müssen, daß es durchaus spezifisch männliche und weibliche Verhaltens- und Denkweisen gibt, (die aber nicht absolut und exklusiv männlich bzw. weiblich sind). Vielen Frauen ist es wichtig geworden, eigene Fähigkeiten und damit spezifisch weibliche Handlungsweisen in eine (noch) von Männern dominierte Welt einzubringen und sie im Sinne von mehr Menschlichkeit und Fürsorge für alles Leben zu verändern. RU-Wissen und Meinung Familie Die Frau in Gesellschaft und Familie (II) 1. In vielen Gesellschaften hat so man versucht, aus der Unterschiedlich-keit von Mann und Frau unterschiedliche Rechte abzuleiten. Bis vor wenigen Jahrzehnten waren die europäischen Gesellschaften eindeutig patriarchalisch (männlich) geprägt. Frauen besaßen z. B. kein Wahlrecht und hatten keinen Zugang zu den weiterführenden Bildungseinrichtungen. Ihnen waren zwar "Kinder, Küche und Kirche" als Zuständigkeitsbereiche zugewiesen. Aber bis in die sechziger-Jahre hinein konnte keine Frau in Deutschland "Haushaltsvorstand" sein. 2. In heutiger Zeit vollzieht sich ein weitreichender Wandel des Verhältnisses von Mann und Frau in Familie und Gesellschaft. Die Trennung der Geschlechterrollen, nach der dem Mann die Verantwortung für die "Welt draußen" und der Frau der Bereich des Hauses und der Familie zugeschrieben wurde, wird von immer weniger Frauen akzeptiert. Es setzt sich die Erkenntnis durch, daß Männer und Frauen in allen Bereichen des Lebens zusammengehören. Nicht zuletzt durch das Wirken der Frauenbewegung ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau in den meisten europäischen Staatsverfassungen festgeschrieben. Frauen entwickeln ein neues Selbstbewußtsein und fordern über die erreichte gesetzliche Gleichstellung hinaus auch ihre volle gesellschaftliche Integration und Anerkennung. 3. Die Gleichberechtigung der Frau ist jedoch noch nirgends, auch nicht in Deutschland, verwirklicht. Frauen haben es schwer, in einer Gesellschaft, die durch jahrhundertelange männliche Vorherrschaft geprägt ist, ihren Platz zu finden. In den politischen Gremien, in Vereinsführungen, in den Leitungsorganen von Industrie und Wirtschaft sind die Frauen zahlenmäßig unterrepräsentiert. Als erste und am stärksten sind sie von Arbeitslosigkeit betroffen. 4. Für viele Ehepaare ist es selbstverständlich geworden, daß Mann und Frau einer Berufstätigkeit nachgehen. Besonders für die Frauen bedeutet das aber meist eine große Belastung in ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau. Daß viele Frauen trotzdem an ihrer beruflichen Tätigkeit festhalten, kann die unterschiedlichsten Gründe haben:
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Gerade in der jungen Ehe fehlt noch vieles, und die Frau möchte zu den nötigen Anschaffungen ihren
Beitrag leisten. Bei vielen Familienmüttern ist auch heute eine volle oder teilweise Berufstätigkeit eine wirtschaftliche Notwendigkeit.
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Viele Frauen heute wollen sich nicht mehr auf ihre Hausfrauen- und Mutterrolle festlegen lassen. Eine
Nur-Hausfrau muß weithin auf die mit dem Berufsleben verbundenen menschlichen Beziehungen und sachlichen Anregungen verzichten. Manche Frauen, für die die menschlichen Beziehungen im Beruf ein wichtiger Teil ihres Lebens geworden sind, fühlen sich als Hausfrau vom öffentlichen Leben abgeschnitten.
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Eine Mutter, die ihrer kleinen Kinder wegen eine Zeitlang auf eine Tätigkeit in ihrem erlernten Beruf
verzichtet, muß bei der heutigen Arbeitslage und den sich schnell verändernden Anforderungen und Arbeitsbedingungen befürchten, eine Wiedereingliederung ins Berufsleben gar nicht mehr zu erreichen. RU-Wissen und Meinung Familie Alte Menschen in unserer Gesellschaft (I) 1. Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaften, moderne Lebenshygiene, Erleichterungen im Arbeitsprozeß und anderes mehr haben bewirkt, daß der Mensch heute länger lebt als vor hundert Jahren. Wir können, weil wir in diesem Jahrhundert leben, etwa 25 Jahre Lebenszeit mehr erwarten als unsere Vorfahren. Die Frage ist, ob sich das lohnt. Nicht die schönen, aufsteigenden Lebensjahre vermehren sich, sondern die absteigenden, mühsamer werdenden, die von Krankheit, nachlassender Körper- und Geisteskraft geprägt sind. Viele alte Menschen können nicht mehr richtig hören und sehen. Mit der Schwerhörigkeit ist oft eine Neigung zum Mißtrauen verbunden. Die Reaktionsfähigkeit, die Auffassungs- und Gedächtniskraft sind bei alten Menschen oft herabgesetzt. Nicht wenige, auch noch junge Menschen fürchten sich deswegen vor dem Altwerden. 2. Wir erleben heute eine zunehmende Abwertung des Alters. Sie ist nur die Kehrseite des "Jugendkultes", wie er bei uns heute betrieben wird. Wir leben in einer Zeit, die die leiblichen, physischen Werte (Fitness, Dynamik, Schönheit, Jugendlichkeit) überbewertet. In unserer leistungsorientierten Industriegesellschaft, die den Wert des Menschen nach seinem Nutzen mißt, besteht die Gefahr, daß alte Menschen an den gesellschaftlichen Rand und in die Isolation geraten. In der Bundesrepublik hat man das erkannt. Der Staat und viele karitative Organisationen bemühen sich, die Lage der alten Menschen zu verbessern, ihre wirtschaftliche Selbständigkeit zu sichern, ein gutes Wohnen, auch im Heim, zu garantieren und eine gute Pflege bereitzustellen. Mit Recht sind ältere Menschen -die Gruppe der Senioren- heute als bedeutender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Faktor im Bewußtsein. Neben den Altentagesstätten und Seniorenclubs mit ihren Angeboten von Bildungsarbeit, Gymnastik und Geselligkeit stehen Seniorenprogramme von Kurorten, touristische Angebote und Initiativen wie die "Grauen Panther", die die Belange älterer Menschen vertreten. 3. Daß es im Alter dennoch viel Unzufriedenheit gibt, hängt damit zusammen, daß es noch nicht gelungen ist, den alten Menschen in das Zusammenleben in unserer modernen Gesellschaft richtig einzuordnen. Früher lebten die alten Menschen inmitten der Familie, wo sie ihren festen Platz hatten. Die Familie barg normalerweise drei Generationen in sich, und es waren die Alten, die sich um die Enkel kümmerten, sie versorgten und ihnen von alten Zeiten erzählten. Die meist zu kleinen Wohnungen, die starke Beanspruchung junger Leute durch ihren Beruf und die Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Generationen bringen es mit sich, daß heute ein friedliches Zusammenleben von verschiedenen Generationen innerhalb einer Familie nicht möglich scheint. 4. Für die Entwicklung einer Gesellschaft ist es wichtig, daß der Anteil junger und alter Menschen in einem natürlichen Verhältnis zueinander steht. Das Idealmodell einer Gesellschaft gleicht einer Pyramide, die von einem breiten Fundament jüngerer Menschen getragen wird. In der Bundesrepublik ist dieses Verhältnis gestört, seitdem die Geburtenrate drastisch gefallen ist und Deutschland sich damit ziemlich am Ende der Länderskala befindet. Der Generationenvertrag, nach dem die jüngere Bevölkerung für die älteren Menschen die Renten verdient und deren Lebensunterhalt sichert, scheint stark gefährdet. In dieser Hinsicht ist es gut, daß z.Zt. Aussiedlerfamilien mit einer meist höheren Zahl von Kindern in die Bundesrepublik übersiedeln. RU-Wissen und Meinung Familie Alte Menschen in unserer Gesellschaft (II) 1. Die Pensionierung hat nicht selten eine schwere Belastung zur Folge. Mit 60 oder 65 Jahren ist kaum jemand wirklich alt. (Man muß aber auch bedenken, daß viele Menschen schon vor dem Pensionierungsalter, bedingt durch den Arbeitsprozeß, körperlich verbraucht sind und vorzeitg in den Ruhestand müssen). Durch den verordneten Ruhestand kann es dazu kommen, daß vorhandene Gaben und Kräfte, die nicht angewendet werden, verkümmern. Es stellt sich das Gefühl ein, überflüssig zu sein und nicht mehr gebraucht zu werden. Am Ende der Berufslaufbahn verliert der Mensch auch den Kontakt zu seinen ehemaligen Kollegen. Er wird einsam, ja häufig geradezu isoliert. Dabei gibt es auch viele Erfahrungen, die zeigen, daß auch alte Menschen selbständig, flexibel und lernfähig bleiben können. 2. Vor einer schwierigen die Frage steht der alte Mensch bei der Entscheidung, wann und ob er in ein Altenheim gehen soll. Viele, auch alleinstehende Männer, haben ihre Wohnung behalten. Das ist gut. Sie bleiben in ihrer alten Umgebung, und täglich wird von ihnen Selbständigkeit gefordert. Aber es hat auch seine Probleme. Die Bekannten sterben, die Verwandten wohnen nicht in der Nähe, die Nachbarn nehmen sie kaum zur Kenntnis. Diese Isolierung bleibt nicht ohne Rückwirkung auf den betreffenden Menschen und birgt eine akute Gefahr, wenn unbemerkt eine schwere Krankheit eintritt. So häufen sich in letzter Zeit die Berichte von alten Menschen, die tage-, ja wochenlang von den Nachbarn unbemerkt tot in ihrer Wohnung gelegen haben. 3. Eine heute oft genutzte Möglichkeit zur Hilfe bietet die häuslich Betreuung durch einen karitativen Dienst: regelmäßiger Besuch durch die Gemeindeschwester; Essen auf Rädern usw. Doch für viele alte Menschen bleibt schließlich nur der Umzug in ein Altenheim. Die Entscheidung dazu sollte nach Möglichkeit zu einem Zeitpunkt erfolgen, zu dem der alte Mensch noch beweglich ist, um sich eingewöhnen, mit anderen gemeinsam essen und Kontakte aufnehmen zu können. Die Unterbringung in einem Altenheim ist allerdings recht teuer. Die Renten der meisten alten Menschen sind so niedrig, daß davon ihre Unterbringung nicht finanziert werden kann. In diesem Fall sind die Träger der öffentlichen Sozialhilfe verpflichtet, die nicht abgedeckten Kosten zu übernehmen. Das verbleibende Taschengeld ist dann so gering, daß der betreffende alte Mensch in ein Gefühl der Angewiesenheit und Abhängigkeit gerät. 4. Jeder Mensch ist gut beraten, wenn er rechtzeitig die richtige Einstellung zu seinem eigenen Altwerden gewinnt. Das Alter sollte nicht als ein grausames Schicksal angesehen werden, sondern als eine natürliche Lebensordnung, der jeder von Geburt an unterworfen ist. Das Alter hat, wie jede andere Lebensphase auch, seine speziellen Aufgaben und Chancen, die es zu nutzen gilt. 5. Einem Menschen jenseits der Pensionierungsgrenze kann man raten:
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einem Hobby nachzugehen und sich geistig fit zu halten;
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sich z.B. ehrenamtlich im sozialen Bereich zu betätigen, wenn die Kräfte es erlauben;
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Kontakt auch mit jungen Menschen zu suchen;
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Als eine gute Idee hat sich der Vorschlag erwiesen, das Know-How älterer, pensionierter Menschen für
den Entwicklungsdienst zu nutzen (Einsatz als Berater in Wirtschaft, Landwirtschaft und Industrie in den Entwicklungsländern). RU-Wissen und Meinung Frieden Kriege: Geschichtlicher Überblick
Die Geschichte der Menschheit ist, soweit man historisch zurückblicken kann, geprägt von kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Zahl der kleineren und größeren Kriege zwischen den Völkern im christlichen Europa und die Zahl der in diesen Kriegen getöteten Menschen ist fast unüberschaubar. Allein im Zeitraum von 1800 bis 1990 waren es 112 Kriege! Unermeßliche Leiden und materielle Schäden wurden verursacht.
In folgende Kriege der Neuzeit mit weltpolitischen Auswirkungen waren die Völker Europas aktiv oder passiv verwickelt: 1096 bis 1291: Sieben Kreuzzüge: Ziel dieser verlustreichen und letztlich ergebnislosen Kriege war die Rückeroberung der von den Moslems (ca. 640 n. Chr.) eroberten Gebiete des Heiligen Landes (Jerusalem). 16.-20. Jahrhundert: Unzählige koloniale Eroberungskriege der europäischen Völker gegen Völker in Afrika, Asien, Amerika, 1618 bis 1648: Dreißigjähriger Krieg: Auseinandersetzung zwischen den evangelischen und den katholischen Staaten Europas. Fast die Hälfte der in Mitteleuropa lebenden Bevölkerung wird getötet. 1740 bis 1763: Drei "Schlesische Kriege" Friedrichs d. Gr. (Preußen) gegen Österreich, Rußland, Frankreich und England (Eroberung Schlesiens durch Preußen). 1796 bis 1815: Eroberungskriege Napoleons gegen fast alle europäischen Staaten; sie enden mit der totalen Niederlage Napoleons in der Schlacht beim Waterloo. 1870 bis 1971: Deutsch-Französischer Krieg: Ursache waren eingewurzelte Haßgefühle der Völker gegeneinander und Rivalitäten ihrer Regierungen um die politische und wirtschaftliche Vormachtstellung in Mitteleuropa. 1914 bis 1918: 1. Weltkrieg: Die Ursachen des 1. WK sind in einem übersteisteigerten Nationalismus und Vorherrschaftsbestrebungen der großen Nationen zu suchen. Zum ersten Mal werden moderne Massenvernichtungswaffen eingesetzt: Flugzeuge, Panzer, U-Boote, Bomben und Giftgas. Über 12 Millionen Tote in der ganzen Welt waren die Folge. 1939 bis 1945: 2. Weltkrieg: Ausgelöst wird der 2. WK durch den von Hitler befohlenen Überfall deutscher Truppen auf Polen am 1. 9. 1939. Der Krieg endete in Europa mit der Kapitulation Deutschlands am 8.5.1945, in Japan mit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945. Während des 2. WK wurden 16 Millionen Soldaten, davon 13 Millionen sowjetische getötet. Dazu kommen 30 bis 40 Millionen tote Zivilisten durch Luftangriffe, Partisanenkampf, Flucht und Vertreibung. Zwischen 1950 und 1970: Sog. Befreiungskriege gegen die Kolonialen Mächte (vor allem England und Frankreich und Portugal) in Indien, Algerien, Vietnam, Mozambique, Angola. 1950 bis 1953: Koreakrieg, ausgelöst durch den Einmarsch kommunistischer Truppen in den Süden Koreas. Eingreifen der USA, später Chinas in den Krieg. Teilung Koreas in Süd- und Nordkorea 1948, 1956, 1967 und 1973: Kriege zwischen Israel und den arabischen Staaten. 1979 bis 1990: Krieg der Sowjetunion gegen Afghanistan 1991: Golfkrieg; multinationale Truppen unter Führung der USA zwingen den Irak zum Rückzug aus Kuwait. Seit 1990: Regional begrenzte Kriege im ehemaligen, zerfallenen kommunistisch-sowjetischen Machtbereich: Georgien, Aserbaidschan, Armenien, Jugoslawien (Serbien, Kroatien, Bosnien). RU-Wissen und Meinung Frieden Kriege: Ursachen und Motive 1. Geschichts- und Friedensforschung haben versucht, Kriege nach dem Gesichtspunkt ihrer Ursachen und der Ziele der Beteiligten zu klassifizieren. Diese Bemühungen, vor allem die der Friedensforschung, sollen helfen, Kriege in Zukunft zu vermeiden und Entwicklungen zu steuern und aufzuhalten, die zum Ausbruch von Kriegen führen könnten. 2. An erster Stelle der Kriegsursachen sind nationalistische Machtinteressen, territoriale Eroberungsgelüste und Weltmachtstreben zu nennen. Sie waren im wesentlichen die Ursache für die 2 großen Weltkriege in diesem Jahrhundert. 3. Nicht wenige große Eroberungskriege waren religiös motiviert. Zu nennen sind die Eroberungszüge in der Zeit der Entstehung des Islam, als im 7. Jahrhundert n. Chr. der Vordere Orient, Nordafrika und Spanien von den Arabern erobert wurden. Als Reaktion darauf folgten zwischen 1096 und 1293 die Kreuzzüge, durch die die Heere des christlichen Abendlandes das "Heilige Land" zurückerobern wollten. Als Religionskrieg zwischen Evangelischen und Katholischen begann der 30-jährige Krieg (1618-1648), in dessen Verlauf Europa weitgehend verwüstet wurde. Auch die jahrzehntelangen kriegerischen Auseinandersetzungen in Nordirland zwischen Evangelischen und Katholischen sind religiös mitbedingt.
Bei diesen "Religionskriegen" ist allerdings festzustellen, daß es letztlich doch nicht (allein) um die Religion und den wahren Glauben ging, sondern meist um politische und wirtschaftliche Machtinteressen. Vorgeschobene religiöse Motive spielten eine demagogische und propagandistische Rolle auf Seiten derer, die politisch an solchem Krieg interessiert waren. 4. Eine große Kriegsgefahr geht von den Interessen unterschiedlicher politischer Systeme und Ideologien aus. Ideologisch und machtpolitisch bedingt waren die Kriege zwischen Ländern des kommunistischen Machtblocks und Ländern der sog. "freien Welt", z.B der Korea- und der Vienamkrieg. 5. Materielle Not, Unterdrückung ganzer Völker und eine ungerechte Verteilung der Güter dieser Erde zwischen Süd und Nord könnten in Zukunft die Ursache für weltweite kriegerische Auseinandersetzungen werden. Wie der Golfkrieg gezeigt hat, ist der Weltfriede auch durch Auseinandersetzungen um den gesicherten Zugang zu den Energie- und Rohstoffquellen dieser Erde gefährdet. 6. Unzählige "Bürgerkriege" wurden ausgelöst durch religiöse, soziale oder stammesbedingte Spannungen innerhalb der Bevölkerung eines einzelnen Landes. Bürgerkriege in Europa fanden unter anderen statt in: Frankreich: 1789 bis 1794, sog. Französische Revolution Russland: 1917-1921, russische kommunistische Revolution unter Lenin Spanien: 1936-1939; ausgelöst durch einen Militärputsch des faschistischen Generals Franco. (An diesem Bürgerkrieg waren auch deutsche Truppen beteiligt; die Stadt Guernica wurde von deutschen Flugzeugen bombadiert). 7. Militärische Auseinandersetzungen werden heute durch die Interessen der Waffenproduzenten, der Waffenverkäufer und -schieber unterstützt bzw. überhaupt erst möglich. Im Jahr 1990 wurden weltweit für über 70 Milliarden Mark Waffen legal verkauft; die USA waren daran mit 44,8%, die Bundesrepublik mit ca. 10% beteiligt. In dieser Summme nicht enthalten sind die illegal verschobenen Waffen. Abnehmer sind auch Länder der Dritten Welt, in denen die Menschen hungern und die sich diese Waffen eigentlich nicht leisten können. 8. Die Geschichte der Menschheit ist im wesentlichen eine Geschichte der Kriege zwischen den Völkern. Ungeklärt ist die Frage, ob dies auf eine aggressive Grundstruktur des Menschen zurückzuführen ist oder ob einzelne Menschen und ganze Völker nur durch äußere Umstände veranlaßt werden, aggressiv zu handeln. Muß man Kriege auch in Zukunft sozusagen als Naturereignis hinnehmen, oder ist der Friede zwischen den Völkern planbar und machbar, indem man die notwendigen politischen und sozialen Voraussetzungen schafft? RU-Wissen und Meinung Frieden Krieg und Frieden (I) 1. Die innere Einstellung und Haltung der Menschen gegenüber dem Krieg reicht von seiner Verherrlichung und bedenkenlosen Anwendung im Militarismus bis zur totalen Ablehnung und Ächtung im Pazifismus. Beide Haltungen haben eine lange Geschichte und Tradition. 2. Militarismus und Kriegsverherrlichung gab es schon in der Antike. So schrieb der römische Schriftsteller Vegetius (400 n. Chr.) in seiner "Anleitung zur Kriegswissenschaft":" Ein Staat, der ein wohlgeübtes Kriegsheer unterhält, ist sicher, glücklich und hat Ehre. Kleiderpracht, Überfluß an Gold, Silber und Juwelen sind es wahrlich nicht, die einem Staat Achtung oder Zuneigung seiner Feinde verschaffen. Waffengeklirr hält ihn in Ehrfurcht." Ähnlich äußerte sich Friedrich der Große: "Ich liebe den Krieg um des Ruhmes willen." Auch heute noch geht von Waffen und von Krieg eine seltsame Faszination aus. Kriegsfilme und Spielzeugwaffen erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit, vor allem bei Jungen und Männern. 3. Neben dieser mehr gefühlsmäßigen, oft unkritischen Haltung gegenüber Waffen und Krieg ist der Militarismus im politischen Bereich folgendemaßen charakterisiert:
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durch die hohe Akzeptanz von Krieg und Gewalt als DrohMittel der Politik.
·
durch die hohe Bereitschaft, das Leben von Soldaten und Zivilbevölkerung aufs Spiel zu setzen und
ihren Tod einzukalkulieren.
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durch die Neigung, der militärischen Stärke des Landes den Vorrang vor allen anderen Interessen und
Aufgaben, besonders den sozialen, zu geben.
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durch die Verharmlosung von Tod und Vernichtung als Kriegsfolgen, Verherrlichung des "Heldentodes"
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durch Sonderstellung und Privilegien des Militärs innerhalb der Gesellschaft 4. Neben der militaristischen Verherrlichung des Krieges hat es immer eine Bereitschaft gegeben, den Krieg sozusagen als naturgegeben hinzunehmen. Nicht selten wurde und wird er biologistisch gerechtfertigt: Kampf und Krieg gehöre zu den Urformen des Lebens überhaupt. "Selbst die kleinsten Lebewesen im Wassertropfen, nur im Mikroskop sichtbar, haben Angriffs- und Abwehrwaffen mitbekommen vom Schöpfer." Der Mensch mache da keine Ausnahme in der Natur. 5. Obwohl der Begriff "Frieden (Shalom") in der Bibel eine zentrale Rolle spielt, findet sich doch nirgends eine generelle Ablehnung des Krieges; ja es gibt sogar die Vorstellung eines Heiligen Krieges, den das Volk auf Geheiß Jahwes zu führen hat zur Vernichtung der Feinde. Waffendienst leistet jeder waffenfähige Israelit, und das Töten eines Feindes im Krieg wird in Israel nicht problematisiert. Das Gebot "Du sollst nicht töten" verbietet den Mord. Es wurde in Israel nie auf den Waffendienst bezogen. 6. Nachdem das Christentum unter dem römischen Kaiser Konstantin offiziell als Staatsreligion anerkannt worden war, mußten die Christen sich auch mit der Frage des staatlichen Machtgebrauchs auseinandersetzen. Die Kirche sah den Staat als gottgegebene Ordnungsmacht, die in Gottes Auftrag den Frieden herzustellen und zu sichern hat. Sie gestand dem Staat das Recht zu, seine Bürger zum Soldatendienst heranzuziehen. 7. Dieser Standpunkt hat sich in vielen Kirchen bis in die neue Zeit hinein gehalten. Die Evangelische Kirche in Deutschland ging auch während des Zweiten Weltkrieges nicht davon ab, als sie gegen den nationalsozialistischen Staat Widerstand leistete. In These V. der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 heißt es: "Die Bibel sagt uns, daß der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Anordnung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen". RU-Wissen und Meinung Frieden Krieg und Frieden (II) 1. Zu allen Zeiten haben Menschen ihrer Sehnsucht nach Frieden Ausdruck verliehen. Der Traum vom ewigen Frieden, von der heilen Welt, in der der Mensch im Einklang mit sich selbst und der Natur lebt, ist wohl so alt wie die Menschheit selbst, d. h. auch, solange es Kriege gibt.
Von dieser Friedenssehnsucht berichten schon Zeugnisse aus alter Zeit. Aus Israel stammt die noch heute berühmte Friedensvision des Propheten Jesaja, der ca. 700 Jahre vor Christus lebte: "Da werden sie Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen". 2. Frieden (hebräisch = shalom) spielt im Glauben des Volkes Israel eine große Rolle. Man grüßt sich in Israel seit Alters mit dem Shalom-Gruß und meint damit das Wohlergehen im umfassenden Sinn, nicht nur des einzelnen Menschen, sondern der ganzen Hausgemeinschaft. Shalom ist eigentlich kein Zustand, sondern ein Prozeß, in dem immer neu beseitigt wird, was den Frieden bedroht und zerstört: Gewalt, Unrecht, Armut und Feindschaft. In diesen Friedensprozeß ist auch das ganze Volk, ja sogar die ganze Völkerwelt und auch die Tierwelt einbezogen. Wo der Shalom Einzug gehalten hat, lebt die ganze Schöpfung im Einklang mit dem Schöpfer. Wo immer etwas von diesem Friedenprozeß sichtbar wird, ist nach biblischem Verständnis Gott am Werk. 3. Von Jesus selbst ist kein Wort überliefert, in dem er sich grundsätzlich gegen den Krieg und den Soldatenberuf ausspricht. Er rechnet vielmehr mit Kriegen; sie sind für ihn Anzeichen des nahen Weltendes und der Katastrophe für Menschheit und Erde. Doch nimmt Jesus auf der anderen Seite die alttestamentliche Friedenssehnsucht und den Glauben an den Shalom auf, als er in seiner "Bergpredigt" die Friedensstifter selig preist. Auf Jesus, auf seine Friedenspredigt und seinen Aufruf zur Feindesliebe berufen sich vor allem die sogenannten Friedenskirchen (Quäker, Mennoniten u.a. ). Sie vertreten die Lehre, daß eine konsequente Nachfolge Jesu, der zur Feindesliebe aufgerufen hat, sich mit dem Töten von Menschen, aus welchen Gründen auch immer, nicht vereinbaren läßt. Sie lehnen jegliche Rüstung und den Militärdienst für sich radikal ab. Auch die Sekte der Zeugen Jehovas verbietet ihren Mitgliedern den Wehrdienst (und auch den Zivildienst, weil sie den Staat als ein Werkzeug des Teufels insgesamt ablehnt). 4. Heute ist aus der Sehnsucht nach Frieden ein Zwang zum Frieden geworden. Vor allem die Zerstörungskraft moderner Waffen zwingt die Regierungen aller Völker der Erde, eine vernünftige Friedensordnung zu schaffen und nationale Interessen zurückzustellen, wenn die Menschheit als ganze überleben soll. "Der Weltfriede ist Lebensbedingung des technischen Zeitalters; in diesem Sinne ist er unvermeidlich. Denn das technische Zeitalter wird nur unter dieser Bedingung weiter bestehen, andernfalls kommt es zu einem gewaltsamen Ende". (C. F. von Weizsäcker .) "Entweder wir schaffen den Krieg ab oder der Krieg wird uns abschaffen". (John F. Kennedy). 5. Die Argumentation der radikalen Pazifisten und vieler Gruppen der sog. Friedensbewegung richtet sich im besonderen gegen den Atomkrieg und gegen die atomare Bewaffnung. Sie gehen von der Barbarei moderner Kriegsführung mit Massenvernichtungsmitteln aus. Nicht nur der Atomkrieg, sondern auch jede Vorbereitung dazu ist abzulehnen. Besonders in den achtziger Jahren meldeten sich während der Abrüstungsdiskussion zwischen Ost und West verschiedene, vielfach kirchlich orientierte Friedensgruppen zu Wort. Bekannt geworden sind ihre (visionären und utopischen) schlagwortartigen Forderungen wie "Ohne Rüstung leben", "Frieden schaffen ohne Waffen" oder die Vorstellung von der nicht-militärischen, "sozialen Verteidigung" des Landes. RU-Wissen und Meinung Frieden Krieg und Frieden (III) 1. Die meisten christlichen Kirchen haben sich in der Vergangenheit bei der ethischen Beurteilung des Krieges auf die Lehre vom gerechten Krieg berufen, eine Lehre, die schon in Ansätzen von der Alten Kirche entwickelt worden war. Sie besagt, daß ein Staat nur unter folgenden Bedingungen einen Krieg führen darf:
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Der Krieg muß der Erhaltung oder Wiederherstellung einer gerechten Ordnung dienen.
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Kriegsziel darf nicht die Vernichtung des Feindes, sondern nur eine bessere Friedensordnung sein.
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Nur eine legitime Obrigkeit darf einen Krieg erklären.
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Die Kriegsregeln müssen eingehalten werden. Insbesondere ist zwischen Kämpfenden und
Nichtkämpfenden zu unterscheiden.
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Der im Krieg naturgemäß nicht vermeidbare Schaden darf den Wert der Güter, um die er geführt wird,
nicht überschreiten. 2. Auch Martin Luther vertrat die Lehre vom gerechten Krieg. In seiner Schrift "Ob Kriegsleute auch in seligem Stand leben können" (1526) billigt Martin Luther nur den Krieg, den ein Fürst lediglich zur Verteidigung seines Landes führt. In diesem Fall sind Christen verpflichtet, Kriegsdienst zu tun. Wenn aber der Landesherr aus Machtgier, Raublust und Mutwillen einen Angriffskrieg führt, muß der christliche Untertan den Kriegsdienst verweigern! Luther rät dem Soldaten, daß "er laufe, was er laufen kann aus dem Felde, und lasse seinen rachgierigen, unsinnigen Fürsten allein Krieg führen mit denen, die mit ihm zum Teufel fahren wollen." Kriege dürfen weder für geistliche Zwecke eingesetzt noch mit geistlichen Argumenten gerechtfertigt werden. 3. Es darf nicht übersehen werden, daß die Lehre vom gerechten Krieg häufig mißbraucht wurde, um Kriegsvorbereitungen und Kriege auch kirchlicherseits zu rechtfertigen. Im Rückblick ist zu fragen, ob es überhaupt jemals einen nach den genannten Regeln "gerechten" Krieg gegeben hat. 4. In der evangelischen Kirche ist man sich heute weitgehend darüber einig, daß vom gerechten Krieg heute nicht mehr gesprochen werden kann. Die ohnehin problematische Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg ist sinnlos geworden. Bei Anwendung der modernen Massenvernichtungsmittel (ABC- Waffen) wird nicht nur die gesamte Zivilbevölkerung, sondern auch die ungeborene Nachkommenschaft und die Natur in Mitleidenschaft gezogen. Und nicht nur die Vernichtung des Gegners, sondern der eigene Selbstmord wird riskiert, ja das gesamte Leben auf der Erde wird bedroht. Unter diesen Voraussetzungen kann man den modernen Krieg nicht mehr, wie früher einmal, als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln verstehen und rechtfertigen. Ein solcher Krieg kann nur noch geächtet werden. 5. Auf dem Hintergrund der Möglichkeit der totalen Vernichtung der Menschheit durch die modernen Waffen sind auch verschiedene Stellungnahmen der Kirchen zum Thema Frieden zu verstehen: a. Bereits 1948 erklärte die 1. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Amsterdam: "Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Die Rolle, die der Krieg heute im internationalen Leben spielt, ist Sünde gegen Gott und eine Entwürdigung des Menschen. ... Krieg bedeutet heute etwas ganz anderes als früher. Wir haben jetzt den totalen Krieg." b. Die 6. Vollversammlung des ÖRK in Vancouver 1983 nahm gegen die Atom- waffen Stellung: "Wie glauben, daß für die Kirche die Zeit gekommen ist, klar und deutlich zu erklären, daß sowohl die Herstellung und die Stationierung als auch der Einsatz von Atomwaffen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen und daß ein solches Vorgehen aus ethischer und theologischer Sicht verurteilt werden muß". c. Die Leitung des Reformierten Bundes erklärte 1982: Wir wollen ohne diese Waffen und diese Rüstung leben. ... Dieses `Nein' ohne jedes `Ja' gilt uneingeschränkt nicht erst für die Anwendung, sondern schon für den Besitz solcher Waffen." RU-Wissen und Meinung Frieden Wehrdienst oder Zivildienst? 1. Das Recht, den Wehrdienst zu verweigern, ist in vielen Ländern der Welt eingeschränkt; in einigen ist die Verweigerung fast oder gar nicht möglich. In der Bundesrepublik ist die "Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen" ein verfassungsmäßiges Grundrecht (Art. 4, Abs. 3 des Grundgesetzes der BRD). 2. § 25 des Wehrpflichtgesetzes lautet: "Wer sich aus Gewissensgründen der Beteiligung an jeder Waffenanwendung zwischen den Staaten widersetzt und deshalb den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, hat statt des Wehrdienstes einen zivilen Ersatzdienst außerhalb der Bundeswehr zu leisten. Er kann auf seinen Antrag zum waffenlosen Dienst in der Bundeswehr herangezogen werden." In § 26 macht das Wehrpflichtgesetz die Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer von einem Prüfverfahren abhängig. Wer verweigern will, muß derzeit in einer ausführlichen Stellungnahme seine Gründe darlegen. Dabei werden keine politischen oder militärischen Argumente akzeptiert, sondern nur ethisch/religiös geprägte Gewissensgründe. Umstritten ist dabei die Frage, ob überhaupt und wie ein Gewissen juristisch überprüft werden kann.
Die Diskussion um Pro und Contra Wehrdienst wird, abgesehen von extremen Positionen, von folgenden Argumenten bestimmt: A. Argumente für einen Friedensdienst MIT der Waffe: 1. Die geschichtliche Erfahrung lehrt, daß die Menschheit bis heute noch nie auf Waffen verzichten konnte, um sich gegen ungerechte Angriffe zu verteidigen. 2. Waffenlosigkeit oder verminderte militärische Anstrengungen laden einen aggressiven Gegner geradezu ein, das verteidigungsschwache Land bzw. Bündnissystem anzugreifen oder zumindest politische Erpressung auszuüben. 3. In dieser Situation ist ein ungefähres Gleichgewicht militärischer Potentiale die beste Voraussetung für die Erhaltung des Friedens. 4. Die Bundeswehr dient ausschließlich der Verteidigung. Nationalistische oder revanchistische Ziele der Politik sind durch das Grundgesetz von vornherein ausgeschlossen. 5. Es kann nicht gegen das Gewissen sein, den Frieden mit der Waffe zu erhalten und sich selbst und andere Bürger gegen militärische Angriffe von außen zu schützen. 6. Weder die Bibel noch die christliche Ethik verurteilen den Kriegsdienst, wenn er der Verteidigung dient. Der Mensch lebt in einer sündhaften, bösen Welt, in der Menschen immer wieder Waffengewalt anwenden. Sich dagegen zu wehren, kann keine Sünde sein. B. Argumente für einen Friedensdienst OHNE Waffen: 1. Obwohl die Menschheitsgeschichte bis heute voller Kriege ist, ist der Krieg keine Naturnotwendigkeit, sondern das Ergebnis menschlichen Handelns und Fehlverhaltens. Oft liegt er im Interesse von Politikern, die den Krieg als Mittel zum Erreichen ihrer politischen Ziele einkalkulieren. Es ist an der Zeit, alle Regierenden und Machthaber zu zwingen, Konflikte ohne Drohung mit Waffen und mit deren Einsatz zu lösen. Der Friedensdienst ohne Waffen ist das bessere Zeichen und der bessere Weg zum Frieden und fördert den Lernprozeß in der Menschheit. 2. Die Ausbildung zum Soldaten bedeutet Ausbildung zum meist grausamen Töten von Menschen und zu deren massenhaften Vernichtung, ohne Rücksicht auf deren Schuld oder Unschuld. Jeder Soldat steht in der Gefahr, im Krieg selbst entmenschlicht und zum Mörder zu werden. Krieg verstößt somit gegen die Menschenwürde und Menschenrechte. Wer den Kriegsdienst verweigert und sich im Zivildienst um kranke und alte Menschen kümmert oder auch für den Naturschutz engagiert, setzt ein deutliches Zeichen für mehr Menschlichkeit. 3. Wer den Wehrdienst verweigert, will damit deutlich machen, daß militärische Sicherheit heute gar nicht mehr möglich ist. Auch ein Verteidigungskrieg verliert seinen Sinn, wenn durch den Einsatz von Atomwaffen alles das vernichtet wird, was man verteidigen will. RU-Wissen und Meinung Frieden Aggression und Gewalt (I) 1. Aggression und Gewalt sind alltägliche Erscheinungen der menschlichen Gesellschaft in Gegenwart und Vergangenheit. Sie sind immer mit einer Schädigung von Menschen, Natur oder Gegenständen verbunden. Gewalt anwenden bedeutet: beschädigen, verletzen, zerstören, vernichten, Schmerz zufügen, Ärger erregen, beleidigen.
Die Formen von Aggression und Gewalt sind vielfältig, fast unüberschaubar. Zu nennen sind: a. Kriege, in denen keine Rücksicht genommen wird auf das Leben von alten und kranken Menschen oder auf Kinder. b. Mord und Vergewaltigung c. Mißhandlung und sexueller Mißbrauch von Kindern; die Täter finden sich oft im Kreis der nächsten Familienangehörigen d. Foltern von Gefangenen e. wissenschaftlich begründetes (verbrämtes) oder sogar genüßliches Quälen von Tieren f. Es gibt auch Formen diffiziler Gewalt. Dazu gehören z. B. das bewußte Zugrunderichten und Verdrängen des wirtschaftlichen Konkurrenten oder auch psychischer Terror gegen Familienangehörige Kinder) oder Nachbarn, gegen Ausländer und Andersdenkende und auch Gewalt und Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr. g. Gewalt in vielfältiger Form wurde auch von Institutionen ausgeübt, die eigentlich den Frieden leben und verkündigen sollten, nämlich von den Kirchen, die Menschen ihres Glaubens wegen foltern und auf Scheiterhaufen verbrennen ließen. h. In den letzten Jahren erlebt die Bundesrepublik wie viele andere Länder eine Welle von Gewalt, die gerade von Jugendlichen ausgeht. Jugendgangs ziehen marodierend, bewaffnet mit Eisenstangen und Gaspistolen, durch deutsche Großstädte. Ihre Kennzeichen: Kurze Haare, Bomberjacken, markige Sprüche. Tag für Tag gehen Autonome, Skinheads und Türkenbanden aufeinander los, machen Randale, zerstören Autos. Einsatzwagen der Polizei gehen in Flammen auf. Sogenannte Fußballfans liefern sich Schlachten mit der Polizei nach Fußballspielen. Kinder im Alter von 10-12 Jahren sind an kriminellen Cliquen in steigendem Maße beteiligt. Hinzu kommt eine zunehmende Gewalt an den Schulen, Überfälle auf Mitschüler, Lehrer usw. 2. Zu fragen ist, worin die Ursachen für die Aggressivität und Gewaltbereitschaft der Menschen zu suchen sind. a. Viele glauben, daß der Mensch von Natur aus böse und von Zerstörungswut beseelt ist und daß Aggressivität ist ein angeborener Trieb des Menschen ist. Und tatsächlich ist die Geschichte der Menschheit mit Blut geschrieben. Es ist eine Geschichte unaufhörlicher Gewalttat. "Homo homini lupus" (der Mensch ist für Menschen ein Wolf), so hat es im 17. Jahrhundert der englische Philosoph Thomas Hobbes formuliert. b. Und dennoch scheint diese Rechnung nicht ganz zu stimmen. Denn viele Menschen haben fast tagtäglich die Möglichkeit, Akte der Grausamkeit zu begehen und tun es dennoch nicht. Und die meisten reagieren auch mit Abscheu, wenn sie Grausamkeiten und Sadismus begegnen. Es gibt Nächstenliebe, sogar Feindesliebe und die Bereitschaft, sein eigenes Leben für andere einzusetzen. So ist die alte Menschheitsfrage, ob der Mensch im Grunde böse und verdorben oder aber im Kern gut ist, nicht gelöst. RU-Wissen und Meinung Frieden Aggression und Gewalt (II)
Unter welchen Voraussetzungen und Umständen beim einzelnen Menschen Gewalttätigkeiten ausgel"st werden, dafür gibt die Psychologie einige Erklärungsmuster an die Hand: 1. Reaktive Gewaltanwendung: Derjenige, der Gewalt anwendet, reagiert auf eine tatsächliche oder eingebildete Bedrohung seines Lebens oder seines Besitzes. Er versucht, seine Freiheit, seine Würde, sein Eigentum zu verteidigen. Ziel dieser Gewalt ist mehr Erhaltung als Vernichtung und Zerstörung. 2. Kompensierende Gewalttaten. (Kompensieren = ausgleichen, ersetzen). Darunter fallen Gewaltakte, die durch Gefühle der Frustration, Enttäuschung, Ohnmacht und Machtlosigkeit ausgelöst werden. Viele Formen von Jugendkriminalität und -gewalt sind so zu erklären. Wachsende Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit, eine fundamentale Verunsicherung, die Angst, im täglichen Konkurrenzkampf um Arbeit, Erfolg und Ansehen und sozialem Status nicht bestehen zu können, sind verantwortlich zu machen für die Gewaltbereitschaft vieler Jugendlicher. Bei benachteiligten Jugendlichen entsteht leicht das Gefühl der Ohnmacht. Gewalt verspricht wenigstens kurzfristig eine Befreiung aus dieser Ohnmacht. 3. Es gibt auch einen krankhaften Zwang zur Gewaltanwendung. Massenmorde von Einzeltätern und Gewalttaten aus unkontrollierbaren Rachegelüsten gehören in diesen Zusammenhang. Die Psychologie erkennt in manchen besonders grausamen, blutigen Gewalttaten einen Rückfall des Gewalttäters auf eine archaische Entwicklungsstufe des Menschen, vor dem eigentlich kein Mensch sicher sein kann. Darauf hin deutet die Tatsache, daß von der Gewalt, verbunden mit Tod und Blut, auf fast alle Menschen eine seltsame Faszination auszugehen scheint. 4. Die Psychologie geht auch davon aus, daß Gewalt und Aggressionen, wie alle anderen Verhaltensmuster auch, zum großen Teil erlernt werden. Die dem Menschen eigentlich angeborene Hemmschwelle bei der Anwendung von Gewalt ist in der Ära des Video-Horrors tief gesunken. Die Medien, insbesondere das Fernsehen, üben in dieser Beziehung einen äußerst negativen Einfluß auf die Gesellschaft aus. In jeder Woche werden in den Fernsehfilmen eine Unzahl von Verbrechen, Morden, Vergewaltigungen usw. gezeigt. Oft scheint der eigentliche Zweck dieser Filme die Aneinanderreihung von Gewaltszenen zu sein. Die Folgen von regelmäßigem und übermäßigem Konsum von solchen Gewaltdarstellungen können für den einzelnen - bei Kindern wie auch bei Erwachsenen - erhebliche Belastungen verursachen und verstärken. Speziell bei jüngeren Menschen kann es zu überängstlichem Verhalten und zu einer gestörten Wahrnehmung der Wirklichkeit kommen. Gegenüber Gewaltanwendung in der Wirklichkeit kann langfristig eine Abstumpfung eintreten, und die Bereitschaft, Gewalt als Mittel der Konfliktlösung zu tolerieren und selbst einzusetzen, kann sich erhöhen. Das bleibt nicht ohne Auswirkung auf die wachsende Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft. 5. Eltern und Erziehern kommt dabei eine wichtige Rolle und eine Vorbildfunktion zu. Am tatsächlichen Verhalten der Erwachsenen orientieren sich Kinder und Jugendliche eher als an moralischen Appellen. Wenn Kinder bei Erwachsenen erleben, wie man mit Konflikten konstruktiv umgeht, dann ist dies die beste Voraussetzung, daß Kinder diese nichtaggressive Verhaltensweise übernehmen und nachahmen. RU-Wissen und Meinung Frieden Rassismus (I) 1. Unter Rassismus versteht man die Verfolgung, Diskriminierung, Unterdrückung und Entrechtung von Menschen oder ganzen Völkern wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse. Rassismus heute prägt nicht nur die Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen in vielen Teilen der Erde, sondern auch das Verhältnis ethnisch unterschiedlicher Gruppen in vielen einzelnen Völkern. Keine Gesellschaft, kein Volk ist prinzipiell gegen Rassismus immun. Vertreibung, wirtschaftliche Ausbeutung, Verweigerung politischer Rechte, Zerstörung der kulturellen Identität oder gar Völkermord sind Folgen rassistischer Verfolgung.
Es gibt offenen, politisch gewollten, aber auch einen verdeckten und oft nicht bemerkten Rassismus. Die Gestalt, in der er wirksam wird, ist in den jeweiligen Ländern oder Regionen recht unterschiedlich. 2. Zu allen Zeiten hat man versucht, die auffallenden Unterschiede von Menschen nach Hautfarbe und Körperbau zu erklären. So wird im Alten Testament die Existenz verschiedener Rassen mit der Geschichte von Noah und seinen Söhnen Sem, Ham und Japhet begründet. Sie sollen die Urväter der drei Hauptrassen unter den Menschen sein, der "Hamiten" (=Schwarze), "Semiten" (=Araber) und "Japhetiten" (=Weiße). Lange Zeit hat dieses (wissenschaftlich unhaltbare) Schema das Denken in Politik, Wissenschaft und Theologie bestimmt. 3. Forschungen auf dem Gebiet der modernen Anthropologie haben zu der Erkenntnis geführt, daß alle heute lebenden Menschen ausnahmslos einer einzigen Menschenart angehören, nämlich der Spezies "homo sapiens sapiens". Die Anthropologie geht auch davon aus, daß es auf der Welt keine einzige "reine Rasse" (mehr) gibt. Sie stützt damit wesentlich den Gedanken von der Einheit des Menschengeschlechts und betont heute mehr die Ähnlichkeiten als die Unterschiede zwischen den verschiedenen Menschengruppen. U. a. wurde festgestellt, daß es keinen Unterschied beim sog. Intelligenzquotienten zwischen afrikanischen und europäischen Völkern gibt. Unterschiede in Lebensform, Verhalten und Mentalität haben keine biologigischen, sondern gesellschaftliche Ursachen. 4. Für die Betonung der rassischen Unterschiede der Menschen und für die Politik von Rassentrennung wurden und werden biologistische, ideologische, aber auch religiös/theologische Argumente angeführt. a. Die biologistische Begründung der Rassentrennung lautet etwa so: Die Natur selbst hat verschiedene Arten hervorgebracht, unter denen es eine Vermischung nicht gibt. So wie es unter den Tieren höhere und niedrigere Lebensformen gibt, existieren bei den Menschen ebenfalls höhere und niedrigere Rassen. Es gibt eigentlich auch keine echten Symbiosen (Zusammenleben) der unterschiedlichen Arten. Diese Ordnung der Natur ("Fink zu Fink, Meise zu Meise") soll auch der Mensch beherzigen. Er soll die von der Natur gesetzten Rasseschranken nicht überschreiten. b. In der Rassenideologie besonders der Nazis werden biologistische Argumente mit Gedanken des Sozialdarwinismus verbunden. Ein Recht auf Überleben habe nur die Rasse, die sich als stärkere gegenüber anderen durchsetzen könne. Die Verherrlichung der arisch/germanischen Rasse, die Einteilung aller Menschen in Herrschende auf der einen und sog. Untermenschen auf der anderen Seite, führte zu den entsetzlichen Vernichtungsaktionen gegen Juden und Sinti und Roma. Im Geheimen soll Hitler die Ausrottung aller Schwarzen auf der Erde geplant haben. RU-Wissen und Meinung Frieden Rassismus (II) 1. Rassistische Theorien wurden und werden auch religiös/theologisch begründet. Dabei wird die biologistische Argumentation aufgenommen: Gott hat den Menschen nach unterschiedlichen Rassen geschaffen; er hat ihnen unterschiedliches Aussehen, eine unterschiedliche Mentalität und Kultur und verschiedene Sprachen gegeben. Gott hat diese natürliche Ordnung und alle Unterschiede gewollt, und der Mensch hat sich daran zu halten. Die von Gott gewollte Ordnung der Trennung muß der Mensch im Bereich von Ehe und Familie, in der Gesellschaft und im politischen Bereich verwirklichen. Rassenververmischung ist widernatürlich und Sünde. ("Was Gott getrennt hat, soll der Mensch nicht zusammenfügen!"). Es wird darauf hingewiesen, daß schon im alten Israel die Vermischung mit anderen Völkern als Sünde gegen Gottes Gebot galt. 2. In besonderer Weise wurde lange Zeit die Rassentrennungspolitik der weißen Apartheids-Regierungen in Süd-Afrika durch Kirchen und Theologie gestützt. Man ging (geht) dabei von dem Gedanken aus, daß Gott sich das Volk der Buren (der Weißen) als sein Volk erwählt und ihm das südafrikanische Land und alle Vorrechte gegenüber den schwarzen Völkern gegeben habe. So wie in alter Zeit das Volk Israel von Gott erwählt, gesegnet und gegenüber anderen Völker mit besonderen Rechten bedacht wurde, habe sich Gott in heutiger Zeit den Weißen in besonderer Weise zugewandt, ihnen besondere Verantwortung und Pflichten gegenüber den nichtweißen Völkern auferlegt. Schwarze, Farbige und Weiße seien zwar alle Gottes Kinder und damit Brüder und Schwestern; das bedeute aber nicht, daß man in einer Kirche vereinigt, zusammen Gottesdienst halten und gemeinsam zu Gott beten müsse. In dieser Weise hat die weiße Burenkirche in Südafrika lange Zeit versucht, das Apartheidssystem zu stützen. Heute spielen diese Versuche, Rassentrennung und -diskriminierung theologisch zu rechtfertigen, in der Theologie keine ernsthafte Rolle mehr. Sie sind unhaltbar, da sie ausschließlich mit Bezug auf das Alte Testament argumentieren. 3. Das Neue Testament und besonders die Verkündigung Jesu bieten keinerlei Unterstützung für rassistisches oder nationalistisches Gedankengut. Im Gegenteil: Die Botschaft Jesu besagt, daß die Liebe Gottes allen Menschen gilt, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer nationalen Zugehörigkeit oder Hautfarbe. In Christus sind alle trennenden Mauern zwischen den Menschen niedergerissen. In ihm ist der Mensch neu geschaffen, zur Einheit und zur Versöhnung berufen. 4. Diese Erkenntnis liegt auch dem Antirassismus-Programm des Weltkirchenrates (ÖRK) zu Grunde. (Im ÖRK sind mehr als 300 christliche Kirchen aus über 100 Ländern zusammengeschlossen. Sie repräsentieren eine große Vielfalt verschiedener Glaubenshaltungen, Kirchen und Kulturen). In diesem Programm heißt es: " Rassismus verleugnet das versöhnende Werk Jesu Christi, der die Menschen mit Gott und miteinander versöhnt hat. Deswegen ist vom Evangelium Jesu Christi her der Kampf gegen den Rassismus, wo immer dieser in offener oder verdeckter Form vorhanden ist, eine Aufgabe der Kirche in jedem Land und in jeder Gesellschaft." So hat der ÖRK jahrelang versucht, durch Proteste und Einflußnahme auf die Weltöffentlichkeit auf das Ende der Unterdrückung und Entrechtung der schwarzen und farbigen Bevölkerungsmehrheit in Südafrka hinzuwirken. Bereits seit 1972 hat er zu Sanktionen gegen die südafrikanische Minderheitsregierung aufgerufen. RU-Wissen und Meinung Frieden Rassismus (III) 1. Die Ideologie und die politischen Ziele des Nationalsozialismus in Deutschland waren eindeutig und offen rassistisch. Die Verherrlichung der arisch/germanischen Rasse, die Einteilung aller Menschen in eine Herrscherklasse auf der einen und sog. Untermenschen auf der anderen Seite führte zu den entsetzlichen Vernichtungsaktionen gegen Juden und Sinti und Roma. Im Geheimen soll Hitler die Ausrottung aller Schwarzen auf der Erde geplant haben. 2. Rassistisch ist auch die jahrzehntelange Politik der weißen Minderheitsregierung in der Republik Südafrika zu nennen. Dieses politische Programm wurde weltweit unter der Bezeichnung "Apartheid" bekannt. Apartheid sollte angeblich auf friedlichem Wege die getrennte Entwicklung der unterschiedlichen Rassen in SA regeln und fördern. In Wirklichkeit brachte sie Unterdrückung und Entrechtung für alle Nicht- Weißen. Die schwarze Bevölkerungsmehrheit (fast 70%) war und ist nicht an der Regierung beteiligt. Ihr wurde von den weißen Machthabern nur 13% des Landes als Siedlungsgebiet zugewiesen; Ehen und alle sexuellen Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen waren verboten; Nicht-Weiße hatten keinen Zugang zu öffentlichen Gebäuden wie Banken, Post oder Hotels. Eine fast unüberschaubare Fülle von Apartheidsgesetzen dient(e) dazu, die Vorrechte der Weißen in SA zu sichern. Aufgrund weltweiter Proteste und gezwungen durch Wirtschafts- und Sportboykott und durch die Verweigerung von Bankkrediten hat die weiße Regierung inzwischen die Politik der Apartheid offiziell abgeschafft. Die Folgen allerdings der jahrzehntelangen gesellschaftlichen Diskriminierung, der politischen Unterdrückung und der sozialen und kulturellen Benachteiligung aller Schwarzen sind für die Zukunft unabsehbar. 3. Die Rassenprobleme in den USA haben ihren Ursprung im Sklavenhandel, der zu Beginn des 16. Jhdts einsetzte. Daran waren auch alle europäischen Kolonialmächte beteiligt. Insgesamt wurden damals über 20 Millionen Schwarz-Afrikaner unter schlimmsten Bedingungen nach Amerika verfrachtet. Unzählige von ihnen starben auf den langen Schiffsreisen. In Amerika wurden sie als Sklaven in der Baumwollwirtschaft eingesetzt, die Frauen hatten in den Haushalten zu arbeiten. Obwohl durch einige Gesetze geschützt, waren sie im Grunde doch rechtlos. Erst 1863 wurde die Sklaverei endgültig abgeschafft. Danach folgte eine Politik der strengen Rassentrennung (Segregation). Obwohl inzwischen die rechtliche Gleichstellung der Schwarzen in den USA erreicht wurde, ist ihre soziale und gesellschaftliche Benachteiligung keineswegs überwunden. Davon zeugen die Ausbrüche von Haß und Gewalt, mit denen sich die schwarzen "underdogs" gegen gesellschaftliche Unterdrückung und rassistische Diskriminierungen zu wehren versuchen. 4. Rassendiskriminierung gibt es auch in vielen anderen Teilen der Erde: Zu nennen ist der Überlebenskampf der Indianer in Südamerika, die dort aus ihren Stammesgebieten verdrängt werden. Dasselbe gilt auch für die Maoris in Neuseeland und die Aborigines in Australien. 5. Offenen und versteckten Rassismus gibt es nach wie vor auch in den Ländern Europas. Das zeigen rassistisch motivierte Übergriffe ausländischen Arbeitnehmern und Flüchtlingen gegenüber sowie gegen andere Minderheiten wie Sinti und Roma. Neonazismus mit rassistischem Gedankengut macht sich in letzter Zeit in verstärktem Maße in der Bundesrepublik bemerkbar. Rassismus hat erfahrungsgemäß überall da eine Chance, wo Menschen selbst das Gefühl der Unterlegenheit haben, wo sie sich übergangen fühlen und selbst an den gesellschaftlichen Rand gedrängt sehen. 6. Aber auch Menschen, die bereits ein Gefühl für ein gleichberechtigtes Miteinander entwickelt haben und sich um Verständigung zwischen den Menschen bemühen, sind manchmal noch in einem Netz von Vorurteilen gefangen und haben nicht selten Überlegenheitsgefühle gegenüber Menschen anderer Rasse. Unreflektiert und gedankenlos werden diskriminierende Begriffe wie "niedere Rasse und höhere Rasse" oder auch die Worte "Eingeborene" oder "Neger" verwendet. Hinter solchen und anderen Ausdrucksweisen verbirgt sich unbewußtes rassistisches Denken. RU-Wissen und Meinung Frieden Menschenrechte (I) 1. Das Besondere der Menschenrechte liegt darin, daß sie sich allein vom Wesen des Menschen ableiten. Menschenrechte sind angeborene Rechte, die dem Einzelnen aufgrund der Tatsache zukommen, daß er ein Mensch ist. Jeder Mensch besitzt diese Rechte und zwar jeder in gleichem Maße, "ohne Unterschied der Rasse, der Farbe, des Geschlechts, der Sprache, der Religion, der politischen oder sonstigen Überzeugung, der nationalen oder sozialen Herkunft, des Vermögens, der Geburt oder anderer Umstände", wie es in Artikel 2 der Erklärung der Vereinten Nationen von 1948 heißt. 2. Die Menschenrechte sind nicht davon abhängig, daß und ob ein Staat oder eine andere menschliche Organisation sie einem Menschen verleiht oder nicht. Sie gelten absolut, zu jeder Zeit, für jede Gesellschaft. 3. Ansätze zur Formulierung von Menschenrechten finden sich zum ersten Mal in der "Magna Charta Libertatum", die im Jahre 1215 in England erlassen wurde und die alle Bürger vor der mißbräuchlichen Anwendung von Gesetzen durch den König schützen sollte. Aufgenommen wurden diese Gedanken wiederum in England in der "Habeas Corpus Akte" von 1679. Darin wird allen englischen Bürgern persönliche Freiheit garantiert. In vollem Sinne waren dies aber noch keine Menschenrechte, da sie noch der staatlichen Gesetzgebung unterlagen. 4. Zum ersten Mal schriftlich fixiert wurden unveräußerliche, also vom Staat unabhängige Menschenrechte in der "Bill of Rights", der Verfassung des US Staates Virginia im Jahr 1776. Darin heißt es: "Alle Menschen sind von Natur aus gleichermaßen frei und unabhängig und besitzen angeborene Rechte."
Diese Gedanken fanden Eingang in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vom 4. 7. 1776. Auch sie spricht von allgemeinen Menschenrechten, deren Rechtmäßigkeit für jeden Menschen einsichtig sei und die keiner besonderen Begründung bedürften. 5. In Europa wurden Menschenrechte zum ersten Mal im Verlauf der Französischen Revolution in der "Declaration des droits de l'homme et du citoyen" (1791) formuliert. Darin wurde allen Bürgern Freiheit, Gleichheit, Eigentum, Sicherheit, das Recht auf Widerstand gegen Unterdrückung, die Gleichheit vor dem Gesetz und der Schutz vor willkürlicher Verhaftung, aber auch Religions- und Meinungsfreiheit zugestanden. 6. Nachdem die Menschenrechte durch immer mehr Staaten vor allem der westlichen Welt in die Verfassungen aufgenommen waren, wurden sie im Jahre 1945 wichtiger Bestandteil der "Charta der Vereinten Nationen" und durch die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" vom 10. 12. 1948 für alle Mitgliedsstaaten der UN verbindlich. 7. Es ist offensichtlich, daß die Menschenrechte in den Staaten der Erde in unterschiedlichem Maße verwirklicht werden. Folter, Verfolgung aus religiösen, politischen und rassischen Gründen sind in vielen Staaten die traurige Wirklichkeit. Kein Staat wird von sich behaupten können, daß er alle Bestimmungen und Forderungen der Menschenrechtserklärung erfülle. 8. In letzter Zeit gehen Staaten der islamischen Welt in verstärktem Maße auf Distanz zur Menschenrechtserklärung der UN. Sie kritisieren, daß sie im wesentlichen durch christlich/westliche Wertvorstellungen geprägt sei. Die Individualrechte (d. h. die Rechte des Einzelnen), z. B. die der freien Religionsausübung, seien überbetont. Im Bezug auf die Gleichstellung von Mann und Frau wird der Frau wohl gleiche Würde wie dem Mann zugestanden, aber keine gleichen Rechte. RU-Wissen und Meinung Frieden Menschenrechte (II)
Die wichtigsten Bestimmungen der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" vom 10.12.1948, die 30 Artikel umfaßt, lauten:
Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.
Artikel 2: Jeder Mensch hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeine Unterscheidung wie etwa nach Rasse, Farbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, nach Eigentum, Geburt oder sonstigen Umständen. ...
Artikel 3: Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.
Artikel 5: Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.
Artikel 7: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben ohne Unterschied Anspruch auf gleichen Schutz durch das Gesetz. ...
Artikel 11: Jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, ist solange als unschuldig anzusehen, bis seine Schuld ... nachgewiesen ist.
Artikel 12: Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, sein Heim oder seinen Briefwechsel noch Angriffen auf seine Ehre und seinen Ruf ausgesetzt werden. ...
Artikel 13: Jeder Mensch hat das Recht auf Freizügigkeit und freie Wahl seines Wohnsitzes innerhalb eines Staates.
Artikel 14: Jeder Mensch hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgungen Asyl zu suchen und zu genießen. ...
Artikel 15: Heiratsfähige Männer und Frauen haben ohne Beschränkung durch Rasse, Staatsbürgerschaft oder Religion das Recht, eine Ehe zu schließen und eine Familie zu gründen. ...
Artikel 18: Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfaßt die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, ...
Artikel 19: Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung. ...
Artikel 23: Jeder Mensch hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf angemessene und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz gegen Arbeitslosigkeit. Alle Menschen haben ... das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.
Artikel 24: Jeder Mensch hat Anspruch auf Erholung und Freizeit sowie auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit und auf bezahlten Urlaub.
Artikel 26: Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung. Der Unterricht muß wenigstens in den Elementar- und Grundschulen unentgeltlich sein. ...
Artikel 29: Jeder Mensch hat Pflichten gegenüber der Gemeinschaft. RU-Wissen und Meinung Frieden Friedenserziehung: Thesen 1. Erziehung zu Friedensbereitschaft und Friedensfähigkeit geschieht in allen Lebensbereichen, in Familie, Schule, Arbeits- und Freizeitwelt, in der Politik, im Straßenverkehr, beim Sport. Sie betrifft Kinder, Jugendliche und Erwachsene in gleichem Maße. 2. Mit der Erziehung zum Frieden sollte jeder Mensch zunächst bei sich selbst, in seiner persönlichen Lebensgestaltung und in seiner Familie beginnen. Den Frieden zu lernen, das bedeutet zu lernen, mit den eigenen Aggressionen fertig zu werden, Konflikte gewaltfrei auszutragen und zu lösen. Erziehung zu Friedensbereitschaft und Friedensfähigkeit vollzieht sich vor allem im Gespräch zwischen den verschiedenen Überzeugungen, Positionen und Generationen. Dabei sollen Konflikte und Meinungsverschiedenheiten nicht verleugnet werden. Sie müssen aber fair ausgetragen werden, d. h. auf eine Weise, die den Frieden fördert statt ihn zu gefährden. Dazu gehört die Bereitschaft, intolerantes Denken zu vermeiden, den Andersdenkenden zu verstehen und von dessen Voraussetzungen her zu denken. 3. Erziehung zum Frieden innerhalb der Familie bedeutet, daß die Eltern auf Gewaltanwendung körperlicher oder psychischer Art in der Familie möglichst ganz verzichten. Prügelnde und (sich) schlagende Eltern können ihre Kinder kaum zu Friedensbereitschaft erziehen. 4. Dagegen ist es wichtig, daß Eltern ihren Kindern eine tiefe Abneigung gegen Gewalt eingeben. Als Erzieher sollten sie selber nationalistische und rassistische Haßparolen, abfällige Bemerkungen und diskriminierende Witze über Angehörige anderer Nationen und anderer Rassen vermeiden und sie auch ihren Kindern untersagen. Ob einer wirklich Frieden will oder nicht, erkennt man daran, ob er die Sprache des Friedens spricht oder ob er Haß und Menschenverachtung schürt. Die verbale Verherrlichung der Todesstrafe ("Kopf-ab-Mentalität") gehört auch in diesen Zusammenhang. Erziehung zum Frieden heißt, das Freund-Feind-Denken in allen Lebensbereichen zu überwinden, Vorurteile und irrationalen Haß gegen alles Fremde und Andersartige abzubauen. 5. Erziehung zum Frieden heißt, die brutale Realität und die unmenschlichen Folgen von Krieg und Gewalt darzustellen und damit ihrer Verharmlosung und Verherrlichung in Presse, Film und Fernsehen entgegenzuwirken. Bei Kindern sollte früh eine kritische Empfindlichkeit gegenüber jeder Art von Gewaltanwendung geweckt und unterstützt werden. Eltern sollten ihren Kindern niemals Kriegsspielzeug kaufen. Sie sollten ihren Kindern vielmehr deutlich machen, daß Waffen in der Realität kein Spielzeug, sondern Tötungsinstrumente sind. 6. Friede unter den Menschen und unter den Völkern setzt voraus, daß man voneinander weiß und die jeweiligen Lebensumstände kennt. Der Frieden kann dadurch gefördert werden, daß man lernt, Interesse und Verständnis für die Kultur und Lebensart, aber auch für die Probleme und sozialen Schwierigkeiten der Menschen in anderen Kontinenten zu entwickeln. Das interessierte Beobachten der politischen Tagesereignisse kann dabei sehr hilfreich sein. RU-Wissen und Meinung Geschichte Wichtige Daten aus der Religions- und Kirchengeschichte (I)
3000 v. Chr.
Anfänge der alt-ägyptischen Kultur
2700
Bau der großen Pyramiden von Gizeh
1350
Sonnenkult des Pharao Echnaton
1100
Pharao Ramses II. Versklavung und Befreiung Israels
1500 v. Chr.
Einwanderung der Arier nach Indien. Anfänge der hinduistischen Religion
500
Gauthama Buddha. Entstehung und Ausbreitung des Buddismus
1100 v. Chr.
Mose führt Israel aus Ägypten nach Palästina. Gesetzgebung am Sinai (10 Gebote)
1000
König David gründet das Reich Israel mit Jerusalem als Hauptstadt. Die ältesten Teile des Alten Testamentes entstehen.
900
Unter König Salomo wird der erste große Tempel in Jerusalem gebaut
586
Die Babylonier zerstören Jerusalem, die jüdische Bevölkerung wird nach Babylon in die Gefangenschaft geführt
515
Rückkehr der Juden nach Jerusalem. Wiederaufbau des Tempels
900 v. Chr.
Entstehung des griechischen Götterglaubens (Zeus, Athene)
753
Gründung der Stadt Rom
500
Der Philosoph Platon, ein Schüler des Sokrates, lehrt in Athen
330
Ausdehnung des hellenistischen Reiches unter Alexander d.Gr. bis nach Indien
200
Beginn der römischen Herrschaft über den Mittelmeerraum
58 bis 51:
Eroberung Galliens, Großbritanniens und weiter Teile Germaniens durch Julius Caesar, später Alleinherrscher in Rom
44 bis 14 n. Chr.
Regierungszeit des Kaiser Augustus.
33 n. Chr.
Kreuzestod Jesu in Jerusalem. Entstehen der ersten christlichen Gemeinde
34
Bekehrung des Paulus zum christlichen Glauben. Bis zu seinem Tod in Rom verschiedene Missionsreisen nach Kleinasien und Griechenland. Ausbreitung des Christentums
64
Christenverfolgung unter Nero in Rom. Tod des Petrus und des Paulus
70
Zerstörung Jerusalems durch die Römer. Vertreibung der jüdischen Bevölkerung
200
Die Schriften des Alten und Neuen Testaments werden zur Bibel zusammengestellt
303
Letzte Christenverfolgung unter dem Kaiser Diokletian
337
Kaiser Konstantin bekehrt sich zum christlichen Glauben
381
Das Christentum wird Staatsreligion des römischen Reiches; die heidnischen Religionen werden verboten. Beginn der Heidenverfolgungen
622
Mohammeds Flucht aus Mekka. Entstehung des Koran. Beginn der Ausbreitung des Islam in Palästina, Persien, Nordafrika und Spanien
732
Sieg Karl Martells bei Tours und Poitiers (Südfrankreich) über die Araber. Verhinderung der totalen Islamisierung Europas
1492
Endgültige Vertreibung der Araber aus Spanien RU-Wissen und Meinung Geschichte Wichtige Daten aus der Religions- und Kirchengeschichte (II)
719 bis 754
Bonifatius als Missionar in Deutschland tätig. Beginn der Christianisierung in Deutschland (Sachsen und Friesland).
800
Kaiserkrönung Karls d. Gr. Beginnendes Zusammenwachsen der Völker Europas zum "christlichen Abendland"
1054
1. große Kirchenspaltung in West-Kirche (römisch-katholisch) und Ost-Kirche (byzantinisch-orthodox)
1096
Erster Kreuzzug, endet mit der Eroberung Jerusalems durch das Kreuzritterheer im Jahre
1099
Es folgen weitere Kreuzzüge,bis im Jahre
1291
Palästina mit Jerusalem von den Moslems zurückerobert wird
1415
Verbrennung von Jan Hus auf dem Konzil zu Konstanz. Zeit der Vorreformation. Bemühen um Erneuerung der römisch-katholischen Kirche
1445
Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg
1492
Beginn der Entdeckungsreisen des Christoph Kolumbus und der Katholisierung der "entdeckten" Länder
1521
Vernichtung des Aztekenreiches (Mexiko) durch Hernan Cortes
1531
Vernichtung des Inkareiches (Peru) durch Francisco Pizarro
1517
31. Oktober: Veröffentlichung der Thesen gegen den Ablaß durch Martin Luther. Beginn der Reformation
1530
Reichstag zu Augsburg. Formulierung der Grundsätze des evangelischen Glaubens in der "Confessio Augustana"
1534
Loslösung der Anglikanischen Kirche vom Papsttum (Heinrich VIII.)
1545bis 1563:
Konzil zu Trient. Reformbeschlüsse innerhalb der römisch-katholischen Kirche. Beginn der Gegenreformation
1555
Augsburger Religionsfriede zwischen Katholiken und Protestanten
1618 bis 1648
Dreißigjähriger Krieg zwischen protestantischen und katholischen Staaten. Verwüstung Europas. Endet mit einer politischen Neuordnung Europas im "Westfälischen Frieden"
1869
1. Vatikanisches Konzil. Verkündung des Dogmas von der "Unfehlbarkeit" des Papstes in Glaubensfragen.
1910
1. Welt-Kirchen/Missions-Konferenz in Edinburgh
1933 bis 1945
Kirchenkampf. Spaltung der Evangelischen Kirchen in "Deutsche Christen" (nazifreundlich) und "Bekennende Kirche"
1948
Zusammenschluß der evangelischen Landeskirchen zur "Evangelischen Kirche in Deutschland" (EKD)
1948
Zusammenschluß fast aller nicht-katholischen Kirchen zum "Ökumenischen Rat der Kirchen" (auch Weltkirchenrat genannt)
1964
2. Vatikanisches Konzil in Rom (Papst Johannes XXIII.). Ökumenische Öffnung der katholischen Kirche. Gebrauch der Landessprachen in der Messe. RU-Wissen und Meinung Geschichte Die Ausbreitung des Christentums 1. Es ist erstaunlich, in welch kurzer Zeit sich der christliche Glaube von Palästina aus über fast das ganze Römische Reich ausbreitete. Während noch zur Zeit Neros (um 70 n. Chr.) die Christen als Mitglieder einer unbedeutenden jüdischen Sekte betrachtet und grausam verfolgt wurden, wurde das Christentum bereits im Jahre 381 zur Staatsreligion des Römischen Reiches erklärt. Alle heidnischen, griechischen und römischen Religionen wurden verboten. 2. Ausgangspunkt der Verbreitung des christlichen Glaubens war Palästina. Nach dem Tode Jesu, der für viele seiner Jünger und Jüngerinnen eine große Enttäuschung bedeutete, sammelten sich - motiviert durch den Glauben an die Auferstehung und die baldige Wiederkehr Jesu - seine Anhänger und gründeten in Jerusalem die erste christliche Gemeinde. Geleitet wurde sie von Petrus, dem Jünger Jesu, und von Jakobus, einem Bruder von Jesus. Diese Urgemeinde lebte noch in den Formen der jüdischen Religion, wobei sie sich von den Juden durch ihren Glauben an Jesus als Messias unterschied. Die urchristliche Gemeinde versuchte, im Blick auf das vermeintlich baldige Wiederkommen ihres Herrn im Geist seines Evangeliums zu leben und seine Botschaft zu verbreiten. 3. In den Pharisäern, die schon Jesus zu seinen Lebzeiten bekämpft hatten, erwuchsen der christlichen Urgemeinde religiöse Gegner. Zu ihnen gehörte auch Saulus, ein gebildeter Jude mit römischer Staatsbürgerschaft. Saulus wurde, wie er selbst berichtet, während einer Verfolgungsaktion gegen die Christen in einer Vision zum Glauben an Christus bekehrt und widmete sich danach -nun unter dem Namen Paulus- der Ausbreitung des Evangeliums. Auf vier Missionsreisen, die ihn in den Jahren 35 bis 57 nach Kleinasien (heute Türkei), nach Griechenland und Rom führten, gründete Paulus in vielen Städten kleine christliche Gemeinden, die zum Ausgangspunkt der Weiterverbreitung des christlichen Glaubens wurden. Anhänger des neuen Glauben waren zu dieser Zeit meist "kleine Leute", Handwerker, Sklaven, Freigelassene und vor allem viele Frauen. Das Band, das alle Christen einigte, war die Taufe, der sich jeder unterziehen mußte, der der christlichen Gemeinde beitreten wollte. 4. Auf die Missionstätigkeit des Paulus ist es zurückzuführen, daß der christliche Glaube die Grenzen Palästinas überschritt und sich im ganzen Römischen Reich verbreitete. Paulus selbst wurde in Rom gefangengenommen und im Jahr 63 oder 64 n. Chr. enthauptet. Auch Petrus, der erste Leiter der christlichen Gemeinde in Rom, erlitt ungefähr zur selben Zeit dort den Märtyrertod. 5. Die Ausbreitung des christlichen Glaubens erfolgte nicht ohne Widerstand. Der neue Glaube mußte sich gegenüber vielen heidnischen Kulten, der Kultur des Hellenismus und dem römischen Kaiserkult bewähren. Christen weigerten sich meist, den Kaiser in Rom als Gott zu verehren, was von allen Untertanen des Kaisers verlangt wurde. Wegen ihrer Treue zu Christus und ihrer Ablehnung des Kaisers als Gott wurden in den ersten 3 Jahrhunderten die Christen zeitweilig grausam verfolgt. Besonders bekannt geworden sind die Christenverfolgungen unter den Kaisern Nero (54-68) und Diokletian (284-305). Christen wurden gezwungen, mit wilden Tieren zu kämpfen, sie wurden mit Pech übergossen und angezündet, um bei Volksbelustigungen als Fackeln zu dienen. Die christliche Kirche wuchs aber trotz dieser Widerstände. 6. Am Ende des ersten christlichen Jahrhunderts gab es bereits so viele christliche Gemeinden, daß sich erste kirchliche Strukturen herausbildeten. Es entstanden verschiedene kirchliche Ämter, in die zunächst auch Frauen berufen werden konnten (Diakone/Diakoninnen, Bischöfe/Bischöfinnen). Besondere Bedeutung erlangten die Bischöfe von Rom, die als Päpste bald die Leiter der Gesamtkirche wurden. Auf Kirchenversammlungen (Synoden) wurden die ersten Versuche unternommen, für alle Christen verbindliche Glaubensaussagen (Dogmen) zu formulieren. RU-Wissen und Meinung Geschichte Vorreformation 1. Im 14. und 15. Jahrhundert kommt es in Europa zu tiefgreifenden Umwälzungen auf kulturellem, religiösem, politischem und wirtschaftlichem Gebiet. Kultur und Geistesleben wurden wesentlich durch Gedanken der Renaissance und des Humanismus bestimmt. Ihre Grundzüge bestanden in der Besinnung auf die Ursprünge der europäischen Kultur in der Antike (Griechen und Römer) und in der Entdeckung der Individualität des Menschen. 2. Auch die Erweiterung des geographischen und kulturellen Horizontes brachte für Europa einen Wandel. Um 1450 erfand Johann Gutenberg in Mainz den Buchdruck, durch den sich für alle Gebiete der Kultur ganz neue Möglichkeiten ergaben. Ende des 15. Jahrhundert entdeckte Christoph Kolumbus Amerika, und leitete damit zunächst für Spanien, später auch für ganz Europa eine Zeit des Wohlstands ein. 3. Ein tiefgreifender Wandel vollzog sich durch die allmähliche Befreiung der Menschen von der totalen Bevormundung durch die Kirche in Kultur, Politik und Religion. Hervorgerufen wurde diese Loslösung durch inneren und äußeren Zerfall der Kirche. Deutlich sichtbar wird dies an den Zuständen im Kirchenstaat, wo die Päpste wie weltliche Fürsten herrschten, sich einen großen, teuren Hofstaat hielten, Ämter an Günstlinge verkauften usw. Finanziert wurde der Vatikan u. a. durch das Ablaßwesen; d. h.: für die Zahlung einer Geldsumme wurde den Menschen die Verkürzung ihrer Leidenszeit im Fegefeuer versprochen. Zeitweilig gab es in Europa drei Päpste, die sich gegenseitig exkommunizierten und sogar militärisch bekämpften. Auch in den Klöstern Europas, die ursprünglich Zentren nicht nur der Religiosität, sondern auch der Kunst, der Wissenschaft und der Wirtschaft waren, herrschten weitgehend unhaltbare Zustände. Eigentlich auf allen Gebieten kirchlichen Lebens zeigte sich ein Niedergang. 5. Zahlreiche Reformbewegungen, deren Kirchenkritik und Ziele später von Luther und anderen Reformatoren aufgenommen wurden, versuchten dem organisatorischen und moralischen Verfall der Kirche zu begegnen. Zentren der kirchlichen Erneuerungsbewegung waren zunächst England und Böhmen. a. In England wurde John Wiclif (1328-1384) der Wortführer der Opposition gegen das Papsttum. Er forderte u.a. den freien Zugang aller Christen zur Heiligen Schrift und übersetzte selbst die Bibel ins Englische. Das Papsttum und die hierarchische Ordnung der Kirche wurden als antichristlich abgelehnt und die Lehre von der Transsubstantiation (= Wandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi bei der Messfeier) als unbiblisch verworfen. Kritik übte Wiclif an der ausufernden Heiligen- und Reliquienverehrung und dem Ablaßhandel. Seine Anhänger, die "Lollharden", wurden als Ketzer verfolgt; viele von ihnen wurden hingerichtet. b. Wiclifs Lehren verbreiteten sich bald in ganz Europa und fanden besonders an der Prager Universität fruchtbaren Boden. Dort wurde die Kritik Wiclifs an der Kirche von Johannes Hus (1369-1415) aufgenommen und ausgeweitet. Er forderte den "Laienkelch", (d.h., daß Brot und Wein beim Abendmahl für alle Gläubigen ausgeteilt werden), das allgemeine Priestertum und die Rückkehr der Kirche zur apostolischen Armut. c. Kirche und Papsttum wehrten sich gegen ihren Machtverlust und die Erneuerungsbewegungen durch halbherzige Reformbemühungen, im besonderen aber durch Mittel der Inquisition: Verdammung, Verfolgung, Folter, Verbrennungen der Andersdenkenden. Johannes Hus wurde unter Zusicherung des freien Geleits zum Konzil nach Konstanz geladen, dort aber gefangengenommen und 1415 verurteilt und öffentlich verbrannt. Sein gewaltsamer Tod löste in Böhmen die Hussitenkriege aus, die erst 1439 beendet wurden. Die Anhänger des Johannes Hus gründete die Gemeinschaft der "Böhmischen Brüder". RU-Wissen und Meinung Geschichte Reformation (Chronologie) (I) 1483: am 10. 11. Martin Luther in Eisleben geboren. Studium der Theologie. 1505 Eintritt in das Augustiner- Kloster in Erfurt. 1508 Versetzung nach Wittenberg. 1512 Doktor der Theologie. 1512 Vorlesung über den Römerbrief. Luther gelangt zu der reformatorischen Erkenntnis, daß der Begriff "Gerechtigkeit Gottes" nicht den strafenden und richtenden Gott meint, sondern die göttliche Barmherzigkeit und Liebe, die den Sünder nicht aufgrund seiner frommen Leistungen, sondern auf seinen Glauben hin begnadigt. 1517: am 31. Oktober: Veröffentlichung der 95 Thesen. Verurteilung der Ablaßpraxis. Die Thesen verbreiten sich in kurzer Zeit in Deutschland und finden weitgehende Unterstützung; Widerspruch kommt aus Rom; Luther wird zum Widerruf aufgefordert. Luther lehnt ab. 1519: Leipziger Disputation mit Eck. Luther bestreitet die Heilsnotwendigkeit des päpstlichen Primats und die Irrtumslosigkeit der Konzilien. 1520: Veröffentlichung der 3 reformatorischen Hauptschriften:
a. An den christlichen Adel deutscher Nation. Forderung nach Reform des kirchlichen Lebens: Abschaffung
des Zölibats, der Ablässe, Beseitigung des Luxus innerhalb der kirchlichen Obrigkeit,
b. Über die babylonische Gefangenschaft der Kirche. Theologische Kritik an der Sakramentenlehre der
katholischen Kirche. Luther erkennt nur Taufe und Abendmahl als Sakramente an.
c. Von der Freiheit eines Christenmenschen. In seinem Glauben ist der Mensch nur Gott verpflichtet. 1520: Der Ketzerprozeß gegen Luther beginnt. Es wird ihm der kirchliche Bann angedroht. Der Brief mit der Androhung wird im Wittenberg von Luther öffentlich verbrannt. 1521: Reichstag zu Worms; Luther wird zum Verhör vor den Kaiser Karl V. geladen. Luther verteidigt seine Reform-Thesen und seine Theologie. Darauf wird gegen Luther und seine Anhänger die Reichsacht verhängt. Alle seine Schriften werden in Deutschland verboten. 1521: Luther hält unter dem Schutz Friedrich des Weisen 10 Monate auf der Wartburg versteckt. Er übersetzt das Neue Testament. 1522: Ausbreitung reformatorischer Gedanken in ganz Deutschland. z. T. in extremer Form: Bilderstürmer, Wiedertäufer und Schwärmer. 1525: Bauernkriege, Forderung der Bauern nach sozialer Gerechtigkeit und kirchlichen Reformen. Der Theologe Thomas Münzer wird einer der Wortführer. Luther wendet sich gegen die Bauern mit seiner Schrift "Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern". Seine konservative Haltung kostet Luther seine Volkstümlichkeit. Niederlage der Bauernheere in der Schlacht bei Frankenhausen. Thomas Münzer enthauptet. 1525: Große Städte schließen sich der Reformation an. Beginn der konfessionellen Spaltung Deutschlands. Ausbreitung reformatorischer Gedanken nach Österreich, Ungarn, Niederlande, Schweiz. 1529: Reichstag zu Speyer. 6 evangelische Fürsten und 14 deutsche Städte protestieren ("Protestanten") gegen Unterdrückung der Glaubensfreiheit in katholisch regierten deutschen Ländern. 1534 bis 1939: Württemberg, Sachsen, Pommern und Brandenburg werden protestantisch. RU-Wissen und Meinung Geschichte Reformation (Chronologie) (II) 1530: Augsburger Reichstag. Unter der Leitung von Kaiser Karl V. sollten die religiösen Probleme in Deutschland auf dem Verhandlungswege gelöst werden. Der evangelische Standpunkt wurde in der sog. "Confessio Augustana" zusammenfassend dargelegt und von dem Theologen und Freund Luthers Philipp Melanchthon vorgetragen und vertreten. (Die C.A. ist seitdem die wichtigste Bekenntnisschrift der Evangelischen Kirchen. Auf ihre Glaubensaussagen werden evangelisch-lutherische Pfarrer bei ihrer Ordination auch heute noch verpflichtet). Die katholischen Seite formulierte eine Erwiderung (Confutatio), der sich der Kaiser anschloß. Die Evangelischen verließen daraufhin den Reichstag. Der mißlungene Einigungsversuch verstärkte die Gegnerschaft zwischen den Konfessionen in erheblichem Maße. 1531: Gründung des Schmalkaldischen Bundes (Kriegsbündnis der Protestanten). Der Kaiser drohte den evangelischen Städten und Fürsten offen mit Krieg, konnte aber in Deutschland zunächst nicht eingreifen, da er vor allem durch die Abwehr der türkischen Bedrohung im Osten militärisch gebunden war. 1545 bis 1563: Konzil zu Trient (Tridentinum). Vor allem auf Betreiben des 1540 gegründeten Jesuitenordens wurde dieses Konzil einberufen mit dem Ziel, die Protestanten zurückzudrängen und die katholisch-kirchliche Einheit in Europa wiederherzustellen. Zahlreiche Mißstände in der katholischen Kirche, die zum Entstehen der Reformation geführt hatten, wurden beseitigt. Gegenüber den Protestanten hielt man aber an wichtigen Traditionen fest: Verbot der Priesterehe; hierarchischer Aufbau der Kirche mit dem Papst als Stellvertreter Christi an der Spitze; Feier der Messe in lateinischer Sprache; Anspruch der römischen Kirche, die allein seligmachende zu sein, u. a. Mit dem Tridentinum konnte die katholische Kirche ihre durch die Reformation ausgelöste Krise überwinden. Seine Beschlüsse bildeten die Grundlage für die weitere Entwicklung der katholischen Kirche bis in das 20. Jahrhundert hinein. Da die Protestanten auf dem Konzil nicht zugelassen waren und auch nicht gehört wurden, wurde die Gegnerschaft zwischen den Konfessionen für mehrere Jahrhunderte festgeschrieben. 1545 bis 1547: Schmalkaldische Kriege. Erst nachdem die Türkengefahr im Osten abgewehrt war, griff der Kaiser militärisch in Deutschland ein. Mit Unterstützung der katholischen Mächte (Papst, Bayern) konnte Karl V. die protestantischen Fürsten schlagen. Dem Protestantismus drohte zu diesem Zeitpunkt das gewaltsame Ende. Doch grobe diplomatische Ungeschicklichkeiten des Kaiser brachten einige deutsche Fürsten gegen ihn auf. Unter der Führung Moritz von Sachsen wechselten sie in das protestantischen Lager über und machten damit alle Erfolge der katholischen Seite zunichte. Der Kaiser war gezwungen, den Protestantismus in Deutschland zu dulden. 1546 am 18. 2.: Tod Luthers. Seine letzten Lebensjahre waren von Krankheit und Enttäuschungen, von Bitterkeit und Schärfe gegenüber seinen Gegnern bestimmt. Als Initiator der Reformation und deren geistiger Kopf blieb Luther anerkannt, er hatte aber kaum noch Einfluß auf den politischen Verlauf der konfessionellen Auseinandersetzungen. 1555: Augsburger Reichstag. Auf ihm kam es zum sog. Augsburger Religionsfrieden, der die konfessionelle Spaltung und Zersplitterung Deutschlands festschrieb. Es wurde eine Regelung getroffen, die bis in das 19. Jahrhundert hinein weitgehend erhalten blieb: Religionsfreiheit gab es nur für den jeweiligen Landesherrn, während sich die Untertanen der Konfession ihres Landesherrn anzuschließen hatten. Mit dem Augsburger Religionsfrieden endete die erste Phase von Reformation und Gegenreformation in Deutschland. RU-Wissen und Meinung Geschichte Die Reformation in Europa (III) SCHWEIZ: Die Reformation in der Schweiz ist vor allem auf das Wirken der Theologen Zwingli und Calvin zurückzuführen. Sie entwickelte sich weitgehend unabhängig und gegensätzlich zur Reformation in Deutschland. a. Huldrych Zwingli (1484-1531) wirkte vor allem in Zürich. Beeindruckt von Luthers persönlicher Haltung dem Papst und dem Kaiser gegenüber und beeinflußt durch Luthers reformatorische Schriften, begann Zwingli 1522 offen die kirchlichen Mißstände in Zürich anzuprangern. Vor allem forderte er die freie Predigt des Evangeliums. Nachdem es ihm gelungen war, den Rat der Stadt für seine Sache zu gewinnen, breitete sich von Zürich aus die Reformation auf andere Orte aus, vor allem nach Bern und Basel. Die Kantone Schwyz, Uri und Unterwalden blieben katholisch. Als es nicht gelang, die konfessionellen Streitigkeiten durch Gespräche zu klären, kam es 1531 zum Krieg. In der Schlacht von Kappel unterlagen die Züricher dem katholischen Heer. Zwingli, der selbst an der Schlacht als Feldprediger teilnahm, wurde tödlich verwundet. Dennoch blieb Zürich in der Folgezeit protestantisch. b.Johann Calvin (1509-1564) stammte aus Frankreich. Während seines Studiums in Paris kam er zum erstenmal mit Evangelischen in Berührung, denen er sich anschloß. 1536 siedelte er in die Schweiz nach Basel und dann nach Genf über, das seit 1535 bereits protestantisch war. Calvin verfaßte hier zunächst sein Theologisches Hauptwerk, die "Institutio religionis christianae". Als Prediger gewann er schnell großen Einfluß in der Stadt und trotz erheblichen Widerstandes aus der Bevölkerung gelang es ihm, seine Auffassungen von strenger Kirchenzucht und bürgerlicher Moral in der Stadt durchzusetzen. Calvin ging dabei äußerst streng vor; einen seiner theologischen und politischen Gegner, Michael Servet, ließ Calvin 1553 öffentlich verbrennen. Von Genf aus verbreitete sich der Protestantismus Calvinscher Prägung bald in ganz Europa und gelangte zu großem Einfluß in Frankreich, in den Niederlanden, in England und später auch in Nordamerika. Zur lutherischen deutschen Reformation stand Calvin in starkem Gegensatz, der in der unterschiedlichen Lehre vom Abendmahl besonders deutlich wurde. ENGLAND: In England kam es nicht infolge einer religiösen Bewegung zur Reformation, sondern durch einen Willkürakt des englischen Königs Heinrich VIII. Dieser verlangte vom Papst die Scheidung seiner Ehe, und als der Papst ablehnte, erklärte Heinrich sich zum Oberhaupt der englischen Kirche. 1534 bestätigte das Parlament in der "Suprematsakte" die Loslösung der anglikanischen Kirche von Rom. Kirchenverfassung, die Feier der Messe und Dogmen blieben zunächst aber weitgehend unverändert. Versuche, die anglikanische Kirche dem Protestantismus zu öffnen, schlugen zunächst fehl. Doch öffnete man sich im "Common Book of Prayer" (1547) und in den "42 Artikeln" (1552) vor allem in der Abendmahlslehre evangelischen Auffassungen. Eine stärkere Hinwendung zum Protestantismus erfolgte in der Staatskirche erst unter der Herrschaft von Königin Elisabeth (1558-1603). Eine streng reformatorisch- calvinistische Auffassung vertraten die "Puritaner", die die anglikanische Staatskirche wegen ihrer Nähe zum Katholizismus bekämpften und deswegen lange Zeit verfolgt wurden. FRANKREICH: Hier hatte der Protestantismus besonders unter den Adeligen, aber auch im Volk zunächst viele Anhänger, die sog. "Hugenotten", gefunden. Die katholische Kirche, mit dem Königshaus unter der Regentschaft von Katharina von Medici eng verbunden, setzte der Reformation jedoch starken Widerstand entgegen, der in den Jahren 1562-1598 zu den insgesamt acht "Hugenottenkriegen" führte. Am 23. August 1572 kam es zur sog. "Bartholomäusnacht", in der der Anführer der Hugenotten, Coligny, und viele protestantische Adelige während einer Hochzeitsfeier hinterrücks ermordet wurden. In ganz Frankreich begann eine grausame Verfolgung aller Evangelischen. Die Hugenottenkriege endeten 1598 mit dem Edikt von Nantes, das den wenigen übriggebliebenen Protestanten in Frankreich eine beschränkte Duldung gewährte. RU-Wissen und Meinung Geschichte Hexenverfolgung (I) 1. Herkunft und Alter des Wortes "Hexe" sind heute nicht mehr exakt festzustellen. Es spricht vieles dafür, daß es der alt-nordischen Sprache entstammt und sich aus "hagazussa" = Zaunreiterin entwickelt hat. Die Völkerkunde (Ethnologie) bezeichnet "Hexen" als Personen, die angeblich oder wirklich versuchen, durch Magie und Zauberei ihre Mitmenschen zu schädigen. In primitiven (ursprünglichen) Kulturen steht der Hexenglaube oft in Zusammenhang mit religiösen Phänomenen wie Besessenheit, Trance oder Schamanismus. 2. Für den Hexenglauben fast aller Kulturen sind folgende Merkmale mehr oder weniger typisch:
Hexen sind meist Erwachsene, mehrheitlich Frauen. Oft tragen sie bestimmte Erkennungsmerkmale im oder am Körper, sog. Hexenmale. Von Hexen wird angenommen, sie könnten jegliche Form von Unglück verursachen, Krankheit, Streit, Tod oder Naturkatastrophen. Aus Neid, Konkurrenz oder aus blanker Bösartigkeit schädigen sie vor allem ihre nächsten Nachbarn oder Verwandten. Hexen sind nicht rein menschlicher Natur. Sie sind von bösen Geistern besessen oder leben in direktem Kontakt mit ihnen und tragen dämonische Substanzen, Tiere oder Zaubergegenstände in sich. Sie brechen bewußt alle Regeln und gesellschaftliche Tabus: sie praktizieren Inzest, Kindestötung und verbotene Formen des Sexualverkehrs; sie graben heimlich Leichen aus, gehen nackt umher, gehen rückwärts oder fliegen durch die Luft. Hexen haben untereinander Kontakt. Sie treffen sich zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten und feiern orgiastische Feste. Hexerei wird immer als Gegensatz zur Ethik und zu den Verhaltensnormen einer Gesellschaft verstanden und wird deshalb öffentlich geächtet. 3. Im Hochmittelalter kam es in West-Europa zu einer Verschmelzung von vorchristlichem Hexen- und christlichem Teufelsglauben. Hexen galten seitdem als mit dem Teufel im Bunde stehende Wesen, die als Widersacher Gottes und Verführer der Menschen bekämpft werden mußten. Im Zusammenhang damit stand die Mißachtung und Geringschätzung der Frau als dem "Einfallstor des Teufels", als einem minderwertigen, für alles Böse besonders anfälligem Wesen. 4. Die Hexenverfolgungen entwickelten sich im Zusammenhang mit der Ketzerinquisition des Mittelalters. Als Ketzer wurden von der Kirche die Menschen bezeichnet, die in Glaubensfragen von der offiziellen Linie der Kirche abwichen und sich so der Häresie, der Irrlehre, schuldig machten. Wer als Ketzer überführt war und keine Reue zeigte, wurde weltlichen Gerichten zur Bestrafung (meist zur Todesstrafe) überstellt. Nicht selten wurden von Seiten der Inquisition die Geständnisse der Ketzer durch Folter erwirkt. 5. Die Methoden der Ketzerinquisition wurden bei den Hexenprozessen übernommen. Ein päpstlicher Erlaß (Bulle) im Jahre 1484 leitete die Verfolgungen ein. Ihm folgte 3 Jahre später in Deutschland der sog. "Hexenhammer", eine umfangreiche Schrift, die von zwei Ordensgeistlichen herausgegeben wurde. Der "Hexenhammer" enthält neben einer Anleitung zur Durchführung von Hexenprozessen auch grundlegende Überlegungen zu Magie, Zauber und Ketzerei. Auffällig sind dabei eine extreme Frauenfeindlichkeit und Weltuntergangsphantasien: Die Erde würde untergehen, wenn die mit dem Teufel verbündeten Hexen in ihrem schädlichen Tun nicht gehindert würden. Der Hexenhammer, nach dessen Anordnungen wahrscheinlich Tausende von Prozessen durchgeführt wurden, sanktioniert ausdrücklich auch die Folter als gerichtliche Methode zur Wahrheitsfindung. 6. Hexenverfolgungen und -prozesse gab es vom ausgehenden 15. Jahrhundert bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Hauptgebiete der Verfolgungen in Deutschland lagen im Süden und im Westen. Besondere Berühmtheit in diesem Zusammenhang haben die Städte Bamberg, Würzburg, Augsburg, Köln, Minden, Paderborn und die Harzgegend erlangt. RU-Wissen und Meinung Geschichte Hexenverfolgung (II) 1. Hexenverfolgungen gab es nicht nur in katholischen, sondern auch in protestantischen Gebieten. Martin Luther selbst, und mit ihm auch andere Reformatoren, teilten weitgehend den Hexenglauben ihrer Zeit. Auch Luther forderte den energischen Kampf gegen die Hexen, billigte die Folter und trat für die Vernichtung der Hexen ein. 2. Unklarheit herrscht bis heute über die Zahl der zum Tode verurteilten und als Hexen verbrannten Frauen. Allein für den deutschen Bereich gehen die Schätzungen von 100.000 bis 500.000. Historiker vermuten, daß die Zahl der Opfer in ganz Europa in die Millionen geht. 3. Erst von der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts an gab es zunehmend kritische Stimmen von Theologen und Juristen gegen Methoden und Praktiken der Hexenprozesse. Am bekanntesten wurde die "cautio criminalis" des Friedrich Spee von Langenfeld, einem Jesuitenpater. 1631 wurde die in Paderborn verfaßte Schrift anonym herausgegeben. Spee setzte sich in ihr kritisch mit den gängigen Formen des Aberglaubens auseinander und verurteilte die willkürlichen Methoden der Hexenprozesse und die unmenschlichen Folterpraktiken. Spee lehnte wohl die Hexenprozesse, nicht aber den Hexenglauben als solchen ab. Obwohl Spees Schrift in Deutschland viel Aufsehen erregte und viele ihm in seiner Kritik folgten, hat es noch bis spät ins 18. Jahrhundert hinein Hexenprozesse gegeben. 1775 wurde in Deutschland zum letzten Mal eine Frau als Hexe verurteilt und hingerichtet. 4. Auf die Frage nach den Ursachen der Hexenverfolgungen ist bisher eine eindeutige und überzeugende Antwort noch nicht gelungen. Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über die bisher diskutierten möglichen Ursachen der Hexenverfolgungen gegeben werden. a. Vor allem im vorigen Jahrhundert hat man die Hexenverfolgungen als Ausfluß mittelalterlichen Aberglaubens und finsterer Wahnvorstellungen angesehen. Die als Hexen verbrannten Frauen seien Opfer religiösen Wahns geworden, Opfer einer kollektiven Psychose. Der Hexenwahn sei als Verhängnis über Europa gekommen, dem sich niemand habe entziehen können. Dieser Wahn habe abgenommen, je mehr sich modernes, aufgeklärtes Denken bei den Menschen durchgesetzt habe. b. Manche Historiker betrachten die als Hexen verfolgten Frauen vornehmlich als Opfer eines sozialen und wirtschaftlichen Wandels in einer Zeit, als die mittelalterlichen sozialen und politischen Traditionen zerbrachen. Unbewußt suchte man nach Sündenböcken für die Auflösungserscheinungen bestehender gesellschaftlicher Ordnungen. Man fand sie in den "Hexen" wie auch in den jüdischen Teilen der Bevölkerung. Massenelend und politische Konflikte, der unaufgeklärte Glaube an eine Welt voller Dämonen und Teufel machten die Menschen empfänglich für das Gerede der Hexenrichter. c. Vor allem feministisch orientierte Forscherinnen betrachten die Hexenverfolgungen in erster Linie als einen Akt der Unterdrückung der Frau. Danach sollen die als Hexen verfolgten Frauen vor allem Anhängerinnen eines vorchristlichen Fruchtbarkeitskultes, einer Art religiöser Geheimsekte, und Trägerinnen eines verbotenen Wissens über Empfängnisverhütung und Abtreibung gewesen sein. Die enge Beziehung, die den Frauen zur Natur und ihren Kräften gegeben ist, habe eine Bedrohung der leib- und frauenfeindlichen, männerorientierten Kirchenideologie dargestellt und deshalb habe die mittelalterliche Kirche die Anhängerinnen dieses Kultes grausam verfolgt und auszurotten versucht. Tatsache ist, daß in den Hexenprozessen vielfach gegen "Hexenhebammen" polemisiert wird und daß weise Frauen und Hebammen besonders oft als Hexen denunziert wurden. RU-Wissen und Meinung Geschichte Hexenverfolgungen (III): Der Hexenprozeß 1. Anklage. Um jemanden vor das Hexengericht zu stellen, genügte schon die Anklage z.B. durch Kinder oder neidische Nachbarn, Konkurrenten usw. Der Verteidiger wurde von den Richtern ausgewählt. Später gab es bei den Hexenprozessen gar keine Verteidiger mehr, da es sich bei "Hexerei" um "Ausnahmeverbrechen" handele. Anwälte, die zu sehr für die angeklagten Frauen eintraten, wurden selbst der Hexerei verdächtigt. Es wurden auch nur Zeugen zugelassen, die die Angeklagten belasteten. 2. Vorwürfe. Die Anklagepunkte bezogen sich meist nicht auf beweisbare Tatsachen, sondern wiederholten in sehr pauschaler Weise die herkömmlichen Verdächtigungen des "Hexenhammers" gegen die Frauen. Diese Vorwürfe folgten einem festen Schema, das von Prozeß zu Prozeß weitergegeben wurde. Stereotype Fragen der Richter an die Angeklagten waren z.B.: Wann ist der Teufel immer zu dir gekommen? Mittags, abends oder nachts?- Mit welchen teuflischen Salben hast du das Vieh umgebracht? - Wie oft hast du nachts Kinder ausgegraben? Hast du sie gebraten oder gekocht gegessen? - Wie oft im Jahr hast du bei Hexentänzen mit dem Teufel Unzucht getrieben und in welcher Form? Usw. 3. Hexenproben. Nach Ansicht der Hexenverfolger hinterließ der Umgang der Hexe mit ihren teuflischen Liebhabern Flecken auf der Haut, die blutleer und schmerzunempfindlich sein sollten. Man suchte Warzen, Muttermale oder Ähnliches auf der Haut der Angeklagten und stach hinein, nachweislich auch mit präparierten, einziehbaren Messern, die keinen Schmerz verursachten. Die Frau galt dann als Hexe überführt. Man meinte auch, daß eine Hexe ein besonders geringes Körpergewicht haben müsse, weil sie dem Teufel ihr "Inneres", ihre Seele gegeben habe. Also brauchte man sie nur an Händen und Füßen gefesselt ins Wasser zu werfen, um zu sehen, ob sie unterging. In manchen Städten gab es sogenannte Hexenwaagen, mit deren Hilfe sich verfolgte und bedrohte Frauen urkundlich ein normales menschliches Gewicht bescheinigen lassen konnten bzw. mußten. 5. Folter. Blieb die Angeklagte trotz schwerer Folter standhaft, war dies ein Zeichen dafür, daß sie mit dem Teufel im Bunde stand. Denn wer sonst als der Teufel konnte sie die Schmerzen ertragen lassen? Auch der Widerruf nach der Folter wurde als teuflisches Machwerk angesehen. Die "peinliche Befragung", wie die Folter offiziell hieß, gehörte in Europa bis ins 18. Jahrhundert hinein zur üblichen Gerichtspraxis, nicht nur bei den Hexenprozessen. Bei anderen Verfahren war aber mehr Kontrolle durch die Gerichte möglich. 6. Denunziation. Unter der Folter wurden die Angeklagten oft auch aufgefordert, andere Personen zu benennen, die mit ihnen auch teuflische Hexerei betrieben. Oft sagten die Richter oder Folterknechte den angeklagten Frauen die Namen ihrer persönlichen Gegner vor, um sie zu schädigen oder auch zu beseitigen. Die durch die Richter selbst gesteuerten Denunziationen führten zur immer stärkeren Ausweitung des Teufelskreises von Anklage, Folter und Verurteilung. Oft konnte die Prozeßwelle nur durch heftig wachsenden Unmut der Bürger gebremst werden, die um den Zusammenbruch des Geschäftslebens und um ihr eigenes Leben fürchten mußten. Bezeichnenderweise waren die Hexenrichter oft umherwandernde Geistliche oder Juristen. Sie konnten ihr Wirken nach Abflauen der Verfolgung in einer Stadt an einem anderen Ort fortführen. 7. Geständnis und Urteil. Das meist unter Folter erzwungene Geständnis bestätigte fast immer die in der Anklage pauschal erhobenen Vorwürfe. Fast ausnahmslos wurden die der Hexerei verdächtigten Frauen zum Tode durch Verbrennen verurteilt. Als Gnadenerweis wurde manchen besonders gefügigen Opfern vor der Verbrennung die Erdrosselung zugestanden. Der Feuertod sollte die gereinigte Seele der Hexe in den Himmel eingehen lassen. RU-Wissen und Meinung Geschichte Die Soziale Frage im 19. Jahrhundert (I) 1. Die industrielle Revolution in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts führte in Europa zu großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen, vor allem wegen der radikalen Veränderungen in der Arbeitswelt. Die Ursachen für diese Revolution waren: a. ein ungeheurer technischer Fortschritt, der zu einem immer umfangreicheren Einsatz von Maschinen in der Produktion und zur Entstehung großer Fabriken führte. (Im 19. Jahrhundert sind mehr technische Erfindungen gemacht worden als in der ganzen Menschheitsgeschichte vorher). Die Entwicklung der Dampfmaschine bedeutete dabei einen entscheidenden Durchbruch. Jetzt konnten maschinenbestückte Produktionsanlagen auch dort errichtet werden, wo Wasserkraft nicht ausreichte oder gar nicht vorhanden war. Die Erfindung der Eisenbahn und der Ausbau von Transportwegen förderte den technischen Fortschritt und führte zur Erschließung neuer Absatzmärkte für die Fabrikprodukte. b. Im Zusammenhang mit diesem technisch-wirtschaftlichen Fortschritt entwickelte sich das kapitalistisch- liberale Wirtschaftsdenken, das nicht auf das Wohl des Menschen ausgerichtet war, sondern das sich ausschließlich an Wachstum und Gewinn des Unternehmers orientierte. Konkurrenzdenken, Gewinnmaximierung, Ausbau des Unternehmens möglichst zum Großbetrieb, Arbeitsteilung und Spezialisierung waren die Merkmale des frühkapitalistischen Systems. 2. Die Kehrseite dieser Entwicklung waren schwerwiegende soziale Probleme der arbeitenden Bevölkerung. Sie brachte für Millionen von Menschen großes soziales Elend, das bis weit in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts alle Bereiche des Lebens der arbeitenden Bevölkerung erfaßte. Wer außer seiner Arbeitskraft nichts besaß, konnte von den Fabrikherren rücksichtslos ausgebeutet werden. Es entstand der besitzlose Arbeiterstand, das "Proletariat". Seine soziale Lage war durch folgende Tatbestände gekennzeichnet: a. Arbeitszeit: In der Frühzeit der industriellen Revolution betrug die tägliche Arbeitszeit 14 und mehr Stunden, und zwar für Männer, Frauen und Kinder. Urlaub gab ist nicht, selbst der Sonntag war für die meisten Arbeiter ein Arbeitstag. Da das Angebot an Arbeitskräften riesengroß war, konnten die Löhne unter das Existenzminimum gedrückt werden. Die Folge war, daß die Menschen trotz harter Arbeit hungerten. b. Nahrungsmangel: Die explosive Bevölkerungszunahme in Europa auf ca. 280 Millionen im Jahr 1850 brachte einen Mangel und eine Verteuerung der Grundnahrungsmittel mit sich, unter der besonders die Arbeiter zu leiden hatten. c. Kinderarbeit: Kinder, die ab 6, manchmal sogar schon ab 4 Jahren in den Bergwerken arbeiten mußten, waren keine Seltenheit. Wegen der dadurch verursachten zunehmenden Wehruntauglichkeit der Jungen erließ die preußische Regierung im Jahr 1839 erste Gesetze zur Einschränkung der Kinderarbeit. d. Wohnungsnot: Die Arbeiterfamilien wohnten zu Beginn der Industrialisierung unter Bedingungen, die denen in den Slums der Dritten Welt heute vergleichbar sind. Noch Ende des 19. Jahrhunderts lebten in Berlin ca. 600.000 Menschen in feuchten Kellerwohnungen und Scheunen. Tuberkulose war in den Arbeiterfamilien weit verbreitet. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Arbeiters betrug deshalb in manchen Städten nur 17 Jahre; bei der wohlhabenden Bevölkerung war sie doppelt so hoch. e. Bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gab es keine wirksamen Arbeitsschutzgesetze, keine Sozialgesetzgebung und keine Interessenvertretung für die Arbeiter. Im Krankheitsfall wurden die Arbeiter entlassen und an die Armenfürsorge verwiesen. RU-Wissen und Meinung Geschichte Die Soziale Frage im 19. Jahrhundert (II) 1. Die wachsenden Klassenunterschiede und die Verelendung unter den Arbeitern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts führten immer wieder zu Arbeiteraufständen. Der schlesische Weberaufstand im Jahr 1844, bei dem sich der Obrigkeitsstaat einseitig auf die Seite der Fabrikbesitzer stellte und der von der Polizei brutal unterdrückt wurde, wurde dabei zum Symbol für die Unfähigkeit von Staat und Gesellschaft, mit den Folgen der Industrialisierung fertig zu werden.
Bei vielen Zeitgenossen lösten die ungerechten wirtschaftlichen Verhältnisse und die soziale Verelendung von Millionen von Menschen Überlegungen aus, wie die Situation grundsätzlich zu bessern sei. 2. Eine radikale, auf grundsätzlichen philosophischen und geschichtsphilosophischen Überlegungen beruhende Antwort gaben Karl Marx und Friedrich Engels. Unter dem Eindruck des Massenelends in Deutschland und vor allem auch in England veröffentlichten sie 1848 das "Manifest der Kommunistischen Partei", worin sie die Grundlagen für ihre Theorie des Kommunismus entwickelten. Sie bezeichneten darin die gesamte Menschheitsgeschichte als eine Geschichte von Klassenkämpfen zwischen Besitzenden und Besitzlosen, Ausbeutern und Ausgebeuteten, zwischen Unterdrückern und Unterdrückten. Marx und Engels sagten (fälschlicherweise) voraus, daß es zu einem totalen Zusammenbruch des kapitalistischen Wirtschaftssystems und zur Revolution, d.h. zur Übernahme der Macht durch die Arbeitermassen ("Diktatur des Proletariats") kommen werde. Das "Kommunistische Manifest" verstanden Marx und Engels als Aufruf an die Proletarier, sich zum Kampf gegen die herrschende Klasse zu vereinen und die Revolution herbeizuführen. Sie werde zwangsläufig zum Kommunismus führen, zu einer Welt- und Wirtschaftsordnung, in der Privateigentum und Religion abgeschafft sei, in der es unter der Führung des Proletariats keine Ausbeutung und kein soziales Elend mehr geben werde und in der der Mensch in Selbstbestimmung und Freiheit leben könne. 3. Schon bevor Marx und Engels mit ihrem Kommunistischen Manifest an die Öffentlichkeit traten, gab es auf der Seite der katholischen Kirche eine Reihe von Männern, die schon früh sozialreformerische Gedanken entwickelten und die für eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Kehrtwendung zugunsten der Arbeiter eintraten. Übereinstimmend kritisierten sie das kapitalistische System, in dem die besitzende Klasse auf Kosten der Arbeiter immer mehr Geld anhäufe und die Arbeiter zu Sklaven degradiere. So forderte der Mainzer Erzbischof Emmanuel von Ketteler eine gerechtere Gesellschaftsordnung, die aber nicht auf dem Wege des Revolutionskampfes, sondern nur im christlichen Geist erreicht werden könne. 4. Besonders bekannt wurde der ehemalige Schustergeselle und spätere Priester Adolf Kolping (1813- 1865). Er wandte sich weniger an die Fabrikarbeiter als an die Handwerksgesellen, deren soziale Lage nicht wesentlich besser war als die der Arbeiter. Seine 1846 gegründeten katholischen Gesellenvereine breiteten sich schnell über ganz Deutschland aus. Das Schwergewicht seiner praktischen Arbeit lag in der Förderung des Vereinslebens, das wesentlich in religiöser Belehrung, beruflicher Weiterbildung und familiärer Geselligkeit bestand. In den Kolpingvereinen fanden damals viele entwurzelte Menschen ihre geistige und religiöse Heimat. RU-Wissen und Meinung Geschichte Die Soziale Frage im 19. Jahrhundert (III) 1. Später als auf katholischer Seite begann man in der evangelischen Kirche auf die großen sozialen Probleme der Menschen zu reagieren. Man forderte dabei jedoch keine grundsätzlichen gesellschaftlichen und wirtschaftspolitischen Veränderungen. Vielmehr distanzierte man sich von allen revolutionären Forderungen, etwa nach gerechten Löhnen oder nach Beseitigung der ausbeuterischen, kapitalistischen Wirtschaftsordnung und der menschenunwürdigen Arbeitsverhältnisse in den Fabriken. Man versuchte, unter Beibehaltung der bestehenden Ordnungen einzelnen notleidenden Menschen und Gruppen, die die Opfer des bestehenden Systems waren, direkt zu helfen. 2. Ein eindrucksvolles Beispiel für soziale Tätigkeit dieser Art gab Johann Hinrich Wichern (1808-1881). Als Leiter der Hamburger Sonntagsschule hatte Wichern Erfahrungen mit kindlicher Verwahrlosung und mit den Folgen exzessiver Kinderarbeit gemacht. Sie führten ihn zu dem Entschluß, eine Einrichtung für obdachlose und verwaiste Kinder und Jugendliche zu gründen. Wichern erwarb im Jahre 1833 eine alte Hamburger Bauernkate mit dem Namen "Das Rauhe Haus". Sie wurde zum Ausgangspunkt für eine Art Kinderdorf, in dem Kinder gesammelt und in eigenen Werkstätten handwerklich ausgebildet wurden. Bis zu 12 Kinder wurden in "Familien" zusammengefaßt und von Diakonen ("Brüdern") pädagogisch betreut und religiös unterwiesen. Wichern wollte sich damit von den üblichen staatlichen Erziehungs- und Arbeitshäusern für Kinder absetzen, in denen die Kinder nicht selten ausgebeutet und mißhandelt wurden. Sein Ziel war es, eine familiäre Atmosphäre in Liebe, Freundlichkeit und Geborgenheit zu schaffen und den Kindern eine bürgerliche Existenz zu ermöglichen. 3. Wichern wandte sich später auch den Problemen der Strafgefangenen und der obdachlosen und kranken Arbeiter zu. Im besonderen wollte er die Menschen erreichen, die sich in ihrer sozialen Not von der Kirche im Stich gelassen fühlten und die die Verbindung zum christlichen Glauben verloren hatten. Wichern nannte seine sozialen und seelsorgerlichen Bemühungen "Innere Mission". Es gelang ihm, auf dem Kirchentag in Wittenberg 1848 den Centralausschuß für Innere Mission zu gründen, von dessen Tätigkeit man sich einen Beitrag zur Beseitigung gesellschaftlicher Mißstände, aber auch die Rückgewinnung der der Kirche entfremdeten Menschen versprach. Die Innere Mission entwickelte sich zu einem großen Verband, der in allen Teilen Deutschlands und in vielfältigen sozialen Bereichen (Gesundheitsfürsorge, Jugendarbeit, Gefangenenbetreuung, Gründung von Arbeiterkolonien) tätig wurde. 4. Auf die sozialen und familiären Probleme von unverheirateten Frauen und Mädchen versuchte die Hamburger Kaufmannstochter Amalie Sieveking (1794-1859) aufmerksam zu machen. Sie gründete einen Verein für Armen- und Krankenpflege und forderte die Gründung einer evangelischen Schwesternschaft und die Einführung des Diakonissenamtes in der evangelischen Kirche. 5. Der Pfarrer Theodor Fliedner (1800-1864) nahm diese Gedanken auf und gründete in Kaiserswerth bei Düsseldorf eine Diakonissenanstalt, die zugleich Krankenhaus und Ausbildungsstätte für Krankenschwestern war. Später wurde ein Waisenhaus, ein Kindergarten und ein Asyl für entlassene weibliche Strafgefangene angegliedert. Die Kaiserswerther Diakonissenanstalt wurde Vorbild für ähnliche Werke in aller Welt. 6. Für das Verhältnis von Kirche und Arbeiterschaft hat es sich verhängnisvoll ausgewirkt, daß Wichern und andere kirchliche Sozialreformer wegen ihrer konservativen, antidemokratischen und antisozialistischen Grundhaltung keinen Zugang zu den Führern der Arbeiterbewegung fanden und das Gespräch mit ihnen ablehnten. Für viele Angehörige der Arbeiterklasse wiederum waren die christlichen Appelle der Kirchen an Liebe und Brüderlichkeit allein ungeeignet, um die ungerechten Zustände schnell zu beseitigen. RU-Wissen und Meinung Geschichte Kirche und Nationalsozialismus (I) 1. Es ist eine Tatsache, daß Hitler und seine Partei gerade in evangelischen Kreisen großen Anklang fanden und von vielen Evangelischen gewählt wurden. Vor Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 gab es in der evangelischen Kirche nur verhältnismäßig wenige, die die wahren Ziele des Nationalsozialismus und die Unvereinbarkeit von Christentum und NS-Ideologie erkannten. Wie die Nazis grundsätzlich zu Christentum und Kirche standen, hatte die NSDAP schon 1920 in ihrem Parteiprogramm mit dem Stichwort "positives Christentum" zum Ausdruck gebracht. Besonders evangelische Christen meinten, die Partei wolle sich damit für eine klare christliche Haltung einsetzen. In Wirklichkeit verstanden die Nazis unter diesem Schlagwort nichts anderes als ein "arisches", germanisches "Christentum der Tat" nach der Devise "Gemeinnutz geht vor Eigennutz". Viele Christen erhofften sich durch die Nationalsozialisten die Wiederherstellung von Recht und Ordnung im Lande und die Beseitigung der Arbeitslosigkeit und des Hungers. Sie identifizierten sich aber auch mit den nationalistischen und judenfeindlichen Zielen der Partei. 2. Nach ihrem Wahlerfolg 1930 versuchte die NSDAP zunächst die Kirchen für sich zu gewinnen. SA-Leute besuchten in ganzen Gruppen, in Uniform und mit der Hakenkreuzfahne voran, die Gottesdienste. Hitler selbst, der der katholischen Kirche angehörte, ließ sich gern wirkungsvoll als Kirchgänger abbilden. Die (zunächst) betont kirchenfreundliche Haltung der Nazis hob sich für viele Christen erfreulich ab von der antikirchlichen Agitation besonders der kommunistischen Gruppen. Auch eine (allerdings lautstarke) Minderheit von Pfarrern sympathisierte offen mit den Nationalsozialisten. So hielt der braunschweigische Bischof Beye 1931 bei einem Gauparteitag der NSDAP einen Feldgottesdienst in SA-Uniform ab. 3. Seit 1932 versuchten dann die Nazis, die Evangelische Kirche von der Basis her zu erobern, indem sie sich massiv in die Kirchenwahlen einmischten. Unter Leitung des Berliner Pfarrers Hossenfelder organisierten sie sich als "Deutsche Christen" (DC). Ihre Ziele legten die DC in den "Richtlinien der Glaubensbewegung Deutscher Christen" nieder. Darin heißt es:
"... Wir bekennen uns zu einem bejahenden artgemäßen Christus-Glauben, wie er deutschem Luther-Geist und heldischer Frömmigkeit entspricht. ... Wir sehen in Rasse, Volkstum und Nation uns von Gott geschenkte und anvertraute Lebensordnungen, für deren Erhaltung zu sorgen uns Gottes Gesetz ist. Daher ist der Rassenvermischung entgegenzutreten. ... Wir fordern aber auch den Schutz des Volkes vor den Untüchtigen und Minderwertigen. Die Innere Mission darf keinesfalls zur Entartung unseres Volkes beitragen. ... Wir lehnen die Judenmission in Deutschland ab, solange die Juden das Staatsbürgerrecht besitzen und damit die Gefahr der Rassenverschleierung und -bastardierung besteht. ..." 4. Dank kräftiger Unterstützung durch die Partei konnten die DC ein Drittel der Stimmen bei den kirchlichen Wahlen 1932 gewinnen. Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 feierten sie mit Dankgottesdiensten und strebten nun selbst innerhalb der Evangelischen Kirche die Machtübernahme an. Unter Leitung des von Hitler bevollmächtigten Pfarrers Ludwig Müller besetzten SA-Einheiten das Gebäude des Kirchenbundesamtes in Berlin und rissen die Leitung der Kirche an sich. Sofort wurden für ganz Deutschland neue Kirchenwahlen angesetzt, und aufgrund auch des persönlichen Einsatzes Hitlers gelang den Deutschen Christen ein überwältigender Sieg. In den meisten Landeskirchen (außer Bayern, Württemberg und Hannover) konnten sie die Herrschaft übernehmen. Ludwig Müller wurde dann Ende September 1933 zum Evangelischen Reichsbischof gewählt. Die "Machtergreifung" der Deutschen Christen schien geglückt. 5. Eine Wende in der Stimmung der meisten Evangelischen in Deutschland brachte jedoch eine Großkundgebung der DC im November 1933 im Berliner Sportpalast. Dort forderte man die Abschaffung des Alten Testamentes, die Beseitigung der "jüdischen Theologie" des Paulus und die Verkündung eines heldischen, germanischen Jesus. Ein breiter Protest erhob sich in der kirchlichen Öffentlichkeit. Evangelische Christen, denen erst jetzt deutlich wurde, wie weit der Glaube der DC mit der NS-Ideologie gleichgeschaltet war, wandten sich massenweise von den DC ab. RU-Wissen und Meinung Geschichte Kirche und Nationalsozialismus (II) 1. Gegen die Irrlehren und Rechtsbrüche der Deutschen Christen (DC) setzten sich sehr bald Christen zur Wehr, die sich zur "Bekennenden Kirche" (BK) zusammenschlossen. Sie verstanden ihre Kirche nicht als Kirchenpartei, sondern als die einzige rechtmäßige Evangelische Kirche in Deutschland. Vor allem aus theologischen Gründen lehnten sie eine Unterordnung der Kirche unter Partei und NS-Staat ab. Sie sahen in der Rassenideologie eine besondere Form der Verherrlichung und Vergötzung des Menschen. Einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung der "Bekennenden Kirche" leistete der Schweizer Pfarrer Karl Barth mit seiner 1933 erschienenen Schrift "Theologische Existenz heute". Barth forderte darin die Kirche zu einer Neubesinnung über ihr eigentliches Wesen und ihren Auftrag auf. Die Kirche dürfe sich an keine Ideologien, sondern allein an die Heilige Schrift und an das überlieferte Bekenntnis binden. 2. Auch der Berliner Pfarrer Martin Niemöller beeinflußte wesentlich die theologische Richtung der Bekennenden Kirche und ihren Widerstand gegen die Nazi-Ideologie. Auf seine Initiative hin wurde 1933 der "Pfarrernotbund" gegründet. Anlaß dazu war der Protest gegen den Beschluß der Generalsynode der preußischen Landeskirche, Pfarrer und Kirchenbeamte jüdischer Abstammung aus ihren Ämtern in der Kirche zu entlassen. Bis Januar 1934 schlossen sich etwa 7000 evangelische Pfarrer dem Notbund an. Eine seiner Aufgaben sah dieser Bund darin, Christen, die um ihres Bekenntnisses willen durch die Nazis verfolgt wurden, zu beraten und zu unterstützen. 3. Widerstand gegen die totale Vereinnahmung der Kirche durch die Nationalsozialisten leisteten vor allem aber die Gemeinden, in denen sich bekenntnistreue Gemeindeglieder z.T. gegen ihre DC-Pastoren zusammenschlossen. In einzelnen Landeskirchen bildeten sich aus bekenntnistreuen Pfarrren und Gemeindegliedern Synoden, die sich in direkten Gegensatz zur nationalsozialistisch beeinflußten Reichskirche des Reichsbischofs Müller setzten. Fortgeführt wurden aber auch die teilweise gewaltsamen Versuche des von den Nazis unterstützten Reichsbischofs, möglichst alle Landeskirchen mit der Reichskirche gleichzuschalten. Sie scheiterten vor allem am Widerstand der "intakten", bekenntnistreuen Landeskirchen Württemberg, Bayern und Hannover. Die Bischöfe Wurm und Meiser wurden unter Hausarrest gestellt, und nur weil Hitler wegen der Proteste aus dem Ausland politische Nachteile befürchtete, wurden sie wieder freigelassen. 4. Zu einem deutlichen Protest gegen die nationalsozialistische Unterwanderung der Kirche und den Totalitätsanspruch der Nazis kam es auf der Bekenntnissynode von Barmen im Mai 1934. Vertreter aller widerstandleisten- den Gruppen in der Evangelischen Kirche formulierten dort ein gemeinsames Bekenntnis, das als "Theologische Erklärung von Barmen" richtungweisend für den ganzen Kirchenkampf wurde. In dieser Erklärung heißt es:
Art.1: " ... Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen."
Art. 3: " ... Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen. ...
Art. 5: " ... Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden." 5. Innerhalb der "Bekennenden Kirche" bildeten sich jedoch bald zwei Gruppen: a) ein lutherischer Flügel, der unter Berufung auf Paulus ("Jedermann sei untertan der Obrigkeit; ... denn es gibt keine Obrigkeit, die nicht von Gott kommt". Römer 13) keinen weiterführenden, grundsätzlichen, offenen Widerstand gegen den Staat leisten wollte und b) eine Gruppe, die sich um Martin Niemöller sammelte und sich aktiv -zumindest in Predigten und Flugblattaktionen- gegen nationalsozialistische Rechtsbrüche zur Wehr setzte. RU-Wissen und Meinung Geschichte Kirche und Nationalsozialismus (III) 1. Die katholische Kirche stand dem Nationalsozialismus zunächst völlig ablehnend gegenüber. Bis in das Jahr 1933 hinein waren erklärte Nazis nicht zu den Sakramenten zugelassen; sie wurden auch nicht kirchlich beerdigt. Doch ähnlich wie die evangelische Kirche näherte sich auch die katholische Kirche den Nationalsozialisten, von denen sie mit taktisch klugen Zugeständnissen umworben wurde. Im Sommer 1933 schloß Hitler mit ihr das Reichskonkordat ab, einen Vertrag, in dem der Katholischen Kirche in Deutschland die Freiheit ihres Bekenntnisses sowie die Erhaltung des Religionsunterrichtes und der Bekenntnisschulen zugesichert wurde. Wenige Monate später jedoch sah sich auch die Katholische Kirche gezwungen, ihre vorübergehende Unterstützung der Nazis aufzugeben. Es wurde deutlich, daß die Nazis die Kirchen aus der Öffentlichkeit verdrängen und ihre Selbständigkeit beseitigen wollten. Kirchliche Organisationen wie die Jugendverbände wurden aufgelöst und in die entsprechenden Parteiorganisationen überführt. Es dauerte aber bis 1937 bis Papst Pius XI. in Absprache mit den deutschen Bischöfen in der Enzyklika "Mit brennender Sorge" gegen die Ideologie und Gewaltmaßnahmen der Nazis Stellung nahm. Größte öffentliche Wirkung gewannen 1941 drei Predigten des Bischofs von Münster, Graf von Galen. Darin prangerte er Verfolgung, Willkür und Rechtlosigkeit des nationalsozialistischen Staates an und wandte sich gegen die Tötung geistig und körperlich kranker Menschen durch die Nazis. Hitler wagte es nicht, gegen den Bischof vorzugehen. Viele Priester jedoch, die seine Predigten in den Gottesdiensten verlasen, wurden verfolgt, verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. 2. Im Mai 1936 verfaßte der radikale Flügel der Bekennenden Kirche eine Denkschrift an Hitler, in der man grundsätzliche Kritik am NS-Staat übte und gegen die Verletzungen der Menschenrechte protestierte. Einer der Autoren, Friedrich Weißler, wurde daraufhin von den Nazis ins KZ Sachsenhausen gebracht und hingerichtet. Viele Pfarrer und Mitarbeiter der Bekennenden Kirche wurden ihres Amtes enthoben, erhielten Rede- oder Aufenthaltsverbot oder wurden in "Schutzhaft" genommen, wurden gefoltert und getötet. 3. Je länger der Kirchenkampf dauerte, um so mehr wurde Martin Niemöller im In- und Ausland zum Symbol der kirchlichen Opposition. Er wurde 1938 wegen Kanzelmißbrauchs und Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Als persönlicher Gefangener Hitlers blieb er bis zum Kriegsende in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau. Für einen aktiven und politischen Widerstand der Kirche gegen die Nazis trat Dietrich Bonhoeffer ein. Er knüpfte als Mitglied der Bekennenden Kirche Kontakte zu kirchlichen Kreisen im Ausland. 1943 wurde er deswegen verhaftet und im April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet. 4. Neben den vielen Christen, die Widerstand zu leisten versuchten, gab es in beiden Kirchen auch solche, die sich aus grundsätzlichen theologischen Erwägungen nicht in totalen Gegensatz zum Staat stellen wollten. Das zeigte sich besonders im Krieg, als man, obwohl gegen die Nazis eingestellt, das Vaterland nicht im Stich lassen wollte und das Nazi-Regime mit der Waffe verteidigte. Martin Niemöller hat später erkannt und bekannt, daß der kirchliche Widerstand nicht so radikal und massiv gewesen war, wie es von den christlichen Kirchen eigentlich zu erwarten gewesen wäre. 5. Die Evangelische Kirche hat am 30. Oktober 1945 die "Stuttgarter Schulderklärung" veröffentlicht, in der sich evangelische Christen zu ihrer Mitverantwortung an den Vorgängen im "Dritten Reich" bekennen. In diesem Schuldbekenntnis heißt es: "... Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. ... Wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben."
An diesem Bekenntnis wird jedoch kritisiert, daß es nicht konkret die Mitschuld an den Nazi-Verbrechen nennt und mit keinem Wort auf den Holocaust eingeht. Von vielen Christen in der Evangelischen Kirche wurde auch dieses vage formulierte Schuldbekenntnis als zu weitgehend abgelehnt. RU-Wissen und Meinung Gesellschaft Flüchtlinge/Asylbewerber: zur Rechtslage 1. Nicht alle Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, sind Flüchtlinge im völkerrechtlichem Sinn. Als Flüchtlinge werden nur die Menschen anerkannt, die durch staatliche Organe (Polizei, Geheimpolizei usw.) und aus politischen Gründen verfolgt werden. 2. Die Bundesrepublik Deutschland hat das individuelle Recht auf politisches Asyl in die Verfassung aufgenommen. Die Entstehungsgeschichte dieses Asylrechts ist von Erfahrungen geprägt, die die Deutschen mit den Verfolgungen durch die nationalsozialistische Herrschaft gemacht haben. Tausende von Deutschen hatten in der Zeit von 1933 bis 1945 als politisch und rassisch Verfolgte Zuflucht in vielen Ländern der Welt gefunden. 3. Folgende Artikel unserer Verfassung sind in diesem Zusammenhang wichtig:
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Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller
staatlichen Gewalt. Das deutsche Volk bekennt sich daher zu unverletztlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
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Artikel 3: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner
Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.
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Artikel 16: Kein Deutscher darf an das Ausland ausgeliefert werden. Politisch Verfolgte genießen
Asylrecht. 4. 1992 wurde dieser Grundgesetzartikel durch den Bundestag ergänzt. Einen Antrag auf Asyl kann nur noch der Ausländer stellen, der sich nicht schon vorher in einem Land aufgehalten hat, das ihm auch Asyl hätte gewähren können. Dem antragstellenden Asylbewerber stehen nicht mehr alle Instanzen des Rechtsweges offen. Außerdem erstellte die Regierung eine Liste von Ländern, in denen es politische Verfolgung nicht gibt und für deren Staatsangehörige ein Asylantrag von vornherein keine Aussicht auf Erfolg haben würde. Solche Asylbewerber, von denen man vermutet, daß sie vor allem aus wirtschaftlichen und nicht aus politischen Gründen um Asyl nachsuchen, sollen unverzüglich in ihre Heimatländer abgeschoben werden. 2/3 aller Asylsuchenden jedoch, deren Antrag abgelehnt wird, können aus humanitären Gründen trotzdem in Deutschland bleiben. Dazu gehören u.a. kranke Asylsuchende; Angehörige von Asylberechtigten, die selbst nicht asylberechtigt sind. (Deren Aufenthalt ist nicht rechtmäßig, sondern lediglich straffrei); Staatenlose, die in keinem anderen Staat Aufnahme finden können. 5. Rechtliche Gültigkeit in Deutschland hat auch die "Erklärung der Menschenrechte" (1948), in denen es u.a. heißt:
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Artikel 2: Jedermann hat Anspruch auf die in dieser Erklärung proklamierten Rechte und Freiheiten ohne
irgendeine Unterscheidung, wie etwa nach Rasse, Farbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeuung, nationaler oder sozialer Herkunft, nach Vermögen oder sonstigem Status...
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Artikel 4: Jedermann hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.
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Artikel 5: Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung
oder Strafe unterworfen werden.
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Artikel 14: Jedermann hat das Recht, in anderen Ländern Asyl zu suchen und zu genießen. 6. Die Bundesrepublik Deutschland ist außerdem der "Genfer Flüchtlingskonvention" von 1951 beigetreten. In diesem internationalen Vertrag sind der Schutz und die Rechte von Flüchtlingen geregelt. Danach ist ein Flüchtling jede Person, die "aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Heimatlandes befindet." Die "Organisation für Afrikanische Einheit" (OAU) hat in einer Erklärung von 1965 diesen Flüchtlingsbegriff erweitert: Flüchtling ist danach auch der Mensch, der aufgrund einer kriegerischen Situation seine Heimat zu verlassen gezwungen ist. Diese Definition ist auch von der Bundesrepublik anerkannt. RU-Wissen und Meinung Gesellschaft Biblisch-Theologische Überlegungen zur Ausländerfrage
Der christliche Glaube gibt u.a. folgende Orientierungen und Anregungen für den Umgang mit Menschen, die als Asylbewerber oder Flüchtlinge in unser Land kommen: 1. Der Schutz der Fremdlinge und Ausländer spielt in den Gesetzen und Geboten des Alten Testaments eine große Rolle. Dahinter steht die Erfahrung des Volkes Israel, daß es selbst als fremdes Volk lange Zeit in Ägypten, in der Fremde, leben mußte. Dazu drei Texte aus dem Pentateuch (5 Bücher Mose):
2.Mose 23,9: Die Fremden sollt ihr nicht unterdrücken. Denn ihr wißt, wie es den Fremden ums Herz ist, weil ihr selbst auch Fremdlinge gewesen seid.
3.Mose 15,15: Für euch und für die Fremden, die bei euch leben, gilt ein und dieselbe Regel von Generation zu Generation: Gleiches Recht und gleiches Gesetz gilt für euch und für die Fremden, die bei euch leben.
4. Mose 19,33: Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn achten wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremde gewesen in Ägypten. Ich bin der Herr, euer Gott. 2. Eines der wichtigsten Gebote im Neuen Testament ist das Liebesgebot Jesu: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Jesus bezieht es über alle Grenzen hinweg auf alle Bedürftigen, die Schutz, menschliche Zuwendung und Hilfe brauchen. Der barmherzige Samariter, ein Fremder in Israel, ein Ausländer, wird für Jesus die beispielhafte Verkörperung des Liebesgebotes. Jesus selbst identifiziert sich mit allen Bedürftigen, die er seine Brüder nennt und zu denen er ausdrücklich die Fremden zählt. Im Gleichnis vom Weltgericht legt er dem richtenden König die Worte in den Mund: "Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. ... Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan." 3. Nach Auffassung der Bibel und des christlichen Glaubens sind alle Menschen auf der Erde Geschöpfe Gottes, ausgestattet mit gleicher Würde und gleichem Lebensrecht. Die Erde wurde allen gemeinsam anvertraut. Daraus ergibt sich die grundlegende Verpflichtung, sie auch gemeinsam zu verwalten und ihre Güter, Nahrungsmittel und Bodenschätze mit allen zu teilen. Weil Gott der Schöpfer der Welt und Vater aller Menschen ist, gehören wir alle zu der einen Menschheit. In denen, die bei uns Schutz und Lebensmöglichkeit suchen, begegnen uns die ungelösten Entwicklungs-, Friedens- und Menschenrechtsprobleme der einen Menschheit. 4. Die Bundesrepublik ist ein verhältnismäßig wohlhabendes und stabiles Land. Das Gefälle zu Armut und Unsicherheit in den meisten Herkunftsländern der Asylanten ist riesig. Viele hierzulande meinen, ihren Wohlstand gegenüber den Ausländern verteidigen zu müssen. Das entspricht jedoch nicht dem biblisch orientierten Glauben, der Egoismus und Fremdenfeindlichkeit überwinden helfen will. 5. Viele Probleme nationaler und wirtschaftlicher Art in den Ländern der Dritten Welt haben ihren Ursprung in der kolonialen Vergangenheit. Sie stammen aus der Zeit, in der europäische Völker mit Gewalt fremdes Territorium eroberten, die Menschen z.T. ausbeuteten und ihre kulturellen und sozialen Systeme zerstörten. Flüchtlinge aus diesen Ländern bei uns aufzunehmen, bedeutet auch eine Art Wiedergutmachung früher begangenen Unrechts und kann zur Versöhnung unter den Menschen beitragen. Versöhnung mit Gott und unter den Menschen ist ein zentrales Anliegen der christlichen Botschaft. RU-Wissen und Meinung Gesellschaft Thesen zur Ausländerfrage 1. Solange es in vielen Ländern der Erde wirtschaftliche Not, Hunger und Kriege gibt und Menschen aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt und gefoltert werden, werden Menschen bei uns Zuflucht suchen. 2. Die Forderung, die Grenzen gegenüber Flüchtlingen "dicht" zu machen, ist unrealistisch und widerspricht den Grundlagen des Völkerrechts. 3. Die Bundesrepublik gehört zu den reichsten Ländern der Erde. Sie ist daher aus Gründen der Menschlichkeit verpflichtet, Flüchtlinge aufzunehmen und für deren menschenwürdige Unterbringung und Behandlung zu sorgen. 4. Der Staat muß mit geeigneten Maßnahmen dafür sorgen, daß das Asylrecht nicht mißbraucht wird. 5. Versorgung und Unterbringung von Flüchtlingen bei uns darf nicht auf Kosten der immer größer werdenden Zahl der Armen in unserem Land geschehen. 6. In einer Zeit, in der die Staaten Europas zusammenwachsen und die Grenzen zwischen den Ländern fallen, wird es in jedem europäischen Land in Zukunft immer mehr Ausländer geben. 7. Diese Tatsache wird (hoffentlich) dazu beitragen, daß Nationalismus und Rassismus, die die Ursache für viele Kriege waren und sind, in Zukunft abgebaut werden können. 8. Ausländer haben in jedem Land das Recht, ihrer Kultur und ihrer Religion entsprechend zu leben. Von ihnen sollte nicht verlangt werden, daß sie sich "anpassen". 9. Ausländer sollten nicht ausgegrenzt werden und sich nicht selber ausgrenzen. 10. Das Miteinander von "Einheimischen" und "Ausländern" in einem Land kann nur gelingen, wenn es von gegenseitiger Rücksichtnahme und Toleranz bestimmt ist. 11. Als Ausländer in einem anderen Land sollte man versuchen, für die Kultur und die Lebensformen des Gastlandes offen zu sein und Interesse und Verständnis dafür zu entwickeln. 12. Der Kontakt zu Menschen anderer Herkunft und anderer Kultur kann das Leben bereichern. 13. Vorurteile einer anderen Volksgruppe gegenüber kann man am besten dadurch beseitigen, daß man sich kennenlernt. 14. Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhaß beruhen auf mangelnder Information, falscher Erziehung und Angst- und Unterlegenheitsgefühlen. RU-Wissen und Meinung Gesellschaft Aussiedler (I) 1. Seit etwa Mitte der 80er Jahre kommen jährlich mehrere Hunderttausend Aussiedler nach Deutschland. Sie kommen aus der Sowjetunion, aus Rumänien und aus Polen, aus den Gebieten also jenseits von Oder und Neiße sowie aus den deutschen Siedlungsgebieten in Ost- und Südosteuropa. Dort leben noch rund 3,5 Millionen Deutsche, die meisten in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion Russland und Kasachstan. Ein großer Teil kommt auch aus Sibirien, wohin viele von ihnen 1941 z.Zt des zweiten Weltkriegs auf Befehl Stalins deportiert wurden.
Wie hoch die tatsächliche Zahl der Ausreisewilligen ist, läßt sich nicht genau ermitteln. Man muß aber damit rechnen, daß ihre Zahl weit über einer Million liegt. Viele haben sich schon jahrzehntelang um eine Ausreise bemüht, aber erst seit der politischen Wende im Osten hat man rechtliche Regelungen mit den osteuropäischen Ländern aushandeln können. 2. Die meisten Aussiedler sind die Nachkommen von Deutschen, die in der Vergangenheit ihre Heimat aus wirtschaftlichen Gründen verlassen haben und sich im Ausland eine neue Existenz aufbauten. Sie bewohnten vor allem in Rumänien (Siebenbürgen) und in Rußland (Wolgagebiet) zusammenhängende Siedlungsgebiete und bewahrten über Jahrhunderte hinweg ihre deutsche Sprache und ihre deutsche Kultur. Sie verstanden sich immer als Deutsche und haben den Kontakt zu ihrem Mutterland nie abreißen lassen. Im Zweiten Weltkrieg waren es besonders die Rußlanddeutschen, die durch Entrechtung und Vertreibung und Umsiedlung unter den Folgen des Krieges zu leiden hatten. 3. Oft wird die Frage gestellt, ob denn die Aussiedler überhaupt richtige Deutsche seien. Nach den Gesetzen der Bundesrepublik sind Aussiedler keine Ausländer, auch keine Deutschstämmigen, sondern Deutsche, die ein Recht darauf haben, in Deutschland zu leben. Deutscher Volkszugehöriger ist, "wer sich in seiner Heimat zum deutschen Volkstum bekannt hat, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte Merkmale wie Abstammung, Erziehung, Sprache und Kultur bestätigt wird." (§6 Bundesvertriebenen- gesetz). Nach unserem Grundgesetz können nur Deutsche und ihre Angehörigen als Aussiedler anerkannt werden. Ob die Voraussetzungen dafür vorliegen, wird bei der Einreise und Registrierung geprüft. 4. Warum kommen Aussiedler in solch großer Zahl nach Deutschland? Was bewegt sie, ihre Zelte abzubrechen, Haus und Hof zu verlassen und ihren Bekanntenkreis aufzugeben, um in eine ungewisse Zukunft zu gehen? Dazu bedarf es starker Motive:
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Die Aussiedler sehen in den Herkunftsländern keine Chance mehr, als Minderheit zu leben. Sie werden
zunehmend benachteiligt und unterdrückt und begegnen als Deutsche einer verstärkten Ablehnung durch die anderen Bevölkerungsteile. Ihnen ist die Heimat zur Fremde geworden. Sie sehen dort für sich und ihre Kinder kaum noch Möglichkeiten, ihre kirchlichen Traditionen, ihre Kultur und Sprache als Deutsche zu bewahren und als Volksgrupe zu überleben. Sie möchten ungehindert als Deutsche unter Deutschen leben können.
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Die Aussiedler sehen für sich und ihre Familien keine wirtschaftlichen Perspektiven mehr. Sie
resignieren angesichts der schlechten Lebensverhältnisse in den ost- und südosteuropäischen Ländern. Sie ergreifen die Chance, für sich und ihre Kinder im wirtschaftlich sichereren Westen eine neue Existenz aufzubauen.
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Sie hoffen, in Deutschland ihren Kindern bessere Bildungsmöglichkeiten geben zu können und mehr
Freiheit in der Gestaltung ihres Lebens zu gewinnen. Vielen Aussiedlerfamilien ist dabei auch die in Deutschland garantierte Glaubens- und Religionsfreiheit wichtig. RU-Wissen und Meinung Gesellschaft Aussiedler (II) 1. Für die Aussiedler ist es nicht leicht, sich in Deutschland einzugliedern. Sie kommen in eine Gesellschaft, in der völlig andere Denkstrukturen und Verhaltensmuster herrschen als in ihren Herkunftsländern. Ein großer Teil der bundesrepublikanischen Lebensgewohnheiten irritiert sie, so z.B. die große Freizügigkeit und der Wertepluralismus, die geringe Bedeutung des Familienzusammenhangs und die fortgeschrittene Entchristlichung und die z.T. liberale Erziehungspraxis. So müssen sie erfahren, daß ihnen dieses Land erst allmählich zur Heimat wird. Zu all dem kommen zu Beginn meist große Sprachschwierigkeiten, vor allem bei den Jugendlichen. 2. Eine große Enttäuschung bedeutet für die Aussiedler auch die Tatsache, daß ein Teil der einheimischen Bevölkerung ihnen gegenüber Vorbehalte hat und ihnen gelegentlich sogar mit Ablehnung begegnet. Sie fühlen sich sehr verletzt, wenn man sie als "Ausländer" ansieht oder bezeichnet. In den Herkunftsländern wurden sie als "Deutsche" meist benachteiligt und sogar unterdrückt und z.T. als "Faschisten" diskriminiert. Es ist schmerzlich für sie, nun in Deutschland als "Polen" oder "Russen" bezeichnet oder beschimpft zu werden. 3. Die Zurückhaltung oder ablehnende Haltung mancher Bundesbürger den Aussiedlern gegenüber beruht durchweg auf Nichtwissen und Vorurteilen. Vielfach wird behauptet: a. "Unser Land kann die vielen Menschen nicht verkraften".
Dazu ist zu sagen: Seit dem 2. Weltkrieg sind 12 Millionen Flüchtlinge und Aussiedler zu uns gekommen. Wir haben alle ohne große Schwierigkeiten aufnehmen können. Das gilt auch für die eine Million Menschen, die vielleicht noch kommen werden. Die deutschen Aussiedler sind in der Regel junge Menschen, Familien mit vielen Kindern. Da die Bundesrepublik ein geburtenschwaches Land ist und wir große Sorge haben müssen wegen unserer ungünstigen Bevölkerungsstruktur, kann uns gar nichts besseres passieren als der Zuzug von jungen Menschen. b. "Aussiedler bekommen soviel Geld bei ihrer Eingliederung, daß sie sich sofort ein Haus bauen und einen Mercedes kaufen können."
Solch einen Behauptung entbehrt jeder Grundlage. Natürlich ist der Staat daran interessiert, daß die Aussiedler die Chance für einen guten Start erhalten. Sie bekommen dafür gesetzlich genau geregelte Leistungen. Bei ihrer Ankunft erhalten sie pro Person 200 DM Überbrückungsgeld von der Bundesregierung, dazu noch einmal 30 DM vom Land. Für eine alleinstehende Person wird ein Einrichtungsdarlehen von 3000 DM zur Verfügung gestellt, eine Familie bekommt einen Höchstbetrag von 10.000 DM (Stand 1992). Die Kommunen sind darüber hinaus bei der Beschaffung von Wohnraum behilflich und richten kostenlose Sprachkurse ein.
Aussiedlerfamilien wurden in der Vergangenheit nicht selten Opfer von raffinierten Betrügern, die ihnen hohe Kredite aufschwatzten und bei denen sie sich heillos verschuldeten. c. "Aussiedler nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg."
Das stimmt auf keinen Fall. Sehr viele Aussiedler haben handwerkliche Berufe. Sie finden hier erfahrungsgemäß schnell eine Anstellung und kommen auf Arbeitsplätze, die häufig über lange Zeit unbesetzt waren. Der Zuzug von Aussiedlern wird übrigens zusätzliche Arbeitsplätze bei uns schaffen, denn jährlich müssen ca. 200.000 Menschen mehr bei uns sich ernähren, sich kleiden, Haushalte einrichten usw. 4. Nicht in erster Linie rechtliche und wirtschaftliche Überlegungen, sondern vor allem Gründe der Menschlichkeit sollten es sein, die uns veranlassen, Aussiedler bei uns willkommen zu heißen und aufzunehmen. RU-Wissen und Meinung Gesellschaft Sinti und Roma (Zigeuner) (I) 1. Das Ursprungsland der Zigeuner ist Nordostindien. Gezwungen durch Kriege, wirtschaftliche Krisen, Hunger und Elend verließen sie um das Jahr 900 n.Chr. ihre Heimat und gelangten in mehreren Wanderungswellen und -gruppen immer weiter nach Westen. Eine große Gruppe zog über Rußland bis nach Skandinavien, eine andere über die Türkei in den Balkan und bis nach Westeuropa, eine dritte Gruppe über Palästina und Ägypten nach Spanien. Sie nahmen dabei Sprachelemente und Religionen ihrer jeweiligen Gastvölker an. Daher stammen auch die sehr unterschiedlichen Bezeichnungen für dieses Volk. So nennen sie sich in Deutschland Sinti, in Rumänien vor allem Roma, in Frankreich Gitanes, in England Gypsies ("Ägypter"). Besonders die deutschen Sinti (nicht jedoch die Roma) wehren sich gegen die Bezeichnung "Zigeuner", weil diesem Begriff die diskriminierende und falsche Ableitung von "ziehende Gauner" anhaftet. Der Begriff Zigeuner hat sich aber aus dem Byzantinischen "atsiganoi" entwickelt und bedeutet "Unberührbare", möglicherweise eine Erinnerung an ihren kastenlosen Status in der indischen Heimat. 2. Die Geschichte der Sinti und Roma ist eine Geschichte der Verfolgung, Vertreibung und Diskriminierung. Wo immer Zigeuner in Europa auftauchten, begegnete man dem fremden Volk mit Abneigung, Mißtrauen, Haß und Ausgrenzung. Zweifellos unterschieden sie sich schon damals deutlich von der einheimischen Bevölkerung. Sie hatten meist keine festen Wohnsitze, sondern zogen wie Nomaden von Ort zu Ort. Da sie kein Zunft-Gewerbe ausüben durften, widmeten sie sich dem Handel mit Pferden, arbeiteten als Kesselflicker, spielten Musik auf Hochzeiten und betätigten sich als Hellseher und Bärenführer. Sie durften keinen Landbau betreiben und mußten daher in schlechten Zeiten durch Nahrungsdiebstähle ihr Überleben sichern. 3. Wie die Juden wurden die Zigeuner überall in die Rolle der Sündenböcke gedrängt. Ihnen wurde vorgeworfen, Kinder zu entführen, zu schlachten und zu verspeisen. Sie wurden verantwortlich gemacht für Feuer, Epidemien und Mäuseplagen. War ein Gegenstand verschwunden, gab die Kuh keine Milch mehr oder hatte Hagel die Ernte vernichtet, machte man die Zigeuner dafür verantwortlich. Zigeuner seien es gewesen, welche die Nägel zur Kreuzigung Christi gehämmert hätten. Im 16. Jahrhundert vermutete man in ihnen Spione des türkischen Heeres, das damals Europa bedrohte. Diese Beschuldigung entbehrte jeder Grundlage, da die Zigeuner gerade vor den Türken hatten fliehen müssen. Einige Jahrzehnte später galten sie im protestantischen England als Spione des Vatikans. Als "schwarzer Mann" mußten Zigeuner generationenlang als Kinderschreck herhalten. 4. Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Europa einige Versuche, die Sinti und Roma seßhaft zu machen. Das Ziel war, sie zu assimilieren und als Volk verschwinden zu lassen. In Österreich-Ungarn nahm man den Roma-Familien systematisch ihre Kinder weg und untersagte ihnen, ihre Sprache, das Romanes, zu gebrauchen. Wo sie angesiedelt wurden, waren sie Leibeigene ohne Rechte, wurden auf Sklavenmärkten verkauft und zu Zwangsarbeit verdammt. 5. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Zigeuner als "Träger minderen Erbgutes", als "nutzlose Fremdkörper", als "Gift für deutsche Seelen und deutsche Körper" grausam verfolgt. Im Dezember 1942 ordnete der SS-Chef Heinrich Himmler die "totale Liquidierung" der Zigeuner an. In allen Gebieten Europas, die von den Deutschen während des 2. Weltkrieges besetzt wurden, kam es zu Massentötungen, oft unterstützt durch die einheimischen Bevölkerungen. In den Konzentrationslagern wurden mehr als 200.000, womöglich doppelt soviele Zigeuner ermordet. Die Opfer wurden in speziellen Fahrzeugen vergast, "durch Arbeit vernichtet" oder von Medizinern bis zum Tode bei Kälteversuchen oder bei der Erforschung neuer Sterilisierungs- oder Kastrationsmethoden mißbraucht. Nach dem Krieg geriet das Schicksal der Zigeuner für lange Zeit in Vergessenheit. Wiedergutmachung wurde ihnen, im Gegensatz zu den Juden, kaum zuteil. RU-Wissen und Meinung Gesellschaft Sinti und Roma (Zigeuner) (II) 1. Während der Bevölkerungsanteil der Zigeuner in den westeuropäischen Ländern sehr gering blieb, wuchs ihre Zahl in Osteuropa auf mehrere Millionen an. Die meisten von ihnen, ca. 2 Millionen, leben in Rumänien. Dort sind sie, wie fast überall, die Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Analphabetenquote, der bittersten Armut, der kürzesten Lebenserwartung und der größten Kindersterblichkeit. Sie leben am Rande der Gesellschaft, vom überwiegenden Teil der Bevölkerung verachtet und isoliert. Durch die kommunistische Ordnung waren sie aber zumindest vor offenem Rassismus jahrzehntelang geschützt. 2. Der politische Umsturz im Ostblock setzte schlagartig die uralten Vorurteile gegen die Zigeuner wieder frei. Besonders in Rumänien sehen sich die Roma durch eine Welle von Fremdenhaß und Nationalismus bedroht und verfolgt. 1990 und 1991 wurden dort in 24 Dörfern die Roma-Viertel überfallen, ihre Häuser abgebrannt und die Bewohner verprügelt und vertrieben. Die staatlichen Behörden griffen überhaupt nicht oder nur halbherzig ein. Neben solchen Übergriffen sind es Willkür, Schikanen und Beleidigungen, die den Roma das Leben erschweren: sie werden angepöbelt, ihre Kinder werden von der Schule verwiesen, in den Läden werden sie nicht bedient, "weil Zigeuner nicht das Brot der Rumänen essen sollen". Gewalttätige Übergriffe auf Roma beschränken sich keineswegs auf Rumänien. Auch in Bulgarien und Ungarn sind sie an der Tagesordnung. 3. Daher ist es nicht verwunderlich, daß sich viele Roma bereits auf der Flucht in den Westen befinden. In die Bundesrepublik dürfen sie aber nur einreisen, wenn sie ein Visum besitzen. Dafür ist eine polizeilich beglaubigte Einladung nötig, ferner der Abschluß einer Krankenversicherung und der Nachweis, daß der Betreffende in Rumänien keine Schulden hat. Da nur wenige Roma diese Dokumente vorlegen können, überqueren sie illegal die Grenze. Nur sehr wenige stellen einen Asylantrag; die meisten entziehen sich einer Betreuung durch die Sozialbehörden. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, daß sie tief durch die permanente Angst vor Gewalt und Vertreibung geprägt sind und großes Mißtrauen allen staatlichen Behörden gegenüber entwickelt haben. Die Folge ist, daß sie keine Unterkünfte haben und deshalb in Bahnhöfen und in Einkaufspassagen kampieren müssen. Sie betteln und begehen kleinere, in manchen Fällen auch organisierte Diebstähle um zu überleben. Man schätzt, daß 1991 etwa 15.000 bis 20.000 Roma in die Bundesrepublik gekommen sind und sich hier illegal aufhalten. 4. In der deutschen Bevölkerung stoßen Sinti und Roma zunehmend auf Ablehnung, und alte Vorurteile ihnen gegenüber brechen wieder auf. Umfragen zeigen, daß von allen fremden Volksgruppen die Sinti und Roma auf der Ablehnungsskala die mit Abstand höchsten Werte zu verzeichnen haben. In den Augen der Mehrheit der Deutschen gelten sie als unzuverlässig, als potentielle Diebe und Faulenzer. Es gibt aber auch Zeichen der Solidarität. Kirchengemeinden und Bürgerrechtsorganisationen haben sich in letzter Zeit mehrfach und erfolgreich gegen die Versuche gewandt, ganze Roma-Familien nach Rumänien oder Jugoslawien in ein ungewisses Schicksal abzuschieben. 5. Die ca 50.000 Sinti, die seit langer Zeit legal in Deutschland leben, haben sich trotz großer Schwierigkeiten mehr oder weniger in unsere Gesellschaft integriert. Sie haben sich - eigentlich erstmals in der Geschichte dieses Volkes - in Kulturorganisationen und Bürgerrechtsbewegungen politisch organisiert, mit dem Ziel, Menschenrechtsverletzungen aufzudecken und darauf aufmerksam machen, wie Angehörige ihres Volkes europaweit im täglichen Leben benachteiligt und unterdrückt werden. Sie vertreten auch rechtlich die Interessen ihres Volkes den staatlichen Behörden gegenüber und fordern seit langem eine Wiedergutmachung des in der Nazizeit an ihnen begangenen Unrechts. RU-Wissen und Meinung Gesellschaft Behinderte Menschen 1. Körperliche Behinderungen haben die unterschiedlichsten Formen und Ursachen. Viele der körperlichen Behinderungen sind angeboren. Dazu gehört die Anfälligkeit für besondere Krankheiten (Diabetes, Bluterkrankheit), aber auch die Schäden, die durch Medikamente während der Schwangerschaft entstehen. So wurden in den 60er Jahren Kinder behindert geboren, deren Mütter das Medikament Contergan eingenommen hatten. - Unfälle (besonders im Straßenverkehr) sind oft die Ursache schwerer und schwerster Behinderungen. (Querschnittslähmungen, Verletzungen des Gehirns usw.). 2. Es gibt viele Möglichkeiten, den Behinderten zu helfen, in der Öffentlichkeit und privat ein möglichst normales Leben zu führen. Zu diesen Maßnahmen gehört, daß behinderte Kinder möglichst früh das Zusammenleben mit nichtbehinderten lernen und auch umgekehrt. So bemüht man sich, behinderte Kinder in Kindergärten und Schulen zu integrieren. Wo die Behinderung so schwer ist, daß der Besuch einer normalen Schule nicht möglich ist, haben die Kommunen spezielle Förderschulen und Behinderten- Werkstätten eingerichtet. Beim Bau von Straßen und Parkplätzen, bei kommunalen Einrichtungen und Behörden nimmt man in steigendem Maße Rücksicht auf die Belange von Behinderten. (Toilettenbau, Bürgersteige) 3. Technische Hilfsgeräte ermöglichen es heute vielen Behinderten, einen Beruf auszuüben und voll am öffentlichen Leben teilzunehmen. Dazu gehört auch der Behindertensport, der besonders durch die Olympischen Spiele für Behinderte (Paralympics), in das Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt ist. Mehr als 3000 Behinderte nahmen an den Paralympics 1992 in Barcelona teil. 4. Im Vergleich mit früheren Zeiten hat sich innerhalb unserer Gesellschaft ein positiver Wandel im Verhalten gegenüber Behinderten vollzogen. Früher galten behinderte Menschen, vor allem wenn ihre Krankheit erbbedingt war, als eine Schande für die Familie. Nicht selten wurden Behinderte durch ihre Familien vor der Öffentlichkeit verborgen und erhielten keinerlei Ausbildung. Die damalige Diskriminierung behinderter Menschen hatte zu tun mit der in Deutschland verbreiteten Rassereinheitsheits-Ideologie. So wurde im Jahr 1935 durch die Nazis das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" beschlossen. Behinderte wurden zu Tausenden sterilisiert, und vermutlich wurden mehr als Hunderttausend von ihnen bei der sog. Aktion T4 in Gaskammern, durch Todesspritzen und Erschießen getötet. 5. Auch heute noch haben Behinderte unter Vorurteilen und Diskriminierung zu leiden, wenn auch weniger offen und brutal. Behinderte legen Wert darauf, daß man sie als normale Menschen behandelt. Sie möchten nicht bevorzugt und nicht bemitleidet oder bedauert werden. Sie erwarten aber mit Recht, daß auf ihre besonderen Belange Rücksicht genommen wird. Die menschliche Gesellschaft trägt eine besondere Verantwortung für behinderte Menschen. Es ist selbstverständlich, daß Behinderte dasselbe Lebensrecht haben wie die Nichtbehinderten. Dennoch muß dies betont werden, da es in letzter Zeit Veröffentlichungen gibt, die das bestreiten. So spricht z.B. der Australier Peter Singer schwerstbehinderten Menschen ihre Menschenwürde und ihr Lebensrecht ab. In der Wochenzeitung DIE ZEIT fand die Diskussion breiten Raum. Behinderten-Selbsthilfegruppen, die die Interessen und Rechte der Behinderten der Öffentlichkeit gegenüber wahrnehmen, reagierten mit öffentlichem Protest und Boykott. 6. Die Akzeptanz von Behinderung scheint heute durch die pränatale (vorgeburtliche) Diagnostik gefährdet zu sein. Es ist heute schon sehr früh feststellbar, wenn der Fötus eine körperliche Krankheit hat. Es besteht die Gefahr, daß in Zukunft auf Eltern gesellschaftlicher Druck durch Familie, Ärzte oder Krankenkassen ausgeübt wird, ein ungeborenes behindertes Kind abtreiben zu lassen. In den USA soll es Krankenkassen geben, die die Bezahlung der Behandlung behindert geborener Kinder ablehnen mit dem Argument, die Eltern hätten das Kind abtreiben lassen können. Durch solche Regelungen und Ansichten fühlen sich Behinderte zu Menschen zweiter Klasse degradiert; sie fühlen sich als Menschen angesehen, die der Gesellschaft lästig sind und die eigentlich kein Lebensrecht haben. RU-Wissen und Meinung Gesellschaft Psychische Erkrankungen 1. Es gibt sehr verschiedenartige psychische Krankheiten, deren Entstehung z.T. erbbedingt, oder auch auf vorgeburtliche oder frühkindliche Fehlentwicklungen zurückzuführen ist: a. Weit verbreitet sind die Angstneurosen und Phobien. Menschen, die an Angstneurosen leiden, werden von übersteigerten Ängsten heimgesucht, die plötzlich und ohne ersichtlichen Anlaß auftreten. Phobien dagegen sind extreme Ängste gegenüber Gegenständen, Personen, Tieren oder auch Situationen. Weit verbreitet sind die Platzangst, Flugangst, Höhenangst u.v.m. Leidet jemand an einer Zwangsneurose, dann sieht er sich gezwungen, bestimmte Handlungen immer wieder zu vollziehen, auch dann, wenn sie völlig unsinnig sind. Die Kleptomanie, das suchthafte Stehlen von Gegenständen, die der "Dieb" meist gar nicht braucht, gehört zu dieser Art Neurose. Wer unter einem Waschzwang leidet, muß sich immer wieder waschen oder muß die Wohnung immer wieder säubern. Menschen mit solchen Neurosen müssen sich zwar gewöhnlich einer psychotherapeutischen Behandlung unterziehen und eventuell auch vorübergehend stationär behandelt werden, können meist aber am normalen Leben teilnehmen. b. Depressionen sind tiefergreifende seelische Störungen. Menschen, die daran leiden, werden aus nicht faßbaren Ursachen von großer Traurigkeit und Niedergeschlagenheit betroffen. Sie ziehen sich in sich selbst zurück, werden von schweren Schuldgefühlen, Selbstzweifeln und quälender innerer Unruhe befallen, sind antriebslos und nehmen am normalen Leben nicht mehr teil. Es gibt wohl keinen Menschen, der nicht irgendwann einmal von solchen depressiven Stimmungen betroffen wird. Eigentlich sind sie normale Erscheinungen. Als psychische Krankheit sind sie aber anzusehen, wenn ein Mensch immer häufiger und intensiver von ihnen befallen wird. Depressive Menschen sind in erhöhtem Maße selbstmordgefährdet. c. Psychosen bilden die schwerste Form psychischer Erkrankung. Man versteht darunter Krankheitsbilder, die auch unter der Bezeichnung "Schizophrenie" zusammengefaßt werden. Sie wirken sich zerstörerisch auf den Menschen und seine Persönlichkeit aus und führen zu schweren Denk-, Gefühls- und Verhaltensstörungen. Unter Schizophrenie leidende Menschen müssen meist in Anstalten untergebracht werden, da sie ohne Aufsicht und ohne intensive psychotherapeutische Behandlung sich selber und andere Menschen gefährden. 2. Für das Zusammenleben mit psychisch Kranken und für das Verhalten ihnen gegenüber muß man folgendes bedenken: a. Daß ein Mensch psychisch krank ist, ist an seinem äußeren Verhalten oft gar nicht zu erkennen. Psychisch Kranke erscheinen in vielen Lebenssituationen völlig unauffällig. Erst dann, wenn bestimmte Umstände sich belastend auswirken, kann die Krankheit zum Ausbruch kommen, sodaß der Kranke (vorübergehend oder auch für immer) den normalen Anforderungen des Lebens nicht mehr gewachsen ist. b. Psychisch Kranke sind meist so normal wie andere auch. Es sind Menschen, die psychische Probleme haben wie jeder Mensch; nur daß sich bei den Kranken diese Probleme komplizierter und verschärfter darstellen und daß sie an ihnen schwerer tragen als andere. Kein Mensch kann sicher sein, daß er von einer psychischen Erkrankung verschont bleibt. So können Neurosen und Depressionen in jedem Menschen latent (verborgen) vorhanden sein und zu jedem Zeitpunkt seines Lebens aufbrechen. c. Ein psychisch kranker Mensch verlangt manchmal seinen Mitmenschen (Familie, Nachbarn) ein erhöhtes Maß von Verständnis und Rücksichtnahme ab. Er bedarf besonderer Zuwendung und Aufmerksamkeit. Das Verhalten seiner Mitmenschen bestimmt häufig, ob er an den Rand der Gesellschaft gerät oder ob er trotz seiner Krankheit seinen Platz in der Gesellschaft findet. Spürt z. B. ein unter einer Neurose leidender Mensch, daß er von anderen wegen seiner Krankheit gemieden oder abgelehnt wird oder daß man gar mit Angst auf ihn reagiert, kann dies zum erneuten Ausbruch seiner Krankheit führen. RU-Wissen und Meinung Gesellschaft Nichtsesshafte, Obdachlose 1. Obdachlosigkeit in Deutschland hat viele Formen und Ursachen. Immer häufiger trifft es in den letzten Jahren ganze Familien, die durch Überschuldung und Arbeitslosigkeit in den sozialen Abstieg geraten sind und eine Wohnung nicht mehr bezahlen können. Sind Kinder mit betroffen, helfen die Sozialämter vorrangig solchen Familien. 2. Das ist bei Einzelpersonen nur selten der Fall. Ihr Weg führt meist in die Nichtseßhaftigkeit. Sie landen "auf der Straße", als "Penner", "Berber", "Landstreicher", "Stadtstreicher" oder "Tippelbrüder". Waren es bis in die achtziger Jahre vor allem Männer zwischen 30 und 50 Jahren, so findet man heute immer mehr Jugendliche und auch Frauen unter den Betroffenen. Ihre Zahl wurde für 1992 auf über 100.000 Menschen geschätzt. 3. Untersuchungen zum Problem zeigen, daß es Nichtseßhaftigkeit als freiwillig gewählte Lebensform praktisch nicht gibt. Sie kann auch nicht auf persönliche "Veranlagung" oder Krankheit zurückgeführt werden. Sie ist, von Aussnahmefällen abgesehen, auch nicht als gesellschaftskritischer Ausstieg oder Protest zu verstehen. Vielmehr sind die Ursachen für Nichtseßhaftigkeit soziale Isolation und Einsamkeit, Sozialhilfebedürftigkeit, seelische oder körperliche Krankheiten. In der Regel sind Nichtseßhafte alleinstehend und haben keine familiären Kontakte. Die Zahl der Obdachlosen und Nichtseßhaften, so kann man statistisch belegen, steigt oder fällt jeweils mit der Zahl der Arbeitslosen. 4. Die Lebensbedingungen der Nichtseßhaften sind hart. Wer keine Wohnung nachweisen kann, darf sich nur für eine begrenzte Zeit in einem Stadtgebiet aufhalten, meist nicht mehr als drei Nächte. Daher kommt es, daß Tausende von Männern und Frauen jahrelang von Ort zu Ort ziehen, manchmal in einem regelmäßigen Rhythmus. Sie sind mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs, bei jedem Wetter, und führen nur das Allernotwendigste mit sich. In jeder Stadt gibt es zwar Unterkünfte für Nichtseßhafte. Meistens ist es jedoch nur ein kleiner Gemeinschaftsraum mit wenigen Betten und den notwendigsten sanitären Anlagen. Diese Räume dienen aber nur zum Übernachten, werden abends erst geöffnet und morgens wieder geschlossen, sodaß sich die Menschen dort tagsüber nicht aufhalten können. Wer keine Bleibe hat, muß sich einen Platz suchen, wo er sich aufhalten und auch schlafen kann. Es sind dann in der Regel Brücken, Unterführungen, öffentliche Bedürfnisanstalten oder Parkanlagen. An den überaus harten Lebensbedingungen liegt es auch, daß viele von ihnen früh erkranken und alkoholkrank werden und, meist schon vor dem 40. Lebensjahr, sterben. Im Winter 1992/93 erfroren 30 obdachlose Menschen in Deutschland, so viele wie nie vorher. 5. Ihren Lebensunterhalt bestreiten Nichtseßhafte durch Betteln auf der Straße oder an Haustüren, (besonders beliebt sind dabei die Pfarrhäuser). Manche Städte geben auch Gutscheine an Nichtseßhafte aus, mit denen sie in Krankenhausküchen Essen erhalten können. Die wenigsten erhalten finanzielle Unterstützung vom Staat, eine Rente oder ähnliches. Ihre Armut wird oft als selbstverschuldet angesehen. Finanzielle Hilfe, die sie beanspruchen könnten, wird oft nicht gewährt oder nur eingeschränkt zur Verfügung gestellt. In der Sozialverwaltung gibt seine Tendenz zur Bestrafung dieser Menschen, indem man ihnen selbst die Leistungen vorenthält, auf die sie einen Anspruch haben. 6. Zahlreiche Einrichtungen der Evangelischen Kirche bemühen sich, das Leben der Nichtseßhaften zu erleichtern, sie in Krankheitsfällen zu betreuen, ihnen Arbeit und ein dauerhaftes Zuhause zu verschaffen. Die Bodelschwinghschen Anstalten unterhalten z.B. 950 Plätze für Betreuungs- und Eingliederungsmaßnahmen nichtseßhafter Menschen. Schon 1886 wurde der "Westfälische Herbergsverband gegründet", heute bekannt als "Evangelisches Perthes-Werk". In 51 Heimen und Einrichtungen stehen insgesamt 3282 Plätze zur Verfügung für ältere, pflegebedürftige oder suchtkranke Nichtseßhafte. RU-Wissen und Meinung Gesellschaft Strafgefangene 1. Der Strafvollzug in der Bundesrepublik ist - vor allem im Blick auf die Verhängung von Freiheitsstrafen - von folgenden Zielsetzungen bestimmt: a. Strafe ist Sühne für die begangene Tat. Sie ist Vergeltung für die Schuld, die der Täter auf sich geladen hat. Strafe soll die Einsicht in die Schuld, soll Reue und Umkehr ermöglichen. b. Strafe dient der Abschreckung. Jeder, der eine Straftat plant, muß wissen, daß ihm Strafe droht. Nach dieser Theorie ist die Wirkung der Abschreckung umso größer, je härter die Strafen ausfallen. c. Strafe dient der Sicherheit der Bevölkerung vor dem Straftäter. Lebenslängliche Sicherungsverwahrung wird bei Tätern angeordnet, bei denen die Wiederholung eines Kapital- oder Triebverbrechens nicht ausgeschlossen werden kann. d. Strafe soll der Resozialisierung dienen. Der Staat will und darf durch das Maß und die Durchführung der Strafe das Leben der Straftäter nicht zerstören. Im Vollzug der Freiheitsstrafe soll der Gefangene fähig werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen. Das Strafziel der Resozialisierung wurde 1976 in das neue Strafvollzugsgesetz aufgenommen und ist den anderen genannten Zielen übergeordnet. 2. Der auf Resozialisierung zielende liberale Strafvollzug in der Bundesrepublik hat die Vorstellung aufkommen lassen, Strafgefangene hätten in ihren Gefängniszellen ein schönes Leben wie im Hotel, mit Fernsehen, gutem Essen, viel Freizeit, Hafturlaub, usw. Dieses Bild entspricht aber ganz und gar nicht der Wirklichkeit: a. Für den Gefangenen bedeutet Gefängnis nach wie vor ein Leben hinter Mauern, Gittern und Stahltüren, mit Alarmanlagen, Zellenkontrollen und Briefzensur. Der Häftling hat keinen Bereich, über den er selbst bestimmen kann, keine Privat-, keine Intimsphäre. Die meisten sind in Gruppenräumen untergebracht und der ständigen Beobachtung durch die anderen ausgesetzt. b. Ein Strafgefangener hat kaum Möglichkeiten, über die Gestaltung seines Tages zu bestimmen; er unterliegt der festen Anstaltsordnung mit wenig persönlichem Spielraum. Gegen geringste Entlohnung ist er zur Arbeit verpflichtet, die meist aus primitiven Tätigkeiten wie Tütenkleben oder Zusammenfügen von Wäscheklammern besteht. Theoretisch haben Strafgefangene das Recht, während der Haft an beruflichen Fortbildungsmaßnahmen teilzunehmen. Dafür fehlt aber meist das Geld, und für eine qualifizierte Ausbildung ist in der Regel die Haftzeit zu kurz. c. Die Möglichkeiten, sinnvolle soziale Kontakte zu knüpfen oder bestehende Bindungen aufrechtzuerhalten, sind beschränkt. Einerseits droht die Gefahr, wegen der eingeschränkten Besuchsmöglichkeiten die Verbindung zur Familie, zum Ehepartner und den Kindern ganz zu verlieren. Zum anderen geraten Strafgefangene nicht selten während ihrer Haft erst recht ins kriminelle Milieu und werden sogar drogenabhängig. Im "Knast" kann sich meist nur der durchsetzen, der im andern Menschen seinen Gegner und Feind sieht, der jedem mit Mißtrauen begegnet und den Kampf aller gegen alle mitmacht. d. Bei Häftlingen, die länger als 10 Jahre einzusitzen haben, kann man in der Regel einen langsamen körperlichen und psychischen Verfall feststellen. Die meisten stumpfen ab, werden ängstlich, kapseln sich ab. Das Gefühl der Schuld für das jahrelang zurückliegende Vergehen schwindet. An seine Stelle treten Haß, innere Leere und Resignation. Mit der Dauer der Haft steigt die Selbstmordneigung. 3. Nach ihrer Entlassung treffen Strafgefangene meist auf große Schwierigkeiten. Finden sie keine Aufnahme in ihrer Familie, dann geraten sie in Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit und landen trotz guter Vorsätze wieder schnell im kriminellen Milieu. Die Rückfallquote bei Haftentlassenen ist deshalb trotz der Resozialisierungsbemühungen während der Haft sehr hoch. RU-Wissen und Meinung Gesellschaft AIDS: Medizinische Aspekte (I) 1. WAS IST AIDS?
AIDS ist die Abkürzung für die englische Bezeichnung "Aquired Immune Deficiency Syndrome", zu deutsch: "Erworbene Immunabwehr-Schwäche". Die körpereigene Abwehr wird bei dieser Krankheit so geschwächt, daß die überall vorhandenen Krankheitskeime, mit denen ein gesunder Mensch sonst fertig wird, zu schweren Erkrankungen und schließlich zum Tode führen können. Verursacht wird AIDS durch ein Virus, für das sich heute weltweit die Bezeichnung HIV ("Human Immunodeficiency Virus") durchgesetzt hat. Ein Virus ist ein winziger, mit dem bloßen Auge nicht erkennbarer Krankheitserreger. Wenn Viren in den Organismus gelangen, befallen sie die Körperzellen, vermehren sich in ihnen und können sie zerstören. Spezielle Zellen im Körper haben nun die Aufgabe, Krankheitserreger zu erkennen und zu vernichten. Durch den HIV-Virus werden gerade diese Zellen befallen und zerstört, sodaß der Körper nun anderen Krankheitserregern hilflos ausgeliefert ist. 2. WIE WIRD MAN MIT AIDS INFIZIERT?
Um eine Ansteckung zu bewirken, muß das AIDS-Virus (HIV) in die Blutbahn eines Menschen gelangen. Über kleinste Verletzungen von Haut und Schleimhäuten kann es übertragen werden. Da das Virus vor allem im Blut und in der Samenflüssigkeit vorkommt, ist der ungeschützte Geschlechtsverkehr und andere intime sexuelle Kontakte der häufigste Ansteckungsweg. Auch Rauschgiftsüchtige, die sich die Drogen in die Venen spritzen, können sich durch Übertragung von Blutresten beim gemeinsamen Benutzen von Spritzen infizieren. Nicht gänzlich auszuschließen ist eine AIDS-Ansteckung auch durch Blutübertragung, trotz größter Sorgfalt bei der Prüfung von Blutspenden.
Außer in diesen genannten Fällen ist eine Ansteckung mit dem AIDS-Virus praktisch nicht möglich. Das bedeutet, daß, auch wenn man mit einem/r HIV-Infizierten eng zusammenlebt, die Ansteckung durch gemeinsames Benutzen von Geschirr und Eßbesteck, von Bad, Duschen oder Toiletten, durch Anhusten und Anniesen, durch Umarmungen, Streicheln und andere Zärtlichkeiten ausgeschlossen ist. Eine Übertragung von HIV bei Unfällen und Verletzungen beim Sport, in der Schule, im Kindergarten oder bei der Arbeit im Betrieb ist bisher nicht nachgewiesen worden. 3. WAS IST FÜR FRAUEN IM ZUSAMMENHANG MIT AIDS WICHTIG?
Auch wenn in der Bundesrepublik Deutschland vorwiegend Männer erkrankt sind, sind auch Frauen grundsätzlich genauso gefährdet. Im Falle einer Schwangerschaft wird das Abwehrsystem der Mutter zusätzlich belastet. Deshalb schon kann eine Schwangerschaft bei HIV-infizierten Frauen problematisch sein. Die Gefahr, daß eine infizierte Mutter ihr Kind ansteckt, ist äußerst groß. Die Übertragung des Virus auf das Kind kann während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder auch beim Stillen geschehen. Jede schwangere Frau, die sich mit HIV infiziert haben könnte, sollte sich beraten lassen und einen Test vornehmen. 4. WIE KANN MAN SICH VOR EINER ANSTECKUNG SCHÜTZEN?
Der sicherste Schutz ist, sexuelle Kontakte mit unbekannten Partnern ganz zu vermeiden. Wer das nicht will oder kann, sollte sich und seine/n Partner/in schützen. Das heißt, daß die Partner darauf achten müssen, daß keine Blut- oder Samenflüssigkeit in den Körper des anderen gelangen kann. Wer AIDS- gefährdet ist, sollte keinen ungeschützten Sexualverkehr (d.h. ohne Kondom) haben. RU-Wissen und Meinung Gesellschaft AIDS: Medizinische Aspekte (II) 1. WOZU DIENT DER AIDS-TEST?
Nach einer Infizierung mit dem AIDS-Virus (HIV) bilden sich im Blut sog. Antikörper gegen den Virus. Durch einen Test kann der Arzt nun feststellen, ob jemand diese Antikörper im Blut hat. Fällt dieser Test positiv aus, bedeutet das noch nicht, daß der Betreffende auch an AIDS erkrankt ist!! Er trägt aber das Virus in sich und kann andere anstecken!!
Meist ist ein doppelter Test mit unterschiedlichen Methoden nötig, um Fehler auszuschließen. Ein zweiter Test wird allerdings meist nur dann vorgenommen, wenn der erste einen positiven Befund ergab.
Wichtig: Eine Infizierung mit HIV kann erst frühestens 2 Monate nach der Ansteckung nachgewiesen werden, wenn sich die Antikörper im Blut gebildet haben. Der AIDS-Test kann also negativ ausfallen, obwohl der Betreffende bereits infiziert ist.
Niemand in Deutschland kann zum AIDS-Test gezwungen werden. Möglich ist aber eine anonyme Durchführung des Tests. Jeder Mann und jede Frau, die Grund hat zu befürchten, sich mit HIV angesteckt zu haben, sollte sich einem Test unterziehen. 2. WIE VERLÄUFT DIE KRANKHEIT? a. Eine Infektion mit HIV kann vorliegen, ohne daß es zunächst zu Anzeichen einer Krankheit kommt. Der Infizierte merkt also nicht, daß er sich angesteckt hat. Trotzdem kann er in dieser Zeit selbst schon andere Menschen wieder mit dem AIDS-Virus infizieren. b. Nach Ablauf der Inkubationszeit, die 2 Monate bis 6 Jahre beträgt, kann der Arzt -und nur er(!)- den Ausbruch der Krankheit feststellen. Besonderer Verdacht auf Ausbruch der Krankheit besteht dann, wenn über einen längeren Zeitraum (4 bis 6 Wochen lang) folgende Krankheitszeichen zu bemerken sind: Leistungsabfall und starke Ermüdungserscheinungen; stärkerer Gewichtsverlust; wiederkehrende Fieberschübe ohne erkennbare Ursache; hartnäckiger, trockener Husten, der nicht auf Rauchen o. ä. zurückzuführen ist; weißer Belag und Entzündungen in der Mundhöhle, auf der Zunge und im Rachen; wässrige Durchfälle, Darmkrämpfe, manchmal im Wechsel mit Verstopfungen. (Wichtig: Nicht jeder Mensch, der an sich eine oder mehrere dieser Erkrankungen bemerkt, muß an AIDS erkrankt sein!) c. Im letzten Stadium entwickelt sich das Vollbild der AIDS-Krankheit. Es ist gekennzeichnet durch Schwächeanfälle, Lungenentzündung, Bildung von Tumoren und durch das sog. Karposi-Syndrom, das sind Verfärbungen und Wucherungen auf der Haut, an den Schleimhäuten von Augen und Mund und an den inneren Organen. Auch das Gehirn und die Nervenzellen werden geschädigt. d. Es gibt bisher kein Medikament, das AIDS-Erkrankte heilt. Es ist aber möglich, den Krankheitsverlauf zu beeinflussen und zu verhindern, daß der/die AIDS-Erkrankte sich mit einer anderen Krankheit infiziert. Eine Schutzimpfung gegen AIDS wird auch auf lange Sicht nicht möglich sein. 3. WAS MUSS MAN BEI EINER ANSTECKUNG TUN?
Wer weiß, daß er sich mit HIV infiziert hat, sollte in jedem Fall seine Partnerin oder seinen Partner informieren. Bei sexuellen Kontakten ist ein Schutz durch Kondome unbedingt erforderlich. Wer leichtfertig mit seiner Krankheit umgeht und wissentlich andere ansteckt, macht sich der Körperverletzung schuldig. Wer sich mit HIV infiziert hat, darf weder Blut noch Organe spenden.
Persönliche Hilfe, Beratung und weitere Informationen bekommt man bei AIDS-Beratungsstellen, Sozialstationen und bei der telefonischen AIDS-Beratung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Tel.: 0221/89 20 31) RU-Wissen und Meinung Gesellschaft AIDS: Soziale, Psychologische und Ethische Aspekte 1. Die Immunschwäche-Krankheit AIDS hat sich in den letzten zehn Jahren über die ganze Welt ausgebreitet. Bis jetzt ist nicht bekannt, woher sie stammt. Feststeht, daß die ersten HIV-Infektionen in den Vereinigten Staaten entdeckt wurden. Besonders betroffen sind in der letzten Zeit die Länder Ostafrikas, wo man befürchtet, daß sich fast 50 % der Erwachsenen mit dem HIV angesteckt haben. Zehntausende von Kindern haben ihre Eltern schon verloren. 2. Zunächst hielt man AIDS für eine typische Homosexuellenkrankheit. Inzwischen hat AIDS alle Bevölkerungsschichten erreicht, Frauen wie Männer, Heterosexuelle wie Homosexuelle. Hinsichtlich des Risikos, sich anzustecken, gibt es jedoch Unterschiede. Nach wie vor besteht ein erhöhtes Anstekkungsrisiko bei Homosexuellen und Bisexuellen, bei Fixern und weiblichen wie männlichen Prostituierten. 3. Uneinigkeit besteht darüber, wie man AIDS bekämpfen kann bzw. muß, solange es noch kein Medikament gibt. Manche vertreten ein hartes Vorgehen gegenüber den Betroffenen. Es wurde eine Meldepflicht für AIDS-Infizierte und sogar deren Isolierung von der übrigen Bevölkerung gefordert. Inzwischen weiß man, daß derartige Maßnahmen zu nichts führen würden. Das geeigneteste Mittel gegen AIDS ist die offene Diskussion und Aufklärung über Übertragungsrisiken und Schutzmaßnahmen. Jedem Erwachsenen und Jugendlichen sollte klar sein, daß ungeschützter sexueller Verkehr mit Unbekannten ein hohes Ansteckungsrisiko in sich trägt. Das sicherste Mittel gegen eine Ansteckung bleibt aber die beiderseitige Treue der Partner. 4. Die AIDS-Diskussion hat es mit sich gebracht, daß in unserer Gesellschaft wesentlich offener und sachlicher über sexuelle Probleme gesprochen wird als früher. Das bezieht sich auch auf Probleme homosexuell empfindender und lebender Menschen unter uns, deren Zahl immerhin bei 3 bis 5% liegt. Seit Beginn der AIDS-Diskussion ist innerhalb unserer Gesellschaft ein verändertes Sexualverhalten zu bemerken. Prostitution und häufiger, wahlloser Partnerwechsel haben offensichtlich abgenommen. 5. Neben der Aufklärung über Risiken, Art und Verlauf der Krankheit ist die Betreuung und Beratung von Erkrankten und deren Angehörigen eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Von staatlich und kirchlich unterstützten Beratungsstellen und von freien Selbsthilfegruppen wird den Erkrankten Begleitung und Hilfe angeboten. 6. AIDS-Kranke haben in besonderer Weise Verständnis und Begleitung nötig, vor allem weil ihre Krankheit in kurzer Frist unweigerlich zum Tode führt. Man kann aber immer wieder hören, daß Menschen mit Angst, Hysterie, Ablehnung und sogar mit beleidigendem und unfairem Verhalten gegenüber AIDS-Kranken oder Infizierten reagieren. AIDS-Kranke haben mit Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, in der Schule und auch in der Familie zu kämpfen. Sie werden von Arbeitskollegen gemieden, von Familienangehörigen (Eltern) verstoßen oder von der Hausgemeinschaft aus dem Haus "geekelt". Es ist vorgekommen, daß Eltern von Schul- oder Kindergartenkindern darauf hingewirkt haben, daß HIV-infizierte Kinder die Schule oder den Kindergarten verlassen mußten. 7. Meist beruht solches Verhalten in der Umgebung des AIDS-Kranken auf falscher oder ungenügender Information. Noch immer ist vielen Menschen nicht bekannt, daß nur äußerst wenige Alltagssituationen eine Übertragung des HIV überhaupt ermöglichen. Nachbarn, Freunde und Bekannte ziehen sich also oft aus unbegründeter Furcht vor Ansteckung von dem AIDS-Kranken zurück. Die Folge ist, daß er zusätzlich zu seiner schweren Krankheit unter der Ablehnung und Isolation zu leiden hat. Besonders leidvolle Erfahrungen müssen die AIDS-Kranken machen, bei denen mit Ausbruch der Krankheit auch ihre homosexuelle Veranlagung bekannt wird. 8. Abzulehnen ist die von seiten bestimmter kirchlicher Kreise geäußerte Meinung, AIDS sei eine Strafe Gottes für Unmoral und unzüchtiges Verhalten, für die Homosexualität oder Drogensucht der AIDS- Erkrankten. RU-Wissen und Meinung Glaube und Wissenschaft Weltbilder 1. Im Laufe der Geschichte der Menschheit haben sich in verschiedenen Kulturen und auf verschiedenen Kulturstufen unterschiedliche "Weltbilder" entwickelt. Unter einem "Weltbild" versteht man die Gesamtheit der in einer bestimmten Zeit vorhandenen Erkenntnisse und Anschauungen von Natur, Erde und Kosmos. Einem "Weltbild" entspricht immer ein bestimmtes "Menschenbild", das sind die jeweils vorherrschenden Ansichten und Erkenntnisse über das Verhältnis des Menschen zur Natur, über sein Wesen und seine Bedeutung überhaupt. Weltbilder und Menschenbilder hingen und hängen wesentlich mit den religiösen Vorstellungen der Menschen zusammen und mit ihren Möglichkeiten, die Natur zu verstehen und zu beherrschen. 2. Das Weltbild der Naturvölker ist dadurch bestimmt, daß es sich auf den eng begrenzten Lebensraum dieser Menschen bezieht. Von der Größe der Erde oder gar des Kosmos ist ihnen nichts bekannt. Die Menschen fühlen sich in totaler Abhängigkeit von den Naturkräften, von Dämonen und Geistern, die ihr alltägliches Leben bestimmen. 3. Das Weltbild der Babylonier. Dieses Weltbild entstand ca. 4-5000 Jahre vor Christus im Vorderen Orient und bestimmte Jahrtausende lang das Denken der Menschen in diesem Kulturkreis. Reste davon haben sich bis in die heutige moderne Zeit in magischen und astrologischen Vorstellungen erhalten. Im babylonischen Weltbild schlagen sich Wissen und Erkenntnisse über Erde und Kosmos nieder, die die Menschen durch genaues Beobachten der Vorgänge in der Natur und am Himmel inzwischen gewonnen hatten. Welt und Kosmos sind für die Babylonier eine festgefügte, unveränderliche Ordnung, in die auch der Mensch fest eingegliedert ist. Der Kosmos ist Sitz der Götter, die mit den Gestirnen identisch sind. Das alte Babylonische Weltbild beruhte allerdings auf vielen Beobachtungsfehlern und Fehldeutungen. Dazu gehört z.B. auch die Vorstellung, daß die Erde eine Scheibe ist. 4. Das Weltbild der Griechen. Es stellte eine Verbesserung und Weiterentwicklung des Babylonischen Weltbildes dar. Man hatte inzwischen herausgefunden, daß die Erde die Gestalt einer Kugel hat, eine Erkenntnis, die dann später wieder verloren ging. Man betrachtete die Erde als den Mittelpunkt eines harmonischen und begrenzten Weltsystems, in dem alles in ewiger Wiederkehr geschieht. Dem Menschen wird eine besondere, über Pflanzen und Tiere erhobene Stellung zugewiesen. Sein Schicksal ist nicht mehr nur abhängig von Natur und Kosmos, sondern von seinem eigenen Willen. 5. Das Weltbild des christlichen Mittelalters ist a. theistisch: Gott ist Schöpfer der ganzen Welt. Alles, was ist, existiert durch ihn und auf ihn hin. Gott, den man sich personhaft vorstellt, hat eine festgefügte, ewige, unveränderliche Ordnung geschaffen, die für immer gilt. Die Geschichte der Menschheit wird durch Gott gelenkt und wird mit dem Weltgericht enden. In der Bibel und in den Lehren der Kirche hat Gott sich den Menschen zu erkennen gegeben und seine Ordnungen offenbart.Gott hat der Natur ihre Gesetze gegeben; Gott selbst kann sie auch durchbrechen. b. geozentrisch: Die Erde ist eine Scheibe. Sie ist der Mittelpunkt des ganzen Kosmos; Sonne Mond und alle Sterne bewegen sich um sie herum. c. anthropozentrisch: Der Mensch ist das höchste und wichtigste Wesen im Kosmos, da Gott mit ihm in direkter Beziehung steht. Die Natur ist für den Menschen geschaffen. 6. Mit Beginn der Neuzeit (etwa ab 1400) beginnt das mittelalterliche christliche Weltbild allmählich zu zerbrechen. Die Erforschung der Erde durch die Seefahrer, das Kennenlernen anderer Völker, Kulturen und Religionen erweitern den geistigen und weltanschaulichen Horizont der Europäer. Fortschritte in der Erforschung des Kosmos (Kopernikus, Galilei), in der Biologie (Darwin), der Medizin, und in der Psychologie (Freud) sind Ergebnisse dieser Horizonterweiterung und der Veränderung des europäischen Welt- und Menschenbildes. RU-Wissen und Meinung Glaube und Wissenschaft Der Fall Gallilei 1. Galileo Galilei wird am 15. 2. 1564 in Pisa (Italien) geboren. Nach dem Studium der Naturwissenschaften erhält er im Jahr 1592 eine Professur für Mathematik an der Universität Padua. Schon während seines Studiums wird Galilei durch Veröffentlichungen über die Gesetze der Pendelbewegungen und die Erfindung einer Waage für das spezifische Gewicht der Körper bekannt. 2. In Padua beginnt Galilei sich auch für Kosmologie zu interessieren, besonders für die revolutionierenden Entdeckungen der Astronomen Kopernikus und Kepler, die feststellen, daß im Mittelpunkt unseres Systems nicht die Erde, sondern die Sonne steht und daß sich die Erde und die anderen Planeten um sie herum drehen. Galilei ist bald von der Richtigkeit der Entdeckungen und Berechnungen seiner Kollegen überzeugt. Wie eine Sensation wirkt in Europa dann die Entwicklung des ersten Fernrohrs durch Galilei im Jahr 1609. Er entdeckt die vier Monde des Jupiter, die Sonnenflecken und die Ringe des Planeten Saturn und -was noch wichtiger ist- er bestätigt die Berechnungen von Kopernikus und Kepler durch seine Beobachtungen mit dem Teleskop. 3. Obwohl Galilei bald in Italien und ganz Europa ein berühmter Mann ist und mit vielen Ehren überhäuft wird, bekommt er Schwierigkeiten, als er 1615 während eines Aufenthaltes in Rom von einem Dominikanerpater wegen Ketzerei (Verbreitung falscher Lehren) denunziert wird. Er wird aufgefordert, sich dem sogenannten "Heiligen Offizium", der Inquisitionsbehörde der römisch-katholischen Kirche zu stellen. Geleitet wird diese Behörde von Kardinal Bellarmin, der wesentlich am Prozeß, der Verurteilung und Verbrennung von Giordano Bruno, einem italienischen Wissenschaftler, beteiligt war. Galilei kann seine Thesen vorstellen und erläutern und findet bei der Inquisitionsbehörde zunächst keinen Widerspruch, da die Richtigkeit seiner Forschungsergebnisse offen zu Tage liegt. 15 Jahre lang kann Galilei fast unbehelligt seinen Forschungen nachgehen und an der Universität lehren, bis er im Jahre 1632 erneut vor das Inqusitionsgericht nach Rom geladen wird. 4. Der Kirche ist inzwischen die "Gefährlichkeit" der Forschungen von Galilei, Kopernikus und Kepler klargeworden. Dabei geht es einmal um das neue heliozentrische Weltbild, das den Grundlagen der Bibel und der kirchlichen Lehre zu widersprechen scheint. Vor allem aber kann sich die Kirche nicht einverstanden erklären mit den Methoden der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung, durch die die Forscher zu ihren Ergebnissen gelangt waren. Ihre Erkenntnisse hatten sie durch Beobachtungen, Berechnungen und Messungen der Naturvorgänge erhalten. Diese Methoden sind neu und entsprechen nicht der Tradition. Die Kirche besteht aber darauf, daß der Forscher wie bisher die Erkenntnisse der Wahrheit (auch in der Natur) nur durch das Studium der Bibel und der Kirchenlehren erlangen könne und die Wissenschaft sich weiterhin der Theologie und der Kirche unterzuordnen habe. Da Kopernikus und Kepler in den nördlichen, protestantischen Ländern Europas leben, hat die römische Inquisition keinen Zugriff auf sie. Galilei aber wird in Rom trotz einer gefährlichen Erkrankung zunächst verhaftet, später wieder freigelassen und dann erneut angeklagt und festgenommen. Unter Androhung der Folter wird Galilei aufgefordert, seine Lehren zu widerrufen und sich der Kirche zu unterwerfen. Als schwerkranker Mann beugt sich Galilei dem Diktat der Kirche. Er wird freigelassen, unterliegt aber der ständigen Beobachtung durch die Inquisition und darf sich nicht frei im Lande bewegen. Galilei stirbt 1642.
"Und sie bewegt sich doch", sollen einer Legende nach seine letzten Worte auf dem Sterbebett gewesen sein. RU-Wissen und Meinung Glaube und Wissenschaft Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube (I) 1. Zwischen Naturwissenschaft und christlichem Glauben bestand in der Zeit des Mittelalters kein Gegensatz. Was in der Bibel stand und was die Kirche lehrte, galt als göttliche Offenbarung und wurde deshalb auch in naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Dingen als absolut unfehlbar angesehen. Die Kirche (vor allem die katholische) nahm für sich in Anspruch, nicht nur in Glaubensfragen, sondern auch auf wissenschaftlichem Gebiet oberste Autorität zu sein. 2. Die ersten tiefgreifenden Spannungen zwischen naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen und den Glaubensgrundlagen der Kirche begannen im 17. Jahrhundert mit der Entdeckung des Astronomen Nikolaus Kopernikus, der herausfand, daß sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, wie man bis dahin glaubte. Der Streit fand seinen Höhepunkt in dem Prozeß, den die Kirche gegen Galilei in Rom anstrengte und in dem sich Galilei den Drohungen der Kirche beugen mußte. 3. Mit dem beginnenden Zeitalter der "Aufklärung" (etwa ab 1700) gerieten die biblischen Aussagen dann mehr und mehr ins Kreuzfeuer einer rationalistischen (verstandesmäßigen) Kritik. Die Naturwissenschaften erlebten einen ungeheuren Aufschwung und begannen, sich aus der Bevormundung durch die kirchlichen Autoritäten zu lösen. 4. Vielen Naturforschern zu Beginn des 19. Jahrhundert war bereits klar, daß die Darstellungen der biblischen Schöpfungsberichte über die Entstehung des Kosmos, der Erde und des Lebens nicht mit den Ergebnisen der Forschung in Übereinstimmung zu bringen waren. Die traditionelle Ansicht, daß die Welt im Jahr 4004 vor Christus von Gott erschaffen war, geriet ins Wanken. Der englische Bishof Ussher hatte aus verstreuten zeitlichen Angaben in der Bibel dieses Datum errechnet. 5. Eine emotionsgeladene und verbittert geführte Auseinandersetzung entstand im Zusammenhang mit Charles Darwins sogenannter "Evolutionstheorie". Er hatte sie im Jahre 1859 in seinem Buch "Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl ... " veröffentlicht. Darwin, im Jahr 1809 in England geboren, hatte Medizin und Theologie studiert und sich auch intensiv mit Botanik und Geologie befaßt. In den Jahren 1831-1836 unternahm Darwin eine Forschungsreise, die ihn nach Brasilien, Chile, Peru und bis nach Australien brachte. Vielfältiges Beobachtungsmaterial, das er auf dieser Reise zusammentragen konnte, führte ihn zu der Theorie, daß sich alles pflanzliche und tierische Leben im Laufe der langen Erdgeschichte aus einem gemeinsamen Stammbaum entwickelt haben mußte. Weil die Erde nicht ausreiche, so sagte Darwin, um alle Lebewesen zu ernähren, finde im Pflanzen- und Tierreich ein ständiger Kampf ums Dasein statt. In diesem Kampf besäßen die Lebenstüchtigeren die besseren Überlebenschancen. Der Kampf ums Dasein führe also zu einem unaufhörlichen Ausleseprozeß (Selektion), der eine ständige Höherentwicklung der Lebewesen zur Folge habe. 6. Auch der Mensch, so schrieb Darwin, entstamme dieser Evolution allen Lebens und habe sich aus einer urzeitlichen, heute ausgestorbenen Affenart entwickelt. Ein langjähriger Sturm der Entrüstung, vor allem aus kirchlichen Kreisen, war die Folge. Man behauptete, der Mensch würde seiner besonderen Stellung im Kosmos und damit seiner Würde beraubt. Darwin und die Evolutionisten wurden verhöhnt und beschimpft und besonders in Großbritannien erbittert bekämpft. Das geschah auch deshalb, weil Darwin es wagte, die biblischen Aussagen über die Entstehung der Erde und des Lebens in Zweifel zu ziehen. Dabei war Darwin alles andere als ein Atheist. Er war ein religiös tief empfindender und denkender Mensch. Vom Christentum distanzierte er sich allerdings im Laufe seines Lebens immer mehr, wohl als Reaktion auf das engstirnige und unfaire Verhalten der Kirche im Blick auf seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen. RU-Wissen und Meinung Glaube und Wissenschaft Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube (II) 1. Nachdem Darwins Theorien über das Alter der Welt, über die Entwicklung und die Zusammengehörigkeit allen Lebens zunächst auf Ablehnung gestoßen waren, wurden sie innerhalb weniger Jahre durch eine Fülle von Forschungsergebnissen in den entscheidenden Punkten bestätigt. Eine besondere Bedeutung spielten dabei die Fossilien. Schon lange waren sie den Wissenschaftlern als Reste lang verstorbener und zum Teil nicht mehr existierender Lebewesen bekannt. Man konnte sie aber bis dahin nicht recht in die Naturgeschichte einordnen und schenkte ihnen wenig Aufmerksamkeit. Nach Darwins Veröffentlichungen begann in der ganzen Welt plötzlich eine intensive Suche nach diesen Fossilien durch Archäologen, Paläontologen und Anthropologen. Aus einem Zeitraum von Millionen von Jahren wurden Skeletteile, vor allem Zähne und Schädelknochen gefunden, welche keineswegs lückenlos, aber doch deutlich und überzeugend die Entwicklung vom Tier zum Menschen zurückverfolgen lassen. Es stellte sich auch heraus, daß es eine Fülle von menschenähnlichen Wesen gegeben haben mußte, die aber nicht als Vorgänger des heute lebenden Menschen anzusehen sind. Zu ihnen gehört auch der berühmte "Neandertaler", der vor 50.000 bis 100.000 Jahren lebte und von dem man inzwischen über 130 "Exemplare" fand. (Übrigens gehören alle heute lebenden Menschen ausnahmslos ein und derselben Menschenart, dem sogenannten homo sapiens sapiens, an). 2. Wenn auch Darwin nicht in allen Punkten recht hatte und seine Theorie inzwischen korrigiert, ausgeweitet und differenziert werden mußte, so zweifelt doch heute praktisch kein Wissenschaftler mehr an ihrer grundsätzlichen Richtigkeit. Zu viele Indizien mit schwerwiegender Überzeugungskraft sprechen dafür, obwohl die Wissenschaft noch längst nicht alle Einzelheiten und Widersprüche innerhalb der Evolutionstheorie geklärt hat, vielleicht auch niemals klären wird. Umstritten ist dabei im besonderen die Theorie, daß aus Mutationen, das sind kleine Veränderungen in den Erbanlagen einer Tierart, neue Tierarten entstanden sein sollen. Auch die Annahme, daß sich alles Leben durch Selektion höherentwickelt habe, ist unter Wissenschaftlern keineswegs unumstritten. 3. Auf dem augenblicklichen Stand kann die Evolutionstheorie vor allem nicht die ungeheure Vielfalt allen Lebens auf der Erde erklären. Auch enthält die Entwicklungsgeschichte von Pflanzen, Tieren und Menschen zuviel Sinn, Planmäßigkeit und Zielstrebigkeit, als daß man alle Entwicklung nur mit dem Zufall begründen könnte, wie es z.Zt. die Evolutionstheoretiker noch tun müssen. 4. Gerade auch wegen der vielen offenen Fragen lehnen einige Naturforscher die Evolutionstheorie ab. Sie vertreten den Kreationismus, den Glauben daran, daß Kosmos, Erde und alles Leben so geschaffen wurden, wie es die Bibel beschreibt: nämlich vor wenigen Tausend Jahren, innerhalb sehr kurzer Zeit, in der ganzen Vielfältigkeit, aber fix und fertig. Eine Entwicklungsgeschichte von Kosmos, Erde und Leben gibt es nicht. Tatsachen, die das Gegenteil zu beweisen scheinen, beruhen auf Täuschungen oder auf Fehlinterpretationen durch die Forscher. Diese "Kreationisten" fühlen sich meist einem fundamentalistischen Glaubens- und Bibelverständnis verpflichtet und sind nicht bereit, Forschungsergebnisse als richtig zu akzeptieren, die den biblischen Aussagen oder Glaubenslehren widersprechen. Von den (allerdings nur wenigen und meist in Amerika beheimateten) Vertretern des Kreationismus wird in den letzten Jahren Material gesammelt, mit dem gegen die Evolutionstheorie bewiesen werden soll, daß die Welt so erschaffen wurde wie es Gott in den Schöpfungsberichten der Bibel geoffenbart hat. 5. Von den Theologen beider großer Konfessionen ist die grundsätzliche Richtigkeit der Evolutiontheorie inzwischen anerkannt, nachdem es bis weit in dieses Jahrhundert hinein noch Widerstände von Seiten der Kirchen gegeben hat. Es bleibt dann aber die Frage zu klären, welche Bedeutung die Aussagen der biblischen Berichte über die Schöpfung noch haben, ob und wie sie sich mit den Erkenntnissen der Evolutionstheorie verbinden lassen. RU-Wissen und Meinung Glaube und Wissenschaft Extracorporale Befruchtung (ECB) (Zeugung im Reagenzglas) 1. Die moderne Biotechnologie hat sich wesentlich im Bereich der Landwirtschaft entwickelt und damit eine Verbesserung der Ernährungsgrundlage des Menschen geschaffen. Die dort gewonnenen Einsichten und technischen Möglichkeiten wurden dann auf den Menschen übertragen. Die gegenwärtige Diskussion gilt vor allem der Reproduktionstechnologie, d.h. der künstlichen Herbeiführung einer Schwangerschaft. Eine Fülle medizinischer, psychologischer, rechtlicher und vor allem ethischer Fragen wird damit aufgeworfen. 2. Kommt eine Befruchtung auf natürlichem Wege nicht zustande, so besteht medizinisch-technisch die Möglichkeit, eine Eizelle operativ zu entnehmen, sie in einem Gefäß mit einer Samenzelle verschmelzen zu lassen (In-vitro-Fertilisation) und den sich entwickelnden Embryo in die Gebärmutter einzupflanzen. 3. Bevor eine ECB als Maßnahme in Erwägung gezogen wird, müssen zuvor alle anderen Möglichkeiten, den Kinderwunsch eines Ehepaares zu erfüllen, geklärt worden sein. Die Eheleute sollten auch die Möglichkeit einer Adoption oder des Verzichtes auf Kinder in Betracht ziehen. Geprüft werden sollten auch die Motive der Eltern. 4. Bei einer ECB ist zu bedenken, daß sie ein emotionslos-technischer Vorgang ist und der Zusammenhang der Entstehung menschlichen Lebens mit der leibseelischen Ganzheit des Zeugungsvorganges verlorengeht. 5. Ein besonderes Problem ist die Behandlung der überzähligen Embryonen. Zum Schutz und zur Schonung der Frau werden ihr bei einem Eingriff mehrere Eizellen entnommen, die zwar alle befruchtet werden, dann aber nur zum Teil der Mutter eingepflanzt werden. Wer den Beginn des menschlichen Lebens schon mit dem Zeitpunkt der Befruchtung gegeben sieht, wird die Tötung der überzähligen Embryonen als ethisch problematisch ansehen. Es gibt Ärzte, die daher in Übereinkunft mit den Eltern alle befruchteten Eizellen implantieren und eine Mehrlingsgeburt in Kauf nehmen. 6. Es besteht auch die Möglichkeit, die befruchteten Embryonen einzufrieren, um sie später der Mutter oder auch einer anderen Frau einzupflanzen. Theoretisch kann dies Jahrzehnte später geschehen, natürlich auch dann, wenn die genetischen Eltern längst gestorben sind. 7. Für den Wissenschaftler bieten sich überzählige Embryonen als ideales Forschungsmaterial an. Technisch möglich ist bereits das "Klonen". D.h., die vier, acht oder sechzehn völlig identischen Teile einer Blastozyte werden getrennt und da jeder für sich lebens- und entwicklunsfähig ist, verschiedenen Müttern eingepflanzt. Es entwickeln sich daraus vier, bzw. acht oder sechzehn völlig identische Lebewesen. In der Tierproduktion wird diese Technik seit längerem eingesetzt. Von Klonversuchen im Humanbereich wurde bisher nichts bekannt.
Wissenschaftlich-medizinische Untersuchungen und Experimente an menschlilichen Embryonen sind in der Bundesrepublik gesetzlich verboten. RU-Wissen und Meinung Glaube und Wissenschaft Künstliche Befruchtung und Ersatzmutterschaft ("Leihmütter") A. KÜNSTLICHE BEFRUCHTUNG 1. Kinderlosigkeit kann durch die Zeugungsunfähigkeit des Mannes oder Sterilität der Frau bedingt sein. Ethisch unterschiedlich zu bewerten ist es, ob zu einer Befruchtung die Samen- und Eizellen von Ehepartnern (homologe Insemination) oder ehefremder Personen (heterologe Insemination) verwendet werden. Ethische Bedenken gegen eine homologe Insemination bestehen nicht, solange sie von beiden Partnern gewünscht wird. 2. Wenn wegen Zeugungsunfähigkeit des Mannes seine Frau von ihm kein Kind empfangen kann, wird gelegentlich die Übertragung fremden Samens auf die Frau gewünscht. Dagegen können generelle ethische Bedenken erhoben werden: a. Selbst wenn im Zeitpunkt, da Mann und Frau solche Maßnahme wünschen, Übereinstimmung zwischen ihnen besteht, kann danach das Verhältnis der Partner gestört und ein so empfangenes Kind besonderen Belastungen ausgesetzt sein. Auch juristische und erbbiologische Probleme sind noch ungeklärt. b. Die genetische Abstammung ist ein Bestandteil der persönlichen Identität. Deshalb besteht bei heterologer Insemination ein Unterschied, ob der Spender anonym bleibt oder bekannt ist. Eltern schulden ihrem Kind Aufklärung über seine genetische Herkunft. Dies kann sogar aus medizinischen Gründen lebenswichtig werden. Eine schicksalshaft bedingte Unkenntnis über die Herkunft ist mit einer bewußt herbeigeführten ethisch nicht gleichzusetzen. c. Es gibt alleinstehende Frauen, die sich ein eigenes Kind wünschen, ohne aber an den Vater dieses Kindes gebunden zu sein oder ihn überhaupt kennen zu wollen. Durch eine heterologe Insemination, bei der der Samenspender (Vater) unbekannt bleibt, kann dieser Kinderwunsch erfüllt werden. Dabei ist zu fragen, ob einem Menschen bewußt die Identität seines Vaters vorenthalten werden darf (s.o. unter 5) und ob es pädagogisch zu verantworten ist, ein Kind ohne Vater aufwachsen zu lassen, ohne daß eine Notsituation vorliegt. d. Der Samenspender ("Vater") muß sich fragen lassen, ob eine bewußt herbeigeführte Vaterschaft nicht auch Verantwortung für das Kind beinhaltet und der Verzicht auf die Verantwortung gegenüber seinem Kind ethisch vertretbar ist. B. ERSATZMUTTERSCHAFT 1. Neue medizinische Techniken machen es möglich, einen Embryo nicht von der Frau austragen zu lassen, von der das Ei stammt. Ist eine Frau nicht zur Schwangerschaft fähig oder willig, so kann nach der extracorporalen Befruchtung der Embryo in die Gebärmutter einer anderen Frau eingepflanzt werden. 2. Das ist ethisch nicht unbedenklich. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind während der Schwangerschaft übt einen wichtigen Einfluß auf die werdende Persönlichkeit des heranwachsenden Kindes aus. Deshalb sollte dieser Einfluß möglichst positiv gestaltet sein. Auch für die Annahme des Kindes durch die Eltern spielt das Erlebnis der Schwangerschaft eine Rolle. Dies gilt besonders, wenn ein behindertes Kind zur Welt kommt. Bei der Ersatzmutterschaft entsteht in einem solchen Fall ein besonders schwerwiegendes Problem, wenn die genetischen Eltern die Annahme des behinderten Kindes von der Leihmutter verweigern, wie bereits in einigen Fällen geschehen. -Nach unserer Rechtsordnung ist die gebärende Mutter die leibliche Mutter. 3. Ethische Bedenken bestehen auch hinsichtlich der Motive, die manche Frau veranlassen, nicht selbst eine Schwangerschaft auszutragen. Neben medizinischen Gründen spielen erfahrungsgemäß die Vermeidung der normalen gesundheitlichen Risiken, die Furcht vor Verlust körperlicher "Schönheit" und eine mögliche Beeinträchtigung der Karriere durch die Schwangerschaft eine Rolle. 4. Schwangerschaft und das zu erwartende Kind dürfen nicht zur Ware degradiert werden. Zudem besteht die Gefahr, daß sozial schwache Frauen ausgebeutet werden, indem sie die Gesundheitsrisiken und die seelischen Belastungen einer Fremdschwangerschaft gegen Entgelt auf sich nehmen. Der Gesetzgeber hat aus diesen Gründen Leihmutterschaften verboten. RU-Wissen und Meinung Glaube und Wissenschaft Gentechnologie: Erläuterung von Begriffen CHROMOSOMEN: Färbbare Körper im Zellkern. Sie enthalten in stark zusammengedrängter Form die DNS (Erbinformation). Jede Zelle eines Organismus enthält die artspezifische Anzahl von Chromosomen. Der Mensch hat 46 Chromosomen, die je zur Hälfte von der Mutter und vom Vater stammen. DNS (oder DNA): Desoxyribonukleinsäure. Bezeichnung für das Molekül, das die Erbinformationen eines Lebewesens trägt. Es befindet sich in jeder Körperzelle eines Lebewesens. EIZELLENVERSCHMELZUNG: Befruchtung einer Eizelle mit einem anderen Ei. Beim Menschen noch nicht entwickelt, würde aber Reproduktionen ohne Samenzellen ermöglichen. EMBRYO: (Mehrzahl: Embryonen) Bei strenger Definition bezeichnet dieser Begriff beim Menschen das Entwicklungsstadium zwischen dem 7. Tag nach der Befruchtung bis zum 3. Monat. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird die Leibesfrucht von der Befruchtung bis zum 3. Monat als Embryo bezeichnet. Vom 3. Monat an spricht man vom Fötus. EMBRYO-TEILUNG: Bei diesem Vorgang wird die sich entwickelnde befruchtete Eizelle (meist im Vierzellstadium, auch Blastozyte genannt) in einzelne Zellen geteilt, woraus sich potentiell vier identische Embryonen entwickeln können ("Klonen"). In Tierversuchen bereits praktiziert. EMBRYO-TRANSFER: Ein Vorgang, bei dem ein Embryo in die Gebärmutter der Frau eingepflanzt wird. EUGENIK: Erbhygiene. Diese Wissenschaft hat zum Ziel, die Ausbreitung von Erbkrankheiten einzuschränken und die Verbreitung erwünschter Gene zu fördern. (Seit der Zeit des Nationalsozialismus ist die Eugenik eine umstrittene Wissenschaft). EXTRA-CORPORALE BEFRUCHTUNG (ECB): siehe In-vitro-Fertilisation. FÖTUS: Menschliche Leibesfrucht vom 3. Schwangerschaftsmonat an. FOLLIKEL: Mit Flüssigkeit gefüllte Eibläschen im Eierstock, die jeweils ein gereiftes Ei enthalten. GEN: Abschnitt der Erbinformation, der die Information für eine Funktion der Zelle trägt. Diese Funktion kann darin bestehen, Vorgänge in der Zelle zu regeln oder der Zelle bzw. dem Organismus bestimmte Eigenschaften und Merkmale zu verleihen. Viele Eigenschaften eines Organismus werden von mehr als einem Gen bestimmt. GENOM: Die Gesamtheit der Erbinformationen in einer Körperzelle. GENTHERAPIE, GENMANIPULATION: Neukombination oder Veränderung von Genen durch direkten Eingriff in die Erbsubstanz; Einpflanzung von Trägern eines bestimmtes Erbgutes in einen anderen Organismus. HETEROLOGE INSEMINATION: Befruchtung der Eizelle einer Ehefrau durch die Samenzelle eines fremden Mannes. IN-VITRO-FERTILISIERUNG (IVF): Befruchtung einer Eizelle durch eine Samenzelle außerhalb der Gebärmutter in einem Laborgefäß. INSEMINATION: Befruchtung. KEIMZELLEN: Reife Geschlechtszellen, d.h. Samenzellen des Mannes und Eizellen der Frau. PRÄNATAL: Vor der Geburt ZYGOTE: Das durch Vereinigung von Samen- und Eizelle entstandene Produkt. Mit ihr beginnt die Entwicklung des neuen Lebewesens. RU-Wissen und Meinung Glaube und Wissenschaft Was ist Gentechnologie? 1. Die Gentechnologie ist eine relativ junge Wissenschaft. Sie ist aus jahrzehntelanger Forschung in den Fachrichtungen Biologie, Chemie, Physik und Medizin hervorgegangen. Seit ein paar Jahren hat die Gentechnik ein Entwicklungsstadium erreicht, in dem ihre vielfältigen, das Leben revolutionierenden Anwendungsgebiete zu erkennen sind. Sehr(!) verkürzt dargestellt geht es bei der Gentechnik um folgendes: 2. Jedes Lebewesen besteht aus Zellen; sie bilden sozusagen die Grundeinheit des Lebens. Bakterien, die einfachsten Lebewesen, bestehen aus einer, der Mensch aus ca. 40 Billionen Zellen. Sie können im Körper eines Lebewesens die verschiedensten Funktionen erfüllen, z.B. als Haut-, Blut- oder Leberzellen und/oder bei der Produktion von Hormonen, Enzymen usw. tätig sein. In einem sind sie jedoch alle gleich: Jede der Körperzellen enthält das komplette Erbgut dieses Lebewesens. 3. Dabei ist die Weise, in der diese Erbinformationen in der Zelle gespeichert werden, wiederum bei allen Lebewesen gleich: Informationsträger in der Zelle ist, wie O. T. Avery 1944 herausfand, das Riesenmolekül DNS (Desoxyribonukleinsäure). Den amerikanischen Wissenschaftlern Watson und Crick gelang es 1953, die Struktur dieses Moleküls als "Doppelhelix" darzustellen. Die DNS ist ein fadenähnliches Molekül und aus vier chemischen Bauelementen aufgebaut, deren Aufeinanderfolge eine Art chemischer Schrift darstellt, die die Informationen des Erbmaterials enthält. 4. Der DNA-Faden nun ist in bestimmte Abschnitte, in die Gene unterteilt. Einzelne Gene wie auch ganze Genkombinationen bestimmen die Merkmale und Eigenschaften der Lebewesen wie Aussehen, Größe, Hautfarbe, Blattform usw. Die Gesamtheit der Erbinformationen in einer Zelle nennt man Genom. Ein Gen ist also ein Teil des Genoms eines Lebewesens. 5. Gentechnologie (genauer: die Molekularbiologie) befaßt sich nun damit herauszufinden, für welche Körpereigenschaft oder -fähigkeit ein einzelnes Gen zuständig ist, es zu identifizieren, zu isolieren und gegebenfalls zu übertragen, d.h. das Erbgut von Lebewesen gezielt zu beeinflussen. 6. So ist es möglich, das genetische Material eines Lebewesens durch die Übertragung eines bestimmten Gens eines anderen Lebewesens gezielt zu verändern. Es wird anschließend Eigenschaften besitzen, die vom Genetiker gewünscht werden, die es aber auf natürlichem Wege (wahrscheinlich) niemals hätte erwerben können. In den Zellkern einer Maus kann man das Gen einer Ratte einbringen, das das Größenwachstum dieser Ratte bestimmt. Die Maus wird, wenn die Übertragung gelingt, so groß werden wie eine Ratte. Oder einer Bakterie wird das menschliche Gen eingepflanzt, das für die Insulinproduktion zuständig ist. Die Bakterie beginnt nun ihrerseits, Insulin zu produzieren. 7. Angesichts der großen Zahl der menschlichen Gene (bis zu 150.000 in jeder Körperzelle) und angesichts der Kleinheit des Zellkerns (Durchmesser 0,0025 mm), in dem die Gene sich befinden, wird deutlich, wie kompliziert es ist, ein bestimmtes Gen zu finden, es zu isolieren und zu übertragen. Um anschaulich zu machen, was dabei im Prinzip geschieht, kann der Vergleich mit einem Tonband herangezogen werden. Aus einem besprochenem oder bespielten Tonband kann vom Tontechniker ein Stück herausgeschnitten und in ein anderes Tonband als Zwischenstück eingeklebt werden. Die Informationen dieses übertragenen Tonbandstückes (Worte oder Musik) sind dann Teil des zweiten Tonbands geworden. Schneiden und Kleben geschieht dabei mit Schere und Klebstoff. Ähnlich stellt sich der Vorgang in der Gentechnik dar. Der Gentechniker benutzt bei der Isolierung, Heraustrennung und Übertragung eines einzelnen winzigen Gens aus dem DNA-Molekül natürlich nicht mechanische Hilfsmittel wie Messer und Schere, sondern bestimmte biologisch-chemische Stoffe, sog. Proteine bzw. Enzyme. RU-Wissen und Meinung Glaube und Wissenschaft Fortschritt durch Gentechnologie (I) (Landwirtschaft) 1. Eines der wichtigsten Anwendungsgebiete der Gentechnologie ist die Landwirtschaft. Dabei wird das Ziel verfolgt, höhere Erträge bei den Nutzpflanzen, eine verbesserte Tierproduktion und eine Resistenz gegen Pflanzenschutzmittel zu erreichen. Die Einführung gentechnologischer Methoden wird wohl eine totale Veränderung der Landwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten mit sich bringen. 2. Intensiv erforscht wird z.Zt. die Möglichkeit, die Stickstoffversorgung von Nutzpflanzen zu verbessern. Das soll dadurch geschehen, daß man bestimmte Pflanzen genetisch so verändert, daß ihnen Stickstoff nicht wie bisher von außen durch Düngung zugeführt werden muß, sondern daß sie selbst in die Lage versetzt werden, den nötigen Stickstoff direkt der Luft zu entnehmen. Das Problem der teuren Stickstoffdüngung und das Risiko der Überdüngung des Bodens würde damit entfallen. Die Verheißungen und Versprechungen mancher Gentechnologen gehen hin bis zur Lösung eines der größten Weltprobleme, nämlich der Versorgung aller Menschen mit genügend Nahrungsmitteln. 3. Die moderne Landwirtschaft kommt bisher nicht ohne Pflanzengifte aus, die die sogenannten "Unkräuter" töten und auf diese Weise das Wachstum der Nutzpflanzen fördern. Der Nachteil ist jedoch, daß diese Gifte in hohem Maße die Nutzpflanzen selbst angreifen, daß sie sich in den Pflanzen anreichern und damit den Verbraucher erreichen und ihn gefährden. So ist es ein Ziel gentechnologischer Forschung, das Erbgut von Nutzplanzen so zu verändern, daß sie gegen bestimmte Gifte resistent sind. Auf diese Weise könnten dann praktisch unbegrenzt Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Allerdings ist genau dies zu befürchten. Denn es besteht dann die große Gefahr, daß Kräuter und Pflanzen, die für das Ökosystem der Natur, d.h. für Insekten, und andere Tiere wichtig sind, nochmehr als bisher ausgerottet und aus der Natur ganz verschwinden würden. 4. Ein häufig in der Öffentlichkeit diskutiertes Beispiel sind die sogenannten "Eisminusbakterien". Dies sind Bakterien, die die Eiskristallbildung auf Pflanzenoberflächen bei etwa 0° auslöst und damit das Wachstum der Pflanzen stoppt. Man kann dieses Bakterium gentechnisch so verändern, daß die Eiskristallbildung erst bei minus 10° eintritt, was natürlich für die Wachtumsbedingungen und Nutzung von Pflanzen von großer Bedeutung wäre. 5. Die Versuche, direkt in das Erbgut von Tieren (Schweinen, Schafen, Rindern) einzugreifen, stehen noch am Anfang. Immerhin gelang es schon, Schweinen das Gen für das menschliche Wachstumshormon einzupflanzen, was in der Tat zu besonders großen Schweinen führte, die allerdings eine wesentlich erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten hatten. Der Phantasie der Wissenschaftler bei der Neukombination von Genen im Bereich der Tierproduktion sind keine Grenzen gesetzt. Das vielbelächelte "eierlegende Wollmilchschwein" scheint auf lange Sicht keine Utopie zu sein. In Amerika gibt es die ersten Patente auf solche durch gentechnische Manipulation neukonstruierte Tiere (sog. transgene Tiere). 6. Auch die gentechnische Produktion von Hormonen, Impfstoffen und Medikamenten gehört zu den Anwendungsbereichen der Gentechnolgie in der Landwirtschaft. Besonders bekannt geworden ist das Wachstumshormon von Rindern, das auch schon zur Fleischprokuktion eingesetzt wird. RU-Wissen und Meinung Glaube und Wissenschaft Fortschritt durch Gentechnologie (II) (Medizin) 1. Neben der Landwirtschaft ist der Bereich der Medizin und Pharmakologie ein wichtiges Anwendungsgebiet der Gentechnologie. So gelang es, für einige menschliche Hormone die entsprechenden Gene in das Erbgut von Bakterien einzuschleusen und sie zur Produktion menschlicher Hormone anzuregen. Konnte bisher ein Hormon nur mit ungeheuren Kosten und nur in geringen Mengen direkt aus dem menschlichen Körper gewonnen werden, so geht die gentechnische Hormonproduktion über die Bakterien schneller und wesentlich kostengünstiger vor sich. Das bekannteste und wohl bisher wichtigste Beispiel solcher auf gentechnischem Wege gewonner Medikamente ist das Insulin, das in der Bauchspeicheldrüse produziert wird und das den Zuckerhaushaushalt bei Säugetieren und Menschen regelt. Bisher konnte es für Zuckerkranke, deren Körper das Insulin nicht in ausreichendem Maße herstellte, nur aus der Bauchspeicheldrüse von (geschlachteten) Schweinen gewonnen werden. Dieses Insulin war aber mit dem menschlichen nicht hundertprozentig identisch, so daß viele Diabetiker darauf allergisch reagierten. Dadurch, daß nun in gentechnisch veränderten Bakterien im großen industriellen Stil Humaninsulin in reiner Form produziert werden kann, ist eine bessere und problemlose Versorgung von Diabetikern mit Insulin gesichert. 2. Durch immer ausgefeiltere Methoden bei der Isolierung und Analyse von Genen eröffnet sich in der Medizin die Möglichkeit, Erbkrankheiten, die auf die Veränderung eines einzelnen Gens im Erbgut eines Menschen zurückzuführen sind, zu entdecken. Das kann auch dann geschehen, wenn die Krankheit bei diesem Menschen noch nicht sichtbar ist. Bei der Diagnose von Erbkrankheiten geht es auch um Interessen in der Wirtschaft und Industrie in Zusammenhang mit Einstellungen von Arbeitnehmern durch die Betriebe. So wurden Chemiearbeiter in den USA vor ihrer Einstellung auf erbbedingte Risikofaktoren und Allergien oder auch auf genetisch bedingte Resistenz gegen bestimmte Schadstoffe getestet und vom Resultat der Untersuchungen ihre Einstellung abhängig gemacht. 3. In der letzten Zeit hat die vorgeburtliche genetische Untersuchung eine besondere Bedeutung gewonnen. Man ist in der Lage, ungefähr 60 erbbedingte Krankheiten im Embryo auf gentechnischem Wege festzustellen. Das bedeutet nicht, daß man sie auch heilen kann. Insofern wird die ethische Diskussion um die Abtreibung durch das Wissen um die genetisch bedingten Defekte verschärft. 4. Die radikalste Anwendung der Gentechnik ist der direkte Eingriff in das menschliche Erbgut. Alle anderen beschriebenen Anwendungen in der Medizin wie die Herstellung von Impfstoffen, Hormonen usw. dienen nur der Diagnose oder der Behandlung der Symptome. Die genetischen Ursachen der Krankheiten bleiben dabei unangetastet. Die Gentechnologie befaßt sich aber auch mit der Möglichkeit, Krankheiten dadurch zu beseitigen, daß man direkt in das Erbgut eingreift, d.h. daß man Gene, die die Krankheit verursachen, gentechnisch entfernt bzw. austauscht. Es gibt ungefähr 400 Krankheiten, von denen man weiß, daß sie auf der krankhaften Veränderung nur eines Gens im menschlichen Erbgut beruhen. Die Anstrengungen der medizinischen Wissenschaft gehen z.Zt. dahin, daß man versucht, diese Gene zu identifizeren, um sie dann genetisch behandeln zu können. 5. Das Genom eines Menschen, d.h. die Gesamtheit seines Erbgutes, ist einmalig und unverwechselbar. Jeder Mensch hat also seinen eigenen "genetischen Fingerabdruck". Den Gentechnikern ist es gelungen, an Hand von einzelnen Körperzellen (Blut, Haut usw.) das Erbgut von Menschen in Form eines Strichcodes sichtbar und ablesbar zu machen. Mit Hilfe dieser sogenannten Genomanalyse können Kapitalverbrechen und strittige Vaterschaften eindeutig geklärt werden. RU-Wissen und Meinung Glaube und Wissenschaft Ethische Probleme und Risiken der Gentechnologie (I) 1. Obwohl die Gentechnologie viele positive Zukunftsperspektiven eröffnet, muß jedoch darauf hingewiesen werden, daß sie auch große Risiken und Gefahren in sich birgt und schwerwiegende ethische Fragen aufwirft. a. So sind die Folgen gentechnischer Manipulationen nur schwer oder gar nicht aufzuhalten und zu korrigieren. Gentechnisch hergestellte Mikroben z.B. können nicht wieder eingefangen werden, nachdem sie (möglicherweise auch wegen ungenügender Sicherheitsvorkehrungen) freigesetzt wurden. Auch Gentechniker können nicht vorhersagen, welche Auswirkungen bestimmte gentechnisch hergestellte oder veränderte Lebewesen in der Natur zukünftig bewirken werden. Gentechnische Manipulationen tragen das Risiko in sich, daß sie Schäden im komplexen Ökosystem der Natur anrichten können, Schäden, die man eventuell nicht mehr beherrschen oder korrigieren kann. b. Gentechnische Eingriffe sind nicht nur an den Keimzellen von Pflanzen und Tieren möglich, sondern prinzipiell auch beim Menschen. Es besteht somit das Risiko, daß gentechnologisches Wissen aus kommerziellen, nationalistischen, politischen oder möglicherweise auch kriminellen Interessen auf den Humanbereich angewandt wird: d.h., daß das menschliche Erbgut manipuliert wird, um speziell gewünschte Menschentypen mit ganz besonderen Eigenschaften zu produzieren.
In Deutschland allerdings sind alle gentechnischen Eingriffe und Manipulationen an den menschlichen Keimbahnen (befruchteten Eizellen) verboten, sowohl zum Zwecke der Forschung als auch der medizinischen Diagnose oder Therapie. Es kann jedoch kaum kontrolliert werden, ob nicht doch im Geheimen mit menschlichem Erbgut experimentiert wird. 2. Die Erfolge und denkbaren Möglichkeiten der Gentechnik auf dem Gebiet der Medizin erwecken den Eindruck, daß Leiden und Krankheit beherrschbar sind und grundsätzlich beseitigt werden können. Würde dies nicht die Aufhebung des menschlichen Lebens bedeuten, so wie es uns gegeben ist? Gehören nicht Krankheit und Leiden zum menschlichen Leben als Ausdruck seiner Begrenztheit und seiner Endlichkeit? Gentechnik neigt durch seine umfassende diagnostische und therapeutische Zielsetzung dazu, Leiden als minderwertiges Leben abzustempeln und erhöht damit die soziale Diskriminierung der Kranken und Behinderten. 3. Auch der Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft ist nicht problemlos und muß ethisch hinterfragt werden, vor allem wenn er die Überwindung des Hungers in der Welt durch gentechnisch modifizierte Pflanzen usw. verspricht. Es ist nämlich keineswegs ausgemacht, daß das Welthungerproblem überhaupt biotechnisch zu lösen ist. Vielmehr muß man die Ursachen des Welthungers als gesellschaftspolitisches und ökonomisches Problem einer gerechten und rational durchdachten Verteilung der schon vorhandenen Nahrungsmittel sehen. Die Versprechungen der Gentechnologie lenken nur von den politischen Aufgaben einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung ab. RU-Wissen und Meinung Glaube und Wissenschaft Ethische Probleme und Risiken der Gentechnologie (II) 1. Mit der Entwicklung der Gentechnologie hat die Herrschaft des Menschen über die Natur eine neue Qualität erreicht. Der Mensch kann mit Hilfe der Gentechnik Lebewesen umkonstruieren und (in Zukunft) sogar neue Lebewesen schaffen, die von der Natur nicht vorgesehen waren. "Von jetzt an werden Flora und Fauna dieser Erde mehr und mehr unsere eigene Schöpfung sein!", schreibt der Molekularbiologe R. Sinsheimer vom California Institute of Technologie. Diese ungeheure Steigerung menschlicher Verfügungsgewalt und damit auch der Verantwortung fordert nun, daß nicht nur geprüft werden muß, ob einzelne gentechnische Handlungen moralisch vertretbar sind, sondern ob Gentechnik überhaupt gerechtfertigt werden kann. 2. Deshalb ist zu fragen:
·
Darf der Mensch so tief in die Natur eingreifen, daß er neue Lebewesen konstruiert, indem er Gene neu
kombiniert oder sogar neue Gene schafft?
·
Darf der Mensch sich zum Schöpfer der Natur machen? Gibt es neben der Menschenwürde auch eine
Würde der Natur, die der Mensch nicht antasten sollte?
·
Ist das Unternehmen "Gentechnik" nicht ein Ausdruck menschlicher Hybris (Überheblichkeit), dem ein
deutliches Nein entgegengestellt werden muß?
·
Muß man nicht die bestehende Natur gegen die unüberschaubare Bedrohung durch menschlichen
Herrschaftswillen und irrationalen Fortschrittsglauben schützen?
·
Darf der Mensch Handlungen vornehmen, deren Folgen für die Menschheit und die ganze Natur er nicht
überblicken und nicht mehr aufhalten und korrigieren kann? 3. Der amerikanische Biochemiker Erwin Chargaff hörte auf, in diesem Bereich zu forschen, weil er meinte, es sei dem Menschen verwehrt, in den "letzten Geheimnisgrund der Schöpfung" einzudringen. "Schon die Absicht, mit den Genen herumzupantschen, kommt einer gefährlichen Brutalisierung der wissenschaftlichen Phantasie gleich", schreibt er. 4. Der Philosoph Hans Jonas fordert die Wissenschaftler insgesamt auf, nur in Verantwortung vor der Zukunft des Menschen, der ganzen Natur und des Planeten Erde weiter zu forschen und Forschungsergebnisse anzuwenden. Im Blick auf die Gentechnologie fordert er allerdings ein Forschungs- und Anwendungsverbot, da sie eine "entmenschlichende" Technik sei und im Prinzip nicht kontrollierbar. Es ist allerdings zu fragen, ob sich Industrie und Wirtschaft, die sich durch die Gentechnolgie große finanzielle Erfolge versprechen, durch solche Warnungen noch beeinflußen lassen. Es ist kaum zu überblicken und zu erkennen und schon gar nicht mehr zu kontrollieren, an welchen Projekten in den vielen Industrielabors geforscht wird. 5. In Deutschland wurde von einigen Wissenschaftlern und Politikern ein sog. "Moratorium" gefordert, d.h. eine Regelung, nach der für eine bestimmte Zeit alle Forschung im Bereich der Gentechnologie gestoppt wird. Gentechnologie sollte erst dann wieder betrieben werden, wenn man sich über die Risiken und Gefahren und über ihre Eingrenzung im klaren sei. 6. In der Bundesrepublik müssen seit 1988 gentechnische Produktionsananlagen genehmigt werden. Mit dem Hinweis auf die bestehenden, sehr verschwommen formulierten Gentechnik-Gesetze in der Bundesrepublik lehnte der Verwaltungsgerichtshof die Genehmigung einer schon fertiggestellten Insulin- Produktionsanlage der Firma Hoechst ab. Viele Zuckerkranke werden daher in Deutschland noch mit dem schwer verträglichen Schweine-Insulin behandelt. Infolge einer restriktiven Genehmigungspraxis bei der Errichtung gentechnischer Anlagen sind in der letzten Zeit viele Wissenschaftler aus Deutschland abgewandert. Eine Neufassung der betreffenden Gesetze, die den Forschern mehr Freiheit läßt, wird von vielen Politikern als dringend notwendig erachtet. RU-Wissen und Meinung Gott Gott: Religionswissenschaftliche Begriffe 1. MONOTHEISMUS bedeutet die Anerkennung und Verehrung nur eines Gottes bei gleichzeitiger Ablehnung anderer Götter oder der Leugnung ihrer Existenz. Der Ursprung der monotheistischen Religionsform liegt wohl in Verehrung Jahwes, wie sie sich ca. 1100 Jahre v. Chr. in Israel entwickelte. Im 1. Gebot des Dekalogs wird Israel verpflichtet, Gott Jahwe allein anzubeten: "Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben." Christentum und Islam, deren Wurzeln wesentlich im Judentum begründet liegen, haben diesen Monotheismus übernommen.- Vom Islam wird das Christentum weithin nicht als monotheistische Religion angesehen und akzeptiert. Der Grund liegt in dem - vom Islam meist falsch interpretierten - Dogma von der Dreieinigkeit (Trinität) von Vater, Sohn und Heiligem Geist. 2. POLYTHEISMUS. Bezeichnend für polytheistische Religionen ist der Glaube an die Existenz mehrerer Göttergestalten und deren Verehrung. Die größte, heute noch lebendige polytheistische Religion ist der Hinduismus, der eine in die Hunderttausende gehende Zahl von Göttergestalten kennt, darunter auch solche in Tiergestalt (z.B. Hanuman, der Affengott, Ganesha, der Elefantengott). Gott Schiva, der Schöpfer, Erhalter und Zerstörer der Welt, wird allgemein im Hinduismus als oberste Göttergestalt, als "Herr des Weltalls" verehrt. - Polytheistisch war die griechisch/römische Religion des europäischen Altertums. Heute noch bekannte Göttergestalten dieser Religion waren Zeus/Jupiter (der Göttervater), Mars/Ares (der Kriegsgott), Hermes/Merkur (der Gott der Kaufleute und Diebe) und viele andere Götter und Halbgötter. - Auch die alte germanische Religion war polytheistisch. Verehrt wurden u.a. Wotan, Donar (Thor), Freya (Frija), das Licht der Sonne, die Kraft des Mondes und die Naturgewalten. 3. PANTHEISMUS. Ihm liegt die Auffassung zugrunde, daß Gott in allen Dingen und Erscheinungsformen der Welt zu finden ist (Pan = griech. = Alles). Es gibt keinen Gegensatz zwischen Gott und Welt. Alles ist von Gottes Geist durchdrungen: die Menschen, die Natur, der ganze Kosmos. Gott verbindet alles mit allem. Da alles von Gott beseelt ist, ist alles in der Welt auch verehrungswürdig und achtenswert. Jedem Lebewesen, jeder Pflanze, jedem Tier kommt göttliche Würde zu. 4. THEISMUS. Im Theismus wird Gott nicht als eine unpersönliche Naturkraft, sondern als ein personales Wesen verstanden. Gott ist eine Person, zu der der Mensch in Beziehung treten, mit der er reden, dem er sich hörend und gehorchend, aber auch sich verweigernd gegenübertreten kann. Der Theismus bildet sozusagen einen Gegenpol zu pantheistischen Vorstellungen, die Gott als unpersönliches Wirkungsprinzip in allen Dingen der Welt verstehen. Die theistische Gottesauffassung steht hinter den monotheistischen und den polytheistischen Religionen. 5. DEISMUS. Diese Gottesvorstellung hat ihren Ursprung im Vernunftdenken der sog. Aufklärung. Gott wird im Deismus als Schöpfer der Erde, des Kosmos und aller Naturgesetze verstanden. Er schuf den Menschen als höchstes vernunftbegabtes Wesen und stattete ihn mit der Kraft einer natürlichen Religion aus. Nach Vorstellung der Deisten hat sich Gott nach dem Akt der Schöpfung weitgehend aus der Welt zurückgegezogen. Dem Menschen vertraute er die sinnvolle Gestaltung der Welt und Schöpfung an. Er gab ihm den Auftrag, getragen von der Vernunft, die Welt zu erhalten und ihr Ordnung zu geben. Wunderglaube und alle Formen von Aberglauben werden von den Deisten abgelehnt, da sie der vernünftigen Ordnung der Naturgesetze widersprechen. Der Deismus erkennt an, daß in allen vernünftigen Formen von Religion und Philosophie, im vernunftgesteuerten Denken des Menschen überhaupt, göttliche Kraft sichtbar wird. Alle Religionen und Philosophien sind gleichberechtigt, unterscheiden sich aber dadurch, in welchem Maße sie imstande sind, die von Gott in Gang gesetzte Schöpfung zu bewahren und zu ordnen. RU-Wissen und Meinung Gott Gottesbeweise 1. Anselm von Canterbury (*1033) und Thomas von Aquin (*1225), zwei Theologen und Philosophen des Mittelalters, haben den Versuch unternommen, die Existenz Gottes zu beweisen. Sie gehen dabei von folgenden logischen Überlegungen aus: a. Der kosmologische Gottesbeweis. Da Erde und Kosmos existieren und alles, was ist, einen Ursprung und eine Ursache hat und nichts aus sich selbst heraus entsteht, muß es eine letzte Ursache geben, von der sich alles Existierende herleitet. Alles, was existiert, befindet sich in Bewegung. Nichts wird aus sich selbst heraus bewegt, sondern bedarf einer anderen Bewegung, eines Anstoßes. Es muß letztlich etwas geben, das die erste Bewegung verursachte, das selbst aber nicht bewegt wurde. Gott ist diese letzte Ursache und die erste bewegende Kraft b. Der teleologische Gottesbeweis (telos = Ziel, Sinn). Alles in der Welt ist zielgerichtet und auf Ordnung, Schönheit und Zweckmäßigkeit hin ausgelegt. Alles hat innerhalb des Kosmos seinen Platz, seinen Sinn und seine Bedeutung. Es gibt nichts Unnützes. In der Zielgerichtetheit der Welt ist ein Plan, eine Absicht erkennbar. Gott ist der, der die Welt nach diesem Plan erschuf, der sie erhält und sich entwickeln läßt. c. Der ethnologische Gottesbeweis (ethnos = Volk). Bei diesem Beweis geht Thomas von Aquin von der Tatsache aus, daß es, wie er meinte, kein Volk auf der Welt ohne Verehrung einer Gottheit gibt. Das kann kein Zufall sein, sondern muß darauf beruhen, daß sich Gott selbst allen Menschen geoffenbart hat und er ihnen die Möglichkeit gegeben hat, ihn auch aus der Natur zu erkennen und zu erfassen. Da Gott von allen, in welcher Form auch immer, verehrt wird, muß es ihn auch geben. d. Der ontologische Gottesbeweis (Ontologie = Lehre vom Dasein). Er geht auf Überlegungen Anselm von Canterburys zurück, der vom bloßen Begriff "Gott" auf Gottes Existenz schließt. Gott ist für Anselm das größte, umfassendste Existierende, das gedacht werden kann und über das hinaus es nichts Größeres geben kann. Dazu gehört dann auch, daß es wirklich da ist, also existiert, sonst wäre es nicht das umfassendste, größte Existierende. 2. Zu diesen im Mittelalter entwickelten Gottesbeweisen ist zu sagen: a. Die mittelalterlichen Gottesbeweise erheben nicht den Anspruch, Beweise im modernen wissenschaftlichen Sinn zu sein. Philosophisches Denken war in der mittelalterlichen Theologie dem Glauben, der Selbstoffenbarung Gottes nachgeordnet. Sie sind von Gott selbst dem Menschen geoffenbart, von Gott sozusagen in das menschliche Denken eingepflanzt. Als Beweise können sie nur eine den Glauben stützende Funktion haben. b. Der Philosoph Immanuel Kant (*1724) hat darüber hinaus aufgezeigt, daß diese genannten Gottesbeweise keineswegs zwingend sind. Er betonte, daß es nicht logisch sei, von der Möglichkeit und der Denkbarkeit eines allerhöchsten Wesens auf dessen reale Existenz zu schließen. Nicht alles, was denkbar ist, muß deshalb auch schon existieren. 3. Immanuel Kant selbst hat als einzigen Gottesbeweis den moralischen Gottesbeweis gelten lassen. Das Dasein Gottes kann nicht theoretisch bewiesen werden, sondern ergibt sich aus der Existenz des Gewissens, der Moral und des menschlichen Verantwortungsbewußtseins. Da der Mensch sich einem Sittengesetz unterworfen weiß, fühlt er sich einem außermenschlichen "Gesetzgeber" und Richter verantwortlich. Diese außermenschliche moralische Instanz ist Gott, der nicht aus dem Denken, aber aus der Erfahrung und dem Gefühl des Menschen erschlossen werden kann. 4. Die "Gottesbeweise" können auch noch heute für den glaubenden und denkenden Menschen von gewisser Bedeutung sein, da sie dem Menschen Anlaß geben, über sich selbst, über sein Wesen, über Gott und über Ursprung und Ziel der Welt nachzudenken. RU-Wissen und Meinung Gott Ist Gott gerecht? 1. Von vielen Menschen wird die Existenz eines guten und gerechten Gottes oder das Dasein Gottes überhaupt in Frage gestellt. Als Grund wird oft die Erfahrung von Leid und Elend, von Hunger und von Natur-Katastrophen genannt. Wenn es einen Gott gäbe, so wird argumentiert, dürfte es keine Kriege geben; dann hätte er die Vernichtung von Millionen unschuldiger Menschen z.B. in Auschwitz verhindern müssen; dann dürfte das Böse keine so große Macht in der Welt entfalten können; dann wäre die Welt besser, harmonischer geordnet. Menschen würden anders mit der Welt umgehen. 2. Diesen Fragen und Zweifeln kann man entgegenhalten, daß es in sehr vielen Fällen der Mensch ist, der anderen Menschen Leiden zufügt, der selber die Ursache ist für vieles Böse in der Welt: für Lieblosigkeit, Ungerechtigkeit, Krieg und Ausrottung, für Zerstörung und Ausbeutung der Umwelt. Nicht Gott ist dafür verantwortlich zu machen, sondern allein der Mensch. Gott hat den Menschen eben nicht als willenlose Maschine geschaffen, sondern hat ihm einen mehr oder weniger freien Willen gegeben und die Möglichkeit und die Erkenntnis, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Tut der Mensch Böses, entscheidet er sich gegen Gottes Willen und Gebote. Ursache dieses von den Menschen verschuldeten Leidens ist also nicht Gott. Daß der Mensch in sich ein Gewissen spürt, das ihn oft vor bösem Handeln bewahrt, ist möglicherweise sogar ein Hinweis auf das Dasein Gottes. 3. Fragen nach der Gerechtigkeit und Güte Gottes stellen auch die Menschen, die durch ein persönliches Schicksal, durch Krankheit oder Tod eines lieben Menschen( etwa eines Kindes) getroffen wurden. Warum läßt Gott dieses Leiden, dieses Böse zu? Warum geschieht es ausgerechnet mir, der ich mir nichts habe zu Schulden kommen lassen? Wenn Gott da wäre und er wäre gütig und gerecht, dann dürfte er mich nicht so leiden lassen. 4. Schon die biblische Geschichte von Hiob stellt diese Frage nach Sinn von Leiden, Krankheit und Not und die Frage nach Gottes Güte und Gerechtigkeit. Hiob, ein gottesfürchtiger und reicher Mann, wird von Satan mit Gottes Zustimmung in Versuchung geführt. Er verliert seinen Besitz, wird von Krankheit und Schmerzen geplagt, fühlt sich von Gott verlassen und rechtet mit ihm. Satan versucht, Hiob ganz von seinem Vertrauen zu Gott abzubringen, aber es gelingt ihm nicht. Hiob hält trotz aller furchtbaren Schicksalsschläge ("Hiobsbotschaften") an Gott fest. "Ich habe viel Gutes von Gott erfahren, sollte ich das Böse nicht auch von ihm annehmen?". - Nicht allen Menschen ist eine solche fromme Antwort möglich, wenn sie Leiden und Böses erfahren. Man kann Menschen verstehen, die in tiefes Leid geführt werden und nicht zu einem neuen Vertrauen zu Gott finden, wie es Hiob gelang. Für sie bleibt das Leiden eine Glaubensanfechtung und wird zum Grund, sich vom Glauben an Gott ganz abzuwenden. 5. Auf die Frage, warum Gott das Leiden und das Böse zuläßt, hat es vom Glauben her verschiedene Antwortversuche gegeben. a. Für den Menschen, der an Gott glaubt, bedeutet das Böse in der Welt eine Herausforderung. Gott will in Wirklichkeit keine Krankheit, keinen Hunger, keine Folter, keine Mißachtung des einen durch den anderen Menschen. Wer an Gott glaubt, kann das Böse und das Leiden nicht gefühllos und gleichgültig hinnehmen, sondern wird dagegen ankämpfen. b. Gott läßt Menschen an ihrem Leiden auch reifen und wachsen. Krankheit hat möglicherweise auch etwas Gutes für den Menschen, daß er sich u.U. mehr auf sich selbst besinnt, zu sich selbst findet und durch die Krankheit hindurch heil und gestärkt wird. - Solche persönlichen Erfahrungen, die schon viele Menschen gemacht haben, bedeuten aber nicht für alle in gleicher Weise eine mögliche Antwort auf ihr Leiden. c. Die Tatsache, daß es Leiden und Elend, Kriege und Katastrophen gibt, ist nicht unbedingt ein "Beweis" dafür, daß es Gott nicht gibt. Vielleicht machen wir Menschen uns von Gott nur ein falsches Bild; möglicherweise ist er ganz anders als wir ihn uns vorstellen. In der Bibel wird Gott nicht nur als gütig und allmächtig bezeichnet, als liebender Vater, sondern auch als der, den kein Mensch fassen und verstehen kann, dessen Handel unbegreiflich bleibt. Gottes Gerechtigkeit, so wird gesagt, entspricht nicht unbedingt der des Menschen. Wissen wir Menschen wirklich, was gut ist, gut für uns und andere? RU-Wissen und Meinung Gott Das christliche Gottesbild 1. Wer und wie Gott ist, auf diese Frage gibt uns die Bibel keine einheitliche, für alle Kirchen und Christen verbindliche Antwort. Das Gottesbild der Bibel ist selbst einem zeitlich bedingten Wandel unterworfen. So finden wir im AT an einigen Stellen die Vorstellung von einem strengen, sich rächenden, zornigen, unbarmherzigen Gott, der mit den Menschen hart ins Gericht geht. Am Anfang des Johannesevangeliums wird Gott dagegen der "logos" genannt, was soviel wie "Wort", aber auch "Geist" bedeuten kann. 2. Nach christlichem Verständnis hängt das "Wissen" des Menschen über Gott eng mit der Gestalt und der Botschaft Jesu zusammen, die wiederum mit der alttestamentlichen Verkündigung zusammen zu sehen ist. Diesem Gottesbild liegen u.a. folgende Glaubensüberzeugungen zugrunde: a. Gott offenbart sich, er gibt sich zu erkennen. Vom Menschen aus gibt es keinen Weg, Gott zu finden und zu erforschen. Wir wissen von Gott nur soviel, wie er von sich zu erkennen gibt. Auch mystische Gotteserfahrung in Meditation, Versenkung, Visionen und Gebet sind ein Geschenk Gottes an den Menschen, ebenso das Nachdenken über Gott, das zum Glauben an ihn führt. b. Gott ist der eine, einzige Gott, wie schon das erste der Zehn Gebote betont. Andere Götter, Geister und Dämonen haben da, wo Gott wirkt, ihre Macht verloren. Ihnen soll sich der Mensch nicht ausliefern. c. Gott ist Schöpfer und Erhalter der Welt, in dessen Hand das Schicksal des Kosmos, aber auch jedes einzelnen Menschen liegt. Gott wirkt in der Welt. d. Gott ist nach biblischem Verständnis nicht irgendeine anonyme Kraft oder ein Energiefeld, sondern personhaft zu verstehen. Gott ist für den Menschen ein Gegenüber, den der Mensch anreden, zu dem er beten, dem er zuhören kann. Jeden Menschen ruft Gott ins Leben und kennt seinen Namen. e. Jesus hat Gott als den liebevollen Vater verkündet. (Jesus nimmt das patriarchalische Gottesbild des AT auf. Besonders von der feministischen Theologie wird dieses männlich orientierte Gottesbild als zeitbedingt und überholt angesehen). Gott ist wie ein Vater, der seine Kinder zur Umkehr, zur Buße ruft, der den Menschen nachgeht und der niemanden verloren gibt. Vor Gott gibt es kein Ansehen der Person. Er beurteilt Menschen nicht nach ihrer Nation, Herkunft, Hautfarbe oder Leistung. f. Gott will das Heil, die Rettung des Menschen aus Unfreiheit, Ängsten, Lieblosigkeit und Tod. Zur Rettung der Welt sendet er seinen Sohn, der Gottes Willen verkündet und durch seinen Tod dem Menschen die Möglichkeit ewigen Lebens eröffnet. g. Gott stellt Anforderungen an den Menschen, er ruft ihn in seinen Dienst, um ihn teilnehmen zu lassen am Bau des Gottesreiches des Friedens und der Gerechtigkeit. Gott hat den Menschen mit einem freien Willen geschaffen, so daß sich der Mensch entscheiden kann, ob er Gottes Willen und Ruf folgen will oder nicht. h. Gott ist der Richter, der ins Gewissen redet, der unbequem ist, weil er den Menschen in die Verantwortung für seine Mitmenschen und die ganze Erde ruft. Vor Gott werden sich alle Menschen für ihr Tun und Lassen verantworten müssen, wenn Gott am Ende der Tage über sie zu Gericht sitzt. i. Gott ist gerecht. Seine Gerechtigkeit ist aber eine andere als die der Menschen. Gottes Wege sind oft nicht verstehbar und faßbar, auch nicht für den Glaubenden. RU-Wissen und Meinung Gott Was ist Religion? Ursprünge und Formen A. URSPRÜNGE a. Religion ist nicht die "Erfindung" eines Menschen. Religiöses Empfinden gehört -wie heute von der Anthropologie allgemein angenommen wird- zum Wesen des Menschen.
Ihren Ursprung hat die Religion wohl in der Begegnung des Menschen mit der Natur und ihren Gewalten. Von ihnen wußte (und weiß) sich der Mensch in einem doppelten Sinne abhängig: die Natur bedroht und ermöglicht sein Leben. Entsprechend begegnet(e) der Mensch ihr teils mit dem Gefühl des Ausgeliefertsein, der Angst und der Furcht, aber auch mit dem Gefühl der Dankbarkeit. In der Natur und ihren Gewalten sah der Mensch etwas "Heiliges", das alles Menschliche übersteigt und ihm übergeordnet ist. Religion ließe sich somit definieren als Begegnung mit dem Heiligen, das als fremde Macht zerstörend und bedrohend, aber auch rettend, helfend und ordnungschaffend in das Leben des Menschen eingreift. Der Mensch unterstellt sich dem Macht- und Herrschaftsanspruch des Heiligen. Seine Beziehung zum Heiligen wird deshalb oft als Untertanen- oder Kindschaftsverhältnis beschrieben, bei dem der Mensch die untergeordnete Rolle einnimmt. b. Bei der Begegnung des Menschen mit der Gottheit, dem Heiligen, bleibt der Mensch meist nicht untätig, sondern er tritt, oft durch die Vermittlung eines Priesters oder Heiligen, durch unterschiedlichste magische, kultische Handlungen in eine aktive Beziehung zur Gottheit. Im Opfer z.B. versucht der Mensch Einfluß zu nehmen auf das Wirken der Gottheit, um sie gnädig zu stimmen, so daß Unheil abgewendet wird oder der Mensch und die Gemeinschaft bewahrt, behütet und materiell gesegnet wird. Auf einer höheren Entwicklungsstufe der Religion leistet der Mensch der Gottheit Gehorsam, indem er bestimmte moralische Anforderungen der Gottheit anerkennt und erfüllt und religiöse Gebote und Gesetze befolgt. B. FORMEN:
Religionswissenschaftlich gesehen gibt es unterschiedliche Erscheinungsformen von Religion: a. Primitive (archaische, ursprüngliche) Religionen. Sie haben meist eine enge Beziehung zur Natur, sehen in und hinter den Erscheinungsformen der Natur (Steine, Berge, Bäume, Seen, Quellen, Feuer, Gestirne) göttliche Gewalten und sehen sie als heilig an; teilweise nehmen sie sogar personhafte Gestalt an. b. Volksreligionen. Zu ihnen zählt man z. B. die frühzeitlichen Religionen der Ägypter, Babylonier, Germanen, Griechen und Römer, aber auch den Hinduismus. Ihre Besonderheit und Gemeinsamkeit liegt in der Begrenzung und Beschränkung auf ein bestimmtes Land oder Volk. Volksreligionen sind meist polytheistisch, d.h. sie kennen eine Vielzahl von Göttergestalten, die unterschiedliche Wesensmerkmale oder Tätigkeiten des Menschen repräsentieren. c. Universalreligionen. Buddhismus, Christentum und Islam gehören zu den Universalreligionen. Ihre Gemeinsamkeit liegt darin, daß sie sich nicht an einen begrenzten Kreis (Volk, Stamm, Sippe) von Menschen, sondern an alle Menschen schlechthin wenden. Universalreligionen bieten allen Menschen einen Heilsweg an, einen Weg, sich mit der Gottheit zu versöhnen, mit ihr eins zu werden und erlöst zu werden. Gemeinsam ist den Universalreligionen, daß sie danach streben, alle Menschen durch Überzeugung für sich zu gewinnen. d. Buch- oder Gesetzreligionen. Dazu gehören Hinduismus, Judentum, Christentum und Islam. Sie berufen sich in ihrem Glauben und bei ihren religiösen Traditionen und moralisch/ethischen Auffassungen auf schriftliche Urkunden: auf die Veden (Hinduismus), auf die Thora (Judentum), auf die Bibel (Christentum), auf den Koran (Islam). RU-Wissen und Meinung Islam Die Geschichte des Islam
um 570 (nach Chr.)
Mohammed wird in Mekka als Sohn einer verarmten Familie geboren.
622
"Hedschra", Flucht Mohammeds aus Mekka nach Medina.
630
Eroberung Mekkas durch Mohammeds Truppen.
632
Tod Mohammeds, Begräbnis in Medina.
643,644
Eroberung von Ägypten, Palästina, Syrien, Mesopotamien (Iran und Irak) und Persien.
653
Endredaktion des Koran
650 bis 720
Eroberung Nordafrikas und der iberischen Halbinsel (Spanien und Portugal).
732
Schlacht bei Tours und Poitiers: Sieg der europäischen Heere über die Araber durch Karl Martell.
1099 bis 1293
insgesamt 7 Kreuzzüge. Die Kreuzritterheere erobern Jerusalem.
1187
Jerusalem wird durch die Moslems zurückerobert.
1453
Konstantinopel (Istanbul), das Zentrum der Orthodoxen Kirche, wird von den Moslems erobert.
1526
Die Türken erobern Ungarn und bedrohen Wien.
ab 1550
Vordringen des Islam nach Indien und Indonesien.
1668
2. Belagerung Wiens und Bedrohung Mitteleuropas durch die Türken.
ab 1770 bis ca 1950 allmähliche Eroberung und Unterwerfung der moslemischen Völker in Nordafrika,
Saudi-Arabien, Indien, und im Vorderen Orient durch die Franzosen und Engländer. Starke Prägung des islamischen Welt durch die europäisch-christliche Kultur.
ab 1940
allmähliche Befreiung der moslemischen Staaten von der europäischen Vorherrschaft: Jordanien, Syrien, Ägypten, Algerien
ab 1900
Besiedlung Palästinas durch die Juden.
1948
Gründung des Staates Israel. Widerstand der arabischen Nationen. 1. arabisch- jüdischer Krieg.
1967 und 1973
Kriege der arabisch-moslemischen Staaten gegen Israel.
seit 1950
Langsames Vordringen des Islam nach Mittelafrika.
ab 1975
Zurückdrängen der westeuropäisch-christlichen Kultur in den islamischen Staaten. Erwachen des radikalen islamischen Fundamentalismus
1979
Machtübernahme Khomenis im Iran. Umwandlung des Iran zu einem fundamentalistisch-moslemischen Staat.
1980 bis 1988
Krieg Saddam Husseins (Irak) gegen den Iran.
1991
Golfkrieg RU-Wissen und Meinung Islam Das Leben des Mohammed 1. Mohammed wurde um das Jahr 570 n. Chr. in der Oasenstadt Mekka (Arabien) geboren. Als Waisenkind wuchs er unter der Obhut seines Onkels auf. Die islamische Tradition berichtet, daß Mohammed, als er sich zur Meditation in der Einsamkeit der Wüste befand, vom Erzengel Gabriel zum Propheten Allahs berufen wurde. Mohammed begann zu predigen und die Menschen zum Glauben an den einen wahren Gott zu rufen. Damit stellte er sich in Gegensatz zur polytheistischen Religion der arabischen Stämme. In Mekka wurde damals eine Vielzahl von Göttern verehrt. Religiöse Feste, Wallfahrten zu den Götterbildern am Heiligtum der Kaaba und die damit verbundenen Handelsmärkte bildeten wichtige Einnahmequellen für die Oberschicht der Stadt. Mohammeds Verkündigung des Glaubens an den einen wahren Gott führte zu Spannungen mit den einflußreichen Handelsfamilien in Mekka. Als er sich bedroht fühlte, floh er zu seinen Freunden nach Medina. Mit dieser Flucht (arab: hedschra) Mohammeds aus Mekka im Jahr 622 beginnt die islamische Zeitrechnung. 2. In Medina gelang es Mohammed, eine politische und religiöse Führungsposition einzunehmen und die arabischen Stämme, die dort um die Herrschaft stritten, zu einer Gemeinschaft (arab.: umma) zu vereinen und sie für seinen neuen monotheistischen Gottesglauben zu gewinnen. In der Folgezeit kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Bewohnern Mekkas. Mohammeds Sieg in der Schlacht bei Badr (624) über den zahlenmäßig überlegenen Gegner verstehen die Moslems bis heute als Gotteswunder und als Bestätigung seiner göttlichen Berufung. Die endgültige Eroberung Mekkas gelang Mohammed im Jahr 630. Er vernichtete alle Götterbilder und verpflichtete die Bewohner auf die neue Religion. In dieser Zeit festigte sich in Mohammed die Überzeugung, die ihm anvertraute Gottesbotschaft sei die einzig wahre Religion, nicht nur für die Araber, sondern für alle Menschen. 3. Mohammed bestimmte Mekka zum Mittelpunkt der neuen Religion, weil hier schon Abraham das "erste Haus" Gottes, die Kaaba, als Stätte der Verehrung des einen Gottes errichtet habe. Seit dieser Zeit orientieren sich alle Moslems in ihrer Gebetshaltung nach Mekka. Mohammed selbst lebte in Medina und heiratete dort zwölf Frauen, darunter eine Jüdin und eine Christin. Die ungewöhnlich hohe Zahl seiner Frauen begründete Mohammed mit einer besonderen göttlichen Erlaubnis. Am 8. Juni 632 starb Mohammed im Haus seiner Lieblingsfrau Aischa. Er wurde in Medina begraben. 4. Mohammed hat sich selbst immer als Diener und Prophet Gottes verstanden, der den Menschen die endgültige Offenbarung des einen, allmächtigen Gottes zu überbringen hatte. Er rief die Menschen zu einem streng religiös ausgerichteten Leben auf, das sich an den sittlichen Richtlinien des Koran zu orientieren habe. Mohammed fordert gegenüber dem allmächtigen Gott unbedingten Gehorsam, Unterwerfung und Hingabe (=islam). Gott duldet neben sich keine anderen Götter und ist zugleich der gütige Schöpfer und der barmherzige Richter. Mit dieser Botschaft übernimmt Mohammed Inhalte des jüdischen und christlichen Glaubens, die er in der Begegnung mit Juden und Christen in Arabien kennengelernt hatte. 5. Der Islam hat immer daran festgehalten, daß Mohammed nur ein Mensch war, dessen sich Gott bediente. (Aus diesem Grund wollen die Moslems auch nicht gerne "Mohammedaner" genannt werden). Im Laufe der Zeit entstanden viele Legenden um seine Person. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Überlieferung von seiner Himmelsreise. Auf einem himmlischen Reittier sei Mohammed von Mekka nach Jerusalem entrückt worden; von dort sei er durch sieben Himmel in das Paradies aufgestiegen, um die Herrlichkeit Gottes zu schauen. Neben solchen Legenden entstanden auch viele Gedichte und Loblieder, die Mohammed als großes Glaubensvorbild für die Menschen preisen. 6. Auch ohne Moslem zu sein, muß man die große geschichtliche Leistung und Bedeutung Mohammeds anerkennen. Ihm ist es gelungen, die damals zerstrittenen Völker Arabiens religiös und politisch in der "umma" (=Gemeinde) zu vereinen. Die Einheit von politischer und religiöser Führerschaft und die Einheit von Religion und Politik überhaupt, wie sie von Mohammed verkündet und praktiziert wurde, ist bis heute ein Wesensmerkmal des Islam geblieben. RU-Wissen und Meinung Islam Der Koran 1. Der Koran ist für die Moslems die grundlegende Quelle ihres Glaubens. Sie entnehmen diesem Buch Vorschriften, Hinweise und Anleitung darüber, wie sie sich in den verschiedenen Situationen ihres Lebens zu verhalten haben. Von klein auf werden sie mit seinem Inhalt vertraut gemacht. Auch nichtarabische Moslems sind angehalten, den Koran in seiner arabischen Urform zu lesen oder auswendig aufzusagen. 2. Die Moslems bezeichnen den Koran als das Wort Gottes. Ihrem Glauben nach wurde der ganze Text des Koran an Mohammed offenbart. Diese Offenbarung begann im Jahre 610 n. Chr. in der "Nacht der Bestimmung" und erstreckte sich über einen Zeitraum von 22 Jahren. Ein Engel (meist war es der Erzengel Gabriel) hat jeweils Teile des Koran, der Rede Gottes, dem Propheten mitgeteilt, indem er sie ihm Wort für Wort ins Ohr flüsterte. Mohammed gab diese Botschaften wortgetreu an seine Vertrauten weiter, die alles im Gedächtnis bewahrten und aufschrieben, zum Teil erst nach dem Tode Mohammeds. 3. Im Koran findet der Moslem alles, was ihn zu einem Gott wohlgefälligen Leben anleitet und damit auf das religiöse Leben vorbereitet. Der Koran enthält grundsätzliche Aussagen über
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die Glaubensüberzeugungen, wie den Glauben an Gottes Einheit, die Propheten und Gesandten, die
Engel und das Jüngste Gericht;
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die gottesdienstlichen Ordnungen, zu denen auch das Fasten im Monat Ramadan und die Wallfahrtsriten
bei der Pilgerfahrt nach Mekka gehören;
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die sozialgesellschaftlichen Ordnungen, insbesondere über das Familienrecht;
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die sittlich-ethischen Maßstäbe, an denen sich jeder Moslem zu orientieren hat. 4. Die Offenbarung Gottes ist nach Auffassung der Moslems nicht auf Mohammed und den Koran beschränkt. Gott hat sich davor schon dem Mose (Thora), König David (Psalmen) und auch Jesus (Evangelium) offenbart, die die Gottesworte ebenfalls aufschrieben. Jedoch hätten die Juden und Christen später diese Worte Gottes verfälscht und so stimme die Bibel nicht mehr mit der ursprünglichen himmlischen Offenbarung überein. Aus diesem Grunde habe Gott noch einmal einen Gesandten berufen, nämlich Mohammed, der nun im Koran die endgültige Gottesbotschaft für alle Menschen empfangen habe. 5. Beim Lesen des Koran begegnet man vielen Gestalten und Geschichten, die aus der Bibel schon bekannt sind: erwähnt werden Adam als der erste Mensch, Abraham, Mose, der Retter des jüdischen Volkes, König David, Johannes der Täufer, und Maria, die Mutter Jesu. Auch von Jesus selbst wird berichtet. Er wird allerdings nicht als Sohn Gottes bezeichnet (was für den gläubigen Moslem eine Beleidigung Gottes bedeutet), sondern als einer der großen Propheten und Gesandten Gottes, der die Aufgabe hatte, das Volk Israel wieder zum ursprünglichen Glauben zurückzuführen. Der Koran warnt die Moslems davor, in Jesus mehr als nur einen Menschen zu sehen, und bestreitet seinen Tod am Kreuz. Auch die Auferstehung Jesu wird im Koran nicht erwähnt. 6. Da für den Moslem der Koran das von Gott selbst inspirierte, von Gottes Engeln diktierte Wort ist, kommt ihm im Islam uneingeschränkte Autorität zu. Dem Moslem ist es nicht erlaubt, auch nur am kleinsten Buchstaben des Koran zu zweifeln, seine Entstehung zu hinterfragen, sich kritisch mit seiner Botschaft auseinanderzusetzen oder zu versuchen, seine Aussagen an Ergebnissen moderner Wissenschaft und Forschung zu überprüfen. Alles für den Menschen Wissenswerte liegt im Koran begründet. RU-Wissen und Meinung Islam Die fünf "Säulen" des Islam
Der Islam kennt fünf für jeden Moslem verbindliche Grundforderungen, die sogenannten "Säulen", auf die sich der Glaube des Moslem in der täglichen Praxis stützt. Sie sind (neben der Koranlektüre) das Band, das die Moslems aller Zeiten und aller Orten miteinander verbindet. 1. Die erste dieser Grundforderungen ist die Anerkennung der kurzen, einprägsamen Glaubensformel "Ich bezeuge, daß es keine Gottheit gibt außer Gott. Ich bezeuge, daß Mohammed der Gesandte Gottes ist." Außer dieser Glaubensformel gibt es im Islam kein weiter gefaßtes Glaubensbekenntnis. Wichtig ist dem Moslem vor allem die Abgrenzung gegenüber einem Glauben an viele Götter und die Disziplin, mit der der Glaube an den einen Gott im alltäglichen Leben im Gebet und in Übereinstimmung mit den sittlichen Normen vollzogen wird. 2. Die zweite dieser Säulen ist das tägliche, fünfmalige rituelle Gebet, das der Moslem vor Sonnenaufgang, am Mittag, am Nachmittag, zur Zeit des Sonnenuntergangs und vor dem Schlafengehen verrichtet. Durch das Gebet wird das Tagesgeschehen immer wieder unterbrochen, und der Mensch wird daran erinnert, daß er sein Leben vor Gott führen und verantworten muß. Die Moslems in aller Welt richten sich in ihrer Gebetshaltung nach Mekka aus, dem Ort ihrer zentralen Anbetung.
Die äußere Form dieses täglichen Gebets ist genau festgelegt.
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Die Vorbereitung: Waschen der Hände, des Gesichts, des Halses, der Füße;
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Das aufrechte Stehen vor Gott mit Blickrichtung auf Mekka
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Die Verbeugung als Zeichen der Demut;
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Die Niederwerfung als Zeichen der Selbsthingabe an Allah;
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Das Rezitieren von Koran-Versen im Sitzen und Knien;
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Der Friedensgruß: jeder Beter wünscht seinem Nachbarn Frieden. 3. Die dritte Säule: das Fasten im Monat Ramadan. Es ist für den Moslem neben dem täglichen Gebet das wichtigste Kennzeichen seines Glaubens. Von morgens bis abends nimmt er keine Speise und kein Getränk zu sich. Kranke, Alte, kleine Kinder und schwangere Frauen sind ausdrücklich vom Fastengebot ausgenommen. Alle anderen sollen mit dem Fasten und ihrer Selbstbeherrschung Gott ehren, sich ihm wieder zuwenden und täglich im Koran lesen und darüber meditieren. Der Ramadan soll den Gläubigen zu Geduld, zu Versöhnung und zu Barmherzigkeit befähigen. - Weil das islamische Jahr sich am Mondzyklus orientiert und nicht an der Sonne, beginnt der Ramadan im europäschen Kalender jedes Jahr elf Tage früher als im Vorjahr. 4. Die vierte Säule des Islam, die Armensteuer, regelt die karitativen Verpflichtungen des Moslem. Jeder Gläubige ist verpflichtet, von allen Teilen seines Vermögens einen gewissen Prozentsatz ihres Wertes, und zwar zwischen zweieinhalb und zehn Prozent, für Arme und Bedürftige abzugeben. Jeder Verdienst und Gewinn, die man als Geschenk Gottes ansieht, verpflichtet zu sozialer Hilfe. In einer Gemeinschaft, die vom Islam geprägt ist, soll es keine ungerechten Verhältnisse und keine notleidenden Menschen geben. 5. Die fünfte Säule des Islam ist die Verpflichtung eines jeden Moslem, einmal in seinem Leben an der Pilgerfahrt nach Mekka teilzunehmen, um dort am zentralen Heiligtum, der Kaaba, Gott anzubeten. Gut zwei Monate nach Ende des Ramadan beginnt die Wallfahrt. Sie ist für alle Moslems von großer religiöser Bedeutung. Denn sie soll ihr Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und ihnen bewußt machen, daß sie zur weltumspannenden islamischen Gemeinschaft, der umma, gehören. In ihr sind alle Moslems durch den Glauben an den einen wahren Gott über alle Standes- und Volkszugehörigkeit hinweg miteinander verbunden. Alle Riten der Wallfahrt sollen dem Moslem helfen, sein Leben Gott hinzugeben und nach den Geboten des Koran zu führen. RU-Wissen und Meinung Islam Recht und Gesetz im Islam 1. Recht und Gesetz haben im Islam eine große Bedeutung. Die Religion hat nach Auffassung der Moslems nicht nur die Aufgabe, den Menschen auf das Jenseits vorzubereiten, sondern sie soll den Gläubigen durch genaue Anweisungen und Verordnungen bei der Gestaltung des Lebens helfen. Die Gesamtheit aller islamischen Rechtsverordnungen und Lebensregeln nennt man Scharia. Sie umfaßt alle Aspekte der Lebenspraxis: Gottesdienstliche Ordnungen und rituelle Gebote, ethische Grundsätze für den Einzelnen, die Familie und die Gemeinschaft; sie enthält strafrechtliche und sozialpolitische Bestimmungen. Scharia bedeutet eigentlich "der Weg, der zur Oase führt". Wer Gottes Scharia folgt, kommt nicht in der Wüste um, sondern findet Wasser des Lebens. Deshalb ist das Bemühen des frommen Moslem darauf gerichtet, Gottes Gebote zu kennen, das Gute zu tun und das Böse zu meiden. Die Scharia bezieht sich nicht nur auf die Lebenspraxis der einzelnen Gäubigen. Sie ist in manchen islamischen Ländern auch Grundlage der staatlichen Ordnung und der Verfassung. Religion und Staat, Religion und Politik, Geistliches und Weltliches sind im Islam nicht getrennt und bilden keine Gegensätze. Sie durchdringen sich und bilden eine Einheit. 3. Die wichtigste Grundlage des islamischen Rechts ist der Koran. Nach seiner Flucht aus Mekka im Jahr 622 übernahm Mohammed die religiöse und politische Führung der Stadt Medina. Er erließ Gesetze und Verordnungen, die im Koran niedergeschrieben und von da an für alle Moslems verbindlich wurden. Zu diesen rechtlichen Bestimmungen des Koran kamen im Laufe der islamischen Geschichte andere hinzu. Tausende von Aussprüchen und Berichten wurden im Laufe der Zeit außerhalb des Koran gesammelt, um jeden einzelnen Fall des täglichen Lebens zu erfassen und zu regeln, von der Politik bis zur Hygiene, von Bestimmungen über die Durchführung geschäftlicher Verhandlungen bis zu den Tischsitten. In der Sunna (= Tradition, Brauch) wurden diese Rechtsverordnungen niedergelegt. 4. Die Lebensanweisungen und gesetzlichen Bestimmungen des Koran und der Sunna sind ganz auf das Leben der Moslems in einer islamischen Gemeinschaft zugeschnitten. Sie spiegeln die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen der Zeit wider, in der der Islam entstand. Nicht ganz einfach ist es daher, aus der Scharia verbindliche Anweisungen für alle Fälle des modernen Lebens zu gewinnen. Moslems, die z.B. in europäischwestlich Gesellschaftsordnungen leben müssen, haben meist Schwierigkeiten, in Übereinstimmung mit den religiösen Vorschriften zu leben. Vor allem im Blick auf die Einhaltung der rituellen Gebete und der Befolgung der Speisegebote und -verbote kann es zu Konflikten im Alltag des Moslem kommen; nicht zuletzt auch im Blick auf die meistens sehr strenge, patriarchalische Ordnung in Ehe und Familie und bei der Erziehung der Kinder, vor allem der Töchter. 5. Viele der Rechtsbestimmungen von Koran und Sunna sind für das westliche Rechtsempfinden unannehmbar: z.B. die Tötung durch Steinigung bei Unzucht und das Abschlagen einer Hand bei Diebstahl. Diese rigorosen Strafen, die der Koran vorschreibt, dienen nach islamischem Verständnis der Abschreckung und werden nur in sehr wenigen Ländern ausgeführt. 6. Überall in der islamischen Welt wurden in den letzten Jahrzehnten überkommene Einstellungen und Verhaltensweisen in Frage gestellt, besonders dort, wo es zu einer stärkeren Begegnung mit westlich- europäischer Lebensweise gekommen war. Von vielen Moslems wird der Einfluß der westlichen Kultur und des freiheitlichen Rechts auf den Islam sehr kritisch gesehen und in letzter Zeit immer stärker bekämpft. Man befürchtet die Überfremdung des Glaubens durch die Übernahme zweifelhafter westlicher Werte und Normen und damit die langsame Auflösung und Zersetzung moslemischer Traditionen und Lebensformen. In manchen Ländern hat das dazu geführt, daß der Einfluß von radikal und fundamentalistisch denkenden religiösen Führern (Mullahs, Ayatollahs) stark gewachsen ist. In allen moslemischen Ländern kann man ein Wiedererwachen des orthodoxen, konservativen Islam bemerken, von dem auch islamische Organisationen in Deutschland erfaßt werden. RU-Wissen und Meinung Islam Ehe und Familie im Islam 1. Für die Moslems ist die Familie die Keimzelle der menschlichen Gemeinschaft. Allah selbst hat ihr diese zentrale Bedeutung in der gesellschaftlichen und religiösen Ordnung gegeben. Mann und Frau haben den gleichen Rang vor Gott, sind mit derselben Würde geschaffen und haben die gleichen Lebensrechte. In der gesellschaftlichen Ordnung jedoch hat Gott ihnen unterschiedliche Rechte und Pflichten gegeben. So hat jede Frau Anspruch auf Versorgung und standesgemäßen Lebensunterhalt. Der Mann hat dementsprechend eine Schutz- und Versorgungspflicht gegenüber seiner Familie. Er hat dem Koran zufolge das Recht, bis zu vier Ehefrauen zu heiraten. Im Koran heißt es: "Heiratet ... zwei, drei oder vier. Wenn ihr aber fürchtet, so viele nicht gerecht behandeln zu können, dann nur eine" (Sure 4,3). In dieser Forderung nach gerechter Behandlung wird von vielen Auslegern eine Tendenz zur Einehe gesehen. (In der Türkei und in Tunesien ist die Mehrehe gesetzlich verboten.) Dem Islam ist der Gedanke fremd, daß Sexualität Sünde sein könnte; sie gehört zu den guten Gaben Gottes, soll aber nur in der Ehe verwirklicht werden. Abtreibung und Empfängnisverhütung sind untersagt. Eine Ehescheidung kann nur durch den Mann veranlaßt werden. 2. Das Leben in Ehe und Familie ist in den traditionell islamischen Ländern im allgemeinen durch die patriarchalische Ordnung bestimmt. (Patriarchalisch nennt man eine Gesellschaftsordnung, in der der Mann gegenüber der Frau eine Vorrangstellung einnimmt). So wird z.B. dem Mann ein Züchtigungsrecht gegenüber der Frau zuerkannt: "Die Männer stehen den Frauen vor, weil Gott sie ausgezeichnet hat. Und wenn ihr fürchtet, daß die Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie" (Sure 4, 34). In der islamischen Welt werden diese Sätze sehr unterschiedlich gedeutet und gehandhabt. Manche verweisen darauf, daß Mohammed selbst bei seinen zwölf Frauen vom Züchtigungsrecht nie Gebrauch machte. Manche Bestimmungen des Koran wurden für den Alltag im Sinne der männlichen Vorrangstellung noch verschärft. Nach Sure 2, 282 des Koran gilt in bestimmten Fällen die Zeugenaussage von zwei Frauen vor Gericht soviel wie die eines Mannes. Daraus entwickelte sich die Vorstellung, daß Frauen im öffentlichen Leben nur halb soviel Gewicht haben wie Männer. Ähnlich verhält es sich mit dem Gebot der Verschleierung und des Kopftuchtragens. In manchen islamischen Ländern gilt es als schweres Vergehen gegen Gottes Gebot, wenn Frauen unverschleiert gehen. Der ursprüngliche Korantext verlangt von den Frauen aber nur, daß sie sich "anständig" anziehen, um sich vor Belästigungen zu schützen. 3. Vorschriften für das Verhalten in der Öffentlichkeit gibt es meist nur für Frauen und Mädchen. Bei Mädchen wird die Jungfräulichkeit und bei Frauen die Zurückhaltung besonders hoch eingeschätzt. Daraus folgt eine starke Trennung der Geschlechter und die faktische Beschränkung des Lebenskreises der Frau auf das Haus. Gesellschaftlich anerkannt wird die Frau meist erst dann, wenn sie verheiratet ist und Mutter wird, vor allem, wenn sie Söhne hat. Es muß aber beachtet werden, daß sich die islamischen Länder im Blick auf die Stellung der Frau stark unterscheiden. In manchen islamischen Ländern ist z.B. der Ausbildungsstand der Frauen sehr hoch und ihr Anteil unter den Hochschullehrern sogar größer bei uns. 4. Leben moslemische Familien als Minderheit in einer nichtislamischen Gesellschaft, kann es zu Spannungen zwischen der traditionellen islamischen Auffassung von Ehe und Familie und den Einstellungen und Erwartungen der Umwelt kommen. Konflikte zwischen Eltern und Jugendlichen sind häufig die Folge. Türkische Mädchen z. B. sind auch in Deutschland den Sitten ihres Heimatlandes weitgehend unterworfen. Viele Eltern verbieten alle Kontakte mit Jungen und die Teilnahme an Schulveranstaltungen, die zu Konflikten mit den überkommenen Sitten führen könnten. Die moslemische Frau erlebt in der Minderheitssituation oft eine doppelte Isolation. Erstens ist sie, falls sie nicht berufstätig ist, von der Außenwelt abgeschnitten. Zum andern findet sie hier auch nicht die Geborgenheit in der traditionellen Frauengemeinschaft wie in der islamischen Heimat. RU-Wissen und Meinung Islam Jenseitsvorstellungen im Islam 1. Der Islam enststand im 7. Jhdt. n.Chr. in Arabien. Seine Wurzeln liegen z.T. in den religiösen Traditionen nomadischer Wüstenvölker, im besonderen aber im Judentum und Christentum. Die Glaubensinhalte des Islam sind niedergelegt im Koran, der auf den Propheten Mohammed zurückgeht. 2. Nach den Vorstellungen des Islam bringt der Tod für den Menschen nicht das Ende wie bei den Tieren, sondern mit ihm beginnt ein ewiges Leben. Tod bedeutet im Koran die Trennung der Seele vom irdischen Körper, doch nimmt im ewigen Leben die Seele wieder körperliche Form an. Der Mensch ist in Wirklichkeit für das ewige Leben geschaffen worden, das diesseitige Leben ist nur eine Vorstufe des ewigen. Beide Lebensetappen stehen allerdings in engem Zusammenhang, da der Mensch sich für sein irdisches Leben vor Gott verantworten muß. Alles, was der Mensch tut, denkt und sagt, wird von Gott aufgenommen und bewahrt und bewertet. Falls er gute Taten begangen hat, wird sein Körper im Jenseits heller und schöner sein, und falls er die Gebote Gottes nicht geachtet hat, wird sein Körper dunkler und häßlicher. Auch im Jenseits wird der Mensch seine Individualität behalten. Andere Menschen, Bekannte und Verwandte wird er wiedersehen und wiedererkennen. 3. Das Leben nach dem Tode wird zwei Stufen haben. Zunächst befinden sich alle Menschen in einem Zwischenzustand, sie werden im "Grab" sein, in einem noch nicht vollendeten Zustand. Bevor die Menschen dann zum ewigen Leben erweckt werden, wird zunächst das All völlig zerstört werden. Der Erdball wird in Trümmer zerschlagen, die Sterne werden ausgelöscht. Die Erde wird in eine andere Erde und der Himmel in einen anderen Himmel verwandelt. Wann diese Zerstörung eintreffen wird, weiß niemand. Erst dann werden die Verstorbenen auferweckt und aus ihren Gräbern hervorkommen. Der Tag des Gerichtes, der Tag der Abrechnung, der Vergeltung ist da. Alle Menschen, die je gelebt haben, werden dann vor Allah zusammengerufen, und jeder wird nach seinen Taten beurteilt werden. Keinem Menschen wird Allah Unrecht tun. 4. Die Menschen werden in zwei Gruppen geschieden. Der einen Gruppe werden die angehören, die an Gott geglaubt haben, die seine Gebote achteten und den Mitmenschen Gutes taten. Zur zweiten Gruppe gehören die Ungläubigen, die von Gott zunächst zur Hölle verdammt werden. Da müssen sie für ihren Unglauben büßen, werden aber durch die Buße geläutert und gereinigt. Die Höllenstrafe ist allerdings nicht für ewig, sondern Allah wir sich der Verdammten erbarmen und sie nach ihrer Läuterung ins Paradies rufen, wo sich schon die befinden, die an Allah glaubten und seine Gebote hielten. 5. Das Paradies ist ein Ort von Freude und Glückseligkeit. "Darin sind Bäche aus unverderblichem Wasser und Ströme von Milch, von Wein und von Honig. Die Bekleidung werden sowohl Gewänder aus grüner, leichter Seide, wie auch Brokatgewänder sein, und geschmückt werden sie sein mit Armspangen und Silber. ... Darin werden sie behaglich auf Polstern liegen, die mit Brokat gefüllt sind. ... Da sind weibliche Wesen, keuschen Blicks. Kein Mann hat sie je vor ihnen berührt, als wären sie Rubine und Korallen." (Aus dem Koran) 6. Die höchste Belohnung aber, die ein Mensch im Paradies bekommen kann, ist das Wohlgefallen Gottes. Dieses zu erlangen, bemüht sich der Mensch auch noch im Paradies. Da jeder Mensch sich seiner irdischen Entwicklung entsprechend im Paradies auf einer bestimmten Stufe befinden wird, kann und wird er sich von einer niederen zu einer höheren Stufe entwickeln, ein Prozeß, der ewig fortdauert und nie ein Ende haben wird. RU-Wissen und Meinung Islam Moslems bei uns 1. In Deutschland leben heute (1992) etwa 2 Millionen Menschen islamischen Glaubens, davon sind ca. 1,3 Millionen türkischer und ungefähr 100.000 jugoslawischer Herkunft. Daß diese Moslems bei uns leben, ist nicht etwa Ergebnis gezielter religiöser Ausbreitung des Islam, sondern die Folge wirtschaftlich und politisch bedingter Zuwanderungen, vor allem der Anwerbung von Arbeitskräften in den sechziger Jahren. 2. Manche moslemische Familien leben seit vielen Jahren bei uns und haben sich, äußerlich gesehen, in unsere Gesellschaft integriert. Dennoch sehen sie sich einer Umwelt gegenüber, die ihren religiösen Sitten und Lebensgewohnheiten wenig Verständnis und Rücksicht entgegenbringt. Die Zeiten für das rituelle Gebet, Speiseregeln, Kleidung, islamisches Verhalten in Familie und Öffentlichkeit, all das ist für Moslems bei uns nicht mehr selbstverständlich wie in ihrer Heimat. Viele Moslems sehen in den Gesetzen der Arbeitswelt und in unserer säkularisierten Gesellschaft mit ihrem Konsum und Freizeitangebot eine Bedrohung ihrer Religiosität. 3. Viele reagieren darauf, indem sie ihre Zugehörigkeit zum Islam betonen und sich streng an die traditionellen Regeln halten. Der deutschen Bevölkerung erscheinen solche religiös gebundenen, sich deutlich von ihrer Umwelt absetzenden und abkapselnden moslemischen Familien fremd. Da sie nicht zu einer Integration bereit sind, werden sie von der deutschen Gesellschaft als Störfaktor empfunden. Für andere Moslems spielt der Islam als praktizierte Religion nur noch eine geringe oder gar keine Rolle mehr. Sie sind höchstens noch im kulturellen Sinn als Moslems zu bezeichnen. Häufig begegnet man bei ihnen scharfer Kritik am Islam, der als rückständig und autoritär beurteilt wird. 4. Vielen moslemischen Eltern machen die deutschen Schulen mit ihrer offenen Erziehung (Koedukation) und die religiöse Gleichgültigkeit großer Teile der Gesellschaft Sorge. Sie möchten ihren Kindern die islamischen Glaubensüberzeugungen und Lebensformen weitergeben. Deshalb schicken sie ihre Kinder in Korankurse, wo sie die wichtigsten Suren auf arabisch lernen und mit den Grundregeln islamischen Lebens vertraut gemacht werden. Manche Kinder kommen dadurch in innere Konflikte, weil in manchen Moscheen ein rigoroser, intoleranter Geist herrscht und sie dort zur Distanz zu ihrer Umgebung erzogen werden. Erziehungsformen und Erziehungsziele mancher Koranschulen entsprechen nicht den Grundlagen unserer Verfassung, besonders nicht im Blick auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau. 6. Unter den moslemischen Jugendlichen wird die Zahl derer immer größer, die sich dem Verhalten und dem Denken ihrer deutschen Altersgenossen angleichen. Das führt zu Konflikten mit den Eltern, besonders bei den Mädchen. Ausländische moslemische Jugendliche haben es immer noch besonders schwer, zu einer ordentlichen Berufsausbildung zu kommen und einen Arbeitsplatz zu finden. 7. Immer häufiger werden bei uns Ehen zwischen Moslems und Christen geschlossen. In der Mehrheit dieser Fälle heiratet ein moslemischer Mann eine christliche Frau, da es einer moslemischen Frau nicht erlaubt ist, einen christlichen Mann zu heiraten. (Ein Übertritt der Frau zur Religion ihres Mannes wird nicht ausdrücklich vom Koran verlangt.) In solchen Ehen kommen die vielfältigen Probleme der Begegnung zweier Religionen und Kulturen besonders stark zum Ausdruck: die unterschiedlichen Rechtssysteme, die unterschiedlichen Vorstellungen von Familie und Erziehung usw. Für die Frau, die einen Moslem heiratet, ist entscheidend, ob die Ehe in Deutschland oder in einem islamischen Land geführt wird. Im letzteren Fall muß die Frau damit rechnen, daß sich ganz in das gesellschaftliche und religiöse Gefüge ihrer neuen Heimat einordnen muß. Bei einem Scheitern der Ehe kann sie sich nicht scheiden lassen und in ihre Heimat zurückzukehren. Es ist für eine moslemische Familie selbstverständlich, daß die Kinder aus solchen Mischehen moslemisch erzogen werden. RU-Wissen und Meinung Jesus Jesus: Zur Biographie 1. Die einzigen Quellen, aus denen wir etwas über das Leben Jesu erfahren, sind die vier Evangelien. Die biographischen Daten, die uns diese Evangelien überliefern, sind aber sehr dürftig und unsicher. Der Theologe Albert Schweitzer hat darum in seinem Buch "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" die These vertreten, daß es überhaupt unmöglich sei, eine Biographie Jesu zu schreiben, die diesen Namen verdiene. Anfang dieses Jahrhunderts wurde sogar behauptet, Jesus habe es nie gegeben; er sei eine Erfindung der Kirche, eine Märchenfigur sozusagen. Solche Behauptungen haben sich aber längst als unhaltbar erwiesen. 2. Tatsache ist, daß wir vom Leben Jesu sehr wenig Gesichertes wissen. Die Evangelien, erst 30 bis 60 Jahre nach seinem Tod aufgeschrieben, sind nicht an der Überlieferung historischer Daten interessiert, sondern wollen mit ihren Berichten den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus bezeugen und wecken. Alle Evangelienberichte, die sich z.B. um die Geburt Jesu ranken, tragen stark legendenhaften Charakter und wollen der Verkündigung dienen: die wunderbare Jungfrauengeburt (Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott); die Geschichte von der Geburt Jesu in Bethlehem Lk 2 (im göttlichen Kind schenkt Gott der Welt seinen Frieden, ja sich selbst); die Berichte von den Weisen aus dem Osten (der ganze Erdkreis betet den Sohn Gottes an). An historischen Fakten sind diese Berichte wenig interessiert. So wird z.B. nirgends das genaue Datum der Geburt Jesu überliefert. Der 24./25. Dezember wurde als Feier der Geburt Jesu erst sehr spät im 4. Jhdt. von der West-Kirche festgelegt. 3. Darüber, wie Jesus seine Jugend und die Jahre als junger Mann verbrachte, wissen wir kaum etwas. Fest steht, daß Jesus Schwestern und Brüder hatte, daß er in Nazareth in Galiläa aufwuchs und das Lesen und Vorlesen der heiligen Schriften erlernte. Ob Jesus außer seiner aramäischen Muttersprache andere Sprachen erlernte (etwa das damals weitverbreitete Griechisch), ist nicht bekannt. Er gehört jedenfalls zu den weisen, großen Gestalten der Geistes- und Religionsgeschichte, die uns keine schriftlichen Aufzeichnungen über ihre Vorstellungen und Gedanken hinterlassen haben. 4. Daß Jesus als Zimmermannssohn im Beruf seines Vaters ausgebildet wurde, ist eine bloße Vermutung. Aus seinem späteren Auftreten und aus Analysen seiner Reden und ergibt sich, daß Jesus nicht in den höheren Schichten der Bevölkerung erzogen wurde, sondern ein Mann des einfachen Volkes war und blieb. 5. Konkretes über Jesu Lebensweg berichten die Evangelien von dem Zeitpunkt an, als er sich mit etwa 30 Jahren von Johannes dem Täufer taufen ließ und seine Familie und seine Heimatstadt Nazareth verließ. Mit einer wechselnden Zahl von Jüngern und Jüngerinnen zog Jesus predigend durch das Land. Von vielen Menschen wurde er wegen seiner Wunder- und Heilungstaten verehrt. 6. Die Tätigkeit Jesu als Verkünder des anbrechenden Gottesreiches dauerte nach Angaben der Evangelien nicht viel länger als drei Jahre. Sie weckte Mißtrauen bei den offiziellen Vertretern der jüdischen Religion und wohl auch bei der römischen Besatzungsmacht. Jesus wurde verhaftet und auf Betreiben jüdischer Behörden vor ein römisches Gericht (Pontius Pilatus) gestellt und zum Tode verurteilt. Drei Tage vor Beginn des jüdischen Passahfestes, wahrscheinlich im Jahr 30 unserer Zeitrechnung, wurde Jesus gekreuzigt. 7. Manche gläubige Christen können die Ergebnisse der kritischen Erforschung des Lebens Jesu nicht teilen und sehen sich dadurch in ihrer Glaubensgewißheit angefochten. Zu fragen ist aber, ob christlicher Glaube sich auf (unsicher überlieferte) historische Fakten gründen kann und darf und ob nicht allein das Bekenntnis zu Christus, dem Gottessohn, den christlichen Glauben ausmacht. RU-Wissen und Meinung Jesus Jesus: Der Tod Jesu 1. Als historisch gesichert kann betrachtet werden, daß Jesus um das Jahr 30 unserer Zeitrechnung drei Tage vor dem jüdischen Passahfest in Jerusalem als etwa 33 jähriger Mann am Kreuz hingerichtet wurde. Die Kreuzigung war zu damaliger Zeit eine Hinrichtungsart, mit der die Römer vor allem Deserteure und politische Rebellen bestraften. So sollen z.Zt. der Geburt Jesu mehr als 2000 jüdische Aufständische und Widerstandskämpfer von den Römern in den Bergen um Jerusalem gekreuzigt worden sein. Daß Jesus hingerichtet wurde gilt als gesichert, nicht aber der Grund oder der Anlaß, die zu seiner Verurteilung führten. Die Tatsache, daß Jesus nach römischer Tradition den qualvollen Tod am Kreuz sterben mußte, scheint darauf hinzuweisen, daß Jesus von der feindlichen römischen Besatzungsmacht als eine Gefahr angesehen wurde und daß es hauptsächlich im Interesse der Römer lag, Jesus zu beseitigen. Allerdings läßt sich diese Vermutung nicht mit dem in Einklang bringen, was die Evangelien über Jesus berichten. Nirgendwo wird erwähnt, daß Jesus als Widerstandskämpfer gegen die Römer aufgetreten wäre. Dagegen läßt sich an den Evangelien aufweisen, daß Jesus immer wieder mit den jüdischen religiösen und politischen Institutionen in Konflikt geriet. Er wurde von seinen Gegnern heftig bekämpft, weil er sich nicht an die religiösen Überlieferungen des Judentums hielt. Sein Anspruch, im Namen Gottes zu reden, brachte ihm den Vorwurf der Gotteslästerung ein. Man hielt ihn für einen fanatischen, vom Satan besessenen Irrlehrer, für einen falschen Propheten und Tempelschänder. 2. Nach den Evangelienberichten war es der Hohe Rat, die höchste jüdische religiöse Instanz, der Jesus zum Tode verurteilte. Diese Darstellung muß bezweifelt werden, da solch ein Verfahren den damaligen juristischen und prozessualen Gegebenheiten widersprochen hätte. Die Darstellung der Evangelien, daß der jüdische Hohe Rat und nicht die Römer Jesus zum Tode verurteilt habe, läßt sich aus der Tendenz mancher Evangelienberichte erklären, vor allem den Juden die Schuld am Tode Jesu zuzuschieben. 3. Jesus selbst hat seinen Tod vorausgesehen und hat seinen Jüngern gegenüber immer wieder von seinem Tod gesprochen. Er deutet seinen Tod - wie später auch die christliche Kirche - im Blick auf das Alte Testament. Jesus empfindet ihn nicht als "Schicksal", sondern als Ziel und Sinn seines Lebens, als ein von Gott ihm auferlegtes Leiden. Er sieht sich in der Reihe der für Gott und für andere Menschen stellvertretend verfolgten, leidenden und sterbenden Propheten. 4. Den Gedanken des stellvertretenden Leidens Jesu nimmt die Kirche auf und deutet Jesu Tod als "Lösegeld für viele" (Mk 10,45). Sein Tod ist ein Sühneopfer, das er für die Sünden der Menschen darbringt. Er nimmt stellvertretend die Strafen auf sich, die die Menschen für ihre Sünden verdient hätten. Jesus stirbt nicht in Verzweiflung und Resignation, sondern indem er sich bewußt opfert und die Menschen "durch sein Blut" mit Gott versöhnt. Ein für allemal und für die Menschen aller Zeiten ist Jesus in den Sühnetod gegangen. Gegen diese theologische Deutung des Todes Jesu als Sühnetod gibt es in letzter Zeit Einwände, vor allem von Seiten der feministischen Theologie. Ist Gott ein blutrünstiger Tyrann, dessen Zorn nur durch Tod und Blutvergießen und das grausame Leiden eines Menschen gestillt werden kann? 5. Jesu Kreuzestod ist auch so verstanden worden, daß in Jesus, dem Gottessohn, Gott selbst am Kreuz stirbt. Gott selbst begibt sich in die tiefste Tiefe des Menschen, in seine Angst, in sein Leiden hinein, um seine Liebe für alle leidenden und mißhandelten Menschen zu zeigen und damit gegen Gewalt, Folter, Grausamkeit und Unmenschlichkeit zu protestieren. Gott selbst solidarisiert sich am Kreuz mit allen, die in Not, Elend, Unterdrückung und Erniedrigung leben und sterben. Mit jeder Grausamkeit, die ein Mensch dem anderen zufügt, mit jedem Haßgefühl und intolerantem Verhalten dem anderen gegenüber, wird Jesus noch heute gekreuzigt und Gott getötet. Jesu Tod ist damit kein abgeschlossenes, vergangenes Ereignis der Geschichte, sondern ist gegenwärtige Realität. RU-Wissen und Meinung Jesus Die Auferstehung Jesu 1. Grundlage des christlichen Glaubens, daß Gott Jesus von den Toten hat auferstehen lassen, sind die Berichte in den Evangelien und im Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Sie bezeugen, daß Jesus nach seiner Grablegung nicht im Grab blieb, sondern vielen Gläubigen lebendig begegnete. Nach dem Bericht der Evangelien waren es zunächst einige Frauen, die entdeckten, daß das Grab Jesu leer war, denen die Auferstehung verkündet wurde und die dem lebendigen Jesus begegneten. Sie erhielten den Auftrag, den Jüngern die Auferstehung Jesu zu verkünden.
Den vermutlich ältesten neutestamentlichen Bericht von der Begegnung des lebendigen Christus mit seinen Jüngern finden wir im 15. Kap. des 1. Korintherbriefes. Demnach ist Jesus nach seiner Auferstehung aus dem Grab zunächst dem Apostel Petrus erschienen, dann allen Jüngern, schließlich "500 Brüdern" auf einmal. 2. Die Evangelien wie auch Paulus wollen einen Eindruck vermitteln von der Wirklichkeit des Auferstandenen. Sie bestreiten, die Begegnungen mit Jesus seien nur menschlicher Phantasie entsprungen. Jesus lebt wirklich, der Auferstandene ist kein Gespenst, sondern lebendige Realität. Er läßt sich von den Jüngern berühren, er redet mit ihnen und bricht mit ihnen das Brot. Unverkennbar sind diese Berichte geschrieben, um den Glauben an den auferstandenen Christus zu wecken und zu festigen, nicht aber aus rein historischem Interesse. Alle Berichte verstehen Jesu Auferstehung nicht als Rückkehr eines Toten ins irdische Leben, sondern als Eingehen in ein neues, unvergängliches Leben. 3. Schon die Jünger hatten Schwierigkeiten, den Berichten der Frauen zu glauben. "Es erschienen ihnen diese Worte als wäre es Geschwätz" (Lk. 24, 11). Die Reaktion der Jünger auf das Osterzeugnis also ist zunächst nicht Glauben, sondern Erschrecken, Unglaube und Zweifel. Die NT-Berichte deuten an, daß man auch außerhalb der christlichen Gemeinde schon damals dem Auferstehungsglauben mit Ablehnung und Spott begegnete. Man behauptete, daß das Grab einfach nur deswegen leer gewesen sei, weil der Leichnam Jesu gestohlen worden sei. 4. Auch heute noch ist die Auferstehung Jesu eine der umstrittensten Fragen des christlichen Glaubens. Ist sie ein historisches, sozusagen photographierbares Ereignis gewesen? War Jesus wirklich tot? Hat Gott selbst durch die Auferweckung Jesu die Naturgesetze vom Werden und Vergehen außer Kraft gesetzt? Oder sind die Auferstehungsberichte in einem übertragenen Sinne zu verstehen? Der evangelische Theologe R. Bultmann formulierte, daß Jesu Auferstehung kein historisch verstehbares und erforschbares Ereignis gewesen sei, sondern daß Jesus in den Glauben der Gemeinde auferstanden sei und in ihr als eine lebendigmachende Kraft wirke. 5. Die Botschaft von der Auferstehung Jesu und aller Toten war und ist für das menschliche Denken, auch für das Nachdenken des Glaubens, schwer anzunehmen. Der menschlichen Vernunft und den menschlichen Erfahrungen scheint sie zu widersprechen. Die Berichte vom leeren Grab und den Erscheinungen Jesu selbst können da nicht weiterhelfen, denn sie können keineswegs als für alle Menschen nachvollziehbare Beweise für die Auferstehung Jesu angesehen werden. Augenzeugen der Auferstehung Jesu selbst gibt es außerdem nicht, denn über den Vorgang der Auferweckung selbst schweigen die biblischen Berichte. Nicht dem Denkenden, am Verstand orientierten Menschen eröffnet sich die Auferstehungsbotschaft, sondern nur dem, der dieser Botschaft schon mit dem Glauben an die Macht Gottes begegnet. 6. Christen sehen in der Auferstehung Jesu den Anfang der Auferweckung aller Menschen aus dem Tod: Jesus ist der "Erstling" aller, die auferstehen. Wer der Auferstehung Jesu vertraut, bekommt Hoffnung auf seine eigene Rettung aus dem Tod und damit Anteil an der Auferweckung Jesu. Wie Gott Christus aus dem Tode aufweckte, so wird er auch alle, die an ihn glauben, nicht im Tode belassen. Die Auferweckung Jesu bedeutet den Beginn einer neuen Schöpfung, in der nicht mehr Leiden und Tod Macht über den Menschen haben, sondern allein der lebenschaffende Gott. Dieses neue Leben "in Christus" beginnt schon jetzt und verwandelt Hoffnungslosigkeit in Hoffnung. Das Heil des Menschen hängt ab von Jesu Auferweckung aus dem Tod: "Wenn Christus nicht auferstanden ist, so ist unsere Verkündigung leer und unser Glaube vergeblich" (1.Kor. 15,14). RU-Wissen und Meinung Jesus Die Gleichnisse Jesu 1. Es gehört zu den wenigen gesicherten Erkenntnissen über die Person Jesu, daß er in seinen Reden und Predigten eine bilderreiche, dem Alltagsleben nahe Sprache verwendete. Er gebrauchte längere Gleichniserzählungen, oft auch nur kurze, treffende Vergleiche, um seine Zuhörer oder Gesprächspartner in anschaulicher und einprägsamer Weise zu belehren, zu überzeugen oder zurechtzuweisen. Sprache und Bilder der Gleichnisse Jesu stammen durchweg aus dem Alltag der Menschen. Dabei hat Jesus überwiegend das Leben des Bauern, der Hausfrau, des Fischers usw. im Blick; weniger den Lebensbereich der gesellschaftlichen Oberschicht, der Intellektuellen und Gebildeten. Seine Sprache und Redeweise wird dadurch einfach und einprägsam. 2. Viele Gleichnisse sind in ihren Bildern stark an die vorindustrielle Lebenswirklichkeit der Zeit Jesu gebunden, so daß sie zu möglichen Alltagserfahrungen im technisch-wissenschaftlichen Zeitalter nur geringe Verbindungen aufweisen. Dennoch: Viele von ihnen wirken auf uns auch heute noch, weil sie den Urbildern entsprechen, die wir alle in unserer Seele, im Unbewußten tragen. Dazu gehören z. B. die Bilder vom Acker, vom Saatgut, vom Baum, von der kostbaren Perle, von der Münze usw. 3. Inhaltlich gesehen geht es bei den Gleichnissen fast ausschließlich um das zentrale Thema der Botschaft Jesu: um die Verkündigung der kommenden Gottesherrschaft. Jesus erwartet und verkündet die Ablösung der bisherigen Geschichte durch das weltumspannende Reich Gottes. Er rechnet mit dem großen Umschwung in seiner Generation. Zwar steht seine volle und weltweite Verwirklichung noch aus, aber es ist schon nahe da, es ist eigentlich schon angebrochen, wenn auch noch im Verborgenen. Das Reich Gottes beginnt unscheinbar und klein. So vergleicht Jesus das Reich Gottes mit einem Senfkorn, also dem sprichwörtlichen kleinsten Samen, aus dem freilich ein