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Themen des RU
Begriffserklärungen zum Thema Parapsychologie
PARAPSYCHOLOGIE versteht sich als die Wissenschaft, die okkulte Phänomene (= übersinnliche
Erscheinungen) zu erforschen und zu erklären versucht. Sie beschäftigt sich mit spontanen Erlebnissen
(Ahnungen, Wahrträume, Visionen, Spuk), mit Telepathie (Gedankenlesen), Präkognition (Hellsehen) und
Telekinese. Bisher ist es der Parapsychologie noch nicht gelungen, die Phänomene, mit denen sie sich
befaßt, wissenschaftlich exakt zu beschreiben, zu erklären oder experimentell zu bestätigen. Sie ist daher
als Wissenschaft äußerst umstritten.
OKKULTISMUS: Unter Okkultismus versteht man die praktische Beschäftigung mit geheimen,
verborgenen, nicht erklärbaren Kräften, die die gewohnten Gesetzmäßigkeiten zu durchbrechen scheinen
und die als "übernatürlich" angesehen werden.
Okkulte Praktiken sind Verfahren, durch die man mit dem
Übersinnlichen, dem Teufel, mit Verstorbenen
oder "Geistern" in Verbindung zu treten versucht. Man wendet solche okkulten Praktiken an, um
verschwundene Personen und verborgene Dinge aufzufinden, die Zukunft zu entschleiern, Ratschläge von Wesen einer "höheren Welt" zu empfangen und um "kosmische" Kräfte zu beherrschen und für sich
dienstbar zu machen, z.B. um Krankheiten zu heilen. Zu diesen Praktiken gehören z.B.: Gläserrücken;
automatisches Schreiben mit dem Tisch; Pendeln über dem Alphabet oder über Gegenständen; Handlesen
(Chirologie); Kartenlegen (Tarot); Kristallsehen.
SPIRITISMUS: Der Spiritismus beruht auf der Annahme, daß der Mensch nach seinem physischen Tod in
einer geistigen Welt weiterlebt und daß besonders begabte Menschen (sog. Medien) die Fähigkeit besitzen,
mit den Geistern der Verstorbenen in Kontakt zu treten und auf diesem Wege Botschaften aus dem Jenseits
zu empfangen. Es wird behauptet, daß sich die Geister durch Klopfgeräusche, durch automatisches
Schreiben, durch Trancereden des Mediums oder neuerdings auch durch Tonbandeinspielungen äußern.
SATANISMUS: Im Satanismus wird Satan als Gottheit verehrt. In seinen Riten mischen sich pervertierte
religiöse Zeremonien, sexuelle und okkulte Praktiken, die im Namen Satans ausgeübt werden. Sie beziehen
sich meist auf christlich-religiöse Bräuche, die aber verdreht, umgedeutet und in ihr Gegenteil verkehrt
werden. Durch Hingabe an den Satan und durch Befolgen der satanischen Gebote will der Satanist Macht
über seine Mitmenschen gewinnen, die er auf Befehl Satans schädigen und ins Unglück stürzen soll.
PSI: Ein vom griechischen Buchstaben Psi (= Anfangsbuchstabe des Wortes Psyche, Seele) abgeleiteter
Begriff. Man bezeichnet damit in der parapsychologischen Forschung die Gesamtheit aller Erscheinungen,
die mit gewohnten Begriffen und Vorstellungen nicht zu erklären sind.
PRÄKOGNITION, HELLSEHEN: bezeichnet die Fähigkeit, tatsächliche vergangene, gegenwärtige oder
zukünftige Ereignisse, die dem Hellseher auf normalem Wege nicht bekannt geworden sein können, zu
"sehen". Pendel, Tarotkarten, Glaskugeln sind bisweilen Hilfsmittel von Hellsehern.
TELEPATHIE: (wörtlich: Fernfühlen). Menschen, die (möglicherweise) telepathisch veranlagt sind, können
ohne Mithilfe der uns bekannten Sinne über weite Entfernungen hinweg gedanklichen Kontakt mit anderen
Personen aufnehmen und deren Gefühle, Hoffnungen und Ängste spüren.
TELEKINESE oder PSYCHOKINESE: Darunter versteht man die Fähigkeit, Gegenstände ohne
Zuhilfenahme von mechanischen oder anderen Kräften allein durch geistige Einwirkung in Bewegung zu
setzen. Daß es Menschen mit solchen Fähigkeiten gibt, ist manchmal behauptet, aber nie bewiesen worden.
RU-Wissen und Meinung ­ Aberglaube, Parapsychologie
Satanismus (I)
1. Als Begründer des modernen Satanismus gilt der Engländer Aleister Crowley (1875-1947). Er gründete
sog. "Satanslogen", Geheimbünde, in denen Satan in pervertierten religiösen Riten und Zeremonien, mit
sexuellen und okkulten Praktiken als Gott verehrt wird. Crowley behauptete, im April 1904 in Kairo durch
den Abgesandten einer altägyptischen Gottheit eine Offenbarung Satans empfangen zu haben. Danach sei
ein neues Zeitalter angebrochen, in dem nicht mehr der christliche Gott herrsche, sondern der Mensch von
Satan die Macht bekommen habe, selbst als Gott zu herrschen. Neben Crowley hat auch der Satanist
S.Levy, der Gründer der "First Church of Satan" Gedanken des Satanismus verbreitet. In seiner
"Satansbibel" hat er die Grundgedanken seines Satansglaubens formuliert. Unter anderem heißt es dort:
"Satan verkörpert Genuß und Befriedigung anstelle von Enthaltsamkeit. ... Satan verkörpert Rache anstelle
von Liebe. ... Satan verkörpert alle Sünden, die zur Befriedigung führen. ... Gesegnet seien die Starken,
denn sie sollen die Erde besitzen. Verflucht seien die Schwachen, denn sie sollen leiden." Der Haß auf alles
Schwache reinigt das Denken und macht stark und frei."
2. Ritueller Mittelpunkt satanistischer Gruppen sind die Satansmessen oder Schwarze Messen, die zu Ehren
Satans gefeiert werden. Beim Licht schwarzer Kerzen und auf einem "Altar", auf dem ein umgedrehtes
Kreuz steht, werden geweihte Hostien geschändet und Tiere (meist Katzen) gequält und geschlachtet und
ihr Blut getrunken. Schwarze Messen werden im "echten" Satanismus geheim gefeiert, niemand außer den
Eingeweihten hat Zutritt.
3. In den letzten Jahren hat sich neben diesem "Geheim"-Satanismus eine neue Form des Teufelsglaubens
entwickelt, der vor allem unter Jugendlichen Verbreitung gefunden hat. Bundesweit häufen sich Nachrichten
über einen Satanismus-Boom der härtesten Sorte, über Grab- und Leichenschändungen und
Friedhofsverwüstungen. Der Verein der Katzenzüchter hat vor einiger Zeit Besitzer schwarzer Katzen im
Ruhrgebiet davor gewarnt, die Tiere frei herumlaufen zu lassen, da sie von Satansanbetern eingefangen
und bei Schwarzen Messen grausam gequält und Satan "geopfert" würden.
4. Die Zeitschrift "Der Spiegel" hatte in seiner Ausgabe vom 1.8.1989 unter der Überschrift "Luzifer, Herr
der Finsternis, höre uns!" über entsprechende Praktiken junger Leute berichtet. In diesem Bericht heißt es:
"In der einen Hand hält der KFZ-Mechaniker einen bluttriefenden Dolch, in der anderen den noch flatternden
Rumpf eines schwarzen Huhnes, das gerade zu Tode gequält worden ist. Am Fuß eines abgestorbenen
Baumes haben Werner und seine Freunde eine Art Altar aufgebaut. ... Kerzen und vom Friedhof gestohlene
Grablampen erhellen die gespenstische Szene. ... "Luzifer, Herr der Finsternis", schreit der "Chefpriester"
Werner in die Nacht hinaus, "höre uns! ... Gott ist tot!" Jesus Christus und Maria werden aufs übelste
verhöhnt."
5. Jugendliche, die bei solchen Satansbeschwörungen und Tötungsritualen mitmachen, verstehen das als
ihre "Religion", durch die sie die Macht des Bösen empfangen, die am Ende alles andere besiegen werde.
"Das Gute ist schlecht und das Böse ist gut, denn es gibt "power" über sich selbst und über andere
Menschen." "Wen der Teufel stark macht, der herrscht über andere".
RU-Wissen und Meinung ­ Aberglaube, Parapsychologie
Satanismus (II)
1. Seit einiger Zeit treten in der Rockmusik-Szene Gruppen auf, die sich den Anstrich des Bösen, des
Negativen, Gewalttätigen, Antichristlichen und Satanischen geben. Sie drücken das durch ihr Aussehen,
ihre Aktionen auf der Bühne und besonders durch den Inhalt ihrer Songs aus. Zu dieser als "Black Metal"
bezeichneten Szene gehören Gruppen wie BLACK SABBATH; VENOM, SLAYER, und andere. Auf einem
Einladungszettel einer dieser Bands zu einem Konzert heißt es:
"Wenn ihr blutgeil seid, müßt ihr auf unser Konzert kommen. Wir zersägen Kreuze und blutige Köpfe auf
der Bühne, erschießen Mönche und Jesus Christus". Weitere Kostproben aus Black-Metal-Texten: "Ich liebe
es, meine Gegner abzustechen, ihnen die Kehle durchzuschneiden, den Schädel zu zerschmettern. ... Ich
bin der Wahnsinn, ich bin der Antichrist. ... Ich bin ein verdammter Antichrist, glaube nur an das Böse,
spucke auf die Kirche, werde selbst zum Bösen. ... Ich stelle das Kreuz auf den Kopf und lese die
Satansbibel. Ich will mein eigenes Blut trinken, die Sünde ist mein Leben. ... Ich verleugne Jesus Christus
und schwöre dem christlichen Glauben ab; ich verachte alle seine Werke. In dieser Welt schwöre ich, dem
rechtmäßigen Herrn absolut treu zu sein und nur ihn zu verehren, unsern Herrn Satan, und keinen anderen."
(Aus Texten der Gruppen "Sodom" und "Mercyful Fate").
2. Es ist schwierig zu beurteilen, inwieweit die Zuhörer und Zuschauer bei solchen Hart-Rock-Konzerten von
den brutalen, satanistischen Inhalten dieser Songs beeinflußt werden. Viele der "Kids" behaupten, daß sie
nur an der Musik, nicht aber an den jeweiligen Texten interessiert seien. Es gibt jedoch Fälle, von
satanistischen Praktiken bis hin zu kriminellen Handlungen und Tötungsdelikten, bei denen sich eine direkte
Beeinflussung jugendlicher Zuhörer durch die Inhalte der Texte erkennen läßt. Negative Einflüsse auf die
Psyche der Jugendlichen, die sich meist noch in der geistlich-seelischen Entwicklung befinden, sind nicht
auszuschließen. Dazu die Aussage eines Hard-Rock-Fans:
"Friedhöfe, Särge, Leichen, Grabschänder, Totenköpfe, Galgen, Grabsteine, Gräber, Ratten und ähnliches
sind nun nicht mehr abscheuliche Dinge, sondern sie werden mit zunehmendem Besuch dieser Konzerte zu
etwas Alltäglichem; man verliert das Gefühl dafür, daß diese Dinge etwas Schreckliches sind."
3. Es gibt Belege dafür, daß sich satanistische Rock-Gruppen der Methode des "Backward-Masking"
bedienen, um ihre Botschaften den Hörern zu übermitteln. "Backward-Masking" ist eine Technik, mit deren
Hilfe Informationen auf eine Schallplatte übertragen werden; diese Informationen können nur durch das
Rückwärtsabspielen der Platte bzw. des Bandes entschlüsselt werden. Auf diesem Wege sollen z. B.
Aufforderungen zur Anbetung Satans und zu kriminellen Handlungen verbreitet worden sein. Die
Wirksamkeit solcher versteckten Botschaften und ihre Gefährlichkeit für den Hörer muß allerdings
bezweifelt werden, da nicht feststeht, ob das Unterbewußtsein diese Rückwärts-Botschaften überhaupt
entschlüsseln und aufnehmen kann (wie manchmal behauptet wird).
RU-Wissen und Meinung ­ Aberglaube, Parapsychologie
Spiritismus (I)
1. Der Spiritismus beruht auf der Annahme, daß der Mensch nach seinem physischen Tod in einer geistigen
Welt weiterlebt und daß besonders begabte Menschen (sog. Medien) die Fähigkeit besitzen, mit den
Geistern der Verstorbenen in Kontakt zu treten und auf diesem Wege Botschaften aus dem Jenseits zu
empfangen. Es wird behauptet, daß sich die Geister durch Klopfgeräusche, durch automatisches Schreiben,
durch Trancereden des Mediums oder neuerdings auch durch Tonbandeinspielungen äußern.
2. Spiritisten versammeln sich meist in kleinen, überschaubaren Gruppen zu ihren "Seancen" (=Sitzungen).
Mit Hilfe eines "Mediums" versucht man, mit den "Geistern" verstorbener Verwandter oder Freunde, aber
auch mit den Geistern berühmter Gestalten der Geschichte (Dichter, Philosophen, Politiker), Verbindung
aufzunehmen. Die Mitglieder dieser "Zirkel" erwarten von diesen spiritistischen Sitzungen Botschaften und
Belehrungen über den Tod oder das Jenseits, besonders aber auch Weisung und Hilfe für das Alltagsleben.
3. In den letzten Jahren (etwa seit 1986) vor allem Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren den Spiritismus
als Gesellschaftsspiel entdeckt. Als Motive einer Beschäftigung mit diesen okkulten Dingen nennen die
Jugendlichen im wesentlichen Neugier, Abenteuerlust oder einfach den Spaß an der Sache ("besser als
Disco"), aber auch den Wunsch nach konkreten Informationen über ihre Zukunft und nach Hilfen für den
schulischen Alltag. An vielen Schulen kursieren inzwischen Anweisungen zur Durchführung spiritistischer
Sitzungen. Danach gelten Vollmondnächte sowie Nächte von Sonnabend auf Sonntag als bester Zeitpunkt
für die Anrufung der Verstorbenen.
4. Zur Vorbereitung der Sitzung werden Buchstabenkärtchen auf einem möglichst runden Tisch angeordnet;
in die Mitte kommt ein umgestülptes Wasserglas. Die Teilnehmer bilden dann eine Kette, indem die Hände
mit gespreizten Fingern auf die Tischplatte gelegt werden und sich die kleinen Finger der
Nebeneinandersitzenden berühren. Unter dem Tisch werden die Beine gekreuzt. Durch geistige
Konzentration aller Anwesenden wird nun ein "positives Energiefeld" für den Geist geschaffen. Von den
Teilnehmern einer Seance wird übrigens erwartet, daß sie gläubig sind, da kritische Gedanken oder eine
negative Einstellung die Kommunikation mit den Geistern unmöglich machen.
5. Der Leiter des Kreises ruft nun den "Geist", auf den man sich vorher geeinigt hat (die verstorbene
Großmutter eines Anwesenden; der tödlich verunglückte Freund eines Mädchens usw.) und gebraucht dabei
etwa folgende Worte: "Wir wollen jetzt die Brücke zur jenseitigen Welt schlagen. Geist, bist du da? Melde
dich!" Nach einigen Minuten soll dann ein Rucken des Tisches die Gegenwart des "Geistes" anzeigen. Es
können ganz unterschiedliche Fragen gestellt werden. Die Antworten ergeben sich durch das Wandern des
Glases von Buchstabe zu Buchstabe, wobei drei oder vier Teilnehmer mit ihrem linken Zeigefinger das Glas
mit Druck und Gegendruck halten.
6. Da sich vorwiegend Schüler und Schülerinnen an den Sitzungen beteiligen, geht es bei den an die
Geister gerichteten Fragen meist um schulische Angelegenheiten: "Wann kommt die nächste Mathe-
Arbeit?", "Werde ich versetzt?" In einem anderen Themenkreis werden oft (Scherz-) Fragen aus dem
persönlichen Umfeld der Beteiligten gestellt: "Wann wird Heidi heiraten?" oder "Wieviele Kinder kriegt
Susanne?", "Was war das Lieblingsgetränk meiner Oma?". Um den Nervenkitzel zu erhöhen, fragt man
nach Unglücks- oder Todesdaten einzelner Anwesender: "Geist, sage uns, wann ist der Todestag von
Elke?", woraufhin das wandernde Glas normalerweise ein Datum in naher Zukunft angibt.
RU-Wissen und Meinung ­ Aberglaube, Parapsychologie
Spiritismus (II)
1. Als Antwort auf die Frage, was bei den spiritistischen Vorgängen wirklich geschieht, werden
normalerweise zwei Erklärungsmodelle angeboten. Das eine ist das spiritistische, das besagt: Wenn
unerklärliche Dinge passieren, so haben sie ihren Ursprung in der jenseitigen Welt und werden über die
Toten-Geister in unsere diesseitige Welt hinein vermittelt. Das ist deshalb möglich, weil das "grobstoffliche
Diesseits" und das "feinstoffliche Jenseits" nur als zwei Seiten der einen Wirklichkeit zu sehen sind, mit der
wir es zu tun haben; dazwischen existiert ein so dünner Schleier, daß es ein Hin und Her zwischen den zwei
Welten geben kann.
2. Das andere Erkärungsmodell kann man als das "tiefenpsychologische" bezeichnen. Danach werden die
Abläufe bei den Seancen dem Bereich der Halluzinationen, der Auto-Suggestion oder auch der bewußten
Täuschung zugeordnet. Die ruckartigen, häufig unkontrollierten Bewegungen z. B. beim Tischerücken und
Gläserschieben, aber auch die Bewegungen beim Pendeln lassen sich auf natürliche Weise als
Auswirkungen psychomotorischer Kräfte erklären.
3. Im Hinblick auf die Beurteilung "spiritistischer Vorgänge" kann es keine einheitliche objektive Aussage
geben. Wissenschaftlich ist nicht nachzuweisen, ob es die Welt der Geister und Toten, so wie der
Spiritismus sie sich vorstellt, wirklich gibt oder nicht. Es ist reine Glaubenssache. Auch die Beantwortung
der Frage, ob das sich bewegende Glas vom Geist der verstorbenen Oma oder auf irgendeine Weise von
den Teilnehmern der Runde in Bewegung gesetzt wird, hängt ganz wesentlich von der individuellen Sicht
des Einzelnen, seinen subjektiven Erfahrungen und seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen ab.
Spiritismus-Gläubige müssen sich aber fragen lassen, warum trotz der angeblichen Jenseits-Kontakte und -
offenbarungen durch die Toten soviele wichtige Menschheitsfragen z. B. nach der Existenz Gottes oder
dem Leben nach dem Tod usw. noch völlig ungeklärt und offen sind.
4. Aus christlicher Sicht muß betont werden, daß sich Geisterglauben und Geisterbeschwörung nicht mit
Grundsätzen des christlich-neutestamentlichen Glaubens vereinbaren lassen. Die Vorstellung einer Welt mit
"lebenden Toten", zu denen man Kontakt aufnehmen kann, entspricht nicht dem christlichen Glauben.
Danach ist alles, was den Tod, die Auferstehung und das Ewige Leben betrifft, allein Sache Gottes und der
Verfügungsgewalt des Menschen entzogen. Es kann demnach keine Möglichkeit geben, mit Hilfe
irgendwelcher Gegenstände die ganz andere Welt Gottes wie ein Telefonnetz oder einen Computer
anzuzapfen, um Botschaften oder verborgene Wahrheiten aus dem "Jenseits" zu empfangen.
5. Vor einem leichtfertigen Umgang mit okkulten, spiritistischen Praktiken ist zu warnen. Das gilt z.B.
besonders dann, wenn auf solchen Sitzungen Todesdaten oder Unglücksfälle von Beteiligetn vom "Geist"
vorausgesagt werden. Denn nicht selten entstehen bei den Betroffenen panische, existentielle Angstgefühle,
die besonders labile, nicht gefestigte Jugendliche kaum mehr kontrollieren können. Manche Jugendliche
stehen nach solchen Totenbeschwörungen unter dem Eindruck, den "Geist" von der Sitzung mitgenommen
zu haben oder daß sie von ihm verfolgt würden. Ganz normale alltägliche Vorgänge (eine vom Tisch
fallende Tasse, eine zuschlagende Tür, der jaulende Hund) werden "Geistern" zugeschrieben. Verlust an
Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung, das Auftreten von Depressionen und Psychosen mit notwendiger
therapeutischer Behandlung, sind nicht selten die Folge solcher Toten- und Geisterbeschwörungen.
RU-Wissen und Meinung ­ Aberglaube, Parapsychologie
Astrologie (I)
1. Die Astrologie, der Glaube an die Macht der Sterne und an Horoskope, ist uralt. Sumerer und Babylonier
begannen vor etwa 5000 Jahren im Orient den Sternenhimmel zu erforschen, den Lauf der Gestirne zu
beschreiben und zu berechnen. Sie gaben einzelnen, besonders hell leuchtenden Sternen Namen, ordneten
sie nach auffälligen "Bildern", die sie mit Phantasienamen belegten: Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe usw. Die
Babylonier entwickeln das sog. geozentrische Weltbild, bei dem sich die Erde im Mittelpunkt des Kosmos
befindet und die Sonne und der Mond und die Planeten sich um die Erde drehen.
2. Für die Sternforscher der Antike (meist waren es Priester) war der Himmel aber nicht nur ein
Forschungsobjekt. Die Sterne wurden vielmehr als lebende Wesen betrachtet, die wie Gottheiten verehrt
wurden. Man sah im Universum ein göttliches Buch voller Hinweise auf das Schicksal und die Zukunft der
Menschen und der Völker. So begann man schon sehr früh, den (angeblichen) Einfluß der Gestirne auf das
menschliche Leben zu untersuchen. Als die Griechen später den Planeten ihre Namen gaben, ordnete man
ihnen - völlig unwissenschaftlich und willkürlich - auch menschliche Charaktereigenschaften zu. So wurde
der Mars zum "kriegerischen" Planeten, die Venus, nach der römischen Liebesgöttin benannt, zum Planeten
der "Liebe". Bis heute hält die Astrologie an diesem antiken Deutungssystem fest.
3. Astrologie und christlicher Glaube waren zunächst keine Gegensätze. Die meisten Päpste beschäftigten
einen eigenen Astrologen, und man versuchte, die Astrologie in den christlichen Glauben einzubeziehen. So
erlebt die Astrologie im Mittelalter in Europa eine Blütezeit. Die Prophezeiungen des Nostradamus sind bis
heute berühmt und wurden gerade im Jahr 1991 neu auf den Büchermarkt gebracht.
4. In der damaligen Zeit sind die Astronomen auch Astrologen, also Wissenschaftler und Sterndeuter
zugleich. So auch Nikolaus Kopernikus, der das Weltbild revolutioniert, indem er entdeckt, daß die Erde
nicht im Mittelpunkt des Sonnensystems steht - wie man bis dahin glaubt, - sondern daß sie, wie auch die
anderen Planeten, die Sonne umkreist. Doch diese wissenschaftlichen Entdeckungen, die dem
astrologischen Weltbild völlig widersprechen, bringen keineswegs das Ende der Astrologie. Im Gegenteil:
Astrologische Schriften und Flugblätter werden in der Folgezeit massenhaft verbreitet (in Auflagen bis zu
1oo.ooo Exemplaren), und an fast jedem europäischen Königs- und Fürstenhof findet man die
astrologischen Berater. Dadurch aufgeschreckt, ändert sich die Einstellung der Kirche zur Astrologie. Sie
sieht jetzt in der Sterndeutung eine Bedrohung des christlichen Glaubens, und unter Sixtus V. wird die
Astrologie 1586 kirchlich verboten.
5. Martin Luther bezeichnet alle Astrologen als "hirnverbrannt"; ihre "Kunst" nennt er einen "Dreck" -
allerdings erst, als er feststellen muß, daß seine eigenen astrologischen Prophezeiungen über den
Untergang des Papsttums nicht eintreffen.
6. Der Glaube an die Wahrheit der Astrologie hat sich bis heute erhalten. Eine Repräsentativ-Umfrage im
Jahr 1987 unter den Bürgern der Bundesrepublik ergab:
58% lesen regelmäßig in der Zeitung ihr Horoskop.
45% halten den Einfluß der Sterne auf das Schicksal der Menschen für wahrscheinlich oder für
tatsächlich gegeben.
22% glauben, daß man aus dem Stand der Sterne zukünftige Ereignisse ablesen kann.
RU-Wissen und Meinung ­ Aberglaube, Parapsychologie
Astrologie: Für und Wider (I)
1. Obwohl die Astrologie keine einheitlich formulierte Lehre ist und fast jeder Astrologe eigene
Vorstellungen entwickelt hat, gibt es doch einige feststehende astrologische Grundzüge und -regeln:
a. Die Sterne sind keine tote Materie, sondern lebendige Kräfte, die alles Irdische bestimmen. Es gilt der
Grundsatz des Hermes Trismegistos: "Wie oben am Himmel, so unten auf der Erde." In der Astrologie gilt
demnach nicht das Prinzip des kausalen Zusammenhangs, das Naturgesetz von Ursache und Wirkung,
sondern der Grundsatz der Analogie, der Entsprechung: Wie im Himmel, so auf der Erde; wie bei den
Planeten, so beim Menschen. Alles hängt im wohlgeordneten Kosmos miteinander zusammen, das Größte
mit dem Kleinsten, das Hohe mit dem Tiefen. So behauptet die Astrologie nicht (mehr), daß z.B. die
Planeten mit ihren Kräften direkt auf den Menschen einwirken, sondern daß sie den Einfluß bestimmter
Mächte auf den Menschen nur "symbolisieren" oder widerspiegeln. Die Sterne sind nicht die Ursache für das
Lebensschicksal des Menschen, sondern geheimnisvolle, aber deutbare Hinweise auf alles, was auf der
Erde geschieht: Menschenschicksale, Kriege, Epidemien, Hungersnöte, Naturkatastrophen. Alles steht
miteinander in einem geheimnisvollen, vom Verstand nicht zu ergründenden Zusammenhang.
b. Bei der Erstellung eines Horoskops oder eines sogenannten "Kosmogramms" arbeitet der Astrologe mit
vielen wissenschaftlich klingenden Begriffen, die aber im engeren Sinne nicht wissenschaftlich sind: Neben
den bekannten Tierkreiszeichen und Planeten, die bestimmte menschliche Charakterzüge symbolisieren
sollen, gibt es noch "Häuser", Aspekte, Konjunktionen, Quincunx, Sextil und Trigon usw. Aufgabe des
Astrologen ist es, bei der Erstellung eines Horoskops die Fülle von Einzelinformationen in einen
Zusammenhang zu bringen und zu deuten. Aber je nach Gewichtung kann das Ergebnis bei verschiedenen
Astrologen ganz unterschiedlich ausfallen, ja sogar völlig gegensätzlich sein. Eindeutig kann ein Horoskop
nie sein, da die Methoden seiner Erstellung und seine Aussagen nicht wissenschaftlich sind und auch nicht
sein wollen. Ziel und Absicht der Astrologie ist nicht die wissenschaftliche Erforschung der Sterne, sondern
Hilfe für den einzelnen Menschen, sich besser zu verstehen und sich in bestimmten Lebenssituationen
besser zurechtzufinden. So sehen viele Astrologen heute ihre Aufgabe nicht im Voraussagen des
Lebensschicksals, sondern in der psychologischen Beratung ihrer Kunden.
2. Trotz des hohen Anteils von "Sterngläubigen" in unserer Gesellschaft ist die Astrologie heftig umstritten.
Ihre Befürworter und Gegner stehen sich meist unversöhnlich gegenüber. Für Astrologie-Gläubige ist der
Beweis für den Wahrheitsgehalt von Sterndeutungen längst erbracht, für den Kritiker der Astrologie ist alles
schlicht "Humbug" oder ein zutreffendes Horoskop höchstens "Zufall".
3. Tatsache ist, daß kaum eine Zeitung heute auf den Abdruck von Horoskopen verzichtet. Auf Jahrmärkten
und Volksfesten kann man Charakteranalysen und Weissagungen sogar aus Automaten ziehen. Dabei ist
zu beachten, daß sich viele Astrologen selbst sehr kritisch über diese Art der "Vulgär-Astrologie" äußern. Mit
der eigentlichen Astrologie hätten sie nichts zu tun. Und tatsächlich muß man feststellen, daß
Zeitungshoroskope und auch das, was manche Astrologen sonst anbieten, meist eine Sammlung von
allgemeingültigen, nichtssagenden und vieldeutigen Binsenwahrheiten ist. Sie sprechen ein vordergründiges
Glücksverlangen im Menschen an, mit immer wiederkehrenden Glücks- und Unglücksprognosen über
Liebe, Geld, Gesundheit usw. Der Astrologe Eysenck urteilt: "Vulgärastrologie ist Unsinn, und die Zeitungen,
die sich damit abgeben, sollten sich gründlich schämen." Von Betrügern, Geschäftemachern und
Scharlatanen distanziert sich die "ernsthafte" Astrologie nachdrücklich. Es ist nur die Frage, ob nicht die
gesamte Astrologie, also auch die "seriöse" Unsinn ist und auf Scharlatanerie beruht. Das behaupten und
glauben nicht wenige Menschen.
RU-Wissen und Meinung ­ Aberglaube, Parapsychologie
Astrologie: Für und Wider (II)
1. Zweifel an der Seriosität der Astrologie und dem Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen und Methoden ergeben
sich auch aus dem "gesunden" Menschenverstand. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum gerade die
Stellung der Gestirne zum Zeitpunkt der Geburt entscheidend für die Gesamtprägung des Menschenlebens
sein soll, wo doch, wie jeder weiß, der Mensch schon längst vor seiner Geburt durch Erbfaktoren und
vorgeburtliche Entwicklung entscheidend geprägt ist.
2. Astrologen verweisen nicht selten auf erstaunliche Trefferquoten bei ihren Voraussagen und versuchen
damit die Wahrheit der Astrologie zu beweisen. Tatsächlich aber steht fest, daß in den letzten Jahrzehnten
alle wichtigen geschichtlichen Ereignisse von den Astrologen weltweit nicht oder falsch vorausgesagt
wurden. Daß es andererseits im privaten Bereich manche richtigen Voraussagen von Astrologen gibt, kann
nicht geleugnet werden. Doch können sie als Zufallstreffer gesehen werden oder sie beruhen, da es meist
um den Persönlichkeitsbereich des Menschen geht, auf einem guten psychologischen Einfühlungvermögen
des Astrologen.
3. Es gibt Fälle von eingetroffener Vorhersage, die psychologisch gesehen auf einem "Erfüllungzwang"
beruhen. Menschen, denen ein verantwortungsloser Astrologe eine schwere Krankheit ankündigte, wurden
wirklich krank, allein aus Angst vor der Erkrankung.
4. Viele Gegner der Astrologie kommen aus den Reihen der Astronomen. Reinhard Wiechoczeck von der
Volkssternwarte Paderborn sagt: "Astrologie ist für mich eine eklatante Fehldeutung des Universums. In
keinem Fall ist Astrologie eine Wissenschaft, sondern ein veralteter, wenn auch aus der Geschichte
begründbarer Aberglaube." Im Unterschied zur Astrologie beschäftigt sich die Astronomie mit der
wissenschaftlichen Erforschung der Sterne und des Kosmos. Die Astronomie erforscht die Struktur des
Weltalls, fragt nach dem Aufbau der einzelnen Sterne und der Sternsysteme, nach ihrer Größe, ihrer
Entstehung und ihrem Alter und nach den physikalischen Kräften, die im Kosmos wirken. Die Aufgabe der
Astronomie ist also die möglichst exakte, wissenschaftliche Erforschung des Weltalls.
5. Die Astronomie wirft der Astrologie vor, daß ihr Deutungsystem von einem offenkundig falschen Weltbild
ausgeht, nämlich dem alten, längst überholten geozentrischen Weltbild. Danach steht die Erde mit dem
Menschen im Mittelpunkt des Kosmos. Um die Erde herum kreisen die 7 Planeten; dazu gehören neben
Mars, Venus, Merkur, Jupiter und Saturn die Sonne und der Mond. Die Wissenschaft hat aber längst
erkannt hat, daß das alte geozentrische Weltbild der Antike falsch ist und Sonne und Mond auch keine
Planeten sind. Doch diese Erkenntnisse bleiben auch in heutiger Zeit für die Astrologie ohne Bedeutung.
Die Astrologie ist nicht bereit, neue Erkenntnisse über den Kosmos aufzunehmen. Die Astrologie muß sich
fragen lassen, wie sie zu richtigen, wahren Aussagen kommen kann, wenn doch die Methoden der
Wahrheitsfindung auf offensichtlichen Irrtümern beruhen.
6. Trotzdem findet die Astrologie auch heute noch viele Anhänger. Der Grund dafür liegt im tief
verwurzelten Wunsch vieler Menschen, in die Zukunft sehen zu können. In der heutigen modernen,
hochtechnisierten Welt, die vom technisch-wissenschaftlichen Fortschritt und von Erfolgen in der Raumfahrt
und Satellitentechnik geprägt ist, spielt die Sehnsucht nach einer übergeordneten Macht jenseits aller
wissenschaftlichen Beweise wieder eine große Rolle.
7. Für viele Sterngläubige liegt eine Gefahr darin, daß sie die Ratschläge ihres Astrologen wie ein heiliges
Evangelium aufnehmen und mehr oder weniger unfähig werden, eigene und verantwortliche
Entscheidungen zu treffen. Der Glaube an die Sterne führt nicht selten zu Realitätsverlust, zu einem Mangel
an selbstkritischer Einstellung und zu einer fatalistischen Einstellung. Charaktermängel des einzelnen, aber
auch gesellschaftliche Mißstände, werden der Macht der Sterne zugeschrieben und schicksals gläubig
hingenommen.
RU-Wissen und Meinung ­ Abtreibung
Abtreibung: Vorgeburtliche Entwicklung
1. In der Diskussion um den § 218 spielt die Frage eine Rolle, von welchem Zeitpunkt an die befruchtete
Eizelle als "Mensch" zu bezeichnen ist. Darauf sind unterschiedliche Antworten gegeben worden:
Menschliches Leben beginne mit der Einnistung des Eis in der Gebärmutter; wenn das Gehirn anfängt zu
arbeiten; sobald das zentrale Nervensystem sich auszubilden beginnt; mit der Geburt; wenn der Mensch
personales Bewußtsein erreicht hat.
2. Seit die genetische Forschung in der Lage ist, das menschliche Erbgut genau zu untersuchen, steht
wissenschaftlich fest: menschliches Leben beginnt mit dem Augenblick der Befruchtung. Von diesem
Zeitpunkt an sind alle Anlagen der menschlichen Person vorhanden: das Geschlecht, die Farbe der Augen,
der Haare, die Körpergröße, die geistigen Anlagen und Begabungen usw. Von dieser Tatsache sollten auch
rechtliche und moralisch-ethische Überlegungen zum Schwangerschaftsabbruch ausgehen.
3. Unmittelbar nach der Befruchtung beginnt die Zelle sich zu teilen, wobei in jeder der neu entstandenen
Zellen das gesamte Erbgut des Menschen enthalten ist. Nach vier Wochen besteht der erst wenige
Millimeter große Fötus schon aus mehreren Millionen Zellen, die sich nach einem bisher nicht
entschlüsselten Plan zusammensetzen und die Organe, das Knochengerüst, die Adern, das Blut, das
Gehirn, die Haare usw. bilden. Nach vier Wochen sind bereits die ersten Organe und Ansätze für die
Wirbelsäulenbildung zu erkennen. Das Herz beginnt zu arbeiten und pumpt Blut zur Leber und zur
Hauptschlagader.
4. Sechs Wochen nach der Befruchtung ist der Embryo erst 15 mm groß, aber schon voller Leben. Sein
Herz schlägt 140-150 mal in der Minute. Im Verlauf des zweiten Monats entwickeln sich langsam der
Geruchs- und Geeschmackssinn. Das entstehende Gehirn verarbeitet erste Impulse.
5. Zehn Wochen nach der Befruchtung hat das Kind eine Größe von 3-4 cm erreicht. Alle Organe sind
schon vorhanden, sie müssen nur noch wachsen und sich ausformen. Zum Teil haben sie ihre Funktion
schon übernommen. Das Kind kann Arme und Beine bewegen, die Knie beugen und den Kopf drehen. Die
Finger und Zehenglieder haben sich ausgebildet und Gesichtszüge sind schon zu erkennen. Schon in dieser
Phase beginnt das Kind mit dem Daumenlutschen. Die ersten Nervenbahnen haben sich gebildet, und in
jeder Minute(!) entstehen etwa 100.000 neue Nervenzellen. Bis zur Geburt sind es hunderte von Milliarden.
6. Nach 16 Wochen (4. Monat) sind die Gliedmaßen des Kindes, das Knochengerüst und die Organe (außer
der Lunge) schon bis in alle Einzelheiten ausgebildet. Durch die Plazenta wird das Kind ernährt und mit
Sauerstoff versorgt. Es nimmt Geräusche wahr, vor allem natürlich den Herzschlag der Mutter und ihre
Stimme, die durch den Körper übertragen wird. Deutlich ist zu diesem Zeitpunkt zu erkennen, ob es ein
Junge oder ein Mädchen ist.
7. Von der 19. Woche (5. Monat) etwa an beginnt die Mutter zu fühlen, wenn sich das Kind bewegt. Es wird
bereits durch Geräusche erschreckt. Es fällt in Schlaf.
8. Von der 24. Schwangerschaftswoche an ist auch die Lunge voll funktionstüchtig. In den folgenden
Wochen bis zur Geburt nimmt das Kind stark an Gewicht zu: es trinkt fast einen Liter Fruchtwasser am Tag.
Es lernt zu saugen, zu schlucken und fest zu greifen.
9. Außerhalb der Gebärmutter ist das Kind als Frühgeburt vom 7. Schwangerschaftsmonat an bedingt
lebensfähig.
RU-Wissen und Meinung ­ Abtreibung
Abtreibung: Medizinische Aspekte
1. Ein Schwangerschaftsabbruch ist wie jeder andere Eingriff in körperliche Vorgänge nicht frei von
Gefahren. Der beratende und behandelnde Arzt ist verpfichtet, die Schwangere über alle möglicherweise
auftretenden Komplikationen und Folgen aufzuklären. Auch bei einem in der Klinik regelgerecht
ausgeführten Abbruch sind Komplikationen nicht ausgeschlossen. Je weiter fortgeschritten die
Schwangerschaft ist, um so schwieriger ist der Eingriff und um so größer ist die Gefahr von Komplikationen.
Es besteht die Möglichkeit von Gebärmutterverletzungen und von fieberhaften Entzündungen, die zu einem
Eileiterverschluß und nachfolgender Unfruchtbarkeit führen können. Außerdem wird nach einem
Schwangerschaftsabbruch das Risiko größer, daß es bei späteren Schwangerschaften zu einer Fehlgeburt,
Bauchhöhlenschwangerschaft oder Frühgeburt kommt.
2. Ein völlig unkalkulierbares Risiko geht eine schwangere Frau ein, wenn sie eine Abtreibung durch einen
"Kurpfuscher" oder eine "Engelmacherin" durchführen läßt. Die Durchbohrung der Gebärmutterwand, eine
einsetzende Blutung oder Infektion und daraus resultierende Unfruchtbarkeit sind das häufige Ergebnis von
illegalen und kriminellen Abtreibungen. In der Bundesrepublik ist die Todesrate infolge von illegalen
Abtreibungen stark zurückgegangen, seitdem durch die Indikationslösung legale Abbrüche möglich
geworden sind.
3. Eine ungefährliche Methode, mit der die Schwangere selbst eine Abtreibung durchführen könnte, gibt es
nicht. Durch Mundpropaganda empfohlene Methoden (Vom-Küchentisch-Springen, literweise Wasser-
Trinken u.a.) sind durchweg unwirksam oder bedeuten ein erhebliches Gesundheitsrisiko.
4. Eine Schwangerschaft sollte ausschließlich in einem Krankenhaus durchgeführt werden, wo immer sterile
Arbeitsbedingungen sowie entsprechende Anästhesie- und Transfusionseinrichtungen zur Verfügung
stehen. Es gibt im wesentlichen drei Methoden, eine Schwangerschaft abzubrechen:
a. Die Kürettage. Dabei wird mit einem löffelähnlichen Instrument (Kürette) die Gebärmutter ausgeschabt.
b. Durch Absaugung. Bei dieser Methode wird ein spezielles Absauginstrument durch den Gebärmutterhals
in die Gebärmutter eingeführt und der Fötus abgesaugt.
c. Seit 1988 ist in einigen Ländern Europas die in Frankreich entwickelte Abtreibungs-Pille "RU 486" in
Gebrauch. Sie ist ein Hormonpräparat, das einige Stunden nach der Einnahme bei einer Schwangeren die
Abtreibung des Fötus bewirkt. Auch bei dieser Methode ist eine ärztliche Betreuung und ein
Krankenhausaufenthalt der Frau unbedingt notwendig. Sie ist aber, wie sich gezeigt hat, bei weitem weniger
risikoreich als die anderen Methoden. Ein freier Verkauf der Abtreibungs-Pille auf Rezept ist in allen
Ländern, in denen sie schon zugelassen ist, untersagt.
Die Abtreibungs-Pille ist nicht unumstritten, weniger in medizinischer als vielmehr in moralisch-ethischer
Hinsicht. Abtreibungsgegner befürchten, daß durch die Pillen-Methode bei manchen Frauen der Entschluß
zu einer Abtreibung erleichtert werden könnte.
In der Bundesrepublik ist die Abtreibungs-Pille noch nicht zugelassen, da die Herstellerfirma sich noch nicht
zu einem Zulassungsantrag hat entschließen können. Ihr wurde, falls die Pille auf den Markt käme, durch
organisierte Abtreibungsgegner der Boykott aller ihrer medizinischen Produkte in Deutschland angedroht.
5. Für viele Frauen bedeutet eine Abtreibung nicht nur ein körperliches Risiko, sondern auch eine große
psychische Belastung. Besonders die Frauen, die eine Abtreibung nicht aus eigener, freier Entscheidung
haben durchführen lassen, sondern gegen ihr eigentliches Gefühl auf Drängen von Eltern, Ehemann oder
Bekannten, haben nicht selten unter Schuldgefühlen und damit verbundenen psychischen Schwierigkeiten
zu leiden.
RU-Wissen und Meinung ­ Abtreibung
Abtreibung: Zur Rechtslage
1. Im Juli 1992 hatte der Bundestag ein neues "Gesetz zum Schutz des werdenden Lebens, zur Förderung
einer kinderfreundlicheren Gesellschaft, für Hilfen im Schwangerschaftskonflikt und zur Regelung des
Schwangerschaftsabbruchs" beschlossen. Danach wäre ein Schwangerschafts-abbruch nicht rechtswidrig
gewesen, wenn die Schwangere dem Arzt durch eine Bescheinigung nachgewiesen hätte, daß sie sich
mindestens drei Tage vor dem Eingriff hat beraten lassen und seit der Empfängnis nicht mehr als zwölf
Wochen vergangen sind. Dieses Gesetz wurde im Bundestag mit einer Mehrheit aus allen Parteien
beschlossen.
2. 1993 hat das Bundesverfassungsgericht diese gesetzliche Neuordnung des § 218 in wesentlichen Teilen
als nichtverfassungsgemäß abgelehnt. Damit bestätigte es das Urteil vom 25.2.75, nach dem die
Fristenlösung grundsätzlich verfassungswidrig ist. Auch das ungeborene Leben steht unter dem Schutz des
Staates.
3. Bis zu einer neuen Gesetzgebung gilt daher in Deutschland z.Zt. (1993) folgende Regelung:
a. Abtreibung im Sinne einer Fristenlösung ist rechtswidrig.
b. Abtreibung bleibt für die Schwangere und für den Arzt straffrei
·
bei medizinischer Indikation: eine Schwangerschaft darf, unabhängig von ihrer Dauer, abgebrochen
werden, wenn dies nach ärztlicher Erkenntnis angezeigt ist, um eine Gefahr für das Leben der Mutter
oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung ihres körperlichen oder seelischen Zustandes
abzuwenden.
·
bei eugenischer Indikation: eine Schwangerschaft darf bis zum Ende der 22. Woche nach der
Empfängnis abgebrochen werden, wenn der dringende Verdacht besteht, daß das Kind, wenn es zur
Welt käme, wegen einer Erbkrankheit oder wegen schädlicher Einflüsse während der Schwangerschaft
an einer nicht behebbaren Gesundheitsschädigung leiden würde, die so schwer wiegt, daß von der Frau
die Fortsetzung ihrer Schwangerschaft nicht verlangt werden kann.
·
bei ethischer Indikation: eine Schwangerschaft darf bis zum Ende der 12. Woche nach der Empfängnis
abgebrochen werden, wenn die Schwangerschaft durch Vergewaltigung, sexuelle Nötigung oder
sexuellen Mißbrauch von Kindern oder Widerstandsunfähigen entstanden ist.
Die Kosten für einen Abbruch aus diesen genannten Gründen werden von den Krankenkassen
übernommen.
c. Rechtswidrig aber straffrei bleibt ein aus persönlichen, sozialen oder finanziellen Gründen durchgeführter
Schwangerschaftsabbruch, wenn sich die Frau vor dem Eingriff einer Pflichtberatung unterzogen hat. Diese
Beratung, die von autorisierter Stelle durchgeführt werden muß, soll die Weiterführung der Schwangerschaft
zum Ziel haben. Die letzte Entscheidung über einen Abbruch der Schwangerschaft hat die Frau selbst.
Die Kosten eines Abbruches aus persönlichen/sozialen Gründen werden von den Krankenkassen nicht
übernommen.
d. Ein Schwangerschaftsabbruch, dem keine Pflichtberatung vorausgegangen ist, ist rechtswidrig und wird
strafrechtlich verfolgt.
4. Kritisiert wird an diesem Urteil des BVG, daß es durch die Pflichtberatung die Frauen entmündige und für
unfähig erkläre, selbst eine Entscheidung in Eigenverantwortung zu treffen. Von anderen wird dies genau
umgekehrt beurteilt, da in jedem Fall die Frau die letzte Entscheidung selbst zu tragen habe.
Außerdem, so wird behauptet, entstehe bei der Abtreibung ein "Zwei-Klassen-System". In Fällen, in denen
die Krankenkasse die Kosten für die Abtreibung nicht übernimmt, könnten sich Begüterte eher eine
Abtreibung leisten als sozialschwache Frauen, die sich vom Sozialamt die Kosten für den Abbruch erstatten
lassen müßten.
Als juristisch eigenartig wird von manchen Kritikern die Bestimmung angesehen, daß ein Abbruch aus
sozialen/finanziellen Gründen zwar in jedem Fall illegal und grundgesetzwidrig ist, straffrechtlich aber nicht
verfolgt wird.
RU-Wissen und Meinung ­ Abtreibung
Abtreibung: Thesen und Gegenthesen (I)
In der Diskussion über die rechtliche Neuregelung des Abtreibungsparagraphen 218 spielen u. a. auch
ethische Überlegungen eine Rolle. Folgende Ansichten werden geäußert:
1. Abtreibung in den ersten Wochen nach der Schwangerschaft ist ethisch nicht verwerflich. In dieser Zeit
ist der Embryo noch kein richtiger Mensch, er ist nur ein Zellklumpen, der noch keine Persönlichkeit besitzt.
Abtreibung ist daher nicht als Tötung anzusehen. In vielen Ländern ist die Abtreibung bis zur 12. Woche der
Schwangerschaft völlig freigegeben, so daß sie sogar als Mittel zur Familienplanung angewandt wird. (Z. B.
in Ländern des ehemaligen Ostblocks).
2. Demgegenüber ist einzuwenden, daß der menschliche Embryo vom ersten Augenblick an ein
menschliches Wesen ist. (Was soll er denn sonst sein?) Moderne wissenschaftlich-medizinische
Erkenntnisse bestätigen diese Auffassung. Jeder Schwangerschaftsabbruch ist somit Vernichtung neuen
menschlichen Lebens und damit ein Akt der Tötung. Die Abtreibung eines menschlichen Embryo kann nicht
nach den gleichen Maßstäben bewertet werden wie die Entfernung eines Blinddarms oder einer Geschwulst.
3. Abtreibung ist Mord. Er geschieht an unschuldigen, wehr- und hilflosen Wesen und ist daher besonders
gemein und verwerflich. Die massenweise Tötung ungeborenen Lebens ist gleichzustellen mit der
Vernichtung der Juden durch die Nazis. Es gibt kein einziges hinreichendes Argument für Abtreibung.
Frauen, die ihre Kinder töten und alle, die dabei mitmachen, müssen ausnahmslos strafrechtlich verfolgt
werden.
4. Dagegen ist einzuwenden: Abtreibung mit Mord gleichzustellen ist ein demagogisches Argument, das
viele Frauen beleidigt und sie in ihrer persönlichen Notlage nicht ernst nimmt. Es übersieht, daß die meisten
Frauen, die abtreiben wollen, sich in einer subjektiv ausweglosen oder verzweifelten Lage befinden, z. B.
nach einer Vergewaltigung. Eine schwangere Frau wird ihr ungeborenes Kind keineswegs leichtfertig und
völlig bedenkenlos abtreiben. Abtreibung gänzlich zu verbieten ist sinnlos und gefährlich. Frauen, die sich in
einer verzweifelten Lage befinden und abtreiben wollen, werden unweigerlich Kurpfuschern ausgeliefert.
Unzählige Frauen würden ihr Leben verlieren, wie Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen.
5. Das Recht, über eine Abtreibung zu entscheiden, hat allein die Frau ("Mein Bauch gehört mir!"). Staat,
Kirche, Familie sollen sich aus dieser Entscheidung heraushalten.
6. Dagegen ist zu sagen: Das werdende Kind ist zwar auf seine Mutter angewiesen und medizinisch
gesehen ein Teil von ihr. Dennoch ist es nicht persönlicher "Besitz" der Mutter; so wie Kinder nie Eigentum
der Eltern sind, über das sie frei oder sogar selbstherrlich verfügen könnten. Das Kind hat von Anfang
seiner Existenz an ein von seiner Mutter unabhängiges Recht auf Leben. Dieses Recht kann allerdings in
tragischen Konflikt mit den Lebensrechten der Mutter geraten.
Gegen den Willen der schwangeren Frau kann man das ungeborene Leben nicht wirklich schützen.
RU-Wissen und Meinung ­ Abtreibung
Abtreibung: Thesen und Gegenthesen (II)
7. Keine Frau in der Bundesrepublik ist gezwungen, aus sozialer Not ein Kind abzutreiben. Jede Abtreibung
aus sozialen Gründen ist eine Niederlage für Vernunft und Mitmenschlichkeit. Wir leben in einem reichen
Land, in dem für jedes Kind gesorgt werden kann. Notfalls kann die Mutter ihr Kind zur Adoption freigeben.
Tötung menschlichen Lebens darf niemals ein Weg zur Lösung sozialer Probleme sein.
8. Dagegen ist zu sagen: Die soziale Lage mancher schwangeren Frau ist auch in einem reichen Land wie
der Bundesrepublik bedrückend. Das bezieht sich vor allem auf Frauen, die schon mehrere Kinder haben, in
einer viel zu kleinen Wohnung leben, arbeitsmäßig überlastet sind und keine genügende Unterstützung
durch den Vater des Kindes finden. Fehlende Kindergartenplätze und viel zu geringe Unterstützung
kinderreicher Familien durch die Gesellschaft lassen für schwangere Frauen eine Abtreibung oft als
einzigen Ausweg aus ihrer Notlage erscheinen. Eine Gesellschaft, die nicht bereit ist, ausreichend zu helfen,
hat auch nicht das Recht, eine Frau zum Austragen der Schwangerschaft zu zwingen und die Entscheidung
zur Abtreibung zu verurteilen.
9. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, daß eine strafrechtliche Verfolgung von Frauen und Ärzten die
Abtreibungsquote nicht senken kann, sondern nur eine verstärkte sexuelle Aufklärung der Jugendlichen
über Verhütungsmaßnahmen, größere finanzielle Hilfen für kinderreiche Familien und vor allem eine
kinderfreundlichere Grundeinstellung unserer Gesellschaft.
10. Demgegenüber ist zu sagen: Unser Grundgesetz mißt dem Recht auf Leben einen hohen Stellenwert
zu; das ungeborene Leben ist ausdrücklich mit einbezogen. Eine Abtreibung ist und bleibt eine Tötung und
damit ein Verstoß gegen dieses Grundrecht. Es gibt keinen Grund, ausgerechnet bei der Abtreibung von
einer Strafverfolgung abzusehen.
Auch um eine Senkung der hohen Abtreibungsquote zu erreichen, darf auf eine strafrechtliche Verfolgung
illegaler Abtreibungen nicht verzichtet werden. Dadurch wird sichergestellt, daß die Abtreibung als ein
Unrecht im Bewußtsein der Bevölkerung verankert bleibt.
11. Jede Frau, die abtreiben lassen will, sollte bedenken, welche psychischen Auswirkungen eine
Abtreibung für sie eventuell hat. Es besteht die Möglichkeit, daß sie ihr Gewissen stark belastet und sie
lebenslang diese Entscheidung bereut und darunter seelisch zu leiden hat.
12. Es hilft wenig, einer Frau, die sich zu einer Abtreibung gezwungen sah, "sündhaftes" Verhalten
vorzuwerfen oder moralische Vorhaltungen zu machen und dadurch ihre Gewissensnöte noch zu
verstärken. Von kirchlicher Seite besteht die Aufgabe, eine Frau, die ihr Kind durch Abtreibung verloren hat,
seelsorgerlich und liebevoll zu begleiten, gerade auch dann, wenn sie unter Schuldgefühlen zu leiden hat.
RU-Wissen und Meinung ­ Abtreibung
Abtreibung: Kirchliche Stellungnahmen
1. Die Stellungnahmen innerhalb der Evangelischen Kirche zum Thema Abtreibung weisen eine große
Bandbreite von Einstellungen und Ansichten auf. Sie reichen von der Forderung nach gänzlichem Verbot
von Abtreibungen bis zur Zustimmung für eine Fristenlösung. Alle Stellungnahmen haben das gemeinsame
Ziel, das ungeborene Leben besser zu schützen, aber auch die Persönlichkeit, die Würde und die Rechte
der Frau zu wahren.
2. (Stellungnahmen zu ethischen Fragen haben in der Evangelischen Kirche keinen Lehramtscharakter, d.h.
sie sind keine für alle evangelischen Christen verbindlichen Äußerungen. Sie wollen niemandem die
Gewissensentscheidung im konkreten Einzelfall abnehmen, sondern vom Evangelium her Denkanstöße und
Entscheidungshilfen in Lebensfragen und Lebensnöten geben.)
3. In ihrer "Denkschrift zu Fragen der Sexualität" hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zur
Abtreibungsfrage u. a. folgende Feststellungen getroffen: ...
48. Das göttliche Liebesgebot gilt bereits für das beginnende Leben und vertraut es menschlicher Fürsorge
an. Der Beginn des Lebens ist nach derzeitiger wissenschaftlicher Erkenntnis mit der Befruchtung, der
Keimzellenverschmelzung, gegeben. Jeder Eingriff, der das beginnende Leben vernichtet, ist Tötung des
werdenden Lebens. Selbst wenn Staat und Gesellschaft einen Eingriff gegen das begonnene Leben vor
Beginn der Schwangerschaft oder einen Schwangerschaftsabbruch zulassen, wird dadurch Mann und Frau
die eigene Verantwortung für das beginnende Leben nicht abgenommen. ...
50. Nicht vertretbar ist ein Schwangerschaftsabbruch aus rein sozialen Gründen (sog. "soziale" Indikation).
Soziale Schwierigkeiten verlangen sachentsprechende Maßnahmen. Wo erhebliche Belastungen der Frau
und möglicherweise ihrer Familie bestehen, ist die Gesellschaft, besonders die christliche Gemeinde, zur
Hilfe verpflichtet. ...
51. Der Abbruch einer durch Vergewaltigung herbeigeführten Schwangerschaft (sog. "ethische", besser
"Vergewaltigungsindikation") kann nur selten auf Grund medizinischer Indikation vorgenommen werden. Der
unmittelbare Wunsch einer Frau, ein so empfangenes Kind nicht austragen und erziehen zu müssen, ist
wegen ihrer verletzten Personwürde und seelischen Not vollkommen verständlich. ...
55. Eine grundsätzliche Befürwortung des Schwangerschaftsabbruchs aus genetischer oder kindlicher
Indikation unter Hinweis darauf, daß ein schwerkrankes Kind ein schweres und die Gesellschaft und die
Eltern belastendes Leben führen werde und daß demzufolge seine Existenz lebensunwert sei, ist
unzulässig. Nach christlichem Verständnis besteht das Recht und der Wert des Lebens im Leben an sich
und nicht in irgendwelchen Werten.
4. Aus der Stellungnahme der Bischofskonferenz der Vereinigten Evangelischen Lutherischen Kirchen
Deutschlands" (VELKD):
... "Wo immer menschliches Leben durch Menschenhand zerstört wird, ist dies ein Hinweis darauf, daß eine
tiefe und schuldhafte Störung des Menschseins vorliegt ... Die Ehrfurcht vor dem Geber des Lebens und die
Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Lebens müssen gewahrt werden. Die Selbstverwirklichung des Menschen
findet ihre Grenze, wo anderes menschliches Leben geschädigt, erst recht, wo es zerstört wird. Auch
werdendes menschliches Leben gehört Gott. Es ist zwar Teil des Lebens der Mutter, aber es ist nicht ihr
eigenes Leben. ..."
RU-Wissen und Meinung ­ Arbeit und Freizeit
Das 3. Gebot
1. Das Gebot "Du sollst den Sabbattag heiligen" kommt im Alten Testament an zwei Stellen vor: im 2. Buch
Mose, Kapitel 20 und im 5. Buch Mose, Kapitel 5. Der Wortlaut des Gebotes wird dort jeweils
unterschiedlich überliefert. Zunächst lautet der Text gemeinsam:
"Gedenke des Sabbattages, daß Du ihn heiligst. Sechs Tage sollst Du arbeiten und alle Deine Werke tun.
Aber am siebten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, deine Tochter,
dein Knecht, deine Magd, (dein Rind, dein Esel, all) dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner
Stadt lebt, ..."
Danach folgt jeweils eine Begründung, in der sich die beiden Texte aber unterscheiden.
2.Mose 20: Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was
darinnen ist, und ruhte am siebten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.
5.Mose 5: Denn du sollst daran denken daß auch du Knecht in Ägyptenland warst und der Herr, dein Gott,
dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand. Darum hat dir der Herr dein Gott, geboten, daß du den
Sabbattag halten sollst.
2. Im 2. Buch Mose wird das Sabbatgebot mit dem Hinweis auf den Schöpfungsbericht begründet, der
davon erzählt, wie Jahwe am letzten Tag von seinem Schöpfungswerk ausruhte und diesen Tag segnete.
Der Sabbat, das Recht des Menschen auf Ruhe, so wird mit diesem Hinweis gesagt, ist Teil der weisen und
guten Schöpfung Gottes. Und tatsächlich scheint der Sieben-Tage-Rhythmus der Arbeitskraft des Menschen
so gut angepaßt, daß es bisher unmöglich war, ihn durch einen anderen Rhythmus zu ersetzen, etwa durch
"Dekaden", wie das in unserem Jahrhundert einige Länder versucht haben.
3. Im 5. Buch Mose wird das Sabbatgebot mit der Erinnerung an die Befreiung Israels aus Ägypten
verbunden. Die Rettung aus der Sklaverei, die Erfahrung geschenkter Freiheit ist der Grund der
Sabbatruhe. Auf Sklaverei und Arbeitzwänge, die Israel hinter sich hat, soll keine neue Abhängigkeit folgen.
Der Ruhetag ist also ein Tag der Befreiung.
4. Den Sabbat heiligen bedeutet ursprünglich nichts anderes als mit der Arbeit aufzuhören. Jahwe will, daß
der Mensch ihn durch Nichtstun ehrt. Mit in das Gebot einbezogen ist der ganze Hausstand, auch das Vieh,
die ganze Schöpfung also; nicht zu vergessen der Fremdling, der Gastarbeiter, dem auch das Recht auf
Sabbatruhe zukommt.
5. Die Idee der siebentägigen Woche, deren siebter Tag ein Ruhetag ist, ist älter als die uns überlieferte
Formulierung der 10 Gebote. Sie scheint aber, wie Bibelwissenschaftler und Kulturhistoriker meinen,
tatsächlich eine eigenständige Entdeckung des Volkes Israel zu sein. In den 10 Geboten wurde diese
Regelung als göttliches Gesetz zunächst für das Volk Israel festgeschrieben. Im Laufe der Kultur- und
Religionsgeschichte hat es dann aber überall dort Gültigkeit erlangt, wo der jüdisch-christliche Glaube sich
ausbreitete. Zu Recht hat man diese Entdeckung als "eine der größten, humansten Einrichtungen für den
Menschen" und als "eine der ältesten und wichtigsten sozialen Großtaten der Menschheitsgeschichte"
bezeichnet.
6. Das Sabbatgebot will den Menschen davor bewahren, sich selber und andere auszubeuten und zu
überfordern. Deshalb ist es nicht als religiöser Zwang zu verstehen, dem man sich zu unterwerfen hat,
sondern als hilfreicher Hinweis zur Gestaltung des Lebens und als Mahnung. Das Sabbatgebot widerspricht
der Auffassung, der Mensch finde seinen Sinn im Leben ausschließlich in Arbeit, Tätigsein und Leistung;
Freizeit, Ruhe und Muße hätten keinen Wert in sich, sondern dienten nur dazu, besser und härter arbeiten
zu können. Im Judentum ist dieses Gebot immer so verstanden worden, daß in der Feier des Sabbat, im
Zuruhekommen, der eigentliche Sinn und das Ziel des Lebens liegt. Der Sabbat ist für den Menschen
geschaffen. Er bietet ihm die Chance, zu sich selbst zu finden und sich auf sich selbst zu besinnen.
RU-Wissen und Meinung ­ Arbeit und Freizeit
Der Sabbat im Judentum
1. Das Gebot "Du sollst den Sabbattag heiligen" ist für das Volk Israel zu einem der wichtigsten Gebote
geworden. Denn die Feier des Sabbat, der traditionsgemäß am Freitagabend mit Sonnenuntergang beginnt
und am Samstagabend endet, hat zu allen Zeiten Auswirkungen auf das gesellschaftliche, politische und
vor allem familiäre Leben des jüdischen Volkes gehabt. Es ist das Gebot, das die Juden über alle Zeiten
und Länder hinweg miteinander verbindet.
2. Die zentrale Vorschrift für den Sabbat besagt, daß man an ihm keinerlei Arbeit verrichten soll. Einem
Juden ist alles das nicht erlaubt, was in irgendeiner Weise mit körperlicher Anstrengung, mit Arbeit und
Handeln zu tun hat. Erlaubt und geboten ist ihm dagegen alles, was zu seiner inneren Ruhe, zum
Empfinden einer tieferen Freude, zum Frieden innerhalb der Familie und der Nachbarschaft beitragen kann.
3. Diesem Ziel dient auch die traditionelle feierliche Gestaltung des Sabbat in der jüdischen Familie. Man
kauft gutes Essen, backt besonderes Brot, schmückt die Wohnung, badet und zieht sich festlich an. Der
Sabbat soll wie eine Königin empfangen werden. Er beginnt am Freitagabend nach Sonnenuntergang mit
der häuslichen Feier. Dabei "begrüßt" die Frau den Sabbat zunächst mit dem Entzünden der beiden
Sabbatkerzen, über die sie den Segen spricht. Der Hausvater spricht den Friedensgruß und vollzieht den
Kiddusch, die Segnung des Tages. Dabei erhebt er den bis zum Rand mit Wein gefüllten Becher, trinkt und
reicht ihn bis zum jüngsten Kind weiter. Danach wird mit einem feierlichen Gebet die Mahlzeit eröffnet, die
so schön und festlich und reichhaltig wie möglich sein soll. Das Essen selbst wird vor Beginn des Sabbats
vorbereitet, da das Kochen als Arbeit gilt. Am Samstag geht der Sabbat mit dem Synagogenbesuch, einem
guten Mittagessen und viel Ruhe weiter. Man liest, hört gute Musik, spricht und spielt miteinander, man
bleibt aber im Hause innerhalb der Familie. (Es soll jüdische Kinder geben, die den Sabbat gar nicht
mögen). Verabschiedet wird der Sabbat am Samstagabend bei Sonnenuntergang, indem der Hausvater
eine Kerze entzündet, die das Sabbatlicht weiter in die Woche hineintragen soll.
4. Im Laufe der Zeit haben sich im Judentum zahlreiche und detaillierte Vorschriften herausgebildet, um alle
denkbaren Möglichkeiten der Übertretung des Gebotes zu erfassen und von vornherein auszuschließen. So
darf z. B. am Sabbat, wie im Alten Testament gefordert wird, kein Feuer entzünzündet werden. Es darf also
auch nicht gekocht werden. Deswegen werden alle Mahlzeiten für den Sabbat vorher fertiggestellt. Im
orthodoxen, strenggläubigen Judentum bezieht sich dieses Verbot des Feuermachens auch auf das
Anschalten des elektrischen Lichts, eines Elektro- oder Gasherdes und den Gebrauch des Telephons.
(Erlaubt ist es aber, das Licht im Haus vor Beginn des Sabbat anzuschalten und während des Sabbat
brennen zu lassen). Selbstverständlich ist auch das Rauchen verboten, weil man dazu ja Feuer anzünden
muß. Ein frommer Jude berührt am Sabbat kein Geld und geht auch nur so viele Schritte wie unbedingt
nötig.
5. Die Sabbatgesetzgebung im Staat Israel wird weitgehend von der strengen Gesetzesauslegung der
orthodoxen Juden bestimmt. Öffentliche Veranstaltungen sind am Sabbat nicht erlaubt, Gaststätten und
Dikotheken usw. geschlossen und auch der Straßenverkehr ruht weitgehend.
RU-Wissen und Meinung ­ Arbeit und Freizeit
Der Sonntag (I)
1. Für Juden und Christen sind die Zehn Gebote ein zentraler Bestandteil ihres Glaubens und maßgeblich
für die Gestaltung des religiösen Leben. Das gilt auch für das 3. Gebot: "Du sollst den Sabbattag heiligen".
Während man im Judentum den letzten Tag der Woche als Ruhetag feiert, wie es im Dekalog gefordert
wird, ist man im Christentum dazu übergegangen, anstelle des Sabbat den Sonntag, den ersten Tag der
Woche, zu feiern. Die ersten Christen, die zum größten Teil aus dem jüdischen Volk stammten, hielten
zunächst auch am Sabbat ihren Ruhetag. Daneben kamen sie aber am Sonntag zusammen, um
miteinander Gottesdienst zu feiern, entweder in der Frühe oder am Abend, außerhalb der Arbeitszeit. Am
Sonntag kamen die Christen deswegen zusammen, weil an diesem Wochentag Christus auferstanden war
und sie den Gottesdienst als Gedächtnisfeier der Auferstehung Jesu verstanden. Überall dort, wo der
christliche Glaube sich ausbreitete, feierten die Christen am ersten Wochentag ihre Gottesdienste. Erst
Kaiser Konstantin, der die Christenverfolgung beendete und das Christentum im Jahr 381 zur Staatsreligion
erhob, setzte den Sonntag als gesetzlichen Ruhetag fest. Ruhetag und Gottesdiensttag waren nun für die
Christen eins. Sie begannen daher - ganz verständlich - das Sabbatgebot des Dekalogs auf die Feier des
christlichen Gottesdienstes zu beziehen. Martin Luther formulierte dieses Gebot 1200 Jahre später ganz
folgerichtig um: Es lautete nun: Du sollst den FEIERtag heiligen.
2. Wie im Judentum die Arbeitsruhe und die Besinnung auf Gott für den Sabbat bestimmend sind, so stehen
bei den Christen die Feier des Gottesdienstes und die Ruhe von der Arbeit im Mittelpunkt des Sonntags. In
diesem Sinne war der Sonntag in den christlichen Ländern Europas jahrhundertelang Bestandteil der
öffentlichen Ordnung. So war es früher in den Städten wie in den dörflichen Gemeinden selbstverständlich,
daß man am Sonntag zur Kirche ging, meist stand auch ein beträchtlicher gesellschaftlicher und religiöser
Zwang dahinter, besonders auf den Dörfern. Daneben diente er (wie alle anderen kirchlichen Feste und
Feiertage) für alle Bevölkerungsteile der Erholung von der Arbeit.
3. Mit Beginn der Industrialisierung und der Umgestaltung der Arbeitswelt wandelte sich die Bedeutung des
Sonntags langsam aber sicher. Für die Arbeiterklasse in der frühen Phase der Industrialisierung mit ihren
brutalen Arbeitsbedingungen war der Sonntag noch ein Bollwerk gegen die totale Ausbeutung der
menschlichen Arbeitskraft. Der Sonntag als Arbeits-Ruhetag war unantastbar. Mit der beginnenden
Humanisierung der Arbeit, dem Absenken der Wochenarbeitszeit und der Erfindung der gleitenden
Arbeitszeit verlor der Sonntag schließlich immer mehr seine ursprüngliche Bedeutung. In der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts entstand schließlich etwas ganz Neues: die 5-Tage-Woche mit dem arbeitsfreien
Samstag, dem daraus folgenden langen Wochenende und dem Problem der Freizeitgestaltung mit ihren bis
zum Sinnlosen gesteigerten Wochenendbetriebsamkeiten.
4. Eine breitangelegte Freizeitindustrie vermarktet nun die Zeiten der Arbeitsruhe: Tourismusindustrie,
Fernsehanstalten, Medienkonzerne, Unterhaltungsparks mit eigens angestellten Animateuren,
Sportmanager und Vereine umwerben die Menschen. Der Sonntag selbst wird aus einem Tag der Freiheit,
der Besinnung und Erholung zu einem besonders belasteten und belastenden Tag, unter dem der Mensch
und inzwischen auch die Natur zu leiden hat. Entsprechend der Vermarktung des Sonntags durch die
Unterhaltungsindustrie schreitet die Entchristlichung oder Entkirchlichung des Sonntags fort. Sein
ursprünglicher Sinn wird damit gänzlich ins Gegenteil verkehrt.
RU-Wissen und Meinung ­ Arbeit und Freizeit
Der Sonntag (II)
1. Der Sonntag als Ruhetag und religiöser Feiertag steht unter besonderem Schutz unseres Grundgesetzes.
Artikel 140 GG nimmt die Formulierung aus der Weimarer Verfassung von 1919 auf, in der es heißt: "Der
Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen
Erhebung gesetzlich geschützt". Privates Arbeiten in der Öffentlichkeit (wie Autowaschen und Gartenarbeit)
ist untersagt. Das bedeutet natürlich nicht das Verbot jeglicher Arbeit. Menschen in vielen Berufen müssen
auch am Sonntag arbeiten: im Gaststätten- und Hotelgewerbe, in Krankenhäusern, bei den
Verkehrsbetrieben, bei der Polizei usw. Für Pfarrer und viele andere kirchliche Mitarbeiter ist der Sonntag
geradezu der schwerste Arbeitstag der Woche. In allen diesen Fällen ist Sonntagsarbeit legal. Darüber
hinaus sieht die augenblickliche Regelung eine Ausnahme vom Verbot der Sonn- und Feiertagsarbeit nur
bei Arbeiten vor, die "ihrer Natur nach eine Unterbrechung oder einen Aufschub nicht gestatten", wie dies z.
B. bei Hochöfen der Stahlindustrie und bei bestimmten chemischen Produktionsprozessen der Fall ist.
2. Gefahr droht dem Sonntag und seiner Bedeutung für den Einzelnen, für Kirche und Gesellschaft in der
letzten Zeit durch Industrie und Wirtschaft, in der es starke Bestrebungen gibt, weitgehende neue
Ausnahmeregelungen beim Verbot der Sonn- und Feiertagsarbeit zu schaffen. Dabei stehen wirtschaftlich-
finanzielle Interessen und Überlegungen im Vordergrund. Teure Maschinen z. B. müßten auch am Sonntag
laufen, damit sie ausgelastet würden und rentabler arbeiten könnten, um dem Konkurrenzdruck aus dem
Ausland zu begegnen.
3. Gewerkschaften und Kirchen haben sich gegen solche Bestrebungen gewandt. Es wird vor allem
eingewendet, daß durch eine Aufweichung der bestehenden Sonntagsregelungen ganz besonders die
Familien betroffen würden. Die Familien, die sowieso schon durch vielfältige Einflüsse bedroht werden,
würden noch weiter an Zusammenhalt verlieren. Die Leidtragenden wären vor allem die Kinder, die dann
nicht einmal mehr am Sonntag die Gemeinsamkeit von Eltern und Kindern in der ganzen Familie erfahren
könnten. Das würde nicht ohne negative Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft bleiben.
4. Eine weitgehende Abschaffung des Sonntags und des Sonntagsarbeitverbotes würde die Beseitigung
einer jahrtausendealten religiösen, kulturellen, dem Wohl des Menschen dienende Regelung bedeuten.
Gegen die Interessen von Industrie und Wirtschaft muß betont werden, daß der Mensch nicht lebt um zu
arbeiten, sondern arbeitet um zu leben. Produktion und Rentabilität machen nicht den Sinn menschlichen
Lebens aus, und das Wohl des Menschen darf nicht wirtschaftlichen Interessen und Erfordernissen
untergeordnet werden. Dort, wo der Sonntag zu einem normalen Arbeitstag gemacht wird, fehlt ein
wichtiges Element des Schutzes des arbeitenden Menschen. Leidtragende wären aber nicht nur die
Arbeitnehmer, sondern auch die Wirtschaft selbst. Denn sie ist auf Menschen angewiesen, die nicht nur
funktionieren, die vielmehr auch die Muße und den notwendigen Abstand zu ihrer Tätigkeit haben, um mit
neuen körperlichen und geistigen Kräften an die Arbeit zu gehen.
RU-Wissen und Meinung ­ Arbeit und Freizeit
Arbeit und Beruf (I)
1. Das heutige Verständnis von Arbeit und Beruf ist wesentlich von biblischen Vorstellungen mitgeprägt.
a. Nach dem biblischen Schöpfungsbericht ist der Mensch als tätiges Wesen geschaffen und dazu berufen,
die Welt "sich untertan zu machen" und sie "zu bebauen und zu bewahren". Nicht zur Ausnutzung und
Ausplünderung, aber zur Ausgestaltung der Welt ist der Mensch beauftragt.
b. Der Mensch ist nicht als Einzelwesen von Gott geschaffen, sondern zum Zusammensein mit den
Mitmenschen. So soll auch seine Arbeit nicht um egoistischer Ziele willen geschehen, sondern sie soll so
angelegt sein, daß sie auch den Mitmenschen zugute kommt.
c. Nach der Bibel ist der Mensch auf der einen Seite mit Arbeit von Gott beauftragt, auf der anderen Seite
lastet auf der menschlichen Arbeit aber auch ein Fluch:
"Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen
und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Feld essen. Im Schweiße deines Angesichtes
sollst du dein Brot essen, bis du wieder zur Erde werdest, davon du genommen bist." (1. Mose 3,17-19)
Mit diesen Worten drückt die Bibel die Erkenntnis aus, daß Arbeit im Bewußtsein des Menschen nicht nur
Freude, Selbstverwirklichung und Erfüllung bedeutet, sondern auch Entfremdung, Mühe, Last und Zwang.
Auch für den Menschen in der modernen Arbeitswelt ist diese Erkenntnis nachvollziehbar.
2. Das späte Griechentum hatte alle handwerkliche Arbeit der geistigen Tätigkeit gegenüber abgewertet.
Körperliche Arbeit wurde als Last und Qual empfunden und war Sklavensache. Diese Tradition fand im
Mittelalter eine gewisse Fortsetzung: Der Mensch ist dem Göttlichen näher, wenn er sich Gott betend und
betrachtend zuwendet und sich von körperlicher und handwerklicher Arbeit und dem Zwang zum
Geldverdienen freihält.
3. Gegen diese Einstellung wandten sich die Reformatoren. Luther hat die weltliche Arbeit gegenüber dem
beschaulichen Klosterleben der Mönche aufgewertet. Das alltägliche Arbeitsleben hat Luther sogar als eine
Form des Gottesdienstes angesehen, wenn es in Verantwortung vor Gott und den Menschen geschieht. Das
Wort "Beruf" ist eine sprachliche Neuschöpfung Luthers. Im Mittelalter hatte man vor allem die mönchische
Lebensform als "Berufung" verstanden. Luther spricht von Beruf oder Berufung eines jeden Menschen zu
verantwortlicher Tätigkeit.
4. Noch positiver war die Einstellung des Schweizer Reformators Johann Calvin zu Arbeitstätigkeit und
Leistung. Alle menschliche Arbeit geschieht seiner Meinung nach zur Ehre Gottes. Calvin betrachtete den
wirtschaftlichen oder geschäftlichen Erfolg als ein Zeichen, an dem der Gläubige erkennen könnte, ob er
von Gott erwählt sei. Diese Vorstellung beflügelte calvinistische (reformierte) Protestanten zu immer
größeren beruflichen Anstrengungen. Das Denken der Calvisten hat in starkem Maße das Arbeitsethos nicht
nur im protestantischen Bereich beeinflußt: Leistungsdenken, beruflicher Ehrgeiz, Pflichterfüllung, Fleiß,
Pünktlichkeit, Korrektheit, Sparsamkeit nehmen dabei einen hohen Rang ein.
RU-Wissen und Meinung ­ Arbeit und Freizeit
Arbeit und Beruf (II)
1. Mit der Erfindung der Maschinenkraft im ausgehenden 18. Jahrhundert beginnt die Industrialisierung. Es
entsteht die Berufsgruppe des Lohnarbeiters, der seine Arbeitskraft gegen Lohn verkauft. Arbeitskraft und
damit Gesundheit und Fähigkeiten des Menschen werden zur käuflichen Ware. Besteht nach seiner
Arbeitskraft keine Nachfrage, droht dem Arbeiter die Arbeitslosigkeit. Ungerechte Entlohnung der Arbeiter,
brutale Ausbeutung der Arbeitskraft von Erwachsenen und Kindern durch die Unternehmer und mangelnde
soziale Absicherung der Arbeiterklasse in der Zeit des Frühkapitalismus führten zum Entstehen des
Marxismus. Karl Marx und Friedrich Engels forderten die Beteiligung der Arbeiter an den Produktionsmitteln
und an den Gewinnen der Unternehmen.
2. Die moderne Arbeitswelt ist gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Differenzierung und
Spezialisierung. Menschen sind tätig in der Produktion, in der Industrie und im Handwerk, in der Forschung
und Bildung, im Dienstleistungsbereich, in sozialen und technischen Berufen, in der Unterhaltungsbranche,
als Landwirte, Soldaten, Angestellte und Beamte usw. Kennzeichnend für unsere Gesellschaft ist auch, daß
meist nur Erwerbsarbeit als richtige Arbeit angesehen wird, das ist die Arbeit, die mit Lohn oder Einkommen
bezahlt wird.
3. Andere Tätigkeiten werden vielfach unterbewertet, z. B. die Arbeit für die Familie: Diese Arbeit dient der
Pflege und Erhaltung der kleinsten sozialen Zelle unserer Gesellschaft. Lange Zeit galt sie im Bewußtsein
der Öffentlichkeit überhaupt nicht als Arbeit und war, ähnlich wie ehrenamtliche Tätigkeit, unterbewertet.
Erst neuerdings beginnt man den hohen gesellschaftlichen Wert dieser Arbeit für die Familie zu begreifen.
In der Tat umfaßt die "Hausarbeit" vielseitige und verantwortungsvolle Tätigkeiten: Neben die gängigen
Arbeiten des Putzens, Einkaufens, Kochens, treten Aufgaben wie Organisation, Verwaltung,
Kindererziehung, Krankenpflege, Nachbarschaftshilfe usw..
4. Arbeit ist mehr als Erwerbstätigkeit. So sollte man von Arbeit auch bei den Tätigkeiten sprechen, die viele
Menschen ehrenamtlich ausüben. Vor allem im sozialen Bereich arbeiten viele Menschen ohne Entgelt,
indem sie sich um Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Alte, Kranke, Ausländer oder Suchtgefährdete und
deren Probleme kümmern. Andere wieder arbeiten für Gerechtigkeit und Frieden, für Menschenrechte,
Dritte Welt und Umwelt. Sie engagieren dabei sich in Initiativgruppen, Vereinen und Parteien und
kirchlichen oder gewerkschaftlichen Gruppen. Diese Arbeit ist ein wichtiger Beitrag zur Förderung und
Erhaltung des Lebens vieler Menschen, sie ist lebens- und gemeinschaftsfördernd und für unsere
Gesellschaft wichtig.
5. Einen besonderen Stellenwert nimmt die künstlerisch-kulturelle Arbeit ein: die Arbeit der Dichter,
Schriftsteller, Maler, Musiker. Diese Tätigkeiten können z.T. Spitzenverdienste einbringen. Künstlerische
Tätigkeit im Sinne von Weltdeutung und Sinnfindung, geistiger Auseinandersetzung mit Lebensfragen und
Problemen gilt weithin aber nicht als Arbeit.
RU-Wissen und Meinung ­ Arbeit und Freizeit
Arbeit und Beruf (III)
1. Arbeiten und Tätigsein gehört zum Wesen des Menschen. Wie ein Mensch zu seiner Arbeit steht, darin
wird ein Stück seiner Eigenart sichtbar. Ob jemand zu den "workoholics" gehört, zu den Arbeitssüchtigen,
und sich (und seine Familie) kaputt arbeitet, oder ob er sich in einer "Null-bock"-Haltung gefällt und
gleichgültig und resigniert die Chancen zu einem sinnvollen Leben ausläßt: das ist sicher nicht nur
Charaktersache, sondern hängt auch von der Erziehung und der sozialen Umwelt des Menschen ab.
2. In der heutigen Gesellschaft wird der Beruf vielfach nur als Möglichkeit zur Befriedigung materieller
Lebensbedürfnisse verstanden. Auf der anderen Seite finden aber viele Menschen in ihrer Arbeit zugleich
einen Lebenssinn und ihre Selbstverwirklichung. Ihre Neigung und Begabung stimmen mit ihrer
tatsächlichen Arbeitstätigkeit überein. Das ist nicht in allen Berufen so. Es gibt Tätigkeitsbereiche, in denen
der Mensch nur schwer einen Bezug zu sich selbst, zu seinen schöpferischen Fähigkeiten und zu seinen
Neigungen herstellen kann. Betroffen davon sind Millionen von Männern und Frauen an den Fließbändern
der Fabriken. Zu dem Produkt ihrer Tätigkeit haben sie kaum ein Verhältnis, da sie es in vielen Fällen nicht
einmal kennen oder zu sehen bekommen. Karl Marx hat diese Erfahrung des modernen Arbeitslebens als
"Entfremdung" bezeichnet. Der Mensch wird mehr und mehr zum Objekt seiner Arbeit. Sein Tun wird in
hohem Maße fremdbestimmt durch Technik, Organisation und Entscheidungen anderer. Wer gezwungen
ist, auf diese Weise seine Arbeitskraft zu verkaufen, steht immer in der Gefahr, ausgebeutet zu werden, wie
es in vielen Teilen der Welt noch der Fall ist.
3. Welche soziale Stellung ein Mensch einnimmt, hängt in unserer Gesellschaft wesentlich mit seinem
Beruf zusammen. In den Medien erscheinen von Zeit zu Zeit Berufsranglisten, in der die Tätigkeitsbereiche
nach ihrer Beliebtheit oder nach ihrem gesellschaftlichen "image" und dem Grad ihrer Anerkennung in der
Bevölkerung aufgelistet werden. So gilt vielen Menschen ihre Arbeitstätigkeit vor allem als Mittel, ihren
gesellschaftlichen Status zu verbessern oder zumindest zu behalten. Daraus folgen oft Streß und
Versagensängste, Ellbogen- und Verdrängungsmentalität. Im Zusammenhang damit steht die Gefährdung
des Menschen in der modernen Gesellschaft durch Erwartungs- und Leistungsdruck. Der "Wert" eines
Menschen wird oft nur noch an seiner Leistungsfähigkeit und seiner Verwertbarkeit und Einsatzmöglichkeit
in Wirtschaft und Industrie gemessen. In diesen Tendenzen entspricht das Menschenbild unseres
Gesellschaftssystems nicht biblisch-christlichen Grundlagen.
4. Dies gilt auch für eine Haltung, die Arbeit und Tätigsein nur als Übel und Zumutung ansieht und meint,
daß für das Wohl jedes Einzelnen vor allem die "Gesellschaft" zu sorgen habe. Selbstverständlich ist es
aber Aufgabe und Auftrag aller Menschen, im Sinne von Mitmenschlichkeit und sozialer Mitverantwortung
für die zu sorgen, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in der Lage sind, durch Arbeit für ihren
Lebensunterhalt selbst aufzukommen.
RU-Wissen und Meinung ­ Arbeit und Freizeit
Arbeitslosigkeit (I)
1. Nach Jahren der Vollbeschäftigung ist die Arbeitslosigkeit zu einem zentralen Problem unserer
Gesellschaft geworden. Bis 1973 war die Arbeitslosenquote sehr niedrig, stieg aber im Jahre 1974 auf 4,7 %
und erreichte 1988 die Zehn-Prozent-Marke. Durch den Einigungsprozeß und die damit verbundene
wirtschaftliche Umstellung in den neuen Bundesländern stieg die Arbeitslosenzahl auf fast 3 Millionen. Da
nicht alle Arbeitslosen statistisch erfaßt werden können, dürfte die Zahl noch höher sein. Außerdem ist der
Anteil derer ziemlich hoch, die längerfristig arbeitslos sind und keine Chance haben, noch einmal ins
Arbeitsleben zurückzukehren. Das betrifft vor allem ältere Arbeitnehmer.
2. Die Gründe für die Arbeitslosigkeit sind auf verschiedenen Ebenen zu suchen: Auf der einen Seite
handelt es sich um Schwächen der wirtschaftlichen Konjunktur. Auf der anderen Seite ist Arbeitslosigkeit
durch die technische Entwicklung bedingt. Die Einführung vor allem der Mikroelektronik macht viele
Arbeitsplätze überflüssig. Durch Kurzarbeit, Kündigungen und Massenentlassungen sind vor allem
Jugendliche, Frauen, ältere Arbeitnehmer, Ausländer, Ungelernte und Behinderte betroffen.
3. Wie die Arbeitslosigkeit bekämpft und beseitigt werden kann oder muß, darüber gehen die Meinungen
der Politiker und Wirtschafts-Fachleute weit auseinander. In jedem Fall kann Arbeitslosigkeit mit ihren
Folgen aber gemindert werden, wenn die Lasten der Krise auf alle gerecht verteilt und von allen solidarisch
getragen werden. Diejenigen, die Arbeit haben, sollten nicht noch durch Überstunden das Angebot von
Arbeitsplätzen verringern. Ein schärferes Vorgehen gegen illegale Leiharbeit und Schwarzarbeit ist dringend
nötig. Die Unternehmer sind gefordert, immer zu berücksichtigen, daß von ihren wirtschaftlichen
Entscheidungen sehr oft Menschenschicksale abhängen. Daher ist es notwendig, bei neuen Entwicklungen
vorher und rechtzeitig die Interessen und Bedürfnisse der Betroffenen einzubeziehen. Arbeitnehmer und
Gewerkschaften sollten bei Tarifverhandlungen und Lohnforderungen auf die Menschen Rücksicht nehmen,
die nicht arbeiten können. Sie sollten sich fragen, welche Auswirkungen ihre Forderungen auf die
Beschäftigungssituation haben.
4. Die Kirche steht in der Mitverantwortung für die moderne Arbeitswelt, weil christlich/biblische
Vorstellungen die grundlegenden Einstellungen auf dem Weg zur Industriegesellschaft wesentlich
mitgeprägt haben. Das protestantische Arbeitsethos hat mit seiner Forderung, durch harte und stetige Arbeit
Gott zu ehren, im Guten wie im Bösen zum Entstehen der modernen, auf Leistung ausgerichteten
Industriegesellschaft beigetragen. In der frühen Zeit der Industrialisierung war die Kirche lange Zeit blind
gegenüber den sozialen Nöten der Arbeiter. Nur wenige einzelne Christen wie Kolping (auf katholischer
Seite) und Wichern (auf evangelischer Seite) haben sich im vorigen Jahrhundert mit den sozialen Fragen
der Arbeiterschaft befaßt, haben soziale Verelendung und die brutale Ausbeutung der Arbeiter
angeprangert. Auch heute noch hat die Kirche vielfach Schwierigkeiten, den Zugang zur Arbeitswelt zu
finden.
5. Gerade auch deswegen sollten die Kirchen und Kirchengemeinden sich um die arbeitslosen
Gemeindeglieder kümmern. So gibt es in vielen Gemeinden Arbeitslosentreffs für Jugendliche und
Erwachsene; Kirchengemeinden in Gebieten mit drohender Massenarbeitslosigkeit solidarisieren sich mit
den von Entlassung Bedrohten und setzen sich zumindest für ihre soziale Absicherung ein. Immer sollte
aber die Kirche im Gespräch bleiben mit den Gewerkschaften, den Arbeitgeberverbänden und natürlich den
Arbeitern und Arbeiterinnen selbst. Aufgabe der Kirche ist es, in der Gesellschaft das Nachdenken über
Sinn und Bedeutung der Arbeit, über Leistungsdenken und Karierestreben, über Solidarität und Humanität in
der Arbeitswelt wachzuhalten.
RU-Wissen und Meinung ­ Arbeit und Freizeit
Arbeitslosigkeit (II)
1. Arbeitslosigkeit verändert unser gesellschaftliches Leben und hat erhebliche psychische Auswirkungen
auf die Betroffenen und deren Familien:
2. Arbeitslosigkeit hat für den einzelnen unterschiedliche Auswirkungen, die jeden wieder unterschiedlich
stark betreffen können: Da sind die materiellen Schwierigkeiten, die auftreten können, besonders wenn nach
längerer Arbeitslosigkeit nur noch Arbeitslosenunterstützung oder Sozialhilfe gezahlt wird. Arbeitslosigkeit
hat zu einer "Neuen Armut" geführt. Zu den nahezu 6 Millionen Menschen in der Bundesrepublik, deren
Einkommen unterhalb der Regelsätze der Sozialhilfe liegt, gehören viele Arbeitslose und deren Familien.
Sie können den gewohnten Lebensstandard und das vertraute soziale Umfeld nicht mehr halten. Kinder,
deren Eltern arbeitslos sind, haben darunter besonders zu leiden.
3. Nach dem Verlust der Arbeitsstelle kommt es bei den Betroffenen nicht selten zu einer Lebenskrise. Sie
leiden unter Minderwertigkeitskomplexen, halten sich für untüchtig oder für Versager, ziehen sich aus dem
gewohnten Freundeskreis zurück und errichten aus Scham und Verzweiflung eine Mauer um sich, die sie
noch mehr in die persönliche Isolation treibt. In der Mischung aus Enttäuschung, Angst und Resignation
entwickeln sich Verhaltensweisen, die von Außenstehenden meist nicht verstanden werden. Die
Persönlichkeit verändert sich, es treten gehäuft psychische Störungen wie Depressionen auf,
Alkoholabhängigkeit und -mißbrauch nehmen zu. Nicht selten werden dadurch Ehekrisen ausgelöst. Hinzu
kommt, daß Arbeitslose verdächtigt werden, sich vor Arbeit zu drücken und auf Kosten anderer zu leben.
Die Meinung, Arbeitslosigkeit sei so etwas wie ein verlängerter Urlaub mit süßem Nichtstun, ist leider immer
noch verbreitet. Hier droht sozialer Konflikt.
4. Jugendliche, die keine Chance auf Ausbildung und Arbeit haben, verlieren ihre Lebensperspektive und
werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Es besteht die Gefahr, daß sie sich nach rechts oder links
radikalisieren und/oder kriminell werden.
5. Ein hoher Prozentsatz der Frauen ist von der Arbeitslosigkeit betroffen. Von ihnen wird erwartet, daß sie
zugunsten der traditionellen Hausfrauenrolle auf Erwerbstätigkeit verzichten. Das von den Frauen bisher
erreichte Maß von Gleichberechtigung könnte so wieder verloren gehen.
6. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes führt zu einer Entsolidarisierung der Arbeitnehmer
untereinander. Vorurteile gegen Ausländer nehmen zu, weil man ihnen vorwirft, den Einheimischen die
Arbeitsplätze wegzunehmen.
7. Behauptungen wie "die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer" und "wir sind auf
dem Weg zur Zweidrittel-Gesellschaft" zeigen, daß der soziale Friede bei uns gefährdet ist. Keine
Gesellschaft kann auf die Dauer gedeihen, wenn es ihr nicht gelingt, den Anteil der durch Arbeitslosikeit
unzufriedenen oder verbitterten Menschen zu verringern.
8. So schlimm die persönlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Arbeitlosigkeit auch sind, so muß
doch betont werden, daß die heutige Situation nicht mit den Zuständen während der wirtschaftlichen Krise in
den 30er Jahren zu vergleichen ist. Damals war der Ausfall des Ernährers eine materielle Katastrophe für
die Familie. Hunger und völlige Verelendung waren die Folge. Heute gibt es ein umfassenderes Netz der
sozialen Sicherung. Das Schreckbild der 30er Jahre darf daher nicht als Vergleich herangezogen werden.
Die heutige Situation darf aber auch nicht verharmlost werden.
RU-Wissen und Meinung ­ Arbeit und Freizeit
Freizeit
1. Das Verhältnis von Arbeitszeit zu Freizeit ist in den verschiedenen Berufen und Tätigkeiten der
Menschen sehr unterschiedlich. Für viele Arbeitnehmer gilt die 40- bzw. 37,5-Stunden-Woche. Das
bedeutet meistens, daß Samstag und Sonntag arbeitsfrei sind und für Freizeit und Erholung zur Verfügung
stehen. Bei vielen Selbstständigen, bei Managern und auch im Bereich der Landwirtschaft ist an eine solche
Begrenzung und Regelung der Arbeitszeit nicht zu denken.
2. Freizeit sollte eigentlich eine Zeit sein, in der der Mensch in Freiheit und Freude sein Leben gestalten
kann. Es hat sich aber gezeigt, daß den Menschen auch bei der Gestaltung seiner Freizeit die Zwänge
wieder einholen. Nicht wenige Menschen haben unter ihrer freien Zeit zu leiden:
·
Der Pensionär, der sein ganzes Leben gearbeitet hat, kann mit seiner Freizeit nichts anfangen. Er weiß
nicht, wie er seine Zeit gestalten soll. Es gibt den sog. Pensionstod.
·
Mancher Schüler weiß mit den Ferien nicht viel anzufangen, weil ihm niemand beigebracht hat, die freie
Zeit zu gestalten.
·
Viele Erwachsene und Kinder (oft schon im zartesten Alter) verbringen ihre Freizeit fast ausschließlich
vor dem Fernseher; sie leben damit ein Leben aus zweiter Hand.
·
Auch in der Urlaubszeit setzt sich mancher unter einen Erlebnisdruck und kommt ausgebrannt und
entnervt aus dem Urlaub zurück, als Opfer einer ausgedehnten Freizeit- und Tourismusindustrie.
·
Selbst das Spiel ist in der modernen Gesellschaft zu einer todernsten Sache geworden. Die in den
letzten Jahren gewachsene Verflechtung von Sport und Kommerz hat dazu geführt, daß Sport weithin
nur noch als Ware angeboten und konsumiert wird.
3. Sinnvoll gestaltete Freizeit hat positive Auswirkungen auf das menschliche Leben. In der Freizeit kann
man
·
sich erholen und Kräfte für die Arbeit wiedergewinnen. Würde aber darin allein die Bedeutung der
Freizeit für den Menschen liegen, dann hieße das, daß der Mensch nur für die Arbeit da wäre und daß
ausschließlich in der Arbeit der Sinn des menschlichen Lebens zu finden sei. Darum gilt: In der Freizeit
sollte der Mensch haben Zeit für sich selbst und für die Familie, für andere; Zeit für Hobby, Sport,
Reisen, Freundschaften, Besuche usw.
·
sich bilden. Man kann lesen, sich an VHS-Kursen beteiligen, Konzerte und Theater besuchen.
Weiterbildung, Fortbildung ist nicht nur für den Beruf, sondern auch für die Entwicklung der
Persönlichkeit wichtig.
·
spielen. Das Spielen ist nicht eine Angelegenheit nur für Kinder, sondern ein fundamentales Bedürfnis
auch der Erwachsenen. "Wer keine Zeit zum Spielen hat, nimmt sich viel zu ernst!" Spielen schafft
Vergnügen und macht Spaß; es schafft Kontakte, kann Kräfte und Phantasie freisetzen und Spannungen
und Aggressionen abbauen helfen.
·
sich freiwillig und ehrenamtliche betätigen in Öffentlichkeit und Gesellschaft. Durch solches freiwillige
Engagement kann jeder über seine berufliche Tätigkeit hinaus seine Fähigkeiten und Begabungen, sein
Wissen und seine Phantasie in den Dienst der Allgemeinheit stellen.
·
zur Besinnung kommen. Jeder Mensch braucht Zeiten, in denen er über sich selbst, über seine
Probleme, sein Verhältnis zum anderen nachdenken kann. Der Mensch braucht Muße, d.h. Zeit ohne
Hetze, Stress und Lärm, um nach dem Sinn des Lebens und auch nach Gott fragen zu können.
RU-Wissen und Meinung ­ Bibel
Die Bibel: Allgemeines
1. Die Bibel (vom griechischen biblos = Buch) ist ein Sammelwerk, d.h. eine Zusammenstellung von über
60 einzelnen Schriften, die sich in Bezug auf Entstehungszeit, Inhalt und Umfang sehr voneinander
unterscheiden. Unzählige Menschen haben zu ihr beigetragen. Von vielen Verfassern der biblischen Bücher
kennen wir die Namen, die meisten sind uns aber unbekannt. Erst nach langen Auseinandersetzungen legte
die Kirche im 4. Jahrhundert n. Chr. den uns heute bekannten Umfang der Bibel (den sog. Kanon) fest, der
seitdem in allen großen Kirchen Geltung besitzt. Die Anzahl der Schriften, die Bestandteil der Bibel sind,
schwankt aber je nach Konfession. So hat die Katholische Kirche die sog. Apokryphen, das sind einige
kleinere alttestamentliche Schriften, mit in den Kanon aufgenommen; in den evangelischen Ausgaben
fehlen sie meist oder erscheinen nur im Anhang.
2. Die Bibel besteht aus dem Alten und dem Neuen Testament (AT und NT). Das AT ist in vorchristlicher
Zeit entstanden (ca. 1100 - 200 v. Chr.) und in hebräischer Sprache verfaßt. Es entspricht im großen und
ganzen der jüdischen Bibel. Die Schriften des NT sind in griechisch geschrieben und nach Christi Geburt
(ca. 40-110 n. Chr.) entstanden. Etwa 3/4 der Bibel gehören zum AT, 1/4 zum NT.
3. Von den ursprünglichen Manuskripten der biblischen Bücher ist leider keines erhalten, doch es gibt
unzählige Abschriften, die zwar manchmal nur in Teilen vorliegen, die aber sehr nahe an die
Entstehungszeit der Originale heranreichen. Bis zur Erfindung des Buchdrucks (um 1450 durch Johann
Gutenberg) gab es nur eine einzige Möglichkeit, Bücher zu vervielfältigen: man mußte sie mit der Hand
abschreiben. Solche handschriftlichen Kopien wurden in Klosterbibliotheken, im Wüstensand oder in Höhlen
gefunden. Am bekanntesten sind die Funde in den Höhlen von Qumran am Toten Meer. Dort hat man seit
1947 viele wertvolle Buchrollen des AT gefunden, die vor mehr als 2000 Jahren in Tonkrügen verborgen
worden waren.
4. Die jüdischen Gelehrten, die über Jahrhunderte hinweg das AT überlieferten, und die Mönche, die im
Mittelalter die ganze Bibel abschrieben, faten ihre Tätigkeit als Gottesdienst auf und arbeiteten sehr
sorgfältig und genau. Trotzdem gibt es viele Abweichungen unter den einzelnen Abschriften (Schreibfehler,
Wortumstellungen, Auslassungen und auch Hinzufügungen), so daß an manchen Stellen der Bibel der
Wortlaut des Originals nicht eindeutig feststeht.
5. Seit es die Bibel gibt, hat man sie aus den ursprünglichen Sprachen in andere übersetzt. So liegt das Alte
Testament in einer griechischen Übersetzung vor, die (angeblich 72) Wissenschaftler schon im 3.
Jahrhundert v. Chr. anfertigten, eine für damalige Zeiten ungeheure wissenschaftliche Leistung.
Eine bekannte und wichtige frühe Übersetzung ins Lateinische ist die sog. Vulgata. Sie wurde um das Jahr
400 n.Chr. durch den Kirchenvater Hieronymus geschaffen und ist bis ins 20. Jahrhundert hinein der
maßgebliche Bibeltext der katholischen Kirche.
Auch heute noch wird an vielen Bibelübersetzungen gearbeitet. Bis zum Jahr 1991 war die Bibel (oder Teile
daraus) in ca. 1980 Sprachen übersetzt. Sie ist damit das am weitesten verbreitete und meistübersetzte
Buch der Welt Die bekannteste deutsche Bibelübersetzung hat Martin Luther geschaffen. Andere deutsche
Bibelübersetzungen sind: die Zürcher Bibel, die Einheitsübersetzung (auf katholischer Seite) und die (nicht
wortwörtliche) Übersetzung von Jörg Zink.
6. Die Einteilung der Bibel in etwa gleichlange Kapitel und kleinere Versabschnitte entstand im
15./16.Jahrhundert. Sie ermöglicht ein rasches Auffinden von bestimmten Texten. Die Konfessionen haben
sich weitgehend auf eine einheitliche Kapitel- und Verszählung geeinigt.
RU-Wissen und Meinung ­ Bibel
Entstehung und Inhalt des Alten Testaments
1. Ehe die ersten Teile des AT aufgezeichnet wurden, hatte man ihre Inhalte schon jahrhundertelang
mündlich weitergegeben. Man weiß, daß die ersten umfangreichen Niederschriften zur Zeit der Könige
David und Salomo (ca. 900-1000 v. Chr.) erfolgten. Die jüngsten Bücher wurden erst im 2. Jahrhunderts v.
Chr. niedergeschrieben. So sind von den ersten Anfängen mündlicher Überlieferung bis zu den letzten
schriftlichen Aufzeichnungen des AT ungefähr 1000 Jahre vergangen. Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr.
haben jüdische Gelehrte die heiligen Schriften gesammelt und zu größeren Einheiten zusammengefaßt.
2. Dem Inhalt nach sind die Bücher des AT sehr unterschiedlicher Art. Sie gehören z.T. verschiedenen
literarischen Gattungen an. Im AT finden sich:
a) Historische Berichte:
z.B. die "Bücher der Könige"; die "Chronik"
b) Erzählungen:
z.B. Genesis 12: von Abraham, Isaak, Jakob
c) Gesetzestexte:
z.B. die 10 Gebote
d) Lieder und Gebete:
z.B. die Psalmen
e) Spruchsammlungen:
z.B. die Sprüche Salomos
f) Prosadichtung:
z.B. das Buch Hiob
g) Lyrik:
z.B. das Hohelied
Für die Auslegung und für das Verständnis der biblischen Texte ist es wichtig, daß man erkennt, zu welcher
Gattung der jeweilige Text gehört.
3. Die 5 Bücher Mose, von den Juden "Thora" genannt, gehören zu den wichtigsten Teilen des AT. "Bücher
Mose" werden sie genannt, nicht weil Mose sie geschrieben hätte, sondern weil in ihnen Mose als Befreier
und Gesetzgeber des Volkes die wichtigste Gestalt ist. Man zitiert die 5 Bücher Mose oft (und richtiger) mit
den Namen: Genesis, Exodus, Numeri, Levitikus, Deuteronomium. Das 1. Buch Mose (Genesis) bringt die
Urgeschichte mit Erzählungen über den Anfang der Welt und der Menschheit. Ebenfalls im 1. Mosebuch
finden wir die Geschichten über die Stammväter und Stammütter Israels: Abraham, Isaak, Jakob, Sara. Mit
dem 2. Mosebuch (Exodus) beginnen die Mosegeschichten, die mit dem Auszug aus Ägypten, der
Wüstenwanderung des Volkes und der Gesetzgebung (10 Gebote) am Sinai die übrigen Mosebücher füllen.
4. In den Geschichtsbüchern von Josua (1000 v. Chr.) bis Nehemia und Esther (400 v. Chr.) wird die
Geschichte Israels in großen Etappen dargestellt: die Einwanderung nach Kanaan (Palästina), die Blütezeit
des Reiches Israel unter den Königen David und Salomo, die Teilung des Reiches in Israel und Juda (926 v.
Chr.), die Eroberungen durch die Assyrer und die Babylonier, das babylonische Exil, der Wiederaufbau des
Landes und der Stadt Jerusalem mit dem Tempel. Die Geschichtsbücher des AT enden ungefähr mit dem
Jahr 400 v. Chr.
5. Zu den "prophetischen Büchern" gehören 16 Schriften. Man unterteilt sie nach ihrem Umfang in "große"
und "kleine" Propheten. Als große Propheten gelten die Bücher Jesaja, Jeremia, Hesekiel und Daniel. Als
"kleine" Propheten bezeichnet man die Reihe der 12 Propheten von Hosea bis Maleachi. Propheten sind
Kritiker und Mahner ihrer Zeit. Sie decken religiöse, soziale und moralische Mißstände auf und weisen das
Volk und seine Regierungen auf Gottes Willen hin. Erhalten geblieben sind ihre Worte, weil sie von ihnen
selbst oder von ihren Schülern aufgeschrieben wurden.
6. Neben den historischen Berichten, den Erzählungen und den Prophetenbüchern gibt es im AT auch
"poetische" Schriften", oft auch "Lehrbücher" genannt. Sie bilden eine Gruppe von Dichtungen, die am
wenigsten einheitlich ist. Das Buch Hiob stellt die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts des
unschuldigen Leidens - eine Frage, die auch die Menschen heute noch bewegt. Das Buch der Psalmen (der
Psalter) enthält 150 längere oder kürzere Gebete und Lieder, die von den einzelnen Frommen oder von der
Gemeinde gebetet oder gesungen wurden. (Die Melodien und die Musik zu diesen Liedern sind leider
verloren gegangen). Die Bücher "Sprüche" und "Prediger" sind Sammlungen von Spruchweisheiten oder
Lebensregeln, die unter dem Namen des weisen Königs Salomo zusammengestellt wurden.
RU-Wissen und Meinung ­ Bibel
Die zehn Gebote (Der Dekalog) (I)
1. Die zehn Gebote, auch "Dekalog" (=das Zehnwort) genannt, finden sich im Alten Testament an zwei
Stellen: im 2. Buch Mose (Kapitel 20) und im 5. Buch Mose (Kapitel 5). Der Wortlaut der 10 Gebote weicht
in diesen beiden Texten voneinander ab. Am auffälligsten ist die unterschiedliche Begründung des 3.
Gebotes ("Du sollst den Sabbattag heiligen."): Nach 2.Mose 20 ist es auf die Erschaffung des Sabbat am 7.
Tag der Schöpfung zurückzuführen. Die Sabbatruhe des Menschen entspricht dem Ruhen Gottes von
seinem Schöpfungswerk. Nach 5.Mose 5 soll die Sabbatruhe eingehalten werden zur Erinnerung an die
Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten.
2. Wie und wann ist der Dekalog entstanden? Die biblischen Berichte erzählen, daß das Volk Israel nach
seiner Flucht aus der Sklaverei in Ägypten auf der Wanderung durch die Wüste an den Berg Sinai (Horeb)
gelangt und an seinem Fuße ein Lager aufschlägt. Dort offenbart sich Gott dem Mose und den Israeliten
unter rauchenden Wolken, rollendem Donner, zuckenden Blitzen und erzitterndem Erdboden. Mose steigt
auf den Berg und empfängt dort von Jahwe die Gebote auf zwei steinernen Tafeln, von Jahwes Hand selbst
geschrieben. Nachdem Mose 40 Tage und Nächte auf dem Berg zugebracht hat, steigt er von Berg herab
und übergibt dem Volk die Gesetze Jahwes.
3. Ist der Dekalog historisch so entstanden, wie die biblischen Berichte es schildern? Die 10 Gebote
erscheinen im 2. Buch Mose als Teil einer umfangreichen Gesetzessammlung, die sehr unterschiedliche
Rechtsordnungen enthält: Eigentumsordnungen, Strafbestimmungen, Hygienevorschriften und
Speisegesetze. Dazu kommen unzählige kultische Bestimmungen über verschiedene Opfer, den Bau der
Stiftshütte, Bestimmungen für Priester usw. Die historisch-kritische Erforschung durch die Bibelwissenschaft
hat ergeben, daß der Dekalog zunächst wohl unabhängig von dem Zusammenhang bestand, den ihm die
biblischen Erzähler zugewiesen haben. In diesen erzählerischen Zusammenhang wurden die 10 Gebote
sehr spät gestellt, nämlich im 5. Jahrhundert vor Christus, als die vielen, ursprünglich selbständigen Teile
der 5 Bücher Mose durch die Priester in Jerusalem zu ihrer heutigen Gestalt zusammengefügt wurden.
4. Es spricht sehr viel dafür, daß der Kern des Dekalogs tatsächlich auf Mose zurückgeht. Dann würde er
aus dem 12. oder 13. Jahrhundert v. Chr. stammen, freilich noch nicht in seiner heutigen Gestalt. Fest
steht, daß die 10 Gebote eine Entwicklung durchgemacht haben, wie schon die zwei unterschiedlichen
Fassungen in der Bibel vermuten lassen. Einzelgebote des Dekalogs finden sich bereits lange vor der Zeit
des Mose in Gesetzessammlungen der vorderorientalischen Völker.
5. Es ist auch eine historisch feststehende Tatsache, daß das Volk Israel den Dekalog, geschrieben auf zwei
Steintafeln, in der sog. Bundeslade (Holzkasten) auf seiner Wüstenwanderung mit sich herumgetragen hat.
Dies zeigt, daß die 10 Gebote für Israel von Anfang an eine große kultische, religiöse Bedeutung hatten. Sie
waren für das Volk Zeichen und Inbegriff des Bundes, den sein unsichtbarer und unfaßbarer Gott Jahwe mit
ihm geschlossen hatte, das Grundgesetz sozusagen, die Zusammenfassung der moralischen Werte, die die
verschiedenen Stämme Israels einte. Der Dekalog ist bis heute das Kernstück des jüdischen Glaubens
geblieben, von Jesus ausdrücklich in seiner Bedeutung bestätigt (und noch verschärft) und so auch in den
christlichen Glauben übernommen. Darüber hinaus hat der Dekalog auf die religiösen, sittlichen und
moralischen Werte und Vorstellungen vieler anderer Religionen und auch staatlicher Gesellschaften großen
Einfluß gehabt.
RU-Wissen und Meinung ­ Bibel
Die zehn Gebote (II)
1. Obwohl die 10 Gebote in ihren kurzen, knappen und deutlichen Worten unkompliziert und einprägsam
sind, bedürfen sie doch der Erklärung. Sinn und Bedeutung der Gebote stehen nicht ein für allemal fest,
sondern haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Manche Formulierungen (und Übersetzungen) des
Dekalogs selbst sind fragwürdig geworden. Z.B. das 2. Gebot: "Du sollst Dir kein Bildnis machen...". Luther
hat dieses Gebot für überholt gehalten und nicht mit in den Katechismus aufgenommen. Oder das 3. Gebot:
Der ursprüngliche Wortlaut: "Du sollst den Sabbattag heilig halten" ist im christlichen Bereich geändert
worden in "Du sollst den Feiertag heiligen". Oder: Die richtige Übersetzung des 5. Gebotes lautet: "Du sollst
nicht morden". Die uns geläufige Übersetzung "Du sollst nicht töten" ergibt einen wesentlich anderen Sinn.
Fragwürdig und unhaltbar ist für uns der Wortlaut des 10. Gebotes (nach 2. Mose 20), in dem die Frau mit
dem Vieh gleichgestellt und als Eigentum des Mannes angesehen wird. Die spätere Fassung der 10 Gebote
im 5. Buch Mose hat daran auch schon Anstoß genommen und die ursprüngliche Fassung korrigiert.
2. Die 10 Gebote sind somit Formulierungen, die von Menschen stammen und die dem Denken der Zeit
entsprungen sind, in der sie entstanden. Der religiöse, jüdische und christliche Glaube sagt darüber hinaus,
daß die Gebote, obwohl von Menschen formuliert, von Gott stammen, daß Gott die Menschen (z.B. Mose
und viele andere nach ihm) auf entsprechende gute Gedanken brachte. Diese Menschen haben das
Ergebnis ihrer Gedanken im Namen Gottes verkündet. "Die Gebote sind Gottes Schöpfung", diese Aussage
bedeutet, daß Freiheit, Menschenwürde und Menschenrechte nicht eine "Erfindung" von bestimmten
Menschen sind, sondern daß sie für alle Menschen gelten und für alle verpflichtend und bindend sind.
3. Für das Verständnis des Dekalogs ist es wichtig zu erkennen, welche Grundgedanken ihn leiten. Von
elementarer Bedeutung sind dabei die einleitenden Worte (2. Mose 20, 1): Ich bin der Herr, dein Gott, der
ich Dich aus Ägypten, aus der Sklaverei geführt habe." Die Gebote werden -dem biblischen Bericht zufolge-
dem Volk auf der Wanderung in die neue Heimat, an der Schwelle zwischen Sklaverei und freiheitlicher
Existenz gegeben. Sie werden von Israel verstanden als Grundsätze, Regeln und Leitlinien, die dazu helfen
wollen, daß dem Volk ein Leben in Freiheit gelingt. Wenn Menschen ihr Leben im Rahmen dieser Gebote in
Verantwortung dem anderen gegenüber gestalten, dann ist jedem einzelnen seine Freiheit garantiert, dann
kann er in Würde und seiner Bestimmung gemäß leben. Unterdrückung, Ausbeutung, Entrechtung des
Menschen durch Menschen wird es dann nicht mehr geben. Das 1. Gebot mit seinem Hinweis auf die
Befreiung des Volkes ist darum bei allen anderen folgenden Geboten zu ergänzen oder mitzuhören: Ich bin
der Herr, dein Gott, der dich befreit hat und der deine Freiheit sichern möchte.
4. Auch das Verbot, keinen anderen Göttern zu dienen, ist auf die Freiheit und Selbstbestimmung des
Menschen gerichtet. Mit diesen anderen Göttern sind zwar zunächst die Götter anderer Kulte, besonders der
Fruchtbarkeitskulte Palästinas gemeint. Im einem weiteren, umfassenderen Sinne versinnbildlichen sie aber
alles, was den Menschen in selbstverschuldete oder aufgezwungene Abhängigkeit hineinführt.
Falsch verstanden sind die Zehn Gebote, wenn man in ihnen religiöse Zwangsbestimmungen sieht, die dem
Menschen das Leben schwermachen und ihn einengen wollen. Sie sind vielmehr eine Bestätigung dafür,
daß Gott den Menschen als freiheitliches Wesen geschaffen hat. Zutreffend hat ein Theologe darum die
Zehn Gebote auch die "Zehn Freiheiten" genannt.
RU-Wissen und Meinung ­ Bibel
Die Schöpfungsberichte (I)
1. Entstehung
a. Im Alten Testament gibt es zwei Schöpfungsberichte. Sie stehen am Anfang des Buches Genesis (1.
Mose). Wer die Berichte aufmerksam liest, wird schnell feststellen, daß sie sich stark voneinander
unterscheiden. So werden die Menschen im ersten Bericht am Schluß der Schöpfung, im zweiten Bericht
am Anfang von Gott geschaffen. Entstanden sind sie zu unterschiedlichen Zeiten:
b. Der ältere Schöpfungsbericht (1. Mose 2,4b - 25) wurde um das Jahr 1000 v. Chr. in Israel geschrieben.
Sein Verfasser ist unbekannt, er hat aber in der Zeit Davids und Salomos gelebt. Man nennt ihn den
"Jahwisten", da er den Gottesnamen Jahwe verwendet. Sein Schöpfungsbericht ist der Beginn eines
umfangreichen Werkes, das später in die 5 Bücher Mose eingearbeitet wurde. Daß er der ältere Bericht ist,
läßt sich an sprachlichen Besonderheiten festmachen aber auch an der Altertümlichkeit seiner Redeweise
und seiner Vorstellungen.
c. Der jüngere Schöpfungsbericht (1. Mose 1, 1 - 2, 4a) entstand um das Jahr 500 v. Chr. Er ist
ausführlicher und genauer und läßt erkennen, daß -im Vergleich zum älteren Bericht- die Verfasser über
mehr Wissen in Bezug auf Erde, Kosmos, Tier- und Pflanzenwelt verfügen. Im ganzen klingt dieser Bericht
"moderner" als der ältere. Er ist Teil der sog. Priesterschrift, die von Priestern in der Zeit der
Gefangenschaft in Babylon verfasst wurde.
d. Priester waren es wohl auch, die im 6. Jahrhundert v. Chr. aus mehreren Quellen die Urgeschichten, wie
sie uns in der Bibel erzählt werden, zusammenstellten, ordneten und in einen erzählerischen
Zusammenhang brachten.
2. Die literarische Gattung
a. Die beiden Schöpfungsberichte sind keine naturwissenschaftlichen oder historischen Berichte.
Naturwissenschaft im heutigen, modernen Sinne war in der Zeit, als die Berichte entstanden, noch
unbekannt. Sie geben somit keine wissenschaftliche Antwort auf die moderne Frage nach der tatsächlichen
Entstehung des Kosmos, der Erde und des Lebens. Nur wenn man die Schöpfungsberichte
fälschlicherweise als naturwissenschaftliche Berichte liest, wird man in ihnen unüberbrückbare Gegensätze
zu modernen wissenschaftlichen Theorien der Entstehung des Kosmos und des Lebens sehen.
b. Den älteren Schöpfungsbericht kann man als Erzählung bezeichnen. Der Erzähler nimmt Bilder und
Gedanken aus anderen bekannten altorientalischen Schöpfungsberichten auf.
c. Dagegen wirkt der jüngere Schöpfungsbericht wie ein Lied von der Schöpfung. Er ist dichterisch stark
gestaltet in der Form eines mehrstrophigen Liedes mit stereotypen Wiederholungen ("...da ward aus Abend
und Morgen"; "...und Gott sah, daß es gut war"; "...ein jedes nach seiner Art").
3. Die Absicht der Schöpfungsberichte
Die Schöpfungsberichte machen aus dem Glauben an Gott heraus Aussagen über das Verhältnis des
Menschen zu Gott und zu seiner Umwelt. Sie sind Zeugnisse des Nachdenkens der Menschen über sich
selbst und Zeugnisse des Glaubens an Gott, den Schöpfer. Die Schöpfungsberichte erheben nicht den
Anspruch, historische oder naturwissenschaftliche Berichte zu sein. Sie wollen die Freude der Menschen an
der guten Schöpfungsordnung Gottes wecken und Gott als den Herrn über seine Schöpfung preisen.
RU-Wissen und Meinung ­ Bibel
Die Schöpfungsberichte (II)
1. Besonderheiten des älteren Schöpfungberichtes
a. Dem älteren Schöpfungsbericht zufolge wird zuerst der Mensch (Mann) geschaffen, dann der Garten
Eden mit dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Gott setzt den Menschen in den Garten
Eden und verbietet ihm, von der Frucht des Baumes zu essen. Danach erschafft Gott die Tiere; der Mensch
gibt ihnen ihre Namen. Zuletzt erschafft Gott die Frau aus der Rippe des Mannes. Mann und Frau sollen wie
eine Person sein.
b. Gott erschafft den Menschen aus Lehm. Das bedeutet, daß der Mensch ein Teil der Erde ist, daß er zu
ihr gehört, im Grunde auch nicht viel mehr wert ist als ein Stück Erde. Das Leben, die Seele, das
menschlich Besondere bekommt der Mensch durch den "Atem" Gottes, er ist ein Stück der Seele Gottes.
c. Gott setzt den Menschen als Verwalter und Pfleger seiner Schöpfung ein. Der Mensch soll die Natur (den
Garten Eden) bebauen und bewahren.
d. Der ältere Schöpfungsbericht sieht das Verhältnis von Mann und Frau als ein personales Miteinander.
Mann und Frau sind nicht grundsätzlich verschiedene Wesen, sie sind von einem "Fleisch", wie eine Person
und beide haben ihren Ursprung in Gott. Zwar wird nach diesem Bericht zuerst der Mann geschaffen und
dann die Frau, nirgends wird aber die Vorrangstellung des Mannes behauptet.
e. Der Bericht betont die Nähe Gottes zu den Menschen. Er erscheint als der liebevolle, ehrwürdige Vater,
der mit ihnen zusammen im Garten lebt und mit ihnen spricht.
2. Besonderheiten des jüngeren Schöpfungsberichtes
a. Er unterteilt den Schöpfungsakt Gottes in eine Abfolge von 7 Tagen:
1.Tag: Licht und Finsternis.
2.Tag: Feste zwischen den Wassern
3.Tag: Land und Meer; Gras und Bäume
4.Tag: Sonne, Mond und Sterne.
5.Tag: Vögel, Fische.
6.Tag: Tiere; Mann und Frau.
7.Tag: Erschaffung des Sabbat (Ruhetag).
b. Mensch und Natur werden in diesem Bericht als eine Einheit gesehen. Der Mensch wird an einem Tag
zusammen mit den Tieren geschaffen. Beide, Mensch und Tier, stehen unter dem Segen Gottes. Der
Mensch soll sich die Natur untertan machen und über sie herrschen. Dieses Gebot ist allerdings falsch
verstanden, wenn man es als Erlaubnis zu willkürlichem, ausbeuterischem Umgang mit der Natur
interpretiert. Der Mensch hat vielmehr im Auftrag Gottes eine Ordnungsfunktion in der Welt wahrzunehmen.
c. Der Mensch wird als Mann und Frau geschaffen. Beide sind Ebenbilder Gottes. Von einer Vorrangigkeit
des Mannes gegenüber der Frau ist nicht die Rede.
d. Sexualität wird im jüngeren Schöpfungsbericht als etwas Natürliches, Selbstverständliches angesehen,
als etwas, das zur guten Schöpfung Gottes dazugehört. Es findet keine Verteufelung der Sexualität statt,
aber auch keine Vergöttlichung (Vergötzung) wie in den altorientalischen Fruchtbarkeitskulten.
e. Die Gestirne sind Schöpfungen Gottes mit bestimmten Funktionen. Sie sind nicht selbst Götter. Das
bedeutet eine Absage an die Sternenkulte der damaligen Zeit, an Astrologie und Aberglauben. Die Welt, der
Kosmos wird entgöttert, entdämonisiert, sachlich und nüchtern gesehen.
f. Gott ist diesem Bericht zufolge der unnahbare, im Himmel thronende Gott, der Herrscher über Kosmos,
Erde und Mensch. Er ist der, der alles gut und weise ordnet, der befiehlt und sofort geschieht es. Er ist der
heilige Gott, den die ganze gute Schöpfung preist.
RU-Wissen und Meinung ­ Bibel
Entstehung und Inhalt des Neuen Testaments
1. Bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts n.Chr. war innerhalb der schnell gewachsenen christlichen Kirche eine
Fülle von Literatur entstanden, aus der z.T. in den Gottesdiensten vorgelesen wurde. Dazu gehörten
zahllose Berichte über das Lebem Jesu, Berichte der Apostel, die Briefe des Apostel Paulus und vieler
anderer wichtiger Glaubenszeugen der frühen Zeit. Die Kirche stand deshalb vor der Frage, welche dieser
vielen Schriften für den Glauben als wichtig und verbindlich angesehen werden sollten. Die Diskussion
innerhalb der Kirche zog sich bis in das 4. Jhdt n. Chr. hinein, bis man sich entschied, besonders wichtige
und in den Gemeinden beliebte Schriften zu einem Buch zusammenzustellen, zum Neuen Testament. Zum
NT gehören seitdem 27 Einzelschriften, die fast alle noch im ersten Jahrhundert n. Chr. verfaßt wurden.
Das NT verstand man als Ergänzung und Weiterführung des jüdischen "Alten Testamentes", das seine
Bedeutung weiterhin in der christlichen Kirche behielt.
2. Die frühesten Schriften des NT sind die Briefe des Apostel Paulus. Paulus hatte auf seinen
Missionsreisen nach Kleinasien, Griechenland und Italien zahlreiche kleine christliche Gemeinden
gegründet. Diesen Gemeinden schrieb Paulus zwischen den Jahren 50 und 60 n. Chr. (also 20-30 Jahre
nach dem Tode Jesu) zahlreiche Briefe, die von diesen Gemeinden aufbewahrt wurden: an die
Thessalonicher, die Korinther, die Römer, die Galater usw. In diesen Briefen an die neugegründeten
Gemeinden nahm Paulus zu Glaubensfragen Stellung und erteilte Ratschläge für das Gemeindeleben. Die
Briefe des Paulus sind immer durch bestimmte Situationen in den Gemeinden veranlaßt und geben so
einen lebendigen Eindruck vom Leben der frühen christlichen Gemeinden wieder. Schüler oder Mitarbeiter
des Paulus haben nach seinem Tode weitere Briefe unter seinem Namen herausgegeben. Zu diesen
unechten Paulusbriefen gehören wahrscheinlich die Briefe an die Kolosser, Epheser, beide Briefe an
Timotheus und andere.
3. Neben den Briefen des Paulus sind die Evangelien ein wichtiger Bestandteil des NT. Zunächst waren die
Geschichten über Jesus, vor allem über sein Leiden, sein Sterben und seine Auferstehung, mündlich
weitergegeben worden. Aber schon bald nach dem Tode Jesu entstanden erste schriftliche Aufzeichnungen.
Matthäus, Markus und Lukas sammelten und bearbeiteten diese Berichte und schufen so ihre Evangelien.
Das älteste von ihnen, das Markusevangelium, entstand um 70 n. Chr. Lukas und Matthäus benutzten es
bei der Abfassung ihrer Evangelien in der Zeit zwischen 70 und 90 n.Chr. Da diese drei Evangelien z.T.
dieselben Quellen benutzt haben, stimmen ihre Berichte in weiten Teilen fast wortwörtlich überein.
4. Auch das Johannesevangelium will ein Bericht über das Leben Jesu sein, unterscheidet sich aber im
Aufbau und im Stil wesentlich von den drei anderen Evangelien. Es ist 20 Jahre nach ihnen entstanden und
läßt erkennen, daß Johannes sein Evangelium für Menschen geschrieben hat, die im Griechentum der
damaligen Zeit verwurzelt waren.
5. Ins NT aufgenommen wurde auch die Apostelgeschichte des Lukas. Sie schildert, wie sich die Botschaft
von Jesus über Kleinasien und Griechenland ausgebreitete und schließlich Rom, die Hauptstadt des
römischen Reiches, erreichte. Dazu kommen noch die Petrusbriefe, die Johannesbriefe, der Hebräer-,
Jakobus- und Judasbrief. Sie stammen von unbekannten Verfassern und geben Einblick in das
Glaubensverständnis der Christen zur Zeit der Jahrhundertwende.
6. Die Offenbarung (Apokalypse) des Johannes entstand gegen Ende des 1. Jahrhunderts, als die
christlichen Gemeinden vom römischen Staat verfolgt wurden. Wegen seiner vielen Visionen, seiner
bilderreichen Sprache und vieler geheimnisvoller Hinweise auf geschichtliche Vorgänge der damaligen Zeit,
die uns heute weitgehend unbekannt sind, ist das Johannesevangelium wohl das am schwersten zu
verstehende Buch der Bibel. Es hat im Laufe der Zeit viele Mißdeutungen, vor allem durch Sekten,
erfahren.
RU-Wissen und Meinung ­ Bibel
Die synoptischen Evangelien
1. Im Neuen Testament gibt es vier zusammenhängende, mehr oder weniger lange Berichte über das
Leben Jesu. Man nennt sie seit der frühen Zeit des Christentums die "Evangelien". Als Evangelium
bezeichnete man in der damaligen griechisch sprechenden Welt eine gute Botschaft oder Nachricht. Die
Autoren dieser Berichte, die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, sind zwar dem Namen
nach bekannt, doch weiß man im einzelnen nicht genau, wer sich wirklich dahinter verbirgt.
2. Beim Lesen und Vergleichen der drei ersten Evangelien fällt auf, daß sie im wesentlichen den gleichen
Inhalt haben. Sie zeigen auffallende Parallelen: sie entsprechen sich im Aufbau, haben gemeinsame Stücke
meist auch in der gleichen Reihenfolge und stimmen an vielen Stellen sogar im Wortlaut überein. Diese drei
Evangelien werden daher in der theologischen Wissenschaft die "Synoptiker" genannt, abgeleitet vom
griechischen Wort "synopse" = "Zusammenschau". (Das vierte Evangelium, das des Johannes, weicht
inhaltlich und sprachlich weit von den Synoptikern ab.) Trotz der weitgehenden Übereinstimmungen hat
jeder Evangelist auch seine Spezialitäten und charakteristischen Merkmale, eigene Berichte und
Formulierungen, die bei den anderen nicht vorkommen. - Wie sind diese Parallelen und diese Unterschiede
zu erklären?
3. Die literarische Erforschung der Bibel, die vor etwa 200 Jahren begann, gibt darauf folgende Antwort:
Markus gilt als der erste Verfasser eines Evangeliums. Nach allgemeiner Auffassung hat er es bald nach
dem Jahr 70 n. Chr. geschrieben. Nach einer kurzen Einleitung berichtet Markus gleich von der Taufe Jesu
und von dessen Wirken in Galiläa (Kapitel 1-9). In Kapitel 10 zeigt er Jesus auf dem Weg von Galiläa nach
Jerusalem. Den Schlußteil des Evangeliums (Kapitel 11-16) bilden die Berichte vom Aufenthalt Jesu in
Jerusalem, von seiner Kreuzigung und seiner Auferstehung.
4. Dieser Gliederung folgen auch Matthäus und Lukas. Allerdings enthalten ihre Evangelien noch Stücke,
die Markus nicht hat. Dazu gehören alle Geburts- und Kindheitserzählungen über Jesus, die Bergpredigt mit
dem Vater-Unser und mehrere bekannte Gleichnisse Jesu.
5. Die Übereinstimmungen im Aufbau, in der Reihenfolge und im Wortlaut der Texte, aber auch die
Unterschiede werden durch die sog. "Quellen-Theorie" erklärt. Danach ist das älteste das
Markusevangelium. Es hat den Evangelisten Matthäus und Lukas vorgelegen, als sie ca. 10-20 Jahre später
ihre Berichte über Jesus schrieben. Sie gebrauchten beide das Markusevangelium als Vorlage, vom dem
sie den größten Teil wortwörtlich übernahmen. Sie erweiterten aber das Evangelium des Markus mit
Berichten und Erzählungen über Jesus, die dem Markus wahrscheinlich noch nicht bekannt waren und die
sie aus einer oder mehreren anderen schriftlichen Quellen übernahmen. Eine dieser Quellen, die Matthäus
und Lukas gemeinsam benutzten, nennt man "Spruchquelle" oder "Logienquelle". Man kann davon
ausgehen, daß diese Sammlung von Jesus-Worten ursprünglich ein selbständiges, kleines Buch gewesen
ist, das aber verloren ging. Die Quellen, auf die die Evangelisten zurückgegriffen haben, sind naturgemäß
wesentlich älter als die Evangelien und dürften zum großen Teil schon kurz nach dem Tode Jesu
aufgezeichnet worden sein.
6. Die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas haben ihre Vorlagen aber nun nicht einfach
abgeschrieben, sondern nach besonderen Gesichtspunkten bearbeitet. Sie haben alle auf unterschiedliche
Weise die Berichte miteinander verknüpft, ihnen Einleitungs- und Überleitungssätze gegeben und
bestimmte Worte Jesu in einen gedanklichen Rahmen hineingestellt.
RU-Wissen und Meinung ­ Bibel
Zugänge zur Bibel (I)
Es gibt unterschiedliche Auffassungen über die Bedeutung und die richtige Auslegungsmethode der Bibel.
1. Die atheistische Sichtweise. Die atheistische Weltanschauung geht davon aus, daß (ein) Gott nicht
existiert. Trotzdem hat die Bibel für manche Atheisten als religionsgeschichtliches Dokument eine große
Bedeutung, da sie in einzigartiger Weise über die Entwicklung der jüdischen und christlichen Religion
Auskunft gibt und da sie auf kultur- und geistesgeschichtlichem Gebiet eine Fülle interessanten Materials
überliefert. Auch aus atheistischer Sicht sind in der Bibel viele schöne und menschlich erhabene Texte
enthalten, die für alle Menschen auf der Erde eine lohnende Lektüre sein können (z. B. die Bergpredigt
Jesu; die Psalmen; das Buch Hiob mit der Frage nach den Ursachen für das menschliche Leid). Die Bibel
kann aber nach atheistischer Auffassung nicht "Gottes Wort" sein, da es Gott nicht gibt.
2. Die islamische Sichtweise. Die Bibel ist Vorläuferin des Koran. Durch Mose, die Propheten, durch Jesus
und seine Jünger hat Gott seine Offenbarungen aufschreiben und den Menschen mitteilen lassen. Die
haben aber im Laufe der Zeit wissentlich Gottes Wort verfälscht, indem sie Geschichten erfunden haben,
die nicht auf Gott selbst zurückgehen. Vor allem haben sie Jesus, den Propheten Gottes, zu "Gottes Sohn"
gemacht und damit Gott schwer beleidigt. Darum mußte Gott 600 Jahre später Mohammed, den größten
und letzten Propheten, in die Welt senden. Durch ihn offenbarte Gott im Koran, der Wort für Wort von Gott
stammt, den Menschen endgültig sein wahres Wesen und seinen Willen. Die Bibel ist damit überholt und
außer Kraft gesetzt.
3. Die jüdische Sichtweise. Als Heilige Schrift gilt den Juden nur ein Teil der Bibel, nämlich das Alte
Testament: die 5 Bücher Mose, die Prophetenbücher, die Psalmen usw. Das AT war auch die "Bibel" Jesu
und zunächst auch der ersten christlichen Gemeinden. Die Christen fügten in den ersten drei Jahrhunderten
n. Chr. die Schriften des Neuen Testamentes hinzu: die Evangelien, die Briefe der Apostel usw. In ihnen
wird der Glaube an Jesus als Messias und Sohn Gottes verkündet. Von den Juden wurden und werden
diese nicht als Glaubensgrundlagen anerkannt, weil sie Jesus nicht als Messias und Gottessohn ansehen.
Das Alte Testament ist aber ein wichtiges Bindeglied zwischen Juden und Christen und verweist auf die
gemeinsamen Wurzeln ihres Glaubens.
4. Die Sichtweise der Zeugen Jehovas. Nach Meinung der ZJ ist die Bibel dadurch entstanden, daß Gott
bestimmten auserwählten Menschen die biblischen Texte Wort für Wort diktiert hat. Alle Geheimnisse der
Welt sind in der Bibel verborgen; Zukunft und Ende der Menschheit und des Kosmos können durch eifriges
Bibelstudium entschlüsselt und berechnet werden. Gültiges und unverfälschtes Wort Gottes ist die Bibel
aber nur in der Form, wie sie bei den ZJ in Gebrauch ist. Alle anderen Bibelübersetzungen und sogar die in
hebräischer und griechischer Sprache überlieferten Urtexte sind von den Kirchen nach Ansicht der ZJ
gefälscht. Zu diesen Verfälschungen gehören im besonderen die Überlieferungen über Jesu Tod und
Auferstehung. Wie ein biblischer Text richtig zu verstehen ist, darüber hat nur die Leitung der Wachturm-
Gesellschaft zu entscheiden.
RU-Wissen und Meinung ­ Bibel
Zugänge zur Bibel (II)
Auch auf christlicher Seite gibt es unterschiedliche Auffassungen über die Bibel und die richtige Weise, die
biblischen Texte auszulegen und zu verstehen:
1. Die fundamentalistische Sichtweise. Als fundamentalistisch bezeichnet man eine Glaubenshaltung, die
sich in strenger Weise auf festgefügte Glaubens aussagen beruft und versucht, allein vom Glauben her alle
Dinge in dieser Welt zu erklären und zu verstehen. Die Bibel ist nach dieser Auffassung Gottes
unumstößliches Wort und vom ersten bis zum letzten Wort Gottes Offenbarung. Sie ist von Gottes Geist
"inspiriert", (ja sogar diktiert). In der Bibel kann es keine Irrtümer und Widersprüche geben, da Gott sich
nicht irren und sich selbst nicht widersprechen kann. Was in der Bibel steht, ist nicht nur vom Glauben her
wahr, sondern es ist auch alles so "passiert" wie es geschrieben steht. Alles in der Bibel ist geschichtlich und
naturwissenschaftlich wahr, auch wenn es anderen, modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu
widersprechen scheint und die biblischen Aussagen (noch) nicht bewiesen werden konnten.
2. Die historisch-kritische Methode. So bezeichnet man eine Sichtweise und Auslegungsmethode der Bibel,
die davon ausgeht, daß dem Menschen in der Bibel Gottes Wort begegnet, daß aber nicht Gott selber
redet, sondern Menschen, die von ihrem Glauben an Gott und Christus Zeugnis ablegen. Dabei geht es
ihnen nicht um geschichtliche und naturwissenschaftliche Wahrheiten, sondern allein darum, in den anderen
Menschen den Glauben an Gott zu wecken und ihn darin zu bestärken. Um die biblischen Texte richtig zu
verstehen, muß man nun versuchen herauszufinden, was der jeweilige Schreiber des Textes oder des
biblischen Buches gemeint hat, in welcher Zeit er lebte und von welchen (vielleicht zeitlich bedingten)
Vorstellungen er geprägt war. Erst hinter diesen menschlichen Vorstellungen, die für uns vielleicht nicht
mehr von Bedeutung sind, wird Gottes Wort und sein Wille sichtbar. Da die Verfasser der biblischen Bücher
zu ganz unterschiedlichen Zeiten lebten, sind auch viele ihrer Vorstellungen unterschiedlich, ja, sie
widersprechen sich sogar an manchen Stellen. Diese Widersprüche in der Bibel braucht man nicht zu
leugnen; sie sind erklärbar und verstehbar und können den Glauben an Gott und Christus nicht zerstören.
3. Die tiefenpsychologische Methode. Sie ist eine neue, moderne Auslegungsmethode und mit dem Namen
Eugen Drewermann verbunden. Diese Methode sucht nicht nach naturwissenschaftlichen oder historischen
Tatsachen in der Bibel. Sie befragt vielmehr die biblischen Texte nach ihren tieferen, hilfreichen Aussagen.
Dabei muß man feststellen, daß die Bibel in vielen ihrer Erzählungen, Liedern oder Gleichnissen "Bilder"
und Symbole gebraucht, die der menschlichen Seele tief eingepflanzt sind (so z. B. das Wasser, das Brot,
das Schiff usw.). Diese haben nicht nur eine zeitliche Bedeutung, sondern verbinden Menschen zu allen
Zeiten und an allen Orten miteinander. In diesen hilfreichen, allen Menschen innewohnenden Symbolen und
Bildern spricht Gott zu den Menschen, denen er damit vor allem Trost und Mut und Vertrauen zusprechen
will. Bloße geschichtliche oder wissenschaftliche Tatsachen, - ob sie nun stimmen oder nicht - sind
demgegenüber uninteressant und von untergeordneter Bedeutung.
4. Die feministische Sichtweise. Sie geht davon aus, daß die gesamte biblische Überlieferung von einer
männlichen Sichtweise geprägt sei. Viele Texte der Bibel verfolgten das Ziel, patriarchalische
Gesellschaftsstrukturen, in denen Frauen unterdrückt werden, festzuschreiben und mit göttlicher Autorität zu
versehen. Dazu gehört auch die Tatsache, daß Gott nur männlich, als Vater-Gott gesehen wird. Daß die
Bibel dennoch für Christinnen und Christen von hoher Bedeutung ist, liegt daran, daß sie auch von Jesus
berichtet. Jesus verkündet das Reich Gottes und mit ihm die Umwertung aller Werte. Er hebt auch das
tradierte männlich geprägte Menschenbild auf und verkündet eine Gemeinschaft, in der es keine
Unterdrückung und folglich auch keine Diskriminierung von Frauen mehr gibt.
RU-Wissen und Meinung ­ Dritte Welt
Entwicklungshilfe (I)
1. Unter Entwicklungshilfe versteht man die Unterstützung, die die reichen Länder der Erde ("Erste Welt")
den armen, unterentwickelten Ländern ("Dritte Welt") zukommen lassen. Die Bezeichnungen "Erste Welt"
und "Dritte Welt" sind umstritten, da sie von den Menschen in den ärmeren Ländern bisweilen als
diskriminierend empfunden werden. Der Begriff "Dritte Welt" soll im folgenden dennoch verwendet werden,
da er bei uns keineswegs in einem abwertenden Sinne gebraucht wird.
2. Seit mehreren Jahrzehnten haben Organisationen und Einrichtungen der Entwicklungshilfe
Anstrengungen unternommen, die Armut in den Ländern der Dritten Welt zu bekämpfen. Zunächst glaubte
man, durch schnelle Industrialisierung und Nachahmung der Industrienationen die Entwicklungsländer in die
wirtschaftliche Unabhängigkeit führen und damit die Armutsprobleme lösen zu können. Das stellte sich aber
bald als Illusion heraus; der Einsatz von westlichem Kapital und westlicher Technologie verringerte
keineswegs die Kluft zwischen den armen und den reichen Ländern. Die meisten Länder der Dritten Welt
sind noch bis in das nächste Jahrhundert hinein auf die Hilfe der Industrienationen angewiesen, zum Teil in
steigendem Maße.
3. Die Gründe dafür, daß viele Länder der Erde von Armut und Hunger bedroht sind, sind vielfältig. Zu
nennen sind im besonderen:
·
Naturkatastrophen wie jahrelange Dürre (Sahelzone) oder Überschwemmungen (Banglah-Desh).
·
Hohe Geburtenrate und Überbevölkerung
·
Fehler in der Wirtschafts-Planung in der Vergangenheit: Industrialisierung anstelle von
Landwirtschaftsentwicklung. Die Förderung industrieller Großprojekte und die Vernachlässigung der
Landwirtschaft führte zur Zerstörung von Versorgungsstrukturen).
·
Flüchtlingselend, verursacht durch Hungersnöte, Kriege, religiöse, politische und rassistische
Verfolgungen
·
Zerstörung der ökologischen Grundlagen; z.B. des Regenwaldes; Versteppung ursprünglich fruchtbarer
Böden
·
Zerstörung traditioneller Lebensformen und Wirtschaftsstrukturen schon in der Zeit des Kolonialismus
und durch den zivilisatorischen Einfluß Europas, Nordamerikas und Japans in der heutigen Zeit
·
Unsinnige Rüstungsausgaben, oft in Absprache und Zusammenarbeit mit den Regierungen der reichen
Länder
·
Ausbeutung der ärmeren Bevölkerungsteile durch diktatorische Regierungen
·
Staatliche Verschuldung gegenüber den reichen Ländern. Manche Entwicklungsländer müssen mehr
Geld an die Geberländer zurückzahlen als sie durch Entwicklungshilfe einnehmen.
·
Ungerechte Strukturen der Weltwirtschaft; ungerechte Preise für die Produkte der Dritten Welt: z.B.
Billig-Preise für Kaffee und Bananen in den Industrieländern bei Hungerlöhnen für die Landarbeiter in
den Produktionsländern.
4. Viele Entwicklungsländer befinden sich dabei in einem Teufelskreis: die einzelnen Faktoren verursachen
andere Faktoren und werden von diesen selbst wieder verursacht. Beispiel: Wenn ein Mensch arm ist und
nichts zu essen hat, wird er unterernähert sein. Das wird seinen Gesundheitszustand verschlechetrn. Da er
nun körperlich schwächer geworden ist, läßt seine Arbeitskraft nach, was andererseits bedeutet, daß er
ärmer wird. Das wiederum heißt, daß er noch weniger zu essen hat, usw.
RU-Wissen und Meinung ­ Dritte Welt
Entwicklungshilfe (II)
1. Entwicklungshilfe an die Staaten der Dritten Welt wird durch Staaten und deren Regierungen, aber auch
von den Kirchen und unabhängigen humanitären Organisationen geleistet. Dabei sind die Motive, Hilfe zu
leisten, unterschiedlich.
2. Staatliche Entwicklungshilfe wird im wesentlichen von wirtschaftspolitischen Überlegungen geleitet. Das
Ziel staatlicher Entwicklungshilfe ist es, für die eigene Wirtschaft Absatzmärkte zu schaffen und durch
Wirtschafts-und Handelsbeziehungen den politischen Einfluß zu sichern. Darüberhinaus spielt auch die
Erkenntnis eine Rolle, daß in den reichen Industrieländern der eigene wirtschaftliche Standard nur gehalten
werden kann, wenn es in der Welt ein Mindestmaß von wirtschaftlicher Gerechtigkeit und sozialem Frieden
gibt. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich daher den Vereinten Nationen gegenüber verpflichtet, 0,7%
ihres Brutto-Sozialproduktes für Entwicklungshilfe einzusetzen. (Z. Zt. zahlt sie aber nur 0,3%; sie kommt
also ihren Verpflichtungen gegenüber der UNO nicht nach).
3. Entwicklungshilfe wird in unterschiedlichen Formen und auf unterschiedlichen Gebieten geleistet:
a. Katastrophenhilfe. Im akuten Stadium des Hungers, vor allem bei Dürrekatastrophen, kann oft nur die
schnelle Einfuhr und Verteilung von Lebensmitteln weiterhelfen. Dennoch ist die direkte Nahrungsmittelhilfe
eine sehr problematische Maßnahme; sie kann die einheimische Landwirtschaft auf die Dauer ruinieren und
somit langfristig den Hunger vergrößern.
b. Förderung von landwirtschaftlichen Projekten. Ziel ist es, die Selbstversorgung der Entwicklungsländer
durch Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge sicherzustellen. Geholfen wird durch Ausbildung der
Bauern, durch Einführung neuen Saatgutes, durch Errichtung von Musterfarmen und durch Verbesserung
der Absatzmöglichkeiten der landwirtschaftlichen Produkte in den Ländern selbst (Gründung von
landwirtschaftlichen Genossenschaften)
c. Medizinische Hilfe. Dazu gehören Bemühungen um die Sicherstellung einer medizinisch/ärztlichen
Grundversorgung der Bevölkerung durch den Bau von Krankenstationen, durch bessere Ausstattung der
Hospitäler, Errichtung von Krankenpflegeschulen und durch Ausbildung von Männern und Frauen auf dem
Gebiet der Sozialmedizin (Familienplanung).
d. Technologietransfer (=Übertragung von technischen Kenntnissen). Dabei hat es sich als sinnvoll
erwiesen, nicht in erster Linie Hightec-Produkte in die Entwicklungsländer zu liefern, sondern an Ort und
Stelle Produkte zu entwerfen und herzustellen, die den Bedürfnissen des Landes entsprechen (sog.
angepaßte Technologie).
e. Förderung von Bildungseinrichtungen. Unterstützt werden Projekte zur Erwachsenenbildung ( z.B.
Alphabetisierungsprogramme), die Einrichtung von Grund- und Mittelschulen und der Bau von Internaten.
Ebenso wird die Ausbildung von einheimischen Lehrern im In- und Ausland gefördert.
4. Ziel aller Entwicklungshilfe sollte sein, ein Land in die Lage zu versetzen, eigenständig für die
Lebenssicherung seiner Bewohner sorgen zu können und ein gleichwertiger und gleichberechtigter Partner
im Weltwirtschaftsgefüge zu werden. Deswegen gilt für viele Projekte, die durch einzelne Länder wie auch
durch Organisationen der UN gefördert werden, der Grundsatz der "Hilfe zur Selbsthilfe".
RU-Wissen und Meinung ­ Dritte Welt
Grundsätze kirchlicher Entwicklungshilfe
1. Kirchliche Entwicklungshilfe verfolgt keine Eigeninteressen wirtschaftlicher Art. Sie hat ausschließlich
religiös und humanitär begründete Motive. Nach christlich-biblischem Verständnis ist Gottes Wille auf eine
heile, friedvolle, gerechte Welt gerichtet, in der der Mensch menschenwürdig leben kann. Alle Menschen,
ungeachtet ihrer Rasse, ihrer Religion und ihres Geschlechtes, sind Geschöpfe Gottes mit den gleichen
Rechten. Sie sind Schwestern und Brüder, die, dem Liebesgebot Jesu entsprechend, zu Verantwortung
füreinander und zu gegenseitiger Hilfe aufgerufen sind.
2. Das Heil, das Gott meint, bezieht sich auf den ganzen Menschen in seiner körperlich-geistig-seelischen
Einheit. Kirchliche Entwicklungshilfe ist darum nur als ein Teil des umfassenden Auftrages der Kirche zu
sehen, das Reich Gottes in dieser Welt zu verkünden. Dabei ist das Wort Jesu zu bedenken: Der Mensch
lebt nicht von Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das durch den Mund Gottes geht".
3. Kirchliche Entwicklungshilfe hat gegenüber der staatlichen den Vorteil, die Hilfe den Betroffenen meist
direkt zukommen lassen zu können. Während staatliche Hilfe vor allem an Großprojekten interessiert ist, ist
kirchlicher Entwicklungsdienst basisorientiert. Er wird meist in Zusammenarbeit mit den Kirchen und ihren
Gemeinden vor Ort organisiert. Dabei kommen den Kirchen ihre weltweiten persönlichen und
organisatorischen Beziehungen in der Dritten Welt und ihre Erfahrungen in der Missionsarbeit zugute. Da
die Menschen so in ihren Lebenszusammenhängen besser erreicht werden, ist in vielen Fällen kirchliche
Hilfe effektiver als staatliche.
4. Folgende Grundsätze bestimmen die entwicklungspolitischen Bemühungen der Kirchen und ihrer
Organisationen:
a. Sogenannte Randgruppen, wie Alte, Kranke, Behinderte, ethnische Minderheiten, Diskriminierte dürfen
nicht übersehen, sondern sollen in besonderer Weise gefördert werden.
b. Kirchliche Entwicklungshilfe darf nicht dazu führen, daß unsoziale und ungerechte Strukturen in den
Empfängerländern massiv gestützt werden. Sie darf nicht dazu beitragen, daß privilegierte, reiche
Schichten in den Entwicklungsländern von den Geldern der Entwicklungshilfe profitieren. Zwar ist es dem
kirchlichen Entwicklungsdienst verwehrt, Gewaltmaßnahmen zur Beseitigung von Ungerechtigkeit und
Unterdrückung zu unterstützen, jedoch muß er ungerechte Herrschaftsverhältnisse beim Namen nennen
und sich auf die Seite derer stellen, die unter ungerechten Verhältnissen leiden.
c. Kirchliche Entwicklungshilfe bezieht sich auf den ganzen Menschen und kann nicht bei bürokratisch-
materieller oder Bildungshilfe stehen bleiben. Wo den Menschen ihre Menschenrechte vorenthalten werden
und Menschenrechtsverletzungen zu Verfolgung, Unterdrückung und Verelendung führen, kann materielle
Hilfe allein keine Verbesserung der Lage bringen. Weltweite Solidarität und Anprangerung des Unrechts in
der Weltöffentlichkeit sind dann notwendige Mittel, den betroffenen Menschen zu helfen.
d. Kirchliche Entwicklungshilfe sieht ihre Aufgabe auch in der Information und Aufklärung über die
wirtschaftlichen, sozialen und politischen Tatsachen und Probleme der Entwicklungsländer. Bei ihrer
Werbung um Unterstützung und Spenden darf es ihr nicht nur um Weckung von Mitleid und Barmherzigkeit
gehen, sondern auch um Aufklärung und wahrheitsgetreue Darstellung der konkreten Lebensverhältnisse
der Menschen in der Dritten Welt.
e. Kirchlicher Entwicklungsdienst fragt nach den Ursachen von Not und Armut. Dabei wird auch das
Verhalten der Menschen in den Ländern der Ersten Welt kritisch hinterfragt. Angesichts der immer größeren
Kluft zwischen armen und reichen Ländern und den sichtbar gewordenen Grenzen des
Wirtschaftswachstums müssen wir uns fragen, ob nicht die reichen Länder ihren Konsum an
Nahrungsmitteln und den exzessiven Verbrauch von Rohstoffen im Interesse weltweiter sozialer
Gerechtigkeit reduzieren müssen.
RU-Wissen und Meinung ­ Dritte Welt
Kirchliche Entwicklungshilfe: Organisationen
1. Auf evangelischer Seite sind u.a. folgende Organisationen auf dem Gebiet der Entwicklungshilfe tätig:
a. "BROT FÜR DIE WELT" (BfdW). Unter diesem Motto riefen im Jahre 1959 alle deutschen evangelischen
Landeskirchen erstmals zu einer - zunächst als einmalige Sammlung gedachten - Spendenaktion zur
Bekämpfung der akuten Hungerkatastrophen in der Welt auf. Das Ergebnis brachte die höchste Kollekte,
die bis dahin je in den evangelischen Kirchen gesammelt worden war. Es wurde aber bald deutlich, daß die
Aufgabe, die man sich gestellt hatte, nicht durch eine einmalige Sammelaktion zu lösen war. Deshalb wurde
BfdW als ständige Hilfsorganisation gegründet, die nicht nur in akuten Katastrophenfällen helfen, sondern
durch längerfristige Entwicklungsprojekte auch die Ursachen der Armut und Unterentwicklung bekämpfen
will. BfdW fördert seitdem weltweit in allen Kontinenten Entwicklungsprojekte in der kleinbäuerlichen
Landwirtschaft, hilft mit bei der Sicherung der medizinischen Grundversorgung, unterstützt Bildungs- und
Ausbildungsprojekte und kümmert sich um die Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Alle Hilfe soll nach
Auffassung von BfdW als "Hilfe zur Selbsthilfe" geleistet werden. Sie darf die Empfänger nicht in
Abhängigkeit vom Geber bringen. Die Hilfsprojekte werden nur in Absprache und in Übereinstimmung und
auf Antrag der Empfänger durchgeführt. Über diese Hilfe in den Entwicklungsgebieten der Erde hinaus
haben die breit angelegten, intensiven Werbekampagnen von Aktion "BfdW" dazu beigetragen, daß die
Probleme der Dritten Welt und die Aufgaben der Entwicklungshilfe stärker in das Bewußtsein der Menschen
in unserem Lande rückten.
BfdW finanziert seine Projekte aus freiwilligen Spenden, aus Gottesdienst-Kollekten und Zuschüssen von
Seiten der evangelischen Kirchen und des Staates. Die Verwaltungskosten werden aus Kirchensteuermitteln
bezahlt. Das Spendenaufkommen für BfdW betrug im Jahr 1990 fast 100 Millionen DM.
b. "KINDERNOTHILFE". Im Mittelpunkt dieser evangelischen Spenden- und Hilfsorganisation steht die Hilfe
für notleidende Kinder in der Dritten Welt. Von der "Kindernothilfe" werden vor allem Partnerschaften
zwischen Einzelpersonen oder Familien in Deutschland mit Kindern in den Entwicklungsländern vermittelt.
Ziel ist es, eine persönliche Beziehung und Bekanntschaft z.B. durch Briefkontakte zwischen Gebern und
Empfängern herzustellen. Unterstützt werden soll dabei die Ausbildung dieser Kinder und ihre
Unterbringung und Versorgung in Internaten und Schulen. In Zusammenarbeit mit kirchlichen
Gemeinschaften vor Ort wird durch die "Kindernothilfe" auch der Bau und der Unterhalt von Kindergärten
gefördert. Ein Vorteil dieser Art persönlicher, partnerschaftlicher Hilfe ist die Tatsache, daß der Spender in
den meisten Fällen genau sieht, wo sein Geld eingesetzt wird und für wen und in welchem Maße es Hilfe
bringt.
c. "DIENSTE IN ÜBERSEE" (DÜ). Diese von den Evangelischen Kirchen getragene, im Jahre 1960
gegründete Organisation hat die Aufgabe, Fachkräfte in Deutschland für den Entwicklungsdienst zu
gewinnen. Diese Fachkräfte werden für eine begrenzte Zeit (meist für drei Jahre) in bestimmten Projekten in
der Dritten Welt eingesetzt. Gesucht und eingestellt werden von DÜ Landwirtschaftsberater/innen,
Ärzte/Ärztinnen, Krankenpflegepersonal, Lehrer und Lehrerinnen, Handwerker, Techniker usw. DÜ kümmert
sich um die Vorbereitung, Betreuung und auch um die Rückgliederung dieser kirchlichen
Entwicklungshelfer/innen. Seit Gründung von DÜ wurden fast 2000 Fachkräfte für den Entwicklungsdienst
vermittelt.
2. Auf katholischer Seite entstand zur gleichen Zeit wie "Brot für die Welt" und mit derselben Zielsetzung
das Hilfswerk "MISEREOR". Die von den deutschen katholischen Bischöfen gegründete Aktion
"ADVENIAT" will vor allem die Sozial- und Entwicklungsarbeit der Kirchen in Lateinamerika unterstützen.
RU-Wissen und Meinung ­ Dritte Welt
Entwicklungshilfe: Fragen - Antworten (I)
1. Haben wir nicht selbst genug Arme im eigenen Land?
Ja, auch in unserem Land gibt es soziale Not. Sozialhilfeempfänger, Langzeitarbeitslose, eine wachsende
Schar von Obdachlosen, viele alte Menschen, deutsche und ausländische Jugendliche ohne
Berufsaussichten, aber auch politische Flüchtlinge stehen auf der Schattenseite unserer
Wohlstandsgegesellschaft. Der Staat, die Kirche und viele gesellschaftliche Gruppen versuchen für die bei
uns lebenden Bedürftigen ein soziales Netz zu knüpfen.
Es ist aber nicht richtig, im Blick auf die Sorgen im eigenen Land den Ärmsten in der Welt unsere Hilfe zum
verweigern. Wir wissen, daß täglich Tausende von Menschen, meist Kinder, den Hungertod sterben. Sie
sind Menschen wie wir auch. Aus humanitären und religiösen Gründen dürfen wir nicht so tun, als gingen
uns diese Menschen nichts an. Die finanziellen Mittel, anderen Ländern bei der Versorgung ihrer
Bevölkerung zu helfen, sind in unserem Staat, der einer der reichsten der Erde ist, vorhanden.
2. Kommen die Spendengelder auch wirklich an?
Diese Frage ist berechtigt, und man kann die Geldspender gar nicht genug ermutigen, kritisch zu fragen,
was mit ihrem Geld geschieht. Es hat sich in der letzten Zeit herausgestellt, daß es unter den
Spendensammlern viele unseriöse Unternehmen gibt, die in betrügerischer Absicht "absahnen" und das
gespendete Geld vor allem in die Verwaltung ihrer Organisation, also in die eigene Tasche fließen lassen.
Ob eine Organisation seriös arbeitet, kann man daran erkennen, ob sie ihre Finanzen offenlegt und sich
durch eine unabhängige Kommission kontrollieren läßt. Kirchliche Organisationen wie "Brot für die Welt"
oder "Misereor" sind dazu verpflichtet. Bei ihnen kann man sicher sein, daß keine Gelder veruntreut
werden, in irgendwelche dunkle Kanäle fließen oder in der "Verwaltung" landen.
Wer Geld für ein Entwicklungshilfeprojekt spendet, sollte sich aber im klaren darüber sein, daß es keine
Garantie für das Gelingen eines Projektes geben kann, auch nicht beim besten Willen der Organisation und
ihrer Entwicklungshelfer. Plötzliche kriegerische Auseinandersetzungen, Dürreperioden, Regierungswechsel
im Entwicklungsland oder auch schlichte Planungsfehler haben schon manches hoffnungsvolle
Entwicklungsprojekt mißlingen lassen.
3. Verursacht eine hohe Geburtenrate die Armut?
Die Armut in der Dritten Welt ist nicht einfach mit dem Schlagwort der Bevölkerungsexplosion zu erklären.
Eine differenzierte Betrachtung ist nötig. Für manche Länder trifft es zu, daß entwicklungspolitische
Bemühungen durch ein rasantes Wachstum der Bevölkerung zunichte gemacht werden. Dieses
unkontrollierte Wachstum ist eine Folge von mangelnder Bildung und Aufklärung. Es hat zu tun mit der
Armut der Menschen selbst, denen keine Mittel zur Familienplanung zur Verfügung stehen.
Empfängnisverhütung wird oft auch aus religiösen Gründen abgelehnt. Es hat sich gezeigt, daß es für
Entwicklungsorganisationen und ihre Helfer dringend geboten ist, zurückhaltend, behutsam und taktvoll an
dieses Problem heranzugehen.
Meist ist die große Kinderzahl nicht die Ursache, sondern die Folge der Armut. In den Entwicklungsländern
arbeiten mehr als 80% der Menschen in der Landwirtschaft. Die Kinder müssen unter oft harten
Arbeitsbedingungen mithelfen, den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Erst wenn die Kinder als
Arbeitskräfte nicht mehr gebraucht werden, erst wenn die Alten und Kranken sozial abgesichert sind, kann
es sich eine Familie leisten, weniger Kinder zu haben.
In den letzten Jahren hat sich in Ostafrika das Problem umgekehrt. Durch die rasante Ausbreitung von AIDS
ist es inzwischen in vielen Landstrichen zu einem Mangel an arbeitsfähigen Erwachsenen gekommen.
Beide Elternteile unzähliger Kinder sind gestorben und haben ihre Kinder unversorgt zurückgelassen.
Diesen Gebieten droht inzwischen eine Entvölkerung.
RU-Wissen und Meinung ­ Dritte Welt
Entwicklungshilfe: Fragen - Antworten (II)
1. Kann Entwicklungshilfe auch schaden?
Ja, unter bestimmten Umständen. Es besteht z.B. die Gefahr, daß in Ländern mit einer Diktatur durch
Wirtschaftshilfe eine Regierung sich an der Macht halten kann, die gar kein tieferes Interesse an der
Überwindung von Armut und Hunger hat. Durch Unterstützung einer falschen Landwirtschaftspolitik kann die
Umwelt in den Entwicklungsländern unumkehrbar zerstört werden. Entwicklungshilfe kann die Abhängigkeit
der Empfänger von den Geldgebern verstärken.
Staatliche Entwicklungshilfe steht außerdem in der Gefahr, möglichst große und teure Projekte zu fördern,
wie den Bau von Staudämmen, Atomkraftwerken, Stahlwerken usw. Diese Projekte dienen dann weniger
der Entwicklung des Empfängerlandes als den meist europäischen Firmen, die diese Projekte bauen. Das
Entwicklungshilfe-Geld, mit dem diese Großprojekte finanziert werden, fließt also wieder in das Geberland
zurück. Es hat sich oft herausgestellt, daß dann diese Großprojekte den Entwicklungsländern wirtschaftlich,
finanziell und ökologisch mehr Schaden als Nutzen brachten.
2. Sollten die Entwicklungsländer nicht erst einmal auf Rüstung verzichten?
Rüstung verhindert die weltweite Überwindung von Hunger und Armut. Sie bedroht das Leben. Sie
verschwendet Geld, Arbeitskraft und Rohstoffe, die für Wachstum und soziale Entwicklung gebraucht
würden. Rund 900 Milliarden Dollar fließen jährlich weltweit in die Rüstungsproduktion. Wer damit das
Spendenaufkommen eines Jahres für "Brot für die Welt" vergleicht (100 Millionen DM; das ist weniger als
ein (!) Jagdbomber der Bundeswehr kostet), der kann sich fragen, ob spenden überhaupt noch Sinn hat.
Leider beteiligen sich auch die Regierungen vieler Entwicklungsländer (aus Sicherheits- und
Prestigegründen) am unsinnigen Rüstungswettlauf und geben für Waffen mehr Geld aus als für Gesundheit
und Bildung. Dafür kann man aber diese Länder nicht allein verantwortlich machen, sondern auch die
Industriestaaten, die sich durch Waffenproduktion und -verkauf Macht und Einfluß in der Welt sichern
wollen.
3. Schadet unser Lebensstandard den armen Ländern?
Viele Menschen bei uns wehren sich dagegen, hier überhaupt einen Zusammenhang festzustellen. Und
doch liegt klar zu Tage, daß da eine enge Beziehung besteht zwischen dem Verbrauch bestimmter
Nahrungsmittel und Rohstoffe bei uns und den großen Problemen der wirtschaftlichen Entwicklung in den
Ländern der Dritten Welt. Am besten läßt sich das verdeutlichen am Handel mit Kaffee, Tee und Früchten
wie Bananen und Ananas, die wir aus der Dritten Welt beziehen. Bei uns werden die Produkte zu einem
Preis angeboten, der sie für alle Bevölkerungsgruppen erschwinglich macht. Supermärkte, Handelsketten,
Großmärkte, die Transporteure, sie alle verdienen am Handel mit diesen Produkten. Am allerwenigsten,
nämlich in der Tat Hungerlöhne, bleibt für die Menschen in den Plantagen der Dritten Welt übrig; obwohl
diese Menschen hart arbeiten, haben sie einen geringen Lebensstandard und können ihre Kinder kaum
ernähren oder zur Schule schicken.
Es könnte den Menschen in der Dritten Welt viel besser gehen, wenn wir bereit wären, ihnen für ihre
Produkte gerechte Preise zu zahlen. Ziel vieler, vor allem kirchlicher Entwicklungsgesellschaften ist es, die
Menschen in den Industriestaaten über diese Zusammenhänge aufzuklären und für eine gerechtere
Weltwirtschaftsordnung zu werben.
RU-Wissen und Meinung ­ Dritte Welt
Kolonialismus (I): Die "Entdeckung" Amerikas
1. Das Zeitalter des Kolonialismus begann vor 500 Jahren, im Jahr 1492, als Christoph Kolumbus, im
Auftrag der spanischen Herrscher, versuchte, auf dem Seeweg nach Westen Indien und China zu erreichen.
Ungewollt entdeckte er dabei den amerikanischen Kontinent, als er am 12. Oktober 1492 nach 10-wöchiger
Atlantiküberquerung auf der Insel Hispaniola landete. Für die indianische Bevölkerung, die die unbekannten
Ankömmlinge zunächst freundlich begrüßte, begann von da an ein Leidensweg, der zur Vernichtung großer
Völker und ihrer Kulturen durch die Europäer führte.
2. Die Gier nach materiellen Reichtümern, vor allem nach Gold, war von Anfang an das treibende Motiv
dieser aggressiven Eroberungszüge der Spanier und bald auch anderer europäischer Völker im
neuentdeckten Amerika. Jahr für Jahr segelten Tausende Europäer, schwer bewaffnet, mit Pferden und
Kampfhunden über den Atlantik. Die Völker Mittel- und Südamerikas, untereinander zerstritten, wurden eine
leichte Beute der waffentechnisch überlegenen Europäer:
3. Im Jahr 1521 vernichtete der Spanier Hernan Cortes mit einem verhältnismäßig kleinen Heer das große
und kulturell hochstehende Reich der Azteken im heutigen Mexiko. Die wunderschöne Stadt Tenochtitlan
wurde erobert und vollkommen zerstört, die Bevölkerung fast ganz ausgerottet. Christliche Priester und
Patres ließen alle greifbaren Kunstwerke, Götterbilder und Kunstgegenstände, den Inhalt der Bibliotheken
und damit die ganze Substanz der vorgefundenen Kultur zerstören. Auf den Trümmern Tenochtitlans wurde
die Hauptstadt des neuen Spanischen Vize-Königreiches, Mexiko, errichtet.
4. Zehn Jahre später entdeckte Francesco Pizarro, einer der vielen spanischen Abenteurer, auf seinen
Beutezügen durch Südamerika das Inka-Reich und eroberte es fast kampflos. Den Reichtum des Landes
transportierten später die "Silberflotten" nach Spanien. Allein in der Zeit zwischen 1550 und 1580 wurden
125.000 Zentner Gold und 5 Millionen Zentner Silber aus dieser Gegend Südamerikas nach Spanien
gebracht.
5. Zu der schweren Arbeit in den Silberminen zwangen die Spanier die Indianer. Sie wurden so grausam
behandelt, daß ganze Stämme und Völker ausstarben. Die Gier nach Reichtum und der
Zivilisationshochmut der Europäer führten zu einer Katastrophe für diese Völker. Bevor die europäischen
Eroberer auftauchten, lebten in Südamerika ca. 70-90 Millionen Menschen (vor allem Azteken und Inkas).
150 Jahre später waren sie auf nur 3,5 Millionen zusammengeschmolzen. Ausgerottet wurden viele Völker
nicht allein durch Waffengewalt, sondern auch durch Krankheiten, die die Europäer nach Amerika
einschleppten.
6. Priester und Missionare begleiteten von Anfang an die spanischen Eroberungsheere. Sie hatten den
Auftrag, die Bewohner der Neuen Welt zu missionieren und zu christianisieren. Das geschah aber weniger
durch Evangelisation und Predigt als durch Gewaltanwendung und Drohung, durch Zwangs- und
Massentaufen. Zu den wenigen, die dagegen protestierten, gehörte der Dominikanerpater Bartolome de las
Casas. Er versuchte vergebens, die Greueltaten der Spanier in ihren amerikanischen Besitzungen zu
unterbinden. In einer seiner weitverbreiteten Protest-Schrift aus dem Jahr 1545, die in Europa weithin
Entsetzen über die Greueltaten der Spanier auslöste, schreibet er:
"Über diese sanftmütigen Menschen kamen nun die Spanier wie grausame Wölfe, Tiger und Löwen, die
man tagelang hat hungern lassen. Sie haben in diesen vierzig Jahren bis zum heutigen Tage nichts anderes
getan, als zerreißen, töten, ängstigen, quälen, foltern und vernichten, auf jede nur denkbare, nie gehörte,
nie erlebte Art äußerster Grausamkeit. Und das alles in solchem Maße, daß auf der Insel Haiti von drei
Millionen Seelen, die zu unserer Zeit dort gelebt haben, heute keine 200 Eingeborenen mehr da sind. Die
Insel Kuba ist heute fast entvölkert. Als ziemlich sicheres und wahrscheinliches Ergebnis kann man
annehmen, daß in den genannten vierzig Jahren durch diese tyrannischen und teuflischen Taten mehr als
zwölf Millionen Seelen, Männer, Frauen und Kinder, getötet worden sind."
RU-Wissen und Meinung ­ Dritte Welt
Kolonialismus (II): Die "Entdeckung" Amerikas
1. Viele wirtschaftliche und kulturelle Probleme der Länder der Dritten Welt haben ihren Ursprung in der Zeit
des Kolonialismus. Die Eroberung weiter Teile der Welt durch die Europäer begann schon im 15.
Jahrhundert, als spanische und portugiesische Seefahrer den Seeweg nach Indien fanden und Christoph
Kolumbus den amerikanischen Kontinent entdeckte.
2. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurden große Gebiete der außereuropäischen Welt unter den
stärksten Ländern Europas aufgeteilt. Dazu gehörten an erster Stelle England und Frankreich, aber auch
das Deutsche Reich, die sich große Teile Asiens und Afrikas einverleibten, die Völker militärisch
beherrschten und ausbeuteten. Willkürlich wurden die Grenzen der Kolonialländer auf dem Reißbrett
gezogen, ohne Rücksicht zu nehmen auf traditionelle Grenzen der Stammesgebiete und auf Gefühle der
Zusammengehörigkeit. Viele Menschen wurden ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Um medizinische
Versorgung und um schulische Ausbildung der Bevölkerungen kümmerten sich die staatlichen
Kolonieverwaltungen nur selten; meist wurde diese Arbeit den Kirchen und Missionsgesellschaften
überlassen.
3. Aufs Ganze gesehen brachte der europäische Kolonialismus für viele Völker in der Welt
·
den Verlust ihrer staatlichen Unabhängigkeit auf viele Jahrzehnte. Sie wurden von den europäischen
"Mutterländern" aus meist durch Vizekönige o.ä. regiert, die ihre Macht in vielen Fällen durch brutalen
Militäreinsatz sichern mußten.
·
die Zerstörung ihrer eigenständigen Kultur und der gewachsenen gesellschaftlichen Strukturen, die
Auflösung der Stammes- und Familienverbände
·
die Auflösung des traditionellen Rechtssystems und den Zwang unter europäisches Rechtsdenken;
verbunden war damit eine große Rechtsunsicherheit unter der einheimischen Bevölkerung.
·
den Niedergang der Wirtschaft und Ausbeutung der Bodenschätze. Wälder wurden rücksichtslos
gerodet, auf den fruchtbarsten Böden wurden Plantagen zum Anbau von Exportgütern für Europa
errichtet.
·
die Zerstörung der Umwelt, u.a. durch rücksichtslosen Raubbau an den Wäldern und durch Anpflanzen
von Monokulturen. In vielen Gebieten wurden der einheimischen Bevölkerung die Ernährungsgrundlagen
entzogen und eine Abhängigkeit von Lebensmittelimporten geschaffen.
4. Das Verhältnis der Kolonialherren zur einheimischen Bevölkerung war im wesentlichen durch
Ungerechtigkeit, Demütigung, Willkür, Rassismus und weitgehend auch durch Sadismus bestimmt
(Auspeitschen, Prügel, Folter, bewußter Einsatz von Alkohol). Unterwürfigkeit, Verelendung und
Verwahrlosung waren vor allem bei vielen Völkern Afrikas die Folgen.
5. Wo Völker Widerstand gegen die Kolonialherren leisteten, wurden sie bekriegt und zum Teil ausgerottet.
Systematisch wurde die Widerstandskraft der Einheimischen durch Alkohol gebrochen. Allein in den
dünnbesiedelten deutschen Kolonialgebieten in Afrika kamen bei Eroberungsfeldzügen und
Strafexpeditionen mehr als eine halbe Million Menschen um. In Deutsch-Süd-West-Afrika wurde der
Volksstamm der Hereros fast ganz ausgerottet (1903-1904), indem man die Bevölkerung, vor allem die
Frauen und Kinder, in die Wüste trieb, wo sie elend umkamen.
6. Das Verhältnis der europäischen Länder zu denen der Dritten Welt ist zum großen Teil auch heute noch
durch die Vergangenheit bestimmt und belastet.
RU-Wissen und Meinung ­ Dritte Welt
Sklaverei
1. Die Sklaverei war wesentlicher Bestandteil der wirtschaftlichen und kulturellen Ordnung der alten
griechisch/römischen Gesellschaft. Auch fast überall in Afrika und in vielen asiatischen Ländern war
Sklaverei seit alters her üblich und selbstverständlich. Sklave zu sein bedeutet, in seiner ganzen Person
Eigentum eines anderen Menschen zu sein und dessen Verfügungsgewalt zu unterstehen. Der Sklave ist
eine Sache wie dinglicher Besitz oder ein Haustier; er besitzt kein Eigentum, selbst nicht an seinen Kindern
und ist weitgehend rechtlos.
2. Auch in der Bibel wird die Sklaverei als gesellschaftliche Institution vorausgesetzt und nirgends als solche
zum Problem gemacht oder als ungerecht verurteilt. Auch von Jesus ist kein Wort überliefert, das die
Sklaverei grundsätzlich in Frage stellt. Dasselbe gilt für Paulus, der die Sklaven aufruft:" ... seid gehorsam
euren irdischen Herrn. ... Tut euren Dienst mit gutem Willen ..." (Epheserbrief, 6). Allerdings wird in den
frühchristlichen Gemeinden die strikte Trennung zwischen Sklaven und Herren relativiert und aufgehoben,
da Herr und Sklave in gleicher Weise Gott unterstehen und es vor ihm keinen Unterschied in der Person
gibt. Sklaven wurden nicht mehr als Sache betrachtet, sondern als Menschen gewürdigt, wenn man auch an
ihrer rechtlichen Unterordnung nichts änderte.
3. Mit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahre 1492 begann zunächst die
Versklavung der indianischen Bevölkerung, deren Arbeitskraft brutal ausgebeutet wurde. Millionen von
Menschen mußten ihr Leben lassen, so daß es bald in den spanischen Kolonien in Mittel- und Südamerika
an Arbeitskräften mangelte. Um den Bedarf zu decken, machten zuerst spanische und portugiesische
Kaufleute, später vor allem arabische Sklavenjäger mit bewaffneten Truppen Jagd auf die schwarze
Bevölkerung an der Westküste Afrikas. Man brachte die Gefangenen unter den schlimmsten Bedingungen
über den Atlantik, wobei mehr als die Hälfte unterwegs starb. Krank und halbtot kamen die Überlebenden im
anderen Kontinent an. Dort verkaufte man die Gefangenen als Sklaven an die Plantagen- und
Bergwerksbesitzer. Vom Beginn des 16. Jahrhunderts an bis zum Verbot des Sklavenhandels im 19.
Jahrhundert wurden ca. 10 bis 15 Millionen Afrikaner nach Mittel-, Süd- und später auch nach Nordamerika
gebracht.
4. Schon mit Beginn der brutalen Versklavung der indianischen Bevölkerung erhob sich auch der Protest
dagegen. Unter dem Druck des einflußreichen spanischen Ordensgeistlichen Las Casas und anderer
Missionare erließ der spanische Kaiser Karl V. im Jahr 1542 einige Gesetze, die unter anderem ein Verbot
von Versklavung und einiger Formen von Zwangsarbeit vorsahen. Nach drei Jahren mußte er aber diese
Gesetze widerrufen, weil die weißen Siedler und auch die christlichen Orden ihre Existenz in Amerika
gefährdet sahen. Es half wenig, daß sich in den Jahrhunderten nach der Entdeckung Amerikas die Kirchen
immer wieder einmal gegen den Sklavenhandel aussprachen.
5. Der erste wirksame Protest gegen die Sklaverei ging um 1770 von englischen Quäkern aus. 1772 verbot
ein Richter die Sklaverei im englischen Mutterland, aber erst 1833 wurden alle Sklaven in den britischen
Kolonien freigelassen. Frankreich folgte 1848. In den USA proklamierte Präsident Abraham Lincoln 1863
die Aufhebung der Sklaverei; Papst Gregor XVI verbot 1839 den Sklavenhandel für alle Katholiken.
6. Trotz dieser Verbote gab es Sklaverei und Sklavenhandel bis ins 20. Jahrhundert hinein. Erst 1926 wurde
eine Völkerbundskonvention gegen die Sklaverei abgeschlossen. 1956 erfolgte eine entsprechende
Erklärung durch die UNO. In Art. 4 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrecht von 1948 wird Sklaverei
und Sklavenhandel in allen Formen verboten.
RU-Wissen und Meinung ­ Dritte Welt
Frauen in der Dritten Welt: Problemanzeige
Die meisten Probleme, unter denen Menschen in der Dritten Welt zu leiden haben, stellen sich für Frauen
besonders hart. Obwohl die Dritte Welt weder politisch noch wirtschaftlich oder kulturell eine Einheit ist,
gelten für sie folgende Merkmale:
1. Schlechte wirtschaftliche Bedingungen. Sie sind der Grund für die hohe Arbeitslosigkeit. Da Frauen im
allgemeinen einen geringeren Ausbildungsstand haben, sind sie von der Arbeitslosigkeit besonders
betroffen.
2. Eine hohe Geburtenrate. Die Last, für die vielen Kinder zu sorgen, liegt meist bei den Müttern. Dort, wo
durch den Kolonialismus die ursprünglichen Familien-Strukturen beseitigt wurden, sind die Frauen zu einem
großen Teil alleinerziehende Mütter. In weiten Teilen der Dritten Welt kümmern sich Männer
traditionsgemäß nicht um die Erziehung der Kinder oder um den Haushalt.
3. Analphabetismus. Er ist das Ergebnis sowohl der Überbevölkerung als auch der wachsenden Armut. Die
Unfähigkeit zu lesen und zu schreiben schränkt den Wissens- und Verstehenshorizont ein und verhindert
damit eine Mitsprache der Betroffenen in allen gesellschaftlichen und politischen Belangen. Frauen sind im
besonderen vom Analphabetismus betroffen. In manchen Gegenden können mehr als 80% der Frauen nicht
lesen oder schreiben. Das macht es auch oft schwierig, Frauen über Geburtenkontrolle in dem notwendigen
Maße aufzuklären.
4. Gesellschaftliche Diskriminierung der Frau. In vielen Ländern der "Dritten Welt" leiden Frauen und
Mädchen darunter, daß ihr wirtschaftlicher "Wert" und ihre gesellschaftliche Bedeutung traditionell geringer
eingeschätzt werden als der der Jungen und Männer. (Diese Geringachtung kann in manchen Gegenden
Indiens sogar bis zur Tötung von neugeborenen Mädchen gehen). Der einzige Weg zu einer respektablen
Stellung in der Gesellschaft ist für Mädchen die möglichst frühe Heirat oder Mutterschaft. Dadurch
wiederum werden ihnen eine gute Schul- oder Berufsausbildung und gesellschaftliche
Aufstiegsmöglichkeiten unmöglich gemacht.
5. Prostitution. Sie ist eine Folge wirtschaftlicher Not. Wenn Eltern arbeitslos sind und sie nicht wissen, wie
sie ihre Familie ernähren sollen, werden die Mädchen, oft schon als Kinder, zur Prostitution gezwungen und
an Bordelle verkauft. Diese Frauen oder Mädchen haben kaum noch eine Chance, aus diesem Milieu
auszubrechen und den Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu finden.
6. Sextourismus. 80% der männlichen Thailand-Reisenden aus der Bundesrepublik sind Sextouristen.
Deutsche Tourismus-Unternehmen werben in ihren Prospekten offen mit der Prostitution in Thailand und
anderen ostasiatischen Ländern. Diese Sextouristen, die es meist auf die sehr jungen Mädchen in den
Bordellen abgesehen haben, nehmen in Kauf, daß sie das Leben dieser Mädchen zerstören. Sie
unterstützen und fördern die Ausbeutung, Unterdrückung und Rechtlosigkeit dieser jungen Menschen.
Außerdem ist die ansteigende Zahl der AIDS-Infektionen in Ost-Asien wie auch in Europa zum großen Teil
eine Folge dieses Sextourismus.
7. Frauenhandel. Mit dem Sex-Tourismus hängt auch der Handel mit Frauen aus der Dritten Welt
zusammen. Junge Frauen aus Ost-Asien werden mit Heiratsversprechen oder den Zusagen lukrativer
Arbeitsplätze nach Deutschland gelockt. Die meisten von ihnen werden dann zur Prostitution gezwungen
oder müssen sich als billige Arbeitskräfte verdingen. Allein in Berlin sollen sich über 2000 thailändische
Zwangsprostituierte illegal aufhalten.
RU-Wissen und Meinung ­ Drogen, Sucht
Ursachen des Drogenkonsums
Über die Ursachen, die bei jungen Menschen zum Drogenkonsum führen, gibt es eine Fülle von
Vermutungen. Im einzelnen können folgende Ursachen genannt werden:
1. Einer der Gründe liegt in dem Wunsch, als erwachsen zu gelten. Jugendliche schließen sich nicht selten
zu Gruppen zusammen, um sich gegenseitig bei gemeinsamem Rauchen und Trinken ihr Erwachsensein zu
beweisen. Das führt bei Jungen, verbunden mit einem alterstypischen "Imponiergehabe" nicht selten zu
exzessivem Alkoholmißbrauch. Im Gegensatz zu den Jungen trinken Mädchen in der Öffentlichkeit weniger
häufig Alkohol, weil es offenbar als "unweiblich" gilt. In der privaten Atmosphäre von gemeinsamen
Unternehmungen und Feiern ist das jedoch anders.
2. Auch bloße Neugier ist bei Jugendlichen mitunter die treibende Kraft, Drogen zu nehmen. Nicht selten
sind die Neugierigen Jugendliche mit einem hohen Maß an Intelligenz. Ihr Motiv ist der Wunsch, die
Wirkung unterschiedlicher Rauschmittel am eigenen Leibe auszuprobieren. Obwohl sich schätzungsweise
70-80% aller ("neugierigen") Haschischraucher nach wenigen Versuchen von diesem Rauschmittel lösen,
bleibt der Rest dieser Neugierigen an der Droge hängen. Die Schlußfolgerung daraus ist, daß die
Neugierigen weit gefährdeter sind als die Jugendlichen, die auf jede Art des Drogenkonsums verzichten.
3. Jugendliche greifen zu Drogen, um persönliche Schwierigkeiten zu überwinden. Ursachen dieser
Schwierigkeiten sind oft gestörte Familiensituationen: geschiedene oder getrennt lebende Eltern und
unvollständige Familien. Man hat festgestellt, daß Kinder aus sog. Broken-Home-Situationen weitaus
drogenanfälliger sind als Kinder aus intakten Familien.
4. Viele Jugendliche werden zum Drogenkonsum verleitet, weil sie mit den Idealen, Normen und Werten
ihrer Eltern nichts anzufangen wissen. Der zum großen Teil an Konsum und materiellem Wohlstand
orientierte Lebensstil der Erwachsenenwelt ist für viele Jugendliche nicht mehr unbedingt nachahmenswert.
Sie möchten nicht Lebenserfüllung auf den Erwerb und Verbrauch von Waren reduziert sehen. Sie wenden
sich bewußt von den Eltern ab und flüchten sich in einen Kreis von Gleichaltrigen, die ihre Kritik an der
Lebensweise der Eltern teilen. Die Abkehr von Leistungsorientierung, materieller Sicherheit und langfristiger
Lebensplanung findet im Drogenkonsum ihren sichtbaren, provozierenden Ausdruck.
5. Manche jungen Menschen greifen deshalb zur Droge, weil sie sich in der Welt, in die sie hineingeboren
wurden, nicht zurechtfinden. Nach ihrem subjektiven Empfinden bietet sie ihnen nicht die Möglichkeit der
Selbstverwirklichung, sondern drängt sie in bestimmte Lebensbahnen, die ihnen sinnlos erscheinen. Die
wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen der letzten Jahre, die Diskussion um den technischen
Fortschritt sind für viele Jugendliche schwer verständlich und befremdend. Die Berufschancen von
Jugendlichen sind schlechter als früher, obwohl es noch nie so viele Lehrstellenangebote gegeben hat wie
heute. Weil sie selbst keine Chance sehen, die Welt erträglicher und menschlicher zu gestalten, gibt es für
sie nur einen Ausweg: die Flucht in die Droge, in eine Scheinwelt ohne Probleme, Benachteiligung und
Unterdrückung.
7. Ein Ausdruck unserer Zeit scheint zu sein, daß Bedürfnisse nach Zuneigung, Verständnis, aber auch
nach Anregung, nicht durch persönlichen Einsatz, mit Phantasie und Kreativität befriedigt werden, sondern
durch unpersönliche Mittel. Das können Süßigkeiten, Fernsehen oder auch andere Konsummittel sein. Ob
und wie stark gerade Jugendliche drogengefährdet sind, das hängt in hohem Maße davon ab, wie sie ihre
Bedürfnisse, Wünsche, Ängste und Gefühle verarbeiten können. Entscheidend ist das Verhalten in
alltäglichen Konfliktsituationen: Weicht der Jugendliche unter Zuhilfenahme eines unpersönlichen
Ersatzmittels diesen Konflikten aus oder hat er es gelernt, sich persönlich und unmittelbar mit ihnen
auseinanderzusetzen.
RU-Wissen und Meinung ­ Drogen, Sucht
Folgen des Drogenkonsums
1. Eine der gefährlichsten Folgen des Drogenkonsums ist die Sucht, d. h. die Abhängigkeit von bestimmten
Rauschmitteln, die für den Betroffenen zu körperlichen, geistig-seelischen und sozialen Problemen bis hin
zur Zerstörung seiner Persönlichkeit führen kann. Wiederholungszwang und Kontrollverlust sind zentrale
Merkmale von Drogenabhängigkeit. In erster Linie ist Sucht eine seelische Krankheit. Der (später)
Abhängige leidet an sich selbst und seinen Lebensumständen. Er ist jedoch unfähig, seine Probleme direkt
anzugehen und zu lösen. Er greift zu Ersatzmitteln, die Befriedigung versprechen, die Stimmung
verbessern, sein Selbstwertgefühl erhöhen und die Wirklichkeit erträglicher machen. Das schafft zunächst
Erleichterung - aber nur für kurze Zeit. Der Abhängige muß dann die Dosis des Rauschmittels erhöhen, um
die gleiche Wirkung zu erreichen. Das Suchtmittel wird nun Dreh- und Angelpunkt aller Handlungen,
Gedanken und Gefühle. Versuchte der Abhängige anfangs, mit Hilfe des Suchtmittels seine Probleme zu
lösen, so braucht er es jetzt, um sein Leben überhaupt ertragen zu können.
2. Ob Sucht zu körperlichem Kranksein führt, hängt ab von der Art des Suchtmittels, der Dauer des
Mißbrauch und der Konstitution des einzelnen. Die physischen Probleme äußern sich darin, daß sich der
Körper nach einer gewissen Zeit an Drogen gewöhnt und immer wieder danach verlangt. Jeder Raucher
weiß, wie schwer es ist, dem körperlichen Verlangen nach Nikotin zu widerstehen. Im Fall von Alkohol und
harten Drogen ist der Verzicht für den Abhängigen noch schwerer. Die körperliche Abhängigkeit wird
dadurch hervorgerufen, daß der Organismus das Suchtmittel in seinen Stoffwechsel einbaut und sich auf
dessen regelmäßige Zufuhr einstellt. Wird es ihm entzogen, kommt es zu schmerzhaften
Entzugserscheinungen wie Schüttelfrost, Gliederschmerzen, Kreislaufbeschwerden, eventuell zu
Sinnestäuschungen. Manchmal dauert es Jahre, bis sich körperliche Abhängigkeit einstellt.
3. Verschärft werden die physischen und psychischen Folgen der Sucht durch soziale Schwierigkeiten. Bei
seinem Arbeitgeber und Kollegen, im Freundeskreis und in der Familie spürt der Abhängige Ablehnung bis
hin zu Diskriminierung. Eltern, denen die Abhängigkeit ihres Kindes manchmal über lange Zeit verborgen
bleibt, reagieren nicht selten mit Hysterie und machen dem Kind Vorhaltungen, sperren es ein usw., anstatt
sich sachverständig beraten zu lassen. Ein unter Drogenabhängigkeit Leidender kann seine Familie vor fast
unlösbare Probleme stellen, kann sie überfordern oder sogar zerstören.
4. Suchtkranke sind in einem frühen Stadium ihrer Krankheit meist nicht bereit, ihre Sucht vor sich selbst
zuzugeben und fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie versuchen, ihr Leiden solange wie möglich zu
verbergen. Oft erst unter größerem äußeren Druck (z. B. Arbeitsplatzverlust, finanzielle Notlage, Trennung
von der Familie) ist ein Abhängiger fähig und bereit, sich wirklich helfen zu lassen. Eine Heilung von der
Sucht ist erfahrungsgemäß nur möglich, wenn der Betroffene engagiert an der Überwindung seines Leidens
selbst mitarbeitet. Das Problem der Abhängigkeit ist in der Regel nicht ohne fachkundige Hilfe durch
Sozialarbeiter, Psychologen und Ärzte zu lösen. Sucht ist heute als Krankheit erkannt und anerkannt. Die
Krankenkassen, bzw. die Rentenversicherungen übernehmen die Entgiftungs- und Therapiekosten, wenn
ein Arzt die Notwendigkeit einer Behandlung bescheinigt.
5. Drogenmißbrauch ist nicht nur ein privates oder Familien-Problem, sondern auch ein Problem der ganzen
Gesellschaft. Über 1000 Drogentote im Jahr 1991, Millionen von Menschen, die an Alkoholproblemen
leiden, Hunderttausende, die sich deswegen in ärtzlicher Behandlung oder in Therapieeinrichtungen sich
befinden, belasten die Gesellschaft in erheblichem Maße. Drogenabhängigkeit ist oft die Ursache von
Kriminalität, vom Einbruchdiebstahl bis hin zu Prostitution. Wie das Drogen- und Suchtproblem am
wirkungsvollsten bekämpft werden kann, dafür gibt es keine Patentlösung; Politiker und andere in der
Gesellschaft Verantwortliche begegnen diesem Problem mit großer Ratlosigkeit.
RU-Wissen und Meinung ­ Drogen, Sucht
Rauchen
1. Nikotin ist (wie auch Alkohol) ein in unserer Gesellschaft allgemein akzeptiertes Genußgift. Einer Statistik
aus dem Jahr 1990 zufolge rauchen rund 36% der Bundesbürger über 14 Jahre mehr als 15 Zigaretten
täglich. Nimmt man die Gelegenheitsraucher hinzu, so steigt der Anteil der Raucher auf über 50%. Diese
Zahlen sind seit einigen Jahren in etwa gleich geblieben. Verschoben hat sich indessen die
Zusammensetzung der Raucher: immer mehr von ihnen sind Frauen und Jugendliche, während es Männern
über 30 zunehmend gelingt, mit dem Rauchen aufzuhören.
2. Als Motive für das Rauchen werden vor allem genannt:
·
Rauchen bringt Genuß. "Ich rauche gern".
·
Rauchen entspannt, wenn man gestreßt ist.
·
Rauchen regt an, wenn man müde ist.
·
Nikotinabhängigkeit. "Ich schaffe es nicht, mit dem Rauchen aufzuhören".
3. Junge Menschen werden zum Rauchen meist durch Neugier, Langeweile und Nachahmungsverhalten
veranlaßt. Sie wollen sich durch Zigarettenrauchen Anerkennung im Freundeskreis verschaffen. Durch das
Anbieten und Annehmen von Zigaretten versucht man Kontakte zu knüpfen. Wenn Kinder unter zehn
Jahren schon Raucher sind, muß das als ein Alarmzeichen für eine Krise gedeutet werden, in der das Kind
steckt, weil es Schwierigkeiten mit den Eltern, den Freunden oder der Schule hat.
4. Raucher nehmen bei sich selbst, im Gegensatz zu fast allen anderen Drogenkonsumenten, keine
unmittelbare negative Verhaltensänderung als Auswirkung des Rauchens wahr. Dennoch entsteht mit der
Zeit eine sehr starke Abhängigkeit, die sich in Nervosität, Angst oder Aggressivität ausdrückt, wenn eine
bestimmte Zeit nicht geraucht wurde. Millionen Raucher zeigen typisches Suchtverhalten: Sie können,
obwohl sie es wollen, mit dem Rauchen nicht aufhören.
5. Die Langzeitfolgen des Rauchens sind erheblich gesundheitsgefährdend. Neben Nikotin, Teerstoffen und
Kohlendioxid enthält der Tabakrauch noch über 1000 weitere Substanzen, die die Gesundheit des
Menschen beeinträchtigen. Die Folgen von Nikotinmißbrauch sind:
·
Geringere körperliche Leistungsfähigkeit. (Unter den Leistungssportlern gibt es kaum Raucher).
·
Gefäßverengungen; Kreislaufschäden; sog. Raucherbeine (ca 11000 Beinamputationen jährlich in der
BRD)
·
Schädigung der Atmungsorgane: Raucher-Husten, Kehlkopf-, Mundhöhlen- und Lungenkrebs. (90% aller
Lungenkrebskranken sind starke Raucher)
·
Schädigung der Augennerven (Nachlassen der Sekkraft besonders nachts)
·
Rauchende Mütter gebären sehr viel häufiger untergewichtige, mangelhaft ernährte Kinder als
nichtrauchende Mütter. Werdende Mütter sollten auf das Rauchen verzichten.
6. Nach neuesten Erkenntnissen ist nicht nur der einzelne Raucher selbst gesundheitlich gefährdet, sondern
auch alle die, die passiv mitrauchen. In öffentlichen Gebäuden, Verkehrsmitteln, in den meisten Büros und
an vielen anderen Arbeitsplätzen ist das Rauchen bereits untersagt. Da Kinder durch passives Mitrauchen
besonders in ihrer Gesundheit gefährdet sind, sollten Erwachsene im Beisein von Kindern auf das Rauchen
ganz verzichten.
7. Rauchen schadet nicht nur dem einzelnen, sondern auch der Allgemeinheit. Die durch das Rauchen
bedingten Krankheiten und Arbeitsausfälle verursachen erhebliche volkswirtschaftliche Schäden. Nur zum
Teil können sie durch die hohen Steuern, mit denen der Staat den Tabak belastet, wieder ausgeglichen
werden.
8. Wegen der allgemeinen gesundheitlichen Gefährdung durch das Rauchen ist Zigarettenwerbung im
Fernsehen inzwischen verboten. Auf jeder Zigarettenpackung muß ein Hinweis auf die
Gesundheitsgefährdung durch Nikotin abgedruckt sein.
RU-Wissen und Meinung ­ Drogen, Sucht
Alkohol
1. Der Umgang mit Alkohol ist in unserer Gesellschaft toleriert und akzeptiert. Trinkgründe werden gesucht
und gefunden. Geburtstage, Betriebsfeiern, Streß und Feierabend, ein Schrecken genauso wie ein freudiges
Ereignis: alles wird erstmal mit Alkohol begossen. Die Drogenwirkung des Alkohol wird dabei nicht nur in
Kauf genommen, sondern ist beabsichtigt: Alkohol hebt die Stimmung, schafft eine lockere Atmosphäre,
löst die Zunge, beseitigt ungewollte Hemmschwellen, tröstet über Einsamkeit und Probleme hinweg. So ist
Alkohol das in unserem Kulturkreis am häufigsten gebrauchte Suchtmittel. Unsere Kultur vermittelt zwar
Regeln und Alltagswissen für den Umgang mit diesem Stoff. Doch diese Regeln bestimmen eher die
Gelegenheiten für Alkoholkonsum und weniger die Trinkmenge. Eine Ausnahme bildet der Promillesatz des
erlaubten Alkohols beim Autofahren. In Deutschland ist er mit 0,8 Promille im Vergleich zu anderen
europäischen Staaten verhältnismäßig hoch.
2. In der Bundesrepublik wird Alkohol an Erwachsene vom 18. Lebensjahr an zu jeder Zeit und in jeder
gewünschten Menge verkauft. Die Preise sind verhältnismäßig niedrig. In anderen europäischen Ländern
unterliegt der Alkoholverkauf Einschränkungen. So darf in Schweden Alkohol nur in bestimmten Läden und
dort auch nur an Bürger über 21 Jahren verkauft werden. Die Preise sind 4 bis 5 mal so hoch wie in
Deutschland. Daß der Alkoholkonsum zu einem Problem in unserer Gesellschaft geworden ist, zeigen die
Mengen des konsumierten Alkohols. Die Konsumhäufigkeit bei Jugendlichen ist zwar in den letzten Jahren
gesunken, jedoch trinken fast 30% der 14-17jährigen mindestens einmal in der Woche Alkohol.
Schätzungsweise zwei Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland sind alkoholabhängig;
Hunderttausende, zum großen Teil auch junge Menschen, befinden sich in Entziehungsanstalten, d.h. sie
sind alkoholkrank.
3. Die körperlichen und seelischen Schäden, die der Alkoholmißbrauch verursacht, sind in einer Vielzahl
von Untersuchungen belegt. Das Ausmaß der sozialen Lasten, die durch Alkohol entstehen
(Arbeitsunfähigkeit, Unfälle, Krankheiten, Straftaten unter Alkoholeinfluß), können keineswegs durch die
staatlichen Steuereinnahmen (ca. 5,5 Milliarden Mark) abgedeckt werden. Die Liste allein der körperlichen
und sozialen negativen Kurz- und Langzeitfolgen von Alkoholmißbrauch ist lang:
·
Nachlassendes Reaktionsvermögen; Abnahme der Kritikfähigkeit
·
Verlust von Hemmungen und der Kontrolle über Sprache und Bewegung
·
Gleichgewichtsstörungen und Bewußtlosigkeit
·
Schwere Schädigungen der Leber und des Herzens
·
Abbau der Gehirnzellen, Depressionen
·
aggressives Verhalten; dauernde Schuldgefühle
·
soziale Isolierung; Verlust des Arbeitsplatzes
·
Interesse- und Teilnahmslosigkeit usw.
4. Es gibt keine sicheren Anhaltspunkte, nach denen vorauszusagen wäre, warum die einen, wenn sie
Alkohol trinken, abhängig werden - und die anderen nicht. Die Gefahr, alkoholabhängig zu werden, ergibt
sich nicht allein aus der Menge des konsumierten Alkohols, sondern vor allem aus dem seelischen
Gesamtbefinden des einzelnen Menschen. Hier spielen soziale und persönliche Faktoren eine besondere
Rolle, z. B. Isolationsgefühle, Enttäuschungen, subjektiv empfundene Sinn- und Wertlosigkeit, berufliche
und familiäre Sorgen, Eheprobleme usw.
5. Wer in unserer Gesellschaft abstinent leben, d. h. grundsätzlich keinen Alkohol trinken will oder darf, muß
mit Unverständnis mancher Mitmenschen rechnen. Das wird besonders zum Problem bei Alkoholkranken,
die erfolgreich eine Entziehungskur beendet haben und nun "trocken" sind. Ihre Alkoholabhängigkeit und -
krankheit ist damit noch nicht beseitigt. Die kleinste Menge Alkohol, ein Glas Bier oder ein Schnaps, kann
bewirken, daß die Krankheit wieder voll ausbricht. Einen Alkoholkranken sollte man niemals zum Wein-
oder Biertrinken auffordern!
RU-Wissen und Meinung ­ Drogen, Sucht
Haschisch und Heroin
1. Illegale, "harte" Drogen sind Stoffe, deren Besitz oder Vertrieb nach dem Betäubungsmittelgesetz
verboten ist und strafrechtlich verfolgt wird. Die Konsumenten harter Drogen sind ganz überwiegend
Heranwachsende. Neben der starken Suchtwirkung dieser Stoffe geht von ihnen wegen ihrer Illegalität eine
spezielle Gefahr aus: wer diese Stoffe konsumieren möchte, handelt zwangsläufig kriminell und kommt mit
einem entsprechenden Milieu in Berührung.
2. HASCHISCH (oder Hasch) nennt man das reine, unveränderte Harz aus den Blütenspitzen der
weiblichen Cannabispflanze (indischer Hanf). Haschisch wird zerkrümelt, mit Tabak vermischt und in
Zigaretten (Joint) oder Pfeifen geraucht. Die Wirkung von Hasch ist individuell verschieden. Die erhoffte
positive Wirkung besteht in gehobener Kontaktfreudigkeit und Stimmung; Farb- und Tonempfindungen
werden gesteigert. Bei Verwendung höherer Dosen vermindert Hasch aber auch das
Konzentrationsvermögen, führt schließlich zu Ruhelosigkeit und Antriebsverlust, zu Sinnestäuschungen,
Angstzuständen und Depressionen. Häufigerer Gebrauch hat Interesselosigkeit und eine gleichgültige
Lebenseinstellung zur Folge.
3. Die bisherigen Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung über die Schädlichkeit von Hasch sind
teilweise widersprüchlich. Die Ungefährlichkeit von Hasch ist aber keineswegs erwiesen. Nach neueren
Untersuchungen bestätigt sich zudem, daß der Gebrauch von Haschisch die natürlichen Hemmschwellen
gegenüber stärkeren Rauschdrogen wie z. B. Heroin abbaut. Außerden werden da, wo man Hasch erhält,
meist auch starke Rauschgifte angeboten. Der Gruppendruck in diesen Kreisen ist eine zusätzliche soziale
Gefährdung.
(Auch MARIHUANA wird wie Haschisch aus der Cannabispflanze gewonnen. Seine Wirkung ist erheblich
schwächer als die von Hasch.)
4. HEROIN entsteht durch eine chemische Reaktion von Morphin und Essigsäure. (Morphin ist ein
Bestandteil des Opiums, das aus dem Saft der Mohnkapsel gewonnen wird). Heroin ist das stärkste, aus der
Natur gewonnene Suchtmittel, das bisher entdeckt wurde. Es führt in kurzer Zeit zu seelischer und
körperlicher Abhängigkeit. Heroinabhängige stellen den bei weitem größten Anteil an den über 1000
Drogentoten in der Bundesrepublik.
5. Die Wirkung des Stoffes besteht darin, Schmerz- und Angstgefühle zu blockieren und zunächst einen
Zustand des Wohlbefindens herzustellen und ein gesteigertes Selbstbewußtsein hervorzurufen. Seelische
und körperliche Beschwerden werden vorübergehend beseitigt.
Bei Dauerkonsum ruft Heroin allerdings verheerende Wirkungen hervor:
·
Abmagerung bis zum totalen körperlichen Verfall durch das dauernd eingeschränkte Hungergefühl
·
Abnahme der Intelligenz, Entstehen von Wahnideen durch Gehirnschäden
·
Atemlähmung mit Todesfolge; Ersticken an Erbrochenem bei Bewußtlosigkeit
6. Hinzukommen die Gefährdungen durch Infektionen durch unsaubere Spritzen und der schon erwähnte
Zwang zur Beschaffungskriminalität. Akute Gefahren liegen auch in der tödlichen Überdosierung, da der
Reinheitsgrad des Stoffes nie mit Sicherheit bestimmt werden kann.
7. Ein Heroinabhängiger ist in der Regel durch sein Leben in der Drogenszene zusätzlich einer Vielzahl von
Belastungen ausgesetzt. Dazu gehören die fehlende gesundheitliche Versorgung, Obdachlosigkeit und
Abbruch der Kontakte zur Familie und zum ehemaligen Bekanntenkreis. Die Gefahr, an AIDS zu erkranken,
ist für Heroinabhängige in der Drogenszene besonders groß.
RU-Wissen und Meinung ­ Drogen, Sucht
Süchtiges Verhalten
1. Von süchtigem Verhalten spricht man, wenn ein Mensch zwanghaft immer wieder dieselbe
Verhaltensweise wiederholt, weil er sich von ihr (erfolglos) Befriedigung verspricht. Das heißt, eine
bestimmte Verhaltensweise wird anstelle einer Droge als Suchtmittel eingesetzt. Putzsucht und
Arbeitssucht, Fernsehsucht, Eßsucht, Spielsucht, Eifersucht: süchtiges Verhalten gibt es auch ohne
Abhängigkeit von Drogen. (Unter Fachleuten ist die Bezeichnung Sucht für ein derartiges Verhalten
allerdings umstritten). Körperliche Abhängigkeit und schmerzhafte Entzugserscheinungen wie bei
Drogenabhängigen gibt es bei suchthaften Verhaltensweisen nicht. Betrachtet man dagegen die seelische
Abhängigkeit, so sind Parallelen eindeutig. Wiederholungszwang und Kontrollverlust sind Merkmale
seelischer Abhängigkeit, die sowohl für Drogenabhängigkeit wie auch für Suchtverhalten typisch sind.
Menschen, die an Verhaltens-Sucht leiden, leugnen und verharmlosen dies nicht anders als
Drogenabhängige. Andere Interessen und Bedürfnisse werden auch von ihnen vernachlässigt und ihr
soziales Leben ist nachhaltig gestört. Ohne fachkundige Hilfe und Psychotherapie oder Teilnahme an
Selbsthilfegruppen gelingt es den meisten Betroffenen nicht, dieses Verhalten abzulegen.
2. SPIELSUCHT: Für junge Menschen besonders verführerisch sind die Geldspielautomaten in den
Spielhallen. Dem Spieler wird das Gefühl vermittelt, er könne durch das Bedienen von Start/Stopp- und
Risikotasten, d. h. durch seine Geschicklichkeit seine Gewinnchancen erhöhen. In Wirklichkeit hat ein
Spieler gegenüber dem mit Elektronik gespickten Automaten keine Chance; er wird schließlich immer der
Verlierer sein. Viele Spieler ruinieren sich dadurch finanziell. Der Zwang, Geld zum Spielen zu beschaffen,
läßt nicht wenige kriminell werden. Der tage- und nächtelange Aufenthalt in Spielhallen und die damit
verbundene optische und akustische Reizüberflutung belasten die Gesundheit und bringen für viele einen
hohen Alkohol- und Nikotinkonsum mit sich.
3. Das zeigt, daß es sich beim Geld-Glückspiel nicht um ein harmloses Freizeitvergnügen handelt. Man hat
die gefährliche Faszination, die von diesen Glücksspielautomaten ausgeht, erkannt und darum die
Hersteller gezwungen, die Automaten so einzustellen, daß der Geldverlust für den Spieler in erträglichen
Grenzen gehalten wird. Jugendlichen unter 18 Jahren ist der Zugang zu den Spielhallen gesetztlich
untersagt. Trotzdem scheint ein großer Bedarf an solchen Einrichtungen zu bestehen. Die Errichtung
zahlloser Spielhallen (besser: Spielhöllen) in den Innenstädten ist schon zu einem städtebaulichen Problem
geworden.
4. BULIMIE (Eß-/Brechsucht) und ANOREXIE (Magersucht) sind Formen schwerer Störungen im
Eßverhalten. Mehr als 90% der Betroffenen sind Frauen.
5. Bei der BULIMIE haben die Betroffenen den zwanghaften Wunsch, trotz Untergewichtes immer schlanker
zu werden, ohne aber ihr übermäßiges Eßverlangen zügeln zu können. Deshalb versuchen sie ihr Ziel
dadurch zu erreichen, daß sie nach dem Essen (meist "Fressen") die Nahrung wieder erbrechen.
Hinzukommt, daß oft Unmengen von Schlankheitsmitteln und Medikamenten geschluckt werden.
6. Menschen, die unter ANOREXIE (Magersucht) leiden, verweigern tagelang die Nahrung und verfolgen ihr
Ziel, immer schlanker zu werden, mit unerbittlicher, selbstzerstörerischer Härte. 50% dieser
AnorexieKranken haben auch Anfälle von Eß-/Brechsucht.
7. Die gesundheitlichen Folgen solch gestörten Eßverhaltens sind erheblich. Es kommt zu Herzmuskel- und
Nierenschäden, zu hormonellen Veränderungen (Ausbleiben der Regelblutung) und schließlich zu
lebensbedrohendem Untergewicht. Psychisch negative Auswirkungen bestehen darin, daß sich das Leben
der Betroffenen zwanghaft um Essen und Nicht-Essen dreht. Unbeschwertes Genießen und gesunder
Appetit sind ihnen fremd.
RU-Wissen und Meinung ­ Familie
Das 4. Gebot
1. Nach 5. Mose 5, 16 hat das vierte Gebot folgenden Wortlaut:
"Erweise Ehre deinem Vater und deiner Mutter, wie Jahwe, dein Gott, dir geboten hat, damit deine Jahre dir
lange währen und es dir wohlergehe auf dem Erdboden, den Jahwe, dein Gott, dir geben wird."
Martin Luther hat dieses Gebot in seinem Kleinen Katechismus so übersetzt: "Du sollst deinen Vater und
Deine Mutter ehren, auf daß dir's wohlgehe und du lange lebest auf Erden."
2. Dieses vierte Gebot des Dekalogs richtet sich nicht, wie man vielleicht meinen könnte, an kleine Kinder,
die zum Gehorsam gegenüber ihren Eltern aufgerufen würden. Es richtet sich vielmehr an die erwachsenen
Angehörigen des Volkes Israel, an Männer und Frauen, die innerhalb der Großfamilie zu besonderer
Achtung gegenüber den älteren Mitgliedern des Familienverbandes aufgerufen werden.
3. Es fällt auf, daß dieses Gebot das einzige im Dekalog ist, das eine Verheißung, ein Versprechen enthält:
Wer das Gebot erfüllt, dem soll es wohlgehen, und er wird lange leben in dem vom Gott geschenkten Land.
Diese Zusage bezieht sich konkret auf die soziale Ordnung im Volk Israel in der damaligen Zeit. Diese
gründete sich im wesentlichen auf dem Landbesitz der einzelnen Großfamilie. Grundbesitz durfte in Israel
nur unter besonderen Bedingungen und Auflagen verkauft werden. Dabei stand den Eltern ( und in der
Großfamilie waren das oft die Großeltern und Urgroßeltern) das letzte Wort zu. Sie sollten und konnten die
überkommene Ordnung erhalten und garantieren. Aus diesem Grund gebührt ihnen Achtung und Autorität.
Aufgerufen wird nicht zum "Gehorsam" gegenüber den Alten, sondern zur Anererkennung ihrer Autorität im
Familienverband.
4. Auf dem Hintergrund dieser ursprünglichen Bedeutung des vierten Gebotes wird deutlich, daß es in der
heutigen Zeit nicht mehr denselben Stellenwert haben kann wie im alten Israel. Form und Lebensweise der
Familie haben sich gegenüber früher geändert. Die Großfamilie im alten Stil gibt es nicht mehr, zumindest
nicht bei uns in Europa. Es kann heute nicht darum gehen, alte patriarchalische Strukturen zu erhalten bzw.
wiederherzustellen.
5. Auch die "Erklärung" dieses Gebotes durch Martin Luther in seinem Kleinen Katechismus scheint nicht
mehr die heutige Zeit zu erfassen: "Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unsere Eltern und Herren
nicht verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert
haben."
6. Es ist deutlich: In seiner kurzen und knappen Form kann das vierte Gebot keine direkten Lösungen für
die vielschichtigen Probleme zwischen den Generationen in unserer modernen Gesellschaft anbieten. Seine
Grundaussage aber, nach der das "Wohlergehen" der Menschen und eines Gemeinwesens vom richtigen
Verhältnis der Generationen untereinander abhängt, stellt doch zumindest zwei wichtige Fragen an unsere
Gesellschaft:
a. Welche Bedeutung haben die alten Menschen in unserer Gesellschaft? Wie gehen wir mit ihnen um?
Gibt es Tendenzen zu einer altenfeindlichen Sozial-, Familien- und Wohnungsbaupolitik? Die im 4. Gebot
geforderte Achtung vor den Eltern bezieht sich nicht nur auf ihre rechtliche Stellung, sondern schließt auch
Schutz und Fürsorge für die alternden, gebrechlich werdenden Alten ein.
b. Welche Bedeutung haben Kinder und junge Menschen in unserer Gesellschaft? Wie nehmen Eltern
heute ihre Verantwortung gegenüber ihren Kindern wahr? (Stichworte: Kindesmißhandlungen,
Scheidungswaisen, Verwahrlosung)
RU-Wissen und Meinung ­ Familie
Kinder in unserer Gesellschaft: Problemanzeige
1. Kinder in unserer Gesellschaft haben teil an allen Segnungen, materiellen Sicherheiten und Vorteilen, die
unser Gesellschaftssystem auch den Erwachsenen bietet. Gesundheitsversorgung, Ernährung, Betreuung
und Ausbildung haben für Kinder in Deutschland, verglichen mit anderen Ländern der Erde, einen hohen
Standard. Das gilt auch und im besonderen für Problem-Kinder: für kranke, behinderte und lernschwache.
2. Es ist aber auch richtig, daß besonders die Kinder unter den negativen Erscheinungen und Defiziten an
Menschlichkeit, die unsere "moderne" industrielle Gesellschaftsordnung hervorgebracht hat, zu leiden
haben. Kinder kann man im Blick auf weite Bereiche unserer Gesellschaft als Randgruppe betrachten, die
es schwer hat, ihre Bedürfnisse und Rechte zur Geltung zu bringen. Bis zu einem gewissen Grade erscheint
unsere Gesellschaft als kinderfeindlich.
3. Auch vielen verheirateten Paaren gelten Kinder als lästig und als Hemmnis für die berufliche Karriere, für
die Selbstverwirklichung und für ein genußorientiertes Zusammenleben. Gründe, auf Kinder zu verzichten,
liegen auch in der ungewissen Zukunft, in der Bedrohung durch befürchtete Umweltkatastrophen,
Kriegsgefahr usw.
4. Schätzungsweise 150.000 Kinder werden in der Bundesrepublik jährlich abgetrieben, davon in den alten
Bundesländern ca. 90.000 legal aus sozialen Gründen; d. h. es wird eingestanden, daß die Frau aus
wirtschaftlich-finanziellen oder anderen sozialen Gründen nicht in der Lage wäre, dieses Kind zu erziehen.
Diese hohe Zahl von Abtreibungen kann nicht den Frauen angelastet werden, die sich zu einer Abtreibung
entschließen, sondern deutet auf einen Mißstand hin, den die ganze Gesellschaft zu verantworten hat.
5. Ein Drittel aller Ehen in Deutschland wird nach kurzer oder längerer Zeit geschieden. Leidtragende dieser
Scheidungen sind auch und im besonderen die Kinder, die meist die Geborgenheit der Familie verlieren und
oft zwischen Vater und Mutter hin und hergerissen werden.
6. Erschreckend hoch ist die Zahl der von ihren Eltern schwer mißhandelten Kinder. 30 000 Fälle sind 1991
bekannt geworden, und man kann davon ausgehen, daß die Dunkelziffer mindestens um das fünffache
höher liegt. Nicht wenige Kinder sterben an den Mißhandlungen. Viele Kinder, Jungen wie Mädchen, werden
in der Familie sexuell mißbraucht; eine Tatsache, die bisher mit einem Tabu belegt war und über die man
nicht redete. Inzwischen sind die Leidensgeschichten vieler Menschen, die in ihrer Kindheit mißbraucht
wurden, ans Licht gekommen.
7. Ehepaare mit Kindern werden durch unser Steuersystem gegenüber Kinderlosen eindeutig benachteiligt,
so daß vor kurzen das Bundesverfassungsgericht den Gesetzgeber verpflichtet hat, diese Benachteiligung
und Diskriminierung von Familien mit Kindern zu beseitigen.
8. Kinderreiche Familien, zu denen heute schon solche mit mehr als zwei Kindern zählen, haben es
erfahrungsgemäß besonders schwer. Für sie ist auf dem Wohnungsmarkt kaum geeigneter, bezahlbarer
Wohnraum zu finden. Gebaut werden vor allem kleine Mietwohnungen, möglichst für Singles, da diese
Wohnungen für den Vermieter höheren Gewinn bringen.
9. Unzählige Kinder wachsen in Wohnungen auf, in denen sie eingeengt und ohne Entfaltungsmöglichkeiten
leben müssen, so z.T. in Wohnsilos mit zehn bis zwanzig Geschossen. Spielmöglichkeiten, die ein Kind in
einem Ein- oder Zweifamilienhaus mit Garten hat, gibt es dort nicht.
10. Die Bundesrepublik steht an der Spitze der Industrienationen mit der Zahl der Kinder unter den
Verkehrstoten. Straßenbauer, Städteplaner und vor allem die autofahrenden Verkehrsteilnehmer nehmen in
Deutschland wenig Rücksicht auf Kinder. Das beweist auch die von der Polizei beklagte Tatsache, daß
Geschwindigkeitsbeschränkungen vor Schulen von Autofahrern kaum beachtet werden.
RU-Wissen und Meinung ­ Familie
Erziehung
1. Erziehung scheint heute gegenüber früheren Zeiten problematischer geworden zu sein. In Familien und
Schulen gibt es viel Ratlosigkeit bei der Frage, auf welche Ziele hin und mit welchen Mitteln man Kinder
und Jugendliche zu erziehen habe. Die Gründe für diese Unsicherheit liegen in der sich wandelnden
Gesellschaft:
a. in ihrer Tendenz zur Pluralität. Zum Teil sehr gegensätzliche politische, religiöse und weltanschauliche
Meinungen existieren nebeneinander und konkurrieren miteinander. Erziehung kann heute kaum noch in
einem isolierten, weltanschaulich oder religiös einheitlichen Bereich geschehen, sondern wohl nur noch in
Auseinandersetzung mit der Vielfalt von Meinungen und Vorstellungen. Oft gegen die Erzieher in Schule
und Familie üben die geheimen Miterzieher, im besonderen das Fernsehen, einen starken Einfluß auf
Kinder und Jugendliche aus.
b. im Wertewandel. Hatten früher die "bürgerlichen Tugenden" wie Gehorsam, Fleiß, Pünktlichkeit,
Sauberkeit, Ehrlichkeit eine große Bedeutung in der Erziehung, so haben sich heute die Erziehungsziele in
Richtung sozialer Fähigkeiten verschoben: Anpassungs- und Durchsetzungsfähigkeit, Selbstbewußtsein,
Selbständigkeit, Kontaktfreudigkeit sind als Erziehungsziele wichtig geworden.
2. Eine christlich ausgerichtete Kindererziehung (in der Familie) kann sich an folgenden Leitlinien
orientieren:
a. Eine intakte Familie ist der Bereich, in dem ein junger Mensch am besten aufwachsen kann. Sie bietet
ihm die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Versorgung, nach Liebe, Anerkennung und
Geborgenheit. Sie bietet ihm ein System von Bezugspersonen, in dem es soziales, mitmenschliches
Verhalten kennenlernen und einüben kann. In der Familie kann das Kind am besten lernen, seine Grenzen
zu erkennen, mit Enttäuschungen und Ängsten zu leben und fertig zu werden und erfahren, daß es von
anderen begleitet und getragen und auch bei Kummer und Versagen getröstet und geliebt wird.
b. Eltern sind nicht die Eigentümer ihrer Kinder. Kinder sind den Eltern anvertraut. Sie tragen Verantwortung
für die geistige und charakterliche Entwicklung ihres Kindes, die Förderung all seiner Fähigkeiten und das
Hineinwachsen in die gesellschaftliche Umgebung. Eltern sollten ihre Kinder ermuntern, das zu leisten, was
sie können. Sie sollten ihnen aber zeigen, daß die Liebe zu ihnen nicht von ihrer Leistungsfähigkeit und -
bereitschaft abhängt.
c. Aus ihrer Verantwortung für die Kinder haben Eltern Autorität. Diese Autorität darf nicht dazu mißbraucht
werden, die Kinder nach den Vorstellungen der Eltern umzuformen und ihnen ihren Willen aufzuzwingen.
Jedoch wird auch die beste Erziehung wohl nicht ohne Drohen und Strafen auskommen. Körperstrafen und
psychischer Druck (Liebesentzug) sind aber ungeeignete Erziehungsmittel, da sie meist das
Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern zerstören.
d. Eltern sollten ihren Kinder ein festes Wertesystem vermitteln, das sich orientiert an der (gottgewollten)
Freiheit des Menschen, seinem Selbstwertgefühl und seiner Verantwortung für seine Mitmenschen und
seine Umwelt. Das Kind sollte lernen, seine Beziehungen zu anderen, zu Menschen und Tieren, auch zu
Pflanzen und Dingen zu entwickeln, damit es so früh wie möglich zur Partnerschaft befähigt wird. Eltern
sollten ihren Kindern ein Vorbild in dem sein, woraufhin sie sie erziehen wollen.
RU-Wissen und Meinung ­ Familie
Religiöse Erziehung (I)
1. Im Kind Vertrauen wecken.
Zugespitzt formuliert beginnt die religiöse Erziehung des Kindes schon vor der Geburt, mit der religiösen
Grundhaltung der Eltern. Ein Kind kann man nur wollen, wenn man glaubt, daß das Leben an sich
lebenswert ist und wenn man hofft, daß die Kinder auch eine Zukunft haben und es ihnen gelingen wird, mit
den vielschichtigen Problemen fertig zun werden. Vor allem konfessionellen, kirchlich-dogmatischen
Glauben, könnte man dieses Vertrauen in das Leben als religiöse Haltung verstehen.
Religiöse Erziehung in den ersten Lebensjahren des Kindes kann bedeuten, die Kinder in dieses elterliche
Vertrauen zum Leben mit hineinzunehmen. Für ein Kind, das drei oder vier Monate alt ist, gibt es auf lange
Sicht noch keine belehrende, erklärende christliche Erziehung. Religiöse Erziehung an Kleinkindern
bedeutet also zunächst, ihnen Geborgenheit, Vertrauen und Freude zu vermitteln. Vater und Mutter können
so schon im den ersten Lebensjahren den Vertrauensgrund für den späteren Glauben des Kindes legen. Im
frühen Kindesalter entscheidet es sich, ob das Kind sich später einmal unter einem liebenden Gott etwas
vorstellen kann, ob es sich ihm anvertrauen und sein Lebensschicksal von ihm annehmen kann; oder ob es
vor Gott Angst haben wird und sich einreden muß, es gebe Gott gar nicht. Die Vermittlung von Vertrauen
und Geborgenheit ist die wichtigste Voraussetzung auch dafür, daß Eltern mit ihrem Kind über Fragen des
christlichen Glaubens sprechen können, wenn es das Alter dafür hat.
2. Mit dem Kind beten.
Für die religiöse Erziehung des Kindes hat das Gebet eine große Bedeutung. Mit einem sehr kleinen Kind
kann man noch nicht beten; Vater oder Mutter können aber für das Kind beten. Das Kind, das seinen Eltern
vertraut und das Gebet seiner Mutter erlebt, wird seinerseits sein Vertrauen auf Gott übertragen können.
Das Gebet kann eine große Bedeutung für das Lebensgefühl und das Weltverständnis des Kindes haben.
Es muß nichts Lebensfernes sein. Es sollte in den Alltag des Kindes hineinreichen. Im Gebet kann das Kind
die Dinge ansprechen und aussprechen, die es bewegen, sei es das Schöne und Erfeuende oder das
Bedrückende, die Angst. Kinder können durch Beten lernen, ein eigenes, persönliches Verhältnis zu Gott zu
gewinnen, das unabhängig ist von intellektuellen Problemen.
Aber das Beten mit Kindern und das kindliche Beten kann auch Probleme haben:
·
Kindliche Bittgebete können Zeichen für ein verweigertes Gespräch zwischen Eltern und Kind sein. Das
Kind projiziert seine Wünsche und Ängste auf die himmlische Instanz, anstatt sich den Eltern
anzuvertrauen.
·
Viele Kindergebete halten Kinder in dem Gefühl einer hilflosen Kleinheit und Abhängigkeit fest. ("Ich bin
klein, mein Herz mach rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein"). Religion wird hier als
entmündigend erfahren.
·
Kindergebete vermitteln z.T. die Fiktion einer niedlichen "heilen" Welt. Wenn sie beim Älterwerden des
Kindes zerbricht, werden meist auch die Beziehungen zum Religiösen überhaupt beschädigt. Nach dem
Verlust des "Kinderglaubens" finden junge Menschen nur noch sehr schwer einen neuen Zugang zu
religiösem Glauben.
·
Eine Gefahr besteht auch in einer durch die Eltern anerzogenen, erzwungenen Gebetsroutine. Beten ist
Vertrauenssache und sollte Zwang ausschließen.
RU-Wissen und Meinung ­ Familie
Religiöse Erziehung (II)
1. Mit dem Kind Feste feiern.
Die meisten Feste, die im Kindergarten gefeiert werden, haben eine direkte oder indirekte Verbindung zu
religiösen Inhalten: Weihnachten, Ostern, Martinsfest, Erntedankfest, usw. Eine Bedeutung haben diese
Feste für die Kinder nicht sosehr von ihrer Deutung (Interpretation), sondern vielmehr von ihrem Vollzug
und ihrer Gestaltung her. Feste und Feiern erschließen den Kindern einen Raum von Handlungsweisen
(Laternenumzug, Kerzenanzünden usw.), der zweckfrei erlebt werden kann, "weil es schön ist, weil es Spaß
macht". Feste geben dem Kind Möglichkeiten, Phantasie und Kreativität einzubringen und in vielfältigen
Handlungsformen (Spielen, Singen, Darstellen) auszudrücken. Wenn es keine Feste gäbe, müßten sie um
der Kinder willen erfunden werden.
Die religiöse Ausrichtung vieler Feste schafft aber auch die Möglichkeit, von der jeweiligen Festlegende her
religiöse Grunderfahrungen anzusprechen. Beim Weihnachtsfest z. B. kann man Kinder auf die symbolhafte
Bedeutung des Kerzenlichtes hinweisen: Da, wo es unter Menschen dunkel ist, wird es hell. Oder auf die
Bedeutung von Geschenk und Gabe: Weil wir uns freuen, daß Jesus geboren ist, möchten wir anderen
Freude machen.
2. Dem Kind biblische Geschichten erzählen.
Seit jeher werden biblische Geschichten dazu benutzt, um Kinder in den christlichen Glauben einzuführen.
Auf den ersten Blick erscheinen diese Geschichten als gut geeignet, da sie den Kindern spannend erzählt
werden können und die Kinder zum Nachdenken über sich selbst anleiten können. Dennoch gibt es
Bedenken und Einwände gegen ein unreflektiertes Erzählen von biblischen Geschichten im Vorschulalter.
Viele dieser Geschichten können den Kindern in diesem Alter noch nicht erschlossen werden. Dazu gehören
vor allem mythologisch geprägte Erzählungen, z. B. die Schöpfungsberichte. Es ist zu befürchten, daß das
Erzählen dieser Geschichten zu Mißverständnissen führt, die später nur schwer aufzuarbeiten sind (z.B.
Adam und Eva = die ersten Menschen; Jesus als Magier und Zauberer).
Am besten geeignet sind wohl die Geschichten der Evangelien, die davon berichten, wie Jesus sich den
Menschen liebevoll zuwendet, wie er sich der Ausgestoßenen und Schuldiggewordenen und Kranken
annimmt und sie zum Leben ermutigt. Gegen ihre Ängste und Einengungen können die Jesus-Geschichten
den Kindern Hoffnung, Vertrauen und Mut zum Leben vermitteln.
3. Dem Kind Fragen beantworten, mit ihm nachdenken.
Einem Kind, das beginnt, sich in seiner Umwelt zurechtzufinden, ist nichts selbstverständlich. Fast alle
Kinder haben von einem bestimmten Alter an deshalb Freude am Fragen. Kinder fragen bald nach Gott und
der Welt.-im wortwörtlichen Sinn. Sie denken nach über Himmel und Erde, Anfang und Ende, über ihre
eigene Herkunft, ihre Zukunft und über den Tod. Wichtig für die Persönlichkeitsentfaltung des Kindes ist es,
wie Eltern auf das Fragen reagieren. Eltern sollten alles tun, um die Neugier der Kinder wachzuhalten. Dazu
gehört, daß sie den Kinder zeigen, daß sie selbst fragende, nachdenkende Menschen sind und an allen
wesentlichen Fragen selbst auch interessiert sind. Eltern sollten Kindern gegenüber ruhig zugeben, daß sie
auch nicht alles wissen und selbst auch Zweifel haben. Das bezieht sich auch und gerade auf religiöse
Fragen, etwa nach der Existenz oder dem "Aussehen" Gottes. Eltern sollten es vermeiden, verniedlichende
oder zu sehr vermenschlichende oder gar ängstigende Bilder von Gott vor den Kindern entstehen zu lassen.
Es gibt die Erfahrung, daß Kinder selbst gern in Vergleichen und Geschichten von Gott sprechen. Eltern
können daran anknüpfen und Kindern von Jesus erzählen, an dessen Leben deutlich wird, wer und wie Gott
ist.
Es versteht sich von selbst, daß man dem Kind nichts glauben machen soll, von dem man selbst nicht
überzeugt ist.
RU-Wissen und Meinung ­ Familie
Die Bedeutung der Familie
1. Das Kindesalter ist für die Entwicklung des Menschen, für sein Hineinwachsen in die Gesellschaft
(Sozialisation) und für seine Einstellungen zum Mitmenschen und auch zu Gott von grundlegender
Bedeutung. Darum ist die Art und Weise, wie ein Mensch in seiner Kindheit die Familie erfährt,
entscheidend für sein ganzes späteres Leben mit allen persönlichen, sozialen und beruflichen
Entwicklungen. Die Familie bietet dem Kind ein System von Bezugspersonen, in dem es soziales,
mitmenschliches Verhalten kennenlernen und einüben kann. In der Familie kann das Kind am besten
lernen, seine Grenzen zu erkennen, mit Enttäuschungen und Ängsten zu leben und fertig zu werden. Es
kann erfahren, daß es von anderen begleitet und getragen und auch bei Kummer und Versagen getröstet
und geliebt wird. Auch die Geschlechtsidentität wird dem Kleinkind durch das Verhalten von Mutter und
Vater und deren Rollenverständnis in der Familienatmosphäre eingeprägt.
2. Allerdings besteht kein Grund, das Zusammenleben in der Familie damals und heute zu idealisieren. Die
Familie war und ist nicht selten der Ort für Streit, Gewalt, Unterdrückung, Grausamkeit und Brutalität, meist
auch an den schwächsten Gliedern der Familie, den Kindern. Kinder leiden unter dem Streit ihrer Eltern,
besonders wenn diese sich scheiden lassen.
3. In der Vergangenheit verteilte sich die Verantwortung für die jüngere Generation auf alle im
Familienverband lebenden Erwachsenen. Das Leben spielte sich meist innerhalb einer Großfamilie ab.
Neben den Eltern und Großeltern waren deren unverheiratete Geschwister wichtige Partner für das
Hineinwachsen der Kinder in die Gesellschaft.
4. Heute erleben wir den vielbeklagten Verfall der Familie, das schnelle Auseinanderwachsen zwischen
Eltern und Kindern, die Auflösung der Ehe in eheähnliche Partnerschaft ohne Trauschein. Viele
gesellschaftliche Probleme werden auf das Zerbrechen der Familien-Struktur zurückgeführt. Wären die
Familien intakt, würde es nicht soviele verwahrloste, drogenabhängige und sich prostituierende Kinder und
Jugendliche geben.
5. Etwa 50% aller Kinder wachsen in einer sogenannten Ein-Kind-Familie auf, haben also keine
Geschwister. Einzelkinder, deren Eltern bereits Einzelkinder waren, haben weder Tanten oder Onkel noch
Cousinen oder Cousins. Dieser häufiger gewordene Familientyp der Kleinfamilie ohne feste Kontakte über
die eigene Familie hinaus, leidet nicht selten an ihrer Situation, an der Verarmung sozialer Kontakte.
6. In der Bundesrepublik gibt es 1,7 Millionen Kinder, die in sogenannten Ein-Eltern-Familien leben. Die
Zahl der Alleinerzieher nimmt aufgrund der ständig ansteigenden Scheidungsrate nach wie vor zu.
Inzwischen sind 11,4% aller deutschen Familien Ein-Eltern-Familien. Heute wächst also gut jedes zehnte
Kind bei nur einem Elternteil auf. Diese Teilfamilien haben oft große Schwierigkeiten bei der Bewältigung
ihrer Aufgaben. Fast alle Alleinerziehenden, besonders die Mütter, haben wirtschaftliche und finazielle
Probleme. Ca. 75% aller Familien, die Sozialhilfe beziehen, sind Ein-Eltern-Familien. Aufgrund ihrer
wirtschaftlichen Situation haben viele alleinerziehende Mütter gar keine andere Wahl, als arbeiten zu
gehen. Viele Frauen haben aber keine qualifizierte Berufsausbildung. Dazu kommen Probleme bei der
Unterbringung und Versorgung der Kinder. Mangelnde soziale Kontakte und daraus entstehende psychische
Belastungen für Kind und Mutter sind die Folge.
7. Daß nach dem Urteil vieler Soziologen die Familie heute ihre wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben nicht
mehr wahrnimmt, darf nicht den Frauen bzw. Müttern angelastet werden. Die Lösung dieses Problems kann
nur in veränderten Formen des Zusammenlebens von Mann und Frau mit ihren Kindern in der Familie und
ihrer sozialen Umwelt gefunden werden. Ein gesellschaftliches Umdenken ist notwendig. Die Familie muß
wegen ihres Wertes und ihrer Bedeutung für Kinder und Eltern und alte Menschen in jeder Beziehung
gefördert werden.
RU-Wissen und Meinung ­ Familie
Ehe
1. Soziologisch
Die Ehe ist in allen Kulturen, wenn auch in unterschiedlicher Form, verbreitet. Ehe gibt es in Gestalt der
Polygamie (Vielehe: ein Mann, mehrere Frauen), Polyandrie (eine Frau, mehrere Männer) oder der
Monogamie (Einehe). In allen Gesellschaftsordnungen ist die Ehe in irgendeiner Weise rechtlich geschützt.
Das Verständnis von Ehe und ihre Bedeutung unterliegen dem gesellschaftlichen und kulturellen Wandel. In
vielen Kulturen werden Ehen aufgrund eines Vertrages zwischen zwei Familien geschlossen. Nicht die
persönlichen, gegenseitigen Empfindungen der Eheleute stehen dabei im Vordergrund, sondern die meist
wirtschaftlichen Interessen der betroffenen Familien. Ehe kann auch verstanden werden als eine Liebes-,
und Glücks- und Schicksalsgemeinschaft zweier Menschen allein. Diese "romantische" Auffassung von Ehe
entstand im 19. Jahrhundert und fand vor allem in der westlich geprägten Kultur Verbreitung.
2. Rechtlich
Die Ehe als öffentlich-rechtliche Institution wird in Deutschland wie in vielen anderen Ländern vor dem
Standesbeamten geschlossen. Die Ehe steht unter besonderem Schutz des staatlichen Gesetzes. Der Staat
stützt den Erhalt der Ehe durch besondere Maßnahmen (meist finanzieller Art), und ihre Auflösung kann nur
unter besonderen Bedingungen geschehen. Die Ehe gehört zu den wesentlichen Grundlagen unserer
Gesellschaft, weil sie dazu beiträgt, daß die Gesellschaft lebensfähig und menschlich bleibt.
3. Biblisch/Theologisch
Die Ehe gehört nach biblisch/theologischem Verständnis zur Schöpfungsordnung Gottes. Sie ist die von
Gott eingesetzte ganzheitliche Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau und damit nicht bloß eine
kulturelle "Erfindung" des Menschen. Mann und Frau sind von Gott füreinander geschaffen. ("Es ist nicht
gut, daß der Mensch allein sei"). Die Ehe wird verstanden als eine gute Gabe Gottes, die dem Menschen
zur Bewältigung seines Lebens dienen soll. Mit der Ehe nehmen Mann und Frau auch teil an Gottes
Schöpfung, wenn aus ihrer Verbindung neues Leben hervorgeht. Nach biblischem Verständnis ist die Ehe
ihrem Wesen nach auf Lebenszeit angelegt.
4. Ehe als Chance
Die Ehe ist eine sinnvolle Ordnung. Sie bietet eine gute Voraussetzung dafür, daß Mann und Frau zu einem
partnerschaftlichen, sinnerfüllten Leben finden. Zur Ehe gehören Liebe, Geschlechtlichkeit, der Wunsch
nach Kindern, gegenseitige Treue, Verantwortung füreinander und die Bewältigung gemeinsamer Aufgaben.
Weil die Ehe auf Dauer und Treue angelegt ist, schenkt sie den Partnern Sicherheit und Geborgenheit. In
dieser Lebensform können Mann und Frau am besten ihrer Liebe und ihrer Sexualität einen Halt geben.
Eine dauerhafte Ehe ist zugleich die beste Voraussetzung für eine gelingende Familie.
5. Ehe als Risiko
Es gibt keine Garantie für das Gelingen einer Ehe. Sie kann unter Umständen zu einer großen Belastung für
einen oder auch für beide Partner werden. Gefahr droht einer Ehe durch egoistisches Verhalten der Partner;
Vertrauensbruch und Treuebruch durch einen der Partner; übermäßige Berufsbelastungen; sich
unterschiedlich entwickelnde Interessen; fehlende Kompromiß- und Vergebungsbereitschaft; Streit um Geld
und Kindererziehung; Alkoholismus; Kinderlosigkeit.
6. Eheähnliche Partnerschaften
Die Ehe wird in zunehmendem Maße als Risiko angesehen und erfahren. Immer mehr Menschen ziehen
eine mehr unverbindliche, eheähnliche Partnerschaft der Ehe vor. Darin kommt der Wunsch zum Ausdruck,
in einer Partnerschaft zuerst Erfahrungen zu sammeln, bevor man eine feste Bindung eingeht. Bei manchen
Paaren besteht auch die Befürchtung, die partnerschaftliche Liebe könne durch die Zwänge einer staatlich
geregelten und geschützten Ehe eher gefährdet als gefördert werden.
RU-Wissen und Meinung ­ Familie
Die Frau in Gesellschaft und Familie (I)
1. Die Vorstellungen über das "Wesen" von Mann und Frau, über ihre Eigenschaften und ihre
unterschiedlichen Bestimmungen, waren immer dem geschichtlichen und kulturellen Wandel unterworfen.
Die konservative, traditionelle Sicht sieht Mann und Frau als Gegenpole menschlicher Eigenschaften.
Danach ist die Frau wesensmäßig "personbezogen", beziehungsorientiert, während der Mann
"sachbezogen", d.h. mit technisch-ökonomischer Rationalität begabt sei. Zum Wesen der Frau gehöre das
Gefühl, die Innerlichkeit, die Schönheit. Ihre Aufgabe sei das Bewahren und Pflegen, wie es ihrer
biologischen Bestimmung als Mutter entspreche. Der Bereich des Mannes dagegen sei das Forschen, das
schöpferische Gestalten der Welt, das Herrschen. Daraus wird die Folgerung gezogen, daß die Frau dem
Manne wesensmäßig untergeordnet sei.
2. Begründet und untermauert wurde (und wird) diese Unterschiedlichkeit der Geschlechter und ihrer
gesellschaftlichen Rollen auch mit religiösen Argumenten. Im christlichen Bereich wird dazu der
Schöpfungsbericht herangezogen. In ihm wird erzählt, wie Gott zunächst den Mann und danach die Frau
geschaffen habe. Die Vorrangstellung des Mannes gegenüber der Frau sei ein Teil der Schöpfungsordnung
Gottes. Hingewiesen wird auch auf einige Texte im Neuen Testament, besonders in den Paulusbriefen, in
denen die Unterordnung der Frau unter den Mann festgeschrieben ist. Es ist heute jedoch theologisch
umstritten, ob die betreffenden biblischen Texte in dieser Weise ausgelegt werden dürfen und ob bzw.
inwieweit sie für die gesellschaftliche und familiäre Gestaltung des Verhältnisses von Mann und Frau in der
heutigen Zeit noch verbindlich sind.
3. Die meisten islamischen Gesellschaften beruhen auf einer strikten, religiös begründeten patriarchalischen
Ordnung, die auf ein ausdrückliches Gebot Gottes zurückgeführt wird. Mann und Frau haben zwar den
gleichen Rang vor Gott, sind mit derselben Würde geschaffen und haben die gleichen Lebensrechte. In der
gesellschaftlichen Ordnung jedoch hat Gott ihnen unterschiedliche Rechte und Pflichten gegeben, die den
Lebensbereich der Frauen wesentlich auf das Haus beschränken.
4. Gegen diese konservative Verteilung der Geschlechterrollen kann gesagt werden: Erkenntnisse der
Tiefenpsychologie zeigen, daß vom unterschiedlichen Wesen von Mann und Frau nicht in einer absoluten
Gegensätzlichkeit gesprochen werden kann. In jedem Menschen ist "Weibliches" und "Männliches" vereint,
das in Harmonie miteinander gebracht werden kann und muß. Ein Mann ist zur Erziehung von Kindern und
zur Arbeit im Haushalt ebenso geeignet wie die Frau, und die Frau kann im Beruf ebenso erfolgreich und
durchsetzungsfähig sein wie der Mann.
5. Deshalb die feministische These: "Wir werden nicht als Mädchen geboren - wir werden dazu gemacht!"
Das heißt: Kinder werden in unserer Gesellschaft (und auch in anderen) schon unmittelbar nach der Geburt
in eine Geschlechterrolle gedrängt, die keineswegs biologisch vorgegeben ist. Dieser Prozeß bedeutet für
beide Geschlechter eine fatale Einengung. Dabei werden die Mädchen noch stärker als die Jungen in ihren
potentiellen Fähigkeiten beschränkt.
6. Eine vernünftige Gestaltung des Geschlechterverhältnisses wird davon ausgehen müssen, daß es
durchaus spezifisch männliche und weibliche Verhaltens- und Denkweisen gibt, (die aber nicht absolut und
exklusiv männlich bzw. weiblich sind). Vielen Frauen ist es wichtig geworden, eigene Fähigkeiten und damit
spezifisch weibliche Handlungsweisen in eine (noch) von Männern dominierte Welt einzubringen und sie im
Sinne von mehr Menschlichkeit und Fürsorge für alles Leben zu verändern.
RU-Wissen und Meinung ­ Familie
Die Frau in Gesellschaft und Familie (II)
1. In vielen Gesellschaften hat so man versucht, aus der Unterschiedlich-keit von Mann und Frau
unterschiedliche Rechte abzuleiten. Bis vor wenigen Jahrzehnten waren die europäischen Gesellschaften
eindeutig patriarchalisch (männlich) geprägt. Frauen besaßen z. B. kein Wahlrecht und hatten keinen
Zugang zu den weiterführenden Bildungseinrichtungen. Ihnen waren zwar "Kinder, Küche und Kirche" als
Zuständigkeitsbereiche zugewiesen. Aber bis in die sechziger-Jahre hinein konnte keine Frau in
Deutschland "Haushaltsvorstand" sein.
2. In heutiger Zeit vollzieht sich ein weitreichender Wandel des Verhältnisses von Mann und Frau in Familie
und Gesellschaft. Die Trennung der Geschlechterrollen, nach der dem Mann die Verantwortung für die
"Welt draußen" und der Frau der Bereich des Hauses und der Familie zugeschrieben wurde, wird von
immer weniger Frauen akzeptiert. Es setzt sich die Erkenntnis durch, daß Männer und Frauen in allen
Bereichen des Lebens zusammengehören. Nicht zuletzt durch das Wirken der Frauenbewegung ist die
Gleichberechtigung von Mann und Frau in den meisten europäischen Staatsverfassungen festgeschrieben.
Frauen entwickeln ein neues Selbstbewußtsein und fordern über die erreichte gesetzliche Gleichstellung
hinaus auch ihre volle gesellschaftliche Integration und Anerkennung.
3. Die Gleichberechtigung der Frau ist jedoch noch nirgends, auch nicht in Deutschland, verwirklicht. Frauen
haben es schwer, in einer Gesellschaft, die durch jahrhundertelange männliche Vorherrschaft geprägt ist,
ihren Platz zu finden. In den politischen Gremien, in Vereinsführungen, in den Leitungsorganen von
Industrie und Wirtschaft sind die Frauen zahlenmäßig unterrepräsentiert. Als erste und am stärksten sind sie
von Arbeitslosigkeit betroffen.
4. Für viele Ehepaare ist es selbstverständlich geworden, daß Mann und Frau einer Berufstätigkeit
nachgehen. Besonders für die Frauen bedeutet das aber meist eine große Belastung in ihrer Rolle als
Mutter und Hausfrau. Daß viele Frauen trotzdem an ihrer beruflichen Tätigkeit festhalten, kann die
unterschiedlichsten Gründe haben:
·
Gerade in der jungen Ehe fehlt noch vieles, und die Frau möchte zu den nötigen Anschaffungen ihren
Beitrag leisten. Bei vielen Familienmüttern ist auch heute eine volle oder teilweise Berufstätigkeit eine
wirtschaftliche Notwendigkeit.
·
Viele Frauen heute wollen sich nicht mehr auf ihre Hausfrauen- und Mutterrolle festlegen lassen. Eine
Nur-Hausfrau muß weithin auf die mit dem Berufsleben verbundenen menschlichen Beziehungen und
sachlichen Anregungen verzichten. Manche Frauen, für die die menschlichen Beziehungen im Beruf ein
wichtiger Teil ihres Lebens geworden sind, fühlen sich als Hausfrau vom öffentlichen Leben
abgeschnitten.
·
Eine Mutter, die ihrer kleinen Kinder wegen eine Zeitlang auf eine Tätigkeit in ihrem erlernten Beruf
verzichtet, muß bei der heutigen Arbeitslage und den sich schnell verändernden Anforderungen und
Arbeitsbedingungen befürchten, eine Wiedereingliederung ins Berufsleben gar nicht mehr zu erreichen.
RU-Wissen und Meinung ­ Familie
Alte Menschen in unserer Gesellschaft (I)
1. Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaften, moderne Lebenshygiene, Erleichterungen im
Arbeitsprozeß und anderes mehr haben bewirkt, daß der Mensch heute länger lebt als vor hundert Jahren.
Wir können, weil wir in diesem Jahrhundert leben, etwa 25 Jahre Lebenszeit mehr erwarten als unsere
Vorfahren. Die Frage ist, ob sich das lohnt. Nicht die schönen, aufsteigenden Lebensjahre vermehren sich,
sondern die absteigenden, mühsamer werdenden, die von Krankheit, nachlassender Körper- und
Geisteskraft geprägt sind. Viele alte Menschen können nicht mehr richtig hören und sehen. Mit der
Schwerhörigkeit ist oft eine Neigung zum Mißtrauen verbunden. Die Reaktionsfähigkeit, die Auffassungs-
und Gedächtniskraft sind bei alten Menschen oft herabgesetzt. Nicht wenige, auch noch junge Menschen
fürchten sich deswegen vor dem Altwerden.
2. Wir erleben heute eine zunehmende Abwertung des Alters. Sie ist nur die Kehrseite des "Jugendkultes",
wie er bei uns heute betrieben wird. Wir leben in einer Zeit, die die leiblichen, physischen Werte (Fitness,
Dynamik, Schönheit, Jugendlichkeit) überbewertet. In unserer leistungsorientierten Industriegesellschaft, die
den Wert des Menschen nach seinem Nutzen mißt, besteht die Gefahr, daß alte Menschen an den
gesellschaftlichen Rand und in die Isolation geraten. In der Bundesrepublik hat man das erkannt. Der Staat
und viele karitative Organisationen bemühen sich, die Lage der alten Menschen zu verbessern, ihre
wirtschaftliche Selbständigkeit zu sichern, ein gutes Wohnen, auch im Heim, zu garantieren und eine gute
Pflege bereitzustellen. Mit Recht sind ältere Menschen -die Gruppe der Senioren- heute als bedeutender
wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Faktor im Bewußtsein. Neben den Altentagesstätten und
Seniorenclubs mit ihren Angeboten von Bildungsarbeit, Gymnastik und Geselligkeit stehen
Seniorenprogramme von Kurorten, touristische Angebote und Initiativen wie die "Grauen Panther", die die
Belange älterer Menschen vertreten.
3. Daß es im Alter dennoch viel Unzufriedenheit gibt, hängt damit zusammen, daß es noch nicht gelungen
ist, den alten Menschen in das Zusammenleben in unserer modernen Gesellschaft richtig einzuordnen.
Früher lebten die alten Menschen inmitten der Familie, wo sie ihren festen Platz hatten. Die Familie barg
normalerweise drei Generationen in sich, und es waren die Alten, die sich um die Enkel kümmerten, sie
versorgten und ihnen von alten Zeiten erzählten. Die meist zu kleinen Wohnungen, die starke
Beanspruchung junger Leute durch ihren Beruf und die Verständigungsschwierigkeiten zwischen den
Generationen bringen es mit sich, daß heute ein friedliches Zusammenleben von verschiedenen
Generationen innerhalb einer Familie nicht möglich scheint.
4. Für die Entwicklung einer Gesellschaft ist es wichtig, daß der Anteil junger und alter Menschen in einem
natürlichen Verhältnis zueinander steht. Das Idealmodell einer Gesellschaft gleicht einer Pyramide, die von
einem breiten Fundament jüngerer Menschen getragen wird. In der Bundesrepublik ist dieses Verhältnis
gestört, seitdem die Geburtenrate drastisch gefallen ist und Deutschland sich damit ziemlich am Ende der
Länderskala befindet. Der Generationenvertrag, nach dem die jüngere Bevölkerung für die älteren
Menschen die Renten verdient und deren Lebensunterhalt sichert, scheint stark gefährdet. In dieser Hinsicht
ist es gut, daß z.Zt. Aussiedlerfamilien mit einer meist höheren Zahl von Kindern in die Bundesrepublik
übersiedeln.
RU-Wissen und Meinung ­ Familie
Alte Menschen in unserer Gesellschaft (II)
1. Die Pensionierung hat nicht selten eine schwere Belastung zur Folge. Mit 60 oder 65 Jahren ist kaum
jemand wirklich alt. (Man muß aber auch bedenken, daß viele Menschen schon vor dem
Pensionierungsalter, bedingt durch den Arbeitsprozeß, körperlich verbraucht sind und vorzeitg in den
Ruhestand müssen). Durch den verordneten Ruhestand kann es dazu kommen, daß vorhandene Gaben
und Kräfte, die nicht angewendet werden, verkümmern. Es stellt sich das Gefühl ein, überflüssig zu sein
und nicht mehr gebraucht zu werden. Am Ende der Berufslaufbahn verliert der Mensch auch den Kontakt zu
seinen ehemaligen Kollegen. Er wird einsam, ja häufig geradezu isoliert. Dabei gibt es auch viele
Erfahrungen, die zeigen, daß auch alte Menschen selbständig, flexibel und lernfähig bleiben können.
2. Vor einer schwierigen die Frage steht der alte Mensch bei der Entscheidung, wann und ob er in ein
Altenheim gehen soll. Viele, auch alleinstehende Männer, haben ihre Wohnung behalten. Das ist gut. Sie
bleiben in ihrer alten Umgebung, und täglich wird von ihnen Selbständigkeit gefordert. Aber es hat auch
seine Probleme. Die Bekannten sterben, die Verwandten wohnen nicht in der Nähe, die Nachbarn nehmen
sie kaum zur Kenntnis. Diese Isolierung bleibt nicht ohne Rückwirkung auf den betreffenden Menschen und
birgt eine akute Gefahr, wenn unbemerkt eine schwere Krankheit eintritt. So häufen sich in letzter Zeit die
Berichte von alten Menschen, die tage-, ja wochenlang von den Nachbarn unbemerkt tot in ihrer Wohnung
gelegen haben.
3. Eine heute oft genutzte Möglichkeit zur Hilfe bietet die häuslich Betreuung durch einen karitativen Dienst:
regelmäßiger Besuch durch die Gemeindeschwester; Essen auf Rädern usw. Doch für viele alte Menschen
bleibt schließlich nur der Umzug in ein Altenheim. Die Entscheidung dazu sollte nach Möglichkeit zu einem
Zeitpunkt erfolgen, zu dem der alte Mensch noch beweglich ist, um sich eingewöhnen, mit anderen
gemeinsam essen und Kontakte aufnehmen zu können. Die Unterbringung in einem Altenheim ist allerdings
recht teuer. Die Renten der meisten alten Menschen sind so niedrig, daß davon ihre Unterbringung nicht
finanziert werden kann. In diesem Fall sind die Träger der öffentlichen Sozialhilfe verpflichtet, die nicht
abgedeckten Kosten zu übernehmen. Das verbleibende Taschengeld ist dann so gering, daß der
betreffende alte Mensch in ein Gefühl der Angewiesenheit und Abhängigkeit gerät.
4. Jeder Mensch ist gut beraten, wenn er rechtzeitig die richtige Einstellung zu seinem eigenen Altwerden
gewinnt. Das Alter sollte nicht als ein grausames Schicksal angesehen werden, sondern als eine natürliche
Lebensordnung, der jeder von Geburt an unterworfen ist. Das Alter hat, wie jede andere Lebensphase auch,
seine speziellen Aufgaben und Chancen, die es zu nutzen gilt.
5. Einem Menschen jenseits der Pensionierungsgrenze kann man raten:
·
einem Hobby nachzugehen und sich geistig fit zu halten;
·
sich z.B. ehrenamtlich im sozialen Bereich zu betätigen, wenn die Kräfte es erlauben;
·
Kontakt auch mit jungen Menschen zu suchen;
·
Als eine gute Idee hat sich der Vorschlag erwiesen, das Know-How älterer, pensionierter Menschen für
den Entwicklungsdienst zu nutzen (Einsatz als Berater in Wirtschaft, Landwirtschaft und Industrie in den
Entwicklungsländern).
RU-Wissen und Meinung ­ Frieden
Kriege: Geschichtlicher Überblick
Die Geschichte der Menschheit ist, soweit man historisch zurückblicken kann, geprägt von kriegerischen
Auseinandersetzungen. Die Zahl der kleineren und größeren Kriege zwischen den Völkern im christlichen
Europa und die Zahl der in diesen Kriegen getöteten Menschen ist fast unüberschaubar. Allein im Zeitraum
von 1800 bis 1990 waren es 112 Kriege! Unermeßliche Leiden und materielle Schäden wurden verursacht.
In folgende Kriege der Neuzeit mit weltpolitischen Auswirkungen waren die Völker Europas aktiv oder
passiv verwickelt:
1096 bis 1291: Sieben Kreuzzüge: Ziel dieser verlustreichen und letztlich ergebnislosen Kriege war die
Rückeroberung der von den Moslems (ca. 640 n. Chr.) eroberten Gebiete des Heiligen Landes (Jerusalem).
16.-20. Jahrhundert: Unzählige koloniale Eroberungskriege der europäischen Völker gegen Völker in Afrika,
Asien, Amerika,
1618 bis 1648: Dreißigjähriger Krieg: Auseinandersetzung zwischen den evangelischen und den
katholischen Staaten Europas. Fast die Hälfte der in Mitteleuropa lebenden Bevölkerung wird getötet.
1740 bis 1763: Drei "Schlesische Kriege" Friedrichs d. Gr. (Preußen) gegen Österreich, Rußland, Frankreich
und England (Eroberung Schlesiens durch Preußen).
1796 bis 1815: Eroberungskriege Napoleons gegen fast alle europäischen Staaten; sie enden mit der
totalen Niederlage Napoleons in der Schlacht beim Waterloo.
1870 bis 1971: Deutsch-Französischer Krieg: Ursache waren eingewurzelte Haßgefühle der Völker
gegeneinander und Rivalitäten ihrer Regierungen um die politische und wirtschaftliche Vormachtstellung in
Mitteleuropa.
1914 bis 1918: 1. Weltkrieg: Die Ursachen des 1. WK sind in einem übersteisteigerten Nationalismus und
Vorherrschaftsbestrebungen der großen Nationen zu suchen. Zum ersten Mal werden moderne
Massenvernichtungswaffen eingesetzt: Flugzeuge, Panzer, U-Boote, Bomben und Giftgas. Über 12
Millionen Tote in der ganzen Welt waren die Folge.
1939 bis 1945: 2. Weltkrieg: Ausgelöst wird der 2. WK durch den von Hitler befohlenen Überfall deutscher
Truppen auf Polen am 1. 9. 1939. Der Krieg endete in Europa mit der Kapitulation Deutschlands am
8.5.1945, in Japan mit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945.
Während des 2. WK wurden 16 Millionen Soldaten, davon 13 Millionen sowjetische getötet. Dazu kommen
30 bis 40 Millionen tote Zivilisten durch Luftangriffe, Partisanenkampf, Flucht und Vertreibung.
Zwischen 1950 und 1970: Sog. Befreiungskriege gegen die Kolonialen Mächte (vor allem England und
Frankreich und Portugal) in Indien, Algerien, Vietnam, Mozambique, Angola.
1950 bis 1953: Koreakrieg, ausgelöst durch den Einmarsch kommunistischer Truppen in den Süden Koreas.
Eingreifen der USA, später Chinas in den Krieg. Teilung Koreas in Süd- und Nordkorea
1948, 1956, 1967 und 1973: Kriege zwischen Israel und den arabischen Staaten.
1979 bis 1990: Krieg der Sowjetunion gegen Afghanistan
1991: Golfkrieg; multinationale Truppen unter Führung der USA zwingen den Irak zum Rückzug aus Kuwait.
Seit 1990: Regional begrenzte Kriege im ehemaligen, zerfallenen kommunistisch-sowjetischen
Machtbereich: Georgien, Aserbaidschan, Armenien, Jugoslawien (Serbien, Kroatien, Bosnien).
RU-Wissen und Meinung ­ Frieden
Kriege: Ursachen und Motive
1. Geschichts- und Friedensforschung haben versucht, Kriege nach dem Gesichtspunkt ihrer Ursachen und
der Ziele der Beteiligten zu klassifizieren. Diese Bemühungen, vor allem die der Friedensforschung, sollen
helfen, Kriege in Zukunft zu vermeiden und Entwicklungen zu steuern und aufzuhalten, die zum Ausbruch
von Kriegen führen könnten.
2. An erster Stelle der Kriegsursachen sind nationalistische Machtinteressen, territoriale Eroberungsgelüste
und Weltmachtstreben zu nennen. Sie waren im wesentlichen die Ursache für die 2 großen Weltkriege in
diesem Jahrhundert.
3. Nicht wenige große Eroberungskriege waren religiös motiviert. Zu nennen sind die Eroberungszüge in der
Zeit der Entstehung des Islam, als im 7. Jahrhundert n. Chr. der Vordere Orient, Nordafrika und Spanien
von den Arabern erobert wurden. Als Reaktion darauf folgten zwischen 1096 und 1293 die Kreuzzüge, durch
die die Heere des christlichen Abendlandes das "Heilige Land" zurückerobern wollten. Als Religionskrieg
zwischen Evangelischen und Katholischen begann der 30-jährige Krieg (1618-1648), in dessen Verlauf
Europa weitgehend verwüstet wurde. Auch die jahrzehntelangen kriegerischen Auseinandersetzungen in
Nordirland zwischen Evangelischen und Katholischen sind religiös mitbedingt.
Bei diesen "Religionskriegen" ist allerdings festzustellen, daß es letztlich doch nicht (allein) um die Religion
und den wahren Glauben ging, sondern meist um politische und wirtschaftliche Machtinteressen.
Vorgeschobene religiöse Motive spielten eine demagogische und propagandistische Rolle auf Seiten derer,
die politisch an solchem Krieg interessiert waren.
4. Eine große Kriegsgefahr geht von den Interessen unterschiedlicher politischer Systeme und Ideologien
aus. Ideologisch und machtpolitisch bedingt waren die Kriege zwischen Ländern des kommunistischen
Machtblocks und Ländern der sog. "freien Welt", z.B der Korea- und der Vienamkrieg.
5. Materielle Not, Unterdrückung ganzer Völker und eine ungerechte Verteilung der Güter dieser Erde
zwischen Süd und Nord könnten in Zukunft die Ursache für weltweite kriegerische Auseinandersetzungen
werden. Wie der Golfkrieg gezeigt hat, ist der Weltfriede auch durch Auseinandersetzungen um den
gesicherten Zugang zu den Energie- und Rohstoffquellen dieser Erde gefährdet.
6. Unzählige "Bürgerkriege" wurden ausgelöst durch religiöse, soziale oder stammesbedingte Spannungen
innerhalb der Bevölkerung eines einzelnen Landes. Bürgerkriege in Europa fanden unter anderen statt in:
Frankreich: 1789 bis 1794, sog. Französische Revolution
Russland: 1917-1921, russische kommunistische Revolution unter Lenin
Spanien: 1936-1939; ausgelöst durch einen Militärputsch des faschistischen Generals Franco. (An diesem
Bürgerkrieg waren auch deutsche Truppen beteiligt; die Stadt Guernica wurde von deutschen Flugzeugen
bombadiert).
7. Militärische Auseinandersetzungen werden heute durch die Interessen der Waffenproduzenten, der
Waffenverkäufer und -schieber unterstützt bzw. überhaupt erst möglich. Im Jahr 1990 wurden weltweit für
über 70 Milliarden Mark Waffen legal verkauft; die USA waren daran mit 44,8%, die Bundesrepublik mit ca.
10% beteiligt. In dieser Summme nicht enthalten sind die illegal verschobenen Waffen. Abnehmer sind
auch Länder der Dritten Welt, in denen die Menschen hungern und die sich diese Waffen eigentlich nicht
leisten können.
8. Die Geschichte der Menschheit ist im wesentlichen eine Geschichte der Kriege zwischen den Völkern.
Ungeklärt ist die Frage, ob dies auf eine aggressive Grundstruktur des Menschen zurückzuführen ist oder
ob einzelne Menschen und ganze Völker nur durch äußere Umstände veranlaßt werden, aggressiv zu
handeln. Muß man Kriege auch in Zukunft sozusagen als Naturereignis hinnehmen, oder ist der Friede
zwischen den Völkern planbar und machbar, indem man die notwendigen politischen und sozialen
Voraussetzungen schafft?
RU-Wissen und Meinung ­ Frieden
Krieg und Frieden (I)
1. Die innere Einstellung und Haltung der Menschen gegenüber dem Krieg reicht von seiner Verherrlichung
und bedenkenlosen Anwendung im Militarismus bis zur totalen Ablehnung und Ächtung im Pazifismus.
Beide Haltungen haben eine lange Geschichte und Tradition.
2. Militarismus und Kriegsverherrlichung gab es schon in der Antike. So schrieb der römische Schriftsteller
Vegetius (400 n. Chr.) in seiner "Anleitung zur Kriegswissenschaft":" Ein Staat, der ein wohlgeübtes
Kriegsheer unterhält, ist sicher, glücklich und hat Ehre. Kleiderpracht, Überfluß an Gold, Silber und Juwelen
sind es wahrlich nicht, die einem Staat Achtung oder Zuneigung seiner Feinde verschaffen. Waffengeklirr
hält ihn in Ehrfurcht." Ähnlich äußerte sich Friedrich der Große: "Ich liebe den Krieg um des Ruhmes
willen." Auch heute noch geht von Waffen und von Krieg eine seltsame Faszination aus. Kriegsfilme und
Spielzeugwaffen erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit, vor allem bei Jungen und Männern.
3. Neben dieser mehr gefühlsmäßigen, oft unkritischen Haltung gegenüber Waffen und Krieg ist der
Militarismus im politischen Bereich folgendemaßen charakterisiert:
·
durch die hohe Akzeptanz von Krieg und Gewalt als DrohMittel der Politik.
·
durch die hohe Bereitschaft, das Leben von Soldaten und Zivilbevölkerung aufs Spiel zu setzen und
ihren Tod einzukalkulieren.
·
durch die Neigung, der militärischen Stärke des Landes den Vorrang vor allen anderen Interessen und
Aufgaben, besonders den sozialen, zu geben.
·
durch die Verharmlosung von Tod und Vernichtung als Kriegsfolgen, Verherrlichung des "Heldentodes"
·
durch Sonderstellung und Privilegien des Militärs innerhalb der Gesellschaft
4. Neben der militaristischen Verherrlichung des Krieges hat es immer eine Bereitschaft gegeben, den Krieg
sozusagen als naturgegeben hinzunehmen. Nicht selten wurde und wird er biologistisch gerechtfertigt:
Kampf und Krieg gehöre zu den Urformen des Lebens überhaupt. "Selbst die kleinsten Lebewesen im
Wassertropfen, nur im Mikroskop sichtbar, haben Angriffs- und Abwehrwaffen mitbekommen vom
Schöpfer." Der Mensch mache da keine Ausnahme in der Natur.
5. Obwohl der Begriff "Frieden (Shalom") in der Bibel eine zentrale Rolle spielt, findet sich doch nirgends
eine generelle Ablehnung des Krieges; ja es gibt sogar die Vorstellung eines Heiligen Krieges, den das Volk
auf Geheiß Jahwes zu führen hat zur Vernichtung der Feinde. Waffendienst leistet jeder waffenfähige
Israelit, und das Töten eines Feindes im Krieg wird in Israel nicht problematisiert. Das Gebot "Du sollst nicht
töten" verbietet den Mord. Es wurde in Israel nie auf den Waffendienst bezogen.
6. Nachdem das Christentum unter dem römischen Kaiser Konstantin offiziell als Staatsreligion anerkannt
worden war, mußten die Christen sich auch mit der Frage des staatlichen Machtgebrauchs
auseinandersetzen. Die Kirche sah den Staat als gottgegebene Ordnungsmacht, die in Gottes Auftrag den
Frieden herzustellen und zu sichern hat. Sie gestand dem Staat das Recht zu, seine Bürger zum
Soldatendienst heranzuziehen.
7. Dieser Standpunkt hat sich in vielen Kirchen bis in die neue Zeit hinein gehalten. Die Evangelische
Kirche in Deutschland ging auch während des Zweiten Weltkrieges nicht davon ab, als sie gegen den
nationalsozialistischen Staat Widerstand leistete. In These V. der Barmer Theologischen Erklärung von
1934 heißt es: "Die Bibel sagt uns, daß der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch
nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen
Vermögens unter Anordnung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen".
RU-Wissen und Meinung ­ Frieden
Krieg und Frieden (II)
1. Zu allen Zeiten haben Menschen ihrer Sehnsucht nach Frieden Ausdruck verliehen. Der Traum vom
ewigen Frieden, von der heilen Welt, in der der Mensch im Einklang mit sich selbst und der Natur lebt, ist
wohl so alt wie die Menschheit selbst, d. h. auch, solange es Kriege gibt.
Von dieser Friedenssehnsucht berichten schon Zeugnisse aus alter Zeit. Aus Israel stammt die noch heute
berühmte Friedensvision des Propheten Jesaja, der ca. 700 Jahre vor Christus lebte: "Da werden sie
Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk gegen das andere
das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen".
2. Frieden (hebräisch = shalom) spielt im Glauben des Volkes Israel eine große Rolle. Man grüßt sich in
Israel seit Alters mit dem Shalom-Gruß und meint damit das Wohlergehen im umfassenden Sinn, nicht nur
des einzelnen Menschen, sondern der ganzen Hausgemeinschaft. Shalom ist eigentlich kein Zustand,
sondern ein Prozeß, in dem immer neu beseitigt wird, was den Frieden bedroht und zerstört: Gewalt,
Unrecht, Armut und Feindschaft. In diesen Friedensprozeß ist auch das ganze Volk, ja sogar die ganze
Völkerwelt und auch die Tierwelt einbezogen. Wo der Shalom Einzug gehalten hat, lebt die ganze
Schöpfung im Einklang mit dem Schöpfer. Wo immer etwas von diesem Friedenprozeß sichtbar wird, ist
nach biblischem Verständnis Gott am Werk.
3. Von Jesus selbst ist kein Wort überliefert, in dem er sich grundsätzlich gegen den Krieg und den
Soldatenberuf ausspricht. Er rechnet vielmehr mit Kriegen; sie sind für ihn Anzeichen des nahen Weltendes
und der Katastrophe für Menschheit und Erde. Doch nimmt Jesus auf der anderen Seite die
alttestamentliche Friedenssehnsucht und den Glauben an den Shalom auf, als er in seiner "Bergpredigt" die
Friedensstifter selig preist. Auf Jesus, auf seine Friedenspredigt und seinen Aufruf zur Feindesliebe berufen
sich vor allem die sogenannten Friedenskirchen (Quäker, Mennoniten u.a. ). Sie vertreten die Lehre, daß
eine konsequente Nachfolge Jesu, der zur Feindesliebe aufgerufen hat, sich mit dem Töten von Menschen,
aus welchen Gründen auch immer, nicht vereinbaren läßt. Sie lehnen jegliche Rüstung und den
Militärdienst für sich radikal ab. Auch die Sekte der Zeugen Jehovas verbietet ihren Mitgliedern den
Wehrdienst (und auch den Zivildienst, weil sie den Staat als ein Werkzeug des Teufels insgesamt ablehnt).
4. Heute ist aus der Sehnsucht nach Frieden ein Zwang zum Frieden geworden. Vor allem die
Zerstörungskraft moderner Waffen zwingt die Regierungen aller Völker der Erde, eine vernünftige
Friedensordnung zu schaffen und nationale Interessen zurückzustellen, wenn die Menschheit als ganze
überleben soll. "Der Weltfriede ist Lebensbedingung des technischen Zeitalters; in diesem Sinne ist er
unvermeidlich. Denn das technische Zeitalter wird nur unter dieser Bedingung weiter bestehen, andernfalls
kommt es zu einem gewaltsamen Ende". (C. F. von Weizsäcker .) "Entweder wir schaffen den Krieg ab oder
der Krieg wird uns abschaffen". (John F. Kennedy).
5. Die Argumentation der radikalen Pazifisten und vieler Gruppen der sog. Friedensbewegung richtet sich
im besonderen gegen den Atomkrieg und gegen die atomare Bewaffnung. Sie gehen von der Barbarei
moderner Kriegsführung mit Massenvernichtungsmitteln aus. Nicht nur der Atomkrieg, sondern auch jede
Vorbereitung dazu ist abzulehnen. Besonders in den achtziger Jahren meldeten sich während der
Abrüstungsdiskussion zwischen Ost und West verschiedene, vielfach kirchlich orientierte Friedensgruppen
zu Wort. Bekannt geworden sind ihre (visionären und utopischen) schlagwortartigen Forderungen wie "Ohne
Rüstung leben", "Frieden schaffen ohne Waffen" oder die Vorstellung von der nicht-militärischen, "sozialen
Verteidigung" des Landes.
RU-Wissen und Meinung ­ Frieden
Krieg und Frieden (III)
1. Die meisten christlichen Kirchen haben sich in der Vergangenheit bei der ethischen Beurteilung des
Krieges auf die Lehre vom gerechten Krieg berufen, eine Lehre, die schon in Ansätzen von der Alten Kirche
entwickelt worden war. Sie besagt, daß ein Staat nur unter folgenden Bedingungen einen Krieg führen darf:
·
Der Krieg muß der Erhaltung oder Wiederherstellung einer gerechten Ordnung dienen.
·
Kriegsziel darf nicht die Vernichtung des Feindes, sondern nur eine bessere Friedensordnung sein.
·
Nur eine legitime Obrigkeit darf einen Krieg erklären.
·
Die Kriegsregeln müssen eingehalten werden. Insbesondere ist zwischen Kämpfenden und
Nichtkämpfenden zu unterscheiden.
·
Der im Krieg naturgemäß nicht vermeidbare Schaden darf den Wert der Güter, um die er geführt wird,
nicht überschreiten.
2. Auch Martin Luther vertrat die Lehre vom gerechten Krieg. In seiner Schrift "Ob Kriegsleute auch in
seligem Stand leben können" (1526) billigt Martin Luther nur den Krieg, den ein Fürst lediglich zur
Verteidigung seines Landes führt. In diesem Fall sind Christen verpflichtet, Kriegsdienst zu tun. Wenn aber
der Landesherr aus Machtgier, Raublust und Mutwillen einen Angriffskrieg führt, muß der christliche
Untertan den Kriegsdienst verweigern! Luther rät dem Soldaten, daß "er laufe, was er laufen kann aus dem
Felde, und lasse seinen rachgierigen, unsinnigen Fürsten allein Krieg führen mit denen, die mit ihm zum
Teufel fahren wollen." Kriege dürfen weder für geistliche Zwecke eingesetzt noch mit geistlichen
Argumenten gerechtfertigt werden.
3. Es darf nicht übersehen werden, daß die Lehre vom gerechten Krieg häufig mißbraucht wurde, um
Kriegsvorbereitungen und Kriege auch kirchlicherseits zu rechtfertigen. Im Rückblick ist zu fragen, ob es
überhaupt jemals einen nach den genannten Regeln "gerechten" Krieg gegeben hat.
4. In der evangelischen Kirche ist man sich heute weitgehend darüber einig, daß vom gerechten Krieg heute
nicht mehr gesprochen werden kann. Die ohnehin problematische Unterscheidung zwischen Angriffs- und
Verteidigungskrieg ist sinnlos geworden. Bei Anwendung der modernen Massenvernichtungsmittel (ABC-
Waffen) wird nicht nur die gesamte Zivilbevölkerung, sondern auch die ungeborene Nachkommenschaft
und die Natur in Mitleidenschaft gezogen. Und nicht nur die Vernichtung des Gegners, sondern der eigene
Selbstmord wird riskiert, ja das gesamte Leben auf der Erde wird bedroht. Unter diesen Voraussetzungen
kann man den modernen Krieg nicht mehr, wie früher einmal, als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln
verstehen und rechtfertigen. Ein solcher Krieg kann nur noch geächtet werden.
5. Auf dem Hintergrund der Möglichkeit der totalen Vernichtung der Menschheit durch die modernen Waffen
sind auch verschiedene Stellungnahmen der Kirchen zum Thema Frieden zu verstehen:
a. Bereits 1948 erklärte die 1. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in
Amsterdam: "Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Die Rolle, die der Krieg heute im internationalen
Leben spielt, ist Sünde gegen Gott und eine Entwürdigung des Menschen. ... Krieg bedeutet heute etwas
ganz anderes als früher. Wir haben jetzt den totalen Krieg."
b. Die 6. Vollversammlung des ÖRK in Vancouver 1983 nahm gegen die Atom- waffen Stellung: "Wie
glauben, daß für die Kirche die Zeit gekommen ist, klar und deutlich zu erklären, daß sowohl die Herstellung
und die Stationierung als auch der Einsatz von Atomwaffen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit
darstellen und daß ein solches Vorgehen aus ethischer und theologischer Sicht verurteilt werden muß".
c. Die Leitung des Reformierten Bundes erklärte 1982: Wir wollen ohne diese Waffen und diese Rüstung
leben. ... Dieses `Nein' ohne jedes `Ja' gilt uneingeschränkt nicht erst für die Anwendung, sondern schon für
den Besitz solcher Waffen."
RU-Wissen und Meinung ­ Frieden
Wehrdienst oder Zivildienst?
1. Das Recht, den Wehrdienst zu verweigern, ist in vielen Ländern der Welt eingeschränkt; in einigen ist die
Verweigerung fast oder gar nicht möglich. In der Bundesrepublik ist die "Kriegsdienstverweigerung aus
Gewissensgründen" ein verfassungsmäßiges Grundrecht (Art. 4, Abs. 3 des Grundgesetzes der BRD).
2. § 25 des Wehrpflichtgesetzes lautet: "Wer sich aus Gewissensgründen der Beteiligung an jeder
Waffenanwendung zwischen den Staaten widersetzt und deshalb den Kriegsdienst mit der Waffe
verweigert, hat statt des Wehrdienstes einen zivilen Ersatzdienst außerhalb der Bundeswehr zu leisten. Er
kann auf seinen Antrag zum waffenlosen Dienst in der Bundeswehr herangezogen werden." In § 26 macht
das Wehrpflichtgesetz die Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer von einem Prüfverfahren abhängig.
Wer verweigern will, muß derzeit in einer ausführlichen Stellungnahme seine Gründe darlegen. Dabei
werden keine politischen oder militärischen Argumente akzeptiert, sondern nur ethisch/religiös geprägte
Gewissensgründe. Umstritten ist dabei die Frage, ob überhaupt und wie ein Gewissen juristisch überprüft
werden kann.
Die Diskussion um Pro und Contra Wehrdienst wird, abgesehen von extremen Positionen, von folgenden
Argumenten bestimmt:
A. Argumente für einen Friedensdienst MIT der Waffe:
1. Die geschichtliche Erfahrung lehrt, daß die Menschheit bis heute noch nie auf Waffen verzichten konnte,
um sich gegen ungerechte Angriffe zu verteidigen.
2. Waffenlosigkeit oder verminderte militärische Anstrengungen laden einen aggressiven Gegner geradezu
ein, das verteidigungsschwache Land bzw. Bündnissystem anzugreifen oder zumindest politische
Erpressung auszuüben.
3. In dieser Situation ist ein ungefähres Gleichgewicht militärischer Potentiale die beste Voraussetung für
die Erhaltung des Friedens.
4. Die Bundeswehr dient ausschließlich der Verteidigung. Nationalistische oder revanchistische Ziele der
Politik sind durch das Grundgesetz von vornherein ausgeschlossen.
5. Es kann nicht gegen das Gewissen sein, den Frieden mit der Waffe zu erhalten und sich selbst und
andere Bürger gegen militärische Angriffe von außen zu schützen.
6. Weder die Bibel noch die christliche Ethik verurteilen den Kriegsdienst, wenn er der Verteidigung dient.
Der Mensch lebt in einer sündhaften, bösen Welt, in der Menschen immer wieder Waffengewalt anwenden.
Sich dagegen zu wehren, kann keine Sünde sein.
B. Argumente für einen Friedensdienst OHNE Waffen:
1. Obwohl die Menschheitsgeschichte bis heute voller Kriege ist, ist der Krieg keine Naturnotwendigkeit,
sondern das Ergebnis menschlichen Handelns und Fehlverhaltens. Oft liegt er im Interesse von Politikern,
die den Krieg als Mittel zum Erreichen ihrer politischen Ziele einkalkulieren. Es ist an der Zeit, alle
Regierenden und Machthaber zu zwingen, Konflikte ohne Drohung mit Waffen und mit deren Einsatz zu
lösen. Der Friedensdienst ohne Waffen ist das bessere Zeichen und der bessere Weg zum Frieden und
fördert den Lernprozeß in der Menschheit.
2. Die Ausbildung zum Soldaten bedeutet Ausbildung zum meist grausamen Töten von Menschen und zu
deren massenhaften Vernichtung, ohne Rücksicht auf deren Schuld oder Unschuld. Jeder Soldat steht in
der Gefahr, im Krieg selbst entmenschlicht und zum Mörder zu werden. Krieg verstößt somit gegen die
Menschenwürde und Menschenrechte. Wer den Kriegsdienst verweigert und sich im Zivildienst um kranke
und alte Menschen kümmert oder auch für den Naturschutz engagiert, setzt ein deutliches Zeichen für mehr
Menschlichkeit.
3. Wer den Wehrdienst verweigert, will damit deutlich machen, daß militärische Sicherheit heute gar nicht
mehr möglich ist. Auch ein Verteidigungskrieg verliert seinen Sinn, wenn durch den Einsatz von Atomwaffen
alles das vernichtet wird, was man verteidigen will.
RU-Wissen und Meinung ­ Frieden
Aggression und Gewalt (I)
1. Aggression und Gewalt sind alltägliche Erscheinungen der menschlichen Gesellschaft in Gegenwart und
Vergangenheit. Sie sind immer mit einer Schädigung von Menschen, Natur oder Gegenständen verbunden.
Gewalt anwenden bedeutet: beschädigen, verletzen, zerstören, vernichten, Schmerz zufügen, Ärger
erregen, beleidigen.
Die Formen von Aggression und Gewalt sind vielfältig, fast unüberschaubar. Zu nennen sind:
a. Kriege, in denen keine Rücksicht genommen wird auf das Leben von alten und kranken Menschen oder
auf Kinder.
b. Mord und Vergewaltigung
c. Mißhandlung und sexueller Mißbrauch von Kindern; die Täter finden sich oft im Kreis der nächsten
Familienangehörigen
d. Foltern von Gefangenen
e. wissenschaftlich begründetes (verbrämtes) oder sogar genüßliches Quälen von Tieren
f. Es gibt auch Formen diffiziler Gewalt. Dazu gehören z. B. das bewußte Zugrunderichten und Verdrängen
des wirtschaftlichen Konkurrenten oder auch psychischer Terror gegen Familienangehörige Kinder) oder
Nachbarn, gegen Ausländer und Andersdenkende und auch Gewalt und Rücksichtslosigkeit im
Straßenverkehr.
g. Gewalt in vielfältiger Form wurde auch von Institutionen ausgeübt, die eigentlich den Frieden leben und
verkündigen sollten, nämlich von den Kirchen, die Menschen ihres Glaubens wegen foltern und auf
Scheiterhaufen verbrennen ließen.
h. In den letzten Jahren erlebt die Bundesrepublik wie viele andere Länder eine Welle von Gewalt, die
gerade von Jugendlichen ausgeht. Jugendgangs ziehen marodierend, bewaffnet mit Eisenstangen und
Gaspistolen, durch deutsche Großstädte. Ihre Kennzeichen: Kurze Haare, Bomberjacken, markige Sprüche.
Tag für Tag gehen Autonome, Skinheads und Türkenbanden aufeinander los, machen Randale, zerstören
Autos. Einsatzwagen der Polizei gehen in Flammen auf. Sogenannte Fußballfans liefern sich Schlachten
mit der Polizei nach Fußballspielen. Kinder im Alter von 10-12 Jahren sind an kriminellen Cliquen in
steigendem Maße beteiligt. Hinzu kommt eine zunehmende Gewalt an den Schulen, Überfälle auf
Mitschüler, Lehrer usw.
2. Zu fragen ist, worin die Ursachen für die Aggressivität und Gewaltbereitschaft der Menschen zu suchen
sind.
a. Viele glauben, daß der Mensch von Natur aus böse und von Zerstörungswut beseelt ist und daß
Aggressivität ist ein angeborener Trieb des Menschen ist. Und tatsächlich ist die Geschichte der Menschheit
mit Blut geschrieben. Es ist eine Geschichte unaufhörlicher Gewalttat. "Homo homini lupus" (der Mensch ist
für Menschen ein Wolf), so hat es im 17. Jahrhundert der englische Philosoph Thomas Hobbes formuliert.
b. Und dennoch scheint diese Rechnung nicht ganz zu stimmen. Denn viele Menschen haben fast
tagtäglich die Möglichkeit, Akte der Grausamkeit zu begehen und tun es dennoch nicht. Und die meisten
reagieren auch mit Abscheu, wenn sie Grausamkeiten und Sadismus begegnen. Es gibt Nächstenliebe,
sogar Feindesliebe und die Bereitschaft, sein eigenes Leben für andere einzusetzen. So ist die alte
Menschheitsfrage, ob der Mensch im Grunde böse und verdorben oder aber im Kern gut ist, nicht gelöst.
RU-Wissen und Meinung ­ Frieden
Aggression und Gewalt (II)
Unter welchen Voraussetzungen und Umständen beim einzelnen Menschen Gewalttätigkeiten ausgel"st
werden, dafür gibt die Psychologie einige Erklärungsmuster an die Hand:
1. Reaktive Gewaltanwendung: Derjenige, der Gewalt anwendet, reagiert auf eine tatsächliche oder
eingebildete Bedrohung seines Lebens oder seines Besitzes. Er versucht, seine Freiheit, seine Würde, sein
Eigentum zu verteidigen. Ziel dieser Gewalt ist mehr Erhaltung als Vernichtung und Zerstörung.
2. Kompensierende Gewalttaten. (Kompensieren = ausgleichen, ersetzen). Darunter fallen Gewaltakte, die
durch Gefühle der Frustration, Enttäuschung, Ohnmacht und Machtlosigkeit ausgelöst werden. Viele
Formen von Jugendkriminalität und -gewalt sind so zu erklären. Wachsende Arbeitslosigkeit und
Perspektivlosigkeit, eine fundamentale Verunsicherung, die Angst, im täglichen Konkurrenzkampf um
Arbeit, Erfolg und Ansehen und sozialem Status nicht bestehen zu können, sind verantwortlich zu machen
für die Gewaltbereitschaft vieler Jugendlicher. Bei benachteiligten Jugendlichen entsteht leicht das Gefühl
der Ohnmacht. Gewalt verspricht wenigstens kurzfristig eine Befreiung aus dieser Ohnmacht.
3. Es gibt auch einen krankhaften Zwang zur Gewaltanwendung. Massenmorde von Einzeltätern und
Gewalttaten aus unkontrollierbaren Rachegelüsten gehören in diesen Zusammenhang. Die Psychologie
erkennt in manchen besonders grausamen, blutigen Gewalttaten einen Rückfall des Gewalttäters auf eine
archaische Entwicklungsstufe des Menschen, vor dem eigentlich kein Mensch sicher sein kann. Darauf hin
deutet die Tatsache, daß von der Gewalt, verbunden mit Tod und Blut, auf fast alle Menschen eine
seltsame Faszination auszugehen scheint.
4. Die Psychologie geht auch davon aus, daß Gewalt und Aggressionen, wie alle anderen Verhaltensmuster
auch, zum großen Teil erlernt werden. Die dem Menschen eigentlich angeborene Hemmschwelle bei der
Anwendung von Gewalt ist in der Ära des Video-Horrors tief gesunken. Die Medien, insbesondere das
Fernsehen, üben in dieser Beziehung einen äußerst negativen Einfluß auf die Gesellschaft aus. In jeder
Woche werden in den Fernsehfilmen eine Unzahl von Verbrechen, Morden, Vergewaltigungen usw. gezeigt.
Oft scheint der eigentliche Zweck dieser Filme die Aneinanderreihung von Gewaltszenen zu sein. Die
Folgen von regelmäßigem und übermäßigem Konsum von solchen Gewaltdarstellungen können für den
einzelnen - bei Kindern wie auch bei Erwachsenen - erhebliche Belastungen verursachen und verstärken.
Speziell bei jüngeren Menschen kann es zu überängstlichem Verhalten und zu einer gestörten
Wahrnehmung der Wirklichkeit kommen. Gegenüber Gewaltanwendung in der Wirklichkeit kann langfristig
eine Abstumpfung eintreten, und die Bereitschaft, Gewalt als Mittel der Konfliktlösung zu tolerieren und
selbst einzusetzen, kann sich erhöhen. Das bleibt nicht ohne Auswirkung auf die wachsende
Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft.
5. Eltern und Erziehern kommt dabei eine wichtige Rolle und eine Vorbildfunktion zu. Am tatsächlichen
Verhalten der Erwachsenen orientieren sich Kinder und Jugendliche eher als an moralischen Appellen.
Wenn Kinder bei Erwachsenen erleben, wie man mit Konflikten konstruktiv umgeht, dann ist dies die beste
Voraussetzung, daß Kinder diese nichtaggressive Verhaltensweise übernehmen und nachahmen.
RU-Wissen und Meinung ­ Frieden
Rassismus (I)
1. Unter Rassismus versteht man die Verfolgung, Diskriminierung, Unterdrückung und Entrechtung von
Menschen oder ganzen Völkern wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse. Rassismus heute
prägt nicht nur die Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen in vielen Teilen der Erde, sondern auch
das Verhältnis ethnisch unterschiedlicher Gruppen in vielen einzelnen Völkern. Keine Gesellschaft, kein
Volk ist prinzipiell gegen Rassismus immun. Vertreibung, wirtschaftliche Ausbeutung, Verweigerung
politischer Rechte, Zerstörung der kulturellen Identität oder gar Völkermord sind Folgen rassistischer
Verfolgung.
Es gibt offenen, politisch gewollten, aber auch einen verdeckten und oft nicht bemerkten Rassismus. Die
Gestalt, in der er wirksam wird, ist in den jeweiligen Ländern oder Regionen recht unterschiedlich.
2. Zu allen Zeiten hat man versucht, die auffallenden Unterschiede von Menschen nach Hautfarbe und
Körperbau zu erklären. So wird im Alten Testament die Existenz verschiedener Rassen mit der Geschichte
von Noah und seinen Söhnen Sem, Ham und Japhet begründet. Sie sollen die Urväter der drei Hauptrassen
unter den Menschen sein, der "Hamiten" (=Schwarze), "Semiten" (=Araber) und "Japhetiten" (=Weiße).
Lange Zeit hat dieses (wissenschaftlich unhaltbare) Schema das Denken in Politik, Wissenschaft und
Theologie bestimmt.
3. Forschungen auf dem Gebiet der modernen Anthropologie haben zu der Erkenntnis geführt, daß alle
heute lebenden Menschen ausnahmslos einer einzigen Menschenart angehören, nämlich der Spezies
"homo sapiens sapiens". Die Anthropologie geht auch davon aus, daß es auf der Welt keine einzige "reine
Rasse" (mehr) gibt. Sie stützt damit wesentlich den Gedanken von der Einheit des Menschengeschlechts
und betont heute mehr die Ähnlichkeiten als die Unterschiede zwischen den verschiedenen
Menschengruppen. U. a. wurde festgestellt, daß es keinen Unterschied beim sog. Intelligenzquotienten
zwischen afrikanischen und europäischen Völkern gibt. Unterschiede in Lebensform, Verhalten und
Mentalität haben keine biologigischen, sondern gesellschaftliche Ursachen.
4. Für die Betonung der rassischen Unterschiede der Menschen und für die Politik von Rassentrennung
wurden und werden biologistische, ideologische, aber auch religiös/theologische Argumente angeführt.
a. Die biologistische Begründung der Rassentrennung lautet etwa so: Die Natur selbst hat verschiedene
Arten hervorgebracht, unter denen es eine Vermischung nicht gibt. So wie es unter den Tieren höhere und
niedrigere Lebensformen gibt, existieren bei den Menschen ebenfalls höhere und niedrigere Rassen. Es gibt
eigentlich auch keine echten Symbiosen (Zusammenleben) der unterschiedlichen Arten. Diese Ordnung der
Natur ("Fink zu Fink, Meise zu Meise") soll auch der Mensch beherzigen. Er soll die von der Natur gesetzten
Rasseschranken nicht überschreiten.
b. In der Rassenideologie besonders der Nazis werden biologistische Argumente mit Gedanken des
Sozialdarwinismus verbunden. Ein Recht auf Überleben habe nur die Rasse, die sich als stärkere
gegenüber anderen durchsetzen könne. Die Verherrlichung der arisch/germanischen Rasse, die Einteilung
aller Menschen in Herrschende auf der einen und sog. Untermenschen auf der anderen Seite, führte zu den
entsetzlichen Vernichtungsaktionen gegen Juden und Sinti und Roma. Im Geheimen soll Hitler die
Ausrottung aller Schwarzen auf der Erde geplant haben.
RU-Wissen und Meinung ­ Frieden
Rassismus (II)
1. Rassistische Theorien wurden und werden auch religiös/theologisch begründet. Dabei wird die
biologistische Argumentation aufgenommen: Gott hat den Menschen nach unterschiedlichen Rassen
geschaffen; er hat ihnen unterschiedliches Aussehen, eine unterschiedliche Mentalität und Kultur und
verschiedene Sprachen gegeben. Gott hat diese natürliche Ordnung und alle Unterschiede gewollt, und der
Mensch hat sich daran zu halten. Die von Gott gewollte Ordnung der Trennung muß der Mensch im Bereich
von Ehe und Familie, in der Gesellschaft und im politischen Bereich verwirklichen. Rassenververmischung
ist widernatürlich und Sünde. ("Was Gott getrennt hat, soll der Mensch nicht zusammenfügen!"). Es wird
darauf hingewiesen, daß schon im alten Israel die Vermischung mit anderen Völkern als Sünde gegen
Gottes Gebot galt.
2. In besonderer Weise wurde lange Zeit die Rassentrennungspolitik der weißen Apartheids-Regierungen in
Süd-Afrika durch Kirchen und Theologie gestützt. Man ging (geht) dabei von dem Gedanken aus, daß Gott
sich das Volk der Buren (der Weißen) als sein Volk erwählt und ihm das südafrikanische Land und alle
Vorrechte gegenüber den schwarzen Völkern gegeben habe. So wie in alter Zeit das Volk Israel von Gott
erwählt, gesegnet und gegenüber anderen Völker mit besonderen Rechten bedacht wurde, habe sich Gott in
heutiger Zeit den Weißen in besonderer Weise zugewandt, ihnen besondere Verantwortung und Pflichten
gegenüber den nichtweißen Völkern auferlegt. Schwarze, Farbige und Weiße seien zwar alle Gottes Kinder
und damit Brüder und Schwestern; das bedeute aber nicht, daß man in einer Kirche vereinigt, zusammen
Gottesdienst halten und gemeinsam zu Gott beten müsse. In dieser Weise hat die weiße Burenkirche in
Südafrika lange Zeit versucht, das Apartheidssystem zu stützen. Heute spielen diese Versuche,
Rassentrennung und -diskriminierung theologisch zu rechtfertigen, in der Theologie keine ernsthafte Rolle
mehr. Sie sind unhaltbar, da sie ausschließlich mit Bezug auf das Alte Testament argumentieren.
3. Das Neue Testament und besonders die Verkündigung Jesu bieten keinerlei Unterstützung für
rassistisches oder nationalistisches Gedankengut. Im Gegenteil: Die Botschaft Jesu besagt, daß die Liebe
Gottes allen Menschen gilt, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer nationalen Zugehörigkeit oder Hautfarbe.
In Christus sind alle trennenden Mauern zwischen den Menschen niedergerissen. In ihm ist der Mensch neu
geschaffen, zur Einheit und zur Versöhnung berufen.
4. Diese Erkenntnis liegt auch dem Antirassismus-Programm des Weltkirchenrates (ÖRK) zu Grunde. (Im
ÖRK sind mehr als 300 christliche Kirchen aus über 100 Ländern zusammengeschlossen. Sie
repräsentieren eine große Vielfalt verschiedener Glaubenshaltungen, Kirchen und Kulturen). In diesem
Programm heißt es: " Rassismus verleugnet das versöhnende Werk Jesu Christi, der die Menschen mit
Gott und miteinander versöhnt hat. Deswegen ist vom Evangelium Jesu Christi her der Kampf gegen den
Rassismus, wo immer dieser in offener oder verdeckter Form vorhanden ist, eine Aufgabe der Kirche in
jedem Land und in jeder Gesellschaft." So hat der ÖRK jahrelang versucht, durch Proteste und
Einflußnahme auf die Weltöffentlichkeit auf das Ende der Unterdrückung und Entrechtung der schwarzen
und farbigen Bevölkerungsmehrheit in Südafrka hinzuwirken. Bereits seit 1972 hat er zu Sanktionen gegen
die südafrikanische Minderheitsregierung aufgerufen.
RU-Wissen und Meinung ­ Frieden
Rassismus (III)
1. Die Ideologie und die politischen Ziele des Nationalsozialismus in Deutschland waren eindeutig und offen
rassistisch. Die Verherrlichung der arisch/germanischen Rasse, die Einteilung aller Menschen in eine
Herrscherklasse auf der einen und sog. Untermenschen auf der anderen Seite führte zu den entsetzlichen
Vernichtungsaktionen gegen Juden und Sinti und Roma. Im Geheimen soll Hitler die Ausrottung aller
Schwarzen auf der Erde geplant haben.
2. Rassistisch ist auch die jahrzehntelange Politik der weißen Minderheitsregierung in der Republik
Südafrika zu nennen. Dieses politische Programm wurde weltweit unter der Bezeichnung "Apartheid"
bekannt. Apartheid sollte angeblich auf friedlichem Wege die getrennte Entwicklung der unterschiedlichen
Rassen in SA regeln und fördern. In Wirklichkeit brachte sie Unterdrückung und Entrechtung für alle Nicht-
Weißen. Die schwarze Bevölkerungsmehrheit (fast 70%) war und ist nicht an der Regierung beteiligt. Ihr
wurde von den weißen Machthabern nur 13% des Landes als Siedlungsgebiet zugewiesen; Ehen und alle
sexuellen Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen waren verboten; Nicht-Weiße hatten keinen
Zugang zu öffentlichen Gebäuden wie Banken, Post oder Hotels. Eine fast unüberschaubare Fülle von
Apartheidsgesetzen dient(e) dazu, die Vorrechte der Weißen in SA zu sichern. Aufgrund weltweiter Proteste
und gezwungen durch Wirtschafts- und Sportboykott und durch die Verweigerung von Bankkrediten hat die
weiße Regierung inzwischen die Politik der Apartheid offiziell abgeschafft. Die Folgen allerdings der
jahrzehntelangen gesellschaftlichen Diskriminierung, der politischen Unterdrückung und der sozialen und
kulturellen Benachteiligung aller Schwarzen sind für die Zukunft unabsehbar.
3. Die Rassenprobleme in den USA haben ihren Ursprung im Sklavenhandel, der zu Beginn des 16. Jhdts
einsetzte. Daran waren auch alle europäischen Kolonialmächte beteiligt. Insgesamt wurden damals über 20
Millionen Schwarz-Afrikaner unter schlimmsten Bedingungen nach Amerika verfrachtet. Unzählige von
ihnen starben auf den langen Schiffsreisen. In Amerika wurden sie als Sklaven in der Baumwollwirtschaft
eingesetzt, die Frauen hatten in den Haushalten zu arbeiten. Obwohl durch einige Gesetze geschützt, waren
sie im Grunde doch rechtlos. Erst 1863 wurde die Sklaverei endgültig abgeschafft. Danach folgte eine
Politik der strengen Rassentrennung (Segregation). Obwohl inzwischen die rechtliche Gleichstellung der
Schwarzen in den USA erreicht wurde, ist ihre soziale und gesellschaftliche Benachteiligung keineswegs
überwunden. Davon zeugen die Ausbrüche von Haß und Gewalt, mit denen sich die schwarzen "underdogs"
gegen gesellschaftliche Unterdrückung und rassistische Diskriminierungen zu wehren versuchen.
4. Rassendiskriminierung gibt es auch in vielen anderen Teilen der Erde: Zu nennen ist der
Überlebenskampf der Indianer in Südamerika, die dort aus ihren Stammesgebieten verdrängt werden.
Dasselbe gilt auch für die Maoris in Neuseeland und die Aborigines in Australien.
5. Offenen und versteckten Rassismus gibt es nach wie vor auch in den Ländern Europas. Das zeigen
rassistisch motivierte Übergriffe ausländischen Arbeitnehmern und Flüchtlingen gegenüber sowie gegen
andere Minderheiten wie Sinti und Roma. Neonazismus mit rassistischem Gedankengut macht sich in
letzter Zeit in verstärktem Maße in der Bundesrepublik bemerkbar. Rassismus hat erfahrungsgemäß überall
da eine Chance, wo Menschen selbst das Gefühl der Unterlegenheit haben, wo sie sich übergangen fühlen
und selbst an den gesellschaftlichen Rand gedrängt sehen.
6. Aber auch Menschen, die bereits ein Gefühl für ein gleichberechtigtes Miteinander entwickelt haben und
sich um Verständigung zwischen den Menschen bemühen, sind manchmal noch in einem Netz von
Vorurteilen gefangen und haben nicht selten Überlegenheitsgefühle gegenüber Menschen anderer Rasse.
Unreflektiert und gedankenlos werden diskriminierende Begriffe wie "niedere Rasse und höhere Rasse" oder
auch die Worte "Eingeborene" oder "Neger" verwendet. Hinter solchen und anderen Ausdrucksweisen
verbirgt sich unbewußtes rassistisches Denken.
RU-Wissen und Meinung ­ Frieden
Menschenrechte (I)
1. Das Besondere der Menschenrechte liegt darin, daß sie sich allein vom Wesen des Menschen ableiten.
Menschenrechte sind angeborene Rechte, die dem Einzelnen aufgrund der Tatsache zukommen, daß er ein
Mensch ist. Jeder Mensch besitzt diese Rechte und zwar jeder in gleichem Maße, "ohne Unterschied der
Rasse, der Farbe, des Geschlechts, der Sprache, der Religion, der politischen oder sonstigen Überzeugung,
der nationalen oder sozialen Herkunft, des Vermögens, der Geburt oder anderer Umstände", wie es in
Artikel 2 der Erklärung der Vereinten Nationen von 1948 heißt.
2. Die Menschenrechte sind nicht davon abhängig, daß und ob ein Staat oder eine andere menschliche
Organisation sie einem Menschen verleiht oder nicht. Sie gelten absolut, zu jeder Zeit, für jede
Gesellschaft.
3. Ansätze zur Formulierung von Menschenrechten finden sich zum ersten Mal in der "Magna Charta
Libertatum", die im Jahre 1215 in England erlassen wurde und die alle Bürger vor der mißbräuchlichen
Anwendung von Gesetzen durch den König schützen sollte. Aufgenommen wurden diese Gedanken
wiederum in England in der "Habeas Corpus Akte" von 1679. Darin wird allen englischen Bürgern
persönliche Freiheit garantiert. In vollem Sinne waren dies aber noch keine Menschenrechte, da sie noch
der staatlichen Gesetzgebung unterlagen.
4. Zum ersten Mal schriftlich fixiert wurden unveräußerliche, also vom Staat unabhängige Menschenrechte
in der "Bill of Rights", der Verfassung des US Staates Virginia im Jahr 1776. Darin heißt es: "Alle Menschen
sind von Natur aus gleichermaßen frei und unabhängig und besitzen angeborene Rechte."
Diese Gedanken fanden Eingang in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vom 4. 7. 1776. Auch sie
spricht von allgemeinen Menschenrechten, deren Rechtmäßigkeit für jeden Menschen einsichtig sei und die
keiner besonderen Begründung bedürften.
5. In Europa wurden Menschenrechte zum ersten Mal im Verlauf der Französischen Revolution in der
"Declaration des droits de l'homme et du citoyen" (1791) formuliert. Darin wurde allen Bürgern Freiheit,
Gleichheit, Eigentum, Sicherheit, das Recht auf Widerstand gegen Unterdrückung, die Gleichheit vor dem
Gesetz und der Schutz vor willkürlicher Verhaftung, aber auch Religions- und Meinungsfreiheit
zugestanden.
6. Nachdem die Menschenrechte durch immer mehr Staaten vor allem der westlichen Welt in die
Verfassungen aufgenommen waren, wurden sie im Jahre 1945 wichtiger Bestandteil der "Charta der
Vereinten Nationen" und durch die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" vom 10. 12. 1948 für alle
Mitgliedsstaaten der UN verbindlich.
7. Es ist offensichtlich, daß die Menschenrechte in den Staaten der Erde in unterschiedlichem Maße
verwirklicht werden. Folter, Verfolgung aus religiösen, politischen und rassischen Gründen sind in vielen
Staaten die traurige Wirklichkeit. Kein Staat wird von sich behaupten können, daß er alle Bestimmungen
und Forderungen der Menschenrechtserklärung erfülle.
8. In letzter Zeit gehen Staaten der islamischen Welt in verstärktem Maße auf Distanz zur
Menschenrechtserklärung der UN. Sie kritisieren, daß sie im wesentlichen durch christlich/westliche
Wertvorstellungen geprägt sei. Die Individualrechte (d. h. die Rechte des Einzelnen), z. B. die der freien
Religionsausübung, seien überbetont. Im Bezug auf die Gleichstellung von Mann und Frau wird der Frau
wohl gleiche Würde wie dem Mann zugestanden, aber keine gleichen Rechte.
RU-Wissen und Meinung ­ Frieden
Menschenrechte (II)
Die wichtigsten Bestimmungen der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" vom 10.12.1948, die 30
Artikel umfaßt, lauten:
Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und
Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.
Artikel 2: Jeder Mensch hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne
irgendeine Unterscheidung wie etwa nach Rasse, Farbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder
sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, nach Eigentum, Geburt oder sonstigen
Umständen. ...
Artikel 3: Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.
Artikel 5: Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder
Strafe unterworfen werden.
Artikel 7: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben ohne Unterschied Anspruch auf gleichen
Schutz durch das Gesetz. ...
Artikel 11: Jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, ist solange als unschuldig
anzusehen, bis seine Schuld ... nachgewiesen ist.
Artikel 12: Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, sein Heim oder seinen
Briefwechsel noch Angriffen auf seine Ehre und seinen Ruf ausgesetzt werden. ...
Artikel 13: Jeder Mensch hat das Recht auf Freizügigkeit und freie Wahl seines Wohnsitzes innerhalb eines
Staates.
Artikel 14: Jeder Mensch hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgungen Asyl zu suchen und zu
genießen. ...
Artikel 15: Heiratsfähige Männer und Frauen haben ohne Beschränkung durch Rasse, Staatsbürgerschaft
oder Religion das Recht, eine Ehe zu schließen und eine Familie zu gründen. ...
Artikel 18: Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht
umfaßt die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, ...
Artikel 19: Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung. ...
Artikel 23: Jeder Mensch hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf angemessene und
befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz gegen Arbeitslosigkeit. Alle Menschen haben ... das
Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.
Artikel 24: Jeder Mensch hat Anspruch auf Erholung und Freizeit sowie auf eine vernünftige Begrenzung
der Arbeitszeit und auf bezahlten Urlaub.
Artikel 26: Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung. Der Unterricht muß wenigstens in den Elementar- und
Grundschulen unentgeltlich sein. ...
Artikel 29: Jeder Mensch hat Pflichten gegenüber der Gemeinschaft.
RU-Wissen und Meinung ­ Frieden
Friedenserziehung: Thesen
1. Erziehung zu Friedensbereitschaft und Friedensfähigkeit geschieht in allen Lebensbereichen, in Familie,
Schule, Arbeits- und Freizeitwelt, in der Politik, im Straßenverkehr, beim Sport. Sie betrifft Kinder,
Jugendliche und Erwachsene in gleichem Maße.
2. Mit der Erziehung zum Frieden sollte jeder Mensch zunächst bei sich selbst, in seiner persönlichen
Lebensgestaltung und in seiner Familie beginnen. Den Frieden zu lernen, das bedeutet zu lernen, mit den
eigenen Aggressionen fertig zu werden, Konflikte gewaltfrei auszutragen und zu lösen. Erziehung zu
Friedensbereitschaft und Friedensfähigkeit vollzieht sich vor allem im Gespräch zwischen den
verschiedenen Überzeugungen, Positionen und Generationen. Dabei sollen Konflikte und
Meinungsverschiedenheiten nicht verleugnet werden. Sie müssen aber fair ausgetragen werden, d. h. auf
eine Weise, die den Frieden fördert statt ihn zu gefährden. Dazu gehört die Bereitschaft, intolerantes
Denken zu vermeiden, den Andersdenkenden zu verstehen und von dessen Voraussetzungen her zu
denken.
3. Erziehung zum Frieden innerhalb der Familie bedeutet, daß die Eltern auf Gewaltanwendung körperlicher
oder psychischer Art in der Familie möglichst ganz verzichten. Prügelnde und (sich) schlagende Eltern
können ihre Kinder kaum zu Friedensbereitschaft erziehen.
4. Dagegen ist es wichtig, daß Eltern ihren Kindern eine tiefe Abneigung gegen Gewalt eingeben. Als
Erzieher sollten sie selber nationalistische und rassistische Haßparolen, abfällige Bemerkungen und
diskriminierende Witze über Angehörige anderer Nationen und anderer Rassen vermeiden und sie auch
ihren Kindern untersagen. Ob einer wirklich Frieden will oder nicht, erkennt man daran, ob er die Sprache
des Friedens spricht oder ob er Haß und Menschenverachtung schürt. Die verbale Verherrlichung der
Todesstrafe ("Kopf-ab-Mentalität") gehört auch in diesen Zusammenhang. Erziehung zum Frieden heißt,
das Freund-Feind-Denken in allen Lebensbereichen zu überwinden, Vorurteile und irrationalen Haß gegen
alles Fremde und Andersartige abzubauen.
5. Erziehung zum Frieden heißt, die brutale Realität und die unmenschlichen Folgen von Krieg und Gewalt
darzustellen und damit ihrer Verharmlosung und Verherrlichung in Presse, Film und Fernsehen
entgegenzuwirken. Bei Kindern sollte früh eine kritische Empfindlichkeit gegenüber jeder Art von
Gewaltanwendung geweckt und unterstützt werden. Eltern sollten ihren Kindern niemals Kriegsspielzeug
kaufen. Sie sollten ihren Kindern vielmehr deutlich machen, daß Waffen in der Realität kein Spielzeug,
sondern Tötungsinstrumente sind.
6. Friede unter den Menschen und unter den Völkern setzt voraus, daß man voneinander weiß und die
jeweiligen Lebensumstände kennt. Der Frieden kann dadurch gefördert werden, daß man lernt, Interesse
und Verständnis für die Kultur und Lebensart, aber auch für die Probleme und sozialen Schwierigkeiten der
Menschen in anderen Kontinenten zu entwickeln. Das interessierte Beobachten der politischen
Tagesereignisse kann dabei sehr hilfreich sein.
RU-Wissen und Meinung ­ Geschichte
Wichtige Daten aus der Religions- und Kirchengeschichte (I)
3000 v. Chr.
Anfänge der alt-ägyptischen Kultur
2700
Bau der großen Pyramiden von Gizeh
1350
Sonnenkult des Pharao Echnaton
1100
Pharao Ramses II. Versklavung und Befreiung Israels
1500 v. Chr.
Einwanderung der Arier nach Indien. Anfänge der hinduistischen Religion
500
Gauthama Buddha. Entstehung und Ausbreitung des Buddismus
1100 v. Chr.
Mose führt Israel aus Ägypten nach Palästina. Gesetzgebung am Sinai (10 Gebote)
1000
König David gründet das Reich Israel mit Jerusalem als Hauptstadt. Die ältesten Teile
des Alten Testamentes entstehen.
900
Unter König Salomo wird der erste große Tempel in Jerusalem gebaut
586
Die Babylonier zerstören Jerusalem, die jüdische Bevölkerung wird nach Babylon in die
Gefangenschaft geführt
515
Rückkehr der Juden nach Jerusalem. Wiederaufbau des Tempels
900 v. Chr.
Entstehung des griechischen Götterglaubens (Zeus, Athene)
753
Gründung der Stadt Rom
500
Der Philosoph Platon, ein Schüler des Sokrates, lehrt in Athen
330
Ausdehnung des hellenistischen Reiches unter Alexander d.Gr. bis nach Indien
200
Beginn der römischen Herrschaft über den Mittelmeerraum
58 bis 51:
Eroberung Galliens, Großbritanniens und weiter Teile Germaniens durch Julius Caesar,
später Alleinherrscher in Rom
44 bis 14 n. Chr.
Regierungszeit des Kaiser Augustus.
33 n. Chr.
Kreuzestod Jesu in Jerusalem. Entstehen der ersten christlichen Gemeinde
34
Bekehrung des Paulus zum christlichen Glauben. Bis zu seinem Tod in Rom
verschiedene Missionsreisen nach Kleinasien und Griechenland. Ausbreitung des
Christentums
64
Christenverfolgung unter Nero in Rom. Tod des Petrus und des Paulus
70
Zerstörung Jerusalems durch die Römer. Vertreibung der jüdischen Bevölkerung
200
Die Schriften des Alten und Neuen Testaments werden zur Bibel zusammengestellt
303
Letzte Christenverfolgung unter dem Kaiser Diokletian
337
Kaiser Konstantin bekehrt sich zum christlichen Glauben
381
Das Christentum wird Staatsreligion des römischen Reiches; die heidnischen Religionen
werden verboten. Beginn der Heidenverfolgungen
622
Mohammeds Flucht aus Mekka. Entstehung des Koran. Beginn der Ausbreitung des
Islam in Palästina, Persien, Nordafrika und Spanien
732
Sieg Karl Martells bei Tours und Poitiers (Südfrankreich) über die Araber. Verhinderung
der totalen Islamisierung Europas
1492
Endgültige Vertreibung der Araber aus Spanien
RU-Wissen und Meinung ­ Geschichte
Wichtige Daten aus der Religions- und Kirchengeschichte (II)
719 bis 754
Bonifatius als Missionar in Deutschland tätig. Beginn der Christianisierung in
Deutschland (Sachsen und Friesland).
800
Kaiserkrönung Karls d. Gr. Beginnendes Zusammenwachsen der Völker Europas zum
"christlichen Abendland"
1054
1. große Kirchenspaltung in West-Kirche (römisch-katholisch) und Ost-Kirche
(byzantinisch-orthodox)
1096
Erster Kreuzzug, endet mit der Eroberung Jerusalems durch das Kreuzritterheer im
Jahre
1099
Es folgen weitere Kreuzzüge,bis im Jahre
1291
Palästina mit Jerusalem von den Moslems zurückerobert wird
1415
Verbrennung von Jan Hus auf dem Konzil zu Konstanz. Zeit der Vorreformation.
Bemühen um Erneuerung der römisch-katholischen Kirche
1445
Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg
1492
Beginn der Entdeckungsreisen des Christoph Kolumbus und der Katholisierung der
"entdeckten" Länder
1521
Vernichtung des Aztekenreiches (Mexiko) durch Hernan Cortes
1531
Vernichtung des Inkareiches (Peru) durch Francisco Pizarro
1517
31. Oktober: Veröffentlichung der Thesen gegen den Ablaß durch Martin Luther. Beginn
der Reformation
1530
Reichstag zu Augsburg. Formulierung der Grundsätze des evangelischen Glaubens in
der "Confessio Augustana"
1534
Loslösung der Anglikanischen Kirche vom Papsttum (Heinrich VIII.)
1545bis 1563:
Konzil zu Trient. Reformbeschlüsse innerhalb der römisch-katholischen Kirche. Beginn
der Gegenreformation
1555
Augsburger Religionsfriede zwischen Katholiken und Protestanten
1618 bis 1648
Dreißigjähriger Krieg zwischen protestantischen und katholischen Staaten. Verwüstung
Europas. Endet mit einer politischen Neuordnung Europas im "Westfälischen Frieden"
1869
1. Vatikanisches Konzil. Verkündung des Dogmas von der "Unfehlbarkeit" des Papstes in
Glaubensfragen.
1910
1. Welt-Kirchen/Missions-Konferenz in Edinburgh
1933 bis 1945
Kirchenkampf. Spaltung der Evangelischen Kirchen in "Deutsche Christen"
(nazifreundlich) und "Bekennende Kirche"
1948
Zusammenschluß der evangelischen Landeskirchen zur "Evangelischen Kirche in
Deutschland" (EKD)
1948
Zusammenschluß fast aller nicht-katholischen Kirchen zum "Ökumenischen Rat der
Kirchen" (auch Weltkirchenrat genannt)
1964
2. Vatikanisches Konzil in Rom (Papst Johannes XXIII.). Ökumenische Öffnung der
katholischen Kirche. Gebrauch der Landessprachen in der Messe.
RU-Wissen und Meinung ­ Geschichte
Die Ausbreitung des Christentums
1. Es ist erstaunlich, in welch kurzer Zeit sich der christliche Glaube von Palästina aus über fast das ganze
Römische Reich ausbreitete. Während noch zur Zeit Neros (um 70 n. Chr.) die Christen als Mitglieder einer
unbedeutenden jüdischen Sekte betrachtet und grausam verfolgt wurden, wurde das Christentum bereits im
Jahre 381 zur Staatsreligion des Römischen Reiches erklärt. Alle heidnischen, griechischen und römischen
Religionen wurden verboten.
2. Ausgangspunkt der Verbreitung des christlichen Glaubens war Palästina. Nach dem Tode Jesu, der für
viele seiner Jünger und Jüngerinnen eine große Enttäuschung bedeutete, sammelten sich - motiviert durch
den Glauben an die Auferstehung und die baldige Wiederkehr Jesu - seine Anhänger und gründeten in
Jerusalem die erste christliche Gemeinde. Geleitet wurde sie von Petrus, dem Jünger Jesu, und von
Jakobus, einem Bruder von Jesus. Diese Urgemeinde lebte noch in den Formen der jüdischen Religion,
wobei sie sich von den Juden durch ihren Glauben an Jesus als Messias unterschied. Die urchristliche
Gemeinde versuchte, im Blick auf das vermeintlich baldige Wiederkommen ihres Herrn im Geist seines
Evangeliums zu leben und seine Botschaft zu verbreiten.
3. In den Pharisäern, die schon Jesus zu seinen Lebzeiten bekämpft hatten, erwuchsen der christlichen
Urgemeinde religiöse Gegner. Zu ihnen gehörte auch Saulus, ein gebildeter Jude mit römischer
Staatsbürgerschaft. Saulus wurde, wie er selbst berichtet, während einer Verfolgungsaktion gegen die
Christen in einer Vision zum Glauben an Christus bekehrt und widmete sich danach -nun unter dem Namen
Paulus- der Ausbreitung des Evangeliums. Auf vier Missionsreisen, die ihn in den Jahren 35 bis 57 nach
Kleinasien (heute Türkei), nach Griechenland und Rom führten, gründete Paulus in vielen Städten kleine
christliche Gemeinden, die zum Ausgangspunkt der Weiterverbreitung des christlichen Glaubens wurden.
Anhänger des neuen Glauben waren zu dieser Zeit meist "kleine Leute", Handwerker, Sklaven,
Freigelassene und vor allem viele Frauen. Das Band, das alle Christen einigte, war die Taufe, der sich jeder
unterziehen mußte, der der christlichen Gemeinde beitreten wollte.
4. Auf die Missionstätigkeit des Paulus ist es zurückzuführen, daß der christliche Glaube die Grenzen
Palästinas überschritt und sich im ganzen Römischen Reich verbreitete. Paulus selbst wurde in Rom
gefangengenommen und im Jahr 63 oder 64 n. Chr. enthauptet. Auch Petrus, der erste Leiter der
christlichen Gemeinde in Rom, erlitt ungefähr zur selben Zeit dort den Märtyrertod.
5. Die Ausbreitung des christlichen Glaubens erfolgte nicht ohne Widerstand. Der neue Glaube mußte sich
gegenüber vielen heidnischen Kulten, der Kultur des Hellenismus und dem römischen Kaiserkult bewähren.
Christen weigerten sich meist, den Kaiser in Rom als Gott zu verehren, was von allen Untertanen des
Kaisers verlangt wurde. Wegen ihrer Treue zu Christus und ihrer Ablehnung des Kaisers als Gott wurden in
den ersten 3 Jahrhunderten die Christen zeitweilig grausam verfolgt. Besonders bekannt geworden sind die
Christenverfolgungen unter den Kaisern Nero (54-68) und Diokletian (284-305). Christen wurden
gezwungen, mit wilden Tieren zu kämpfen, sie wurden mit Pech übergossen und angezündet, um bei
Volksbelustigungen als Fackeln zu dienen. Die christliche Kirche wuchs aber trotz dieser Widerstände.
6. Am Ende des ersten christlichen Jahrhunderts gab es bereits so viele christliche Gemeinden, daß sich
erste kirchliche Strukturen herausbildeten. Es entstanden verschiedene kirchliche Ämter, in die zunächst
auch Frauen berufen werden konnten (Diakone/Diakoninnen, Bischöfe/Bischöfinnen). Besondere Bedeutung
erlangten die Bischöfe von Rom, die als Päpste bald die Leiter der Gesamtkirche wurden. Auf
Kirchenversammlungen (Synoden) wurden die ersten Versuche unternommen, für alle Christen verbindliche
Glaubensaussagen (Dogmen) zu formulieren.
RU-Wissen und Meinung ­ Geschichte
Vorreformation
1. Im 14. und 15. Jahrhundert kommt es in Europa zu tiefgreifenden Umwälzungen auf kulturellem,
religiösem, politischem und wirtschaftlichem Gebiet. Kultur und Geistesleben wurden wesentlich durch
Gedanken der Renaissance und des Humanismus bestimmt. Ihre Grundzüge bestanden in der Besinnung
auf die Ursprünge der europäischen Kultur in der Antike (Griechen und Römer) und in der Entdeckung der
Individualität des Menschen.
2. Auch die Erweiterung des geographischen und kulturellen Horizontes brachte für Europa einen Wandel.
Um 1450 erfand Johann Gutenberg in Mainz den Buchdruck, durch den sich für alle Gebiete der Kultur ganz
neue Möglichkeiten ergaben. Ende des 15. Jahrhundert entdeckte Christoph Kolumbus Amerika, und leitete
damit zunächst für Spanien, später auch für ganz Europa eine Zeit des Wohlstands ein.
3. Ein tiefgreifender Wandel vollzog sich durch die allmähliche Befreiung der Menschen von der totalen
Bevormundung durch die Kirche in Kultur, Politik und Religion. Hervorgerufen wurde diese Loslösung durch
inneren und äußeren Zerfall der Kirche. Deutlich sichtbar wird dies an den Zuständen im Kirchenstaat, wo
die Päpste wie weltliche Fürsten herrschten, sich einen großen, teuren Hofstaat hielten, Ämter an
Günstlinge verkauften usw. Finanziert wurde der Vatikan u. a. durch das Ablaßwesen; d. h.: für die Zahlung
einer Geldsumme wurde den Menschen die Verkürzung ihrer Leidenszeit im Fegefeuer versprochen.
Zeitweilig gab es in Europa drei Päpste, die sich gegenseitig exkommunizierten und sogar militärisch
bekämpften. Auch in den Klöstern Europas, die ursprünglich Zentren nicht nur der Religiosität, sondern
auch der Kunst, der Wissenschaft und der Wirtschaft waren, herrschten weitgehend unhaltbare Zustände.
Eigentlich auf allen Gebieten kirchlichen Lebens zeigte sich ein Niedergang.
5. Zahlreiche Reformbewegungen, deren Kirchenkritik und Ziele später von Luther und anderen
Reformatoren aufgenommen wurden, versuchten dem organisatorischen und moralischen Verfall der Kirche
zu begegnen. Zentren der kirchlichen Erneuerungsbewegung waren zunächst England und Böhmen.
a. In England wurde John Wiclif (1328-1384) der Wortführer der Opposition gegen das Papsttum. Er
forderte u.a. den freien Zugang aller Christen zur Heiligen Schrift und übersetzte selbst die Bibel ins
Englische. Das Papsttum und die hierarchische Ordnung der Kirche wurden als antichristlich abgelehnt und
die Lehre von der Transsubstantiation (= Wandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi bei der
Messfeier) als unbiblisch verworfen. Kritik übte Wiclif an der ausufernden Heiligen- und Reliquienverehrung
und dem Ablaßhandel. Seine Anhänger, die "Lollharden", wurden als Ketzer verfolgt; viele von ihnen
wurden hingerichtet.
b. Wiclifs Lehren verbreiteten sich bald in ganz Europa und fanden besonders an der Prager Universität
fruchtbaren Boden. Dort wurde die Kritik Wiclifs an der Kirche von Johannes Hus (1369-1415)
aufgenommen und ausgeweitet. Er forderte den "Laienkelch", (d.h., daß Brot und Wein beim Abendmahl für
alle Gläubigen ausgeteilt werden), das allgemeine Priestertum und die Rückkehr der Kirche zur
apostolischen Armut.
c. Kirche und Papsttum wehrten sich gegen ihren Machtverlust und die Erneuerungsbewegungen durch
halbherzige Reformbemühungen, im besonderen aber durch Mittel der Inquisition: Verdammung,
Verfolgung, Folter, Verbrennungen der Andersdenkenden. Johannes Hus wurde unter Zusicherung des
freien Geleits zum Konzil nach Konstanz geladen, dort aber gefangengenommen und 1415 verurteilt und
öffentlich verbrannt. Sein gewaltsamer Tod löste in Böhmen die Hussitenkriege aus, die erst 1439 beendet
wurden. Die Anhänger des Johannes Hus gründete die Gemeinschaft der "Böhmischen Brüder".
RU-Wissen und Meinung ­ Geschichte
Reformation (Chronologie) (I)
1483: am 10. 11. Martin Luther in Eisleben geboren. Studium der Theologie. 1505 Eintritt in das Augustiner-
Kloster in Erfurt. 1508 Versetzung nach Wittenberg. 1512 Doktor der Theologie. 1512 Vorlesung über den
Römerbrief. Luther gelangt zu der reformatorischen Erkenntnis, daß der Begriff "Gerechtigkeit Gottes" nicht
den strafenden und richtenden Gott meint, sondern die göttliche Barmherzigkeit und Liebe, die den Sünder
nicht aufgrund seiner frommen Leistungen, sondern auf seinen Glauben hin begnadigt.
1517: am 31. Oktober: Veröffentlichung der 95 Thesen. Verurteilung der Ablaßpraxis. Die Thesen verbreiten
sich in kurzer Zeit in Deutschland und finden weitgehende Unterstützung; Widerspruch kommt aus Rom;
Luther wird zum Widerruf aufgefordert. Luther lehnt ab.
1519: Leipziger Disputation mit Eck. Luther bestreitet die Heilsnotwendigkeit des päpstlichen Primats und
die Irrtumslosigkeit der Konzilien.
1520: Veröffentlichung der 3 reformatorischen Hauptschriften:
a. An den christlichen Adel deutscher Nation. Forderung nach Reform des kirchlichen Lebens: Abschaffung
des Zölibats, der Ablässe, Beseitigung des Luxus innerhalb der kirchlichen Obrigkeit,
b. Über die babylonische Gefangenschaft der Kirche. Theologische Kritik an der Sakramentenlehre der
katholischen Kirche. Luther erkennt nur Taufe und Abendmahl als Sakramente an.
c. Von der Freiheit eines Christenmenschen. In seinem Glauben ist der Mensch nur Gott verpflichtet.
1520: Der Ketzerprozeß gegen Luther beginnt. Es wird ihm der kirchliche Bann angedroht. Der Brief mit der
Androhung wird im Wittenberg von Luther öffentlich verbrannt.
1521: Reichstag zu Worms; Luther wird zum Verhör vor den Kaiser Karl V. geladen. Luther verteidigt seine
Reform-Thesen und seine Theologie. Darauf wird gegen Luther und seine Anhänger die Reichsacht
verhängt. Alle seine Schriften werden in Deutschland verboten.
1521: Luther hält unter dem Schutz Friedrich des Weisen 10 Monate auf der Wartburg versteckt. Er
übersetzt das Neue Testament.
1522: Ausbreitung reformatorischer Gedanken in ganz Deutschland. z. T. in extremer Form: Bilderstürmer,
Wiedertäufer und Schwärmer.
1525: Bauernkriege, Forderung der Bauern nach sozialer Gerechtigkeit und kirchlichen Reformen. Der
Theologe Thomas Münzer wird einer der Wortführer. Luther wendet sich gegen die Bauern mit seiner Schrift
"Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern". Seine konservative Haltung kostet Luther
seine Volkstümlichkeit. Niederlage der Bauernheere in der Schlacht bei Frankenhausen. Thomas Münzer
enthauptet.
1525: Große Städte schließen sich der Reformation an. Beginn der konfessionellen Spaltung Deutschlands.
Ausbreitung reformatorischer Gedanken nach Österreich, Ungarn, Niederlande, Schweiz.
1529: Reichstag zu Speyer. 6 evangelische Fürsten und 14 deutsche Städte protestieren ("Protestanten")
gegen Unterdrückung der Glaubensfreiheit in katholisch regierten deutschen Ländern.
1534 bis 1939: Württemberg, Sachsen, Pommern und Brandenburg werden protestantisch.
RU-Wissen und Meinung ­ Geschichte
Reformation (Chronologie) (II)
1530: Augsburger Reichstag. Unter der Leitung von Kaiser Karl V. sollten die religiösen Probleme in
Deutschland auf dem Verhandlungswege gelöst werden. Der evangelische Standpunkt wurde in der sog.
"Confessio Augustana" zusammenfassend dargelegt und von dem Theologen und Freund Luthers Philipp
Melanchthon vorgetragen und vertreten. (Die C.A. ist seitdem die wichtigste Bekenntnisschrift der
Evangelischen Kirchen. Auf ihre Glaubensaussagen werden evangelisch-lutherische Pfarrer bei ihrer
Ordination auch heute noch verpflichtet). Die katholischen Seite formulierte eine Erwiderung (Confutatio),
der sich der Kaiser anschloß. Die Evangelischen verließen daraufhin den Reichstag. Der mißlungene
Einigungsversuch verstärkte die Gegnerschaft zwischen den Konfessionen in erheblichem Maße.
1531: Gründung des Schmalkaldischen Bundes (Kriegsbündnis der Protestanten). Der Kaiser drohte den
evangelischen Städten und Fürsten offen mit Krieg, konnte aber in Deutschland zunächst nicht eingreifen,
da er vor allem durch die Abwehr der türkischen Bedrohung im Osten militärisch gebunden war.
1545 bis 1563: Konzil zu Trient (Tridentinum). Vor allem auf Betreiben des 1540 gegründeten
Jesuitenordens wurde dieses Konzil einberufen mit dem Ziel, die Protestanten zurückzudrängen und die
katholisch-kirchliche Einheit in Europa wiederherzustellen. Zahlreiche Mißstände in der katholischen Kirche,
die zum Entstehen der Reformation geführt hatten, wurden beseitigt. Gegenüber den Protestanten hielt man
aber an wichtigen Traditionen fest: Verbot der Priesterehe; hierarchischer Aufbau der Kirche mit dem Papst
als Stellvertreter Christi an der Spitze; Feier der Messe in lateinischer Sprache; Anspruch der römischen
Kirche, die allein seligmachende zu sein, u. a. Mit dem Tridentinum konnte die katholische Kirche ihre durch
die Reformation ausgelöste Krise überwinden. Seine Beschlüsse bildeten die Grundlage für die weitere
Entwicklung der katholischen Kirche bis in das 20. Jahrhundert hinein. Da die Protestanten auf dem Konzil
nicht zugelassen waren und auch nicht gehört wurden, wurde die Gegnerschaft zwischen den Konfessionen
für mehrere Jahrhunderte festgeschrieben.
1545 bis 1547: Schmalkaldische Kriege. Erst nachdem die Türkengefahr im Osten abgewehrt war, griff der
Kaiser militärisch in Deutschland ein. Mit Unterstützung der katholischen Mächte (Papst, Bayern) konnte
Karl V. die protestantischen Fürsten schlagen. Dem Protestantismus drohte zu diesem Zeitpunkt das
gewaltsame Ende. Doch grobe diplomatische Ungeschicklichkeiten des Kaiser brachten einige deutsche
Fürsten gegen ihn auf. Unter der Führung Moritz von Sachsen wechselten sie in das protestantischen Lager
über und machten damit alle Erfolge der katholischen Seite zunichte. Der Kaiser war gezwungen, den
Protestantismus in Deutschland zu dulden.
1546 am 18. 2.: Tod Luthers. Seine letzten Lebensjahre waren von Krankheit und Enttäuschungen, von
Bitterkeit und Schärfe gegenüber seinen Gegnern bestimmt. Als Initiator der Reformation und deren
geistiger Kopf blieb Luther anerkannt, er hatte aber kaum noch Einfluß auf den politischen Verlauf der
konfessionellen Auseinandersetzungen.
1555: Augsburger Reichstag. Auf ihm kam es zum sog. Augsburger Religionsfrieden, der die konfessionelle
Spaltung und Zersplitterung Deutschlands festschrieb. Es wurde eine Regelung getroffen, die bis in das 19.
Jahrhundert hinein weitgehend erhalten blieb: Religionsfreiheit gab es nur für den jeweiligen Landesherrn,
während sich die Untertanen der Konfession ihres Landesherrn anzuschließen hatten. Mit dem Augsburger
Religionsfrieden endete die erste Phase von Reformation und Gegenreformation in Deutschland.
RU-Wissen und Meinung ­ Geschichte
Die Reformation in Europa (III)
SCHWEIZ: Die Reformation in der Schweiz ist vor allem auf das Wirken der Theologen Zwingli und Calvin
zurückzuführen. Sie entwickelte sich weitgehend unabhängig und gegensätzlich zur Reformation in
Deutschland.
a. Huldrych Zwingli (1484-1531) wirkte vor allem in Zürich. Beeindruckt von Luthers persönlicher Haltung
dem Papst und dem Kaiser gegenüber und beeinflußt durch Luthers reformatorische Schriften, begann
Zwingli 1522 offen die kirchlichen Mißstände in Zürich anzuprangern. Vor allem forderte er die freie Predigt
des Evangeliums. Nachdem es ihm gelungen war, den Rat der Stadt für seine Sache zu gewinnen, breitete
sich von Zürich aus die Reformation auf andere Orte aus, vor allem nach Bern und Basel. Die Kantone
Schwyz, Uri und Unterwalden blieben katholisch. Als es nicht gelang, die konfessionellen Streitigkeiten
durch Gespräche zu klären, kam es 1531 zum Krieg. In der Schlacht von Kappel unterlagen die Züricher
dem katholischen Heer. Zwingli, der selbst an der Schlacht als Feldprediger teilnahm, wurde tödlich
verwundet. Dennoch blieb Zürich in der Folgezeit protestantisch.
b. Johann Calvin (1509-1564) stammte aus Frankreich. Während seines Studiums in Paris kam er zum
erstenmal mit Evangelischen in Berührung, denen er sich anschloß. 1536 siedelte er in die Schweiz nach
Basel und dann nach Genf über, das seit 1535 bereits protestantisch war. Calvin verfaßte hier zunächst sein
Theologisches Hauptwerk, die "Institutio religionis christianae". Als Prediger gewann er schnell großen
Einfluß in der Stadt und trotz erheblichen Widerstandes aus der Bevölkerung gelang es ihm, seine
Auffassungen von strenger Kirchenzucht und bürgerlicher Moral in der Stadt durchzusetzen. Calvin ging
dabei äußerst streng vor; einen seiner theologischen und politischen Gegner, Michael Servet, ließ Calvin
1553 öffentlich verbrennen. Von Genf aus verbreitete sich der Protestantismus Calvinscher Prägung bald in
ganz Europa und gelangte zu großem Einfluß in Frankreich, in den Niederlanden, in England und später
auch in Nordamerika. Zur lutherischen deutschen Reformation stand Calvin in starkem Gegensatz, der in
der unterschiedlichen Lehre vom Abendmahl besonders deutlich wurde.
ENGLAND: In England kam es nicht infolge einer religiösen Bewegung zur Reformation, sondern durch
einen Willkürakt des englischen Königs Heinrich VIII. Dieser verlangte vom Papst die Scheidung seiner
Ehe, und als der Papst ablehnte, erklärte Heinrich sich zum Oberhaupt der englischen Kirche. 1534
bestätigte das Parlament in der "Suprematsakte" die Loslösung der anglikanischen Kirche von Rom.
Kirchenverfassung, die Feier der Messe und Dogmen blieben zunächst aber weitgehend unverändert.
Versuche, die anglikanische Kirche dem Protestantismus zu öffnen, schlugen zunächst fehl. Doch öffnete
man sich im "Common Book of Prayer" (1547) und in den "42 Artikeln" (1552) vor allem in der
Abendmahlslehre evangelischen Auffassungen. Eine stärkere Hinwendung zum Protestantismus erfolgte in
der Staatskirche erst unter der Herrschaft von Königin Elisabeth (1558-1603). Eine streng reformatorisch-
calvinistische Auffassung vertraten die "Puritaner", die die anglikanische Staatskirche wegen ihrer Nähe
zum Katholizismus bekämpften und deswegen lange Zeit verfolgt wurden.
FRANKREICH: Hier hatte der Protestantismus besonders unter den Adeligen, aber auch im Volk zunächst
viele Anhänger, die sog. "Hugenotten", gefunden. Die katholische Kirche, mit dem Königshaus unter der
Regentschaft von Katharina von Medici eng verbunden, setzte der Reformation jedoch starken Widerstand
entgegen, der in den Jahren 1562-1598 zu den insgesamt acht "Hugenottenkriegen" führte. Am 23. August
1572 kam es zur sog. "Bartholomäusnacht", in der der Anführer der Hugenotten, Coligny, und viele
protestantische Adelige während einer Hochzeitsfeier hinterrücks ermordet wurden. In ganz Frankreich
begann eine grausame Verfolgung aller Evangelischen. Die Hugenottenkriege endeten 1598 mit dem Edikt
von Nantes, das den wenigen übriggebliebenen Protestanten in Frankreich eine beschränkte Duldung
gewährte.
RU-Wissen und Meinung ­ Geschichte
Hexenverfolgung (I)
1. Herkunft und Alter des Wortes "Hexe" sind heute nicht mehr exakt festzustellen. Es spricht vieles dafür,
daß es der alt-nordischen Sprache entstammt und sich aus "hagazussa" = Zaunreiterin entwickelt hat. Die
Völkerkunde (Ethnologie) bezeichnet "Hexen" als Personen, die angeblich oder wirklich versuchen, durch
Magie und Zauberei ihre Mitmenschen zu schädigen. In primitiven (ursprünglichen) Kulturen steht der
Hexenglaube oft in Zusammenhang mit religiösen Phänomenen wie Besessenheit, Trance oder
Schamanismus.
2. Für den Hexenglauben fast aller Kulturen sind folgende Merkmale mehr oder weniger typisch:
Hexen sind meist Erwachsene, mehrheitlich Frauen. Oft tragen sie bestimmte Erkennungsmerkmale im
oder am Körper, sog. Hexenmale. Von Hexen wird angenommen, sie könnten jegliche Form von Unglück
verursachen, Krankheit, Streit, Tod oder Naturkatastrophen. Aus Neid, Konkurrenz oder aus blanker
Bösartigkeit schädigen sie vor allem ihre nächsten Nachbarn oder Verwandten. Hexen sind nicht rein
menschlicher Natur. Sie sind von bösen Geistern besessen oder leben in direktem Kontakt mit ihnen und
tragen dämonische Substanzen, Tiere oder Zaubergegenstände in sich. Sie brechen bewußt alle Regeln
und gesellschaftliche Tabus: sie praktizieren Inzest, Kindestötung und verbotene Formen des
Sexualverkehrs; sie graben heimlich Leichen aus, gehen nackt umher, gehen rückwärts oder fliegen durch
die Luft. Hexen haben untereinander Kontakt. Sie treffen sich zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten
und feiern orgiastische Feste. Hexerei wird immer als Gegensatz zur Ethik und zu den Verhaltensnormen
einer Gesellschaft verstanden und wird deshalb öffentlich geächtet.
3. Im Hochmittelalter kam es in West-Europa zu einer Verschmelzung von vorchristlichem Hexen- und
christlichem Teufelsglauben. Hexen galten seitdem als mit dem Teufel im Bunde stehende Wesen, die als
Widersacher Gottes und Verführer der Menschen bekämpft werden mußten. Im Zusammenhang damit
stand die Mißachtung und Geringschätzung der Frau als dem "Einfallstor des Teufels", als einem
minderwertigen, für alles Böse besonders anfälligem Wesen.
4. Die Hexenverfolgungen entwickelten sich im Zusammenhang mit der Ketzerinquisition des Mittelalters.
Als Ketzer wurden von der Kirche die Menschen bezeichnet, die in Glaubensfragen von der offiziellen Linie
der Kirche abwichen und sich so der Häresie, der Irrlehre, schuldig machten. Wer als Ketzer überführt war
und keine Reue zeigte, wurde weltlichen Gerichten zur Bestrafung (meist zur Todesstrafe) überstellt. Nicht
selten wurden von Seiten der Inquisition die Geständnisse der Ketzer durch Folter erwirkt.
5. Die Methoden der Ketzerinquisition wurden bei den Hexenprozessen übernommen. Ein päpstlicher Erlaß
(Bulle) im Jahre 1484 leitete die Verfolgungen ein. Ihm folgte 3 Jahre später in Deutschland der sog.
"Hexenhammer", eine umfangreiche Schrift, die von zwei Ordensgeistlichen herausgegeben wurde. Der
"Hexenhammer" enthält neben einer Anleitung zur Durchführung von Hexenprozessen auch grundlegende
Überlegungen zu Magie, Zauber und Ketzerei. Auffällig sind dabei eine extreme Frauenfeindlichkeit und
Weltuntergangsphantasien: Die Erde würde untergehen, wenn die mit dem Teufel verbündeten Hexen in
ihrem schädlichen Tun nicht gehindert würden. Der Hexenhammer, nach dessen Anordnungen
wahrscheinlich Tausende von Prozessen durchgeführt wurden, sanktioniert ausdrücklich auch die Folter als
gerichtliche Methode zur Wahrheitsfindung.
6. Hexenverfolgungen und -prozesse gab es vom ausgehenden 15. Jahrhundert bis in die zweite Hälfte des
18. Jahrhunderts. Die Hauptgebiete der Verfolgungen in Deutschland lagen im Süden und im Westen.
Besondere Berühmtheit in diesem Zusammenhang haben die Städte Bamberg, Würzburg, Augsburg, Köln,
Minden, Paderborn und die Harzgegend erlangt.
RU-Wissen und Meinung ­ Geschichte
Hexenverfolgung (II)
1. Hexenverfolgungen gab es nicht nur in katholischen, sondern auch in protestantischen Gebieten. Martin
Luther selbst, und mit ihm auch andere Reformatoren, teilten weitgehend den Hexenglauben ihrer Zeit.
Auch Luther forderte den energischen Kampf gegen die Hexen, billigte die Folter und trat für die
Vernichtung der Hexen ein.
2. Unklarheit herrscht bis heute über die Zahl der zum Tode verurteilten und als Hexen verbrannten Frauen.
Allein für den deutschen Bereich gehen die Schätzungen von 100.000 bis 500.000. Historiker vermuten,
daß die Zahl der Opfer in ganz Europa in die Millionen geht.
3. Erst von der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts an gab es zunehmend kritische Stimmen von Theologen und
Juristen gegen Methoden und Praktiken der Hexenprozesse. Am bekanntesten wurde die "cautio criminalis"
des Friedrich Spee von Langenfeld, einem Jesuitenpater. 1631 wurde die in Paderborn verfaßte Schrift
anonym herausgegeben. Spee setzte sich in ihr kritisch mit den gängigen Formen des Aberglaubens
auseinander und verurteilte die willkürlichen Methoden der Hexenprozesse und die unmenschlichen
Folterpraktiken. Spee lehnte wohl die Hexenprozesse, nicht aber den Hexenglauben als solchen ab. Obwohl
Spees Schrift in Deutschland viel Aufsehen erregte und viele ihm in seiner Kritik folgten, hat es noch bis
spät ins 18. Jahrhundert hinein Hexenprozesse gegeben. 1775 wurde in Deutschland zum letzten Mal eine
Frau als Hexe verurteilt und hingerichtet.
4. Auf die Frage nach den Ursachen der Hexenverfolgungen ist bisher eine eindeutige und überzeugende
Antwort noch nicht gelungen. Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über die bisher diskutierten möglichen
Ursachen der Hexenverfolgungen gegeben werden.
a. Vor allem im vorigen Jahrhundert hat man die Hexenverfolgungen als Ausfluß mittelalterlichen
Aberglaubens und finsterer Wahnvorstellungen angesehen. Die als Hexen verbrannten Frauen seien Opfer
religiösen Wahns geworden, Opfer einer kollektiven Psychose. Der Hexenwahn sei als Verhängnis über
Europa gekommen, dem sich niemand habe entziehen können. Dieser Wahn habe abgenommen, je mehr
sich modernes, aufgeklärtes Denken bei den Menschen durchgesetzt habe.
b. Manche Historiker betrachten die als Hexen verfolgten Frauen vornehmlich als Opfer eines sozialen und
wirtschaftlichen Wandels in einer Zeit, als die mittelalterlichen sozialen und politischen Traditionen
zerbrachen. Unbewußt suchte man nach Sündenböcken für die Auflösungserscheinungen bestehender
gesellschaftlicher Ordnungen. Man fand sie in den "Hexen" wie auch in den jüdischen Teilen der
Bevölkerung. Massenelend und politische Konflikte, der unaufgeklärte Glaube an eine Welt voller Dämonen
und Teufel machten die Menschen empfänglich für das Gerede der Hexenrichter.
c. Vor allem feministisch orientierte Forscherinnen betrachten die Hexenverfolgungen in erster Linie als
einen Akt der Unterdrückung der Frau. Danach sollen die als Hexen verfolgten Frauen vor allem
Anhängerinnen eines vorchristlichen Fruchtbarkeitskultes, einer Art religiöser Geheimsekte, und
Trägerinnen eines verbotenen Wissens über Empfängnisverhütung und Abtreibung gewesen sein. Die enge
Beziehung, die den Frauen zur Natur und ihren Kräften gegeben ist, habe eine Bedrohung der leib- und
frauenfeindlichen, männerorientierten Kirchenideologie dargestellt und deshalb habe die mittelalterliche
Kirche die Anhängerinnen dieses Kultes grausam verfolgt und auszurotten versucht. Tatsache ist, daß in
den Hexenprozessen vielfach gegen "Hexenhebammen" polemisiert wird und daß weise Frauen und
Hebammen besonders oft als Hexen denunziert wurden.
RU-Wissen und Meinung ­ Geschichte
Hexenverfolgungen (III): Der Hexenprozeß
1. Anklage. Um jemanden vor das Hexengericht zu stellen, genügte schon die Anklage z.B. durch Kinder
oder neidische Nachbarn, Konkurrenten usw. Der Verteidiger wurde von den Richtern ausgewählt. Später
gab es bei den Hexenprozessen gar keine Verteidiger mehr, da es sich bei "Hexerei" um
"Ausnahmeverbrechen" handele. Anwälte, die zu sehr für die angeklagten Frauen eintraten, wurden selbst
der Hexerei verdächtigt. Es wurden auch nur Zeugen zugelassen, die die Angeklagten belasteten.
2. Vorwürfe. Die Anklagepunkte bezogen sich meist nicht auf beweisbare Tatsachen, sondern wiederholten
in sehr pauschaler Weise die herkömmlichen Verdächtigungen des "Hexenhammers" gegen die Frauen.
Diese Vorwürfe folgten einem festen Schema, das von Prozeß zu Prozeß weitergegeben wurde. Stereotype
Fragen der Richter an die Angeklagten waren z.B.: Wann ist der Teufel immer zu dir gekommen? Mittags,
abends oder nachts?- Mit welchen teuflischen Salben hast du das Vieh umgebracht? - Wie oft hast du
nachts Kinder ausgegraben? Hast du sie gebraten oder gekocht gegessen? - Wie oft im Jahr hast du bei
Hexentänzen mit dem Teufel Unzucht getrieben und in welcher Form? Usw.
3. Hexenproben. Nach Ansicht der Hexenverfolger hinterließ der Umgang der Hexe mit ihren teuflischen
Liebhabern Flecken auf der Haut, die blutleer und schmerzunempfindlich sein sollten. Man suchte Warzen,
Muttermale oder Ähnliches auf der Haut der Angeklagten und stach hinein, nachweislich auch mit
präparierten, einziehbaren Messern, die keinen Schmerz verursachten. Die Frau galt dann als Hexe
überführt. Man meinte auch, daß eine Hexe ein besonders geringes Körpergewicht haben müsse, weil sie
dem Teufel ihr "Inneres", ihre Seele gegeben habe. Also brauchte man sie nur an Händen und Füßen
gefesselt ins Wasser zu werfen, um zu sehen, ob sie unterging. In manchen Städten gab es sogenannte
Hexenwaagen, mit deren Hilfe sich verfolgte und bedrohte Frauen urkundlich ein normales menschliches
Gewicht bescheinigen lassen konnten bzw. mußten.
5. Folter. Blieb die Angeklagte trotz schwerer Folter standhaft, war dies ein Zeichen dafür, daß sie mit dem
Teufel im Bunde stand. Denn wer sonst als der Teufel konnte sie die Schmerzen ertragen lassen? Auch der
Widerruf nach der Folter wurde als teuflisches Machwerk angesehen. Die "peinliche Befragung", wie die
Folter offiziell hieß, gehörte in Europa bis ins 18. Jahrhundert hinein zur üblichen Gerichtspraxis, nicht nur
bei den Hexenprozessen. Bei anderen Verfahren war aber mehr Kontrolle durch die Gerichte möglich.
6. Denunziation. Unter der Folter wurden die Angeklagten oft auch aufgefordert, andere Personen zu
benennen, die mit ihnen auch teuflische Hexerei betrieben. Oft sagten die Richter oder Folterknechte den
angeklagten Frauen die Namen ihrer persönlichen Gegner vor, um sie zu schädigen oder auch zu
beseitigen. Die durch die Richter selbst gesteuerten Denunziationen führten zur immer stärkeren
Ausweitung des Teufelskreises von Anklage, Folter und Verurteilung. Oft konnte die Prozeßwelle nur durch
heftig wachsenden Unmut der Bürger gebremst werden, die um den Zusammenbruch des Geschäftslebens
und um ihr eigenes Leben fürchten mußten. Bezeichnenderweise waren die Hexenrichter oft
umherwandernde Geistliche oder Juristen. Sie konnten ihr Wirken nach Abflauen der Verfolgung in einer
Stadt an einem anderen Ort fortführen.
7. Geständnis und Urteil. Das meist unter Folter erzwungene Geständnis bestätigte fast immer die in der
Anklage pauschal erhobenen Vorwürfe. Fast ausnahmslos wurden die der Hexerei verdächtigten Frauen
zum Tode durch Verbrennen verurteilt. Als Gnadenerweis wurde manchen besonders gefügigen Opfern vor
der Verbrennung die Erdrosselung zugestanden. Der Feuertod sollte die gereinigte Seele der Hexe in den
Himmel eingehen lassen.
RU-Wissen und Meinung ­ Geschichte
Die Soziale Frage im 19. Jahrhundert (I)
1. Die industrielle Revolution in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts führte in Europa zu großen
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen, vor allem wegen der radikalen Veränderungen in der
Arbeitswelt. Die Ursachen für diese Revolution waren:
a. ein ungeheurer technischer Fortschritt, der zu einem immer umfangreicheren Einsatz von Maschinen in
der Produktion und zur Entstehung großer Fabriken führte. (Im 19. Jahrhundert sind mehr technische
Erfindungen gemacht worden als in der ganzen Menschheitsgeschichte vorher). Die Entwicklung der
Dampfmaschine bedeutete dabei einen entscheidenden Durchbruch. Jetzt konnten maschinenbestückte
Produktionsanlagen auch dort errichtet werden, wo Wasserkraft nicht ausreichte oder gar nicht vorhanden
war. Die Erfindung der Eisenbahn und der Ausbau von Transportwegen förderte den technischen Fortschritt
und führte zur Erschließung neuer Absatzmärkte für die Fabrikprodukte.
b. Im Zusammenhang mit diesem technisch-wirtschaftlichen Fortschritt entwickelte sich das kapitalistisch-
liberale Wirtschaftsdenken, das nicht auf das Wohl des Menschen ausgerichtet war, sondern das sich
ausschließlich an Wachstum und Gewinn des Unternehmers orientierte. Konkurrenzdenken,
Gewinnmaximierung, Ausbau des Unternehmens möglichst zum Großbetrieb, Arbeitsteilung und
Spezialisierung waren die Merkmale des frühkapitalistischen Systems.
2. Die Kehrseite dieser Entwicklung waren schwerwiegende soziale Probleme der arbeitenden Bevölkerung.
Sie brachte für Millionen von Menschen großes soziales Elend, das bis weit in die 2. Hälfte des 19.
Jahrhunderts alle Bereiche des Lebens der arbeitenden Bevölkerung erfaßte. Wer außer seiner Arbeitskraft
nichts besaß, konnte von den Fabrikherren rücksichtslos ausgebeutet werden. Es entstand der besitzlose
Arbeiterstand, das "Proletariat". Seine soziale Lage war durch folgende Tatbestände gekennzeichnet:
a. Arbeitszeit: In der Frühzeit der industriellen Revolution betrug die tägliche Arbeitszeit 14 und mehr
Stunden, und zwar für Männer, Frauen und Kinder. Urlaub gab ist nicht, selbst der Sonntag war für die
meisten Arbeiter ein Arbeitstag. Da das Angebot an Arbeitskräften riesengroß war, konnten die Löhne unter
das Existenzminimum gedrückt werden. Die Folge war, daß die Menschen trotz harter Arbeit hungerten.
b. Nahrungsmangel: Die explosive Bevölkerungszunahme in Europa auf ca. 280 Millionen im Jahr 1850
brachte einen Mangel und eine Verteuerung der Grundnahrungsmittel mit sich, unter der besonders die
Arbeiter zu leiden hatten.
c. Kinderarbeit: Kinder, die ab 6, manchmal sogar schon ab 4 Jahren in den Bergwerken arbeiten mußten,
waren keine Seltenheit. Wegen der dadurch verursachten zunehmenden Wehruntauglichkeit der Jungen
erließ die preußische Regierung im Jahr 1839 erste Gesetze zur Einschränkung der Kinderarbeit.
d. Wohnungsnot: Die Arbeiterfamilien wohnten zu Beginn der Industrialisierung unter Bedingungen, die
denen in den Slums der Dritten Welt heute vergleichbar sind. Noch Ende des 19. Jahrhunderts lebten in
Berlin ca. 600.000 Menschen in feuchten Kellerwohnungen und Scheunen. Tuberkulose war in den
Arbeiterfamilien weit verbreitet. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Arbeiters betrug deshalb in
manchen Städten nur 17 Jahre; bei der wohlhabenden Bevölkerung war sie doppelt so hoch.
e. Bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gab es keine wirksamen Arbeitsschutzgesetze, keine
Sozialgesetzgebung und keine Interessenvertretung für die Arbeiter. Im Krankheitsfall wurden die Arbeiter
entlassen und an die Armenfürsorge verwiesen.
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Die Soziale Frage im 19. Jahrhundert (II)
1. Die wachsenden Klassenunterschiede und die Verelendung unter den Arbeitern in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts führten immer wieder zu Arbeiteraufständen. Der schlesische Weberaufstand im Jahr
1844, bei dem sich der Obrigkeitsstaat einseitig auf die Seite der Fabrikbesitzer stellte und der von der
Polizei brutal unterdrückt wurde, wurde dabei zum Symbol für die Unfähigkeit von Staat und Gesellschaft,
mit den Folgen der Industrialisierung fertig zu werden.
Bei vielen Zeitgenossen lösten die ungerechten wirtschaftlichen Verhältnisse und die soziale Verelendung
von Millionen von Menschen Überlegungen aus, wie die Situation grundsätzlich zu bessern sei.
2. Eine radikale, auf grundsätzlichen philosophischen und geschichtsphilosophischen Überlegungen
beruhende Antwort gaben Karl Marx und Friedrich Engels. Unter dem Eindruck des Massenelends in
Deutschland und vor allem auch in England veröffentlichten sie 1848 das "Manifest der Kommunistischen
Partei", worin sie die Grundlagen für ihre Theorie des Kommunismus entwickelten. Sie bezeichneten darin
die gesamte Menschheitsgeschichte als eine Geschichte von Klassenkämpfen zwischen Besitzenden und
Besitzlosen, Ausbeutern und Ausgebeuteten, zwischen Unterdrückern und Unterdrückten. Marx und Engels
sagten (fälschlicherweise) voraus, daß es zu einem totalen Zusammenbruch des kapitalistischen
Wirtschaftssystems und zur Revolution, d.h. zur Übernahme der Macht durch die Arbeitermassen ("Diktatur
des Proletariats") kommen werde. Das "Kommunistische Manifest" verstanden Marx und Engels als Aufruf
an die Proletarier, sich zum Kampf gegen die herrschende Klasse zu vereinen und die Revolution
herbeizuführen. Sie werde zwangsläufig zum Kommunismus führen, zu einer Welt- und Wirtschaftsordnung,
in der Privateigentum und Religion abgeschafft sei, in der es unter der Führung des Proletariats keine
Ausbeutung und kein soziales Elend mehr geben werde und in der der Mensch in Selbstbestimmung und
Freiheit leben könne.
3. Schon bevor Marx und Engels mit ihrem Kommunistischen Manifest an die Öffentlichkeit traten, gab es
auf der Seite der katholischen Kirche eine Reihe von Männern, die schon früh sozialreformerische
Gedanken entwickelten und die für eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Kehrtwendung zugunsten der
Arbeiter eintraten. Übereinstimmend kritisierten sie das kapitalistische System, in dem die besitzende
Klasse auf Kosten der Arbeiter immer mehr Geld anhäufe und die Arbeiter zu Sklaven degradiere. So
forderte der Mainzer Erzbischof Emmanuel von Ketteler eine gerechtere Gesellschaftsordnung, die aber
nicht auf dem Wege des Revolutionskampfes, sondern nur im christlichen Geist erreicht werden könne.
4. Besonders bekannt wurde der ehemalige Schustergeselle und spätere Priester Adolf Kolping (1813-
1865). Er wandte sich weniger an die Fabrikarbeiter als an die Handwerksgesellen, deren soziale Lage nicht
wesentlich besser war als die der Arbeiter. Seine 1846 gegründeten katholischen Gesellenvereine breiteten
sich schnell über ganz Deutschland aus. Das Schwergewicht seiner praktischen Arbeit lag in der Förderung
des Vereinslebens, das wesentlich in religiöser Belehrung, beruflicher Weiterbildung und familiärer
Geselligkeit bestand. In den Kolpingvereinen fanden damals viele entwurzelte Menschen ihre geistige und
religiöse Heimat.
RU-Wissen und Meinung ­ Geschichte
Die Soziale Frage im 19. Jahrhundert (III)
1. Später als auf katholischer Seite begann man in der evangelischen Kirche auf die großen sozialen
Probleme der Menschen zu reagieren. Man forderte dabei jedoch keine grundsätzlichen gesellschaftlichen
und wirtschaftspolitischen Veränderungen. Vielmehr distanzierte man sich von allen revolutionären
Forderungen, etwa nach gerechten Löhnen oder nach Beseitigung der ausbeuterischen, kapitalistischen
Wirtschaftsordnung und der menschenunwürdigen Arbeitsverhältnisse in den Fabriken. Man versuchte,
unter Beibehaltung der bestehenden Ordnungen einzelnen notleidenden Menschen und Gruppen, die die
Opfer des bestehenden Systems waren, direkt zu helfen.
2. Ein eindrucksvolles Beispiel für soziale Tätigkeit dieser Art gab Johann Hinrich Wichern (1808-1881). Als
Leiter der Hamburger Sonntagsschule hatte Wichern Erfahrungen mit kindlicher Verwahrlosung und mit den
Folgen exzessiver Kinderarbeit gemacht. Sie führten ihn zu dem Entschluß, eine Einrichtung für obdachlose
und verwaiste Kinder und Jugendliche zu gründen. Wichern erwarb im Jahre 1833 eine alte Hamburger
Bauernkate mit dem Namen "Das Rauhe Haus". Sie wurde zum Ausgangspunkt für eine Art Kinderdorf, in
dem Kinder gesammelt und in eigenen Werkstätten handwerklich ausgebildet wurden. Bis zu 12 Kinder
wurden in "Familien" zusammengefaßt und von Diakonen ("Brüdern") pädagogisch betreut und religiös
unterwiesen. Wichern wollte sich damit von den üblichen staatlichen Erziehungs- und Arbeitshäusern für
Kinder absetzen, in denen die Kinder nicht selten ausgebeutet und mißhandelt wurden. Sein Ziel war es,
eine familiäre Atmosphäre in Liebe, Freundlichkeit und Geborgenheit zu schaffen und den Kindern eine
bürgerliche Existenz zu ermöglichen.
3. Wichern wandte sich später auch den Problemen der Strafgefangenen und der obdachlosen und kranken
Arbeiter zu. Im besonderen wollte er die Menschen erreichen, die sich in ihrer sozialen Not von der Kirche
im Stich gelassen fühlten und die die Verbindung zum christlichen Glauben verloren hatten. Wichern nannte
seine sozialen und seelsorgerlichen Bemühungen "Innere Mission". Es gelang ihm, auf dem Kirchentag in
Wittenberg 1848 den Centralausschuß für Innere Mission zu gründen, von dessen Tätigkeit man sich einen
Beitrag zur Beseitigung gesellschaftlicher Mißstände, aber auch die Rückgewinnung der der Kirche
entfremdeten Menschen versprach. Die Innere Mission entwickelte sich zu einem großen Verband, der in
allen Teilen Deutschlands und in vielfältigen sozialen Bereichen (Gesundheitsfürsorge, Jugendarbeit,
Gefangenenbetreuung, Gründung von Arbeiterkolonien) tätig wurde.
4. Auf die sozialen und familiären Probleme von unverheirateten Frauen und Mädchen versuchte die
Hamburger Kaufmannstochter Amalie Sieveking (1794-1859) aufmerksam zu machen. Sie gründete einen
Verein für Armen- und Krankenpflege und forderte die Gründung einer evangelischen Schwesternschaft und
die Einführung des Diakonissenamtes in der evangelischen Kirche.
5. Der Pfarrer Theodor Fliedner (1800-1864) nahm diese Gedanken auf und gründete in Kaiserswerth bei
Düsseldorf eine Diakonissenanstalt, die zugleich Krankenhaus und Ausbildungsstätte für
Krankenschwestern war. Später wurde ein Waisenhaus, ein Kindergarten und ein Asyl für entlassene
weibliche Strafgefangene angegliedert. Die Kaiserswerther Diakonissenanstalt wurde Vorbild für ähnliche
Werke in aller Welt.
6. Für das Verhältnis von Kirche und Arbeiterschaft hat es sich verhängnisvoll ausgewirkt, daß Wichern und
andere kirchliche Sozialreformer wegen ihrer konservativen, antidemokratischen und antisozialistischen
Grundhaltung keinen Zugang zu den Führern der Arbeiterbewegung fanden und das Gespräch mit ihnen
ablehnten. Für viele Angehörige der Arbeiterklasse wiederum waren die christlichen Appelle der Kirchen an
Liebe und Brüderlichkeit allein ungeeignet, um die ungerechten Zustände schnell zu beseitigen.
RU-Wissen und Meinung ­ Geschichte
Kirche und Nationalsozialismus (I)
1. Es ist eine Tatsache, daß Hitler und seine Partei gerade in evangelischen Kreisen großen Anklang
fanden und von vielen Evangelischen gewählt wurden. Vor Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 gab es
in der evangelischen Kirche nur verhältnismäßig wenige, die die wahren Ziele des Nationalsozialismus und
die Unvereinbarkeit von Christentum und NS-Ideologie erkannten. Wie die Nazis grundsätzlich zu
Christentum und Kirche standen, hatte die NSDAP schon 1920 in ihrem Parteiprogramm mit dem Stichwort
"positives Christentum" zum Ausdruck gebracht. Besonders evangelische Christen meinten, die Partei wolle
sich damit für eine klare christliche Haltung einsetzen. In Wirklichkeit verstanden die Nazis unter diesem
Schlagwort nichts anderes als ein "arisches", germanisches "Christentum der Tat" nach der Devise
"Gemeinnutz geht vor Eigennutz". Viele Christen erhofften sich durch die Nationalsozialisten die
Wiederherstellung von Recht und Ordnung im Lande und die Beseitigung der Arbeitslosigkeit und des
Hungers. Sie identifizierten sich aber auch mit den nationalistischen und judenfeindlichen Zielen der Partei.
2. Nach ihrem Wahlerfolg 1930 versuchte die NSDAP zunächst die Kirchen für sich zu gewinnen. SA-Leute
besuchten in ganzen Gruppen, in Uniform und mit der Hakenkreuzfahne voran, die Gottesdienste. Hitler
selbst, der der katholischen Kirche angehörte, ließ sich gern wirkungsvoll als Kirchgänger abbilden. Die
(zunächst) betont kirchenfreundliche Haltung der Nazis hob sich für viele Christen erfreulich ab von der
antikirchlichen Agitation besonders der kommunistischen Gruppen. Auch eine (allerdings lautstarke)
Minderheit von Pfarrern sympathisierte offen mit den Nationalsozialisten. So hielt der braunschweigische
Bischof Beye 1931 bei einem Gauparteitag der NSDAP einen Feldgottesdienst in SA-Uniform ab.
3. Seit 1932 versuchten dann die Nazis, die Evangelische Kirche von der Basis her zu erobern, indem sie
sich massiv in die Kirchenwahlen einmischten. Unter Leitung des Berliner Pfarrers Hossenfelder
organisierten sie sich als "Deutsche Christen" (DC). Ihre Ziele legten die DC in den "Richtlinien der
Glaubensbewegung Deutscher Christen" nieder. Darin heißt es:
"... Wir bekennen uns zu einem bejahenden artgemäßen Christus-Glauben, wie er deutschem Luther-Geist
und heldischer Frömmigkeit entspricht. ... Wir sehen in Rasse, Volkstum und Nation uns von Gott
geschenkte und anvertraute Lebensordnungen, für deren Erhaltung zu sorgen uns Gottes Gesetz ist. Daher
ist der Rassenvermischung entgegenzutreten. ... Wir fordern aber auch den Schutz des Volkes vor den
Untüchtigen und Minderwertigen. Die Innere Mission darf keinesfalls zur Entartung unseres Volkes
beitragen. ... Wir lehnen die Judenmission in Deutschland ab, solange die Juden das Staatsbürgerrecht
besitzen und damit die Gefahr der Rassenverschleierung und -bastardierung besteht. ..."
4. Dank kräftiger Unterstützung durch die Partei konnten die DC ein Drittel der Stimmen bei den kirchlichen
Wahlen 1932 gewinnen. Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 feierten sie mit Dankgottesdiensten und
strebten nun selbst innerhalb der Evangelischen Kirche die Machtübernahme an. Unter Leitung des von
Hitler bevollmächtigten Pfarrers Ludwig Müller besetzten SA-Einheiten das Gebäude des
Kirchenbundesamtes in Berlin und rissen die Leitung der Kirche an sich. Sofort wurden für ganz
Deutschland neue Kirchenwahlen angesetzt, und aufgrund auch des persönlichen Einsatzes Hitlers gelang
den Deutschen Christen ein überwältigender Sieg. In den meisten Landeskirchen (außer Bayern,
Württemberg und Hannover) konnten sie die Herrschaft übernehmen. Ludwig Müller wurde dann Ende
September 1933 zum Evangelischen Reichsbischof gewählt. Die "Machtergreifung" der Deutschen Christen
schien geglückt.
5. Eine Wende in der Stimmung der meisten Evangelischen in Deutschland brachte jedoch eine
Großkundgebung der DC im November 1933 im Berliner Sportpalast. Dort forderte man die Abschaffung
des Alten Testamentes, die Beseitigung der "jüdischen Theologie" des Paulus und die Verkündung eines
heldischen, germanischen Jesus. Ein breiter Protest erhob sich in der kirchlichen Öffentlichkeit.
Evangelische Christen, denen erst jetzt deutlich wurde, wie weit der Glaube der DC mit der NS-Ideologie
gleichgeschaltet war, wandten sich massenweise von den DC ab.
RU-Wissen und Meinung ­ Geschichte
Kirche und Nationalsozialismus (II)
1. Gegen die Irrlehren und Rechtsbrüche der Deutschen Christen (DC) setzten sich sehr bald Christen zur
Wehr, die sich zur "Bekennenden Kirche" (BK) zusammenschlossen. Sie verstanden ihre Kirche nicht als
Kirchenpartei, sondern als die einzige rechtmäßige Evangelische Kirche in Deutschland. Vor allem aus
theologischen Gründen lehnten sie eine Unterordnung der Kirche unter Partei und NS-Staat ab. Sie sahen
in der Rassenideologie eine besondere Form der Verherrlichung und Vergötzung des Menschen. Einen
entscheidenden Beitrag zur Entstehung der "Bekennenden Kirche" leistete der Schweizer Pfarrer Karl Barth
mit seiner 1933 erschienenen Schrift "Theologische Existenz heute". Barth forderte darin die Kirche zu einer
Neubesinnung über ihr eigentliches Wesen und ihren Auftrag auf. Die Kirche dürfe sich an keine Ideologien,
sondern allein an die Heilige Schrift und an das überlieferte Bekenntnis binden.
2. Auch der Berliner Pfarrer Martin Niemöller beeinflußte wesentlich die theologische Richtung der
Bekennenden Kirche und ihren Widerstand gegen die Nazi-Ideologie. Auf seine Initiative hin wurde 1933
der "Pfarrernotbund" gegründet. Anlaß dazu war der Protest gegen den Beschluß der Generalsynode der
preußischen Landeskirche, Pfarrer und Kirchenbeamte jüdischer Abstammung aus ihren Ämtern in der
Kirche zu entlassen. Bis Januar 1934 schlossen sich etwa 7000 evangelische Pfarrer dem Notbund an. Eine
seiner Aufgaben sah dieser Bund darin, Christen, die um ihres Bekenntnisses willen durch die Nazis verfolgt
wurden, zu beraten und zu unterstützen.
3. Widerstand gegen die totale Vereinnahmung der Kirche durch die Nationalsozialisten leisteten vor allem
aber die Gemeinden, in denen sich bekenntnistreue Gemeindeglieder z.T. gegen ihre DC-Pastoren
zusammenschlossen. In einzelnen Landeskirchen bildeten sich aus bekenntnistreuen Pfarrren und
Gemeindegliedern Synoden, die sich in direkten Gegensatz zur nationalsozialistisch beeinflußten
Reichskirche des Reichsbischofs Müller setzten. Fortgeführt wurden aber auch die teilweise gewaltsamen
Versuche des von den Nazis unterstützten Reichsbischofs, möglichst alle Landeskirchen mit der
Reichskirche gleichzuschalten. Sie scheiterten vor allem am Widerstand der "intakten", bekenntnistreuen
Landeskirchen Württemberg, Bayern und Hannover. Die Bischöfe Wurm und Meiser wurden unter
Hausarrest gestellt, und nur weil Hitler wegen der Proteste aus dem Ausland politische Nachteile
befürchtete, wurden sie wieder freigelassen.
4. Zu einem deutlichen Protest gegen die nationalsozialistische Unterwanderung der Kirche und den
Totalitätsanspruch der Nazis kam es auf der Bekenntnissynode von Barmen im Mai 1934. Vertreter aller
widerstandleisten- den Gruppen in der Evangelischen Kirche formulierten dort ein gemeinsames
Bekenntnis, das als "Theologische Erklärung von Barmen" richtungweisend für den ganzen Kirchenkampf
wurde. In dieser Erklärung heißt es:
Art.1: " ... Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung
außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und
Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen."
Art. 3: " ... Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer
Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen
Überzeugungen überlassen. ...
Art. 5: " ... Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen
Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem
Organ des Staates werden."
5. Innerhalb der "Bekennenden Kirche" bildeten sich jedoch bald zwei Gruppen: a) ein lutherischer Flügel,
der unter Berufung auf Paulus ("Jedermann sei untertan der Obrigkeit; ... denn es gibt keine Obrigkeit, die
nicht von Gott kommt". Römer 13) keinen weiterführenden, grundsätzlichen, offenen Widerstand gegen den
Staat leisten wollte und b) eine Gruppe, die sich um Martin Niemöller sammelte und sich aktiv -zumindest in
Predigten und Flugblattaktionen- gegen nationalsozialistische Rechtsbrüche zur Wehr setzte.
RU-Wissen und Meinung ­ Geschichte
Kirche und Nationalsozialismus (III)
1. Die katholische Kirche stand dem Nationalsozialismus zunächst völlig ablehnend gegenüber. Bis in das
Jahr 1933 hinein waren erklärte Nazis nicht zu den Sakramenten zugelassen; sie wurden auch nicht
kirchlich beerdigt. Doch ähnlich wie die evangelische Kirche näherte sich auch die katholische Kirche den
Nationalsozialisten, von denen sie mit taktisch klugen Zugeständnissen umworben wurde. Im Sommer 1933
schloß Hitler mit ihr das Reichskonkordat ab, einen Vertrag, in dem der Katholischen Kirche in Deutschland
die Freiheit ihres Bekenntnisses sowie die Erhaltung des Religionsunterrichtes und der Bekenntnisschulen
zugesichert wurde. Wenige Monate später jedoch sah sich auch die Katholische Kirche gezwungen, ihre
vorübergehende Unterstützung der Nazis aufzugeben. Es wurde deutlich, daß die Nazis die Kirchen aus der
Öffentlichkeit verdrängen und ihre Selbständigkeit beseitigen wollten. Kirchliche Organisationen wie die
Jugendverbände wurden aufgelöst und in die entsprechenden Parteiorganisationen überführt. Es dauerte
aber bis 1937 bis Papst Pius XI. in Absprache mit den deutschen Bischöfen in der Enzyklika "Mit
brennender Sorge" gegen die Ideologie und Gewaltmaßnahmen der Nazis Stellung nahm. Größte
öffentliche Wirkung gewannen 1941 drei Predigten des Bischofs von Münster, Graf von Galen. Darin
prangerte er Verfolgung, Willkür und Rechtlosigkeit des nationalsozialistischen Staates an und wandte sich
gegen die Tötung geistig und körperlich kranker Menschen durch die Nazis. Hitler wagte es nicht, gegen den
Bischof vorzugehen. Viele Priester jedoch, die seine Predigten in den Gottesdiensten verlasen, wurden
verfolgt, verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt.
2. Im Mai 1936 verfaßte der radikale Flügel der Bekennenden Kirche eine Denkschrift an Hitler, in der man
grundsätzliche Kritik am NS-Staat übte und gegen die Verletzungen der Menschenrechte protestierte. Einer
der Autoren, Friedrich Weißler, wurde daraufhin von den Nazis ins KZ Sachsenhausen gebracht und
hingerichtet. Viele Pfarrer und Mitarbeiter der Bekennenden Kirche wurden ihres Amtes enthoben, erhielten
Rede- oder Aufenthaltsverbot oder wurden in "Schutzhaft" genommen, wurden gefoltert und getötet.
3. Je länger der Kirchenkampf dauerte, um so mehr wurde Martin Niemöller im In- und Ausland zum
Symbol der kirchlichen Opposition. Er wurde 1938 wegen Kanzelmißbrauchs und Widerstandes gegen die
Staatsgewalt zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Als persönlicher Gefangener Hitlers blieb er bis zum
Kriegsende in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau. Für einen aktiven und politischen
Widerstand der Kirche gegen die Nazis trat Dietrich Bonhoeffer ein. Er knüpfte als Mitglied der
Bekennenden Kirche Kontakte zu kirchlichen Kreisen im Ausland. 1943 wurde er deswegen verhaftet und
im April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet.
4. Neben den vielen Christen, die Widerstand zu leisten versuchten, gab es in beiden Kirchen auch solche,
die sich aus grundsätzlichen theologischen Erwägungen nicht in totalen Gegensatz zum Staat stellen
wollten. Das zeigte sich besonders im Krieg, als man, obwohl gegen die Nazis eingestellt, das Vaterland
nicht im Stich lassen wollte und das Nazi-Regime mit der Waffe verteidigte. Martin Niemöller hat später
erkannt und bekannt, daß der kirchliche Widerstand nicht so radikal und massiv gewesen war, wie es von
den christlichen Kirchen eigentlich zu erwarten gewesen wäre.
5. Die Evangelische Kirche hat am 30. Oktober 1945 die "Stuttgarter Schulderklärung" veröffentlicht, in der
sich evangelische Christen zu ihrer Mitverantwortung an den Vorgängen im "Dritten Reich" bekennen. In
diesem Schuldbekenntnis heißt es: "... Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder
gebracht worden. ... Wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher
geglaubt und nicht brennender geliebt haben."
An diesem Bekenntnis wird jedoch kritisiert, daß es nicht konkret die Mitschuld an den Nazi-Verbrechen
nennt und mit keinem Wort auf den Holocaust eingeht. Von vielen Christen in der Evangelischen Kirche
wurde auch dieses vage formulierte Schuldbekenntnis als zu weitgehend abgelehnt.
RU-Wissen und Meinung ­ Gesellschaft
Flüchtlinge/Asylbewerber: zur Rechtslage
1. Nicht alle Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, sind Flüchtlinge im völkerrechtlichem Sinn. Als
Flüchtlinge werden nur die Menschen anerkannt, die durch staatliche Organe (Polizei, Geheimpolizei usw.)
und aus politischen Gründen verfolgt werden.
2. Die Bundesrepublik Deutschland hat das individuelle Recht auf politisches Asyl in die Verfassung
aufgenommen. Die Entstehungsgeschichte dieses Asylrechts ist von Erfahrungen geprägt, die die
Deutschen mit den Verfolgungen durch die nationalsozialistische Herrschaft gemacht haben. Tausende von
Deutschen hatten in der Zeit von 1933 bis 1945 als politisch und rassisch Verfolgte Zuflucht in vielen
Ländern der Welt gefunden.
3. Folgende Artikel unserer Verfassung sind in diesem Zusammenhang wichtig:
·
Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller
staatlichen Gewalt. Das deutsche Volk bekennt sich daher zu unverletztlichen und unveräußerlichen
Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit
in der Welt.
·
Artikel 3: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner
Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner
religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.
·
Artikel 16: Kein Deutscher darf an das Ausland ausgeliefert werden. Politisch Verfolgte genießen
Asylrecht.
4. 1992 wurde dieser Grundgesetzartikel durch den Bundestag ergänzt. Einen Antrag auf Asyl kann nur
noch der Ausländer stellen, der sich nicht schon vorher in einem Land aufgehalten hat, das ihm auch Asyl
hätte gewähren können. Dem antragstellenden Asylbewerber stehen nicht mehr alle Instanzen des
Rechtsweges offen. Außerdem erstellte die Regierung eine Liste von Ländern, in denen es politische
Verfolgung nicht gibt und für deren Staatsangehörige ein Asylantrag von vornherein keine Aussicht auf
Erfolg haben würde. Solche Asylbewerber, von denen man vermutet, daß sie vor allem aus wirtschaftlichen
und nicht aus politischen Gründen um Asyl nachsuchen, sollen unverzüglich in ihre Heimatländer
abgeschoben werden. 2/3 aller Asylsuchenden jedoch, deren Antrag abgelehnt wird, können aus
humanitären Gründen trotzdem in Deutschland bleiben. Dazu gehören u.a. kranke Asylsuchende;
Angehörige von Asylberechtigten, die selbst nicht asylberechtigt sind. (Deren Aufenthalt ist nicht
rechtmäßig, sondern lediglich straffrei); Staatenlose, die in keinem anderen Staat Aufnahme finden können.
5. Rechtliche Gültigkeit in Deutschland hat auch die "Erklärung der Menschenrechte" (1948), in denen es
u.a. heißt:
·
Artikel 2: Jedermann hat Anspruch auf die in dieser Erklärung proklamierten Rechte und Freiheiten ohne
irgendeine Unterscheidung, wie etwa nach Rasse, Farbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder
sonstiger Überzeuung, nationaler oder sozialer Herkunft, nach Vermögen oder sonstigem Status...
·
Artikel 4: Jedermann hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.
·
Artikel 5: Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung
oder Strafe unterworfen werden.
·
Artikel 14: Jedermann hat das Recht, in anderen Ländern Asyl zu suchen und zu genießen.
6. Die Bundesrepublik Deutschland ist außerdem der "Genfer Flüchtlingskonvention" von 1951 beigetreten.
In diesem internationalen Vertrag sind der Schutz und die Rechte von Flüchtlingen geregelt. Danach ist ein
Flüchtling jede Person, die "aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion,
Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung
sich außerhalb des Heimatlandes befindet." Die "Organisation für Afrikanische Einheit" (OAU) hat in einer
Erklärung von 1965 diesen Flüchtlingsbegriff erweitert: Flüchtling ist danach auch der Mensch, der aufgrund
einer kriegerischen Situation seine Heimat zu verlassen gezwungen ist. Diese Definition ist auch von der
Bundesrepublik anerkannt.
RU-Wissen und Meinung ­ Gesellschaft
Biblisch-Theologische Überlegungen zur Ausländerfrage
Der christliche Glaube gibt u.a. folgende Orientierungen und Anregungen für den Umgang mit Menschen,
die als Asylbewerber oder Flüchtlinge in unser Land kommen:
1. Der Schutz der Fremdlinge und Ausländer spielt in den Gesetzen und Geboten des Alten Testaments
eine große Rolle. Dahinter steht die Erfahrung des Volkes Israel, daß es selbst als fremdes Volk lange Zeit
in Ägypten, in der Fremde, leben mußte. Dazu drei Texte aus dem Pentateuch (5 Bücher Mose):
2.Mose 23,9: Die Fremden sollt ihr nicht unterdrücken. Denn ihr wißt, wie es den Fremden ums Herz ist,
weil ihr selbst auch Fremdlinge gewesen seid.
3.Mose 15,15: Für euch und für die Fremden, die bei euch leben, gilt ein und dieselbe Regel von
Generation zu Generation: Gleiches Recht und gleiches Gesetz gilt für euch und für die Fremden, die bei
euch leben.
4. Mose 19,33: Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst
ihn achten wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremde gewesen in Ägypten. Ich bin der Herr, euer Gott.
2. Eines der wichtigsten Gebote im Neuen Testament ist das Liebesgebot Jesu: "Du sollst deinen Nächsten
lieben wie dich selbst." Jesus bezieht es über alle Grenzen hinweg auf alle Bedürftigen, die Schutz,
menschliche Zuwendung und Hilfe brauchen. Der barmherzige Samariter, ein Fremder in Israel, ein
Ausländer, wird für Jesus die beispielhafte Verkörperung des Liebesgebotes. Jesus selbst identifiziert sich
mit allen Bedürftigen, die er seine Brüder nennt und zu denen er ausdrücklich die Fremden zählt. Im
Gleichnis vom Weltgericht legt er dem richtenden König die Worte in den Mund: "Ich bin ein Fremder
gewesen und ihr habt mich aufgenommen. ... Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten
Brüdern, das habt ihr mir getan."
3. Nach Auffassung der Bibel und des christlichen Glaubens sind alle Menschen auf der Erde Geschöpfe
Gottes, ausgestattet mit gleicher Würde und gleichem Lebensrecht. Die Erde wurde allen gemeinsam
anvertraut. Daraus ergibt sich die grundlegende Verpflichtung, sie auch gemeinsam zu verwalten und ihre
Güter, Nahrungsmittel und Bodenschätze mit allen zu teilen. Weil Gott der Schöpfer der Welt und Vater
aller Menschen ist, gehören wir alle zu der einen Menschheit. In denen, die bei uns Schutz und
Lebensmöglichkeit suchen, begegnen uns die ungelösten Entwicklungs-, Friedens- und
Menschenrechtsprobleme der einen Menschheit.
4. Die Bundesrepublik ist ein verhältnismäßig wohlhabendes und stabiles Land. Das Gefälle zu Armut und
Unsicherheit in den meisten Herkunftsländern der Asylanten ist riesig. Viele hierzulande meinen, ihren
Wohlstand gegenüber den Ausländern verteidigen zu müssen. Das entspricht jedoch nicht dem biblisch
orientierten Glauben, der Egoismus und Fremdenfeindlichkeit überwinden helfen will.
5. Viele Probleme nationaler und wirtschaftlicher Art in den Ländern der Dritten Welt haben ihren Ursprung
in der kolonialen Vergangenheit. Sie stammen aus der Zeit, in der europäische Völker mit Gewalt fremdes
Territorium eroberten, die Menschen z.T. ausbeuteten und ihre kulturellen und sozialen Systeme zerstörten.
Flüchtlinge aus diesen Ländern bei uns aufzunehmen, bedeutet auch eine Art Wiedergutmachung früher
begangenen Unrechts und kann zur Versöhnung unter den Menschen beitragen. Versöhnung mit Gott und
unter den Menschen ist ein zentrales Anliegen der christlichen Botschaft.
RU-Wissen und Meinung ­ Gesellschaft
Thesen zur Ausländerfrage
1. Solange es in vielen Ländern der Erde wirtschaftliche Not, Hunger und Kriege gibt und Menschen aus
politischen oder religiösen Gründen verfolgt und gefoltert werden, werden Menschen bei uns Zuflucht
suchen.
2. Die Forderung, die Grenzen gegenüber Flüchtlingen "dicht" zu machen, ist unrealistisch und widerspricht
den Grundlagen des Völkerrechts.
3. Die Bundesrepublik gehört zu den reichsten Ländern der Erde. Sie ist daher aus Gründen der
Menschlichkeit verpflichtet, Flüchtlinge aufzunehmen und für deren menschenwürdige Unterbringung und
Behandlung zu sorgen.
4. Der Staat muß mit geeigneten Maßnahmen dafür sorgen, daß das Asylrecht nicht mißbraucht wird.
5. Versorgung und Unterbringung von Flüchtlingen bei uns darf nicht auf Kosten der immer größer
werdenden Zahl der Armen in unserem Land geschehen.
6. In einer Zeit, in der die Staaten Europas zusammenwachsen und die Grenzen zwischen den Ländern
fallen, wird es in jedem europäischen Land in Zukunft immer mehr Ausländer geben.
7. Diese Tatsache wird (hoffentlich) dazu beitragen, daß Nationalismus und Rassismus, die die Ursache für
viele Kriege waren und sind, in Zukunft abgebaut werden können.
8. Ausländer haben in jedem Land das Recht, ihrer Kultur und ihrer Religion entsprechend zu leben. Von
ihnen sollte nicht verlangt werden, daß sie sich "anpassen".
9. Ausländer sollten nicht ausgegrenzt werden und sich nicht selber ausgrenzen.
10. Das Miteinander von "Einheimischen" und "Ausländern" in einem Land kann nur gelingen, wenn es von
gegenseitiger Rücksichtnahme und Toleranz bestimmt ist.
11. Als Ausländer in einem anderen Land sollte man versuchen, für die Kultur und die Lebensformen des
Gastlandes offen zu sein und Interesse und Verständnis dafür zu entwickeln.
12. Der Kontakt zu Menschen anderer Herkunft und anderer Kultur kann das Leben bereichern.
13. Vorurteile einer anderen Volksgruppe gegenüber kann man am besten dadurch beseitigen, daß man
sich kennenlernt.
14. Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhaß beruhen auf mangelnder Information, falscher Erziehung und
Angst- und Unterlegenheitsgefühlen.
RU-Wissen und Meinung ­ Gesellschaft
Aussiedler (I)
1. Seit etwa Mitte der 80er Jahre kommen jährlich mehrere Hunderttausend Aussiedler nach Deutschland.
Sie kommen aus der Sowjetunion, aus Rumänien und aus Polen, aus den Gebieten also jenseits von Oder
und Neiße sowie aus den deutschen Siedlungsgebieten in Ost- und Südosteuropa. Dort leben noch rund 3,5
Millionen Deutsche, die meisten in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion Russland und Kasachstan. Ein
großer Teil kommt auch aus Sibirien, wohin viele von ihnen 1941 z.Zt des zweiten Weltkriegs auf Befehl
Stalins deportiert wurden.
Wie hoch die tatsächliche Zahl der Ausreisewilligen ist, läßt sich nicht genau ermitteln. Man muß aber damit
rechnen, daß ihre Zahl weit über einer Million liegt. Viele haben sich schon jahrzehntelang um eine Ausreise
bemüht, aber erst seit der politischen Wende im Osten hat man rechtliche Regelungen mit den
osteuropäischen Ländern aushandeln können.
2. Die meisten Aussiedler sind die Nachkommen von Deutschen, die in der Vergangenheit ihre Heimat aus
wirtschaftlichen Gründen verlassen haben und sich im Ausland eine neue Existenz aufbauten. Sie
bewohnten vor allem in Rumänien (Siebenbürgen) und in Rußland (Wolgagebiet) zusammenhängende
Siedlungsgebiete und bewahrten über Jahrhunderte hinweg ihre deutsche Sprache und ihre deutsche Kultur.
Sie verstanden sich immer als Deutsche und haben den Kontakt zu ihrem Mutterland nie abreißen lassen.
Im Zweiten Weltkrieg waren es besonders die Rußlanddeutschen, die durch Entrechtung und Vertreibung
und Umsiedlung unter den Folgen des Krieges zu leiden hatten.
3. Oft wird die Frage gestellt, ob denn die Aussiedler überhaupt richtige Deutsche seien. Nach den
Gesetzen der Bundesrepublik sind Aussiedler keine Ausländer, auch keine Deutschstämmigen, sondern
Deutsche, die ein Recht darauf haben, in Deutschland zu leben. Deutscher Volkszugehöriger ist, "wer sich
in seiner Heimat zum deutschen Volkstum bekannt hat, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte
Merkmale wie Abstammung, Erziehung, Sprache und Kultur bestätigt wird." (§6 Bundesvertriebenen-
gesetz). Nach unserem Grundgesetz können nur Deutsche und ihre Angehörigen als Aussiedler anerkannt
werden. Ob die Voraussetzungen dafür vorliegen, wird bei der Einreise und Registrierung geprüft.
4. Warum kommen Aussiedler in solch großer Zahl nach Deutschland? Was bewegt sie, ihre Zelte
abzubrechen, Haus und Hof zu verlassen und ihren Bekanntenkreis aufzugeben, um in eine ungewisse
Zukunft zu gehen? Dazu bedarf es starker Motive:
·
Die Aussiedler sehen in den Herkunftsländern keine Chance mehr, als Minderheit zu leben. Sie werden
zunehmend benachteiligt und unterdrückt und begegnen als Deutsche einer verstärkten Ablehnung durch
die anderen Bevölkerungsteile. Ihnen ist die Heimat zur Fremde geworden. Sie sehen dort für sich und
ihre Kinder kaum noch Möglichkeiten, ihre kirchlichen Traditionen, ihre Kultur und Sprache als Deutsche
zu bewahren und als Volksgrupe zu überleben. Sie möchten ungehindert als Deutsche unter Deutschen
leben können.
·
Die Aussiedler sehen für sich und ihre Familien keine wirtschaftlichen Perspektiven mehr. Sie
resignieren angesichts der schlechten Lebensverhältnisse in den ost- und südosteuropäischen Ländern.
Sie ergreifen die Chance, für sich und ihre Kinder im wirtschaftlich sichereren Westen eine neue
Existenz aufzubauen.
·
Sie hoffen, in Deutschland ihren Kindern bessere Bildungsmöglichkeiten geben zu können und mehr
Freiheit in der Gestaltung ihres Lebens zu gewinnen. Vielen Aussiedlerfamilien ist dabei auch die in
Deutschland garantierte Glaubens- und Religionsfreiheit wichtig.
RU-Wissen und Meinung ­ Gesellschaft
Aussiedler (II)
1. Für die Aussiedler ist es nicht leicht, sich in Deutschland einzugliedern. Sie kommen in eine Gesellschaft,
in der völlig andere Denkstrukturen und Verhaltensmuster herrschen als in ihren Herkunftsländern. Ein
großer Teil der bundesrepublikanischen Lebensgewohnheiten irritiert sie, so z.B. die große Freizügigkeit
und der Wertepluralismus, die geringe Bedeutung des Familienzusammenhangs und die fortgeschrittene
Entchristlichung und die z.T. liberale Erziehungspraxis. So müssen sie erfahren, daß ihnen dieses Land erst
allmählich zur Heimat wird. Zu all dem kommen zu Beginn meist große Sprachschwierigkeiten, vor allem
bei den Jugendlichen.
2. Eine große Enttäuschung bedeutet für die Aussiedler auch die Tatsache, daß ein Teil der einheimischen
Bevölkerung ihnen gegenüber Vorbehalte hat und ihnen gelegentlich sogar mit Ablehnung begegnet. Sie
fühlen sich sehr verletzt, wenn man sie als "Ausländer" ansieht oder bezeichnet. In den Herkunftsländern
wurden sie als "Deutsche" meist benachteiligt und sogar unterdrückt und z.T. als "Faschisten" diskriminiert.
Es ist schmerzlich für sie, nun in Deutschland als "Polen" oder "Russen" bezeichnet oder beschimpft zu
werden.
3. Die Zurückhaltung oder ablehnende Haltung mancher Bundesbürger den Aussiedlern gegenüber beruht
durchweg auf Nichtwissen und Vorurteilen. Vielfach wird behauptet:
a. "Unser Land kann die vielen Menschen nicht verkraften".
Dazu ist zu sagen: Seit dem 2. Weltkrieg sind 12 Millionen Flüchtlinge und Aussiedler zu uns gekommen.
Wir haben alle ohne große Schwierigkeiten aufnehmen können. Das gilt auch für die eine Million Menschen,
die vielleicht noch kommen werden. Die deutschen Aussiedler sind in der Regel junge Menschen, Familien
mit vielen Kindern. Da die Bundesrepublik ein geburtenschwaches Land ist und wir große Sorge haben
müssen wegen unserer ungünstigen Bevölkerungsstruktur, kann uns gar nichts besseres passieren als der
Zuzug von jungen Menschen.
b. "Aussiedler bekommen soviel Geld bei ihrer Eingliederung, daß sie sich sofort ein Haus bauen und einen
Mercedes kaufen können."
Solch einen Behauptung entbehrt jeder Grundlage. Natürlich ist der Staat daran interessiert, daß die
Aussiedler die Chance für einen guten Start erhalten. Sie bekommen dafür gesetzlich genau geregelte
Leistungen. Bei ihrer Ankunft erhalten sie pro Person 200 DM Überbrückungsgeld von der Bundesregierung,
dazu noch einmal 30 DM vom Land. Für eine alleinstehende Person wird ein Einrichtungsdarlehen von
3000 DM zur Verfügung gestellt, eine Familie bekommt einen Höchstbetrag von 10.000 DM (Stand 1992).
Die Kommunen sind darüber hinaus bei der Beschaffung von Wohnraum behilflich und richten kostenlose
Sprachkurse ein.
Aussiedlerfamilien wurden in der Vergangenheit nicht selten Opfer von raffinierten Betrügern, die ihnen
hohe Kredite aufschwatzten und bei denen sie sich heillos verschuldeten.
c. "Aussiedler nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg."
Das stimmt auf keinen Fall. Sehr viele Aussiedler haben handwerkliche Berufe. Sie finden hier
erfahrungsgemäß schnell eine Anstellung und kommen auf Arbeitsplätze, die häufig über lange Zeit
unbesetzt waren. Der Zuzug von Aussiedlern wird übrigens zusätzliche Arbeitsplätze bei uns schaffen, denn
jährlich müssen ca. 200.000 Menschen mehr bei uns sich ernähren, sich kleiden, Haushalte einrichten usw.
4. Nicht in erster Linie rechtliche und wirtschaftliche Überlegungen, sondern vor allem Gründe der
Menschlichkeit sollten es sein, die uns veranlassen, Aussiedler bei uns willkommen zu heißen und
aufzunehmen.
RU-Wissen und Meinung ­ Gesellschaft
Sinti und Roma (Zigeuner) (I)
1. Das Ursprungsland der Zigeuner ist Nordostindien. Gezwungen durch Kriege, wirtschaftliche Krisen,
Hunger und Elend verließen sie um das Jahr 900 n.Chr. ihre Heimat und gelangten in mehreren
Wanderungswellen und -gruppen immer weiter nach Westen. Eine große Gruppe zog über Rußland bis
nach Skandinavien, eine andere über die Türkei in den Balkan und bis nach Westeuropa, eine dritte Gruppe
über Palästina und Ägypten nach Spanien. Sie nahmen dabei Sprachelemente und Religionen ihrer
jeweiligen Gastvölker an. Daher stammen auch die sehr unterschiedlichen Bezeichnungen für dieses Volk.
So nennen sie sich in Deutschland Sinti, in Rumänien vor allem Roma, in Frankreich Gitanes, in England
Gypsies ("Ägypter"). Besonders die deutschen Sinti (nicht jedoch die Roma) wehren sich gegen die
Bezeichnung "Zigeuner", weil diesem Begriff die diskriminierende und falsche Ableitung von "ziehende
Gauner" anhaftet. Der Begriff Zigeuner hat sich aber aus dem Byzantinischen "atsiganoi" entwickelt und
bedeutet "Unberührbare", möglicherweise eine Erinnerung an ihren kastenlosen Status in der indischen
Heimat.
2. Die Geschichte der Sinti und Roma ist eine Geschichte der Verfolgung, Vertreibung und Diskriminierung.
Wo immer Zigeuner in Europa auftauchten, begegnete man dem fremden Volk mit Abneigung, Mißtrauen,
Haß und Ausgrenzung. Zweifellos unterschieden sie sich schon damals deutlich von der einheimischen
Bevölkerung. Sie hatten meist keine festen Wohnsitze, sondern zogen wie Nomaden von Ort zu Ort. Da sie
kein Zunft-Gewerbe ausüben durften, widmeten sie sich dem Handel mit Pferden, arbeiteten als
Kesselflicker, spielten Musik auf Hochzeiten und betätigten sich als Hellseher und Bärenführer. Sie durften
keinen Landbau betreiben und mußten daher in schlechten Zeiten durch Nahrungsdiebstähle ihr Überleben
sichern.
3. Wie die Juden wurden die Zigeuner überall in die Rolle der Sündenböcke gedrängt. Ihnen wurde
vorgeworfen, Kinder zu entführen, zu schlachten und zu verspeisen. Sie wurden verantwortlich gemacht für
Feuer, Epidemien und Mäuseplagen. War ein Gegenstand verschwunden, gab die Kuh keine Milch mehr
oder hatte Hagel die Ernte vernichtet, machte man die Zigeuner dafür verantwortlich. Zigeuner seien es
gewesen, welche die Nägel zur Kreuzigung Christi gehämmert hätten. Im 16. Jahrhundert vermutete man in
ihnen Spione des türkischen Heeres, das damals Europa bedrohte. Diese Beschuldigung entbehrte jeder
Grundlage, da die Zigeuner gerade vor den Türken hatten fliehen müssen. Einige Jahrzehnte später galten
sie im protestantischen England als Spione des Vatikans. Als "schwarzer Mann" mußten Zigeuner
generationenlang als Kinderschreck herhalten.
4. Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Europa einige Versuche, die Sinti und Roma seßhaft zu machen.
Das Ziel war, sie zu assimilieren und als Volk verschwinden zu lassen. In Österreich-Ungarn nahm man den
Roma-Familien systematisch ihre Kinder weg und untersagte ihnen, ihre Sprache, das Romanes, zu
gebrauchen. Wo sie angesiedelt wurden, waren sie Leibeigene ohne Rechte, wurden auf Sklavenmärkten
verkauft und zu Zwangsarbeit verdammt.
5. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Zigeuner als "Träger minderen Erbgutes", als "nutzlose
Fremdkörper", als "Gift für deutsche Seelen und deutsche Körper" grausam verfolgt. Im Dezember 1942
ordnete der SS-Chef Heinrich Himmler die "totale Liquidierung" der Zigeuner an. In allen Gebieten Europas,
die von den Deutschen während des 2. Weltkrieges besetzt wurden, kam es zu Massentötungen, oft
unterstützt durch die einheimischen Bevölkerungen. In den Konzentrationslagern wurden mehr als 200.000,
womöglich doppelt soviele Zigeuner ermordet. Die Opfer wurden in speziellen Fahrzeugen vergast, "durch
Arbeit vernichtet" oder von Medizinern bis zum Tode bei Kälteversuchen oder bei der Erforschung neuer
Sterilisierungs- oder Kastrationsmethoden mißbraucht. Nach dem Krieg geriet das Schicksal der Zigeuner
für lange Zeit in Vergessenheit. Wiedergutmachung wurde ihnen, im Gegensatz zu den Juden, kaum zuteil.
RU-Wissen und Meinung ­ Gesellschaft
Sinti und Roma (Zigeuner) (II)
1. Während der Bevölkerungsanteil der Zigeuner in den westeuropäischen Ländern sehr gering blieb, wuchs
ihre Zahl in Osteuropa auf mehrere Millionen an. Die meisten von ihnen, ca. 2 Millionen, leben in
Rumänien. Dort sind sie, wie fast überall, die Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Analphabetenquote, der
bittersten Armut, der kürzesten Lebenserwartung und der größten Kindersterblichkeit. Sie leben am Rande
der Gesellschaft, vom überwiegenden Teil der Bevölkerung verachtet und isoliert. Durch die
kommunistische Ordnung waren sie aber zumindest vor offenem Rassismus jahrzehntelang geschützt.
2. Der politische Umsturz im Ostblock setzte schlagartig die uralten Vorurteile gegen die Zigeuner wieder
frei. Besonders in Rumänien sehen sich die Roma durch eine Welle von Fremdenhaß und Nationalismus
bedroht und verfolgt. 1990 und 1991 wurden dort in 24 Dörfern die Roma-Viertel überfallen, ihre Häuser
abgebrannt und die Bewohner verprügelt und vertrieben. Die staatlichen Behörden griffen überhaupt nicht
oder nur halbherzig ein. Neben solchen Übergriffen sind es Willkür, Schikanen und Beleidigungen, die den
Roma das Leben erschweren: sie werden angepöbelt, ihre Kinder werden von der Schule verwiesen, in den
Läden werden sie nicht bedient, "weil Zigeuner nicht das Brot der Rumänen essen sollen". Gewalttätige
Übergriffe auf Roma beschränken sich keineswegs auf Rumänien. Auch in Bulgarien und Ungarn sind sie
an der Tagesordnung.
3. Daher ist es nicht verwunderlich, daß sich viele Roma bereits auf der Flucht in den Westen befinden. In
die Bundesrepublik dürfen sie aber nur einreisen, wenn sie ein Visum besitzen. Dafür ist eine polizeilich
beglaubigte Einladung nötig, ferner der Abschluß einer Krankenversicherung und der Nachweis, daß der
Betreffende in Rumänien keine Schulden hat. Da nur wenige Roma diese Dokumente vorlegen können,
überqueren sie illegal die Grenze. Nur sehr wenige stellen einen Asylantrag; die meisten entziehen sich
einer Betreuung durch die Sozialbehörden. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, daß sie tief durch
die permanente Angst vor Gewalt und Vertreibung geprägt sind und großes Mißtrauen allen staatlichen
Behörden gegenüber entwickelt haben. Die Folge ist, daß sie keine Unterkünfte haben und deshalb in
Bahnhöfen und in Einkaufspassagen kampieren müssen. Sie betteln und begehen kleinere, in manchen
Fällen auch organisierte Diebstähle um zu überleben. Man schätzt, daß 1991 etwa 15.000 bis 20.000 Roma
in die Bundesrepublik gekommen sind und sich hier illegal aufhalten.
4. In der deutschen Bevölkerung stoßen Sinti und Roma zunehmend auf Ablehnung, und alte Vorurteile
ihnen gegenüber brechen wieder auf. Umfragen zeigen, daß von allen fremden Volksgruppen die Sinti und
Roma auf der Ablehnungsskala die mit Abstand höchsten Werte zu verzeichnen haben. In den Augen der
Mehrheit der Deutschen gelten sie als unzuverlässig, als potentielle Diebe und Faulenzer. Es gibt aber auch
Zeichen der Solidarität. Kirchengemeinden und Bürgerrechtsorganisationen haben sich in letzter Zeit
mehrfach und erfolgreich gegen die Versuche gewandt, ganze Roma-Familien nach Rumänien oder
Jugoslawien in ein ungewisses Schicksal abzuschieben.
5. Die ca 50.000 Sinti, die seit langer Zeit legal in Deutschland leben, haben sich trotz großer
Schwierigkeiten mehr oder weniger in unsere Gesellschaft integriert. Sie haben sich - eigentlich erstmals in
der Geschichte dieses Volkes - in Kulturorganisationen und Bürgerrechtsbewegungen politisch organisiert,
mit dem Ziel, Menschenrechtsverletzungen aufzudecken und darauf aufmerksam machen, wie Angehörige
ihres Volkes europaweit im täglichen Leben benachteiligt und unterdrückt werden. Sie vertreten auch
rechtlich die Interessen ihres Volkes den staatlichen Behörden gegenüber und fordern seit langem eine
Wiedergutmachung des in der Nazizeit an ihnen begangenen Unrechts.
RU-Wissen und Meinung ­ Gesellschaft
Behinderte Menschen
1. Körperliche Behinderungen haben die unterschiedlichsten Formen und Ursachen. Viele der körperlichen
Behinderungen sind angeboren. Dazu gehört die Anfälligkeit für besondere Krankheiten (Diabetes,
Bluterkrankheit), aber auch die Schäden, die durch Medikamente während der Schwangerschaft entstehen.
So wurden in den 60er Jahren Kinder behindert geboren, deren Mütter das Medikament Contergan
eingenommen hatten. - Unfälle (besonders im Straßenverkehr) sind oft die Ursache schwerer und
schwerster Behinderungen. (Querschnittslähmungen, Verletzungen des Gehirns usw.).
2. Es gibt viele Möglichkeiten, den Behinderten zu helfen, in der Öffentlichkeit und privat ein möglichst
normales Leben zu führen. Zu diesen Maßnahmen gehört, daß behinderte Kinder möglichst früh das
Zusammenleben mit nichtbehinderten lernen und auch umgekehrt. So bemüht man sich, behinderte Kinder
in Kindergärten und Schulen zu integrieren. Wo die Behinderung so schwer ist, daß der Besuch einer
normalen Schule nicht möglich ist, haben die Kommunen spezielle Förderschulen und Behinderten-
Werkstätten eingerichtet. Beim Bau von Straßen und Parkplätzen, bei kommunalen Einrichtungen und
Behörden nimmt man in steigendem Maße Rücksicht auf die Belange von Behinderten. (Toilettenbau,
Bürgersteige)
3. Technische Hilfsgeräte ermöglichen es heute vielen Behinderten, einen Beruf auszuüben und voll am
öffentlichen Leben teilzunehmen. Dazu gehört auch der Behindertensport, der besonders durch die
Olympischen Spiele für Behinderte (Paralympics), in das Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt ist. Mehr als
3000 Behinderte nahmen an den Paralympics 1992 in Barcelona teil.
4. Im Vergleich mit früheren Zeiten hat sich innerhalb unserer Gesellschaft ein positiver Wandel im
Verhalten gegenüber Behinderten vollzogen. Früher galten behinderte Menschen, vor allem wenn ihre
Krankheit erbbedingt war, als eine Schande für die Familie. Nicht selten wurden Behinderte durch ihre
Familien vor der Öffentlichkeit verborgen und erhielten keinerlei Ausbildung. Die damalige Diskriminierung
behinderter Menschen hatte zu tun mit der in Deutschland verbreiteten Rassereinheitsheits-Ideologie. So
wurde im Jahr 1935 durch die Nazis das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" beschlossen.
Behinderte wurden zu Tausenden sterilisiert, und vermutlich wurden mehr als Hunderttausend von ihnen bei
der sog. Aktion T4 in Gaskammern, durch Todesspritzen und Erschießen getötet.
5. Auch heute noch haben Behinderte unter Vorurteilen und Diskriminierung zu leiden, wenn auch weniger
offen und brutal. Behinderte legen Wert darauf, daß man sie als normale Menschen behandelt. Sie möchten
nicht bevorzugt und nicht bemitleidet oder bedauert werden. Sie erwarten aber mit Recht, daß auf ihre
besonderen Belange Rücksicht genommen wird. Die menschliche Gesellschaft trägt eine besondere
Verantwortung für behinderte Menschen. Es ist selbstverständlich, daß Behinderte dasselbe Lebensrecht
haben wie die Nichtbehinderten. Dennoch muß dies betont werden, da es in letzter Zeit Veröffentlichungen
gibt, die das bestreiten. So spricht z.B. der Australier Peter Singer schwerstbehinderten Menschen ihre
Menschenwürde und ihr Lebensrecht ab. In der Wochenzeitung DIE ZEIT fand die Diskussion breiten
Raum. Behinderten-Selbsthilfegruppen, die die Interessen und Rechte der Behinderten der Öffentlichkeit
gegenüber wahrnehmen, reagierten mit öffentlichem Protest und Boykott.
6. Die Akzeptanz von Behinderung scheint heute durch die pränatale (vorgeburtliche) Diagnostik gefährdet
zu sein. Es ist heute schon sehr früh feststellbar, wenn der Fötus eine körperliche Krankheit hat. Es besteht
die Gefahr, daß in Zukunft auf Eltern gesellschaftlicher Druck durch Familie, Ärzte oder Krankenkassen
ausgeübt wird, ein ungeborenes behindertes Kind abtreiben zu lassen. In den USA soll es Krankenkassen
geben, die die Bezahlung der Behandlung behindert geborener Kinder ablehnen mit dem Argument, die
Eltern hätten das Kind abtreiben lassen können. Durch solche Regelungen und Ansichten fühlen sich
Behinderte zu Menschen zweiter Klasse degradiert; sie fühlen sich als Menschen angesehen, die der
Gesellschaft lästig sind und die eigentlich kein Lebensrecht haben.
RU-Wissen und Meinung ­ Gesellschaft
Psychische Erkrankungen
1. Es gibt sehr verschiedenartige psychische Krankheiten, deren Entstehung z.T. erbbedingt, oder auch auf
vorgeburtliche oder frühkindliche Fehlentwicklungen zurückzuführen ist:
a. Weit verbreitet sind die Angstneurosen und Phobien. Menschen, die an Angstneurosen leiden, werden
von übersteigerten Ängsten heimgesucht, die plötzlich und ohne ersichtlichen Anlaß auftreten. Phobien
dagegen sind extreme Ängste gegenüber Gegenständen, Personen, Tieren oder auch Situationen. Weit
verbreitet sind die Platzangst, Flugangst, Höhenangst u.v.m. Leidet jemand an einer Zwangsneurose, dann
sieht er sich gezwungen, bestimmte Handlungen immer wieder zu vollziehen, auch dann, wenn sie völlig
unsinnig sind. Die Kleptomanie, das suchthafte Stehlen von Gegenständen, die der "Dieb" meist gar nicht
braucht, gehört zu dieser Art Neurose. Wer unter einem Waschzwang leidet, muß sich immer wieder
waschen oder muß die Wohnung immer wieder säubern. Menschen mit solchen Neurosen müssen sich
zwar gewöhnlich einer psychotherapeutischen Behandlung unterziehen und eventuell auch vorübergehend
stationär behandelt werden, können meist aber am normalen Leben teilnehmen.
b. Depressionen sind tiefergreifende seelische Störungen. Menschen, die daran leiden, werden aus nicht
faßbaren Ursachen von großer Traurigkeit und Niedergeschlagenheit betroffen. Sie ziehen sich in sich
selbst zurück, werden von schweren Schuldgefühlen, Selbstzweifeln und quälender innerer Unruhe befallen,
sind antriebslos und nehmen am normalen Leben nicht mehr teil. Es gibt wohl keinen Menschen, der nicht
irgendwann einmal von solchen depressiven Stimmungen betroffen wird. Eigentlich sind sie normale
Erscheinungen. Als psychische Krankheit sind sie aber anzusehen, wenn ein Mensch immer häufiger und
intensiver von ihnen befallen wird. Depressive Menschen sind in erhöhtem Maße selbstmordgefährdet.
c. Psychosen bilden die schwerste Form psychischer Erkrankung. Man versteht darunter Krankheitsbilder,
die auch unter der Bezeichnung "Schizophrenie" zusammengefaßt werden. Sie wirken sich zerstörerisch auf
den Menschen und seine Persönlichkeit aus und führen zu schweren Denk-, Gefühls- und
Verhaltensstörungen. Unter Schizophrenie leidende Menschen müssen meist in Anstalten untergebracht
werden, da sie ohne Aufsicht und ohne intensive psychotherapeutische Behandlung sich selber und andere
Menschen gefährden.
2. Für das Zusammenleben mit psychisch Kranken und für das Verhalten ihnen gegenüber muß man
folgendes bedenken:
a. Daß ein Mensch psychisch krank ist, ist an seinem äußeren Verhalten oft gar nicht zu erkennen.
Psychisch Kranke erscheinen in vielen Lebenssituationen völlig unauffällig. Erst dann, wenn bestimmte
Umstände sich belastend auswirken, kann die Krankheit zum Ausbruch kommen, sodaß der Kranke
(vorübergehend oder auch für immer) den normalen Anforderungen des Lebens nicht mehr gewachsen ist.
b. Psychisch Kranke sind meist so normal wie andere auch. Es sind Menschen, die psychische Probleme
haben wie jeder Mensch; nur daß sich bei den Kranken diese Probleme komplizierter und verschärfter
darstellen und daß sie an ihnen schwerer tragen als andere. Kein Mensch kann sicher sein, daß er von einer
psychischen Erkrankung verschont bleibt. So können Neurosen und Depressionen in jedem Menschen
latent (verborgen) vorhanden sein und zu jedem Zeitpunkt seines Lebens aufbrechen.
c. Ein psychisch kranker Mensch verlangt manchmal seinen Mitmenschen (Familie, Nachbarn) ein erhöhtes
Maß von Verständnis und Rücksichtnahme ab. Er bedarf besonderer Zuwendung und Aufmerksamkeit. Das
Verhalten seiner Mitmenschen bestimmt häufig, ob er an den Rand der Gesellschaft gerät oder ob er trotz
seiner Krankheit seinen Platz in der Gesellschaft findet. Spürt z. B. ein unter einer Neurose leidender
Mensch, daß er von anderen wegen seiner Krankheit gemieden oder abgelehnt wird oder daß man gar mit
Angst auf ihn reagiert, kann dies zum erneuten Ausbruch seiner Krankheit führen.
RU-Wissen und Meinung ­ Gesellschaft
Nichtsesshafte, Obdachlose
1. Obdachlosigkeit in Deutschland hat viele Formen und Ursachen. Immer häufiger trifft es in den letzten
Jahren ganze Familien, die durch Überschuldung und Arbeitslosigkeit in den sozialen Abstieg geraten sind
und eine Wohnung nicht mehr bezahlen können. Sind Kinder mit betroffen, helfen die Sozialämter
vorrangig solchen Familien.
2. Das ist bei Einzelpersonen nur selten der Fall. Ihr Weg führt meist in die Nichtseßhaftigkeit. Sie landen
"auf der Straße", als "Penner", "Berber", "Landstreicher", "Stadtstreicher" oder "Tippelbrüder". Waren es bis
in die achtziger Jahre vor allem Männer zwischen 30 und 50 Jahren, so findet man heute immer mehr
Jugendliche und auch Frauen unter den Betroffenen. Ihre Zahl wurde für 1992 auf über 100.000 Menschen
geschätzt.
3. Untersuchungen zum Problem zeigen, daß es Nichtseßhaftigkeit als freiwillig gewählte Lebensform
praktisch nicht gibt. Sie kann auch nicht auf persönliche "Veranlagung" oder Krankheit zurückgeführt
werden. Sie ist, von Aussnahmefällen abgesehen, auch nicht als gesellschaftskritischer Ausstieg oder
Protest zu verstehen. Vielmehr sind die Ursachen für Nichtseßhaftigkeit soziale Isolation und Einsamkeit,
Sozialhilfebedürftigkeit, seelische oder körperliche Krankheiten. In der Regel sind Nichtseßhafte
alleinstehend und haben keine familiären Kontakte. Die Zahl der Obdachlosen und Nichtseßhaften, so kann
man statistisch belegen, steigt oder fällt jeweils mit der Zahl der Arbeitslosen.
4. Die Lebensbedingungen der Nichtseßhaften sind hart. Wer keine Wohnung nachweisen kann, darf sich
nur für eine begrenzte Zeit in einem Stadtgebiet aufhalten, meist nicht mehr als drei Nächte. Daher kommt
es, daß Tausende von Männern und Frauen jahrelang von Ort zu Ort ziehen, manchmal in einem
regelmäßigen Rhythmus. Sie sind mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs, bei jedem Wetter, und führen
nur das Allernotwendigste mit sich. In jeder Stadt gibt es zwar Unterkünfte für Nichtseßhafte. Meistens ist es
jedoch nur ein kleiner Gemeinschaftsraum mit wenigen Betten und den notwendigsten sanitären Anlagen.
Diese Räume dienen aber nur zum Übernachten, werden abends erst geöffnet und morgens wieder
geschlossen, sodaß sich die Menschen dort tagsüber nicht aufhalten können. Wer keine Bleibe hat, muß
sich einen Platz suchen, wo er sich aufhalten und auch schlafen kann. Es sind dann in der Regel Brücken,
Unterführungen, öffentliche Bedürfnisanstalten oder Parkanlagen. An den überaus harten
Lebensbedingungen liegt es auch, daß viele von ihnen früh erkranken und alkoholkrank werden und, meist
schon vor dem 40. Lebensjahr, sterben. Im Winter 1992/93 erfroren 30 obdachlose Menschen in
Deutschland, so viele wie nie vorher.
5. Ihren Lebensunterhalt bestreiten Nichtseßhafte durch Betteln auf der Straße oder an Haustüren,
(besonders beliebt sind dabei die Pfarrhäuser). Manche Städte geben auch Gutscheine an Nichtseßhafte
aus, mit denen sie in Krankenhausküchen Essen erhalten können. Die wenigsten erhalten finanzielle
Unterstützung vom Staat, eine Rente oder ähnliches. Ihre Armut wird oft als selbstverschuldet angesehen.
Finanzielle Hilfe, die sie beanspruchen könnten, wird oft nicht gewährt oder nur eingeschränkt zur
Verfügung gestellt. In der Sozialverwaltung gibt seine Tendenz zur Bestrafung dieser Menschen, indem
man ihnen selbst die Leistungen vorenthält, auf die sie einen Anspruch haben.
6. Zahlreiche Einrichtungen der Evangelischen Kirche bemühen sich, das Leben der Nichtseßhaften zu
erleichtern, sie in Krankheitsfällen zu betreuen, ihnen Arbeit und ein dauerhaftes Zuhause zu verschaffen.
Die Bodelschwinghschen Anstalten unterhalten z.B. 950 Plätze für Betreuungs- und
Eingliederungsmaßnahmen nichtseßhafter Menschen. Schon 1886 wurde der "Westfälische
Herbergsverband gegründet", heute bekannt als "Evangelisches Perthes-Werk". In 51 Heimen und
Einrichtungen stehen insgesamt 3282 Plätze zur Verfügung für ältere, pflegebedürftige oder suchtkranke
Nichtseßhafte.
RU-Wissen und Meinung ­ Gesellschaft
Strafgefangene
1. Der Strafvollzug in der Bundesrepublik ist - vor allem im Blick auf die Verhängung von Freiheitsstrafen -
von folgenden Zielsetzungen bestimmt:
a. Strafe ist Sühne für die begangene Tat. Sie ist Vergeltung für die Schuld, die der Täter auf sich geladen
hat. Strafe soll die Einsicht in die Schuld, soll Reue und Umkehr ermöglichen.
b. Strafe dient der Abschreckung. Jeder, der eine Straftat plant, muß wissen, daß ihm Strafe droht. Nach
dieser Theorie ist die Wirkung der Abschreckung umso größer, je härter die Strafen ausfallen.
c. Strafe dient der Sicherheit der Bevölkerung vor dem Straftäter. Lebenslängliche Sicherungsverwahrung
wird bei Tätern angeordnet, bei denen die Wiederholung eines Kapital- oder Triebverbrechens nicht
ausgeschlossen werden kann.
d. Strafe soll der Resozialisierung dienen. Der Staat will und darf durch das Maß und die Durchführung der
Strafe das Leben der Straftäter nicht zerstören. Im Vollzug der Freiheitsstrafe soll der Gefangene fähig
werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen. Das Strafziel der
Resozialisierung wurde 1976 in das neue Strafvollzugsgesetz aufgenommen und ist den anderen genannten
Zielen übergeordnet.
2. Der auf Resozialisierung zielende liberale Strafvollzug in der Bundesrepublik hat die Vorstellung
aufkommen lassen, Strafgefangene hätten in ihren Gefängniszellen ein schönes Leben wie im Hotel, mit
Fernsehen, gutem Essen, viel Freizeit, Hafturlaub, usw. Dieses Bild entspricht aber ganz und gar nicht der
Wirklichkeit:
a. Für den Gefangenen bedeutet Gefängnis nach wie vor ein Leben hinter Mauern, Gittern und Stahltüren,
mit Alarmanlagen, Zellenkontrollen und Briefzensur. Der Häftling hat keinen Bereich, über den er selbst
bestimmen kann, keine Privat-, keine Intimsphäre. Die meisten sind in Gruppenräumen untergebracht und
der ständigen Beobachtung durch die anderen ausgesetzt.
b. Ein Strafgefangener hat kaum Möglichkeiten, über die Gestaltung seines Tages zu bestimmen; er
unterliegt der festen Anstaltsordnung mit wenig persönlichem Spielraum. Gegen geringste Entlohnung ist er
zur Arbeit verpflichtet, die meist aus primitiven Tätigkeiten wie Tütenkleben oder Zusammenfügen von
Wäscheklammern besteht. Theoretisch haben Strafgefangene das Recht, während der Haft an beruflichen
Fortbildungsmaßnahmen teilzunehmen. Dafür fehlt aber meist das Geld, und für eine qualifizierte
Ausbildung ist in der Regel die Haftzeit zu kurz.
c. Die Möglichkeiten, sinnvolle soziale Kontakte zu knüpfen oder bestehende Bindungen
aufrechtzuerhalten, sind beschränkt. Einerseits droht die Gefahr, wegen der eingeschränkten
Besuchsmöglichkeiten die Verbindung zur Familie, zum Ehepartner und den Kindern ganz zu verlieren.
Zum anderen geraten Strafgefangene nicht selten während ihrer Haft erst recht ins kriminelle Milieu und
werden sogar drogenabhängig. Im "Knast" kann sich meist nur der durchsetzen, der im andern Menschen
seinen Gegner und Feind sieht, der jedem mit Mißtrauen begegnet und den Kampf aller gegen alle
mitmacht.
d. Bei Häftlingen, die länger als 10 Jahre einzusitzen haben, kann man in der Regel einen langsamen
körperlichen und psychischen Verfall feststellen. Die meisten stumpfen ab, werden ängstlich, kapseln sich
ab. Das Gefühl der Schuld für das jahrelang zurückliegende Vergehen schwindet. An seine Stelle treten
Haß, innere Leere und Resignation. Mit der Dauer der Haft steigt die Selbstmordneigung.
3. Nach ihrer Entlassung treffen Strafgefangene meist auf große Schwierigkeiten. Finden sie keine
Aufnahme in ihrer Familie, dann geraten sie in Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit und landen trotz guter
Vorsätze wieder schnell im kriminellen Milieu. Die Rückfallquote bei Haftentlassenen ist deshalb trotz der
Resozialisierungsbemühungen während der Haft sehr hoch.
RU-Wissen und Meinung ­ Gesellschaft
AIDS: Medizinische Aspekte (I)
1. WAS IST AIDS?
AIDS ist die Abkürzung für die englische Bezeichnung "Aquired Immune Deficiency Syndrome", zu deutsch:
"Erworbene Immunabwehr-Schwäche". Die körpereigene Abwehr wird bei dieser Krankheit so geschwächt,
daß die überall vorhandenen Krankheitskeime, mit denen ein gesunder Mensch sonst fertig wird, zu
schweren Erkrankungen und schließlich zum Tode führen können. Verursacht wird AIDS durch ein Virus, für
das sich heute weltweit die Bezeichnung HIV ("Human Immunodeficiency Virus") durchgesetzt hat. Ein Virus
ist ein winziger, mit dem bloßen Auge nicht erkennbarer Krankheitserreger. Wenn Viren in den Organismus
gelangen, befallen sie die Körperzellen, vermehren sich in ihnen und können sie zerstören. Spezielle Zellen
im Körper haben nun die Aufgabe, Krankheitserreger zu erkennen und zu vernichten. Durch den HIV-Virus
werden gerade diese Zellen befallen und zerstört, sodaß der Körper nun anderen Krankheitserregern hilflos
ausgeliefert ist.
2. WIE WIRD MAN MIT AIDS INFIZIERT?
Um eine Ansteckung zu bewirken, muß das AIDS-Virus (HIV) in die Blutbahn eines Menschen gelangen.
Über kleinste Verletzungen von Haut und Schleimhäuten kann es übertragen werden. Da das Virus vor
allem im Blut und in der Samenflüssigkeit vorkommt, ist der ungeschützte Geschlechtsverkehr und andere
intime sexuelle Kontakte der häufigste Ansteckungsweg. Auch Rauschgiftsüchtige, die sich die Drogen in
die Venen spritzen, können sich durch Übertragung von Blutresten beim gemeinsamen Benutzen von
Spritzen infizieren. Nicht gänzlich auszuschließen ist eine AIDS-Ansteckung auch durch Blutübertragung,
trotz größter Sorgfalt bei der Prüfung von Blutspenden.
Außer in diesen genannten Fällen ist eine Ansteckung mit dem AIDS-Virus praktisch nicht möglich. Das
bedeutet, daß, auch wenn man mit einem/r HIV-Infizierten eng zusammenlebt, die Ansteckung durch
gemeinsames Benutzen von Geschirr und Eßbesteck, von Bad, Duschen oder Toiletten, durch Anhusten
und Anniesen, durch Umarmungen, Streicheln und andere Zärtlichkeiten ausgeschlossen ist. Eine
Übertragung von HIV bei Unfällen und Verletzungen beim Sport, in der Schule, im Kindergarten oder bei
der Arbeit im Betrieb ist bisher nicht nachgewiesen worden.
3. WAS IST FÜR FRAUEN IM ZUSAMMENHANG MIT AIDS WICHTIG?
Auch wenn in der Bundesrepublik Deutschland vorwiegend Männer erkrankt sind, sind auch Frauen
grundsätzlich genauso gefährdet. Im Falle einer Schwangerschaft wird das Abwehrsystem der Mutter
zusätzlich belastet. Deshalb schon kann eine Schwangerschaft bei HIV-infizierten Frauen problematisch
sein. Die Gefahr, daß eine infizierte Mutter ihr Kind ansteckt, ist äußerst groß. Die Übertragung des Virus
auf das Kind kann während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder auch beim Stillen geschehen. Jede
schwangere Frau, die sich mit HIV infiziert haben könnte, sollte sich beraten lassen und einen Test
vornehmen.
4. WIE KANN MAN SICH VOR EINER ANSTECKUNG SCHÜTZEN?
Der sicherste Schutz ist, sexuelle Kontakte mit unbekannten Partnern ganz zu vermeiden. Wer das nicht
will oder kann, sollte sich und seine/n Partner/in schützen. Das heißt, daß die Partner darauf achten
müssen, daß keine Blut- oder Samenflüssigkeit in den Körper des anderen gelangen kann. Wer AIDS-
gefährdet ist, sollte keinen ungeschützten Sexualverkehr (d.h. ohne Kondom) haben.
RU-Wissen und Meinung ­ Gesellschaft
AIDS: Medizinische Aspekte (II)
1. WOZU DIENT DER AIDS-TEST?
Nach einer Infizierung mit dem AIDS-Virus (HIV) bilden sich im Blut sog. Antikörper gegen den Virus. Durch
einen Test kann der Arzt nun feststellen, ob jemand diese Antikörper im Blut hat. Fällt dieser Test positiv
aus, bedeutet das noch nicht, daß der Betreffende auch an AIDS erkrankt ist!! Er trägt aber das Virus in sich
und kann andere anstecken!!
Meist ist ein doppelter Test mit unterschiedlichen Methoden nötig, um Fehler auszuschließen. Ein zweiter
Test wird allerdings meist nur dann vorgenommen, wenn der erste einen positiven Befund ergab.
Wichtig: Eine Infizierung mit HIV kann erst frühestens 2 Monate nach der Ansteckung nachgewiesen
werden, wenn sich die Antikörper im Blut gebildet haben. Der AIDS-Test kann also negativ ausfallen,
obwohl der Betreffende bereits infiziert ist.
Niemand in Deutschland kann zum AIDS-Test gezwungen werden. Möglich ist aber eine anonyme
Durchführung des Tests. Jeder Mann und jede Frau, die Grund hat zu befürchten, sich mit HIV angesteckt
zu haben, sollte sich einem Test unterziehen.
2. WIE VERLÄUFT DIE KRANKHEIT?
a. Eine Infektion mit HIV kann vorliegen, ohne daß es zunächst zu Anzeichen einer Krankheit kommt. Der
Infizierte merkt also nicht, daß er sich angesteckt hat. Trotzdem kann er in dieser Zeit selbst schon andere
Menschen wieder mit dem AIDS-Virus infizieren.
b. Nach Ablauf der Inkubationszeit, die 2 Monate bis 6 Jahre beträgt, kann der Arzt -und nur er(!)- den
Ausbruch der Krankheit feststellen. Besonderer Verdacht auf Ausbruch der Krankheit besteht dann, wenn
über einen längeren Zeitraum (4 bis 6 Wochen lang) folgende Krankheitszeichen zu bemerken sind:
Leistungsabfall und starke Ermüdungserscheinungen; stärkerer Gewichtsverlust; wiederkehrende
Fieberschübe ohne erkennbare Ursache; hartnäckiger, trockener Husten, der nicht auf Rauchen o. ä.
zurückzuführen ist; weißer Belag und Entzündungen in der Mundhöhle, auf der Zunge und im Rachen;
wässrige Durchfälle, Darmkrämpfe, manchmal im Wechsel mit Verstopfungen. (Wichtig: Nicht jeder
Mensch, der an sich eine oder mehrere dieser Erkrankungen bemerkt, muß an AIDS erkrankt sein!)
c. Im letzten Stadium entwickelt sich das Vollbild der AIDS-Krankheit. Es ist gekennzeichnet durch
Schwächeanfälle, Lungenentzündung, Bildung von Tumoren und durch das sog. Karposi-Syndrom, das sind
Verfärbungen und Wucherungen auf der Haut, an den Schleimhäuten von Augen und Mund und an den
inneren Organen. Auch das Gehirn und die Nervenzellen werden geschädigt.
d. Es gibt bisher kein Medikament, das AIDS-Erkrankte heilt. Es ist aber möglich, den Krankheitsverlauf zu
beeinflussen und zu verhindern, daß der/die AIDS-Erkrankte sich mit einer anderen Krankheit infiziert. Eine
Schutzimpfung gegen AIDS wird auch auf lange Sicht nicht möglich sein.
3. WAS MUSS MAN BEI EINER ANSTECKUNG TUN?
Wer weiß, daß er sich mit HIV infiziert hat, sollte in jedem Fall seine Partnerin oder seinen Partner
informieren. Bei sexuellen Kontakten ist ein Schutz durch Kondome unbedingt erforderlich. Wer leichtfertig
mit seiner Krankheit umgeht und wissentlich andere ansteckt, macht sich der Körperverletzung schuldig.
Wer sich mit HIV infiziert hat, darf weder Blut noch Organe spenden.
Persönliche Hilfe, Beratung und weitere Informationen bekommt man bei AIDS-Beratungsstellen,
Sozialstationen und bei der telefonischen AIDS-Beratung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
(Tel.: 0221/89 20 31)
RU-Wissen und Meinung ­ Gesellschaft
AIDS: Soziale, Psychologische und Ethische Aspekte
1. Die Immunschwäche-Krankheit AIDS hat sich in den letzten zehn Jahren über die ganze Welt
ausgebreitet. Bis jetzt ist nicht bekannt, woher sie stammt. Feststeht, daß die ersten HIV-Infektionen in den
Vereinigten Staaten entdeckt wurden. Besonders betroffen sind in der letzten Zeit die Länder Ostafrikas, wo
man befürchtet, daß sich fast 50 % der Erwachsenen mit dem HIV angesteckt haben. Zehntausende von
Kindern haben ihre Eltern schon verloren.
2. Zunächst hielt man AIDS für eine typische Homosexuellenkrankheit. Inzwischen hat AIDS alle
Bevölkerungsschichten erreicht, Frauen wie Männer, Heterosexuelle wie Homosexuelle. Hinsichtlich des
Risikos, sich anzustecken, gibt es jedoch Unterschiede. Nach wie vor besteht ein erhöhtes
Anstekkungsrisiko bei Homosexuellen und Bisexuellen, bei Fixern und weiblichen wie männlichen
Prostituierten.
3. Uneinigkeit besteht darüber, wie man AIDS bekämpfen kann bzw. muß, solange es noch kein
Medikament gibt. Manche vertreten ein hartes Vorgehen gegenüber den Betroffenen. Es wurde eine
Meldepflicht für AIDS-Infizierte und sogar deren Isolierung von der übrigen Bevölkerung gefordert.
Inzwischen weiß man, daß derartige Maßnahmen zu nichts führen würden. Das geeigneteste Mittel gegen
AIDS ist die offene Diskussion und Aufklärung über Übertragungsrisiken und Schutzmaßnahmen. Jedem
Erwachsenen und Jugendlichen sollte klar sein, daß ungeschützter sexueller Verkehr mit Unbekannten ein
hohes Ansteckungsrisiko in sich trägt. Das sicherste Mittel gegen eine Ansteckung bleibt aber die
beiderseitige Treue der Partner.
4. Die AIDS-Diskussion hat es mit sich gebracht, daß in unserer Gesellschaft wesentlich offener und
sachlicher über sexuelle Probleme gesprochen wird als früher. Das bezieht sich auch auf Probleme
homosexuell empfindender und lebender Menschen unter uns, deren Zahl immerhin bei 3 bis 5% liegt. Seit
Beginn der AIDS-Diskussion ist innerhalb unserer Gesellschaft ein verändertes Sexualverhalten zu
bemerken. Prostitution und häufiger, wahlloser Partnerwechsel haben offensichtlich abgenommen.
5. Neben der Aufklärung über Risiken, Art und Verlauf der Krankheit ist die Betreuung und Beratung von
Erkrankten und deren Angehörigen eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Von staatlich und kirchlich
unterstützten Beratungsstellen und von freien Selbsthilfegruppen wird den Erkrankten Begleitung und Hilfe
angeboten.
6. AIDS-Kranke haben in besonderer Weise Verständnis und Begleitung nötig, vor allem weil ihre Krankheit
in kurzer Frist unweigerlich zum Tode führt. Man kann aber immer wieder hören, daß Menschen mit Angst,
Hysterie, Ablehnung und sogar mit beleidigendem und unfairem Verhalten gegenüber AIDS-Kranken oder
Infizierten reagieren. AIDS-Kranke haben mit Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, in der Schule und auch in
der Familie zu kämpfen. Sie werden von Arbeitskollegen gemieden, von Familienangehörigen (Eltern)
verstoßen oder von der Hausgemeinschaft aus dem Haus "geekelt". Es ist vorgekommen, daß Eltern von
Schul- oder Kindergartenkindern darauf hingewirkt haben, daß HIV-infizierte Kinder die Schule oder den
Kindergarten verlassen mußten.
7. Meist beruht solches Verhalten in der Umgebung des AIDS-Kranken auf falscher oder ungenügender
Information. Noch immer ist vielen Menschen nicht bekannt, daß nur äußerst wenige Alltagssituationen eine
Übertragung des HIV überhaupt ermöglichen. Nachbarn, Freunde und Bekannte ziehen sich also oft aus
unbegründeter Furcht vor Ansteckung von dem AIDS-Kranken zurück. Die Folge ist, daß er zusätzlich zu
seiner schweren Krankheit unter der Ablehnung und Isolation zu leiden hat. Besonders leidvolle
Erfahrungen müssen die AIDS-Kranken machen, bei denen mit Ausbruch der Krankheit auch ihre
homosexuelle Veranlagung bekannt wird.
8. Abzulehnen ist die von seiten bestimmter kirchlicher Kreise geäußerte Meinung, AIDS sei eine Strafe
Gottes für Unmoral und unzüchtiges Verhalten, für die Homosexualität oder Drogensucht der AIDS-
Erkrankten.
RU-Wissen und Meinung ­ Glaube und Wissenschaft
Weltbilder
1. Im Laufe der Geschichte der Menschheit haben sich in verschiedenen Kulturen und auf verschiedenen
Kulturstufen unterschiedliche "Weltbilder" entwickelt. Unter einem "Weltbild" versteht man die Gesamtheit
der in einer bestimmten Zeit vorhandenen Erkenntnisse und Anschauungen von Natur, Erde und Kosmos.
Einem "Weltbild" entspricht immer ein bestimmtes "Menschenbild", das sind die jeweils vorherrschenden
Ansichten und Erkenntnisse über das Verhältnis des Menschen zur Natur, über sein Wesen und seine
Bedeutung überhaupt. Weltbilder und Menschenbilder hingen und hängen wesentlich mit den religiösen
Vorstellungen der Menschen zusammen und mit ihren Möglichkeiten, die Natur zu verstehen und zu
beherrschen.
2. Das Weltbild der Naturvölker ist dadurch bestimmt, daß es sich auf den eng begrenzten Lebensraum
dieser Menschen bezieht. Von der Größe der Erde oder gar des Kosmos ist ihnen nichts bekannt. Die
Menschen fühlen sich in totaler Abhängigkeit von den Naturkräften, von Dämonen und Geistern, die ihr
alltägliches Leben bestimmen.
3. Das Weltbild der Babylonier. Dieses Weltbild entstand ca. 4-5000 Jahre vor Christus im Vorderen Orient
und bestimmte Jahrtausende lang das Denken der Menschen in diesem Kulturkreis. Reste davon haben
sich bis in die heutige moderne Zeit in magischen und astrologischen Vorstellungen erhalten. Im
babylonischen Weltbild schlagen sich Wissen und Erkenntnisse über Erde und Kosmos nieder, die die
Menschen durch genaues Beobachten der Vorgänge in der Natur und am Himmel inzwischen gewonnen
hatten. Welt und Kosmos sind für die Babylonier eine festgefügte, unveränderliche Ordnung, in die auch der
Mensch fest eingegliedert ist. Der Kosmos ist Sitz der Götter, die mit den Gestirnen identisch sind. Das alte
Babylonische Weltbild beruhte allerdings auf vielen Beobachtungsfehlern und Fehldeutungen. Dazu gehört
z.B. auch die Vorstellung, daß die Erde eine Scheibe ist.
4. Das Weltbild der Griechen. Es stellte eine Verbesserung und Weiterentwicklung des Babylonischen
Weltbildes dar. Man hatte inzwischen herausgefunden, daß die Erde die Gestalt einer Kugel hat, eine
Erkenntnis, die dann später wieder verloren ging. Man betrachtete die Erde als den Mittelpunkt eines
harmonischen und begrenzten Weltsystems, in dem alles in ewiger Wiederkehr geschieht. Dem Menschen
wird eine besondere, über Pflanzen und Tiere erhobene Stellung zugewiesen. Sein Schicksal ist nicht mehr
nur abhängig von Natur und Kosmos, sondern von seinem eigenen Willen.
5. Das Weltbild des christlichen Mittelalters ist
a. theistisch: Gott ist Schöpfer der ganzen Welt. Alles, was ist, existiert durch ihn und auf ihn hin. Gott, den
man sich personhaft vorstellt, hat eine festgefügte, ewige, unveränderliche Ordnung geschaffen, die für
immer gilt. Die Geschichte der Menschheit wird durch Gott gelenkt und wird mit dem Weltgericht enden. In
der Bibel und in den Lehren der Kirche hat Gott sich den Menschen zu erkennen gegeben und seine
Ordnungen offenbart.Gott hat der Natur ihre Gesetze gegeben; Gott selbst kann sie auch durchbrechen.
b. geozentrisch: Die Erde ist eine Scheibe. Sie ist der Mittelpunkt des ganzen Kosmos; Sonne Mond und
alle Sterne bewegen sich um sie herum.
c. anthropozentrisch: Der Mensch ist das höchste und wichtigste Wesen im Kosmos, da Gott mit ihm in
direkter Beziehung steht. Die Natur ist für den Menschen geschaffen.
6. Mit Beginn der Neuzeit (etwa ab 1400) beginnt das mittelalterliche christliche Weltbild allmählich zu
zerbrechen. Die Erforschung der Erde durch die Seefahrer, das Kennenlernen anderer Völker, Kulturen und
Religionen erweitern den geistigen und weltanschaulichen Horizont der Europäer. Fortschritte in der
Erforschung des Kosmos (Kopernikus, Galilei), in der Biologie (Darwin), der Medizin, und in der Psychologie
(Freud) sind Ergebnisse dieser Horizonterweiterung und der Veränderung des europäischen Welt- und
Menschenbildes.
RU-Wissen und Meinung ­ Glaube und Wissenschaft
Der Fall Gallilei
1. Galileo Galilei wird am 15. 2. 1564 in Pisa (Italien) geboren. Nach dem Studium der Naturwissenschaften
erhält er im Jahr 1592 eine Professur für Mathematik an der Universität Padua. Schon während seines
Studiums wird Galilei durch Veröffentlichungen über die Gesetze der Pendelbewegungen und die Erfindung
einer Waage für das spezifische Gewicht der Körper bekannt.
2. In Padua beginnt Galilei sich auch für Kosmologie zu interessieren, besonders für die revolutionierenden
Entdeckungen der Astronomen Kopernikus und Kepler, die feststellen, daß im Mittelpunkt unseres Systems
nicht die Erde, sondern die Sonne steht und daß sich die Erde und die anderen Planeten um sie herum
drehen. Galilei ist bald von der Richtigkeit der Entdeckungen und Berechnungen seiner Kollegen überzeugt.
Wie eine Sensation wirkt in Europa dann die Entwicklung des ersten Fernrohrs durch Galilei im Jahr 1609.
Er entdeckt die vier Monde des Jupiter, die Sonnenflecken und die Ringe des Planeten Saturn und -was
noch wichtiger ist- er bestätigt die Berechnungen von Kopernikus und Kepler durch seine Beobachtungen
mit dem Teleskop.
3. Obwohl Galilei bald in Italien und ganz Europa ein berühmter Mann ist und mit vielen Ehren überhäuft
wird, bekommt er Schwierigkeiten, als er 1615 während eines Aufenthaltes in Rom von einem
Dominikanerpater wegen Ketzerei (Verbreitung falscher Lehren) denunziert wird. Er wird aufgefordert, sich
dem sogenannten "Heiligen Offizium", der Inquisitionsbehörde der römisch-katholischen Kirche zu stellen.
Geleitet wird diese Behörde von Kardinal Bellarmin, der wesentlich am Prozeß, der Verurteilung und
Verbrennung von Giordano Bruno, einem italienischen Wissenschaftler, beteiligt war. Galilei kann seine
Thesen vorstellen und erläutern und findet bei der Inquisitionsbehörde zunächst keinen Widerspruch, da die
Richtigkeit seiner Forschungsergebnisse offen zu Tage liegt. 15 Jahre lang kann Galilei fast unbehelligt
seinen Forschungen nachgehen und an der Universität lehren, bis er im Jahre 1632 erneut vor das
Inqusitionsgericht nach Rom geladen wird.
4. Der Kirche ist inzwischen die "Gefährlichkeit" der Forschungen von Galilei, Kopernikus und Kepler
klargeworden. Dabei geht es einmal um das neue heliozentrische Weltbild, das den Grundlagen der Bibel
und der kirchlichen Lehre zu widersprechen scheint. Vor allem aber kann sich die Kirche nicht
einverstanden erklären mit den Methoden der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung, durch die die Forscher
zu ihren Ergebnissen gelangt waren. Ihre Erkenntnisse hatten sie durch Beobachtungen, Berechnungen und
Messungen der Naturvorgänge erhalten. Diese Methoden sind neu und entsprechen nicht der Tradition. Die
Kirche besteht aber darauf, daß der Forscher wie bisher die Erkenntnisse der Wahrheit (auch in der Natur)
nur durch das Studium der Bibel und der Kirchenlehren erlangen könne und die Wissenschaft sich weiterhin
der Theologie und der Kirche unterzuordnen habe. Da Kopernikus und Kepler in den nördlichen,
protestantischen Ländern Europas leben, hat die römische Inquisition keinen Zugriff auf sie. Galilei aber
wird in Rom trotz einer gefährlichen Erkrankung zunächst verhaftet, später wieder freigelassen und dann
erneut angeklagt und festgenommen. Unter Androhung der Folter wird Galilei aufgefordert, seine Lehren zu
widerrufen und sich der Kirche zu unterwerfen. Als schwerkranker Mann beugt sich Galilei dem Diktat der
Kirche. Er wird freigelassen, unterliegt aber der ständigen Beobachtung durch die Inquisition und darf sich
nicht frei im Lande bewegen. Galilei stirbt 1642.
"Und sie bewegt sich doch", sollen einer Legende nach seine letzten Worte auf dem Sterbebett gewesen
sein.
RU-Wissen und Meinung ­ Glaube und Wissenschaft
Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube (I)
1. Zwischen Naturwissenschaft und christlichem Glauben bestand in der Zeit des Mittelalters kein
Gegensatz. Was in der Bibel stand und was die Kirche lehrte, galt als göttliche Offenbarung und wurde
deshalb auch in naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Dingen als absolut unfehlbar angesehen. Die
Kirche (vor allem die katholische) nahm für sich in Anspruch, nicht nur in Glaubensfragen, sondern auch auf
wissenschaftlichem Gebiet oberste Autorität zu sein.
2. Die ersten tiefgreifenden Spannungen zwischen naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen und den
Glaubensgrundlagen der Kirche begannen im 17. Jahrhundert mit der Entdeckung des Astronomen Nikolaus
Kopernikus, der herausfand, daß sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, wie man bis dahin
glaubte. Der Streit fand seinen Höhepunkt in dem Prozeß, den die Kirche gegen Galilei in Rom anstrengte
und in dem sich Galilei den Drohungen der Kirche beugen mußte.
3. Mit dem beginnenden Zeitalter der "Aufklärung" (etwa ab 1700) gerieten die biblischen Aussagen dann
mehr und mehr ins Kreuzfeuer einer rationalistischen (verstandesmäßigen) Kritik. Die Naturwissenschaften
erlebten einen ungeheuren Aufschwung und begannen, sich aus der Bevormundung durch die kirchlichen
Autoritäten zu lösen.
4. Vielen Naturforschern zu Beginn des 19. Jahrhundert war bereits klar, daß die Darstellungen der
biblischen Schöpfungsberichte über die Entstehung des Kosmos, der Erde und des Lebens nicht mit den
Ergebnisen der Forschung in Übereinstimmung zu bringen waren. Die traditionelle Ansicht, daß die Welt im
Jahr 4004 vor Christus von Gott erschaffen war, geriet ins Wanken. Der englische Bishof Ussher hatte aus
verstreuten zeitlichen Angaben in der Bibel dieses Datum errechnet.
5. Eine emotionsgeladene und verbittert geführte Auseinandersetzung entstand im Zusammenhang mit
Charles Darwins sogenannter "Evolutionstheorie". Er hatte sie im Jahre 1859 in seinem Buch "Die
Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl ... " veröffentlicht. Darwin, im Jahr 1809 in England
geboren, hatte Medizin und Theologie studiert und sich auch intensiv mit Botanik und Geologie befaßt. In
den Jahren 1831-1836 unternahm Darwin eine Forschungsreise, die ihn nach Brasilien, Chile, Peru und bis
nach Australien brachte. Vielfältiges Beobachtungsmaterial, das er auf dieser Reise zusammentragen
konnte, führte ihn zu der Theorie, daß sich alles pflanzliche und tierische Leben im Laufe der langen
Erdgeschichte aus einem gemeinsamen Stammbaum entwickelt haben mußte. Weil die Erde nicht
ausreiche, so sagte Darwin, um alle Lebewesen zu ernähren, finde im Pflanzen- und Tierreich ein ständiger
Kampf ums Dasein statt. In diesem Kampf besäßen die Lebenstüchtigeren die besseren
Überlebenschancen. Der Kampf ums Dasein führe also zu einem unaufhörlichen Ausleseprozeß (Selektion),
der eine ständige Höherentwicklung der Lebewesen zur Folge habe.
6. Auch der Mensch, so schrieb Darwin, entstamme dieser Evolution allen Lebens und habe sich aus einer
urzeitlichen, heute ausgestorbenen Affenart entwickelt. Ein langjähriger Sturm der Entrüstung, vor allem aus
kirchlichen Kreisen, war die Folge. Man behauptete, der Mensch würde seiner besonderen Stellung im
Kosmos und damit seiner Würde beraubt. Darwin und die Evolutionisten wurden verhöhnt und beschimpft
und besonders in Großbritannien erbittert bekämpft. Das geschah auch deshalb, weil Darwin es wagte, die
biblischen Aussagen über die Entstehung der Erde und des Lebens in Zweifel zu ziehen. Dabei war Darwin
alles andere als ein Atheist. Er war ein religiös tief empfindender und denkender Mensch. Vom Christentum
distanzierte er sich allerdings im Laufe seines Lebens immer mehr, wohl als Reaktion auf das engstirnige
und unfaire Verhalten der Kirche im Blick auf seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen.
RU-Wissen und Meinung ­ Glaube und Wissenschaft
Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube (II)
1. Nachdem Darwins Theorien über das Alter der Welt, über die Entwicklung und die Zusammengehörigkeit
allen Lebens zunächst auf Ablehnung gestoßen waren, wurden sie innerhalb weniger Jahre durch eine Fülle
von Forschungsergebnissen in den entscheidenden Punkten bestätigt. Eine besondere Bedeutung spielten
dabei die Fossilien. Schon lange waren sie den Wissenschaftlern als Reste lang verstorbener und zum Teil
nicht mehr existierender Lebewesen bekannt. Man konnte sie aber bis dahin nicht recht in die
Naturgeschichte einordnen und schenkte ihnen wenig Aufmerksamkeit. Nach Darwins Veröffentlichungen
begann in der ganzen Welt plötzlich eine intensive Suche nach diesen Fossilien durch Archäologen,
Paläontologen und Anthropologen. Aus einem Zeitraum von Millionen von Jahren wurden Skeletteile, vor
allem Zähne und Schädelknochen gefunden, welche keineswegs lückenlos, aber doch deutlich und
überzeugend die Entwicklung vom Tier zum Menschen zurückverfolgen lassen. Es stellte sich auch heraus,
daß es eine Fülle von menschenähnlichen Wesen gegeben haben mußte, die aber nicht als Vorgänger des
heute lebenden Menschen anzusehen sind. Zu ihnen gehört auch der berühmte "Neandertaler", der vor
50.000 bis 100.000 Jahren lebte und von dem man inzwischen über 130 "Exemplare" fand. (Übrigens
gehören alle heute lebenden Menschen ausnahmslos ein und derselben Menschenart, dem sogenannten
homo sapiens sapiens, an).
2. Wenn auch Darwin nicht in allen Punkten recht hatte und seine Theorie inzwischen korrigiert, ausgeweitet
und differenziert werden mußte, so zweifelt doch heute praktisch kein Wissenschaftler mehr an ihrer
grundsätzlichen Richtigkeit. Zu viele Indizien mit schwerwiegender Überzeugungskraft sprechen dafür,
obwohl die Wissenschaft noch längst nicht alle Einzelheiten und Widersprüche innerhalb der
Evolutionstheorie geklärt hat, vielleicht auch niemals klären wird. Umstritten ist dabei im besonderen die
Theorie, daß aus Mutationen, das sind kleine Veränderungen in den Erbanlagen einer Tierart, neue
Tierarten entstanden sein sollen. Auch die Annahme, daß sich alles Leben durch Selektion höherentwickelt
habe, ist unter Wissenschaftlern keineswegs unumstritten.
3. Auf dem augenblicklichen Stand kann die Evolutionstheorie vor allem nicht die ungeheure Vielfalt allen
Lebens auf der Erde erklären. Auch enthält die Entwicklungsgeschichte von Pflanzen, Tieren und Menschen
zuviel Sinn, Planmäßigkeit und Zielstrebigkeit, als daß man alle Entwicklung nur mit dem Zufall begründen
könnte, wie es z.Zt. die Evolutionstheoretiker noch tun müssen.
4. Gerade auch wegen der vielen offenen Fragen lehnen einige Naturforscher die Evolutionstheorie ab. Sie
vertreten den Kreationismus, den Glauben daran, daß Kosmos, Erde und alles Leben so geschaffen
wurden, wie es die Bibel beschreibt: nämlich vor wenigen Tausend Jahren, innerhalb sehr kurzer Zeit, in der
ganzen Vielfältigkeit, aber fix und fertig. Eine Entwicklungsgeschichte von Kosmos, Erde und Leben gibt es
nicht. Tatsachen, die das Gegenteil zu beweisen scheinen, beruhen auf Täuschungen oder auf
Fehlinterpretationen durch die Forscher. Diese "Kreationisten" fühlen sich meist einem fundamentalistischen
Glaubens- und Bibelverständnis verpflichtet und sind nicht bereit, Forschungsergebnisse als richtig zu
akzeptieren, die den biblischen Aussagen oder Glaubenslehren widersprechen. Von den (allerdings nur
wenigen und meist in Amerika beheimateten) Vertretern des Kreationismus wird in den letzten Jahren
Material gesammelt, mit dem gegen die Evolutionstheorie bewiesen werden soll, daß die Welt so erschaffen
wurde wie es Gott in den Schöpfungsberichten der Bibel geoffenbart hat.
5. Von den Theologen beider großer Konfessionen ist die grundsätzliche Richtigkeit der Evolutiontheorie
inzwischen anerkannt, nachdem es bis weit in dieses Jahrhundert hinein noch Widerstände von Seiten der
Kirchen gegeben hat. Es bleibt dann aber die Frage zu klären, welche Bedeutung die Aussagen der
biblischen Berichte über die Schöpfung noch haben, ob und wie sie sich mit den Erkenntnissen der
Evolutionstheorie verbinden lassen.
RU-Wissen und Meinung ­ Glaube und Wissenschaft
Extracorporale Befruchtung (ECB) (Zeugung im Reagenzglas)
1. Die moderne Biotechnologie hat sich wesentlich im Bereich der Landwirtschaft entwickelt und damit eine
Verbesserung der Ernährungsgrundlage des Menschen geschaffen. Die dort gewonnenen Einsichten und
technischen Möglichkeiten wurden dann auf den Menschen übertragen. Die gegenwärtige Diskussion gilt
vor allem der Reproduktionstechnologie, d.h. der künstlichen Herbeiführung einer Schwangerschaft. Eine
Fülle medizinischer, psychologischer, rechtlicher und vor allem ethischer Fragen wird damit aufgeworfen.
2. Kommt eine Befruchtung auf natürlichem Wege nicht zustande, so besteht medizinisch-technisch die
Möglichkeit, eine Eizelle operativ zu entnehmen, sie in einem Gefäß mit einer Samenzelle verschmelzen zu
lassen (In-vitro-Fertilisation) und den sich entwickelnden Embryo in die Gebärmutter einzupflanzen.
3. Bevor eine ECB als Maßnahme in Erwägung gezogen wird, müssen zuvor alle anderen Möglichkeiten,
den Kinderwunsch eines Ehepaares zu erfüllen, geklärt worden sein. Die Eheleute sollten auch die
Möglichkeit einer Adoption oder des Verzichtes auf Kinder in Betracht ziehen. Geprüft werden sollten auch
die Motive der Eltern.
4. Bei einer ECB ist zu bedenken, daß sie ein emotionslos-technischer Vorgang ist und der Zusammenhang
der Entstehung menschlichen Lebens mit der leibseelischen Ganzheit des Zeugungsvorganges
verlorengeht.
5. Ein besonderes Problem ist die Behandlung der überzähligen Embryonen. Zum Schutz und zur Schonung
der Frau werden ihr bei einem Eingriff mehrere Eizellen entnommen, die zwar alle befruchtet werden, dann
aber nur zum Teil der Mutter eingepflanzt werden. Wer den Beginn des menschlichen Lebens schon mit
dem Zeitpunkt der Befruchtung gegeben sieht, wird die Tötung der überzähligen Embryonen als ethisch
problematisch ansehen. Es gibt Ärzte, die daher in Übereinkunft mit den Eltern alle befruchteten Eizellen
implantieren und eine Mehrlingsgeburt in Kauf nehmen.
6. Es besteht auch die Möglichkeit, die befruchteten Embryonen einzufrieren, um sie später der Mutter oder
auch einer anderen Frau einzupflanzen. Theoretisch kann dies Jahrzehnte später geschehen, natürlich auch
dann, wenn die genetischen Eltern längst gestorben sind.
7. Für den Wissenschaftler bieten sich überzählige Embryonen als ideales Forschungsmaterial an.
Technisch möglich ist bereits das "Klonen". D.h., die vier, acht oder sechzehn völlig identischen Teile einer
Blastozyte werden getrennt und da jeder für sich lebens- und entwicklunsfähig ist, verschiedenen Müttern
eingepflanzt. Es entwickeln sich daraus vier, bzw. acht oder sechzehn völlig identische Lebewesen. In der
Tierproduktion wird diese Technik seit längerem eingesetzt. Von Klonversuchen im Humanbereich wurde
bisher nichts bekannt.
Wissenschaftlich-medizinische Untersuchungen und Experimente an menschlilichen Embryonen sind in der
Bundesrepublik gesetzlich verboten.
RU-Wissen und Meinung ­ Glaube und Wissenschaft
Künstliche Befruchtung und Ersatzmutterschaft ("Leihmütter")
A. KÜNSTLICHE BEFRUCHTUNG
1. Kinderlosigkeit kann durch die Zeugungsunfähigkeit des Mannes oder Sterilität der Frau bedingt sein.
Ethisch unterschiedlich zu bewerten ist es, ob zu einer Befruchtung die Samen- und Eizellen von
Ehepartnern (homologe Insemination) oder ehefremder Personen (heterologe Insemination) verwendet
werden. Ethische Bedenken gegen eine homologe Insemination bestehen nicht, solange sie von beiden
Partnern gewünscht wird.
2. Wenn wegen Zeugungsunfähigkeit des Mannes seine Frau von ihm kein Kind empfangen kann, wird
gelegentlich die Übertragung fremden Samens auf die Frau gewünscht. Dagegen können generelle ethische
Bedenken erhoben werden:
a. Selbst wenn im Zeitpunkt, da Mann und Frau solche Maßnahme wünschen, Übereinstimmung zwischen
ihnen besteht, kann danach das Verhältnis der Partner gestört und ein so empfangenes Kind besonderen
Belastungen ausgesetzt sein. Auch juristische und erbbiologische Probleme sind noch ungeklärt.
b. Die genetische Abstammung ist ein Bestandteil der persönlichen Identität. Deshalb besteht bei
heterologer Insemination ein Unterschied, ob der Spender anonym bleibt oder bekannt ist. Eltern schulden
ihrem Kind Aufklärung über seine genetische Herkunft. Dies kann sogar aus medizinischen Gründen
lebenswichtig werden. Eine schicksalshaft bedingte Unkenntnis über die Herkunft ist mit einer bewußt
herbeigeführten ethisch nicht gleichzusetzen.
c. Es gibt alleinstehende Frauen, die sich ein eigenes Kind wünschen, ohne aber an den Vater dieses
Kindes gebunden zu sein oder ihn überhaupt kennen zu wollen. Durch eine heterologe Insemination, bei der
der Samenspender (Vater) unbekannt bleibt, kann dieser Kinderwunsch erfüllt werden. Dabei ist zu fragen,
ob einem Menschen bewußt die Identität seines Vaters vorenthalten werden darf (s.o. unter 5) und ob es
pädagogisch zu verantworten ist, ein Kind ohne Vater aufwachsen zu lassen, ohne daß eine Notsituation
vorliegt.
d. Der Samenspender ("Vater") muß sich fragen lassen, ob eine bewußt herbeigeführte Vaterschaft nicht
auch Verantwortung für das Kind beinhaltet und der Verzicht auf die Verantwortung gegenüber seinem Kind
ethisch vertretbar ist.
B. ERSATZMUTTERSCHAFT
1. Neue medizinische Techniken machen es möglich, einen Embryo nicht von der Frau austragen zu
lassen, von der das Ei stammt. Ist eine Frau nicht zur Schwangerschaft fähig oder willig, so kann nach der
extracorporalen Befruchtung der Embryo in die Gebärmutter einer anderen Frau eingepflanzt werden.
2. Das ist ethisch nicht unbedenklich. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind während der
Schwangerschaft übt einen wichtigen Einfluß auf die werdende Persönlichkeit des heranwachsenden Kindes
aus. Deshalb sollte dieser Einfluß möglichst positiv gestaltet sein. Auch für die Annahme des Kindes durch
die Eltern spielt das Erlebnis der Schwangerschaft eine Rolle. Dies gilt besonders, wenn ein behindertes
Kind zur Welt kommt. Bei der Ersatzmutterschaft entsteht in einem solchen Fall ein besonders
schwerwiegendes Problem, wenn die genetischen Eltern die Annahme des behinderten Kindes von der
Leihmutter verweigern, wie bereits in einigen Fällen geschehen. -Nach unserer Rechtsordnung ist die
gebärende Mutter die leibliche Mutter.
3. Ethische Bedenken bestehen auch hinsichtlich der Motive, die manche Frau veranlassen, nicht selbst
eine Schwangerschaft auszutragen. Neben medizinischen Gründen spielen erfahrungsgemäß die
Vermeidung der normalen gesundheitlichen Risiken, die Furcht vor Verlust körperlicher "Schönheit" und
eine mögliche Beeinträchtigung der Karriere durch die Schwangerschaft eine Rolle.
4. Schwangerschaft und das zu erwartende Kind dürfen nicht zur Ware degradiert werden. Zudem besteht
die Gefahr, daß sozial schwache Frauen ausgebeutet werden, indem sie die Gesundheitsrisiken und die
seelischen Belastungen einer Fremdschwangerschaft gegen Entgelt auf sich nehmen. Der Gesetzgeber hat
aus diesen Gründen Leihmutterschaften verboten.
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Gentechnologie: Erläuterung von Begriffen
CHROMOSOMEN: Färbbare Körper im Zellkern. Sie enthalten in stark zusammengedrängter Form die DNS
(Erbinformation). Jede Zelle eines Organismus enthält die artspezifische Anzahl von Chromosomen. Der
Mensch hat 46 Chromosomen, die je zur Hälfte von der Mutter und vom Vater stammen.
DNS (oder DNA): Desoxyribonukleinsäure. Bezeichnung für das Molekül, das die Erbinformationen eines
Lebewesens trägt. Es befindet sich in jeder Körperzelle eines Lebewesens.
EIZELLENVERSCHMELZUNG: Befruchtung einer Eizelle mit einem anderen Ei. Beim Menschen noch
nicht entwickelt, würde aber Reproduktionen ohne Samenzellen ermöglichen.
EMBRYO: (Mehrzahl: Embryonen) Bei strenger Definition bezeichnet dieser Begriff beim Menschen das
Entwicklungsstadium zwischen dem 7. Tag nach der Befruchtung bis zum 3. Monat. Im allgemeinen
Sprachgebrauch wird die Leibesfrucht von der Befruchtung bis zum 3. Monat als Embryo bezeichnet. Vom
3. Monat an spricht man vom Fötus.
EMBRYO-TEILUNG: Bei diesem Vorgang wird die sich entwickelnde befruchtete Eizelle (meist im
Vierzellstadium, auch Blastozyte genannt) in einzelne Zellen geteilt, woraus sich potentiell vier identische
Embryonen entwickeln können ("Klonen"). In Tierversuchen bereits praktiziert.
EMBRYO-TRANSFER: Ein Vorgang, bei dem ein Embryo in die Gebärmutter der Frau eingepflanzt wird.
EUGENIK: Erbhygiene. Diese Wissenschaft hat zum Ziel, die Ausbreitung von Erbkrankheiten
einzuschränken und die Verbreitung erwünschter Gene zu fördern. (Seit der Zeit des Nationalsozialismus ist
die Eugenik eine umstrittene Wissenschaft).
EXTRA-CORPORALE BEFRUCHTUNG (ECB): siehe In-vitro-Fertilisation.
FÖTUS: Menschliche Leibesfrucht vom 3. Schwangerschaftsmonat an.
FOLLIKEL: Mit Flüssigkeit gefüllte Eibläschen im Eierstock, die jeweils ein gereiftes Ei enthalten.
GEN: Abschnitt der Erbinformation, der die Information für eine Funktion der Zelle trägt. Diese Funktion
kann darin bestehen, Vorgänge in der Zelle zu regeln oder der Zelle bzw. dem Organismus bestimmte
Eigenschaften und Merkmale zu verleihen. Viele Eigenschaften eines Organismus werden von mehr als
einem Gen bestimmt.
GENOM: Die Gesamtheit der Erbinformationen in einer Körperzelle.
GENTHERAPIE, GENMANIPULATION: Neukombination oder Veränderung von Genen durch direkten
Eingriff in die Erbsubstanz; Einpflanzung von Trägern eines bestimmtes Erbgutes in einen anderen
Organismus.
HETEROLOGE INSEMINATION: Befruchtung der Eizelle einer Ehefrau durch die Samenzelle eines
fremden Mannes.
IN-VITRO-FERTILISIERUNG (IVF): Befruchtung einer Eizelle durch eine Samenzelle außerhalb der
Gebärmutter in einem Laborgefäß.
INSEMINATION: Befruchtung.
KEIMZELLEN: Reife Geschlechtszellen, d.h. Samenzellen des Mannes und Eizellen der Frau.
PRÄNATAL: Vor der Geburt
ZYGOTE: Das durch Vereinigung von Samen- und Eizelle entstandene Produkt. Mit ihr beginnt die
Entwicklung des neuen Lebewesens.
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Was ist Gentechnologie?
1. Die Gentechnologie ist eine relativ junge Wissenschaft. Sie ist aus jahrzehntelanger Forschung in den
Fachrichtungen Biologie, Chemie, Physik und Medizin hervorgegangen. Seit ein paar Jahren hat die
Gentechnik ein Entwicklungsstadium erreicht, in dem ihre vielfältigen, das Leben revolutionierenden
Anwendungsgebiete zu erkennen sind. Sehr(!) verkürzt dargestellt geht es bei der Gentechnik um
folgendes:
2. Jedes Lebewesen besteht aus Zellen; sie bilden sozusagen die Grundeinheit des Lebens. Bakterien, die
einfachsten Lebewesen, bestehen aus einer, der Mensch aus ca. 40 Billionen Zellen. Sie können im Körper
eines Lebewesens die verschiedensten Funktionen erfüllen, z.B. als Haut-, Blut- oder Leberzellen und/oder
bei der Produktion von Hormonen, Enzymen usw. tätig sein. In einem sind sie jedoch alle gleich: Jede der
Körperzellen enthält das komplette Erbgut dieses Lebewesens.
3. Dabei ist die Weise, in der diese Erbinformationen in der Zelle gespeichert werden, wiederum bei allen
Lebewesen gleich: Informationsträger in der Zelle ist, wie O. T. Avery 1944 herausfand, das Riesenmolekül
DNS (Desoxyribonukleinsäure). Den amerikanischen Wissenschaftlern Watson und Crick gelang es 1953,
die Struktur dieses Moleküls als "Doppelhelix" darzustellen. Die DNS ist ein fadenähnliches Molekül und aus
vier chemischen Bauelementen aufgebaut, deren Aufeinanderfolge eine Art chemischer Schrift darstellt, die
die Informationen des Erbmaterials enthält.
4. Der DNA-Faden nun ist in bestimmte Abschnitte, in die Gene unterteilt. Einzelne Gene wie auch ganze
Genkombinationen bestimmen die Merkmale und Eigenschaften der Lebewesen wie Aussehen, Größe,
Hautfarbe, Blattform usw. Die Gesamtheit der Erbinformationen in einer Zelle nennt man Genom. Ein Gen
ist also ein Teil des Genoms eines Lebewesens.
5. Gentechnologie (genauer: die Molekularbiologie) befaßt sich nun damit herauszufinden, für welche
Körpereigenschaft oder -fähigkeit ein einzelnes Gen zuständig ist, es zu identifizieren, zu isolieren und
gegebenfalls zu übertragen, d.h. das Erbgut von Lebewesen gezielt zu beeinflussen.
6. So ist es möglich, das genetische Material eines Lebewesens durch die Übertragung eines bestimmten
Gens eines anderen Lebewesens gezielt zu verändern. Es wird anschließend Eigenschaften besitzen, die
vom Genetiker gewünscht werden, die es aber auf natürlichem Wege (wahrscheinlich) niemals hätte
erwerben können. In den Zellkern einer Maus kann man das Gen einer Ratte einbringen, das das
Größenwachstum dieser Ratte bestimmt. Die Maus wird, wenn die Übertragung gelingt, so groß werden wie
eine Ratte. Oder einer Bakterie wird das menschliche Gen eingepflanzt, das für die Insulinproduktion
zuständig ist. Die Bakterie beginnt nun ihrerseits, Insulin zu produzieren.
7. Angesichts der großen Zahl der menschlichen Gene (bis zu 150.000 in jeder Körperzelle) und angesichts
der Kleinheit des Zellkerns (Durchmesser 0,0025 mm), in dem die Gene sich befinden, wird deutlich, wie
kompliziert es ist, ein bestimmtes Gen zu finden, es zu isolieren und zu übertragen. Um anschaulich zu
machen, was dabei im Prinzip geschieht, kann der Vergleich mit einem Tonband herangezogen werden.
Aus einem besprochenem oder bespielten Tonband kann vom Tontechniker ein Stück herausgeschnitten
und in ein anderes Tonband als Zwischenstück eingeklebt werden. Die Informationen dieses übertragenen
Tonbandstückes (Worte oder Musik) sind dann Teil des zweiten Tonbands geworden. Schneiden und
Kleben geschieht dabei mit Schere und Klebstoff. Ähnlich stellt sich der Vorgang in der Gentechnik dar. Der
Gentechniker benutzt bei der Isolierung, Heraustrennung und Übertragung eines einzelnen winzigen Gens
aus dem DNA-Molekül natürlich nicht mechanische Hilfsmittel wie Messer und Schere, sondern bestimmte
biologisch-chemische Stoffe, sog. Proteine bzw. Enzyme.
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Fortschritt durch Gentechnologie (I) (Landwirtschaft)
1. Eines der wichtigsten Anwendungsgebiete der Gentechnologie ist die Landwirtschaft. Dabei wird das Ziel
verfolgt, höhere Erträge bei den Nutzpflanzen, eine verbesserte Tierproduktion und eine Resistenz gegen
Pflanzenschutzmittel zu erreichen. Die Einführung gentechnologischer Methoden wird wohl eine totale
Veränderung der Landwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten mit sich bringen.
2. Intensiv erforscht wird z.Zt. die Möglichkeit, die Stickstoffversorgung von Nutzpflanzen zu verbessern.
Das soll dadurch geschehen, daß man bestimmte Pflanzen genetisch so verändert, daß ihnen Stickstoff
nicht wie bisher von außen durch Düngung zugeführt werden muß, sondern daß sie selbst in die Lage
versetzt werden, den nötigen Stickstoff direkt der Luft zu entnehmen. Das Problem der teuren
Stickstoffdüngung und das Risiko der Überdüngung des Bodens würde damit entfallen. Die Verheißungen
und Versprechungen mancher Gentechnologen gehen hin bis zur Lösung eines der größten Weltprobleme,
nämlich der Versorgung aller Menschen mit genügend Nahrungsmitteln.
3. Die moderne Landwirtschaft kommt bisher nicht ohne Pflanzengifte aus, die die sogenannten "Unkräuter"
töten und auf diese Weise das Wachstum der Nutzpflanzen fördern. Der Nachteil ist jedoch, daß diese Gifte
in hohem Maße die Nutzpflanzen selbst angreifen, daß sie sich in den Pflanzen anreichern und damit den
Verbraucher erreichen und ihn gefährden. So ist es ein Ziel gentechnologischer Forschung, das Erbgut von
Nutzplanzen so zu verändern, daß sie gegen bestimmte Gifte resistent sind. Auf diese Weise könnten dann
praktisch unbegrenzt Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Allerdings ist genau dies zu befürchten. Denn
es besteht dann die große Gefahr, daß Kräuter und Pflanzen, die für das Ökosystem der Natur, d.h. für
Insekten, und andere Tiere wichtig sind, nochmehr als bisher ausgerottet und aus der Natur ganz
verschwinden würden.
4. Ein häufig in der Öffentlichkeit diskutiertes Beispiel sind die sogenannten "Eisminusbakterien". Dies sind
Bakterien, die die Eiskristallbildung auf Pflanzenoberflächen bei etwa 0° auslöst und damit das Wachstum
der Pflanzen stoppt. Man kann dieses Bakterium gentechnisch so verändern, daß die Eiskristallbildung erst
bei minus 10° eintritt, was natürlich für die Wachtumsbedingungen und Nutzung von Pflanzen von großer
Bedeutung wäre.
5. Die Versuche, direkt in das Erbgut von Tieren (Schweinen, Schafen, Rindern) einzugreifen, stehen noch
am Anfang. Immerhin gelang es schon, Schweinen das Gen für das menschliche Wachstumshormon
einzupflanzen, was in der Tat zu besonders großen Schweinen führte, die allerdings eine wesentlich erhöhte
Anfälligkeit für Krankheiten hatten. Der Phantasie der Wissenschaftler bei der Neukombination von Genen
im Bereich der Tierproduktion sind keine Grenzen gesetzt. Das vielbelächelte "eierlegende
Wollmilchschwein" scheint auf lange Sicht keine Utopie zu sein. In Amerika gibt es die ersten Patente auf
solche durch gentechnische Manipulation neukonstruierte Tiere (sog. transgene Tiere).
6. Auch die gentechnische Produktion von Hormonen, Impfstoffen und Medikamenten gehört zu den
Anwendungsbereichen der Gentechnolgie in der Landwirtschaft. Besonders bekannt geworden ist das
Wachstumshormon von Rindern, das auch schon zur Fleischprokuktion eingesetzt wird.
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Fortschritt durch Gentechnologie (II) (Medizin)
1. Neben der Landwirtschaft ist der Bereich der Medizin und Pharmakologie ein wichtiges
Anwendungsgebiet der Gentechnologie. So gelang es, für einige menschliche Hormone die entsprechenden
Gene in das Erbgut von Bakterien einzuschleusen und sie zur Produktion menschlicher Hormone
anzuregen. Konnte bisher ein Hormon nur mit ungeheuren Kosten und nur in geringen Mengen direkt aus
dem menschlichen Körper gewonnen werden, so geht die gentechnische Hormonproduktion über die
Bakterien schneller und wesentlich kostengünstiger vor sich. Das bekannteste und wohl bisher wichtigste
Beispiel solcher auf gentechnischem Wege gewonner Medikamente ist das Insulin, das in der
Bauchspeicheldrüse produziert wird und das den Zuckerhaushaushalt bei Säugetieren und Menschen regelt.
Bisher konnte es für Zuckerkranke, deren Körper das Insulin nicht in ausreichendem Maße herstellte, nur
aus der Bauchspeicheldrüse von (geschlachteten) Schweinen gewonnen werden. Dieses Insulin war aber
mit dem menschlichen nicht hundertprozentig identisch, so daß viele Diabetiker darauf allergisch reagierten.
Dadurch, daß nun in gentechnisch veränderten Bakterien im großen industriellen Stil Humaninsulin in reiner
Form produziert werden kann, ist eine bessere und problemlose Versorgung von Diabetikern mit Insulin
gesichert.
2. Durch immer ausgefeiltere Methoden bei der Isolierung und Analyse von Genen eröffnet sich in der
Medizin die Möglichkeit, Erbkrankheiten, die auf die Veränderung eines einzelnen Gens im Erbgut eines
Menschen zurückzuführen sind, zu entdecken. Das kann auch dann geschehen, wenn die Krankheit bei
diesem Menschen noch nicht sichtbar ist. Bei der Diagnose von Erbkrankheiten geht es auch um Interessen
in der Wirtschaft und Industrie in Zusammenhang mit Einstellungen von Arbeitnehmern durch die Betriebe.
So wurden Chemiearbeiter in den USA vor ihrer Einstellung auf erbbedingte Risikofaktoren und Allergien
oder auch auf genetisch bedingte Resistenz gegen bestimmte Schadstoffe getestet und vom Resultat der
Untersuchungen ihre Einstellung abhängig gemacht.
3. In der letzten Zeit hat die vorgeburtliche genetische Untersuchung eine besondere Bedeutung gewonnen.
Man ist in der Lage, ungefähr 60 erbbedingte Krankheiten im Embryo auf gentechnischem Wege
festzustellen. Das bedeutet nicht, daß man sie auch heilen kann. Insofern wird die ethische Diskussion um
die Abtreibung durch das Wissen um die genetisch bedingten Defekte verschärft.
4. Die radikalste Anwendung der Gentechnik ist der direkte Eingriff in das menschliche Erbgut. Alle anderen
beschriebenen Anwendungen in der Medizin wie die Herstellung von Impfstoffen, Hormonen usw. dienen
nur der Diagnose oder der Behandlung der Symptome. Die genetischen Ursachen der Krankheiten bleiben
dabei unangetastet. Die Gentechnologie befaßt sich aber auch mit der Möglichkeit, Krankheiten dadurch zu
beseitigen, daß man direkt in das Erbgut eingreift, d.h. daß man Gene, die die Krankheit verursachen,
gentechnisch entfernt bzw. austauscht. Es gibt ungefähr 400 Krankheiten, von denen man weiß, daß sie auf
der krankhaften Veränderung nur eines Gens im menschlichen Erbgut beruhen. Die Anstrengungen der
medizinischen Wissenschaft gehen z.Zt. dahin, daß man versucht, diese Gene zu identifizeren, um sie
dann genetisch behandeln zu können.
5. Das Genom eines Menschen, d.h. die Gesamtheit seines Erbgutes, ist einmalig und unverwechselbar.
Jeder Mensch hat also seinen eigenen "genetischen Fingerabdruck". Den Gentechnikern ist es gelungen, an
Hand von einzelnen Körperzellen (Blut, Haut usw.) das Erbgut von Menschen in Form eines Strichcodes
sichtbar und ablesbar zu machen. Mit Hilfe dieser sogenannten Genomanalyse können Kapitalverbrechen
und strittige Vaterschaften eindeutig geklärt werden.
RU-Wissen und Meinung ­ Glaube und Wissenschaft
Ethische Probleme und Risiken der Gentechnologie (I)
1. Obwohl die Gentechnologie viele positive Zukunftsperspektiven eröffnet, muß jedoch darauf hingewiesen
werden, daß sie auch große Risiken und Gefahren in sich birgt und schwerwiegende ethische Fragen
aufwirft.
a. So sind die Folgen gentechnischer Manipulationen nur schwer oder gar nicht aufzuhalten und zu
korrigieren. Gentechnisch hergestellte Mikroben z.B. können nicht wieder eingefangen werden, nachdem sie
(möglicherweise auch wegen ungenügender Sicherheitsvorkehrungen) freigesetzt wurden. Auch
Gentechniker können nicht vorhersagen, welche Auswirkungen bestimmte gentechnisch hergestellte oder
veränderte Lebewesen in der Natur zukünftig bewirken werden. Gentechnische Manipulationen tragen das
Risiko in sich, daß sie Schäden im komplexen Ökosystem der Natur anrichten können, Schäden, die man
eventuell nicht mehr beherrschen oder korrigieren kann.
b. Gentechnische Eingriffe sind nicht nur an den Keimzellen von Pflanzen und Tieren möglich, sondern
prinzipiell auch beim Menschen. Es besteht somit das Risiko, daß gentechnologisches Wissen aus
kommerziellen, nationalistischen, politischen oder möglicherweise auch kriminellen Interessen auf den
Humanbereich angewandt wird: d.h., daß das menschliche Erbgut manipuliert wird, um speziell gewünschte
Menschentypen mit ganz besonderen Eigenschaften zu produzieren.
In Deutschland allerdings sind alle gentechnischen Eingriffe und Manipulationen an den menschlichen
Keimbahnen (befruchteten Eizellen) verboten, sowohl zum Zwecke der Forschung als auch der
medizinischen Diagnose oder Therapie. Es kann jedoch kaum kontrolliert werden, ob nicht doch im
Geheimen mit menschlichem Erbgut experimentiert wird.
2. Die Erfolge und denkbaren Möglichkeiten der Gentechnik auf dem Gebiet der Medizin erwecken den
Eindruck, daß Leiden und Krankheit beherrschbar sind und grundsätzlich beseitigt werden können. Würde
dies nicht die Aufhebung des menschlichen Lebens bedeuten, so wie es uns gegeben ist? Gehören nicht
Krankheit und Leiden zum menschlichen Leben als Ausdruck seiner Begrenztheit und seiner Endlichkeit?
Gentechnik neigt durch seine umfassende diagnostische und therapeutische Zielsetzung dazu, Leiden als
minderwertiges Leben abzustempeln und erhöht damit die soziale Diskriminierung der Kranken und
Behinderten.
3. Auch der Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft ist nicht problemlos und muß ethisch hinterfragt
werden, vor allem wenn er die Überwindung des Hungers in der Welt durch gentechnisch modifizierte
Pflanzen usw. verspricht. Es ist nämlich keineswegs ausgemacht, daß das Welthungerproblem überhaupt
biotechnisch zu lösen ist. Vielmehr muß man die Ursachen des Welthungers als gesellschaftspolitisches
und ökonomisches Problem einer gerechten und rational durchdachten Verteilung der schon vorhandenen
Nahrungsmittel sehen. Die Versprechungen der Gentechnologie lenken nur von den politischen Aufgaben
einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung ab.
RU-Wissen und Meinung ­ Glaube und Wissenschaft
Ethische Probleme und Risiken der Gentechnologie (II)
1. Mit der Entwicklung der Gentechnologie hat die Herrschaft des Menschen über die Natur eine neue
Qualität erreicht. Der Mensch kann mit Hilfe der Gentechnik Lebewesen umkonstruieren und (in Zukunft)
sogar neue Lebewesen schaffen, die von der Natur nicht vorgesehen waren. "Von jetzt an werden Flora und
Fauna dieser Erde mehr und mehr unsere eigene Schöpfung sein!", schreibt der Molekularbiologe R.
Sinsheimer vom California Institute of Technologie. Diese ungeheure Steigerung menschlicher
Verfügungsgewalt und damit auch der Verantwortung fordert nun, daß nicht nur geprüft werden muß, ob
einzelne gentechnische Handlungen moralisch vertretbar sind, sondern ob Gentechnik überhaupt
gerechtfertigt werden kann.
2. Deshalb ist zu fragen:
·
Darf der Mensch so tief in die Natur eingreifen, daß er neue Lebewesen konstruiert, indem er Gene neu
kombiniert oder sogar neue Gene schafft?
·
Darf der Mensch sich zum Schöpfer der Natur machen? Gibt es neben der Menschenwürde auch eine
Würde der Natur, die der Mensch nicht antasten sollte?
·
Ist das Unternehmen "Gentechnik" nicht ein Ausdruck menschlicher Hybris (Überheblichkeit), dem ein
deutliches Nein entgegengestellt werden muß?
·
Muß man nicht die bestehende Natur gegen die unüberschaubare Bedrohung durch menschlichen
Herrschaftswillen und irrationalen Fortschrittsglauben schützen?
·
Darf der Mensch Handlungen vornehmen, deren Folgen für die Menschheit und die ganze Natur er nicht
überblicken und nicht mehr aufhalten und korrigieren kann?
3. Der amerikanische Biochemiker Erwin Chargaff hörte auf, in diesem Bereich zu forschen, weil er meinte,
es sei dem Menschen verwehrt, in den "letzten Geheimnisgrund der Schöpfung" einzudringen. "Schon die
Absicht, mit den Genen herumzupantschen, kommt einer gefährlichen Brutalisierung der wissenschaftlichen
Phantasie gleich", schreibt er.
4. Der Philosoph Hans Jonas fordert die Wissenschaftler insgesamt auf, nur in Verantwortung vor der
Zukunft des Menschen, der ganzen Natur und des Planeten Erde weiter zu forschen und
Forschungsergebnisse anzuwenden. Im Blick auf die Gentechnologie fordert er allerdings ein Forschungs-
und Anwendungsverbot, da sie eine "entmenschlichende" Technik sei und im Prinzip nicht kontrollierbar. Es
ist allerdings zu fragen, ob sich Industrie und Wirtschaft, die sich durch die Gentechnolgie große finanzielle
Erfolge versprechen, durch solche Warnungen noch beeinflußen lassen. Es ist kaum zu überblicken und zu
erkennen und schon gar nicht mehr zu kontrollieren, an welchen Projekten in den vielen Industrielabors
geforscht wird.
5. In Deutschland wurde von einigen Wissenschaftlern und Politikern ein sog. "Moratorium" gefordert, d.h.
eine Regelung, nach der für eine bestimmte Zeit alle Forschung im Bereich der Gentechnologie gestoppt
wird. Gentechnologie sollte erst dann wieder betrieben werden, wenn man sich über die Risiken und
Gefahren und über ihre Eingrenzung im klaren sei.
6. In der Bundesrepublik müssen seit 1988 gentechnische Produktionsananlagen genehmigt werden. Mit
dem Hinweis auf die bestehenden, sehr verschwommen formulierten Gentechnik-Gesetze in der
Bundesrepublik lehnte der Verwaltungsgerichtshof die Genehmigung einer schon fertiggestellten Insulin-
Produktionsanlage der Firma Hoechst ab. Viele Zuckerkranke werden daher in Deutschland noch mit dem
schwer verträglichen Schweine-Insulin behandelt. Infolge einer restriktiven Genehmigungspraxis bei der
Errichtung gentechnischer Anlagen sind in der letzten Zeit viele Wissenschaftler aus Deutschland
abgewandert. Eine Neufassung der betreffenden Gesetze, die den Forschern mehr Freiheit läßt, wird von
vielen Politikern als dringend notwendig erachtet.
RU-Wissen und Meinung ­ Gott
Gott: Religionswissenschaftliche Begriffe
1. MONOTHEISMUS bedeutet die Anerkennung und Verehrung nur eines Gottes bei gleichzeitiger
Ablehnung anderer Götter oder der Leugnung ihrer Existenz. Der Ursprung der monotheistischen
Religionsform liegt wohl in Verehrung Jahwes, wie sie sich ca. 1100 Jahre v. Chr. in Israel entwickelte. Im 1.
Gebot des Dekalogs wird Israel verpflichtet, Gott Jahwe allein anzubeten: "Ich bin der Herr, dein Gott. Du
sollst keine anderen Götter neben mir haben." Christentum und Islam, deren Wurzeln wesentlich im
Judentum begründet liegen, haben diesen Monotheismus übernommen.- Vom Islam wird das Christentum
weithin nicht als monotheistische Religion angesehen und akzeptiert. Der Grund liegt in dem - vom Islam
meist falsch interpretierten - Dogma von der Dreieinigkeit (Trinität) von Vater, Sohn und Heiligem Geist.
2. POLYTHEISMUS. Bezeichnend für polytheistische Religionen ist der Glaube an die Existenz mehrerer
Göttergestalten und deren Verehrung. Die größte, heute noch lebendige polytheistische Religion ist der
Hinduismus, der eine in die Hunderttausende gehende Zahl von Göttergestalten kennt, darunter auch
solche in Tiergestalt (z.B. Hanuman, der Affengott, Ganesha, der Elefantengott). Gott Schiva, der Schöpfer,
Erhalter und Zerstörer der Welt, wird allgemein im Hinduismus als oberste Göttergestalt, als "Herr des
Weltalls" verehrt. - Polytheistisch war die griechisch/römische Religion des europäischen Altertums. Heute
noch bekannte Göttergestalten dieser Religion waren Zeus/Jupiter (der Göttervater), Mars/Ares (der
Kriegsgott), Hermes/Merkur (der Gott der Kaufleute und Diebe) und viele andere Götter und Halbgötter. -
Auch die alte germanische Religion war polytheistisch. Verehrt wurden u.a. Wotan, Donar (Thor), Freya
(Frija), das Licht der Sonne, die Kraft des Mondes und die Naturgewalten.
3. PANTHEISMUS. Ihm liegt die Auffassung zugrunde, daß Gott in allen Dingen und Erscheinungsformen
der Welt zu finden ist (Pan = griech. = Alles). Es gibt keinen Gegensatz zwischen Gott und Welt. Alles ist
von Gottes Geist durchdrungen: die Menschen, die Natur, der ganze Kosmos. Gott verbindet alles mit
allem. Da alles von Gott beseelt ist, ist alles in der Welt auch verehrungswürdig und achtenswert. Jedem
Lebewesen, jeder Pflanze, jedem Tier kommt göttliche Würde zu.
4. THEISMUS. Im Theismus wird Gott nicht als eine unpersönliche Naturkraft, sondern als ein personales
Wesen verstanden. Gott ist eine Person, zu der der Mensch in Beziehung treten, mit der er reden, dem er
sich hörend und gehorchend, aber auch sich verweigernd gegenübertreten kann. Der Theismus bildet
sozusagen einen Gegenpol zu pantheistischen Vorstellungen, die Gott als unpersönliches Wirkungsprinzip
in allen Dingen der Welt verstehen. Die theistische Gottesauffassung steht hinter den monotheistischen und
den polytheistischen Religionen.
5. DEISMUS. Diese Gottesvorstellung hat ihren Ursprung im Vernunftdenken der sog. Aufklärung. Gott wird
im Deismus als Schöpfer der Erde, des Kosmos und aller Naturgesetze verstanden. Er schuf den Menschen
als höchstes vernunftbegabtes Wesen und stattete ihn mit der Kraft einer natürlichen Religion aus. Nach
Vorstellung der Deisten hat sich Gott nach dem Akt der Schöpfung weitgehend aus der Welt
zurückgegezogen. Dem Menschen vertraute er die sinnvolle Gestaltung der Welt und Schöpfung an. Er gab
ihm den Auftrag, getragen von der Vernunft, die Welt zu erhalten und ihr Ordnung zu geben. Wunderglaube
und alle Formen von Aberglauben werden von den Deisten abgelehnt, da sie der vernünftigen Ordnung der
Naturgesetze widersprechen. Der Deismus erkennt an, daß in allen vernünftigen Formen von Religion und
Philosophie, im vernunftgesteuerten Denken des Menschen überhaupt, göttliche Kraft sichtbar wird. Alle
Religionen und Philosophien sind gleichberechtigt, unterscheiden sich aber dadurch, in welchem Maße sie
imstande sind, die von Gott in Gang gesetzte Schöpfung zu bewahren und zu ordnen.
RU-Wissen und Meinung ­ Gott
Gottesbeweise
1. Anselm von Canterbury (*1033) und Thomas von Aquin (*1225), zwei Theologen und Philosophen des
Mittelalters, haben den Versuch unternommen, die Existenz Gottes zu beweisen. Sie gehen dabei von
folgenden logischen Überlegungen aus:
a. Der kosmologische Gottesbeweis. Da Erde und Kosmos existieren und alles, was ist, einen Ursprung und
eine Ursache hat und nichts aus sich selbst heraus entsteht, muß es eine letzte Ursache geben, von der
sich alles Existierende herleitet. Alles, was existiert, befindet sich in Bewegung. Nichts wird aus sich selbst
heraus bewegt, sondern bedarf einer anderen Bewegung, eines Anstoßes. Es muß letztlich etwas geben,
das die erste Bewegung verursachte, das selbst aber nicht bewegt wurde. Gott ist diese letzte Ursache und
die erste bewegende Kraft
b. Der teleologische Gottesbeweis (telos = Ziel, Sinn). Alles in der Welt ist zielgerichtet und auf Ordnung,
Schönheit und Zweckmäßigkeit hin ausgelegt. Alles hat innerhalb des Kosmos seinen Platz, seinen Sinn
und seine Bedeutung. Es gibt nichts Unnützes. In der Zielgerichtetheit der Welt ist ein Plan, eine Absicht
erkennbar. Gott ist der, der die Welt nach diesem Plan erschuf, der sie erhält und sich entwickeln läßt.
c. Der ethnologische Gottesbeweis (ethnos = Volk). Bei diesem Beweis geht Thomas von Aquin von der
Tatsache aus, daß es, wie er meinte, kein Volk auf der Welt ohne Verehrung einer Gottheit gibt. Das kann
kein Zufall sein, sondern muß darauf beruhen, daß sich Gott selbst allen Menschen geoffenbart hat und er
ihnen die Möglichkeit gegeben hat, ihn auch aus der Natur zu erkennen und zu erfassen. Da Gott von allen,
in welcher Form auch immer, verehrt wird, muß es ihn auch geben.
d. Der ontologische Gottesbeweis (Ontologie = Lehre vom Dasein). Er geht auf Überlegungen Anselm von
Canterburys zurück, der vom bloßen Begriff "Gott" auf Gottes Existenz schließt. Gott ist für Anselm das
größte, umfassendste Existierende, das gedacht werden kann und über das hinaus es nichts Größeres
geben kann. Dazu gehört dann auch, daß es wirklich da ist, also existiert, sonst wäre es nicht das
umfassendste, größte Existierende.
2. Zu diesen im Mittelalter entwickelten Gottesbeweisen ist zu sagen:
a. Die mittelalterlichen Gottesbeweise erheben nicht den Anspruch, Beweise im modernen
wissenschaftlichen Sinn zu sein. Philosophisches Denken war in der mittelalterlichen Theologie dem
Glauben, der Selbstoffenbarung Gottes nachgeordnet. Sie sind von Gott selbst dem Menschen geoffenbart,
von Gott sozusagen in das menschliche Denken eingepflanzt. Als Beweise können sie nur eine den
Glauben stützende Funktion haben.
b. Der Philosoph Immanuel Kant (*1724) hat darüber hinaus aufgezeigt, daß diese genannten
Gottesbeweise keineswegs zwingend sind. Er betonte, daß es nicht logisch sei, von der Möglichkeit und der
Denkbarkeit eines allerhöchsten Wesens auf dessen reale Existenz zu schließen. Nicht alles, was denkbar
ist, muß deshalb auch schon existieren.
3. Immanuel Kant selbst hat als einzigen Gottesbeweis den moralischen Gottesbeweis gelten lassen. Das
Dasein Gottes kann nicht theoretisch bewiesen werden, sondern ergibt sich aus der Existenz des
Gewissens, der Moral und des menschlichen Verantwortungsbewußtseins. Da der Mensch sich einem
Sittengesetz unterworfen weiß, fühlt er sich einem außermenschlichen "Gesetzgeber" und Richter
verantwortlich. Diese außermenschliche moralische Instanz ist Gott, der nicht aus dem Denken, aber aus
der Erfahrung und dem Gefühl des Menschen erschlossen werden kann.
4. Die "Gottesbeweise" können auch noch heute für den glaubenden und denkenden Menschen von
gewisser Bedeutung sein, da sie dem Menschen Anlaß geben, über sich selbst, über sein Wesen, über Gott
und über Ursprung und Ziel der Welt nachzudenken.
RU-Wissen und Meinung ­ Gott
Ist Gott gerecht?
1. Von vielen Menschen wird die Existenz eines guten und gerechten Gottes oder das Dasein Gottes
überhaupt in Frage gestellt. Als Grund wird oft die Erfahrung von Leid und Elend, von Hunger und von
Natur-Katastrophen genannt. Wenn es einen Gott gäbe, so wird argumentiert, dürfte es keine Kriege geben;
dann hätte er die Vernichtung von Millionen unschuldiger Menschen z.B. in Auschwitz verhindern müssen;
dann dürfte das Böse keine so große Macht in der Welt entfalten können; dann wäre die Welt besser,
harmonischer geordnet. Menschen würden anders mit der Welt umgehen.
2. Diesen Fragen und Zweifeln kann man entgegenhalten, daß es in sehr vielen Fällen der Mensch ist, der
anderen Menschen Leiden zufügt, der selber die Ursache ist für vieles Böse in der Welt: für Lieblosigkeit,
Ungerechtigkeit, Krieg und Ausrottung, für Zerstörung und Ausbeutung der Umwelt. Nicht Gott ist dafür
verantwortlich zu machen, sondern allein der Mensch. Gott hat den Menschen eben nicht als willenlose
Maschine geschaffen, sondern hat ihm einen mehr oder weniger freien Willen gegeben und die Möglichkeit
und die Erkenntnis, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Tut der Mensch Böses, entscheidet er sich
gegen Gottes Willen und Gebote. Ursache dieses von den Menschen verschuldeten Leidens ist also nicht
Gott. Daß der Mensch in sich ein Gewissen spürt, das ihn oft vor bösem Handeln bewahrt, ist
möglicherweise sogar ein Hinweis auf das Dasein Gottes.
3. Fragen nach der Gerechtigkeit und Güte Gottes stellen auch die Menschen, die durch ein persönliches
Schicksal, durch Krankheit oder Tod eines lieben Menschen( etwa eines Kindes) getroffen wurden. Warum
läßt Gott dieses Leiden, dieses Böse zu? Warum geschieht es ausgerechnet mir, der ich mir nichts habe zu
Schulden kommen lassen? Wenn Gott da wäre und er wäre gütig und gerecht, dann dürfte er mich nicht so
leiden lassen.
4. Schon die biblische Geschichte von Hiob stellt diese Frage nach Sinn von Leiden, Krankheit und Not und
die Frage nach Gottes Güte und Gerechtigkeit. Hiob, ein gottesfürchtiger und reicher Mann, wird von Satan
mit Gottes Zustimmung in Versuchung geführt. Er verliert seinen Besitz, wird von Krankheit und Schmerzen
geplagt, fühlt sich von Gott verlassen und rechtet mit ihm. Satan versucht, Hiob ganz von seinem Vertrauen
zu Gott abzubringen, aber es gelingt ihm nicht. Hiob hält trotz aller furchtbaren Schicksalsschläge
("Hiobsbotschaften") an Gott fest. "Ich habe viel Gutes von Gott erfahren, sollte ich das Böse nicht auch von
ihm annehmen?". - Nicht allen Menschen ist eine solche fromme Antwort möglich, wenn sie Leiden und
Böses erfahren. Man kann Menschen verstehen, die in tiefes Leid geführt werden und nicht zu einem neuen
Vertrauen zu Gott finden, wie es Hiob gelang. Für sie bleibt das Leiden eine Glaubensanfechtung und wird
zum Grund, sich vom Glauben an Gott ganz abzuwenden.
5. Auf die Frage, warum Gott das Leiden und das Böse zuläßt, hat es vom Glauben her verschiedene
Antwortversuche gegeben.
a. Für den Menschen, der an Gott glaubt, bedeutet das Böse in der Welt eine Herausforderung. Gott will in
Wirklichkeit keine Krankheit, keinen Hunger, keine Folter, keine Mißachtung des einen durch den anderen
Menschen. Wer an Gott glaubt, kann das Böse und das Leiden nicht gefühllos und gleichgültig hinnehmen,
sondern wird dagegen ankämpfen.
b. Gott läßt Menschen an ihrem Leiden auch reifen und wachsen. Krankheit hat möglicherweise auch etwas
Gutes für den Menschen, daß er sich u.U. mehr auf sich selbst besinnt, zu sich selbst findet und durch die
Krankheit hindurch heil und gestärkt wird. - Solche persönlichen Erfahrungen, die schon viele Menschen
gemacht haben, bedeuten aber nicht für alle in gleicher Weise eine mögliche Antwort auf ihr Leiden.
c. Die Tatsache, daß es Leiden und Elend, Kriege und Katastrophen gibt, ist nicht unbedingt ein "Beweis"
dafür, daß es Gott nicht gibt. Vielleicht machen wir Menschen uns von Gott nur ein falsches Bild;
möglicherweise ist er ganz anders als wir ihn uns vorstellen. In der Bibel wird Gott nicht nur als gütig und
allmächtig bezeichnet, als liebender Vater, sondern auch als der, den kein Mensch fassen und verstehen
kann, dessen Handel unbegreiflich bleibt. Gottes Gerechtigkeit, so wird gesagt, entspricht nicht unbedingt
der des Menschen. Wissen wir Menschen wirklich, was gut ist, gut für uns und andere?
RU-Wissen und Meinung ­ Gott
Das christliche Gottesbild
1. Wer und wie Gott ist, auf diese Frage gibt uns die Bibel keine einheitliche, für alle Kirchen und Christen
verbindliche Antwort. Das Gottesbild der Bibel ist selbst einem zeitlich bedingten Wandel unterworfen. So
finden wir im AT an einigen Stellen die Vorstellung von einem strengen, sich rächenden, zornigen,
unbarmherzigen Gott, der mit den Menschen hart ins Gericht geht. Am Anfang des Johannesevangeliums
wird Gott dagegen der "logos" genannt, was soviel wie "Wort", aber auch "Geist" bedeuten kann.
2. Nach christlichem Verständnis hängt das "Wissen" des Menschen über Gott eng mit der Gestalt und der
Botschaft Jesu zusammen, die wiederum mit der alttestamentlichen Verkündigung zusammen zu sehen ist.
Diesem Gottesbild liegen u.a. folgende Glaubensüberzeugungen zugrunde:
a. Gott offenbart sich, er gibt sich zu erkennen. Vom Menschen aus gibt es keinen Weg, Gott zu finden und
zu erforschen. Wir wissen von Gott nur soviel, wie er von sich zu erkennen gibt. Auch mystische
Gotteserfahrung in Meditation, Versenkung, Visionen und Gebet sind ein Geschenk Gottes an den
Menschen, ebenso das Nachdenken über Gott, das zum Glauben an ihn führt.
b. Gott ist der eine, einzige Gott, wie schon das erste der Zehn Gebote betont. Andere Götter, Geister und
Dämonen haben da, wo Gott wirkt, ihre Macht verloren. Ihnen soll sich der Mensch nicht ausliefern.
c. Gott ist Schöpfer und Erhalter der Welt, in dessen Hand das Schicksal des Kosmos, aber auch jedes
einzelnen Menschen liegt. Gott wirkt in der Welt.
d. Gott ist nach biblischem Verständnis nicht irgendeine anonyme Kraft oder ein Energiefeld, sondern
personhaft zu verstehen. Gott ist für den Menschen ein Gegenüber, den der Mensch anreden, zu dem er
beten, dem er zuhören kann. Jeden Menschen ruft Gott ins Leben und kennt seinen Namen.
e. Jesus hat Gott als den liebevollen Vater verkündet. (Jesus nimmt das patriarchalische Gottesbild des AT
auf. Besonders von der feministischen Theologie wird dieses männlich orientierte Gottesbild als zeitbedingt
und überholt angesehen). Gott ist wie ein Vater, der seine Kinder zur Umkehr, zur Buße ruft, der den
Menschen nachgeht und der niemanden verloren gibt. Vor Gott gibt es kein Ansehen der Person. Er
beurteilt Menschen nicht nach ihrer Nation, Herkunft, Hautfarbe oder Leistung.
f. Gott will das Heil, die Rettung des Menschen aus Unfreiheit, Ängsten, Lieblosigkeit und Tod. Zur Rettung
der Welt sendet er seinen Sohn, der Gottes Willen verkündet und durch seinen Tod dem Menschen die
Möglichkeit ewigen Lebens eröffnet.
g. Gott stellt Anforderungen an den Menschen, er ruft ihn in seinen Dienst, um ihn teilnehmen zu lassen am
Bau des Gottesreiches des Friedens und der Gerechtigkeit. Gott hat den Menschen mit einem freien Willen
geschaffen, so daß sich der Mensch entscheiden kann, ob er Gottes Willen und Ruf folgen will oder nicht.
h. Gott ist der Richter, der ins Gewissen redet, der unbequem ist, weil er den Menschen in die
Verantwortung für seine Mitmenschen und die ganze Erde ruft. Vor Gott werden sich alle Menschen für ihr
Tun und Lassen verantworten müssen, wenn Gott am Ende der Tage über sie zu Gericht sitzt.
i. Gott ist gerecht. Seine Gerechtigkeit ist aber eine andere als die der Menschen. Gottes Wege sind oft
nicht verstehbar und faßbar, auch nicht für den Glaubenden.
RU-Wissen und Meinung ­ Gott
Was ist Religion? Ursprünge und Formen
A. URSPRÜNGE
a. Religion ist nicht die "Erfindung" eines Menschen. Religiöses Empfinden gehört -wie heute von der
Anthropologie allgemein angenommen wird- zum Wesen des Menschen.
Ihren Ursprung hat die Religion wohl in der Begegnung des Menschen mit der Natur und ihren Gewalten.
Von ihnen wußte (und weiß) sich der Mensch in einem doppelten Sinne abhängig: die Natur bedroht und
ermöglicht sein Leben. Entsprechend begegnet(e) der Mensch ihr teils mit dem Gefühl des Ausgeliefertsein,
der Angst und der Furcht, aber auch mit dem Gefühl der Dankbarkeit. In der Natur und ihren Gewalten sah
der Mensch etwas "Heiliges", das alles Menschliche übersteigt und ihm übergeordnet ist. Religion ließe sich
somit definieren als Begegnung mit dem Heiligen, das als fremde Macht zerstörend und bedrohend, aber
auch rettend, helfend und ordnungschaffend in das Leben des Menschen eingreift. Der Mensch unterstellt
sich dem Macht- und Herrschaftsanspruch des Heiligen. Seine Beziehung zum Heiligen wird deshalb oft als
Untertanen- oder Kindschaftsverhältnis beschrieben, bei dem der Mensch die untergeordnete Rolle
einnimmt.
b. Bei der Begegnung des Menschen mit der Gottheit, dem Heiligen, bleibt der Mensch meist nicht untätig,
sondern er tritt, oft durch die Vermittlung eines Priesters oder Heiligen, durch unterschiedlichste magische,
kultische Handlungen in eine aktive Beziehung zur Gottheit. Im Opfer z.B. versucht der Mensch Einfluß zu
nehmen auf das Wirken der Gottheit, um sie gnädig zu stimmen, so daß Unheil abgewendet wird oder der
Mensch und die Gemeinschaft bewahrt, behütet und materiell gesegnet wird. Auf einer höheren
Entwicklungsstufe der Religion leistet der Mensch der Gottheit Gehorsam, indem er bestimmte moralische
Anforderungen der Gottheit anerkennt und erfüllt und religiöse Gebote und Gesetze befolgt.
B. FORMEN:
Religionswissenschaftlich gesehen gibt es unterschiedliche Erscheinungsformen von Religion:
a. Primitive (archaische, ursprüngliche) Religionen. Sie haben meist eine enge Beziehung zur Natur, sehen
in und hinter den Erscheinungsformen der Natur (Steine, Berge, Bäume, Seen, Quellen, Feuer, Gestirne)
göttliche Gewalten und sehen sie als heilig an; teilweise nehmen sie sogar personhafte Gestalt an.
b. Volksreligionen. Zu ihnen zählt man z. B. die frühzeitlichen Religionen der Ägypter, Babylonier,
Germanen, Griechen und Römer, aber auch den Hinduismus. Ihre Besonderheit und Gemeinsamkeit liegt in
der Begrenzung und Beschränkung auf ein bestimmtes Land oder Volk. Volksreligionen sind meist
polytheistisch, d.h. sie kennen eine Vielzahl von Göttergestalten, die unterschiedliche Wesensmerkmale
oder Tätigkeiten des Menschen repräsentieren.
c. Universalreligionen. Buddhismus, Christentum und Islam gehören zu den Universalreligionen. Ihre
Gemeinsamkeit liegt darin, daß sie sich nicht an einen begrenzten Kreis (Volk, Stamm, Sippe) von
Menschen, sondern an alle Menschen schlechthin wenden. Universalreligionen bieten allen Menschen einen
Heilsweg an, einen Weg, sich mit der Gottheit zu versöhnen, mit ihr eins zu werden und erlöst zu werden.
Gemeinsam ist den Universalreligionen, daß sie danach streben, alle Menschen durch Überzeugung für
sich zu gewinnen.
d. Buch- oder Gesetzreligionen. Dazu gehören Hinduismus, Judentum, Christentum und Islam. Sie berufen
sich in ihrem Glauben und bei ihren religiösen Traditionen und moralisch/ethischen Auffassungen auf
schriftliche Urkunden: auf die Veden (Hinduismus), auf die Thora (Judentum), auf die Bibel (Christentum),
auf den Koran (Islam).
RU-Wissen und Meinung ­ Islam
Die Geschichte des Islam
um 570 (nach Chr.)
Mohammed wird in Mekka als Sohn einer verarmten Familie geboren.
622
"Hedschra", Flucht Mohammeds aus Mekka nach Medina.
630
Eroberung Mekkas durch Mohammeds Truppen.
632
Tod Mohammeds, Begräbnis in Medina.
643,644
Eroberung von Ägypten, Palästina, Syrien, Mesopotamien (Iran und Irak) und
Persien.
653
Endredaktion des Koran
650 bis 720
Eroberung Nordafrikas und der iberischen Halbinsel (Spanien und Portugal).
732
Schlacht bei Tours und Poitiers: Sieg der europäischen Heere über die Araber durch
Karl Martell.
1099 bis 1293
insgesamt 7 Kreuzzüge. Die Kreuzritterheere erobern Jerusalem.
1187
Jerusalem wird durch die Moslems zurückerobert.
1453
Konstantinopel (Istanbul), das Zentrum der Orthodoxen Kirche, wird von den
Moslems erobert.
1526
Die Türken erobern Ungarn und bedrohen Wien.
ab 1550
Vordringen des Islam nach Indien und Indonesien.
1668
2. Belagerung Wiens und Bedrohung Mitteleuropas durch die Türken.
ab 1770 bis ca 1950 allmähliche Eroberung und Unterwerfung der moslemischen Völker in Nordafrika,
Saudi-Arabien, Indien, und im Vorderen Orient durch die Franzosen und Engländer.
Starke Prägung des islamischen Welt durch die europäisch-christliche Kultur.
ab 1940
allmähliche Befreiung der moslemischen Staaten von der europäischen
Vorherrschaft: Jordanien, Syrien, Ägypten, Algerien
ab 1900
Besiedlung Palästinas durch die Juden.
1948
Gründung des Staates Israel. Widerstand der arabischen Nationen. 1. arabisch-
jüdischer Krieg.
1967 und 1973
Kriege der arabisch-moslemischen Staaten gegen Israel.
seit 1950
Langsames Vordringen des Islam nach Mittelafrika.
ab 1975
Zurückdrängen der westeuropäisch-christlichen Kultur in den islamischen Staaten.
Erwachen des radikalen islamischen Fundamentalismus
1979
Machtübernahme Khomenis im Iran. Umwandlung des Iran zu einem
fundamentalistisch-moslemischen Staat.
1980 bis 1988
Krieg Saddam Husseins (Irak) gegen den Iran.
1991
Golfkrieg
RU-Wissen und Meinung ­ Islam
Das Leben des Mohammed
1. Mohammed wurde um das Jahr 570 n. Chr. in der Oasenstadt Mekka (Arabien) geboren. Als Waisenkind
wuchs er unter der Obhut seines Onkels auf. Die islamische Tradition berichtet, daß Mohammed, als er sich
zur Meditation in der Einsamkeit der Wüste befand, vom Erzengel Gabriel zum Propheten Allahs berufen
wurde. Mohammed begann zu predigen und die Menschen zum Glauben an den einen wahren Gott zu
rufen. Damit stellte er sich in Gegensatz zur polytheistischen Religion der arabischen Stämme. In Mekka
wurde damals eine Vielzahl von Göttern verehrt. Religiöse Feste, Wallfahrten zu den Götterbildern am
Heiligtum der Kaaba und die damit verbundenen Handelsmärkte bildeten wichtige Einnahmequellen für die
Oberschicht der Stadt. Mohammeds Verkündigung des Glaubens an den einen wahren Gott führte zu
Spannungen mit den einflußreichen Handelsfamilien in Mekka. Als er sich bedroht fühlte, floh er zu seinen
Freunden nach Medina. Mit dieser Flucht (arab: hedschra) Mohammeds aus Mekka im Jahr 622 beginnt die
islamische Zeitrechnung.
2. In Medina gelang es Mohammed, eine politische und religiöse Führungsposition einzunehmen und die
arabischen Stämme, die dort um die Herrschaft stritten, zu einer Gemeinschaft (arab.: umma) zu vereinen
und sie für seinen neuen monotheistischen Gottesglauben zu gewinnen. In der Folgezeit kam es zu
kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Bewohnern Mekkas. Mohammeds Sieg in der Schlacht bei
Badr (624) über den zahlenmäßig überlegenen Gegner verstehen die Moslems bis heute als Gotteswunder
und als Bestätigung seiner göttlichen Berufung. Die endgültige Eroberung Mekkas gelang Mohammed im
Jahr 630. Er vernichtete alle Götterbilder und verpflichtete die Bewohner auf die neue Religion. In dieser
Zeit festigte sich in Mohammed die Überzeugung, die ihm anvertraute Gottesbotschaft sei die einzig wahre
Religion, nicht nur für die Araber, sondern für alle Menschen.
3. Mohammed bestimmte Mekka zum Mittelpunkt der neuen Religion, weil hier schon Abraham das "erste
Haus" Gottes, die Kaaba, als Stätte der Verehrung des einen Gottes errichtet habe. Seit dieser Zeit
orientieren sich alle Moslems in ihrer Gebetshaltung nach Mekka. Mohammed selbst lebte in Medina und
heiratete dort zwölf Frauen, darunter eine Jüdin und eine Christin. Die ungewöhnlich hohe Zahl seiner
Frauen begründete Mohammed mit einer besonderen göttlichen Erlaubnis. Am 8. Juni 632 starb
Mohammed im Haus seiner Lieblingsfrau Aischa. Er wurde in Medina begraben.
4. Mohammed hat sich selbst immer als Diener und Prophet Gottes verstanden, der den Menschen die
endgültige Offenbarung des einen, allmächtigen Gottes zu überbringen hatte. Er rief die Menschen zu
einem streng religiös ausgerichteten Leben auf, das sich an den sittlichen Richtlinien des Koran zu
orientieren habe. Mohammed fordert gegenüber dem allmächtigen Gott unbedingten Gehorsam,
Unterwerfung und Hingabe (=islam). Gott duldet neben sich keine anderen Götter und ist zugleich der
gütige Schöpfer und der barmherzige Richter. Mit dieser Botschaft übernimmt Mohammed Inhalte des
jüdischen und christlichen Glaubens, die er in der Begegnung mit Juden und Christen in Arabien
kennengelernt hatte.
5. Der Islam hat immer daran festgehalten, daß Mohammed nur ein Mensch war, dessen sich Gott
bediente. (Aus diesem Grund wollen die Moslems auch nicht gerne "Mohammedaner" genannt werden). Im
Laufe der Zeit entstanden viele Legenden um seine Person. Von besonderer Bedeutung ist dabei die
Überlieferung von seiner Himmelsreise. Auf einem himmlischen Reittier sei Mohammed von Mekka nach
Jerusalem entrückt worden; von dort sei er durch sieben Himmel in das Paradies aufgestiegen, um die
Herrlichkeit Gottes zu schauen. Neben solchen Legenden entstanden auch viele Gedichte und Loblieder,
die Mohammed als großes Glaubensvorbild für die Menschen preisen.
6. Auch ohne Moslem zu sein, muß man die große geschichtliche Leistung und Bedeutung Mohammeds
anerkennen. Ihm ist es gelungen, die damals zerstrittenen Völker Arabiens religiös und politisch in der
"umma" (=Gemeinde) zu vereinen. Die Einheit von politischer und religiöser Führerschaft und die Einheit
von Religion und Politik überhaupt, wie sie von Mohammed verkündet und praktiziert wurde, ist bis heute
ein Wesensmerkmal des Islam geblieben.
RU-Wissen und Meinung ­ Islam
Der Koran
1. Der Koran ist für die Moslems die grundlegende Quelle ihres Glaubens. Sie entnehmen diesem Buch
Vorschriften, Hinweise und Anleitung darüber, wie sie sich in den verschiedenen Situationen ihres Lebens
zu verhalten haben. Von klein auf werden sie mit seinem Inhalt vertraut gemacht. Auch nichtarabische
Moslems sind angehalten, den Koran in seiner arabischen Urform zu lesen oder auswendig aufzusagen.
2. Die Moslems bezeichnen den Koran als das Wort Gottes. Ihrem Glauben nach wurde der ganze Text des
Koran an Mohammed offenbart. Diese Offenbarung begann im Jahre 610 n. Chr. in der "Nacht der
Bestimmung" und erstreckte sich über einen Zeitraum von 22 Jahren. Ein Engel (meist war es der Erzengel
Gabriel) hat jeweils Teile des Koran, der Rede Gottes, dem Propheten mitgeteilt, indem er sie ihm Wort für
Wort ins Ohr flüsterte. Mohammed gab diese Botschaften wortgetreu an seine Vertrauten weiter, die alles
im Gedächtnis bewahrten und aufschrieben, zum Teil erst nach dem Tode Mohammeds.
3. Im Koran findet der Moslem alles, was ihn zu einem Gott wohlgefälligen Leben anleitet und damit auf das
religiöse Leben vorbereitet. Der Koran enthält grundsätzliche Aussagen über
·
die Glaubensüberzeugungen, wie den Glauben an Gottes Einheit, die Propheten und Gesandten, die
Engel und das Jüngste Gericht;
·
die gottesdienstlichen Ordnungen, zu denen auch das Fasten im Monat Ramadan und die Wallfahrtsriten
bei der Pilgerfahrt nach Mekka gehören;
·
die sozialgesellschaftlichen Ordnungen, insbesondere über das Familienrecht;
·
die sittlich-ethischen Maßstäbe, an denen sich jeder Moslem zu orientieren hat.
4. Die Offenbarung Gottes ist nach Auffassung der Moslems nicht auf Mohammed und den Koran
beschränkt. Gott hat sich davor schon dem Mose (Thora), König David (Psalmen) und auch Jesus
(Evangelium) offenbart, die die Gottesworte ebenfalls aufschrieben. Jedoch hätten die Juden und Christen
später diese Worte Gottes verfälscht und so stimme die Bibel nicht mehr mit der ursprünglichen
himmlischen Offenbarung überein. Aus diesem Grunde habe Gott noch einmal einen Gesandten berufen,
nämlich Mohammed, der nun im Koran die endgültige Gottesbotschaft für alle Menschen empfangen habe.
5. Beim Lesen des Koran begegnet man vielen Gestalten und Geschichten, die aus der Bibel schon bekannt
sind: erwähnt werden Adam als der erste Mensch, Abraham, Mose, der Retter des jüdischen Volkes, König
David, Johannes der Täufer, und Maria, die Mutter Jesu. Auch von Jesus selbst wird berichtet. Er wird
allerdings nicht als Sohn Gottes bezeichnet (was für den gläubigen Moslem eine Beleidigung Gottes
bedeutet), sondern als einer der großen Propheten und Gesandten Gottes, der die Aufgabe hatte, das Volk
Israel wieder zum ursprünglichen Glauben zurückzuführen. Der Koran warnt die Moslems davor, in Jesus
mehr als nur einen Menschen zu sehen, und bestreitet seinen Tod am Kreuz. Auch die Auferstehung Jesu
wird im Koran nicht erwähnt.
6. Da für den Moslem der Koran das von Gott selbst inspirierte, von Gottes Engeln diktierte Wort ist, kommt
ihm im Islam uneingeschränkte Autorität zu. Dem Moslem ist es nicht erlaubt, auch nur am kleinsten
Buchstaben des Koran zu zweifeln, seine Entstehung zu hinterfragen, sich kritisch mit seiner Botschaft
auseinanderzusetzen oder zu versuchen, seine Aussagen an Ergebnissen moderner Wissenschaft und
Forschung zu überprüfen. Alles für den Menschen Wissenswerte liegt im Koran begründet.
RU-Wissen und Meinung ­ Islam
Die fünf "Säulen" des Islam
Der Islam kennt fünf für jeden Moslem verbindliche Grundforderungen, die sogenannten "Säulen", auf die
sich der Glaube des Moslem in der täglichen Praxis stützt. Sie sind (neben der Koranlektüre) das Band, das
die Moslems aller Zeiten und aller Orten miteinander verbindet.
1. Die erste dieser Grundforderungen ist die Anerkennung der kurzen, einprägsamen Glaubensformel "Ich
bezeuge, daß es keine Gottheit gibt außer Gott. Ich bezeuge, daß Mohammed der Gesandte Gottes ist."
Außer dieser Glaubensformel gibt es im Islam kein weiter gefaßtes Glaubensbekenntnis. Wichtig ist dem
Moslem vor allem die Abgrenzung gegenüber einem Glauben an viele Götter und die Disziplin, mit der der
Glaube an den einen Gott im alltäglichen Leben im Gebet und in Übereinstimmung mit den sittlichen
Normen vollzogen wird.
2. Die zweite dieser Säulen ist das tägliche, fünfmalige rituelle Gebet, das der Moslem vor Sonnenaufgang,
am Mittag, am Nachmittag, zur Zeit des Sonnenuntergangs und vor dem Schlafengehen verrichtet. Durch
das Gebet wird das Tagesgeschehen immer wieder unterbrochen, und der Mensch wird daran erinnert, daß
er sein Leben vor Gott führen und verantworten muß. Die Moslems in aller Welt richten sich in ihrer
Gebetshaltung nach Mekka aus, dem Ort ihrer zentralen Anbetung.
Die äußere Form dieses täglichen Gebets ist genau festgelegt.
·
Die Vorbereitung: Waschen der Hände, des Gesichts, des Halses, der Füße;
·
Das aufrechte Stehen vor Gott mit Blickrichtung auf Mekka
·
Die Verbeugung als Zeichen der Demut;
·
Die Niederwerfung als Zeichen der Selbsthingabe an Allah;
·
Das Rezitieren von Koran-Versen im Sitzen und Knien;
·
Der Friedensgruß: jeder Beter wünscht seinem Nachbarn Frieden.
3. Die dritte Säule: das Fasten im Monat Ramadan. Es ist für den Moslem neben dem täglichen Gebet das
wichtigste Kennzeichen seines Glaubens. Von morgens bis abends nimmt er keine Speise und kein Getränk
zu sich. Kranke, Alte, kleine Kinder und schwangere Frauen sind ausdrücklich vom Fastengebot
ausgenommen. Alle anderen sollen mit dem Fasten und ihrer Selbstbeherrschung Gott ehren, sich ihm
wieder zuwenden und täglich im Koran lesen und darüber meditieren. Der Ramadan soll den Gläubigen zu
Geduld, zu Versöhnung und zu Barmherzigkeit befähigen. - Weil das islamische Jahr sich am Mondzyklus
orientiert und nicht an der Sonne, beginnt der Ramadan im europäschen Kalender jedes Jahr elf Tage
früher als im Vorjahr.
4. Die vierte Säule des Islam, die Armensteuer, regelt die karitativen Verpflichtungen des Moslem. Jeder
Gläubige ist verpflichtet, von allen Teilen seines Vermögens einen gewissen Prozentsatz ihres Wertes, und
zwar zwischen zweieinhalb und zehn Prozent, für Arme und Bedürftige abzugeben. Jeder Verdienst und
Gewinn, die man als Geschenk Gottes ansieht, verpflichtet zu sozialer Hilfe. In einer Gemeinschaft, die
vom Islam geprägt ist, soll es keine ungerechten Verhältnisse und keine notleidenden Menschen geben.
5. Die fünfte Säule des Islam ist die Verpflichtung eines jeden Moslem, einmal in seinem Leben an der
Pilgerfahrt nach Mekka teilzunehmen, um dort am zentralen Heiligtum, der Kaaba, Gott anzubeten. Gut
zwei Monate nach Ende des Ramadan beginnt die Wallfahrt. Sie ist für alle Moslems von großer religiöser
Bedeutung. Denn sie soll ihr Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und ihnen bewußt machen, daß sie zur
weltumspannenden islamischen Gemeinschaft, der umma, gehören. In ihr sind alle Moslems durch den
Glauben an den einen wahren Gott über alle Standes- und Volkszugehörigkeit hinweg miteinander
verbunden. Alle Riten der Wallfahrt sollen dem Moslem helfen, sein Leben Gott hinzugeben und nach den
Geboten des Koran zu führen.
RU-Wissen und Meinung ­ Islam
Recht und Gesetz im Islam
1. Recht und Gesetz haben im Islam eine große Bedeutung. Die Religion hat nach Auffassung der Moslems
nicht nur die Aufgabe, den Menschen auf das Jenseits vorzubereiten, sondern sie soll den Gläubigen durch
genaue Anweisungen und Verordnungen bei der Gestaltung des Lebens helfen. Die Gesamtheit aller
islamischen Rechtsverordnungen und Lebensregeln nennt man Scharia. Sie umfaßt alle Aspekte der
Lebenspraxis: Gottesdienstliche Ordnungen und rituelle Gebote, ethische Grundsätze für den Einzelnen, die
Familie und die Gemeinschaft; sie enthält strafrechtliche und sozialpolitische Bestimmungen. Scharia
bedeutet eigentlich "der Weg, der zur Oase führt". Wer Gottes Scharia folgt, kommt nicht in der Wüste um,
sondern findet Wasser des Lebens. Deshalb ist das Bemühen des frommen Moslem darauf gerichtet,
Gottes Gebote zu kennen, das Gute zu tun und das Böse zu meiden. Die Scharia bezieht sich nicht nur auf
die Lebenspraxis der einzelnen Gäubigen. Sie ist in manchen islamischen Ländern auch Grundlage der
staatlichen Ordnung und der Verfassung. Religion und Staat, Religion und Politik, Geistliches und
Weltliches sind im Islam nicht getrennt und bilden keine Gegensätze. Sie durchdringen sich und bilden eine
Einheit.
3. Die wichtigste Grundlage des islamischen Rechts ist der Koran. Nach seiner Flucht aus Mekka im Jahr
622 übernahm Mohammed die religiöse und politische Führung der Stadt Medina. Er erließ Gesetze und
Verordnungen, die im Koran niedergeschrieben und von da an für alle Moslems verbindlich wurden. Zu
diesen rechtlichen Bestimmungen des Koran kamen im Laufe der islamischen Geschichte andere hinzu.
Tausende von Aussprüchen und Berichten wurden im Laufe der Zeit außerhalb des Koran gesammelt, um
jeden einzelnen Fall des täglichen Lebens zu erfassen und zu regeln, von der Politik bis zur Hygiene, von
Bestimmungen über die Durchführung geschäftlicher Verhandlungen bis zu den Tischsitten. In der Sunna (=
Tradition, Brauch) wurden diese Rechtsverordnungen niedergelegt.
4. Die Lebensanweisungen und gesetzlichen Bestimmungen des Koran und der Sunna sind ganz auf das
Leben der Moslems in einer islamischen Gemeinschaft zugeschnitten. Sie spiegeln die sozialen und
wirtschaftlichen Strukturen der Zeit wider, in der der Islam entstand. Nicht ganz einfach ist es daher, aus der
Scharia verbindliche Anweisungen für alle Fälle des modernen Lebens zu gewinnen. Moslems, die z.B. in
europäischwestlich Gesellschaftsordnungen leben müssen, haben meist Schwierigkeiten, in
Übereinstimmung mit den religiösen Vorschriften zu leben. Vor allem im Blick auf die Einhaltung der
rituellen Gebete und der Befolgung der Speisegebote und -verbote kann es zu Konflikten im Alltag des
Moslem kommen; nicht zuletzt auch im Blick auf die meistens sehr strenge, patriarchalische Ordnung in
Ehe und Familie und bei der Erziehung der Kinder, vor allem der Töchter.
5. Viele der Rechtsbestimmungen von Koran und Sunna sind für das westliche Rechtsempfinden
unannehmbar: z.B. die Tötung durch Steinigung bei Unzucht und das Abschlagen einer Hand bei Diebstahl.
Diese rigorosen Strafen, die der Koran vorschreibt, dienen nach islamischem Verständnis der Abschreckung
und werden nur in sehr wenigen Ländern ausgeführt.
6. Überall in der islamischen Welt wurden in den letzten Jahrzehnten überkommene Einstellungen und
Verhaltensweisen in Frage gestellt, besonders dort, wo es zu einer stärkeren Begegnung mit westlich-
europäischer Lebensweise gekommen war. Von vielen Moslems wird der Einfluß der westlichen Kultur und
des freiheitlichen Rechts auf den Islam sehr kritisch gesehen und in letzter Zeit immer stärker bekämpft.
Man befürchtet die Überfremdung des Glaubens durch die Übernahme zweifelhafter westlicher Werte und
Normen und damit die langsame Auflösung und Zersetzung moslemischer Traditionen und Lebensformen.
In manchen Ländern hat das dazu geführt, daß der Einfluß von radikal und fundamentalistisch denkenden
religiösen Führern (Mullahs, Ayatollahs) stark gewachsen ist. In allen moslemischen Ländern kann man ein
Wiedererwachen des orthodoxen, konservativen Islam bemerken, von dem auch islamische Organisationen
in Deutschland erfaßt werden.
RU-Wissen und Meinung ­ Islam
Ehe und Familie im Islam
1. Für die Moslems ist die Familie die Keimzelle der menschlichen Gemeinschaft. Allah selbst hat ihr diese
zentrale Bedeutung in der gesellschaftlichen und religiösen Ordnung gegeben. Mann und Frau haben den
gleichen Rang vor Gott, sind mit derselben Würde geschaffen und haben die gleichen Lebensrechte. In der
gesellschaftlichen Ordnung jedoch hat Gott ihnen unterschiedliche Rechte und Pflichten gegeben. So hat
jede Frau Anspruch auf Versorgung und standesgemäßen Lebensunterhalt. Der Mann hat dementsprechend
eine Schutz- und Versorgungspflicht gegenüber seiner Familie. Er hat dem Koran zufolge das Recht, bis zu
vier Ehefrauen zu heiraten. Im Koran heißt es: "Heiratet ... zwei, drei oder vier. Wenn ihr aber fürchtet, so
viele nicht gerecht behandeln zu können, dann nur eine" (Sure 4,3). In dieser Forderung nach gerechter
Behandlung wird von vielen Auslegern eine Tendenz zur Einehe gesehen. (In der Türkei und in Tunesien ist
die Mehrehe gesetzlich verboten.) Dem Islam ist der Gedanke fremd, daß Sexualität Sünde sein könnte; sie
gehört zu den guten Gaben Gottes, soll aber nur in der Ehe verwirklicht werden. Abtreibung und
Empfängnisverhütung sind untersagt. Eine Ehescheidung kann nur durch den Mann veranlaßt werden.
2. Das Leben in Ehe und Familie ist in den traditionell islamischen Ländern im allgemeinen durch die
patriarchalische Ordnung bestimmt. (Patriarchalisch nennt man eine Gesellschaftsordnung, in der der Mann
gegenüber der Frau eine Vorrangstellung einnimmt). So wird z.B. dem Mann ein Züchtigungsrecht
gegenüber der Frau zuerkannt: "Die Männer stehen den Frauen vor, weil Gott sie ausgezeichnet hat. Und
wenn ihr fürchtet, daß die Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie"
(Sure 4, 34). In der islamischen Welt werden diese Sätze sehr unterschiedlich gedeutet und gehandhabt.
Manche verweisen darauf, daß Mohammed selbst bei seinen zwölf Frauen vom Züchtigungsrecht nie
Gebrauch machte. Manche Bestimmungen des Koran wurden für den Alltag im Sinne der männlichen
Vorrangstellung noch verschärft. Nach Sure 2, 282 des Koran gilt in bestimmten Fällen die Zeugenaussage
von zwei Frauen vor Gericht soviel wie die eines Mannes. Daraus entwickelte sich die Vorstellung, daß
Frauen im öffentlichen Leben nur halb soviel Gewicht haben wie Männer. Ähnlich verhält es sich mit dem
Gebot der Verschleierung und des Kopftuchtragens. In manchen islamischen Ländern gilt es als schweres
Vergehen gegen Gottes Gebot, wenn Frauen unverschleiert gehen. Der ursprüngliche Korantext verlangt
von den Frauen aber nur, daß sie sich "anständig" anziehen, um sich vor Belästigungen zu schützen.
3. Vorschriften für das Verhalten in der Öffentlichkeit gibt es meist nur für Frauen und Mädchen. Bei
Mädchen wird die Jungfräulichkeit und bei Frauen die Zurückhaltung besonders hoch eingeschätzt. Daraus
folgt eine starke Trennung der Geschlechter und die faktische Beschränkung des Lebenskreises der Frau
auf das Haus. Gesellschaftlich anerkannt wird die Frau meist erst dann, wenn sie verheiratet ist und Mutter
wird, vor allem, wenn sie Söhne hat. Es muß aber beachtet werden, daß sich die islamischen Länder im
Blick auf die Stellung der Frau stark unterscheiden. In manchen islamischen Ländern ist z.B. der
Ausbildungsstand der Frauen sehr hoch und ihr Anteil unter den Hochschullehrern sogar größer bei uns.
4. Leben moslemische Familien als Minderheit in einer nichtislamischen Gesellschaft, kann es zu
Spannungen zwischen der traditionellen islamischen Auffassung von Ehe und Familie und den
Einstellungen und Erwartungen der Umwelt kommen. Konflikte zwischen Eltern und Jugendlichen sind
häufig die Folge. Türkische Mädchen z. B. sind auch in Deutschland den Sitten ihres Heimatlandes
weitgehend unterworfen. Viele Eltern verbieten alle Kontakte mit Jungen und die Teilnahme an
Schulveranstaltungen, die zu Konflikten mit den überkommenen Sitten führen könnten. Die moslemische
Frau erlebt in der Minderheitssituation oft eine doppelte Isolation. Erstens ist sie, falls sie nicht berufstätig
ist, von der Außenwelt abgeschnitten. Zum andern findet sie hier auch nicht die Geborgenheit in der
traditionellen Frauengemeinschaft wie in der islamischen Heimat.
RU-Wissen und Meinung ­ Islam
Jenseitsvorstellungen im Islam
1. Der Islam enststand im 7. Jhdt. n.Chr. in Arabien. Seine Wurzeln liegen z.T. in den religiösen Traditionen
nomadischer Wüstenvölker, im besonderen aber im Judentum und Christentum. Die Glaubensinhalte des
Islam sind niedergelegt im Koran, der auf den Propheten Mohammed zurückgeht.
2. Nach den Vorstellungen des Islam bringt der Tod für den Menschen nicht das Ende wie bei den Tieren,
sondern mit ihm beginnt ein ewiges Leben. Tod bedeutet im Koran die Trennung der Seele vom irdischen
Körper, doch nimmt im ewigen Leben die Seele wieder körperliche Form an. Der Mensch ist in Wirklichkeit
für das ewige Leben geschaffen worden, das diesseitige Leben ist nur eine Vorstufe des ewigen. Beide
Lebensetappen stehen allerdings in engem Zusammenhang, da der Mensch sich für sein irdisches Leben
vor Gott verantworten muß. Alles, was der Mensch tut, denkt und sagt, wird von Gott aufgenommen und
bewahrt und bewertet. Falls er gute Taten begangen hat, wird sein Körper im Jenseits heller und schöner
sein, und falls er die Gebote Gottes nicht geachtet hat, wird sein Körper dunkler und häßlicher. Auch im
Jenseits wird der Mensch seine Individualität behalten. Andere Menschen, Bekannte und Verwandte wird er
wiedersehen und wiedererkennen.
3. Das Leben nach dem Tode wird zwei Stufen haben. Zunächst befinden sich alle Menschen in einem
Zwischenzustand, sie werden im "Grab" sein, in einem noch nicht vollendeten Zustand. Bevor die Menschen
dann zum ewigen Leben erweckt werden, wird zunächst das All völlig zerstört werden. Der Erdball wird in
Trümmer zerschlagen, die Sterne werden ausgelöscht. Die Erde wird in eine andere Erde und der Himmel
in einen anderen Himmel verwandelt. Wann diese Zerstörung eintreffen wird, weiß niemand. Erst dann
werden die Verstorbenen auferweckt und aus ihren Gräbern hervorkommen. Der Tag des Gerichtes, der
Tag der Abrechnung, der Vergeltung ist da. Alle Menschen, die je gelebt haben, werden dann vor Allah
zusammengerufen, und jeder wird nach seinen Taten beurteilt werden. Keinem Menschen wird Allah
Unrecht tun.
4. Die Menschen werden in zwei Gruppen geschieden. Der einen Gruppe werden die angehören, die an
Gott geglaubt haben, die seine Gebote achteten und den Mitmenschen Gutes taten. Zur zweiten Gruppe
gehören die Ungläubigen, die von Gott zunächst zur Hölle verdammt werden. Da müssen sie für ihren
Unglauben büßen, werden aber durch die Buße geläutert und gereinigt. Die Höllenstrafe ist allerdings nicht
für ewig, sondern Allah wir sich der Verdammten erbarmen und sie nach ihrer Läuterung ins Paradies rufen,
wo sich schon die befinden, die an Allah glaubten und seine Gebote hielten.
5. Das Paradies ist ein Ort von Freude und Glückseligkeit. "Darin sind Bäche aus unverderblichem Wasser
und Ströme von Milch, von Wein und von Honig. Die Bekleidung werden sowohl Gewänder aus grüner,
leichter Seide, wie auch Brokatgewänder sein, und geschmückt werden sie sein mit Armspangen und Silber.
... Darin werden sie behaglich auf Polstern liegen, die mit Brokat gefüllt sind. ... Da sind weibliche Wesen,
keuschen Blicks. Kein Mann hat sie je vor ihnen berührt, als wären sie Rubine und Korallen." (Aus dem
Koran)
6. Die höchste Belohnung aber, die ein Mensch im Paradies bekommen kann, ist das Wohlgefallen Gottes.
Dieses zu erlangen, bemüht sich der Mensch auch noch im Paradies. Da jeder Mensch sich seiner irdischen
Entwicklung entsprechend im Paradies auf einer bestimmten Stufe befinden wird, kann und wird er sich von
einer niederen zu einer höheren Stufe entwickeln, ein Prozeß, der ewig fortdauert und nie ein Ende haben
wird.
RU-Wissen und Meinung ­ Islam
Moslems bei uns
1. In Deutschland leben heute (1992) etwa 2 Millionen Menschen islamischen Glaubens, davon sind ca. 1,3
Millionen türkischer und ungefähr 100.000 jugoslawischer Herkunft. Daß diese Moslems bei uns leben, ist
nicht etwa Ergebnis gezielter religiöser Ausbreitung des Islam, sondern die Folge wirtschaftlich und politisch
bedingter Zuwanderungen, vor allem der Anwerbung von Arbeitskräften in den sechziger Jahren.
2. Manche moslemische Familien leben seit vielen Jahren bei uns und haben sich, äußerlich gesehen, in
unsere Gesellschaft integriert. Dennoch sehen sie sich einer Umwelt gegenüber, die ihren religiösen Sitten
und Lebensgewohnheiten wenig Verständnis und Rücksicht entgegenbringt. Die Zeiten für das rituelle
Gebet, Speiseregeln, Kleidung, islamisches Verhalten in Familie und Öffentlichkeit, all das ist für Moslems
bei uns nicht mehr selbstverständlich wie in ihrer Heimat. Viele Moslems sehen in den Gesetzen der
Arbeitswelt und in unserer säkularisierten Gesellschaft mit ihrem Konsum und Freizeitangebot eine
Bedrohung ihrer Religiosität.
3. Viele reagieren darauf, indem sie ihre Zugehörigkeit zum Islam betonen und sich streng an die
traditionellen Regeln halten. Der deutschen Bevölkerung erscheinen solche religiös gebundenen, sich
deutlich von ihrer Umwelt absetzenden und abkapselnden moslemischen Familien fremd. Da sie nicht zu
einer Integration bereit sind, werden sie von der deutschen Gesellschaft als Störfaktor empfunden. Für
andere Moslems spielt der Islam als praktizierte Religion nur noch eine geringe oder gar keine Rolle mehr.
Sie sind höchstens noch im kulturellen Sinn als Moslems zu bezeichnen. Häufig begegnet man bei ihnen
scharfer Kritik am Islam, der als rückständig und autoritär beurteilt wird.
4. Vielen moslemischen Eltern machen die deutschen Schulen mit ihrer offenen Erziehung (Koedukation)
und die religiöse Gleichgültigkeit großer Teile der Gesellschaft Sorge. Sie möchten ihren Kindern die
islamischen Glaubensüberzeugungen und Lebensformen weitergeben. Deshalb schicken sie ihre Kinder in
Korankurse, wo sie die wichtigsten Suren auf arabisch lernen und mit den Grundregeln islamischen Lebens
vertraut gemacht werden. Manche Kinder kommen dadurch in innere Konflikte, weil in manchen Moscheen
ein rigoroser, intoleranter Geist herrscht und sie dort zur Distanz zu ihrer Umgebung erzogen werden.
Erziehungsformen und Erziehungsziele mancher Koranschulen entsprechen nicht den Grundlagen unserer
Verfassung, besonders nicht im Blick auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau.
6. Unter den moslemischen Jugendlichen wird die Zahl derer immer größer, die sich dem Verhalten und
dem Denken ihrer deutschen Altersgenossen angleichen. Das führt zu Konflikten mit den Eltern, besonders
bei den Mädchen. Ausländische moslemische Jugendliche haben es immer noch besonders schwer, zu
einer ordentlichen Berufsausbildung zu kommen und einen Arbeitsplatz zu finden.
7. Immer häufiger werden bei uns Ehen zwischen Moslems und Christen geschlossen. In der Mehrheit
dieser Fälle heiratet ein moslemischer Mann eine christliche Frau, da es einer moslemischen Frau nicht
erlaubt ist, einen christlichen Mann zu heiraten. (Ein Übertritt der Frau zur Religion ihres Mannes wird nicht
ausdrücklich vom Koran verlangt.) In solchen Ehen kommen die vielfältigen Probleme der Begegnung
zweier Religionen und Kulturen besonders stark zum Ausdruck: die unterschiedlichen Rechtssysteme, die
unterschiedlichen Vorstellungen von Familie und Erziehung usw. Für die Frau, die einen Moslem heiratet,
ist entscheidend, ob die Ehe in Deutschland oder in einem islamischen Land geführt wird. Im letzteren Fall
muß die Frau damit rechnen, daß sich ganz in das gesellschaftliche und religiöse Gefüge ihrer neuen
Heimat einordnen muß. Bei einem Scheitern der Ehe kann sie sich nicht scheiden lassen und in ihre Heimat
zurückzukehren. Es ist für eine moslemische Familie selbstverständlich, daß die Kinder aus solchen
Mischehen moslemisch erzogen werden.
RU-Wissen und Meinung ­ Jesus
Jesus: Zur Biographie
1. Die einzigen Quellen, aus denen wir etwas über das Leben Jesu erfahren, sind die vier Evangelien. Die
biographischen Daten, die uns diese Evangelien überliefern, sind aber sehr dürftig und unsicher. Der
Theologe Albert Schweitzer hat darum in seinem Buch "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" die These
vertreten, daß es überhaupt unmöglich sei, eine Biographie Jesu zu schreiben, die diesen Namen verdiene.
Anfang dieses Jahrhunderts wurde sogar behauptet, Jesus habe es nie gegeben; er sei eine Erfindung der
Kirche, eine Märchenfigur sozusagen. Solche Behauptungen haben sich aber längst als unhaltbar erwiesen.
2. Tatsache ist, daß wir vom Leben Jesu sehr wenig Gesichertes wissen. Die Evangelien, erst 30 bis 60
Jahre nach seinem Tod aufgeschrieben, sind nicht an der Überlieferung historischer Daten interessiert,
sondern wollen mit ihren Berichten den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus
bezeugen und wecken. Alle Evangelienberichte, die sich z.B. um die Geburt Jesu ranken, tragen stark
legendenhaften Charakter und wollen der Verkündigung dienen: die wunderbare Jungfrauengeburt (Jesus ist
wahrer Mensch und wahrer Gott); die Geschichte von der Geburt Jesu in Bethlehem Lk 2 (im göttlichen
Kind schenkt Gott der Welt seinen Frieden, ja sich selbst); die Berichte von den Weisen aus dem Osten
(der ganze Erdkreis betet den Sohn Gottes an). An historischen Fakten sind diese Berichte wenig
interessiert. So wird z.B. nirgends das genaue Datum der Geburt Jesu überliefert. Der 24./25. Dezember
wurde als Feier der Geburt Jesu erst sehr spät im 4. Jhdt. von der West-Kirche festgelegt.
3. Darüber, wie Jesus seine Jugend und die Jahre als junger Mann verbrachte, wissen wir kaum etwas. Fest
steht, daß Jesus Schwestern und Brüder hatte, daß er in Nazareth in Galiläa aufwuchs und das Lesen und
Vorlesen der heiligen Schriften erlernte. Ob Jesus außer seiner aramäischen Muttersprache andere
Sprachen erlernte (etwa das damals weitverbreitete Griechisch), ist nicht bekannt. Er gehört jedenfalls zu
den weisen, großen Gestalten der Geistes- und Religionsgeschichte, die uns keine schriftlichen
Aufzeichnungen über ihre Vorstellungen und Gedanken hinterlassen haben.
4. Daß Jesus als Zimmermannssohn im Beruf seines Vaters ausgebildet wurde, ist eine bloße Vermutung.
Aus seinem späteren Auftreten und aus Analysen seiner Reden und ergibt sich, daß Jesus nicht in den
höheren Schichten der Bevölkerung erzogen wurde, sondern ein Mann des einfachen Volkes war und blieb.
5. Konkretes über Jesu Lebensweg berichten die Evangelien von dem Zeitpunkt an, als er sich mit etwa 30
Jahren von Johannes dem Täufer taufen ließ und seine Familie und seine Heimatstadt Nazareth verließ.
Mit einer wechselnden Zahl von Jüngern und Jüngerinnen zog Jesus predigend durch das Land. Von vielen
Menschen wurde er wegen seiner Wunder- und Heilungstaten verehrt.
6. Die Tätigkeit Jesu als Verkünder des anbrechenden Gottesreiches dauerte nach Angaben der Evangelien
nicht viel länger als drei Jahre. Sie weckte Mißtrauen bei den offiziellen Vertretern der jüdischen Religion
und wohl auch bei der römischen Besatzungsmacht. Jesus wurde verhaftet und auf Betreiben jüdischer
Behörden vor ein römisches Gericht (Pontius Pilatus) gestellt und zum Tode verurteilt. Drei Tage vor
Beginn des jüdischen Passahfestes, wahrscheinlich im Jahr 30 unserer Zeitrechnung, wurde Jesus
gekreuzigt.
7. Manche gläubige Christen können die Ergebnisse der kritischen Erforschung des Lebens Jesu nicht teilen
und sehen sich dadurch in ihrer Glaubensgewißheit angefochten. Zu fragen ist aber, ob christlicher Glaube
sich auf (unsicher überlieferte) historische Fakten gründen kann und darf und ob nicht allein das Bekenntnis
zu Christus, dem Gottessohn, den christlichen Glauben ausmacht.
RU-Wissen und Meinung ­ Jesus
Jesus: Der Tod Jesu
1. Als historisch gesichert kann betrachtet werden, daß Jesus um das Jahr 30 unserer Zeitrechnung drei
Tage vor dem jüdischen Passahfest in Jerusalem als etwa 33 jähriger Mann am Kreuz hingerichtet wurde.
Die Kreuzigung war zu damaliger Zeit eine Hinrichtungsart, mit der die Römer vor allem Deserteure und
politische Rebellen bestraften. So sollen z.Zt. der Geburt Jesu mehr als 2000 jüdische Aufständische und
Widerstandskämpfer von den Römern in den Bergen um Jerusalem gekreuzigt worden sein. Daß Jesus
hingerichtet wurde gilt als gesichert, nicht aber der Grund oder der Anlaß, die zu seiner Verurteilung führten.
Die Tatsache, daß Jesus nach römischer Tradition den qualvollen Tod am Kreuz sterben mußte, scheint
darauf hinzuweisen, daß Jesus von der feindlichen römischen Besatzungsmacht als eine Gefahr angesehen
wurde und daß es hauptsächlich im Interesse der Römer lag, Jesus zu beseitigen. Allerdings läßt sich diese
Vermutung nicht mit dem in Einklang bringen, was die Evangelien über Jesus berichten. Nirgendwo wird
erwähnt, daß Jesus als Widerstandskämpfer gegen die Römer aufgetreten wäre. Dagegen läßt sich an den
Evangelien aufweisen, daß Jesus immer wieder mit den jüdischen religiösen und politischen Institutionen in
Konflikt geriet. Er wurde von seinen Gegnern heftig bekämpft, weil er sich nicht an die religiösen
Überlieferungen des Judentums hielt. Sein Anspruch, im Namen Gottes zu reden, brachte ihm den Vorwurf
der Gotteslästerung ein. Man hielt ihn für einen fanatischen, vom Satan besessenen Irrlehrer, für einen
falschen Propheten und Tempelschänder.
2. Nach den Evangelienberichten war es der Hohe Rat, die höchste jüdische religiöse Instanz, der Jesus
zum Tode verurteilte. Diese Darstellung muß bezweifelt werden, da solch ein Verfahren den damaligen
juristischen und prozessualen Gegebenheiten widersprochen hätte. Die Darstellung der Evangelien, daß der
jüdische Hohe Rat und nicht die Römer Jesus zum Tode verurteilt habe, läßt sich aus der Tendenz mancher
Evangelienberichte erklären, vor allem den Juden die Schuld am Tode Jesu zuzuschieben.
3. Jesus selbst hat seinen Tod vorausgesehen und hat seinen Jüngern gegenüber immer wieder von seinem
Tod gesprochen. Er deutet seinen Tod - wie später auch die christliche Kirche - im Blick auf das Alte
Testament. Jesus empfindet ihn nicht als "Schicksal", sondern als Ziel und Sinn seines Lebens, als ein von
Gott ihm auferlegtes Leiden. Er sieht sich in der Reihe der für Gott und für andere Menschen stellvertretend
verfolgten, leidenden und sterbenden Propheten.
4. Den Gedanken des stellvertretenden Leidens Jesu nimmt die Kirche auf und deutet Jesu Tod als
"Lösegeld für viele" (Mk 10,45). Sein Tod ist ein Sühneopfer, das er für die Sünden der Menschen darbringt.
Er nimmt stellvertretend die Strafen auf sich, die die Menschen für ihre Sünden verdient hätten. Jesus stirbt
nicht in Verzweiflung und Resignation, sondern indem er sich bewußt opfert und die Menschen "durch sein
Blut" mit Gott versöhnt. Ein für allemal und für die Menschen aller Zeiten ist Jesus in den Sühnetod
gegangen. Gegen diese theologische Deutung des Todes Jesu als Sühnetod gibt es in letzter Zeit
Einwände, vor allem von Seiten der feministischen Theologie. Ist Gott ein blutrünstiger Tyrann, dessen Zorn
nur durch Tod und Blutvergießen und das grausame Leiden eines Menschen gestillt werden kann?
5. Jesu Kreuzestod ist auch so verstanden worden, daß in Jesus, dem Gottessohn, Gott selbst am Kreuz
stirbt. Gott selbst begibt sich in die tiefste Tiefe des Menschen, in seine Angst, in sein Leiden hinein, um
seine Liebe für alle leidenden und mißhandelten Menschen zu zeigen und damit gegen Gewalt, Folter,
Grausamkeit und Unmenschlichkeit zu protestieren. Gott selbst solidarisiert sich am Kreuz mit allen, die in
Not, Elend, Unterdrückung und Erniedrigung leben und sterben. Mit jeder Grausamkeit, die ein Mensch dem
anderen zufügt, mit jedem Haßgefühl und intolerantem Verhalten dem anderen gegenüber, wird Jesus noch
heute gekreuzigt und Gott getötet. Jesu Tod ist damit kein abgeschlossenes, vergangenes Ereignis der
Geschichte, sondern ist gegenwärtige Realität.
RU-Wissen und Meinung ­ Jesus
Die Auferstehung Jesu
1. Grundlage des christlichen Glaubens, daß Gott Jesus von den Toten hat auferstehen lassen, sind die
Berichte in den Evangelien und im Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Sie bezeugen, daß Jesus
nach seiner Grablegung nicht im Grab blieb, sondern vielen Gläubigen lebendig begegnete. Nach dem
Bericht der Evangelien waren es zunächst einige Frauen, die entdeckten, daß das Grab Jesu leer war,
denen die Auferstehung verkündet wurde und die dem lebendigen Jesus begegneten. Sie erhielten den
Auftrag, den Jüngern die Auferstehung Jesu zu verkünden.
Den vermutlich ältesten neutestamentlichen Bericht von der Begegnung des lebendigen Christus mit seinen
Jüngern finden wir im 15. Kap. des 1. Korintherbriefes. Demnach ist Jesus nach seiner Auferstehung aus
dem Grab zunächst dem Apostel Petrus erschienen, dann allen Jüngern, schließlich "500 Brüdern" auf
einmal.
2. Die Evangelien wie auch Paulus wollen einen Eindruck vermitteln von der Wirklichkeit des
Auferstandenen. Sie bestreiten, die Begegnungen mit Jesus seien nur menschlicher Phantasie entsprungen.
Jesus lebt wirklich, der Auferstandene ist kein Gespenst, sondern lebendige Realität. Er läßt sich von den
Jüngern berühren, er redet mit ihnen und bricht mit ihnen das Brot. Unverkennbar sind diese Berichte
geschrieben, um den Glauben an den auferstandenen Christus zu wecken und zu festigen, nicht aber aus
rein historischem Interesse. Alle Berichte verstehen Jesu Auferstehung nicht als Rückkehr eines Toten ins
irdische Leben, sondern als Eingehen in ein neues, unvergängliches Leben.
3. Schon die Jünger hatten Schwierigkeiten, den Berichten der Frauen zu glauben. "Es erschienen ihnen
diese Worte als wäre es Geschwätz" (Lk. 24, 11). Die Reaktion der Jünger auf das Osterzeugnis also ist
zunächst nicht Glauben, sondern Erschrecken, Unglaube und Zweifel. Die NT-Berichte deuten an, daß man
auch außerhalb der christlichen Gemeinde schon damals dem Auferstehungsglauben mit Ablehnung und
Spott begegnete. Man behauptete, daß das Grab einfach nur deswegen leer gewesen sei, weil der
Leichnam Jesu gestohlen worden sei.
4. Auch heute noch ist die Auferstehung Jesu eine der umstrittensten Fragen des christlichen Glaubens. Ist
sie ein historisches, sozusagen photographierbares Ereignis gewesen? War Jesus wirklich tot? Hat Gott
selbst durch die Auferweckung Jesu die Naturgesetze vom Werden und Vergehen außer Kraft gesetzt?
Oder sind die Auferstehungsberichte in einem übertragenen Sinne zu verstehen? Der evangelische
Theologe R. Bultmann formulierte, daß Jesu Auferstehung kein historisch verstehbares und erforschbares
Ereignis gewesen sei, sondern daß Jesus in den Glauben der Gemeinde auferstanden sei und in ihr als eine
lebendigmachende Kraft wirke.
5. Die Botschaft von der Auferstehung Jesu und aller Toten war und ist für das menschliche Denken, auch
für das Nachdenken des Glaubens, schwer anzunehmen. Der menschlichen Vernunft und den menschlichen
Erfahrungen scheint sie zu widersprechen. Die Berichte vom leeren Grab und den Erscheinungen Jesu
selbst können da nicht weiterhelfen, denn sie können keineswegs als für alle Menschen nachvollziehbare
Beweise für die Auferstehung Jesu angesehen werden. Augenzeugen der Auferstehung Jesu selbst gibt es
außerdem nicht, denn über den Vorgang der Auferweckung selbst schweigen die biblischen Berichte. Nicht
dem Denkenden, am Verstand orientierten Menschen eröffnet sich die Auferstehungsbotschaft, sondern nur
dem, der dieser Botschaft schon mit dem Glauben an die Macht Gottes begegnet.
6. Christen sehen in der Auferstehung Jesu den Anfang der Auferweckung aller Menschen aus dem Tod:
Jesus ist der "Erstling" aller, die auferstehen. Wer der Auferstehung Jesu vertraut, bekommt Hoffnung auf
seine eigene Rettung aus dem Tod und damit Anteil an der Auferweckung Jesu. Wie Gott Christus aus dem
Tode aufweckte, so wird er auch alle, die an ihn glauben, nicht im Tode belassen. Die Auferweckung Jesu
bedeutet den Beginn einer neuen Schöpfung, in der nicht mehr Leiden und Tod Macht über den Menschen
haben, sondern allein der lebenschaffende Gott. Dieses neue Leben "in Christus" beginnt schon jetzt und
verwandelt Hoffnungslosigkeit in Hoffnung. Das Heil des Menschen hängt ab von Jesu Auferweckung aus
dem Tod: "Wenn Christus nicht auferstanden ist, so ist unsere Verkündigung leer und unser Glaube
vergeblich" (1.Kor. 15,14).
RU-Wissen und Meinung ­ Jesus
Die Gleichnisse Jesu
1. Es gehört zu den wenigen gesicherten Erkenntnissen über die Person Jesu, daß er in seinen Reden und
Predigten eine bilderreiche, dem Alltagsleben nahe Sprache verwendete. Er gebrauchte längere
Gleichniserzählungen, oft auch nur kurze, treffende Vergleiche, um seine Zuhörer oder Gesprächspartner in
anschaulicher und einprägsamer Weise zu belehren, zu überzeugen oder zurechtzuweisen. Sprache und
Bilder der Gleichnisse Jesu stammen durchweg aus dem Alltag der Menschen. Dabei hat Jesus
überwiegend das Leben des Bauern, der Hausfrau, des Fischers usw. im Blick; weniger den Lebensbereich
der gesellschaftlichen Oberschicht, der Intellektuellen und Gebildeten. Seine Sprache und Redeweise wird
dadurch einfach und einprägsam.
2. Viele Gleichnisse sind in ihren Bildern stark an die vorindustrielle Lebenswirklichkeit der Zeit Jesu
gebunden, so daß sie zu möglichen Alltagserfahrungen im technisch-wissenschaftlichen Zeitalter nur
geringe Verbindungen aufweisen. Dennoch: Viele von ihnen wirken auf uns auch heute noch, weil sie den
Urbildern entsprechen, die wir alle in unserer Seele, im Unbewußten tragen. Dazu gehören z. B. die Bilder
vom Acker, vom Saatgut, vom Baum, von der kostbaren Perle, von der Münze usw.
3. Inhaltlich gesehen geht es bei den Gleichnissen fast ausschließlich um das zentrale Thema der Botschaft
Jesu: um die Verkündigung der kommenden Gottesherrschaft. Jesus erwartet und verkündet die Ablösung
der bisherigen Geschichte durch das weltumspannende Reich Gottes. Er rechnet mit dem großen
Umschwung in seiner Generation. Zwar steht seine volle und weltweite Verwirklichung noch aus, aber es ist
schon nahe da, es ist eigentlich schon angebrochen, wenn auch noch im Verborgenen. Das Reich Gottes
beginnt unscheinbar und klein. So vergleicht Jesus das Reich Gottes mit einem Senfkorn, also dem
sprichwörtlichen kleinsten Samen, aus dem freilich ein