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Friedrich Hölderlin Noch immer bestimmt das tradierte Hölderlin-Bild die Vorstellung: das Bild eines zarten, beinahe anämischen Jünglings, feinnervig, feinfühlig, blaß. Hölderlin war in der Tat ein schöner Mann, von gewinnendem Äußeren, einnehmendem Betragen, nicht ohne Eindruck auf die Frauen, darf man annehmen. Vor allem aber war jener »unverkennbare Ausdruck des Höheren in seinem ganzen Wesen«, wie sich ein Mitschüler im Tübinger Stift an ihn erinnerte. Wie ein Apoll sei er durch das Stift geschritten, berichtete Schwab, sein erster Biograph. Doch so zart, wie es die landläufige Vorstellung haben will, war Hölderlin nicht; 1,75 bis 1,80 Meter groß, breite Schultern, gut zu Fuß. Die meisten seiner Reisen hatte er zu Fuß zurückgelegt. Vierzig, fünfzig Kilometer am Tag und mehr waren für ihn gewöhnliches Pensum. In der Ostervakanz 1791 unternahm er zum Beispiel mit seinen Freunden Hiller und Memminger eine Reise in die Schweiz, wo sie in Zürich Lavater aufsuchten: eine Strecke von insgesamt 400 Kilometern. Im April 1795 machte er sich, wie er schrieb, auf »eine kleine Fußreise« von Jena nach Halle, Dessau und Leipzig: in sieben Tagen legte er, Luftlinie, etwa 210 Kilometer zurück. Und im Januar 1802 wanderte er von Lyon aus über den verschneiten Nordhang der Auvergne nach Bordeaux: über 600 Kilometer in 19 Tagen. Seiner Mutter schrieb er dazu: Überdieß hab' ich so viel erfahren, daß ich kaum noch reden kann davon. Diese letzten Tage bin ich schon in einem schönen Frühlinge gewandert, aber kurz zuvor, auf den gefürchteten überschneiten Höhen der Auvergne, in Sturm und Wildniß, in eiskalter Nacht und die geladene Pistole neben mir im rauhen Bette da hab' ich auch ein Gebet gebetet, das bis jetzt das beste war in meinem Leben und das ich nie vergessen werde. Ich bin erhalten danken Sie mit mir! Ihr Lieben! ich grüßt' euch wie ein Neugeborner, da ich aus den Lebensgefahren heraus war. Nein, Hölderlin war kein kränklicher, schwächlicher Mann, ebensowenig war er der »reine«, keusche, impotente Poet, wie es dem Hölderlin-Klischee entspricht. Im Frühjahr 1795 mußte er die Hofmeisterstelle bei Charlotte von Kalb aufgeben, da er mit deren Gesellschafterin, Wilhelmine Kirms, ein Verhältnis hatte. Die Tochter, Louise Agnese, wurde geboren. Und die größte Liebe seines Lebens, die Liebe zu Susette Gontard eine platonische Liebe, wie so gerne angenommen wird? Der mit Hölderlin in engem Vertrauensverhältnis stehende Böhlendorff schrieb dazu: »Eine lehrte ihn ganz was Liebe sei.« Bertaux' Kommentar mag genügen: »Wer da noch an eine ,platonische' Liebe, wie man es versteht, an einen amour de tête glauben will ... dem sei es nicht verwehrt.« |
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