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Die Wahlverwandschaften

Es gibt wohl kaum ein Werk der Weltliteratur, das so unverhohlen wie Die Wahlverwandtschaften mit Menschen experimentiert. Der 'Versuch' wird gleich auf den ersten Seiten thematisiert: »[...] laß uns wenigstens eine Zeitlang versuchen, inwiefern wir auf diese Weise miteinander ausreichen«, lautet der Einwand Charlottes gegen das Ansinnen Eduards, seinen Freund aufzunehmen. Als Ottilie ins Spiel kommt, sagt Eduard: »[...] in Gottes Namen sei der Versuch gemacht!« Und schließlich gibt Charlotte nach, als sie einsieht: »Alle solche Unternehmungen sind Wagestücke. Was daraus werden kann, sieht kein Mensch voraus. [...] Laß uns den Versuch machen.«

Mit dem Themenkreis des Experiments ist aber sofort ein naturwissenschaftlicher Blickwinkel eröffnet, auf den schon der Titel hinweist. 1775 hatte der schwedische Chemiker Torbern Bergman eine Schrift mit dem Titel De attractionibus electivis (dt. 'Von den Wahlverwandtschaften') veröffentlicht. Mit diesem Begriff wurde die Eigenschaft bestimmter chemischer Elemente bezeichnet, bei der Annäherung anderer Stoffe ihre bestehenden Verbindungen zu lösen und sich mit den neu hinzugekommenen Elementen zu vereinigen. Dieser Vorgang wird im vierten Kapitel des Ersten Teils angesprochen:

In diesem Fahrenlassen und Ergreifen, in diesem Fliehen und Suchen glaubte man wirklich eine höhere Bestimmung zu sehen: man traut solchen Wesen eine Art von Wollen und Wählen zu und hält das Kunstwort Wahlverwandtschaften für vollkommen gerechtfertigt.

Auf diesem wissenschaftlichen Grundmuster des Kräftespiels von Anziehung und Abstoßung entfaltet sich das Romangeschehen. Dabei schneidet schon Charlotte die zentrale Frage an: »Diese Gleichnisreden sind artig und unterhaltend, und wer spielt nicht gern mit Ähnlichkeiten? Aber der Mensch ist doch um so manche Stufe über jene Elemente erhöht [...].« Genau diese These wird im Roman verhandelt: Wie weit ist der Mensch tatsächlich um so manche Stufe über jene Elemente erhöht; d.h. in welchem Maße ist er bestimmt von quasi naturgesetzlichen Vorgängen; kann er sich davon befreien, und um welchen Preis? Von diesen Fragen her gesehen, gewinnt der Begriff der Wahlverwandtschaften seine – bei Goethe gewiß schon – ironische Wendung: Er suggeriert, daß es bei den chemischen Elementen gleichsam eine Freiheit der Wahl gebe, unterstellt ihnen also menschliche Fähigkeiten, während es im Roman um genau das Gegenteil geht.

So baut sich eine grundlegende Opposition auf, die von 'natürlicher' gegenüber 'moralischer' Ordnung, wobei beachtenswert ist, daß eben nicht eine als chaotisch gedachte Natur einem menschlich-geordneten System gegenübersteht, sondern zwei sich widersprechende und miteinander um die Vorherrschaft ringende Ordnungen. So wird das tragische Ende verschuldet durch Charlottes Unfähigkeit zum »Paradigmenwechsel«: Indem sie zu lange an der einen Ordnung festhält, nachdem schon längst die andere, die der Natur, auf den Plan getreten ist und ihr Recht gefordert hat, leistet sie der Katastrophe Vorschub. Wenn sie zuletzt einsieht:

Fortsetzung (2)
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