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4 Unter dem Einfluß der Freudschen Psychoanalyse und der vom Naturalismus verbreiteten Lehre der Abhängigkeit des einzelnen vom ihn umgebenden Milieu wurde die Behandlung seelisch-sozialer Konflikte gewissermaßen zur Modeerscheinung. Unter den zahlreichen Prosaisten, die diese Linie verfolgten, ist Jakob Wassermann hervorzuheben, der sich ñ selber Jude ñ in seinen Romanen (u. a. Caspar Hauser, 1908, Das Gänsemännchen, 1915) mit der Außenseiter-Thematik auseinandersetzte. Zu Unrecht ist Eduard von Keyserling in unseren Tagen in Vergessenheit geraten. Distanziert, fast zynisch schilderte er in seinen Werken (Beate und Mareile, 1903, Dumala, 1908, Abendliche Häuser, 1914, Am Südhang, 1916) die ihm durch seine Herkunft bekannte, dekadente Welt des baltischen Landadels, wobei er sich keineswegs auf bloße Gesellschaftskritik beschränkte: die atmosphärische Dichte seiner impressionistischen Prosa, die Ambivalenz Einen seltsamen, in das Gesamtbild der Epoche aber durchaus passenden Kontrapunkt zur psychologisch orientierten Prosa seiner Zeit schuf Paul Ernst, der in manchen seiner Schriften mit seiner Idee von Führertum und Gefolgschaft in gefährliche Nähe zum nationalsozialistischen Gedankengut geriet, mit seinen über 250 neoklassizistischen, formstrengen Novellen nach dem Vorbild Boccaccios. Die genaueste Entsprechung zur charakteristischen Stilrichtung der Epoche, dem aus Architektur, Dekoration und Malerei bekannten Jugendstil, läßt sich auf dem Gebiet der Literatur im Drama finden. Es ist kein Zufall, daß der Name der führenden deutschen Zeitschrift des Art nouveau, Jugend, schon 1893 als Titel von Max Halbes naturalistischem Erstling (1893) auftauchte. Typische Erscheinungen dieser Zeit waren etwa Ludwig Fuldas >neuromantisches< Märchenspiel Der Talisman (1893) oder das Skandalstück Das Liebeskonzil (1895), für das Oscar Panizza wegen Gotteslästerung im Gefängnis landete. Als bedeutendster Repräsentant des Ästhetizismus der Jahrhundertwende kann Hugo von Hofmannsthal angesehen werden. Seine zahlreichen Bühnenwerke sind keine eigentlichen Dramen, sondern szenische Lyrik, schon die Titel geben eine Ahnung der schwebenden, morbiden Atmosphäre dieser Dichtungen, die in den Kleinen Dramen (1906) einen Höhepunkt und Abschluß fanden: Der weiße Fächer (1897), Die Frau im Fenster (1899), Der Tor und der Tod (1900), Der Tod des Tizian (1901). |
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